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Full text of "Deutschlands Geschichts quellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts"

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DEUTSCHLANDS 


380 

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GESCHICHTSQUELLEN 


IM  MITTELALTER 


BIS  ZUR  MITTE  DES  DREIZEHNTEN  JAHRHUNDERTS. 


VON 


W.  WATTENBACH. 


Eine 

von  der  Königl.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen 

gekrönte  Preisschrift. 


BERLIN. 

Verlag  von  Wilhelm  Hertz. 

(Bessersclie  Buchhandlung.) 

1858. 


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MEINEN  FREUNDEN 


F.  E.  ROESSLER  IN  ERLANGEN 
ERNST  DUEMMLER  IN  HALLE 


ZUR  ERINNERUNG 


WEIHNACHTEN  MDCCCLVI 

UND 

OSTERN  MDCCCLVIII. 


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VORWORT. 


Ein  Handbuch  der  Quellenkunde  für  die  Geschichte  Deutsch- 
lands im  Mittelalter  wird  seit  langer  Zeit  vermifst  und  begehrt; 
je  mehr  einerseits  das  Geschichtstudium  an  Lebhaftigkeit  ge- 
winnt und  andererseits  die  alten  Ausgaben  durch  neuere  Arbeiten 
und  Entdeckungen  völlig  unbrauchbar  gemacht  werden,  desto 
mehr  begehrt  man  nach  einem  Leitfaden.  Vorträge,  welche 
ich  in  Berlin  über  diesen  Gegenstand  hielt,  wurden  fleifsig  ge- 
hört und  regten  zuerst  den  Gedanken  an,  die  gesammelten 
Materialien  für  den  Druck  zu  verarbeiten.  Die  Rücksicht  auf 
das  praktische  Bedürfnifs  der  Zuhörer  war  bei  den  Vorträgen 
mafsgebend  gewesen,  und  sie  ist  es  auch  bei  der  Ausarbeitung 
dieses  Buches  geblieben.  Es  kam  darauf  an,  eine  Uebersicht 
zu  geben  und  die  Wege  zu  weiterer  eigener  Forschung  zu 
weisen.  Bibliographische  Vollständigkeit  lag  nie  in  meinem 
Plan;  ich  beschränkte  mich  auf  die  wirklich  brauchbaren  Aus- 
gaben, denn  die  älteren  Ausgaben  dieser  Autoren  sind  in  der 
Regel  so  mangelhaft,  dafs  ihr  Gebrauch  unvermeidlich  zu  Feh- 
lern und  Irrthümem  führt.  Aber  auch  auf  den  Nachweis  der 
Handschriften  und  andere  Einzelheiten  bin  ich  nur  selten  ein- 
gegangen, theils  um  dem  Buche  einen  mäfsigen  Umfang  zu 
bewahren,  theils  aus  einer  anderen  Rücksicht  Es  ist  nämlich 


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VI 


Vorwort. 


für  die  Redaction  der  Monumenta  Germaniae  von  Anfang  an 
ein  sogenanntes  Directorium  angelegt,  welches  ein  Verzeichnifs 
aller  bekannt  gewordenen  Quellenschriften  im  weitesten  Umfange 
enthält,  verbunden  mit  vollständigem  litterarischen  Nachweis 
Uber  die  Ausgaben  und  Handschriften  nicht  allein,  sondern 
auch  Uber  die  Quellen,  die  ein  jeder  Autor  benutzt  hat,  und 
die  späteren  Schriften,  in  denen  wieder  auf  ihn  Rücksicht  ge- 
nommen ist.  Auf  eine  Publication  dieser  unschätzbaren  Samm- 
lung ist  Hoffnung  gemacht,  und  es  wäre  wahrlich  eine  Ver- 
schwendung von  Zeit  und  Mühe,  unabhängig  von  derselben  ein 
ähnliches  Werk  zu  unternehmen.  Der  von  mir  verfolgte  Plan 
ist  ein  völlig  verschiedener;  er  ist  weniger  nach  dem  Bedürfhifs 
der  speciellen  Fachgenossen  bemessen,  wird  aber,  wie  ich  hoffe, 
anderen  Wünschen  entgegenkommen.  So  viel  zur  Verhütung 
von  Mifsverständnissen  und  unbilligen  Anforderungen. 

Die  Königl.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen 
stellte  im  Jahre  1853  die  Preisaufgabe,  eine  kritische  Geschichte 
der  Historiographie  bei  den  Deutschen  bis  zur  Mitte  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  zu  schreiben.  Ich  verdanke  dieser  Auf- 
gabe theils  den  Antrieb  zum  Absehlufs  der  Arbeit,  theils  die 
Begrenzung  derselben.  Mit  dem  Zerfalle  des  Reichs  im  drei- 
zehnten Jahrhundert  zersplittern  sich  auch  die  Geschichtsquellen 
in  solcher  Weise,  dafs  eine  zusammenfassende  Behandlung  sehr 
schwierig  wird;  auch  ist  hier  noch  wenig  .vorgearbeitet,  und 
die  Schriftsteller  verlieren  viel  von  ihrer  Bedeutung  neben  den 
nun  schon  reichlicher  vorhandenen  Urkunden  und  Briefen.  Diese 
Bestimmung  der  Aufgabe  aceeptirte  ich  daher  bereitwillig,  wäh- 
rend ich  dagegen  eine  Geschichte  der  Historiographie  nicht  für 
dasjenige  halten  konnte,  dessen  man  jetzt  bedürfe.  Eine  solche 
setzt  sich  ganz  andere  Gesichtspunkte;  sie  wird  am  besten  thun, 


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Vorwort. 


vir 


sich  nur  an  die  bedeutenden  Erscheinungen  zu  halten  und  der 
materielle  Werth  der  Quellen  ist  fllr  sie  von  geringer  Bedeutung. 
Sie  wird  sich  bei  Frekulf  von  Lisieux  aufhalten  und  nur  stoff- 
lich wichtige  Compilationen  ganz  übergehen.  Die  Vollständig- 
keit, welche  ich  besonders  erstrebte,  welche  die  Möglichkeit 
gewähren  soll,  jede  Quellenschrift  des  bezeichneten  Zeitraums 
ohne  Mühe  und  Zeitverlust  aufzufinden,  würde  bei  einer  Ge- 
schichte der  Historiographie  nur  die  Uebersicht  erschweren. 
Verschiedene  Werke,  die  gar  nicht  unter  den  Begriff  der  Ge- 
schichtschreibung fallen,  aber  dennoch  als  Quellen  geschicht- 
licher Kenntnifs  von  Wichtigkeit  sind,  hätten  sich  gar  nicht 
anbringen  lassen,  und  die  völlig  unentbehrlichen  Quellen  der 
Nachbarländer  würden  eben  so  wenig  Raum  gefunden  haben. 
Die  Gesellschaft  verkannte  nicht,  dafs  meine  Arbeit,  in  deren 
Plane  ich  mich  nicht  hatte  irre  machen  lassen,  ihrer  Idee  nicht 
entsprach,  entschlofs  sich  aber  doch,  ihr  den  Preis  zu  ver- 
leihen. Und  so  hoffe  ich  denn  auch,  dafs  sie  bei  dem  Leser 
Gnade  finden  werde. 

Am  wenigsten  vielleicht  der  erste  Theil.  Bei  diesem  aber 
bitte  ich  nicht  zu  übersehen,  dafs  es  die  Geschichtsquellen 
Deutschlands  sind,  welche  ich  bearbeiten  wollte,  und  dafs  es 
deshalb  ungeeignet  und  unförmlich  gewesen  wäre,  das  mero- 
wingische  Reich  und  die  übrigen  halbdeutschen  Mischreiche  mit 
derselben  Ausführlichkeit  zu  behandeln,  wie  das  deutsche  Reich 
selbst.  Ganz  übergehen  liefsen  sie  sich  aber  wegen  des  ge- 
schichtlichen Zusammenhanges  eben  so  wenig,  und  ich  habe 
deshalb  diesen  ersten  Abschnitt  als  die  Vorzeit  bezeichnet  und 
mich  hier  auf  die  bedeutenderen  Erscheinungen  beschränkt. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge,  dafs  ein  Buch,  wie  das 
hier  vorliegende,  nach  einiger  Zeit  einer  neuen  Bearbeitung 


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VIII 


Vorwort. 


bedarf,  wenn  es  nicht  etwa  durch  ein  anderes  verdrängt  wird. 
Ein  solcher  Zeitpunkt  wird  eintreten,  wenn  die  eben  begonnene 
neue  Abtheilung  der  Monumenta  Germaniae  vollendet  sein  wird ; 
schon  die  wenigen  Bogen,  welche  ich  durch  die  Gute  des 
Herausgebers  benutzen  konnte,  lehren  das  augenscheinlich. 
Vielleicht  wird  es  mir  dann  vergönnt  sein,  eine  neue  Bearbei- 
tung zu  unternehmen;  bedacht  werde  ich  immer  darauf  sein 
und  es  mit  grofsem  Danke  anerkennen,  wenn  Berichtigungen, 
Verbesserungen,  Zusätze,  und  besonders  kleinere  Schriften  über 
diese  Gegenstände,  welche  so  leicht  der  Aufmerksamkeit  ent- 
gehen und  oft  schwer  zu  beschaffen  sind,  mir  mitgetheilt  wer- 
den sollten,  sowie  ich  denjenigen  Freunden,  welche  mich  schon 
jetzt  durch  Mittheilungen  unterstützt  haben,  besonders  Jaffö, 
Giesebrecht,  Dümmler,  zu  lebhafter  Dankbarkeit  verpflichtet  bin. 

Breslau,  den  16.  August  1858. 


W.  Wattenbach, 

Archivar. 


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Verzeichnis 


einiger  Werke,  welche  häufig  abgekürzt  angeführt  sind. 


d’Achdry,  Spicilegium  vcterum  aliquot  Scriptorum.  Paris  1655 — 1677. 

13  T.  4.  Gewöhnlich  nach  der  2.  Ausg.  in  3 fol.  1724  citirt. 

Acta  SS.  Acta  Sanctorum.  Antw.  1643  ff.  fol.  Vgl.  S.  5. 

Archiv.  Archiv  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde. 
8.  Bd.  1 — 3.  von  Büchler  und  Dümge.  Frankf.  1820.  1821.  Bd.  4. 
von  Fichard.  ib.  1822.  Bd.  5 — 11.  von  Pertz.  Hann.  1824—1858.  Aus 
dem  3.  Heft  des  11.  Bandes  habe  ich  nur  die  Abhandlungen  von 
Merkel  und  Jaffö  benutzen  können. 

Archiv  d.  W.  A.  Archiv  f.  Kunde  österr.  Geschichtsquellen,  herausgeg. 
von  der  zur  Pflege  vaterl.  Gesch.  aufgestellten  Commission  d.  kais. 
Akad.  d.  Wissenschaften.  Bd.  1 — 17.  Wien  1848  — 1857.  Dazu  als 
Beilage  das  Notizenblatt. 

Bähr,  Die  christl.  Dichter  und  Geschichtschreiber  Roms.  Carlsr.  1856. 

Gesch.  der  röm.  Literatur  im  karol.  Zeitalter.  1840. 

Boehmer,  Fontes  Rerum  Germaniearum  1—3.  Stuttg.  1843—1854. 
Bouquet,  Recueil  des  historiens  des  Gaules  et  de  la  France,  von  An- 
deren fortgesetzt.  21 T.  Paris  1738 — 1855  f. 

Canis.  Henr.  Canisii  Lectiones  Antiquae.  6 Tom.  Ingoist.  1601.  4.  Neue 
Ausg.  von  Jac.  Basnage,  Antw.  1725  f.  * 

Chapeaville,  Qui  Gesta  Pontificum  Tungr.  Traject.  et  Leodiensium 
scripserunt  auctores  praecipui.  3T.  Lqod.  1612—1616.  4. 

Del  Re,  Giuseppe,  Cronisti  e Scrittori  sincroni  Napoletani.  I.  Normanni. 
Nap.  1845.  Lex.  oct. 

Dobner,  Monumenta  historica  Boemiao.  6T.  Prag  1764— 1786.  4. 


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X Vfrzeithnifs  einiger  Werke, 

Du  Chesne,  Historiae  Francorum  Scriptores  coactanei.  5 T.  Par.  1636 
bis  1649  f. 

Du  M6  ril,  Edölestand,  Poesiea  populairca  latines  anterieures  au  douzieme 
siede.  Paris  1843.  Poösics  pop.  lat.  du  Moyen  äge.  1847. 

Eccard,  Corpus  Historicorum  Medii  Aevi.  Lips.  1723  f.  2T. 

Endlicher,  Rerum  Hungaricarum  Monuinenta  Arpadiana.  Sangalli 
1849.  8. 

Fabr.  Bibi.  Io.  Alb.  Fabricii  Bibliotheca  Lat.  Mediae  et  Infimae  Lati- 
nitatis,  1 — 5.  Hamb.  1734 — 1736.  8.  Vol.  6.  cur.  Christ.  Schocttgenio 
1746.  Ed.  II.  cur.  Io.  Dom.  Mansi,  Patavii  1754.  4. 

Fontes,  s.  Böhmer. 

Fr  eh  er,  M.,  Corpus  Francicae  Historiae.  1613  f.  Rerum  Gcrmanicarum 
Scriptores  aliquot  insignes.  Francf.  1600 — 1611;  ed.  HI.  cur.  Struvio 
1717.  3T.  fol. 

G.  G.  A.  Göttinger  Gelehrte  Anzeigen,  verbunden  mit  den  Nachrichten 
von  der  G.  A.  Universität  und  der  k.  Ges.  der  Wissenschaften  zu 
Göttingen. 

Helfen  st  ein,  Gregors  VH  Bestrebungen  nach  den  Streitschriften  seiner 
Zeit.  Frankf.  1856.  8. 

Histoire  Littöraire  de  la  France,  ouvrage  commencö  par  des  Reli- 
gieux  Bönödictins  de  la  Congrögation  de  S.  Maur  et  continuö  par 
des  Membres  de  l’Institut.  1733—1763.  1807—1857.  23  Vol.  bis  ans 
Ende  des  13.  Jahrhunderts.  Dieses  sehr  verdienstliche  Werk  ist  für 
den  hier  vorzüglich  behandelten  Zeitraum  durch  die  neueren  Unter- 
suchungen theils  antiquirt,  theils  finden  sich  die  Nachweisungen  in 
den  angeführten  Schriften. 

Langebek,  Scriptores  Rerum  Danicarum  Medii  Aevi,  fortgesetzt  von 
Suhm.  7 Vol.  fol.  Hafh.  1772—1792.  Vol.  8 v.  Engelstoft  u.  Werlauff. 
1834. 

Lappenberg,  Geschichtequellen  des  Erzstiftes  und  der  Stadt  Bremen. 
Bremen  1841.  8. 

Leibniz,  Accessiones  historicae.  2T.  Lips.  1698.  4.  Scriptores  Rerum 
Brunsvicensium,  3T.  Hanov.  1707 — 1711  f. 

Mabillon,  Acta  Sanctorum  Ordinis  S.  Benedicti,  aus  den  Sammlungen 
von  d ’Achöry,  später  unterstützt  von  Germain  u.  Ruinart.  9 T.  Par. 
1668—1701  f.  Hier  konnte  ich  nur  den  Venet.  Nachdruck  benutzen, 
wodurch  in  die  Citate  einige  Ungleichheit  gekommen  ist  Unter  Mab. 
ohne  Zusatz  ist  immer  dieses  Werk  zu  verstehen. 


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welche  häufig  abgekürzt  angeführt  sind.  XI 

Mabillon,  Veterum  Analectorum  T.  1—  4.  1675 — 1685.  8.  Ed. II.  1723 fol. 
in  1 Bande. 

Martene  et  Durand,  Thesaurus  novus  Anecdotorum.  5T.  Par.  1717.  fol. 

Veterum  Scriptorum  Amplissima  Collectio.  9T.  Par.  1724— 1733  f. 

Mcncken,  Scriptores  Rerum  Germanicarum  praecipue  Saxonicarum.  3T. 
Lips.  1728.  1730  f. 

Migne,  Patrologiae  Cursus  completus.  Par.  1844  ff.  gr.  8.  Von  dieser 
noch  unvollendeten  Sammlung  standen  mir  nur  einzelne  Bände  zu 
Gebote;  da  meistens  nur  alte  Ausgaben  ineorrcct  abgedruckt  sind, 
würde  es  ganz  überflüssig  sein  sie  anzufiihren,  wenn  nicht  manchmal 
die  Seltenheit  der  alten  Drucke  diesen  Ersatz  angenehm  machte. 

Mone,  Quellensammlung  für  die  badische  Landesgeschichte.  Carlsruh 
1845.  4. 

Monumenta  Boica,  44  Bände.  Mon.  1763  ff.  4.  Vgl.  Böhmers  Einlei- 
tung zu  den  Wittelsbachischen  Regesten.  Stuttg.  1854.  4. 

Monumenta  Germaniae  historica  inde  ab  a.  C.  500  usque  ad  a.  1500. 
ed.  Pertz.  Scriptorum  Tomi  12,  Legum  2,  et  1 fasciculus.  Hanov. 
1826 — 1856  f.  SS.  13 — 15  sind  für  die  vorkarolingischen  Quellen  und 
die  Papstleben  bestimmt.  Gedruckt  wird  jetzt  der  16.  Band,  von 
welchem  ich  durch  gütige  Mittheilung  des  Herausgebers  die  ersten 
38  Bogen  benutzen  konnte.  Citirt  als  Mon.  SS.  u.  Leg. 

Muratori,  Scriptores  Rerum  Italicarum.  28  T.  Med.  1723— 1751  f. 

Oe  feie,  Rerum  Boicarum  Scriptores.  2 T.  Aug.  1763  f. 

Pertz,  s.  Archiv  und  Monumenta. 

Pez,  B.,  Thesaurus  Anecdotorum  Novissimus.  6 T.  Aug.  1721 — 1729  f. 

Pez,  H.,  Scriptores  Rerum  Austriacarum.  3 T.  Lips.  1721— 1745  f. 

Pistorii  Rerum  Germanicarum  Scriptores  aliquot  insignes,  ed.  HI.  cur. 
Struvio.  3 T.  Rat.  1726  f. 

(Pusch  und  Froelich)  Diplomataria  Sacra  Styriae.  2T.  Vienn.  1756.  4. 

Rettberg,  Kirchengeschichte  Deutschlands.  2B.  1848.  8. 

Reuber,  Veterum  Scriptorum  . . . tomus  unus.  1584.  Ed.  HI.  cur.  G. 
Ch.  Ioannis.  Frcf.  1726  f. 

Roncallius,  Vetustiora  Latinorum  Scriptorum  Chronica.  2 T.  Par. 
1787.  4. 

Schannat,  Vindemiae  Litterariae.  2 T.  Fuld.  1723  f. 

Schmidt,  Zeitschrift  für  Geschichte.  9 Bände.  Berl.  1844 — 1848.  8. 

Schöttgen  et  Kreysig,  Diplomataria  et  Scriptores  historiae  germ.  medii 
aevi.  3 T.  1753  f. 


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Xu  Verzeichnis  einiger  Werke,  welche  häufig  abgekürzt  angeführt  sind. 

Stalin,  Wirtemberg.  Geschichte.  3 Bände.  Stuttg.  1841 — 1856.  8. 
SuTius,  De  Probatorum  Sanctorum  Historiis.  1—6.  Col.  1570  — 1575. 
Ed.  II.  1576 — 1581.  T.  VII.  von  Mosander  mit  Register  zu  beiden 
Ausgaben,  Nachträgen  und  Martyrol.  Adonis.  Ed.  HI.  Col.  1618  f.  in 
12  Bänden. 

Tengnagel,  Vetera  Monumenta  contra  Schismaticos.  Ingoist.  1611.  4. 
Wiederholt  in  Opp.  Gretseri  Vol.  VI,  429  — 601.  1735  f. 


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INHALT. 


Litterariache  Einleitung.  . 

§ 1.  Die  Ausgaben  des  16.  Jahrhunderts 1 

§ 2.  Die  katholische  Kirche.  Die  Heiligenleben 5 

§ 3.  Sammlungen  für  Landesgeschichte 7 

§ i.  Die  Monumenta  Germaniac  Historica 12 

§ 5.  Andere  Arbeiten  dea  19.  Jahrhunderts 20 


I.  DIE  VORZEIT. 

Von  den  ersten  Anfängen  bis  zur  Herrschaft  der  Karolinger. 

§ 1.  Die  Romerzeit,  Legenden 23 

§ 2.  Das  Leben  des  heiligen  Severin 30 

§ 3.  Die  Anfänge  und  Gattungen  der  christlichen  Geschichtschreibung  35 

§ 4.  Die  Ostgothen.  Kassiodor 43 

§ 5.  Jordania 47 

.§  6.  Die  Weatgothen.  Isidor 52 

§ 7.  Die  Franken 55 

§ 8.  Gregor  von  Toure 60 

§ 9,  Fredegar 66 

§ 10.  Die  Thaten  der  Frankenkänige 70 

§ 11.  Fränkische  Heiligenleben 72 


II.  DIE  KAROLINGER. 

Vom  Anfang  dos  achten  bi»  znm  Anfang  de»  lehnten  Jahrhunderts. 

§ 1.  Nene  Anfänge  der  Geschichtschreibung.  Fredegars  Fortaetzer  79 

§ 2.  Die  Angelsachsen 80 

§ 3.  Die  Annalen 84 

§ 4.  Karl  der  Grofse.  Allgemeines 88 

S 5.  Alkuin 93 


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XIV 


Inhalt. 


Stil» 

8 6.  Paulus  Diakonus 95 

§ 7.  Angilbert 99 

§ 8.  Einhard 103 

§ 9.  Ludwigs  des  Frommen  Zeit 112 

§ 10,  Der  Streit  der  Söhne.  Nithard 115 

§ 11.  Allgemeine  Chroniken 118 

§ 12.  Deutschland  unter  den  Karolingern.  Reichsannalen 120 

8 13.  Fulda  und  Hersfeld 124 

§ 14.  Sachsen.  Münster,  Bremen,  Hamburg 132 

§ 15.  Korvei.  Gandersheim 136 

§ 16.  Lothringen 139 

§ 17.  Schwaben 142 

§ 18.  Baiem 151 

§ 19.  Frankreich 153 

§ 20.  Italien 156 


III.  DIE  ZEIT  DER  OTTONEN. 

Von  Heinrich  I bis  znm  Tode  Heinrichs  II. 

§ 1.  Allgemeines 161 

§ 2.  Sachsen.  Korvei 167 

§ 3.  Gandersheim.  Quedlinburg 171 

§ 4.  Hildesheim • 175 

§ 5.  Magdeburg.  Merseburg  179 

§ 6.  Lothringen.  Köln,  Trier,  Metz 183 

§ 7.  Lüttich 190 

§ 8.  Schwaben 193 

§ 9.  Baiern 198 

§ 10.  Frankreich.  Reims 200 

§ 11.  Cluny 208 

§ 12.  Italien.  Liudprand 209 

§ 13.  Italien.  Chroniken 212 

§ 14.  Italien.  Biographien 215 

IV.  DIE  ZEIT  DER  SALIER. 

Von  der  Wahl  Konrads  II  bis  auf  Heinrichs  V Tod. 

§ 1.  Allgemeines 217 

§ 2.  Kontad  II.  Wipo 223 

§ 3.  Nieder- Altaich  und  Hildesheim.  Godehard.  Benno  von  Osnabrück  227 

§ 4.  Paderborn.  Meinwerk 234 

§ 5.  Hermann  von  Reichenau 237 

§ 6.  Die  Klöster  des  Schwarzwalds 240 


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Inhalt. 


XV 

Seit« 

§ 7.  Bernold  und  Berthold 242 

§ 8.  Konstanz.  Augsburg 244 

§ 9.  Regensbnrg 246 

§ 10.  Salzburg  und  Passau 249 

§ 11.  Sachsen. Adam  von  Bremen  252 

§ 12.  Das  östliche  Sachsen.  Bruns  Sachsenkrieg 256 

§ 13.  Die  Lobredner  Heinrichs  IV  und  Heinrichs  V 258 

§ 14.  Lambert  von  Herafeld 263 

§ 15-  Mainz,  Marianua  Scottus 269 

§ 16.  Lothringen.  Trier 273 

§17.  Metz 276 

§18.  Toul 277 

§ 19.  Verdun.  Der  Abt  Richard  und  seine  Schüler.  Hugo  von  Flavigny  279 

§20.  Köln 283 

§ 21.  Lttttich 285 

§ 22.  Gembloua 291 

§ 23.  Cambray  und  Tournay.  Mastricht 299 

§ 24.  Albert  von  Achen 303 

§ 25.  Franken 304 

§26.  Ekkehard 307 

§ 27.  Böhmen.  Polen.  Ungern 313 

§ 28.  Frankreich 321 

§ 29.  Italien.  Farfa 394 

§ 30.  Die  Papstgeschichte  326 

§ 31.  Unteritalien 330 

§ 32.  Die  Lombardei 334 

V.  WELFEN  UND  WEIBLINGER. 

Vou  Heinrichs  V Tod  bis  zar  Milte  des  dreizehnten  Jahrhunderts. 

§ 1.  Allgemeines 337 

§ 2.  Lothar  und  Konrad 341 

§ 3.  Die  Prämonstratcnaer.  Albero  von  Trier.  Wibald 346 

§ 4.  Otto  von  Freising  und  seine  Fortsetzer 350 

§ 5.  Gotfrid  von  Viterbo 356 

§ 6.  Salzburger  Quellen 358 

§ 7.  Gerhoh  von  Reichersberg.  Oesterreichischc  Annalen  ......  363 

§ 8.  Böhmische  Quellen 366 

§ 9.  Italien 370 

§ 10.  Welfische  und  niederdeutsche  Litteratur 374 

§ 11.  Localgeschichte.  Sachsen 379 

§ 12.  Thüringen 386 


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XVT  Inhalt. 

Seite 

-8  13.  Baiern  und  Oesterreich 389 

§ 14.  Frankfin 393 

§ 15.  Schwaben  und  Elsafs 395 

§ 16.  Das  Rheinland 499 

§ 17.  Lothringen 404 

§ 18.  Die  Reichsgeschichte 408 

8 19,  Kaiserchroniken 420 

8 20.  Die  Dominikaner  . . . 422 

§ 21.  Martin  von  Troppan 426 

§ 22.  Die  Lieder  der  Vaganten  und  andere  Dichtungen 429 

8 23.  Die  Novelle 436 


BEILAGEN. 

I.  Vollständig  oder  im  Auszug  gedruckte  Nckrologicn 441 

II.  Verzeichnifs  alter  und  neuer  Fälschungen 446 


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Litterarische  Einleitung. 


§1.  Die  Ausgaben  des  16.  Jahrhunderts. 

Ungeachtet  des  grofsen  Unterschiedes  zwischen  den  Denkmälern 
des  classischen  Alterthums  und  des  Mittelalters  findet  sich  doch  auch 


in  ihnen  viel  Uebereinstimmendes,  haben  sie  oft  ähnliche  Schicksale 
getheilt.  Bis  gegen  den  Anfang  des  dreizehnten  Jahrhunderts  las 
man  in  den  Schulen  noch  häufig  und  fleifsig  die  alten  Autoren,  und 
hielt  sich  für  die  Geschichte  der  näheren  Vergangenheit  an  echte 
und  unverfälschte  Quellen.  In  den  nächsten  Jahrhunderten  tritt  beides 
zurück.  Fanatismus  und  Aberglaube,  Roheit  und  Unwissenheit  neh- 
men überhand  und  abgeschmackte  Fabeln  überwuchern  die  Geschichte. 
Fast  gänzlich  scheint  der  Sinn  für  Kritik  verloren,  bis  wir  im  15.  Jahr- 
hundert wieder  einzelne  Spuren  davon  wahrnehmen,  worauf  dann 
bald  die  Bestrebungen  der  Humanisten  für  die  Wiederbelebung  der 
classischen  Studien  auch  der  Kunde  des  früheren  Mittelalters  zu 


Gute  kommen. 

In  Italien  freilich  ist  es  das  römische  Alterthum  fast  ausscliliefs- 


lich,  welches  die  Geister  beschäftigt;  als  dazu  auch  die  Griechen- 
welt noch  hinzutritt,  wendet  man  sich  dieser  fernen  Vergangenheit 
völlig  zu  und  die  platonische  Akademie  hat  mit  der  Gegenwart  und 
den  aus  dem  Christenthum  erwachsenen  Zuständen  kaum  eine  Be- 


rührung. 

Anders  in  Deutschland.  Hier  richtet  sich  die  Kritik  sogleich 
auf  die  Urkunden  der  christlichen  Religion  und  die  drückend  empfun- 
dene päpstliche  Herrschaft  veranlafst  zur  Prüfung  der  Ueberlieferung. 
Da  werden  die  alten  lauteren  Quellen  der  Geschichte  wieder  ans 
Licht  gezogen,  und  gefeierte  Humanisten  wenden  auch  diesem  Felde 
ihre  Thätigkeit  zu.  Das  lebhaft  erwachende  Volksbewufstsein  konnte 
ebenfalls  in  der  römischen  Vorzeit  nicht  Befriedigung  finden,  wie 

1 


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2 


Einleitung.  § 1. 


es  in  Italien  der  Fall  war,  und  wie  mit  den  reformatorischen  Be- 
strebungen diesseit  der  Alpen  überall  ein  kräftiger  Aufschwung  der 
Landessprache  zusammenfallt,  so  auch  ein  eifriges  Erforschen  der 
heimischen  Geschichte. 

Mehrere  unserer  besten  Geschichtsquellen  sind  uns  nur  in  Ab- 
schriften des  15.  Jahrhunderts  erhalten,  gerade  wie  so  manche  Clas- 
siker,  und  den  Handschriften  reihen  sich  bald  die  ersten  Drucke  an. 
Schon  in  diesem  Jahrhundert,  vor  dem  Jahre  1474,  erschien,  ver- 
muthlich  zu  Augsburg1 *),  die  Historia  Friderici  I,  welche  nichts  an- 
deres ist  als  ein  Theil  der  Ursperger  Chronik.  Denn  nicht  als 
Quellen  für  gelehrte  Forschung  betrachtete  man  damals  diese  Schrif- 
ten; noch  waren  sie  unmittelbar  als  darstellende  Geschichtswerke 
willkommen,  da  man  in  der  Sprache  sowohl  wie  in  der  ganzen 
Denkweise  jenen  Zeiten  noch  nicht  so  fern  stand,  dafs  es  eines 
eigenen  Studiums  bedurft  hätte,  um  sich  an  den  Schriften  des  Mittel- 
alters zu  erfreuen,  sie  auch  nur  zu  verstehen. 

Vor  allen  war  es  Kaiser  Max,  welcher  die  Erforschung  der 
deutschen  Geschichte  auf  alle  Weise  beförderte,  und  sogar  selbst 
daran  Theil  nahm.  Ueberall  liefs  er  nach  alten  Urkunden  und  Chro- 
niken suchen  und  belohnte  jeden  Fund;  Bein  Historiograph  Stabius 
sollte  daraus  ein  grofses  Geschichtswerk  zusammensetzen.  Die  be- 
deutendsten Gelehrten  der  Zeit  suchte  er  an  seinem  Hofe  zu  ver- 
einigen und  die  Wiener  Universität  erreichte  unter  ihm  ihre  höchste 
Blüthe;  sie  soll  damals  an  7000  Studenten  gezählt  haben  a),  und 
viele  der  angesehensten  Humanisten  fanden  dort  begeisterte  Schüler. 
Einer  der  berühmtesten  unter  ihnen  war  der  gekrönte  Dichter 
Konrad  Geltes3),  welcher  im  Jahre  1497  vom  Kaiser  als  Professor 
der  Beredsamkeit,  Dichtkunst,  Philosophie,  Geschichte  und  Geographie 
nach  Wien  gerufen  wurde.  Im  folgenden  Jahre  unternahm  er  eine 
grofse  Heise,  welche  ihn  bis  nach  Island  geführt  haben  soll,  überall 
sammelnd  für  sein  grofses  Werk,  die  Germania  illustrata,  an  dessen 
Vollendung  ihn  der  Tod  1508  verhinderte.  Doch  gab  er  noch  vorher, 
1501,  aus  seinen  mitgebrachten  Schätzen  die  Werke  der  Roswitha 
heraus;  und  den  Ligurinus,  das  angebliche  Heldengedicht  Gün- 
thers, welches  bis  auf  unsere  Tage  als  eine  Hauptquelle  für  die  Ge- 
schichte des  Kaisers  Friedrich  Barbarossa  benutzt  wird,  übergab  er 
Konrad  Peutinger,  der  es  1507  in  Augsburg  edirte.  Es  ist  jedoch  ohne 

l)  Archiv  XI,  81. 

s)  Vgl.  Kink,  Gesrh.  der  kais.  Univ.  zu  Wien  I,  226. 

3)  Erhard  in  der  Encyelop.  von  Ersch  und  Gruber  21,135.  Kink  a.  a.  0. 
S.  201  f. 


Celtes.  Peutinger.  Die  ältesten  Ausgaben. 


3 


Zweifel  unecht  und  vermuthlich  von  Celtes,  der  es  im  Kloster  Ebe- 
rach  gefunden  haben  wollte,  selbst  verfafst;  ein  merkwürdiges  Zeichen, 
wie  gut  es  ihm  gelungen  war,  eine  lebendige  Anschauung  der  mittel- 
alterlichen Zustände  sich  zu  erwerben.  Der  Zweck  des  Gedichtes 
ist  die  Verherrlichung  des  alten  deutschen  Reiches,  und  es  schliefst 
sich  den  echten  Quellen  so  genau  an,  dafs  aus  der  Benutzung  nur 
geringer  Schaden  erwachsen  ist;  man  darf  es  nicht  vergleichen  mit 
dem  falschen  Turpin  und  anderen  Machwerken  dieser  Art,  die  mit 
ihren  Fabeln  die  Geschichte  der  Vorzeit  entstellt  haben. 

Auf  jener  Reise  entdeckte  Celtes  auch  die  berühmte  Tabula 
Peutingeriana , eine  Reisekarte  aus  der  Zeit  des  Mark  Aurel,  mit 
späteren  Zusätzen  erhalten  in  einer  Abschrift  des  13.  Jahrhunderts, 
welche  wir  einem  Mönche  zu  Colmar  verdanken  1).  Ihren  Namen 
führt  sie  davon,  weil  Celtes  sie  in  seinem  Testamente  dem  gelehrten 
Augsburger  Patricier  Konrad  Peutinger3)  vermachte.  Dieser,  der 
ebenfalls  von  Maximilian  zu  seinem  Rath  erhoben  war,  besafs  die 
werthvollsten  deutschen  Geschichtsquellen  und  beabsichtigte  eine 
umfassende  Sammlung  derselben  herauszugeben;  leider  kam  dies 
Vorhaben  nicht  in  seinem  ganzen  Umfange  zur  Ausführung,  doch 
verdanken  wir  ihm  mehrere  vortreffliche  Ausgaben,  die  aber  Peu- 
tingers Namen  nicht  auf  dem  Titel  tragen.  Schon  1496  entdeckte  er 
die  Ursperger  Chronik  und  veranstaltete  im  Jahre  1515  den  ersten 
Abdruck  derselben3);  gleichzeitig  erschienen,  von  ihm  bearbeitet, 
Jordanis  de  Rebus  Geticis  und  Pauli  Diaconi  historia 
Langobardorum 4),  eine  sehr  gute  Ausgabe,  während  die  1514 
zu  Paris  erschienene  Princeps  des  Paulus  sehr  mangelhaft  ist. 

Ebenfalls  im  Jahre  1515  besorgte  Maximilians  gelehrter  Arzt 
und  Archivar  Spiefshammer,  der  sich  Cuspinian  nannte,  zusammen 
mit  dem  kaiserlichen  Historiographen  Stabius,  in  Strafsburg  eine 
vortreffliche  Ausgabe  des  Otto  vonFreising  mit  der  Fortsetzung 
des  Radewich. 

1521  erschienen  in  Cöln  die  Werke  Einhards,  herausgegeben 
von  dem  Grafen  Hermann  von  Nuenar;  in  Mainz  die  Chronik 
des,  Regino  von  Sebastian  von  Rotenhan. 

Besonders  eifrig  aber  nahmen  die  Protestanten  diese  Bestre- 
bungen auf;  sie  fanden  bald  auch  unter  diesen  Schriften  Waffen 
gegen  die  päpstlichen  Ansprüche  und  die  Streitschriften  des  elften 

*)  Böhmers  Fontes  H,  4. 

a)  Ueber  ihn  s.  Herberger,  Konr.  P.  Augsburg  1851.  4. 

3)  Archiv  XI,  79. 

«)  Archiv  VII,  314. 

1 * 


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4 


Einleitung.  §1.2. 


Jahrhunderts  erschienen  auch  für  den  veränderten  Standpunkt  des 
sechzehnten  noch  verwendbar.  So  gab  Ulrich  von  Hutten  1520 
die  Schrift  Waltrams  von  Naumburg  gegen  Gregor  VH,  De  uni- 
tate  ecclesiae  conservanda,  zu  Mainz  in  quarto  heraus.  Unbefangener 
liefs  Melanchthon  es  sich  angelegen  sein,  den  Schulunterricht  in 
der  Geschichte  zu  fördern.  Schon  1515  besorgte  er  in  Tübingen 
eine  Ausgabe  der  grofsen  Kompilation  des  Nauclerus,  und  1532 
bearbeitete  er  für  die  Schulen  das  vielgebrauchte  Chronicon  Ca- 
rionis1).  Auf  seine  Veranlassung  gab  1525  Kaspar  Schurrer  zu 
Tübingen  den  Lambert  heraus. 

Die  Buchhändler  Heerwagen  in  Basel,  die  auch  Melanchthons 
Verleger  waren,  besorgten  1531  eine  Sammlung,  welche  den  Prokop, 
Agatliias  und  Jordanis  enthält,  mit  einer  Vorrede  von  Beatus  Rhe- 
nanus, eigentlich  Selig  Bilde,  aus  Schlettstadt.  Dieser  hatte  auch 
zum  Otto  von  Freising  das  Titelblatt  entworfen  und  ist  dadurch  zu 
dem  unverdienten  Ruhme  gekommen,  als  ob  er  der  erste  Heraus- 
geber deutscher  Geschichtsquellen  gewesen  wäre.  Die  Handschriften 
aber  zu  jener  Sammlung  hatte  Konrad  Peutinger  aus  Augsburg 
geschickt. 

Im  Jahre  1532  erschien  in  demselben  Verlage  eine  zweite  Samm- 
lung, welche  den  Widukind,  Einhard  und  Liudprand  enthält, 
herausgegeben  von  dem  Professor  Martin  Frecht  zu  Tübingen. 

Es  würde  uns  zu  weit  fuhren , wenn  wir  fortfahren  wollten,  die 
Ausgaben  des  16.  Jahrhunderts  aufzuzählen,  denn  ihre  Zahl  ist  nicht 
gering;  besonders  die  Wechel  sehe  Buchhandlung  in  Frankfurt  ver- 
legte eine  ganze  Reihe  von  Sammlungen  dieser  Art.  Unsere  Absicht 
war  nur  zu  zeigen,  mit  welchem  Eifer  man  damals  bestrebt  war, 
die  echten  Quellen  der  Geschichte  wieder  ans  Licht  zu  ziehen ; mit 
richtiger  Auswahl  wurden  die  besten  derselben  zuerst  herausgegeben 
und  mit  derselben  Sorgfalt  behandelt,  welche  die  ersten  Ausgaben 
der  alten  Classiker  auszeichnet.  Es  war  ein  trefflicher  Anfang  ge- 
macht, hinter  dem  der  gröfste  Theil  der  späteren  Leistungen  weit 
zurückblieb. 

Freilich  waren  nicht  Alle  gleich  bereit,  die  geschichtliche  Wahr- 
heit anzunehmen,  und  gleichzeitig  mit  jenen  Ausgaben  erschien  1530 
das  Turnierbuch  von  Rüxner,  dessen  freche  Lügen  von  den 
ahnensüchtigen  Herren  begierig  aufgenommen  wurden  und  noch 
heutiges  Tages  hin  und  wieder  gespensterhaft  erscheinen. 

l)  Bretschncider,  Corpus  Reformatorum  XII,  707. 


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Surius.  Die  Bollandisten. 


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§ 2.  Die  katholische  Kirche.  Die  Heiligenleben. 

Während  einerseits  die  neu  erwachende  kritische  Richtung  will- 
kommene Waffen  in  der  Litteratur  des  früheren  Mittelalters  fand,  bot 
sich  andererseits  hierin  auch  der  katholischen  Kirche  ein  schöner 
Schatz  ascetischer  Schriften  dar,  und  die  Briefe  der  alten  Päpste, 
wie  die  alten  Vorkämpfer  ihrer  Ansprüche,  waren  noch  immer  zu 
brauchen.  So  finden  wir  denn,  nachdem  die  katholische  Kirche  sich 
wieder  ermannt  und  auch  wissenschaftlich  neue  Kraft  gewonnen  hat, 
anch  von  dieser  Seite  viele  Publicationen;  hier  möge  es  genügen 
den  Canisius  zu  nennen,  und  nur  auf  einen  besonderen  Zweig  der 
Litteratur  scheint  es  erforderlich,  näher  einzugehen. 

Schon  unter  den  ältesten  Incunabeln  finden  sich  Legendarien 
und  einzelne  Heiligenleben,  zur  Erbauung  bestimmt.  Hin  und  wieder 
bieten  sie  ein  brauchbares  Körnchen  dar  *) ; im  Ganzen  aber  er- 
scheinen die  Legenden  in  solcher  Weise  überarbeitet,  dafs  das  Tri- 
viale, allen  Gemeinsame,  überhand  genommen  hat,  das  Geschichtliche 
oft  ganz  verschwunden  oder  doch  verdunkelt  ist.  Die  zahlreichen 
Wunder,  die  vielen  Fabeln  und  Albernheiten  machten  diese  Litteratur 
gerade  ganz  besonders  zum  Gegenstand  lebhafter  Angriffe,  und  bald 
empfand  man,  dafs  sie  allen  Werth  und  Nutzen  verlieren  werde, 
wenn  man  sich  nicht  zu  einer  Sichtung  des  überkommenen  Stoffes 
entschliefsen  werde.  Einen  bedeutenden  Fortschritt  bildet  schon  die 
Sammlung  des  Kölner  Karthäusers  Surius:  Vitae  Probatorum  Sancto- 
rum,  die  viel  brauchbaren  geschichtlichen  Stoff  zuerst  ans  Licht 
brachte,  und  wenn  auch  der  lateinische  Stil  etwas  überarbeitet  ist, 
so  berührt  das  doch  kaum  den  Inhalt.  Von  Kritik  aber  ist  in  diesem 
Werke  keine  Rede  und  die  herrschende  Meinung  der  Gebildeten 
verwarf  alle  Mönchsgeschichten  als  leere  Fabeln. 

Diesen  Angriffen  gegenüber  fafste  nun  der  Jesuit  Heribert 
Rosweyde  den  Plan,  durch  strenge  Sichtung  des  ganzen  vorhan- 
denen Materials  und  Aufopferung  des  Falschen  das  Echte  zu  retten 
und  zu  sichern.  Er  selbst  gab  u.  a.  das  Martyrologium  Romanum 
heraus;  besonders  aber  veranlafste  er  seinen  Ordensbruder  Johann 
Bo  Hand  in  Antwerpen  zu  dem  grofsartigen  Unternehmen  der  Acta 
Sanctornm,  wovon  1643  der  erste  Band  erschien.  Noch  5 Bände 
gab  Boiland  selbst  heraus;  dann  hinterliefs  er  die  Fortsetzung  dem 
Daniel  Papebroch  und  Gotfried  Henschen,  von  welchen 

■)  Ausgezeichnet  durch  Reichhaltigkeit  und  durch  unveränderten  Abdruck  guter 
alter  Handschriften  ist  das  Sanctuarium  des  Mailänders  fioninus  Motnbritius  in 
2 grofsen  Folianten  o.  J.  (um  1475). 


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Einleitung.  § 2.  3. 


der  gediegenste  Theil  des  Werkes  gearbeitet  ist.  Sie  gewannen  bei 
ihrer  Arbeit  eine  solche  Sicherheit  der  historischen  Kritik  und  ver- 
fuhren mit  so  wenig  Schonung,  dafs  sie  bald  vielfache  Angriffe  er- 
fuhren und  die  spanische  Inquisition  das  Werk  sogar  verbot.  Man 
versuchte  auch  den  Papst  zu  einem  Verbote  desselben  zu  bewegen, 
aber  vergeblich ; nur  Papebrochs  Chronologia  Pontificum  Romanorum 
wurde  wirklich  verboten').  Mit  dem  unermüdlichsten,  mühsamsten 
Fleifse  setzten  auch  später  die  Antwerpener  Jesuiten,  welche  man 
gewöhnlich  als  Bollandisten  bezeichnet,  das  begonnene  Werk  fort; 
ihre  Abhandlungen  wurden  immer  weitschichtiger  und  verloren  an 
innerem  Werthe,  während  das  Ganze  immer  langsamer  vorrückte. 
Doch  sind  noch  viele  sehr  tüchtige  Arbeiten  und  unermefsliches 
historisches  Material  darin.  Durch  die  Aufhebung  des  Ordens  wurde 
das  Unternehmen  gestört;  andere  führten  es  weiter,  dann  aber  machte 
ihm  die  Occupation  Belgiens  durch  die  Franzosen  ein  Ende.  In 
neuester  Zeit  hat  man  es  wieder  aufgenommen,  aber  mit  der  über- 
triebensten Weitschweifigkeit.  Bis  jetzt  sind  57  Folianten  erschienen, 
welche  bis  zum  20.  October  reichen,  denn  das  ganze  Werk  folgt  der 
Ordnung  des  Kalenders.  Zur  Auffindung  der  Heiligen  bedarf  man 
daher  der  Kenntnifs  ihrer  Tage,  wozu  das  Heiligenlexicon  (von 
Schmaufs)  Gött.  1719.  8.  brauchbar  ist.  Doch  haben  auch  die  Acta 
Sanctorum  Register  Uber  die  darin  besprochenen  Heiligen,  im  7.  Band 
des  Junius  und  im  ersten  Bande  des  Octobers;  dieser  Band  enthält 
auch  ein  Register  Uber  die  Einleitungen  und  die  vielen  selbstän- 
digen Abhandlungen,  welche  sich  in  den  verschiedenen  Bänden  be- 
finden. Sehr  brauchbar  ist  auch  der  Catalogus  Bihliothecae 
Bunavianae  HI,  2,  welcher  neben  den  Actis  Sanctorum  die  Übrigen 
Sammlungen  und  einzelnen  Ausgaben  berücksichtigt. 

Neben  den  Jesuiten  begannen  auch  die  französischen  Bene- 
diktiner ein  ähnliches  Werk,  nachdem  ihr  Orden  in  der  Congrd- 
gation  de  S.  Maur  einen  neuen,  aufserordentlich  kräftigen  Auf- 
schwung genommen  hatte.  Die  Erforschung  der  Geschichte  ihres 
Ordens  wurde  bald  ein  Hauptgesichtspunkt  der  Oongregation  und 
ihr  Bibliothekar  Dom  Luc  d’Achdry  sammelte  dafür  viele  Jahre 
mit  Unterstützung  der  ganzen  Genossenschaft  unschätzbares  Material. 
Zur  Bearbeitung  desselben  wurde  ihm  1664  Dom  Jean  Mabillon 
beigegeben,  den  dann  wieder  Ger main  und  Ruin art  unterstützten. 
Von  ihnen  erschienen  1668 — 1701  die  Acta  Sanctorum  Ordinis 
S.  Benedicti  in  9 Folianten,  welche  bis  zum  Jahre  1100  reichen 

')  s.  Rettberg,  Art.  Papebroch  in  der  Encyclop.  von  Ersch  und  Gruber. 


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Die  Mauriner.  Muratori.  Bouquet. 


7 


und  vom  gröfsten  Werthe  fUr  die  Geschichte  sind.  Abweichend  von 
der  Anordnung  der  Bollandisten  ist  diese  Sammlung  nach  der  Zeit- 
folge geordnet;  sie  beginnt  natürlicherweise  erst  mit  der  Entstehung 
des  Ordens  der  Benediktiner,  die  ersten  Jahrhunderte  der  Kirche 
aber  behandelte  Ruinart  selbständig  in  seinem  trefflichen  Werke: 
Acta  primorum  martyrum  sincera.  1689.  4. 

§ 3.  Sammlungen  für  Landesgeschichte. 

In  viele  einzelne  Staaten  zerspalten,  hatte  Italien  keine  um- 
fassende Sammlung  von  Geschichtsquellen  erhalten;  auch  ging  hier 
der  Patriotismus  gerne  gleich  Uber  die  Zeiten  des  Mittelalters  hinaus 
in  die  antike  Welt  Uber.  Die  römische  Kirche  aber  konnte  vom 
Mittelalter  nicht  lassen  und  noch  weniger  ihren  Gesichtspunkt  durch 
enge  Grenzen  beschränken  lassen.  Ihre  Geschichte,  vom  Cardinal 
Baronius  geschrieben,  umfafste  die  ganze  christliche  Welt,  und 
jedes  Volk  fand  hier  die  wichtigsten  Aufschlüsse  über  seine  Ver- 
gangenheit aus  den  Schätzen  des  Vatikanischen  Archivs.  Viele  Ge- 
schichtsquellen Italiens  zog  Ughelli  zuerst  ans  Licht  in  dem  grofsen 
Werk  der  Italia  Sacra,  welches  dann  von  Coleti  umgearbeitet  und 
sehr  vermehrt  wurde1).  Gleichzeitig  mit  diesem  wirkte  Ludwig 
Anton  Muratori,  der  mit  der  umfassendsten  Gelehrsamkeit,  rast- 
losem Fleifse  und  unermüdlicher  Thatkraft  die  Grundlagen  der  ita- 
lienischen Geschichte  legte,  auf  denen  noch  heute  fortgebaut  wird. 
Seine  Scriptores  Rerum  Italicarum  in  21  Folianten,  1723 — 1751, 
sind  die  erste  umfassende  planmäfsig  angelegte  Sammlung  der  Ge- 
schichtsquellen eines  ganzen  Landes,  und  bis  jetzt  die  einzige, 
welche  ihre  Vollendung  erreicht  hat. 

Erstrebt  war  freilich  schon  früher  Aehnliches  in  Frankreich 
durch  die  Sammlung  von  Duchesne  in  5 Folianten  (1636—49);  doch 
genügte  diese  nicht,  so  werthvoll  auch  ihr  Inhalt  ist.  Colbert  fafste 
bereits  1676  den  Plan  einer  neuen  umfassenderen  Sammlung,  der 
jedoch  erst  später  zur  Ausführung  kam,  als  die  Congregation  der 
Mauriner  auch  diese  Aufgabe  übernommen  hatte.  Nachdem  diese 
fleifsigen  und  gelehrten  Mönche  bereits  für  die  Geschichte  ihres 
Ordens  und  der  Kirche  das  Aufserordentlichste  geleistet  und  in  ver- 
schiedenen Sammlungen  unendliches  Material  zugänglich  gemacht 
hatten,  erschien  von  1738  an  der  Recueü  des  Historiens  des  Gaules 
et  de  la  France  von  Dom  Bouquet  und  seinen  Nachfolgern  eine 

*)  Ughelli,  Italia  Sacra.  9 Bände  f.  1644  — 1662.  Neue  Ausg.  v.  Coleti  in 
10  Bänden.  1717—1721. 


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Einleitung.  § 3. 


Sammlung,  deren  Fortführung  in  neuester  Zeit  wieder  aufgenommen 
ist,  und  die  bis  jetzt  aus  20  Folianten  besteht 

In  Deutschland  waren  die  vielversprechenden  Anfänge  des 
16.  Jahrhunderts  durch  die  inneren  Spaltungen  gehemmt  und  endlich 
durch  den  dreifsigjährigen  Krieg  fast  gänzlich  erstickt  worden.  Die  ' 
folgende  Zeit  des  Reichthums  und  der  fürstlichen  Stellung  der  Geist- 
lichkeit brachte  wohl  einige  Stiftshistorien,  aber  nichts,  das  sich  mit 
dem  Wirken  der  Mauriner  in  Frankreich  irgend  vergleichen  liefse. 
Wohl  reizte  das  Beispiel  zur  Nachahmung,  aber  alle  Versuche  schei- 
terten theils  an  der  Trägheit  der  in  Reichthum  und  Ueppigkeit  ver- 
sunkenen Stifter,  theils  an  der  Eifersucht  der  Landesfürsten,  welchen 
es  bedenklich  erschien , die  Geistlichkeit  ihrer  Territorien  in  nähere 
Verbindung  mit  den  Ordensbrüdern  anderer  Gebiete  treten  zu  lassen. 
Das  erfuhren  namentlich  die  Gebrüder  Pez  in  Melk  bei  ihren  Be- 
mühungen, neues  Leben  in  den  alten  Orden  der  Benediktiner  zu 
bringen,  und  die  Stiftung  einer  Congregation,  welche  es  möglich  ge- 
macht hätte,  die  vorhandenen  Kräfte  zu  vereinigen  und,  wie  in 
Frankreich,  planmäfeig  für  gemeinsame  Zwecke  zu  verwenden,  schei- 
terte an  solchen  Hindernissen. 

Material  war  freilich  in  grofsen  Massen  zu  Tage  gefördert,  aber 
ohne  Auswahl,  ohne  Kritik;  die  neuen  Publicationen  fügten  nur 
immer  mehr  rohe  Masse  hinzu,  in  noch* mangelhafterer  Weise,  und 
niemand  verstand  es,  den  Stoff  zu  bearbeiten.  Im  17.  Jahrhundert 
erschienen  bei  dem  Uebergewicht  des  Particularismus  fast  nur  noch 
Sammlungen  für  die  Geschichte  einzelner  Reichslande.  Eine  neue 
Epoche  beginnt  dann  mit  Leibniz,  dem  Zeitgenossen  Muratori’s, 
und  in  noch  viel  höherem  Grade  würde  dies  der  Fall  gewesen  sein, 
wenn  nicht  seine  Forschungen  unvollendet  und  grofsentheils  unbe- 
kannt geblieben  wäre.  Wie  Muratori  von  der  Geschichte  des  Hauses 
Este,  so  ging  er  von  den  Welfen  aus,  und  wie  Muratori  wurde  er 
durch  diese  Untersuchungen  immer  weiter  geführt  zu  den  ausgedehn- 
testen Quellenforschungen,  welche  die  ganze  Reichsgeschichte  um- 
fafsten,  Forschungen,  die  sich  andererseits  an  seine  philosophischen 
sowohl  wie  an  seine  staatsrechtlichen  Studien  anschlossen.  Er  durch- 
suchte alle  ihm  zugänglichen  Archive  und  Bibliotheken,  und  ergriff 
mit  dem  lebhaftesten  Eifer  den  Plan  einer  systematischen  Sammlung 
und  Ausgabe  aller  vorhandenen  Quellen  für  die  politische  und  die 
Rechts  - und  Kirchengeschichte,  auf  deren  Wichtigkeit  und  die  Noth- 
wendigkeit  ihrer  gründlichen  Erforschung  zuerst  Conring  energisch 
hingewiesen  hatte. 

Wohl  einsehend,  dafs  die  Aufgabe  die  Kräfte  eines  Einzelnen 


Deutsche  Versuche.  Leibniz. 


9 


übersteige,  versuchte  man  wiederholt,  Gesellschaften  zu  diesem  Zwecke 
zusammenzubringen.  Schon  Johann  Christian  von  Boineburg,  der 
Rathgeber  des  Churfürsten  Johann  Philipp  von  Mainz,  der  Freund 
Conrings,  Leibnizens  und  Försters  entwarf  den  Plan,  ein  Collegium 
universale  Eruditorum  in  Imperio  Romano  mit  vorzüglicher  Rücksicht 
auf  Geschichte  zu  stiften  und  theilte  denselben  1670  mehreren  Ge- 
lehrten mit  Mainz,  wo  das  Reichsarchiv  sich  befand,  war  zum  Sitz 
desselben  bestimmt,  allein  es  blieb  bei  diesen  Anfängen  und  hatte 
keinen  weiteren  Erfolg.  Neue  Anregung  zu  Versuchen  dieser  Art 
gab  bald  darauf  die  kräftige  Entwickelung  der  schon  1651  gestif- 
teten, 1677  vom  Kaiser  privilegirten  Academia  Leopoldina  Naturae 
Curiosorum.  Paul  1 in i in  Eisenach  fafste  die  Idee  einer  ähnlichen 
historischen  Gesellschaft;  er  liefs  1687  eine  Delineatio  Collegii  Impe- 
rialis  historici  gloriose  et  feliciter  fundandi  drucken  und  vertheilen. 
Mit  vorzüglichem  Eifer  gingen  Hiob  Ludolf  und  Tentzel  auf  diesen 
Gedanken  ein;  Ludolf  theilte  Paullini  seine  unmafsgeblichen  Bedenken 
mit  und  von  ihm  ging  die  förmliche  Aufforderung  zur  Theilnahme 
aus,  welche  1688  versandt  wurde.  Er  war  der  Präses  der  neuen 
Gesellschaft,  welcher  mehrere  namhafte  Gelehrte  sich  anschlossen. 
Vor  allem  aber  bedurfte  man  materieller  Unterstützungen,  ohne  die 
sich  wenig  ausrichten  liefs,  man  wünschte  den  Kaiser,  den  Reichstag 
dafür  zu  gewinnen,  man  suchte  nach  vornehmen  Patronen,  aber  man 
fand,  wie  Ludolf  1695  an  Leibniz  schrieb,  keinen  einzigen,  welcher 
einen  Pfennig  daran  wenden  wollte  ‘).  Nur  der  Herzog  von  WUrtem- 
berg  gewährte  Pregitzer  die  Kosten  zu  einer  Reise  durch  Schwaben, 
die  Schweiz,  Burgund  und  Frankreich,  um  die  Archive  zu  durch- 
forschen ; seine  Reiseberichte  befinden  sich  auf  der  Göttinger  Biblio- 
thek. Erfolg  hatte  also  auch  dieser  Versuch  nicht  und  er  konnte 
kaum  Erfolg  haben  zu  einer  Zeit,  wo  die  höheren  Stände  ganz  der 
französischen  Bildung  hingegeben  und  die  Gelehrten  gröfstentheils 
von  geistloser  Pedanterie  erfüllt  waren,  wo  lebhafte  Theilnahme  für 
die  Erforschung  der  vaterländischen  Geschichte  eben  so  selten  zu 
finden  war,  wie  die  Fähigkeit  zum  richtigen  Verständnifs  der  Quellen. 

Leibniz  hatte  diesen  Bestrebungen  von  Anfang  an  grofse  Theil- 
nahme zugewandt;  er  wies  vornämlich  auf  den  unveränderten  Abdruck 
der  reinen  Quellenschriften  hin,  während  Ludolf  mehr  eine  Bearbei- 
tung der  Reichsgeschichte  ins  Auge  fafste.  Leibniz  dagegen  war  um 

x)  De  Collegio  nostro  historico  quod  dicam  nix  hdbeo,  adeo  omnia  frigent. 
Scilicet  nemo  de  magnatibus  nostris  est  qui  urgeat,  multo  minus  qui  obolum 
impendat.  Qui  ad  nutum  alienum  laborare  debent  sine  magno  autore,  sine 
praemio,  sunt  dijficiüimi.  1695.  Der.  9. 


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10 


Einleitung.  § 3. 


fremde  Darstellungen  wenig  zu  thun;  er  wufste  wohl,  dafs  Urkunden, 
in  denen  ein  anderer  nichts  finden  konnte,  ihm  die  bedeutendsten 
Aufschlüsse  gewährten,  und  rieth  deshalb  ernstlich,  dafs  man  sich 
nicht  bemühen  solle,  um  eine  Geschichte  stylo  florido  et  eleganti  zu 
schreiben,  sondern  man  solle  die  Documenta  und  Urkunden  geben, 
ut  praesens  aeta-s  thesaurum  quendam  relinquat.  Er  zuerst  erhob  sich 
über  den  Dilettantismus  und  die  Vielwisserei  und  verband  die  aus- 
gebreitetsten  Kenntnisse  mit  staatsmännischem  Blick  und  historischer 
Einsicht.  Und  so  leistete  denn  dieser  aufserordentliche  Mann  allein 
einen  grofsen  Theil  desjenigen,  was  jene  gutgemeinten  Unterneh- 
mungen bezweckt  hatten,  ohne  zur  Ausführung  kommen  zu  können. 

Schon  1693  publicirte  Leibniz  seinen  Codex  juris  gentium,  dem 
1700  die  zwei  Folianten  der  Mantissa  Documentorum  folgten.  Von 
1707  bis  1711  erschienen  dann  die  Scriptores  Berum  Brunsvicensium, 
welche  theils  die  niedersächsische  Landesgeschichte,  theils  die  wöl- 
fische Hausgeschichte  erläutern  sollten,  und  durch  die  grofsartige 
Stellung  des  welfischen  Hauses,  durch  die  Verflechtung  desselben  in 
alle  wichtigsten  Angelegenheiten  des  Reiches  einen  universellen  Cha- 
rakter erhielten , der  sie  von  allen  anderen  Sammlungen  für  specielle 
Landesgeschichte  unterscheidet  Eine  Anzahl  anderer  wichtiger  Schrift- 
steller war  schon  1698  in  den  Accessiones  historicae  zuerst  ans  Licht 
gebracht.  Aber  von  den  grofsartigen  Sammlungen  Leibnizens  war 
dadurch  nur  ein  kleiner  Theil  erschöpft;  nachdem  er  selbst  vom 
Schauplatze  abgetreten  war,  brachten  seine  Nachfolger  Ekkard, 
S.  Fr.  Hahn,  Jung,  Grober,  Scheidt  aus  seinem  Nachlafs  das  grofs- 
artige Werk  der  Origines  Guelficae  zu  Stande,  welches  noch  jetzt 
einen  ehrenvollen  Namen  behauptet,  in  Form  und  Inhalt  aber  ganz 
auf  den  Vorarbeiten  von  Leibniz  ruht1). 

Aber  Leibniz  hinterliefs  auch  noch  ein  anderes  Werk,  welches 
allein  ausgereicht  hätte,  um  einen  gewöhnlichen  Menschen  berühmt 
zu  machen,  die  Annalen  des  abendländischen  Reiches,  zu  welchen 
ihn  seine  Forschungen  über  die  Welfen  ebenso  hinführten,  wie  Mu- 
ratori  die  Geschichte  des  Hauses  Este  zur  Verfassung  der  Annalen 
Italiens  veranlafste.  Dieses  Werk,  welches  Leibniz  viele- Jahre  lang 
vorzüglich  beschäftigte,  reicht  von  768 — 1005,  denn  weiter  ist  er 
leider  nicht  damit  gekommen.  Es  ist  durchaus  ein  Meisterwerk, 

*)  Die  vorstehenden  Angaben  sind  aus  den  Mittheilungen  meines  Freundes 
Röfsler  io  Göttingen  entnommen,  welche  aus  dem  in  Göttingen  und  Hannover 
verwahrten  handschriftlichen  Material  geschöpft  sind,  mit  Benutzung  der  Nach- 
richten über  Paullini’s  Briefwechsel  im  Serapeum  1856,  65.  367.  der  Schriften 
G uhrauers  u.  a. 


Leibniz  und  seine  Nachfolger. 


11 


welches  alle  früheren  Leistungen  weit  hinter  sich  läfst;  auch  hegten 
die  Zeitgenossen  grofse  Erwartungen  davon  und  lange  war  von  dem 
Druck  desselben  die  Rede,  der  aber  dennoch  zum  grofsen  Schaden 
der  Wissenschaft  unterblieb,  bis  dann  in  neuester  Zeit  Pertz  das 
fast  schon  in  Vergessenheit  gerathene  Werk  herausgab  *),  nachdem 
ein  grofser  Theil  der  darin  enthaltenen  Forschungen  von  neuem  ge- 
macht worden  ist.  Aber  noch  immer  ist  das  Werk  sehr  brauchbar, 
da  es  mit  der  vollständigsten  Uebersicht  und  Benutzung  des  bis 
dahin  bekannt  gewordenen  Stoffes  gearbeitet  ist,  während  die  sichere 
Methode,  der  durchdringende  Scharfsinn  und  die  geistvolle  Behand- 
lung des  grofsen  Verfassers  den  Leser  durchgehends  fesseln  und  zur 
Bewunderung  fortreifsen. 

Die  Fehler  der  früheren  Sammlungen,  von  denen  auch  die  Leib- 
nizische  nicht  ganz  frei  ist,  den  Mangel  an  kritischer  Sichtung  des 
Stoffes,  an  systematischer  Auswahl  und  Zusammenstellung,  die  Un- 
zuverlässigkeit der  Abdrücke  schilderte  niemand  schärfer  und  ein- 
dringlicher als  Ekkard,  Leibnizens  Gehtilfe,  dann  Convertit  und 
fürstlich  Würzburgischer  Rath.  Dennoch  vermied  er  in  seiner  eigenen 
Sammlung,  dem  Corpus  historicorum  medii  aevi  (1723),  keinen  jener 
Fehler,  vermehrte  aber  das  vorhandene  Material  durch  sehr  werth- 
volle Beiträge. 

J.  B.  Mencken  publicirte  1728.  1730  noch  eine  sehr  schätzbare 
Sammlung,  B.  G.  Struve  gab  1717.  1726  die  älteren  Sammlungen 
von  Pistorius  und  Freher  neu  heraus;  immer  mehr  wuchs  die  Masse 
des  gröfstentheils  rohen,  ungeordneten?  ungesichteten  Materials;  immer 
schwieriger  wurde  eB,  eine  Uebersicht  über  dasselbe  zu  gewinnen. 
Dieser  Uebelstand  veranlafste  das  Erscheinen  von  Schriften,  die  als 
Wegweiser  dienen  sollten:  J.  P.  Fincke’s  Index  in  Collectiones  Scri- 
ptorum  Rerum  Germanicarum,  Lips.  1737.  4.  und  das  vielgebrauchte 
Directorium  von  Freher,  zuletzt  1772  von  Hamberger  neu  heraus- 
gegeben. Desselben  Hambergers  Nachrichten  von  den  vornehmsten 
Schriftstellern,  Bd.  3.  4.  1760,  sind  von  geringer  Brauchbarkeit,  da- 
gegen des  trefflichen  Joh.  Alb.  Fabricius  Bibliotheca  Mediae  et 
Infimae  Latinitatis  1734 — 1746.  8.  und  ed.  Mansi  1754.  4.  noch  jetzt 
unentbehrlich  und  von  grofsem  Nutzen.  Eine  neue  vermehrte  Aus- 
gabe derselben  mit  Berücksichtigung  der  seitdem  erschienenen  Samm- 
lungen und  Ausgaben  ist  sehr  wünschenswerth  und  würde  einem 
dringenden  Bedürfhifs  entgegenkommen.  Wir  freuen  uns  deshalb  zu 

l)  G.  W.  Leibnitii  Annales  Imperii  Occidentis  Brunsvicenses  ed.  G.  II.  Pertz. 
3 Torni.  Hanov.  1843  — 1846.  Mit  einer  sehr  lehrreichen  Vorrede  des  Heraus- 
gebers. 


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12  Einleitung.  § 4. 

erfahren,  dafs  Herr  Dr.  Miildener  in  Göttingen  mit  einer  solchen 
beschäftigt  ist. 

§4.  Die  Monumenta  Germaniae  historica. 

Immer  lebhafter  empfand  man  in  Deutschland  während  des 
18.  Jahrhunderts  das  Bedürfnifs  einer  planmäfsig  geordneten,  kriti- 
schen Sammlung  der  echten  und  ursprünglichen  Geschichtsquellen; 
das  Beispiel  von  Muratori  in  Italien  und  den  Maurinern  in  Frank- 
reich reizte  zur  Nachfolge,  aber  alle  Wünsche  und  Versuche  schei- 
terten , wie  jene  eben  erwähnten  ersten  Anfänge , an  der  Zerstücke- 
lung Deutschlands,  an  der  Unmöglichkeit,  ein  Zusammenwirken  Vieler 
herbeizuführen,  an  dem  Mangel  ausreichender  Geldmittel.  Die  Nach- 
richten Uber  diese  Bestrebungen  findet  man  gesammelt  im  ersten 
Bande  des  Archivs  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichts- 
kunde. Namentlich  hatte  der  Haifische  Theologe  Sem ler  einen 
solchen  Plan,  und  durch  ihn  angeregt  gab  1797  sein  College  Krause 
den  Lambert  heraus  als  Anfang  und  Specimen  einer  solchen  Samm- 
lung; aber  er  starb  bald  nachher  und  es  blieb  bei  diesem  ersten 
Bande.  Im  folgenden  Jahre  1798  gab  Rösler  in  Tübingen  eine 
kritische  Bearbeitung  der  ältesten  Chroniken  des  Mittelalters,  allein 
die  Aufgabe  einer  umfassenden  Sammlung  war  für  die  Kräfte  ein- 
zelner Männer  viel  zu  grofs,  als  dafs  etwas  Genügendes  hätte  zu 
Stande  kommen  können. 

Die  lange  Fremdherrschaft  in  Deutschland  und  die  Befreiung 
davon  durch  die  vereinten  Anstrengungen  des  ganzen  Volkes,  weckte 
endlich  in  höherem  Grade  das  Bewufstsein  eines  gemeinschaftlichen 
Vaterlandes.  Mit  neuer  Liebe  wandte  man  sich  der  Erforschung  der 
Vorzeit  zu;  E.  M.  Arndt,  die  Gebrüder  Grimm  bestärkten  in 
dieser  Richtung  durch  die  kräftigste  Anregung.  Eifrig  und  dringend 
wies  Johannes  von  Müller  auf  die  Noth wendigkeit  des  Quellen- 
studiums hin.  Auch  der  Freiherr  von  Stein  empfand  das  lebhafte 
Bedürfnifs,  eine  genügende  Anschauung  der  deutschen  Geschichte  sich 
zu  verschaffen.  Die  vorhandenen  Darstellungen  reichten  dazu  nicht 
aus;  er  suchte  die  Keuntnifs  aus  den  Quellen  selbst  zu  schöpfen,  stiefs 
aber  dabei  auf  unüberwindliche  Schwierigkeiten  wegen  des  verwahr- 
losten Zustandes  derselben.  Es  war  nicht  seine  Art,  wegen  solcher 
Hindernisse  einen  Gedanken  aufzugeben  und  seine  Entfernung  von 
den  Staatsgeschäften  trug  dazu  bei,  dafs  er  ihn  um  so  entschiedener 
festhielt  und  verfolgte.  Der  Gedanke  an  sich  selbst,  seinen  eigenen 
Vortheil  und  Genufs,  trat  dabei  bald  völlig  zurück;  er  hatte  nur 
noch  sein  Volk  im  Auge,  der  Wunsch  erfüllte  ihn  „den  Geschmack 


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Die  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde. 


13 


an  deutscher  Geschichte  zu  beleben,  ihr  gründliches  Studium  zu  er- 
leichtern und  hierdurch  zur  Erhaltung  der  Liebe  zum  gemeinsamen 
Vaterland  und  dem  Gedächtnifs  unserer  grofsen  Vorfahren  beizu- 
tragen.“ Mit  der  ganzen  Energie  seines  gewaltigen  Geistes  fafste  er 
den  Plan,  eine  umfassende  und  kritisch  bearbeitete  Sammlung  der 
deutschen  Geschichtsquellen  zu  veranstalten  und  er  liefs  nicht  ab, 
bis  er  denselben  zur  Ausführung  gebracht  hatte1).  Im  Februar  1818 
brachte  er  ihn  zuerst  zur  Sprache;  es  gelang  ihm,  mehrere  seiner 
westphälischen  Freunde  zu  bedeutenden  Geldbeiträgen  zu  bewegen; 
er  selbst  hat  nach  und  nach  an  10000  Fl.  darauf  verwandt.  Meh- 
rere der  damaligen  Bundestagsgesandten  gingen  auf  Steins  Vorschläge 
ein  und  am  20.  Januar  1819  trat  zu  Frankfurt  die  Gesellschaft 
für  ältere  deutsche  Geschichtskunde  zusammen.  Der  badische 
Legationsrath  Büch ler  wurde  zum  Secretär,  der  Archivrath  Dttmgd 
zum  Redacteur  bestimmt ; beide  begannen  sogleich  die  Herausgabe  der 
Zeitschrift,  welche  noch  besteht  und  vom  wesentlichsten  Nutzen  für 
das  Unternehmen  gewesen  ist.  Sie  heifst  das  Archiv  der  Gesell- 
schaft und  führt  mit  Recht  diesen  Namen,  weil  darin  alle  Vorarbeiten 
für  das  grofse  Unternehmen,  Nachrichten  Uber  Handschriften,  Unter- 
suchungen Uber  die  einzelnen  Quellenschriften,  niedergelegt  werden. 

Der  ungeheuere  Umfang  des  Unternehmens,  die  Nothwendigkeit 
vieler  und  ausgedehnter  Reisen,  zeigte  sich  erst  während  der  Arbeit 
in  zunehmendem  Mafse;  bald  sah  man,  dafs  Privatmittel,  so  bedeu- 
tend auch  die  Beiträge  der  Gründer  waren,  doch  nicht  weit  reichten. 
Die  Bundesversammlung  war  gleich  anfangs  um  Unterstützung  er- 
sucht worden  und  hatte  in  Ermangelung  eigener  Geldmittel  zu  solchen 
Zwecken,  das  Werk  den  einzelnen  Regierungen  zur  Förderung  empfoh- 
len; diese  gaben  dann  auch  Beiträge,  welche  jetzt  den  Bestand  der 
Sache  sichern. 

Gleich  anfangs  fand  das  Unternehmen  aller  Orten  lebhafte  Theil- 
nahme,  aber  lange  dauerte  es,  bis  ein  ausführbarer  Plan  zu  Stande 
kam.  Ein  Vorschlag  nach  dem  andern  wurde  im  Archiv  veröffent- 
licht; während  man  sich  zu  orientiren  suchte,  fing  man  erst  an,  den 
Umfang  der  Arbeit  zu  übersehen,  die  Masse  des  Stoffes,  die  Schwierig- 
keit ihn  zu  bearbeiten,  namentlich  wegen  der  in  so  vielen  Biblio- 
theken und  Archiven  zerstreuten  Handschriften  und  Urkunden,  welche 
sich  viel  zahlreicher  erwiesen,  als  man  anfänglich  geglaubt  hatte. 

Nach  dem  ursprünglichen  Plan  vertheilte  man  die  einzelnen 

*)  Vgl.  Archiv  I.  VI,  294.  Mon.  Germ.  SS.  I.  Praef.  Steins  Leben  von  Pertz  V, 
57.  264  ff  u.  s.  w.  an  vielen  Stellen. 


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14 


Einleitung.  § 4. 


Schriftsteller  an  verschiedene  Gelehrte  zur  Bearbeitung,  aber  es  zeigte 
sich  bald,  dafs  auf  diese  Weise  weder  Einheit  in  Plan  und  Methode, 
noch  ein  rascher  Fortschritt  in  der  Ausführung  zu  erreichen  war. 
Die  ersten  Bände  des  Archivs  sind  voll  von  Versprechungen  und 
Anerbietungen,  von  denen  aber  die  meisten  ohne  Resultat  blieben. 

Im  Jahre  1820  übersandte  G.  H.  Pertz  ein  Verzeichnifs  der 
Quellenschriftsteller  für  die  karolingische  Periode  und  der  in  Han- 
nover befindlichen  Handschriften;  er  hatte  eben  in  Göttingen  seine 
Studien  vollendet  und  seine  Schrift  über  die  merowingischen  Haus- 
meier war  1819  durch  ein  Vorwort  von  Heeren  eingeführt  und  leb- 
haft empfohlen  worden.  Stein  übertrug  ihm  die  Bearbeitung  der 
karolingischen  Annalen  und  weil  hierzu  vor  allem  die  Benutzung 
der  Wiener  Handschriften  nothwendig  war,  auch  eine  Reise  nach 
Oesterreich,  welche  dann  später  auch  auf  Italien  ausgedehnt  wurde. 
Hier  war  der  Freiherr  von  Stein  bereits  selbst  gewesen,  hatte  von 
den  Schätzen  des  Vatikan  vorläufige  Kunde  verschafft  und  Mitarbeiter 
zu  gewinnen  gesucht,  auf  deren  Unterstützung  damals  noch  stark 
gerechnet  wurde.  Diese  Theilnahme  der  Italiener  erwies  sich  in- 
dessen später  als  gänzlich  illusorisch,  und  nicht  viel  mehr  Erfolg 
hatten  die  Zusagen,  welche  Pertz  in  Oesterreich  gemacht  wurden. 
Seine  Reise  aber  gewährte  die  erste  feste  Grundlage  für  das  Unter- 
nehmen; allein  aus  den  päpstlichen  Regesten  gewann  er  1800  un- 
gedruckte Briefe.  Seine  Reiseberichte  zeigten  so  entschieden  eine 
meisterhafte  Handhabung  der  Kritik  in  scharfem  Gegensätze  zu  den 
vielen  dilettantischen  Beiträgen  Anderer,  dafs  ihm  nach  seiner  Rück- 
kehr die  Redaction  Bowohl  des  Hauptwerks  als  der  Zeitschrift  über- 
tragen wurde,  da  BUchler  und  DUmg6  beide  von  ihrem  Grofsherzog 
abberufen  waren. 

1824  wurde  der  definitive  Plan  des  Werkes  veröffentlicht  und 
1826  erschien  der  erste  Band  desselben.  Aus  5 Abtheilungen  soll 
die  ganze  Sammlung  bestehen,  nämlich  I.  Schriftsteller,  H.  Gesetze, 
HI.  Kaiserurkunden,  IV.  Briefe,  V.  Antiquitäten.  Für  alle  sind  be- 
deutende Vorarbeiten  gemacht  worden,  wirklich  eröffnet  aber  nur 
die  beiden  ersten  Abtheilungen;  den  Anfang  machten  die  Scriptores. 

Eigentlich  hätten  die  ältesten  Annalen  des  Mittelalters  und  die 
Geschichtschreiber  der  Gothen,  Merowinger  und  Langobarden  das 
Werk  eröffnen  sollen;  die  Vorarbeiten  dazu  waren  aber  so  schwierig 
und  die  Benutzung  so  unentbehrlicher  Handschriften  noch  nachzu- 
holen, dafs  diese  ganze  Abtheilung  einstweilen  übergangen  wurde, 
um  nicht  zu  lange  mit  dem  wirklichen  Beginn  der  Publicationen 
zögern  zu  müssen.  Jetzt  erst,  nach  wiederholten  Reisen  durch  Frank- 


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Pertz.  Monuments  Germaniae. 


15 


reich,  Belgien,  England,  Spanien,  Italien  sind  die  Vorbereitungen 
der  Vollendung  nahe  gerückt  und  die  Herausgabe  dieser  sehnlich 
erwarteten  Quellen  ist  in  naher  Zeit  zu  erwarten. 

Den  Anfang  machten  also  aus  diesen  Gründen  die  karolin- 
gischen Annalen1),  welche  mit  ihren  Anfängen  noch  in  die  mero- 
wingische  Zeit  hinaufreichen  und  mit  den  Fortsetzungen  zum  Theil 
durch  das  ganze  Mittelalter  sich  erstrecken.  Nur  wer  die  Verwir- 
rung, den  verwahrlosten  Zustand  kennt,  in  welchem  sich  früher 
diese  Annalen  befanden,  an  verschiedenen  Orten  und  gröfstentheils 
in  sehr  fehlerhafter  Gestalt  gedruckt,  ohne  Unterscheidung  ihres 
echten,  gleichzeitig  niedergeschriebenen  Gehaltes  und  der  spateren 
Zusätze,  nur  der  kann  sich  eine  richtige  Vorstellung  machen  von 
dem  aufserordentlichen  Gewinn,  welcher  der  Geschichtsforschung 
daraus  erwuchs,  dafs  nun  alle  jene  Annalen  in  einem  Bande  ver- 
einigt, kritisch  gesichtet  und  durch  neue  Entdeckungen  bereichert, 
zur  ungehinderten  Benutzung  bereitet  Vorlagen. 

Nach  einer  neuen  Reise  des  Herausgebers  nach  den  Nieder- 
landen, Paris  und  England  erschien  1829  der  zweite  Band2),  welcher 
die  Chroniken  und  Biographieen  der  karolingischen  Periode  enthält. 
Den  Anfang  aber  bilden  die  Geschichtsquellen  des  Klosters  S.  Gallen, 
bearbeitet  von  Ildefons  von  Arx,  welche  mit  dem  alten  Leben 
des  Stifters  beginnen  und  bis  zum  Jahre  1233  unzertheilt  beisammen 
gelassen  wurden.  Das  Leben  des  heiligen  Ansgar  bearbeitete  für 
diesen  Band  Dahlmann. 

Einen  neuen  sehr  bedeutenden  Fortschritt  brachten  die  beiden 
Bände  Leg  es  1835.  1837,  welche  besonders  viel  neuen  Stoff  zu  dem 
kritisch  gesicherten  älteren  Besitz  hinzufügten.  Auch  hier  wurden 
jedoch  einstweilen  die  alten  Volksrechte  noch  bei  Seite  gelassen 
und  erst  1851  erschien  die  Lex  Alamannorum  von  Merkel.  Jene 
Bände  umfassen  die  Capitularien  und  kaiserlichen  Verordnungen, 
Rechtsprüche,  Verträge  und  andere  wichtige  Urkunden  bis  1313;  die 
jüngeren  Rechtsbücher  sind  von  der  Sammlung  ausgeschlossen,  da 
sich  ihrer  die  Rechtshistoriker  bereits  angenommen  haben. 

Von  besonderem  Werthe  ist  die  im  Anhang  des  zweiten  Bandes 
der  Gesetze  enthaltene  Ausgabe  der  Capitulariensammlung  des  Be- 
nedictus  Levita  von  dem  leider  zu  früh  der  Wissenschaft  ent- 
rissenen Dr.  Knust,  welcher  auf  der  Heimkehr  von  Spanien  in 

')  S.  darüber  Archiv  VI,  251—273. 

2)  S.  Archiv  VI,  274  — 294.  Der  Plan  des  Unternehmens  war  in  dieser  Zeit 
noch  nicht  so  ausgedehnt  wie  später,  weshalb  hier  noch  sehr  wichtige  Stücke,  wie 
die  V.  Eigilis,  fehlen. 


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16 


Einleitung.  § 4. 


Paris  am  9.  October  1841  verstarb  *).  Benedict  hat  nämlich  die  De- 
cretalensammlung  des  falschen  Isidor  auch  in  die  Reichsgesetzgebung 
zu  bringen  versucht;  seine  Sammlung  enthält  Echtes  und  Erdich- 
tetes, welches  hier  von  dem  Herausgeber  mit  gröfster  Genauigkeit 
auf  seine  Quellen  zurlickgeftihrt  ist,  so  dafs  nun  keine  Entschuldi- 
gung mehr  hat,  wer  noch  immer  die  falschen  Stücke  des  Benedict 
als  echte  Capitularien  anführt  und  benutzt. 

In  rascher  Folge  erschienen  nun  1839.  1841  der  dritte  und 
vierte  Band  der  Scriptores,  welche  die  Periode  der  sächsischen 
Kaiser  enthalten.  Bei  diesen  trat  Waitz  als  Mitarbeiter  ein,  wäh- 
rend Lappenberg,  der  die  Geschichtsquellen  der  niederelbischen 
Lande  übernommen  hatte,  hier  als  Erstling  den  Thietmar  von  Mer- 
seburg bearbeitete,  dem  später  der  Adam  von  Bremen  folgte.  Für 
die  Zeit  der  Karolinger  hatten  zwei  Bände  genügt  und  ebenso  auch 
noch  für  die  Ottonen  zwei  von  etwas  stärkerem  Umfange;  die  Sa- 
lier dagegen,  mit  Lothar,  erforderten  8 Bände,  die  von  1Ö44 — 1856 
erschienen:  so  sehr  wächst  um  diese  Zeit  die  Masse  des  Stoffes. 
Neben  Waitz  finden  wir  hier  nun  auch  Bethmann  thätig,  der  schon 
längere  Zeit  an  den  Vorarbeiten  Theil  genommen  nnd  namentlich 
in  den  Bibliotheken  Frankreichs  und  Belgiens  gearbeitet  hatte;  es 
gelang  ihm  u.  a.  die  Urschrift  der  Chronik  des  Sigebert  zu  entdecken, 
welche  mit  allen  ihren  Fortsetzungen  im  6.  Bande  erschien.  Aufser- 
dem  bearbeitete  Hesse  in  Rudolstadt  den  Lambert,  Szlachtowski 
in  Lemberg  die  älteste  polnische  Chronik.  Als  Waitz  1842  Professor 
in  Kiel  wurde,  traten  Köpke  und  Wattenbach  als  Mitarbeiter 
hinzu,  später  Wilmans,  Abel,  Karl  Pertz,  Jaff6,  Schöne. 
So  kommen  immer  frische  Kräfte  zur  Arbeit,  während  die  älteren 
Theilnehmer  durch  anderen  Beruf  abgezogen  werden,  ohne  doch 
darum  ihre  Mitwirkung  dem  Unternehmen  ganz  zu  entziehen. 

Werfen  wir  nun  einen  Blick  auf  die  Art  der  Ausführung,  so 
treten  uns  besonders  zwei  Hauptprincipien  entgegen,  welche  im  Ver- 
gleich mit  den  filteren  Sammlungen  einen  bedeutenden  Fortschritt 
bezeugen:  die  genaue  Wortkritik  und  die  strenge  Sichtung  des  In- 
halts mit  Bezug  auf  die  Herkunft  und  Glaubwürdigkeit  der  Nach- 
richten. 

Zum  ersten  Male  sind  hier  die  mittelalterlichen  Schriftsteller 
mit  einer  Genauigkeit  behandelt,  wie  sie  früher  nur  classischen 
Autoren  zugewandt  wurde.  Von  Anfang  an  wurde  der  Grundsatz 
befolgt,  für  jeden  Schriftsteller  alle  erreichbaren  handschriftlichen 

*)  Seine  Reisebriefe  sind  im  Archiv  VIII,  102 — 252  gedruckt. 


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Die  Mouumeota  Germaniae. 


17 


HUlfsmittel  zusammenzubringen,  ohne  Rücksicht  auf  frühere  Drucke 
nur  die  beste  Handschrift  zu  Grunde  zu  legen,  und  durch  Ver- 
gleichung der  übrigen  die  möglichste  Reinheit  und  Sicherheit  des 
Textes  zu  erstreben. 

Wenn  auch  durch  frühere  Sorglosigkeit,  durch  die  Verwüstungen 
der  Bauernkriege,  und  die  stürmischen  Zeiten  am  Ende  des  vorigen 
Jahrhunderts  viel  zu  Grunde  gegangen  ist,  so  hat  sich  doch,  wie 
die  unternommenen  Reisen  nach  und  nach  ergaben,  mehr  erhalten, 
als  man  irgend  erwartet  hatte.  Und  wenn  auch  jetzt  manche  Hand- 
schrift vermifst  wird,  welche  den  Maurinern  noch  vorlag,  so  bietet 
dagegen  unsere  Zeit  den  Vortheil,  dafs  fast  alle  Bibliotheken  und 
Archive  der  wissenschaftlichen  Forschung  zugänglich  sind,  während 
jene  noch  häufig  über  die  eifersüchtige  Verweigerung  des  Eintritts 
Klage  führten.  Hat  doch  selbst  Mabillon  in  Salzburg,  so  festlich 
er  auch  dort  empfangen  wurde,  keine  Handschrift  zu  sehen  bekommen. 

Von  nicht  geringerer  Wichtigkeit  als  die  Correctheit  der  Texte 
ist  aber  zweitens  die  genaue  kritische  Analyse  der  Quellen.  Nicht 
nur  sind  dadurch  mehrere  früher  allgemein  benutzte  Schriften  als 
untergeschoben  gänzlich  ausgeschieden  worden,  sondern  auch  die 
echten  Chronisten  werden  erst  dadurch  dem  Geschichtsforscher  recht 
brauchbar,  dafs  ihm  auf  den  ersten  Blick  entgegentritt,  was  jedem 
eigenthümlich,  was  von  anderen  entlehnt  ist,  und  woher  er  es  ent- 
nommen hat.  Seit  dem  vierten  Bande  der  Scriptores  wird  alles  von 
anderen  unmittelbar  entlehnte  auch  durch  Petitdruck  kenntlich  ge- 
macht, was  die  Benutzung  ungemein  erleichtert.  Das  wird  jeder  zu 
würdigen  wissen,  welcher  irgend  Gelegenheit  gehabt  hat,  andere 
Sammlungen  und  Ausgaben  zu  benutzen,  wo  der  gewissenhafte 
Forscher  diese  Arbeit  stets  von  neuem  vornehmen  mufs,  während 
freilich  die  Meisten  es  sich  viel  leichter  machen  und  ohne  Unter- 
scheidung gleichzeitige,  spätere  und  abgeleitete  Nachrichten  benutzen. 

Die  Reihenfolge  der  Quellen  ist  chronologisch,  und  zwar 
in  zwiefacherWeise,  nämlich  zuerst  nach  den  angegebenen  gröfseren 
Perioden,  und  dann  wieder  innerhalb  der  kleineren  Abtheilungen. 
In  einer  solchen  Periode  werden  nämlich  zuerst  die  Annalen  ge- 
geben, streng  nach  Jahren  geordnete,  oft  gleichzeitige,  in  der  Regel 
kurze  Aufzeichnungen.  Darauf  folgen  die  Chroniken  und  Geschichten, 
welche  zum  Theil  noch  die  annalistische  Form  beibehalten,  doch  nur 
als  äufsere  Gestalt,  denn  sie  sind  meistens  nicht  gleichzeitig  und 
unterbrochen,  sondern  zusammenhängend,  im  Rückblick  auf  einen 
gröfseren  Zeitraum  aufgezeichnet,  und  versuchen,  Uber  die  blofse 
Aufzeichnung  der  Thatsachen  hinausgehend,  deren  pragmatische 

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18 


Einleitung.  § 4. 


Verbindung  und  innere  Entwicklung  nachzuweisen.  Den  allgemeineren 
Werken  dieser  Art  schliefsen  sich  die  Localchroniken  an,  deren 
wir  aus  der  älteren  Zeit  manche  von  Klöstern  und  Bisthlimem  be- 
sitzen, während  später  die  Chroniken  der  Länder  und  Städte  be- 
ginnen, und  allmählich  ganz  das  Uebergewicht  gewinnen.  Den 
Sclilufs  bilden  die  Biographieen  und  kleineren  Erzählungen  ver- 
schiedener Art,  welche  nebst  den  Localchroniken  in  das  lebendige 
Treiben  der  Zeit  einflihren,  und  denen  wir  gröfstentheils  das  Fleisch 
und  Blut  zu  dem  chronologischen  Gerllste  der  Annalen  verdanken. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dafs  diese  Gattungen  durch  keine 
scharfe  Grenzen  gesondert  sind,  und  manches  Stück  so  sehr  in  der 
Mitte  steht,  dafs  es  nur  nach  zufälligen  Umständen  hier  oder  dort 
seine  Stelle  findet. 

Innerhalb  dieser  Kategorieen  ist  die  Anordnung  wiederum  chrono- 
logisch, nach  dem  Endjalir,  doch  wird  dieser  Grundsatz  nicht  pe- 
dantisch durchgeführt,  sondern  durch  mancherlei  Kücksichten  be- 
einträchtigt. Nicht  nur  wird  nachträglich  mitgetheilt,  was  während 
der  Arbeit  neu  entdeckt  wird,  sondern  es  bleibt  auch  oft  das  Gleich- 
artige zusammen.  Namentlich  wird  die  Fortsetzung  nicht  vom 
Hauptwerk  getrennt,  wenn  sie  nicht  ganz  selbständiger  Art  ist. 
So  sind  die  Casus  S.  Galli  bis  1233  beisammen  geblieben,  und 
Sigebert  mit  seinen  Fortsetzern,  so  auch  Cosmas  und  die  öst- 
reichischen  wie  die  schwäbischen  Annalen. 

Die  Franzosen  haben  das  entgegengesetzte  Princip  verfolgt 
Dom  Bouquet  gab  zu  jeder  Periode  alles  darauf  bezügliche  aus 
allen  Schriftstellern,  wodurch  scheinbar  ein  grofser  Vortheil  für  den 
Geschichtschreiber  erreicht  wird,  da  er  seinen  ganzen  Stoff  über- 
sichtlich vor  Augen  hat.  Dagegen  aber  wird  es  ihm  aufserordent- 
lich  schwer  ein  kritisches  Urtheil  Uber  die  Quellen  zu  gewinnen, 
weil  er  sie  nirgends  vollständig  beisammen  hat;  und  doch  kommt 
bei  der  geschichtlichen  Forschung  gerade  darauf  so  viel  an:  es  ist 
wenig  damit  gewonnen,  die  Worte  einer  historischen  Nachricht  zu 
haben,  wenn  man  nicht  weifs,  wie  viel  Glauben  der  Schriftsteller 
verdient,  und  wie  die  ganze  Art  und  Weise  seiner  Auffassung  und 
Darstellung  beschallen  ist. 

Während  nun  bei  Bouquet  z.  B.  der  Sigebert  in  viele  Bände 
vertheilt  ist,  bleibt  in  den  Mon.  Germ,  jeder  Schriftsteller  so  viel 
wie  möglich  in  seiner  Integrität;  man  hat  auch  nicht,  wie  Stenzei 
früher  vorschlug,  dasjenige  weggelassen,  was  der  Verfasser  nur  aus 
anderen  bekannten  Quellen  entlehnt  hat;  sondern  man  hat  es  wenig- 
stens bei  den  bedeutenderen  Schriftstellern  vorgezogen,  diese  Theile 


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Monumenta  Germaniae.  Uebersetziingen. 


19 


nur  durch  kleineren  Druck  kenntlich  zu  machen,  weil  es  fllr  uns 
auch  von  Wichtigkeit  ist  zu  wissen,  wie  die  Schriftsteller  der  Zeit 
die  Vergangenheit  behandelten1),  aus  welchen  abgeleiteten  Quellen 
die  Folgezeit  ihre  Kenntnifs  schöpfte,  und  wie  auf  diese  Weise  die 
Kunde  der  Geschichte  allmählich  verengt  und  entstellt  wurde.  So 
hat  z.  B.  Martin  der  Pole  fast  gar  keinen  eigenen  Werth,  aber  sein 
Compendium  der  Papst-  und  Kaisergeschichte  ist  nichts  desto  weniger 
sehr  wichtig,  weil  es  Jahrhunderte  lang  die  Hauptquelle  der  Ge- 
schichtskenntnifs  blieb. 

In  manchen  Fällen  jedoch  war  es  nicht  rathsam  oder  thunlich, 
die  ganzen  Werke  aufzunehmen,  und  dann  hat  man  sich  auf  Aus- 
züge beschränkt;  wenn  nämlich  die  Hauptmasse  der  deutschen  Ge- 
schichte fern  liegt,  fremde  Länder  oder  zu  entlegene  Zeiten  betrifft, 
wenn  zwischen  theologischen  und  anderen  Betrachtungen  sich  nur 
vereinzelt  geschichtliche  Nachrichten  finden,  oder  wenn  eine  wüste 
Compilation  vorlag,  welche  keinen  Anspruch  darauf  machen  kann, 
als  litterarisches  Erzeugnis  behandelt  zu  werden.  Deutsche  Haupt- 
schriftsteller dagegen,  welche  durch  ihre  ganze  Persönlichkeit  be- 
deutend sind,  haben  ein  wohlbegründetes  Recht  darauf,  in  ihrer 
ganzen  Individualität  aufgefafst  zu  werden,  und  Männern  wie  Otto 
von  Freising  darf  man  ihre  Werke  nicht  verstümmeln. 

Von  manchen  der  bedeutenderen  Quellen  sind  nun  neben  der 
grofsen  Sammlung  auch  Octavausgaben  veranstaltet,  weniger  für 
die  gelehrte  Forschung,  weil  ihnen  der  kritische  Apparat  fehlt,  als 
zum  Lesen  bestimmt;  und  dazu  kann  man  nicht  genug  rathen,  weil 
das  blofse  Nachschlagen  und  Benutzen  einzelner  Stellen  zu  so  vielen 
Irrthümern  und  Mifsverständnissen  Anlafs  gibt,  und  nur  das  Lesen 
im  Zusammenhang  die  richtige  Anschauung  gewährt;  nur  dadurch 
gewinnt  man  ein  lebendiges  Bild  von  den  einzelnen  Schriftstellern 
wie  von  der  ganzen  Zeit  und  der  damals  herrschenden  Art  der  An- 
schauung und  Auffassung. 

Noch  besser  wird  vielleicht  in  manchen  Fällen  dieser  Zweck 
erreicht  durch  die  Uebersetzungen,  aus  denen  uns  der  Inhalt 
der  Schriften  weit  reiner  entgegentritt,  indem  der  Leser  hier  nicht 
durch  die  einzelnen  Schwierigkeiten  beschäftigt  wird,  die  sonst  leicht 
seine  Aufmerksamkeit  zerstreuen.  Auch  wird  man  durch  die  Ueber- 
setzungen nicht  selten  auf  Stellen  aufmerksam  gemacht,  die  man 
früher  übersah,  und  wenn  die  Uebersetzung  gelungen  ist,  bietet  sie 
kein  unbedeutendes  Hülfsmittel  dar  zum  richtigen  Verständnifs  des 

*)  S.  E.  M.  Amdt's  Worte  in  Stein’s  Leben,  V.  273.  Pertz  ib.  S.  366. 

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Einleitung.  § 5. 


Textes,  welches  häufig  gar  nicht  so  leicht  ist,  als  der  erste  Anschein 
glauben  läfst.  Denn  das  mittelalterliche  Latein  hat  viel  Eigen- 
tümliches, und  nicht  nur  in  diese  Sprache  überhaupt,  auch  in  den 
Sprachgebrauch  der  einzelnen  Schriftsteller  mufs  man  sich  erst  mit 
Sorgfalt  hinein  lesen,  um  ihn  ganz  zu  verstehen. 

Die  Wichtigkeit  dieser  seit  1849  erscheinenden  Sammlung  von 
Uebersetzungen  wird  aber  auch  dadurch  erhöht,  dafs  einigen  der 
noch  nicht  gedruckte,  aber  nach  den  Handschriften  neu  bearbeitete 
Text  zu  Grunde  liegt,  und  mehrere  sind  mit  Einleitungen  versehen, 
welche  schöne  Bruchstücke  zu  einer  Litteraturgescbichte  der  mittel- 
alterlichen Geschichtsquellen  darbieten. 

§ 5.  Andere  Arbeiten  des  neunzehnten  Jahrhunderts. 

In  weiten  Kreisen  hat  das  Unternehmen  der  Monumenta  Ger- 
maniae  anregend  gewirkt,  es  hat  als  Vorbild  gedient  in  Turin  und 
England ; aber  andererseits  wurde  es  auch  gefördert  durch  mancherlei 
Bestrebungen  verwandter  Art,  und  durch  die  lebhafte  Aufmerksam- 
keit, welche  überhaupt  für  das  Mittelalter  einmal  erweckt  war,  und 
bald  zu  den  gediegensten  Untersuchungen  führte.  Raumer,  Ranke, 
Stenzei  wirkten  in  anregendster  Weise  sowohl  mündlich  wie 
schriftlich.  Schon  1813  erschien  von  Raumer  das  Handbuch  merk- 
würdiger Stellen  aus  den  lateinischen  Geschichtschreibern  des 
Mittelalters,  und  die  Geschichte  der  Hohenstaufen  (1824)  gab  das 
Beispiel  einer  lebendigen  Benutzung  der  Quellen,  einer  auf  Leben, 
Verfassung,  Sitte  eingehenden  Darstellung,  welche  nicht  für  den 
Gelehrten  allein  geschrieben  ist.  Ranke  stellte  in  seiner  Schrift  Zur 
Kritik  neuerer  Geschichtschreiber,  1824,  das  trefflichste  Muster  der 
Quellenkritik  auf1),  während  seine  praktischen  Uebungen,  aus  denen 
die  Jahrbücher  des  deutschen  Reichs  unter  den  sächsischen  Kaisern 
hervorgegangen  sind,  die  Mehrzahl  der  Mitarbeiter  an  den  Monu- 
menten ausgebildet  haben. 

Stenzel  gab  in  seiner  Geschichte  der  fränkischen  Kaiser  1828 
eine  rein  nach  Originalquellen  gearbeitete  Darstellung,  welche  um 
so  bewundernswertlier  erscheint,  wenn  man  den  damaligen  Zustand 
der  Quellen  und  den  Mangel  an  guten  HUlfsmitteln  und  Vorarbeiten 
bedenkt.  Vorzüglich  aber  enthält  der  zweite  Band  treffliche  Unter- 
suchungen Uber  einzelne  Geschichtsquellen  dieser  Zeit,  und  eine  aus- 
gezeichnete Abhandlung  Uber  die  bei  ihrer  Behandlung  festzuhaltenden 
Grundsätze. 

*)  Vgl.  G.  Wailz  in  den  Nachrichten  von  der  G.  A.  Universität  1855  N.  14. 


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Locale  Sammlungen.  J.  F.  Böhmer. 


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Seitdem  haben  Bich  diese  Bestrebungen  in  immer  weiteren 
Kreisen  verbreitet;  aller  Orten  sind  historische  Vereine  thätig  für 
die  Bearbeitung  der  vorherrschend  localen  Quellen.  Eine  Zeit  lang 
war  man  vielfach  geneigt,  alles  von  den  Herausgebern  der  Monu- 
menta  zu  erwarten,  allein  bald  erkannte  man  doch,  dafs  diese  die 
späteren  Zeiten  noch  lange  nicht  erreichen  werden,  und  dafs  auch, 
je  mehr  mit  der  Zeit  der  Stoff  anwächst  und  sich  zersplittert,  desto 
weniger  alles  ohne  Ausnahme  Aufnahme  finden  kann.  Sehr  zweck- 
mäfsig  ist  es  daher,  dafs  man  angefangen  hat,  die  Quellen  einzelner 
Gegenden  selbständig  herauszugeben,  wobei  dann  auch  das  spätere 
Mittelalter  und  das  sechzehnte  Jahrhundert  mehr  Berücksichtigung 
gefunden  haben.  So  erschienen  von  Mone  die  badischen  Geschichts- 
quellen, von  Lappenberg  die  bremischen,  vonStenzel  die  schle- 
sischen, vom  Görlitzer  Verein  die  Lausitzer,  von  Ficker  und 
Cornelius  die  münsterischen,  von  Endlicher  die  ungrischen,  und 
vielfach  sind  einzelne  Quellenschriften  abgesondert  herausgegeben. 
In  Böhmen,  wo  schon  früher  eine  rege  Thätigkeit  auf  diesem  Felde 
entfaltet  war,  legte  Palacky  durch  seine  Würdigung  der  böhmischen 
Geschichtschreiber  den  Grund  zu  einer  erneuten  kritischen  Bear- 
beitung, und  für  Preufsen  erhielten  wir  in  neuester  Zeit  ein  ähn- 
liches Werk  von  Toppen. 

Ueber  das  viele  Material,  welches  in  periodischen  Schriften, 
besonders  in  den  Zeitschriften  der  historischen  Vereine  niedergelegt 
ist,  orientirt  das  Repertorium  von  Walther  1845  und  das  neuere 
und  zugleich  umfassendere  von  Koner. 

Doch  noch  eines  Mannes  haben  wir  zu  gedenken,  der  allein 
mehr  wirkt  wie  die  meisten  Vereine,  und  von  dem  sich  der  anre- 
gendste lebendigste  Einflufs  nach  allen  Seiten  verbreitet.  J.  F.  B ö h m er, 
Bibliothekar  in  Frankfurt  a.  M.  und  mit  Pertz  Director  der  Gesell- 
schaft für  ältere  deutsche  Geschichtskunde,  hatte  anfangs  die  Re- 
daction der  Abtheilung  der  Kaiserurkunden  übernommen,  diese  aber 
dann  wieder  aufgegeben,  und  sich  auf  die  ursprünglich  als  Vorarbeit 
dafür  begonnenen  Regesten  beschränkt.  Diese  haben  in  den  neueren 
Bearbeitungen  immer  weitere  Ausdehnung  erhalten;  die  kurzen  Ur- 
kundenauszüge  sind  vollständiger  geworden  und  durch  Auszüge  aus 
den  Geschichtschreibern  und  Annalen  in  Verbindung  gebracht;  das 
ganze  historische  Material  einer  Periode  wird  dem  Geschichtsforscher 
geordnet  vor  Augen  gelegt,  und  in  den  Einleitungen  die  Quellen 
besprochen  und  gewürdigt.  Die  Verwahrlosung  der  späteren  Chro- 
niken und  der  Besitz  reiches  aus  Handschriften  gewonnenen  Stoffes 
veranlafsten  Böhmer,  in  den  drei  Bänden  seiner  Fontes  Herum  Germa- 


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Einleitung.  § 5. 


nicarum  auch  eine  eigene  Quellensammlung  erscheinen  zu  lassen, 
welche  für  das  zwölfte  bis  vierzehnte  Jahrhundert  vom  ausgezeich- 
netsten Werthe  ist. 

Kaum  noch  zu  zählen  sind  die  Regesten  und  Urkundenbücher 
einzelner  Länder,  Städte  und  Stifter,  welche  hauptsächlich  durch 
Böhmers  Vorgang  veranlafst,  mit  immer  reicherer  Fülle  uns  dar- 
geboten werden;  sie  liegen  aber,  da  auf  die  Chronisten  darin  fast 
nirgends  Rücksicht  genommen  wird,  unserem  Zwecke  zu  fern,  um 
Bie  hier  aufzuzählen,  und  nur  eines  ist  von  so  überwiegender  Wichtig- 
keit, dafs  wir  es  nicht  übergehen  dürfen,  das  Riesenwerk  der  Re- 
ges ta  Pontißcum  Romanorum  bis  z.  J.  1198  von  Jaff6.  Hierin 
sind  auch  die  Chronisten  und  Biographen  benutzt,  so  weit  sie  zur 
Bestimmung  der  Aufenthaltsorte  der  Päpste  dienen,  und  man  findet 
also  darin  auch  einen  Leitfaden  für  die  Litteratur  der  Geschicht- 
schreiber der  Päpste. 


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I.  DIE  VORZEIT. 

Von  den  ersten  Anfängen  bis  zur  Herrschaft  der  Karolinger. 


§ 1.  Die  Römerzeit.  Legenden. 

Eacitus  berichtet  uns,  dafs  noch  zu  seiner  Zeit  die  Germanen 
in  ihren  Liedern  die  Thaten  des  Arminius  feierten1).  Nicht  un- 
möglich ist  es,  dafs  noch  in  den  Dichtungen  der  deutschen  Helden- 
sage, welche  Karl  der  Grofse  sammeln  und  aufschreiben  liefe3), 
dieser  uralten  Kämpfe  gedacht  wurde:  was  uns  von  einheimischer 
Sage  erhalten  ist,  reicht  nicht  weit  über  die  Zeiten  Attilas  hinauf, 
dessen  gewaltige  Hand  mit  so  übermächtiger  Kraft  alles  zer- 
schmetterte, was  ihm  entgegentrat,  dafs  auch  das  Gedächtnifs  der 
früheren  Zeit  erlosch.  Von  den  Völkerschaften,  deren  Tacitus  ge- 
denkt, weife  die  Sage  nichts ; auch  die  gothischen  und  langobardischen 
Heldenlieder,  deren  Inhalt  uns  zum  Theil  erhalten  ist,  sind  früh  ver- 
klungen. Etzel  aber,  und  Dietrich  von  Bern,  und  die  Könige  der 
Burgunden  lebten  fort  in  der  Erinnerung  des  Volks;  wir  haben  die 
Lieder,  welche  von  ihnen  reden,  aber  wie  unbestimmt  und  nebel- 
haft sind  ihre  Gestalten  geworden:  kaum  erkennt  man  noch,  ob  es 
Menschen  sind  oder  Götter.  Das  ist  die  Natur  der  mündlichen 
Ueberlieferung , in  der  es  nichts  festes  und  stätiges  giebt,  und 
schlimm  würde  es  um  unsere  Kenntnifs  der  Geschichte  stehen,  wenn 
wir  auf  jene  allein  angewiesen  wären. 

Kaiser  Ludwig  hatte  keine  Freude  an  den  Liedern  der  Ileimath, 
welche  er  in  seiner  Kindheit  erlernt  hatte3);  mit  heidnischen  Vor- 
stellungen und  Anschauungen  durchwebt,  widerstrebten  sie  seinem 
kirchlichen  Sinne,  und  wie  dieser  Kaiser,  so  verhielt  sich  auch  die 
ganze  Kirche  feindlich  gegen  diese  Sagendichtung,  so  grofee  Freude 


l)  Ann.  11,  88.  Vgl.Wackemagel,  Geschieht«  der  deutschen  Litteralur  S.  8 ff. 
a)  Einh.V.  Karoli  e.  29.  — 3)  Thegani  V.  Lud.  c.  19. 


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I.  Vorzeit.  § 1.  Römerzeit. 


auch  einzelne  ihrer  Diener  daran  haben  mochten.  Die  Kirche  aber 
führte  damals,  und  bald  für  lange  Zeit  ausschliefslich  und  allein, 
den  Griffel  und  die  Feder,  welche  sie  nicht  entweihen  wollte  durch 
die  Aufzeichnung  halb  heidnischer  Gesänge ; sie  strebte  vielmehr 
dahin,  auch  auf  dem  Felde  der  Dichtkunst  das  Christenthum  zum 
Siege  zu  führen.  Wir  gedenken  jetzt  mit  vergeblicher  Sehnsucht 
der  verlorenen  Sammlung  Karls  des  Grofsen;  allein  die  Kirche,  in 
welcher  sich  Jahrhunderte  lang  fast  das  ganze  geistige  Leben  des 
Volkes  uns  darstellt,  hat  für  diesen  Verlust  auch  reichen  Ersatz  ge- 
boten, indem  sie  die  wirkliche  Geschichte  der  Zeit  in  fester  zuver- 
lässiger Aufzeichnung  überlieferte,  freilich  oft  in  dürrer  und  reizloser 
Form,  aber  um  so  treuer  und  wahrhaftiger. 

Vor  der  Bekehrung  zum  Christenthume  kann  daher  von  ein- 
heimischen Geschichtsquellen  nicht  die  Rede  sein;  von  dem  Deutsch- 
land, welches  Arminius’  Heldenkampf  dem  römischen  Einflüsse  ent- 
zogen hat,  bringen  uns  nur  die  Werke  der  Römer  und  Griechen 
spärliche  Kunde,  und  diese  zu  berühren,  liegt  aufserhalb  der  Grenzen 
der  vorliegenden  Aufgabe.  Aber  auch  westlich  vom  Rheine,  südlich 
von  der  Donau  und  der  Teufelsmaner  liegt  gegenwärtig  viel  deutsches 
Land,  wohnte  auch  unter  der  Römerherrschaft  manch  deutscher 
Stamm,  und  nicht  ganz  ist  der  Faden  zerrissen,  welcher  in  diese 
Zeiten  hinüberführt.  Der  Boden  selber  redet  zu  uns  in  vernehm- 
licher Weise.  Noch  stehen  in  Trier  die  gewaltigen  ßanten  der 
Römer;  ihre  Thürme  und  Wälle,  ihre  Landstrafsen  und  Gräber,  die 
zahlreichen  Inschriften,  welche  die  verschiedensten  Verhältnisse  des 
Lebens  berühren,  entrollen  vor  unsern  Augen  ein  Bild  jener  Zeit, 
da  das  weltbeherrschende  Volk  sich  auch  hier  häuslich  niedergelassen 
hatte,  und  mancho  blühende  Stadt  ein  kleines  Abbild  der  ewigen 
Roma  darbot.  Wir  erkennen  noch  ihre  Capitole,  ihre  Tempel,  Theater 
und  Gerichtshallen,  ihre  Bäder  und  Villen,  ihre  Fabriken,  deren 
Stempel  auf  den  Trümmern  der  Geräthe  deutlich  zu  erkennen  sind. 
Allein  das  alles  liegt  wie  eine  fremde  Welt  hinter  uns,  eine  ge- 
waltige Kluft  trennt  uns  von  jener  Zeit,  erfüllt  von  allem  Greuel 
der  Verwüstung  und  vernichtenden  Kriegszligen.  Der  bebaute  Acker 
birgt  Reste  von  Gebäuden,  die  mit  der  sinnvollsten  Technik  dem 
Klima  gemäfs  zu  behaglicher  Bewohnung  eingerichtet,  und  mit 
reichem  Schmuck  der  Kunst  ausgestattet  waren;  aber  was  blieb 
aufser  diesen  schwachen  Spuren  übrig  von  dem  einst  so  volkreichen 
und  betriebsamen  Virunum?  In  Salzburg  fand  Sanct  Rupert  nur 
waldbewachsene  Ruinen  des  alten  Juvavum,  wilde  Thiere  hausten 
in  den  Räumen  der  Prachtgebäude.  Andere  Städte,  wie  Regensburg 


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Anfang  des  Christenthums. 


25 


und  Augsburg,  wie  Trier,  Köln  und  Mainz,  sind  bewohnt  geblieben, 
ja  man  hat  geglaubt,  dafs  ganze  römische  Stadtgemeinden  mit  ihrer 
Verfassung  und  ihren  Obrigkeiten  sich  hier  erhalten  hätten.  Eitler 
Traum!  Zu  gründlich  haben  unsere  Vorfahren  hier  aufgeräumt;  wer 
durch  Reichthum  und  ansehnliche  Stellung  hervorragte,  fiel  als  Opfer 
oder  entwich  bei  Zeiten  der  Gefahr;  einzelne  fanden  bei  den  ger- 
manischen Fürsten  als  Tischgenossen  des  Königs  Aufnahme,  aber 
nur  indem  sie  den  alten  Verhältnissen  gänzlich  entsagten,  und  sich 
dem  Gefolge  (der  Trocht)  des  neuen  Herrschers  anschlossen.  Und 
so  wurden  auch  die  übrigen  Romanen,  so  viele  ihrer  am  Leben  und 
im  Lande  blieben,  als  Hörige,  einzelne  hin  und  wieder  auch  als 
Volksgenossen,  in  die  Gemeinschaft  der  Einwanderer  aufgenommen. 

In  den  Grenzlanden,  welche  schon  durch  den  langen  Kampf 
verödet  waren,  welche  dann  die  ganze  Wucht  der  hereinbrechenden 
beutelustigen  Heerschaaren  traf,  mag  kaum  ein  römisch  redender 
Bauer  übrig  geblieben  sein;  die  Eroberer  stürmten  mit  ihren  Ge- 
fangenen weiter  und  liefsen  das  Land  verödet  hinter  sich.  Auch 
war  hier  schon  lange  die  Bevölkerung  grofsentheils  germanisch. 
Aber  in  den  Gebirgen  des  Südrandes  finden  wir  noch  nach  Jahr- 
hunderten wälsche  Bauern  erwähnt;  wo  der  Uberfluthende  Strom 
seine  Dämme  fand,  blieb  unter  der  Herrschaft  des  deutschen  Krie- 
gers auch  die  gewonnene  Beute  der  unterworfenen  Bevölkerung. 
Sie  mufste  dem  neuen  Herrn  das  Feld  bauen,  und  ihm  dienen 
mit  der  sehr  willkommenen  und  geschätzten  Arbeit  ihrer  kunst- 
fertigen Hände. 

Aber  wo  der  Knecht  den  Herrn  an  geistiger  Bildung  übertrifft, 
da  bleibt  auch  die  Rückwirkung  nicht  aus,  dafs  dieser  von  seinem 
Diener  lernt  und  manches  von  ihm  annimmt.  In  Hauswirthschaft 
und  Ackerbau  wie  im  Handwerk  haben  sicher  die  Deutschen  viel 
von  den  Wälschen  gelernt;  vorzüglich  aber  zeigt  sich  die  Einwirkung 
der  besiegten  Bevölkerung  in  der  raschen  Annahme  des  Christen- 
thums durch  die  Eroberer.  In  den  Städten  des  Niederrheins  und 
Lothringens  scheint  die  Reihe  der  Bischöfe  kaum  unterbrochen  zu 
sein,  obgleich  sich  von  der  Fortdauer  römischer  Bevölkerung,  so 
weit  noch  jetzt  die  Sprachgrenze  reicht,  keine  Spur  nachweisen  läfst. 
In  Noricum  und  Pannonien  sind  die  alten  Bischofsitze  fast  gänzlich 
von  der  Erde  verschwunden;  dagegen  hat  sich  aber  die  Verehrung 
eines  Märtyrers,  des  heiligen  Florian,  wie  es  scheint,  durch  blofse 
Tradition,  unmittelbar  an  der  alten  Grenze  erhalten. 

Denn  mit  den  römischen  Legionen  und  Handelsleuten  war  auch 
in  diese  Gegenden  schon  frühzeitig  das  Christenthum  eingedrungen, 


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26 


I.  Vorzeit.  § 1.  Römerzeit. 


und  als  das  alte  Reich  endlich  den  stets  wiederholten  Angriffen 
erlag,  hatte  die  christliche  Kirche  bereit»  in  allen  Provinzen  die 
unbestrittene  Herrschaft  errungen.  Ueber  diese  frühesten  Zeiten  der 
Kirche  in  Deutschland,  Uber  ihre  Glaubensboten  und  Blutzeugen, 
wufste  das  Mittelalter  gar  vieles  zu  erzählen;  unmittelbar  von  den 
Aposteln  und  ihren  ersten  Schülern  sollte  die  Predigt  und  die  Stiftung 
der  Bisthümer  ausgegangen  sein.  Es  ist  darüber  eine  so  reiche 
Litteratur  vorhanden,  und  diese  Erzählungen  nehmen  in  den  Chro- 
niken des  Mittelalters  eine  so  bedeutende  Stelle  ein,  dafs  wir  sie 
hier  nicht  ganz  übergehen  dürfen,  wenn  gleich  diese  kirchliche  Sage 
in  noch  weit  höherem  Grade  als  die  weltliche,  jedes  festen  Bodens 
entbehrt.  Die  Phantasie  der  Geistlichkeit,  der  Heldensage  abge- 
wandt, ergriff  mit  um  so  gröfserem  Eifer  die  kirchliche,  und  aus 
den  unscheinbarsten  Anfängen  erwuchsen  da  die  wunderbarsten 
Gebilde:  weit  verzweigte,  mit  allen  Einzelheiten  ausgeführte  Ge- 
schichten, welche  sich  immer  üppiger  entwickelten,  und  auf  die 
ganze  Denkweise  der  Menschen  den  gröfsten  Einflufs  gewannen. 
Den  reichsten  Baum  der  Dichtung  trieb  die  Legende  von  der  the- 
bäischen  Legion,  deren  Führer  Gereon  in  Köln  mit  der  heiligen 
Ursula  und  ihren  11,000  Jungfrauen  zusammentrifft.  Köln  wird  nun 
vorzugsweise  die  heilige  Stadt  durch  die  Menge  der  Heiligenleiber, 
welche  sie  bewahrt,  aber  fast  jeder  Ort  im  Rheinthale  hat  seinen 
Antheil  an  dieser  Geschichte,  und  erhält  dadurch  eine  geheimnifa- 
volle  Weihe.  In  anderen  Gegenden  sind  mehr  vereinzelte  Legen- 
den dieser  Art,  doch  fehlen  sie  auf  dem  einst  römischen  Boden 
nirgends. 

Der  leider  zu  früh  verstorbene  Rettberg1)  hat  das  grofse  Ver- 
dienst, zum  ersten  Male  alle  diese  Erzählungen  einer  zusammen- 
hängenden, systematischen,  strengen  Kritik  unterzogen  zu  haben. 
Den  einzig  richtigen  Weg  einschlagend,  hat  er  das  ganze  ungeheure 
Material  kritisch  untersucht,  der  Herkunft  und  Entstehung  jeder 
einzelnen  Nachricht  nachgeforscht,  Wohl  hatte  man  schon  früher 
einzelnes  als  unhaltbar  aufgegeben,  aber  immer  suchte  man  doch 
wieder  historisches  Material  aus  dem  Wüste  der  Fabeln  zu  gewinnen; 
man  konnte  sich  nicht  entschliefsen  auf  dasjenige,  dessen  späte  be- 
trüglicke Entstehung  einmal  nachgewiesen  war,  nun  auch  gänzlich 
zu  verzichten,  und  auch  jetzt  noch  ist  für  viele  dieser  Entschlufs 
zu  schwer:  man  will  doch  nicht  alle  scheinbare  Ausbeute  aufgeben 
für  Zeiten  und  Gegenstände,  von  denen  man  sonst  gar  nichts  weifs. 

>)  Kirchengesch.  Deutschlands,  2 Bde.  8. 1848,  bis  zum  Tode  Karls  des  Grotsen. 


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Legenden.  S.  Florian. 


27 


So  ist  es  nur  zu  gewöhnlich,  dafs  man  das  gänzlich  Unhaltbare  fort- 
wirft, aber  dasjenige  was  nicht  in  sich  unmöglich  ist,  behält  — ein 
durchaus  unhistorisches  Verfahren1). 

Wenn  es  z.  B.  feststeht,  dafs  man  von  S.  Dysibod  im  zwölften 
Jahrhundert  noch  gar  nichts  wufste,  dafs  dann  die  Nonne  Hildegard 
nach  angeblichen  Visionen  seine  Geschichte  schrieb,  die  von  chrono- 
logischen Widersprüchen  strotzt,  so  sollte  man  doch  denken,  dafs 
niemand  dieses  Märchen  ferner  als  Geschichtsquelle  benutzen  werde. 
Und  dennoch  macht  Remling  in  seiner  Geschichte  der  Bischöfe  von 
Speier  davon  Gebrauch,  obgleich  ihm  Rettbergs  Werk  nicht  imbe- 
kannt ist.  Jedem  besonnenen  und  gewissenhaften  Forscher  aber 
gewährt  die  „Kirchengeschichte  Deutschlands“  eine  feste  Grundlage 
für  die  Beurtheilung  dieser  Zeiten.  Das  Verfahren  Rettbergs  besteht 
darin,  dafs  er  die  Entstehung  der  Legenden  genau  untersucht,  und 
nachweist  wie  sie  allmählich  gewachsen  sind,  wie  anfangs  nur  die 
Namen  der  Heiligen  Vorkommen,  von  denen  einige  wenige  auf  wirk- 
lich alter  lokaler  Verehrung  beruhen;  wie  dann  zuerst  einzelne  Um- 
stände, dann  allmählich  mehr  hinzugesetzt  wird,  bis  die  ganze  Ge- 
schichte fertig  ist.  Die  Legenden  selbst  sind  grofsentheils  ohne 
Zeitangaben  Uber  ihre  Abfassung;  einen  ganz  bestimmten  Anhalt 
aber  gewähren  die  Martyrologien2),  deren  Verfasser  bekannt  sind, 
und  die  uns  daher  das  allmähliche  Anwachsen  der  Legenden  auf  das 
deutlichste  und  bestimmteste  erkennen  lassen.  Dafs  aber  solche 
spätere  Zusätze  nicht  etwa  auf  wirklicher,  durch  mündliche  Ueber- 
lieferung  bewahrter  Kenntnifs  beruhen,  das  zeigt  uns,  aufser  den 
inneren  Widersprüchen,  besonders  die  Vergleichung  mit  den  späteren 
echten  Legenden,  mit  den  Lebensbeschreibungen  der  Heiligen  aus 
geschichtlich  bekannter  Zeit,  welche  in  den  Legendarien  ebenfalls 
fortwährend  sich  verändern  und  mit  allerlei  fabelhaften  Zuthaten 
vermehrt  werden. 

Das  Ergebnils  von  Rettbergs  Kritik  ist  nun,  dafs  alle  jene  Le- 
genden Uber  die  Zeit  der  ersten  Einführung  des  Christenthums  in 
das  römische  Deutschland  späteren  Ursprungs,  dafs  für  die  wirkliche 
Geschichte  jener  Zeit  nichts  daraus  zu  lernen  ist.  Ein  günstigeres 
Urtheil  fällt  er  nur  Uber  die  Leidensgeschichte  des  heiligen  Flo- 

1 ) Vgl.  die  Worte  von  Waitz  in  den  Gott.  G.  A.  1855  S.  274:  Es  ist  hier 
geschehen,  was  manchmal  geschieht,  und  die  Leute  beruhigt:  man  hat  zeitig  die 
besonders  groben  und  anstöfsigen  Behauptungen  entfernt  und  dann  gemeint,  dafs 
das  was  allenfalls  wahr  sein  könnte,  nun  auch  Anspruch  habe  wirklich  dafür  zu 
gelten,  während  die  wahre  Kritik  anerkennt,  dafs  ein  solches  Abhandeln  bei  Sage 
und  Erdichtung  meist  gerade  am  aüerwenigsten  zur  historischen  Gewifsheit  führt. 

*)  S.  über  diese  § 2. 


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28 


1.  Vorzeit.  § 1.  Römerzeit. 


rian1).  Dieser,  ein  entlassener  Veteran,  soll  in  Folge  der  Ver- 
folgungsedicte  von  Diocletian  und  Maximian  (304)  auf  Befehl  des 
Aquilinus,  Präses  von  Ufernoricum,  zu  Lorch  in  die  Ens  gestürzt 
sein.  Ungeachtet  eines  schweren  Steins,  der  an  seinen  Hals  ge- 
bunden ist,  trägt  ihn  der  Flufs  auf  einen  hervorragenden  Fels,  von 
wo  eine  fromme  christliche  Frau  ihn  in  Folge  einer  Vision  zur  Be- 
stattung abholt.  Diese  Erzählung  aber  ist  eine  so  deutliche  Nach- 
ahmung dessen,  was  Hieronymus  in  seiner  Chronik  vom  Bischof 
Quirin  von  Sissek  erzählt,  dafs  sich  die  absichtliche  Erdichtung  darin 
kaum  verkennen  läfst.  Denn  es  ist  eben  eine  Eigenthümlichkeit 
dieser  späteren  Legendenfabrication,  dafs  sich  in  benachbarten  Ge- 
genden immer  dieselben  Todesarten  und  Wunder  wiederholen;  die 
Phantasie  des  Mittelalters  erscheint  darin  arm  und  dürftig.  Auch 
finden  sich  diese  Angaben  Uber  Sanct  Florians  Ende  erst  in  Mar- 
tyrologien  des  nennten  Jahrhunderts,  die  Handschriften  der  Legende 
reichen  nicht  Uber  das  zehnte  Jahrhundert  hinauf,  und  nichts  weist 
darauf  hin,  dafs  sie  etwa,  wie  das  Leben  Severins,  in  Italien  auf- 
bewahrt und  von  dort  zurückgebracht  wäre. 

Um  so  wahrscheinlicher  ist  es,  dafs  wirklich  eine  ununter- 
brochene Örtliche  Ucberlieferung  das  Andenken  dieses  Märtyrers  be- 
wahrt habe.  Denn  wo  sich  jetzt  mächtig  und  gebietend  das  schöne 
Chorherrnstift  St.  Florian  erhebt,  da  galt  schon  vor  mehr  als  tausend 
Jahren  der  Boden  für  heilig,  weil  hier  „der  kostbare  Märtyrer  Sanct 
Florianus“  ruhe,  lange  bevor  die  Verfasser  der  Martyrologien  den 
Ort  seines  Leidens  kannten.  Also  selbst  im  Flachlande,  vielleicht 
in  den  Resten  der  einst  bischöflichen  Stadt  Lorch,  haben  Christen 
durch  alle  Stürme  der  Völkerwanderung  das  Andenken  Sanct  Flo- 
rians bewahrt,  und  vielleicht  die  Kunde  von  seinem  Stande  und  der 
Zeit  seines  Todes,  während  weiter  oben  im  Gebirge  von  Maximi- 
lian nur  der  Name  und  der  Ort  seines  Begräbnisses  im  Gedächtnifs 
blieb,  Severin  aber  gänzlich  vergessen  zu  sein  scheint,  bis  aus 
Italien  Handschriften  seiner  Lebensbeschreibung  nach  Deutschland 
kamen  und  sein  Andenken  erneuten.  Denn  am  festesten  haftete 
immer  die  Erinnerung  am  Grabe  der  Heiligen. 

Diesem  Umstande  verdanken  wrir  auch  die  Erhaltung  einer  an- 
deren Legende,  der  Leidensgeschichte  der  Heiligen  Vier 
Gekrönten,  welche  Rettberg  unbekannt  geblieben  ist2).  Sie  be- 

')  I,  157.  Passiv  S.  Floriani,  aus  einer  S.  Etnmeramer  Handschrift  saec.  X. 
bei  Pez  SS.  1,36.  Vgl.  dazu  Glück,  die  Bisthümer  Norieums,  besonders  das  Lorchische, 
zur  Zeit  der  römischen  Herrschaft.  Sitzungsberichte  der  Wiener  Ak.  XVII,  60. 

2)  Passiv  Sanctorum  Quatuor  Coronatorum,  herausgeg.  von  Wattenbach, 
mit  einem  Nachwort  von  Karajan,  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Akademie, 


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Vier  Gekrönte. 


29 


richtet  uns  von  vier  christlichen  Arbeitern  in  den  Steinbrlichen 
Pannoniens,  welche  noch  einen  ihrer  Genossen  bekehren;  ihn  tauft 
der  in  Ketten  dorthin  verbannte  Bischof  Cyrill  von  Antiochien.  Das 
ist  ein  merkwürdiger  Fingerzeig  für  die  Ausbreitung  des  Christen- 
thums. Rettberg,  der  nicht  nur  das  spätere  Fabelwerk  mit  schonungs- 
loser Kritik  zerstört,  sondern  auch  den  wirklichen  Verlauf  der  Be- 
kehrung dieser  Lande  mit  gröfster  Sorgfalt  aus  den  einzelnen 
Anhaltpunkten  nachgewiesen  hat,  ist  zu  dem  Resultate  gekommen, 
dafs  für  dieselbe  nicht  sowohl  eigentliche  Missionare  thätig  waren, 
als  vielmehr  die  christlichen  Soldaten'),  Handelsleute  und  Arbeiter, 
welche  hierher  kamen,  während  die  späteren  Legenden  durchgehends 
die  Gründung  der  Kirchen  durch  die  Apostel  und  ihre  ersten  Schüler 
behaupten.  Die  Verbannung  gefangener  Christen  in  die  Steinbrüche 
Pannoniens,  und  wohl  auch  anderer  Lande,  wird  das  Ihrige  dazu 
beigetragen  haben.  Es  erklärt  sich  aber  aus  dieser  unmerklichen 
und  unscheinbaren  Verbreitung  auch  zur  Genüge,  warum  keine 
Schriftsteller  das  Andenken  derselben  aufbewahrt  haben.  Jene 
Arbeiter  nun  fielen  dem  Neide  ihrer  Gesellen  durch  Diocletians 
Spruch  zum  Opfer,  so  gerne  dieser  auch  anfangs  seine  geschicktesten 
Arbeiter  sich  erhalten  wollte.  Die  Reliquien  der  fünf  Arbeiter 
finden  sich  später  zu  Rom  in  der  Kirche  der  heiligen  Vier  Ge- 
krönten, römischer  Unterofficiere  oder  Sergeanten,  mit  denen  sie 
nur  hierdurch  in  zufällige  Verbindung  gebracht  sind,  und  dies  hat 
auch  eine  Verschmelzung  ihrer  Legenden  zur  Folge  gehabt.  Viel- 
leicht erst  hierdurch  sind  auch  chronologische  Widersprüche  hinein- 
gekommen, aber  alt  ist  die  Legende  sicher;  sie  mufs  geschrieben 
sein,  bevor  Pannonien  von  den  Barbaren  überschwemmt  war,  und 
das  Treiben  in  den  Steinbrüchen  ist  mit  solcher  Anschaulichkeit 
und  auch  mit  so  durchgängiger  Beibehaltung  der  technischen  Aus- 
drücke geschildert,  dafs  der  Verfasser  selbst  noch  dort  gearbeitet  zu 
haben,  oder  wenigstens  anwesend  gewesen  zu  sein  scheint. 

W7ährend  nun  also  diese  Legende  noch  die  ungestörte  Römer- 
herrschaft in  diesen  Gegenden  voraussetzt,  führt  uns  eine  andere  so 
recht  mitten  hinein  in  die  Stürme  der  Völkerwanderung,  und  wir 
können  es  uns  daher  nicht  versagen,  bei  dieser  etwas  länger  zu 
verweilen. 

X,  115 — 137.  Sie  findet  sich  auch  schon  in  dem  Sanetuarinm  des  Mombritius, 
I.  foL  160.  Vgl.  Büdinger,  Oesterreich.  Gesch.  I,  31. 

')  Vgl.  die  Verschleppung  des  Dolichenoscult  durch  römische  Soldaten;  G.  Seidl 
in  den  Wiener  Sitzungsher.  XU,  4. 


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I.  Vorzeit.  § 2.  S.  Severin. 


§ 2.  Das  Leben  des  heiligen  Severin. 

Ausgabe  von  Welser  in  Augsburg  1595,  (Opera  4.  p.  653)  aus  einer  HS.  des  10.  Jahrh. 
in  S.  Emmeram,  der  ältesten  in  Deutschland.  Den  hier  fehlenden  Brief  Eugipps  an 
Paschasius  gab  Canisius  Antiquae  Lectt.  VI,  53,  I,  411.  Danach  das  Ganze  voll- 
ständig in  der  zweiten  Ausgabe  des  Surius  und  Acta  SS.  Jan.  I,  484  mit  Commentar 
von  Boiland.  Nach  den  minder  guten , wie  es  seheint  überarbeiteten , östreichischen 
Handschriften  in  H.  Pez  SS.  I,  64,  und  daraus  bei  Muchar,  das  römische  Noricum 
II,  152  — 239,  mit  Commentar.  Uebersetzung  von  Carl  Ritter,  mit  Anmerkungen. 
Linz  1853.  8.  Eugippii  Opera  bei  Mignc  vol.  62.  Vgl.  Rettberg,  I,  226.  Ueber  die 
Handschriften  Dudik,  Itcr  Romanum  I,  62.  Büdinger,  Oesterr.  Gesch.  I,  47  ff. 

Die  Lebensbeschreibung  des  heiligen  Severin,  von  seinem  Schüler 
Eugippius  verfafst,  ist  für  uns  von  ganz  unschätzbarem  Werthe, 
indem  sie  einen  hellen  Lichtstrahl  wirft  in  Zeiten  und  Zustände,  von 
denen  wir  sonst  gar  nichts  wissen  würden,  wie  denn  auch  vorher 
und  nachher  tiefe  Finstemifs  diese  Donauländer  bedeckt.  Keine 
andere  Quelle  giebt  uns  in  so  reichhaltiger  Weise  ein  Bild  des 
christlich  gewordenen,  und  bereits  mit  vollständiger  kirchlicher  Ein- 
richtung versehenen  Römerlandes  im  Süden  der  Donau;  unmittelbar 
vor  der  Vernichtung  zeigt  ein  günstiges  Geschick  uns  das  Bild 
dieser  Gegenden  und  ihrer  Bevölkerung  in  scharfen  und  lebensvollen 
Umrissen. 

Attila  war  gestorben,  und  die  frei  gewordenen  Völker  wenden 
nun  ihre  Waffen  gegen  einander  und  gegen  die  kläglichen  Ueber- 
bleibsel  des  römischen  Reiches.  Alamannen  und  Thüringer  hatten 
den  Grenzwall  durchbrochen  und  drangen  in  Rhätien  immer  weiter 
gegen  Süden  und  Osten  vor.  In  Noricum  hielt  sich  noch  die  römische 
Bevölkerung,  aber  in  welchem  Zustand ! Von  allen  Seiten  wurden 
sie  schwer  bedrängt  durch  die  vorrUckenden  Barbaren  — denn  so 
nannten  damals  und  noch  lange  nachher  nicht  nur  die  Römer,  son- 
dern auch  die  Deutschen  selbst  alle  Nichtrömer.  Jenseits  der  Donau 
schalteten  die  Rugier,  durch  häufige  Streifzüge  das  Land  bedrängend, 
nnd  bald  auch  diesseits  festen  Fufs  fassend.  Sie  sowohl  wie  die 
Gothen  in  Pannonien  waren  Arianer,  den  katholischen  Romanen  fast 
noch  verhafster  wie  die  Heiden.  In  Kommagena,  einer  bald  darauf 
völlig  verschwundenen  Römerstadt  unweit  Tuln,  hatten  bereits  Bar- 
baren sich  festgesetzt;  unfähig  sie  zu  vertreiben,  schlossen  die  Römer 
ein  BUndnifs  mit  ihnen,  und  die  Einwohner  lebten  nun  wie  Ge- 
fangene in  ihrer  eigenen  Stadt.  Da  tritt  plötzlich,  ungehindert  durch 
die  Wachen,  Severinus  unter  sie : eben  war,  wie  er  vorher  verkündigt 
hatte,  die  benachbarte  Stadt  Astura  gänzlich  zerstört  worden,  und 
gläubig  horchte  man  nun  auf  seine  Worte,  da  er  Rettung  verhiefs, 
fastete  und  betete,  bis  plötzlich  in  der  Nacht  ein  Erdbeben  die  Bar- 
baren in  Schrecken  setzt;  voll  Angst  eilen  sie  aus  den  Thoren  und 


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Leben  des  h.  Severin. 


31 


morden  sich  gegenseitig  in  der  Finsternifs  und  Verwirrung.  So  war 
die  Stadt  von  ihren  Drängern  befreit,  allein  was  war  damit  gewonnen! 

Nur  von  den  Städten  aus  wurde  noch  das  Feld  gebaut,  und 
nur  zu  häufig  fielen  Ernte  und  Schnitter  in  die  Hände  der  Barbaren ; 
Hunger  verwüstete  das  reiche  und  fruchtbare  Land,  wenn  die  Zu- 
fuhr auf  dem  Inn  ausblieb.  Die  Grenzsoldaten  erhielten  aus  Italien 
keinen  Sold  mehr,  und  in  Folge  davon  lösten  ihre  Schaaren  sich 
auf;  nur  die  Batavische  Cohorte  in  Passau  hielt  noch  zusammen, 
und  einige  von  ihnen  machen  sich  auf,  um  den  Sold  Uber  die  Alpen 
zu  holen,  werden  aber  unterwegs  erschlagen.  Vor  der  Donaustadt 
Favianae,  zwischen  Passau  und  Wien,  erscheinen  plötzlich  Räuber 
und  führen  alles  hinweg,  was  sie  aufserhalb  der  Mauern  finden, 
Menschen  und  Vieh.  Der  Tribun  Mamertinus  hat  so  wenig  Mannschaft, 
dafs  er  keinen  Ausfall  wagen  will,  bis  Severin  ihm  den  göttlichen 
Beistand  verheifst;  da  zieht  er  muthig  hinaus  und  gewinnt  den  Sieg. 

Eine  der  wunderbarsten  Erscheinungen  ist  dieser  Severin.  Nie 
hat  er  sagen  wollen,  wer  er  sei,  woher  er  stamme;  nur  dafs  er  aus 
dem  fernen  Osten  komme,  nahm  man  aus  seinen  Reden  ab,  und  an 
der  Sprache  glaubte  man  einen  Afrikaner  zu  erkennen.  Von  vor- 
nehmer Abkunft,  so  schien  es,  hatte  er  sich  in  die  Einsamkeit  zu 
den  heiligen  Vätern,  vermuthlich  in  die  thebaische  Wüste,  zurück- 
gezogen ; dann  aber  trieb  ihn,  wie  er  selber  andeutete,  eine  göttliche 
Stimme,  den  bedrängten  Bewohnern  des  Ufernoricum  Trost  und 
Hülfe  zu  bringen.  Seine  Enthaltsamkeit  erschien  übermenschlich; 
bei  der  heftigsten  Kälte  ging  er  barfufs,  und  an  die  strengsten 
Fasten  gewöhnt,  schien  er  Hunger  und  Entbehrung  nur  in  der  Seele 
der  Nothleidenden  zu  empfinden.  So  durchzog  er  das  ganze  Land, 
ermahnend,  Bufse  predigend,  tröstend,  vor  allem  aber  Hülfe  bringend, 
soviel  er  vermochte.  Förmliche  Zehnten  forderte  er  ein,  um  Ge- 
fangene loszukaufen,  Arme  zu  unterstützen.  Sein  Ansehen  war  bald 
grofs  im  Lande;  unbedingte  Herrschaft  Uber  die  Natur  mafs  man 
ihm  bei,  und  Gottes  Zorn  traf  jeden,  der  auf  sein  Wort  nicht  achtete. 

Den  merkwürdigsten  Gegensatz  bildet  dieses  Land,  welches  in 
seiner  Bedrängnifs  sich  willig  der  Leitung  eines  frommen  gott- 
begeisterten Mönches  hingiebt,  zu  den  sittenlosen  Grenzstädten 
Galliens,  über  deren  Verderbtheit  und  Leichtsinn  Salvian  vergeblich 
eiferte,  zu  Trier,  wo  „selbst  noch  bei  dem  Sturme  der  fränkischen 
Sieger  auf  die  Stadt  Jung  und  Alt  der  zügellosesten  Schlemmerei 
und  Ausschweifung  sich  ergiebt,  mit  wahrer  Raserei  alles  dem  un- 
ausweichbaren  Untergang  trunken  und  prassend  entgegenstürzt  *).“ 

•)  Rettberg  I,  25. 


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32 


I.  Vorzeit.  § 2.  S.  Severin. 


Severins  Ansehen  beugten  sich  auch  die  Fürsten  der  Barbaren, 
selbst  jene  böse  Königin  Gisa,  welche  rechtgläubige  Katholiken  um- 
taufen wollte;  halb  aus  Wohlwollen,  halb  aus  Furcht  erfüllten  sie 
seine  Bitten,  achteten  sie  auf  seine  Ermahnungen ; seinen  Rath- 
schlägen dankte  der  Rugierkönig  Flaccitheus  seine  friedliche  Re- 
gierung. Schützte  Severin  die  Römer  manchmal  durch  Ermuthigung 
zu  kräftigem  Widerstand,  und  durch  Vorhersagen  feindlicher  An- 
griffe, so  wandte  er  doch  häufiger  durch  seine  Fürbitten  Gefahren 
ab,  und  erlangte  die  Freigebung  der  Gefangenen.  An  vielen  Orten 
hatte  er  Klöster  errichtet,  die  nach  der  Weise  des  Morgenlandes  aus 
einer  Vereinigung  einzelner  Hütten  bestanden,  das  gröfste,  in  welchem 
er  sich  am  häufigsten  aufhielt,  bei  Favianae,  einem  jetzt  spurlos 
verschwundenen  Orte.  Hier  traten  einst  einige  Barbaren  zu  ihm, 
die  nach  Italien  zogen  und  ihn  um  seinen  Segen  baten;  unter  ihnen 
Odoakar,  damals  noch  ein  gemeiner  Krieger  und  mit  schlechten 
Thierfellen  nothdürftig  bekleidet,  aber  so  hochgewachsen  dafs  er  sich 
bücken  mufste,  um  nicht  die  Decke  der  Zelle  zu  berühren.  Geh, 
sagte  Severin  zu  ihm,  geh  nach  Italien;  jetzt  deckt  dich  noch  ein 
geringes  Gewand,  aber  bald  wirst  du  vielem  Volke  grofse  Gaben 
auszutheilen  haben.  Als  König  gedachte  Odoakar  dieser  Weissagung, 
und  forderte  Severin  auf  sich  eine  Gnade  auszubitten,  worauf  dieser 
für  einen  Verbannten  Verzeihung  erlangte. 

Severin  konnte  es  doch  nicht  hindern,  dafs  Stadt  auf  Stadt  in  die 
Hände  der  Feinde  fiel.  Die  Rugier  bemächtigten  sich  der  Stadt  Fa- 
vianae und  der  benachbarten  Orte ; ihre  Herrschaft  gewährte  wenig- 
stens Schutz  gegen  die  wilderen  Feinde,  welche  alle  weiter  aufwärts 
gelegenen  Burgen  und  Städte  zerstörten.  Die  geflüchteten  Einwohner 
führte  König  Feva  aus  Lorch,  wo  sie  sich  gesammelt  hatten,  in  die 
ihm  unterthänigen  Städte.  Juvavum  dagegen  wurde  von  den  Herulern 
gänzlich  verheert,  während  Tiburnia  in  Oberkärnthen , an  dessen 
Namen  noch  Debern  im  Lurnfeld  erinnert,  eine  Belagerung  der 
Gothen  glücklich  überstand.  Noch  im  sechsten  Jahrhundert  waren 
hier  christliche  Bischöfe;  dann  aber  unterlag  auch  diese  uralte  Stif- 
tung, sowie  die  alte  Bischofstadt  Pettau,  den  Slaven  und  Avaren. 

Den  8.  Januar  481  oder  482  starb  Severin.  Feva’s  Bruder 
Friedrich  plünderte  gleich  darauf  sein  Kloster;  innere  Kriege  unter 
den  Rugiern  und  Odoakars  Feldzug  gegen  sio  mehrten  die  Bedräng- 
nifs  der  Römer,  bis  endlich  sechs  Jahre  nach  Severins  Tod  Odoakar 
die  ganze  römische  Bevölkerung  aus  Noricum  abrief  und  ihr  in 
Italien  Land  anwies.  Dadurch  erklärt  es  sich,  dafs  gerade  hier  von 
den  alten  und  einst  so  bedeutenden  Römerstädten  fast  jede  Spur 


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Leben  des  h.  Severin. 


33 


verschwand,  und  nur  schwache  Reste  einer  unterwürfigen  roma- 
nischen Bevölkerung  in  den  Gebirgen  zurückblieben.  Damals 
scheint  auch  der  heilige  Antonius  Noricum  verlassen  zu  haben; 
er  war  aus  Pannonien  zu  Severin  noch  kurz  vor  dessen  Tode  ge- 
kommen, wie  Ennodius  in  der  Lebensbeschreibung  des  Antonius 
berichtet l). 

Severins  Mönche  folgten  mit  Freuden  dem  Rufe,  welcher  sie 
aus  der  Knechtschaft  erlöste;  der  Anordnung  ihres  Meisters  gemäfs 
führten  sie  dessen  Leiche  mit  sich  bis  nach  Neapel,  wo  sie  endlich 
Ruhe  fanden.  Hier  richtete  ihnen  eine  vornehme  Frau,  Namens 
Barbaria,  ein  Kloster  ein  im  Casteilum  Lucullanum,  dessen  Name 
noch  das  Andenken  der  üppigen  Gärten  Luculls  bewahrte;  ebenda 
war  kurz  zuvor  auch  dem  letzten  römischen  Kaiser  sein  Aufenthalt 
angewiesen  worden. 

In  diesem  Kloster  nun  war  EugippiuB  Abt,  ein  Schüler  Se- 
verins, der  nach  Kassiodors  Zeugnifs  von  weltlicher  Gelehrsamkeit 
nicht  gar  viel  wufste,  aber  in  den  heiligen  Schriften  wohl  belesen 
war3),  der  Verfasser  eines  Auszugs  aus  den  Schriften  des  heiligen 
Augustin3).  Mit  bedeutenden  Kirchenschriftstellern  der  Zeit  stand 
er  im  Briefwechsel.  Diesen  Eugippius  nun  forderte  ein  ungenannter 
Laie  auf,  ihm  Materialien  zu  einer  Lebensbeschreibung  Severins  zu 
geben;  er  zeichnete  darauf  auch  wirklich  seine  Erinnerungen  auf, 
sandte  dieselben  aber  (511)  nicht  an  jenen  Laien,  denn  das  erschien 
ihm  unpassend,  sondern  an  den  gelehrten  Diakonus  Paschasius, 
mit  der  Bitte  sie  zu  einer  förmlichen  Lebensbeschreibung  zu  ver- 
arbeiten. Zugleich  sandte  er  ihm  in  dem  Boten  einen  Mann,  der 
als  Augenzeuge  Uber  die  Wunder  berichten  sollte,  welche  auf  dem 
Zuge  durch  Italien  an  Severins  Sarg  geschehen  waren.  Paschasius 
aber  lehnte  jede  Aenderung  an  Eugipps  Aufzeichnungen  ab,  und 
sowie  wir  uns  Uber  den  Verlust  jener  Wunder  leicht  trösten  können 
(denn  davon  berichtet  schon  Eugippius  selbst  zu  viel),  so  müssen 
wir  dem  Paschasius  sogar  sehr  dankbar  sein,  dafs  er  das  ihm  über- 
sandte Werk  unberührt  gelassen  hat.  Die  kunstgerechten  Bücher 
jener  Zeit,  wie  z.  B.  die  Schriften  des  Ennodius  und  manche  von 
Kassiodor,  sind  durch  eine  Ueberftille  gesuchter  Antithesen  und 
wortreichen  Phrasenschwall  so  unerträglich  schwülstig  und  geziert, 

*)  Vita  S.  Antonii  I.irinensis  auct  Ennodio  episcopo  Ticinensi  in  den  ver- 
schiedenen Ausgaben  der  Werke  des  Ennodius. 

*)  Divin.  Leclionum  e.  23:  quem  nos  quoque  vidimus,  virum  quidem  non 
usqne  adeo  secularibus  literis  eruditum,  sed  scripturarum  divinarum  lectione  ple- 
nissimum.  Vgl.  Fabrieii  Bibi.  s.  v.  Eugippius. 

*)  Sehr  gerühmt  von  Notker,  bei  Dütnmler,  Fonnelbuch  Salomons  III.  S.  65. 

3 


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34 


I.  Vorzeit.  § 2.  S.  Severin.  3.  Gattungi— 


dafs  man  oft  nur  mit  Mühe  den  Sinn  der  Worte  enträthselt.  Das 
galt  in  den  Rhetorenschulen  als  schöner  Stil. 

Eugipps  Aufzeichnungen  dagegen  sind  ganz  einfach  und  schmuck- 
los, ohne  strenge  Reihenfolge  und  Ordnung,  aber  um  so  mehr  der 
treue  Ausdruck  dessen,  was  ihm  in  seiner  Erinnerung  als  das  be- 
merkenswertheste  erschienen  war.  Gerade  darin  liegt  der  Haupt- 
vorzug dieser  Lebensbeschreibung  vor  den  zahlreichen  Legenden, 
aus  deren  salbungsvollem  Wortreichthum  die  wenigen  geschichtlichen 
Nachrichten  mühsam  hervorgesucht  werden  müssen. 

Das  Leben  Severins  finden  wir  schon  bald  nach  seiner  Ent- 
stehung bei  dem  sogenannten  Anonymus  Valesianus1),  im  Anfänge 
das  siebenten  Jahrhunderts  von  Isidor  erwähnt,  im  achten  von 
Paulus  Diakonus  benutzt;  um  dieselbe  Zeit  verfafste  man  zu  Neapel 
einen  Hymnus,  dem  dasselbe  zu  Grunde  liegt2).  Bald  wurde  es 
dann  auch  an  dem  Schauplatz  seiner  Wirksamkeit  bekannt,  denn 
schon  im  Jahre  903  erwarb  die  Passauer  Kirche  eine  Handschrift 
desselben  von  dem  Chorbischof  Madalwin3).  Eigenthümlich  sind  die 
Wirkungen,  welche  hier  von  diesem  Werke  ausgingen.  Man  las 
darin  von  der  grofsen  alten  Stadt  Favianae,  die  man  nirgends  fand, 
und  da  man  nun  bei  Wien  alte  Römersteine  aufgrub,  so  zweifelte 
man  nicht  daran,  dafs  hier  einst  Favianae  gelegen  habe;  Otto  von 
Freising  und  Herzog  Heinrich  von  Oestreich  nahmen  diese  Meinung 
an,  und  sie  hat  sich  bis  auf  die  neuesten  Zeiten  behauptet,  bis  endlich 
Blumberger  sie  siegreich  widerlegte4). 

Viel  schlimmere  Folgen  hatte  es,  dafs  man  in  Passau  nun  er- 
fuhr, Lorch  habe  einst  Bischöfe  gehabt,  lange  bevor  Salzburg  den 
Krummstab  führte.  Es  lag  nahe,  sich  als  Erben  der  benachbarten 
Stadt  zu  betrachten,  welche  jetzt  zum  Passauer  Sprengel  gehörte; 
aber  der  einmal  angefachte  Ehrgeiz  strebte  immer  weiter:  um  dem 
Vorrang  des  jüngeren  Salzburg  nachdrücklicher  entgegentreten  zu 
können,  wurde  ein  Erzbisthum  Lorch  erdacht  und  bald  zu  fabel- 
hafter Gröfse  ausgedehnt;  neu  angefertigte  Legenden  von  St.  Quirin 
und  Maximilian  mufsten  die  Beweise  dazu  hergeben,  untergeschobene 
Urkunden  das  Vorgeben  unterstützen,  und  mit  Hülfe  dieser  Waffen 
setzte  Passau  wirklich  bei  dem  leicht  getäuschten,  namentlich  in 
geschichtlicher  Kritik  wenig  erfahrenen  Stuhle  Petri  seine  Ansprüche 

■)  Nachgewiesen  von  Glück,  die  Bisthümer  Noricums,  a.  a.  0.  S.  77. 

2)  Neapolis  gaude  redimila  feslis,  Plaude  caciestem  retineos  patronum  etc. 
Ozanatn,  Documents  inedits  p.  241. 

3)  Mon.  Boica  XXVIII,  2,  201. 

*)  Archiv  d.W.  A.  1849.  11,355.  Vgl.  Böcking,  Notilik  Dign.Occ.  p.747 — 750. 
Glück,  die  Bisthümer  Noricums  S.  76. 


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Das  Erzbisthum  Lorch. 


35 


durch,  und  wufste  sich  seit  dem  Ende  des  siebzehnten  Jahrhunderts 
der  rechtmäfsigcn  Salzburger  Metropolitangewalt  zu  entziehen.  Viel 
gröfser  aber,  oder  doch  fUr  uns  bedeutender,  ist  das  Unheil,  welches 
diese  Fälschungen  in  der  Geschichtsforschung  angerichtet  haben; 
noch  Rettbergs  Werk  trägt  bedeutende  Spuren  davon,  und  es  wird 
noch  eine  gute  Weile  dauern,  bis  es  gelingt,  diesen  häfslichen  Spuk 
gänzlich  aus  der  Geschichte  zu  Verbannen.  Aufgedeckt  aber  ist  die 
ganze  Sache  jetzt,  und  mit  ebenso  unermüdlichem  Fleifse  wie  be- 
sonnenem Scharfsinn  nachgewiesen  in  E.  Dümmlers  Werk  Uber  Pili- 
grim  von  Passau  und  das  Erzbisthum  Lorch,  Leipzig  1854,  8. 

Severins  Leben  ist  der  letzte  Sonnenblick  vor  einer  Zeit  der 
äufsersten  Finsternifs,  wie  der  Abendstrahl  durch  die  Grotte  des 
Posilipp.  Erst  viel  später,  und  von  der  andern  Seite,  von  Gallien 
aus,  werden  wir  Deutschland  wieder  erreichen  können.  Von  dort 
wurde  ihm  aufs  Neue  die  litterarische  Cultur  gebracht,  vermittelt 
durch  diejenigen  Stämme  des  deutschen  Volks,  welche  auf  rö- 
mischem Boden  sich  niedergelassen  hatten,  und  hier  die  Schüler 
ihrer  Feinde  geworden  waren.  Die  Geschichtschreibung,  welche 
sich  im  römischen  Reiche  während  der  letzten  Jahrhunderte  ent- 
wickelte, bildet  die  Grundlage  der  mittelalterlichen,  welche  mit  ihr 
im  unmittelbaren  Zusammenhänge  steht,  und  es  ist  deshalb  nothwen- 
dig,  daft  wir  sie  auch  hier  etwas  ausführlicher  ins  Auge  fassen,  da 
sonst  die  Entwickelung  der  deutschen  Historiographie  nicht  verständ- 
lich sein  würde. 

§ 3.  Die  Anfänge  und  Gattungen  der  christlichen 
Geschichtschreibung. 

B&hr,  Geschichte  der  Römischen  Litteratur.  Supplementband.  Die  christlich  - römische 
Literatur.  I.  Abtheilung.  Die  christlichen  Dichter  und  Geschichtschreiber.  Carlsruhe, 
1836.  8. 

Das  Mittelalter  ist  durch  keine  bestimmte  Grenzlinie  vom  Alter- 
thum geschieden;  lange  Zeit  laufen  beide  gewissermafsen  parallel 
nebeneinander  her.  Das  unterscheidende  Element  ist  das  Christen- 
thum, welches  das  antike  Wesen  zersetzt,  und  theils  vernichtet  theils 
umformt;  dann  das  Eintreten  ganz  neuer  Völker  in  die  Geschichte, 
welche  nach  und  nach  den  Schwerpunkt  ihrer  Entwickelung  zu  sich 
hinüberziehen.  Die  classisch  - heidnische  Litteratur  gehört  einem 
anderen  Gebiete  an,  und  liegt  unserer  Aufgabe  fern;  allmählich  er- 
starb in  ihr  das  Leben,  und  auch  die  Geschichtschreibung  be- 
schränkte sich  immer  mehr  auf  Auszüge  aus  den  älteren  Werken. 
Hieran  konnte  sich  natürlich  keine  weitere  Entwickelung  anknüpfen. 

3 * 


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36 


I.  Vorzeit.  § 3.  Anfang«  und  Gattungen. 


Den  vorhandenen  Stoff,  wie  ihn  besonders  Eutropius  zubereitet  hatte, 
fafste  zuletzt  noch  einmal  Paulus  Diakonus  in  seiner  Römischen 
Geschichte  zusammen,  und  machte  ihn  durch  Verschmelzung  mit  der 
Kirchengeschichte  flir  seine  Zeit  brauchbarer.  So  ging  er  in  das 
Mittelalter  hinüber,  und  bildete  hier  die  Grundlage  aller  Kenntnifs 
der  römischen  Welt.  Aber  ungeachtet  der  christlichen  Zusätze  und 
Fortsetzungen  blieb  doch  dieses  Werk  nur  eine  todte  Masse ; die 
lebendige  neue  Entwickelung  schlofs  sich  an  die  christliche  Geschicht- 
schreibung, welche  sich  für  die  veränderte  Auffassung  und  andere 
Bedürfnisse  auch  neue  Formen  erschuf. 

Die  römische  Weltgeschichte  konnte  den  Christen  unmöglich 
genügen,  die  eigene  Geschichte  der  römischen  Republik  sie  nur 
wenig  anziehen.  Ihnen  war  das  Wesentliche  in  der  Weltgeschichte 
die  Geschichte  des  Reiches  Gottes,  der  Mittelpunkt  lag  ihnen  in  der 
jüdischen  Geschichte,  und  davon  meldeten  die  Werke  der  Römer 
nichts.  Daher  fand  auch  Adelperga  den  Eutrop,  welchen  Paulus 
Diakonus  ihr  zu  lesen  gegeben,  so  ungenügend,  und  einige  Zusätze 
konnten  hier  nichts  helfen;  es  mufste  eine  ganz  neue  Weltgeschichte 
aufgestellt  werden,  die  mit  dem  veränderten  Standpunkte  im  Ein- 
klang war,  die  namentlich  auch  das  hohe  Alter  der  jüdischen  Cultur, 
die  spätere  Entstehung  der  heidnischen  Staaten  nachwies.  Um  dieses 
möglich  zu  machen,  kam  es  vor  allem  darauf  an,  das  chronologische 
Verhiiltnifs  der  heiligen  und  profanen  Geschichte  zu  bestimmen,  um 
dann  eine  Verschmelzung  der  beiderseitigen  Nachrichten  vornehmen 
zu  können.  Diese  Aufgabe  löste,  nach  dem  Vorgänge  des  Sextus 
Julius  Africanus,  Eusebius  (264 — 340);  seine  zwei  Bücher  All- 
gemeiner Geschichte  enthielten  zuerst  in  darstellender  Form  die 
Chronographie,  dann  tabellarisch  den  synchronistischen  Kanon.  Auf 
diesem  grofsen  Werke  beruhen  alle  späteren  Weltchroniken,  der  By- 
zantiner sowohl  wie  des  Abendlandes,  während  zugleich  aus  seiner 
Kirchengeschichte  das  Mittelalter  alle  seine  Kenntnifs  von  den  An- 
fängen der  christlichen  Kirche  schöpfte.  Dieses  letztere  Werk  hatte 
für  die  Lateiner  Rufinus  bearbeitet  und  fortgesetzt,  die  Chronik  aber 
Hieronymus,  welcher  sie  zugleich  bis  378  fortsetzte1). 

Diese  Chronik  des  Hieronymus  finden  wir  vollständig  oder  im 
Auszug  an  der  Spitze  aller  umfassenden  Chroniken  des  Mittelalters; 
er  war  ihre  Grundlage  und  ihr  Vorbild,  und  dadurch  war  die  knappe 
Form  der  annalistischen  Aufzeichnung  gegeben.  Darstellende  Werke 
aller  Art  hatten  daneben  freien  Raum,  aber  um  eine  übersichtliche 

l)  Opera  S.  Hier.  ed.  Vallars.  Tom.  VIII.  Bahr  S.  93  — 98.  Vgl.  Bcrnays, 
Scaliger  S.  92.  217. 


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Hieronymus  und  seine  Fortsetzer. 


37 


Anschauung  von  dem  chronologischen  Zusammenhänge  der  Welt- 
begebenheiten zu  erhalten,  war  diese  Form  unstreitig  die  an- 
gemessenste, wie  man  ja  auch  heut  zu  Tage  der  Tabellen  zu  diesem 
Zwecke  nicht  entbehren  kann.  Sehr  dürftig  und  ungenügend  freilich 
erscheint  uns  diese  Form,  wo  sie  fast  allein  und  ausschliefslich  zur 
Ueberlieferung  der  geschichtlichen  Ereignisse  verwandt  wird,  wie 
dies  in  den  nächsten  Jahrhunderten  nach  Hieronymus  der  Fall  war. 
Diese  ersten  magern  Fortsetzungen  seiner  Chronik  sind  für  uns  ihres 
Inhalts  wegen  wichtig;  der  Geschichtschreiber  der  auf  römischem 
Boden  angesiedelten  deutschen  Stämme  ist  grofsentheils  auf  diese 
dürftigen  Quellen  angewiesen,  für  die  Entwickelung  der  Historio- 
graphie in  Deutschland  aber  haben  sie  nur  insofern  Bedeutung,  als 
durch  ihre  Vermittlung  die  unmittelbare  Anknüpfung  der  späteren 
Chronisten  an  den  Hieronymus  möglich  wurde1). 

Bemerkenswerth  aber  ist  bei  diesen  Chronisten  der  allen  ge- 
meinsame römische  Standpunkt,  das  ängstliche  Festhalten  am  rö- 
mischen Reich.  Uns  erscheint  gegenwärtig  der  Gedanke,  dafs  in 
den  neuen  Bildungen,  den  romanischen  Staaten,  der  fruchtbare  Keim 
einer  neuen  Zukunft  enthalten  war,  als  natürlich  und  naheliegend; 
damals  aber  fiel  weit  mehr  die  Zerstörung  des  alten  Reiches  ins 
Auge;  man  sah  und  beklagte  überall  nur  den  Verfall,  und  wer  die 
Weltgeschichte  zu  betrachten  versuchte,  sah  fortwährend  nur  in  dem 
römischen  Weltreich  den  Träger  derselben.  Besonders  auffallend 
tritt  das  hervor  bei  dem  Bischof  Marius  von  Avenche  (Lau- 
sanne), der  gegen  das  Ende  des  sechsten  Jahrhunderts  so  recht 
mitten  in  der  germanischen  Völkerbewegung  lebte,  und  für  den  doch 
noch  immer  das  römische  Reich  die  eigentliche  Basis,  die  legitime 
Herrschaft  ist,  nach  deren  Jahren  er  rechnet,  deren  Triumphe  er 
feiert.  Die  Siege  des  Narses  Uber  Gothen,  Heruler  und  Franken 
scheinen  für  ihn  ganz  dieselbe  Bedeutung  zu  haben,  wie  für  einen 
Angehörigen  des  byzantinischen  Reiches.  Mochte  das  abendländische 
Römerreich  in  Trümmer  fallen,  das  morgenländische  keinen  Schatten 
von  Macht  Uber  den  Westen  besitzen,  für  die  Chronisten  ist  und 
bleibt  es  das  Weltreich,  der  Faden  der  sie  leitet.  Die  in  das  Reich 
eindringenden  deutschen  Stämme  sind  und  bleiben  Barbaren,  wenn 
auch  der  Schreibende,  welcher  jedoch  immer  der  Kirche  angehört, 

‘)  Von  einzelnen  dieser  Fortsetzer  werden  wir  später  noch  zu  reden  haben; 
im  Allgemeinen  begnüge  ich  mich  auf  Bährs  oben  erwähntes  Werk  zu  verweisen. 
Für  erschöpfende  Untersuchungen  bedarf  es  umfassender  Benutzung  des  handschrift- 
lichen Materials,  wie  solche  im  gröfsten  Maafsstab  von  Bethmann  unternommen  ist, 
und  von  diesem  läfst  sich  daher  auch  eine  neue  und  genügende  Behandlung  des 
ganzen  Gegenstandes  erwarten. 


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38  I-  Vorzeit.  § 3.  Anfänge  und  Gattungen. 

selber  ihr  Landsmann  ist.  Diese  Auffassung  aber  beschränkt  sich 
nicht  auf  diese  Zeit,  sie  bleibt  herrschend  durch  das  ganze  Mittel- 
alter,  denn  sie  war  bedingt  durch  die  einmal  allgemein  angenommene 
Erklärung  von  dem  Traume  des  Nebukadnezar,  bei  dem  Propheten 
Daniel  2 , 44 : „ Aber  zur  Zeit  solcher  Königreiche  wird  Gott  vom 
Himmel  ein  Königreich  aufrichten,  das  nimmermehr  zerstört  wird, 
und  sein  Königreich  wird  auf  kein  ander  Volk  kommen.  Es  wird 
alle  diese  Königreiche  zermalmen  und  verstören,  aber  es  wird  ewig- 
lich bleiben.“  In  diesem  Reiche  erkannte  man  das  römische  Reich, 
und  seine  Fortdauer  war  daher  aufser  aller  Frage.  Demgemäfs  be- 
handeln denn  auch  die  späteren  Weltchroniken  die  deutsche  Ge- 
schichte niemals  als  etwas  neues,  selbständiges,  sondern  nur  als  eine 
Fortführung  des  römischen  Reiches;  sie  führen  nach  dem  Unter- 
gänge des  westlichen  Reiches  die  byzantinischen  Kaiser  fort  bis  auf 
Karl  den  Grofsen,  und  bewahren  so  eine  scheinbare  Continuität, 
wenn  sie  auch  dazwischen  die  Volksgeschichten  episodisch  in  ihr 
grofses  Fachwerk  einschalten,  wie  Ekkehard. 

Neben  der  grofsen  Chronik  des  Hieronymus  gab  es  nun  aber 
auch  noch  eine  andere,  sehr  dürftige  und  compendiarische,  welche 
nur  einige  Anhaltpunkte  zur  chronologischen  Orientirung  gewährte. 
Sie  läfst  sich  zurückführen  auf  ein  älteres  griechisches  Werk  des 
Hippolyt  von  Porto,  das  bis  254  reichte,  ein  Werk,  welches  auch 
dem  Liber  Generationum  des  sogenannten  Fredegar  zu  Grunde  liegt. 
Ueberarbeitet  und  bis  334  fortgesetzt,  bildet  es  einen  Theil  jenes 
merkwürdigen  römischen  Staatskalenders,  den  Th.  Mommsen  in 
seiner  Abhandlung  Ueber  den  Chronographus  von  354  ausführlich  be- 
handelt hat1).  Er  hat  nachgewiesen,  dafs  dieser  Kalender  mit  den 
nöthigen  Veränderungen  von  Zeit  zu  Zeit  neu  herausgegeben  wurde; 
doch  war  er  viel  zu  kostbar,  als  dafs  sich,  wer  ihn  einmal  besafs, 
immer  ein  neues  Exemplar  davon  angeschafft  hätte,  und  da  die  ganze 
Einrichtung  des  Werkes  zur  Eintragung  geschichtlicher  Ereignisse 
eine  sehr  passende  Gelegenheit  darbot,  so  ist  seine  Form  nicht  ohne 
Einflufs  auf  die  Gestaltung  der  verschiedenen  Gattungen  geschicht- 
licher Aufzeichnungen  geblieben.  Sein  Inhalt  bestand  nämlich  aus 
folgenden  Stücken,  welche  die  noch  erhaltene  Abschrift  eines  Exemplars 
vom  Jahre  354  uns  kennen  lehrt: 

1.  Der  eigentliche  Kalender,  mit  Bildern  die  noch  völlig  in 
heidnisch-antiker  Weise  gezeichnet  sind.  Der  Kalender  selbst 
ist  nicht  mehr  heidnisch,  aber  doch  auch  noch  nicht  christlich. 

*)  Abhandlungen  der  Kgl.  Sachs.  Ges.  der  Wissenschaften  in  Leipzig.  I.  1850. 
S.  547-668. 


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Römischer  Staatskalender. 


39 


Die  öffentlichen  Spiele,  die  Senatstage  u.  a.  sind  darin  ver- 
zeichnet, und  die  Geburtstage  der  Cäsaren  auch  noch  abge- 
sondert auf  einem  verzierten  Blatte  vorangestellt. 

2.  Consularfasten  bis  zum  Jahre  354. 

3.  Ostertafeln  auf  hundert  Jahre,  von  312  an. 

4.  Ein  Verzeichnifs  der  Stadtpräfecten  von  258  bis  354. 

5.  Die  Todestage  (Depositiones)  der  römischen  Bischöfe 
und  der  Märtyrer. 

6.  Ein  Papstkatalog  bis  auf  Liberins. 

7.  Die  oben  erwähnte  Welt chronik  bis  334,  verbunden  mit  einer 
Stadtchronik  von  Kom,  und  der  Regionenbeschreibung. 

ln  diesen  Stücken  läfst  sich  mehr  als  ein  Keim  erkennen,  der 
später  zu  weiterer  Entwickelung  gelangt  ist.  Während  aus  dem 
letzten  Theile  jene  so  zahlreichen,  immer  neu  aufgelegten  Beschrei- 
bungen von  Rom  entstanden,  hauptsächlich  zum  Wegweiser  für  die 
Pilger  bestimmt,  forderten  die  Consularfasten,  so  wie  die  Ostertafeln 
von  selbst  dazu  auf,  bedeutende  Begebenheiten  bei  den  betreffenden 
Namen  und  Zahlen  einzutragen,  so  wie  es  z.  B.  Kassiodor  getlian  hat, 
und  in  vollständigerer  Weise  Prosper.  Ein  solches  Werk  ist  auch 
den  späteren  Exemplaren  jenes  Kalenders  eingeftigt;  Fasten,  die 
anfangs  nur  sehr  vereinzelte  Bemerkungen  enthalten,  für  das  fünfte 
Jahrhundert  aber  reichhaltiger,  und  wegen  der  genauen  chrono- 
logischen Bezeichnung  wichtig  werden,  vermuthlich  in  Ravenna  ge- 
schrieben1). In  ähnlicher  Weise  benutzte  man  auch  die  Folge  der 
Kaiser,  indem  man  entweder  nur  mit  jedem  Namen  kurze  Be- 
merkungen verband,  oder  auch  die  Regierungsjahre  der  Kaiser  ein- 
zeln unterschied8).  Weit  zweckmäfsiger  für  kurze  annalistische 
Aufzeichnungen  waren  aber  nach  dem  Aufhören  der  Consularfasten 
die  Ostertafeln,  welche  sich  ebenfalls  in  jenem  Kalender  fanden,  und 
auch  ohne  denselben  bald  in  jeder  bedeutenderen  Kirche  vorhanden 
waren.  Im  Abendlande  fand  besonders  der,  auch  von  Dionysius 
Exiguus  angenommene  Kanon  des  Aquitaniers  Victorius  eine  grofse 
Verbreitung,  welche  noch  zunahm,  als  Beda  die  Tafeln  desselben 
über  die  Cyklen  von  1 — 532 — 1063 — 1595  in  sein  Werk  de  ratipne 
temporum  aufnahm. 

Doch  hat  es  längere  Zeit  gedauert,  bis  man  von  der  einmal 
herkömmlichen  Rechnung  nach  Consulaten  und  Jahren  der  Kaiser 

l)  Sie  reichen  bis  539 ; früher  als  Chronicon  Cuspiniani  bekannt,  sind  sie  jetzt 
bei  Mommsen  S.  656 — 668  gedruckt.  Der  Anonymus  Valesianus  bat  sie  benutzt. 

*)  S.  hierüber  Bethmann  im  Archiv  X,  387,  und  über  die  Ostertafcln  S.  279. 
Vgl.  V,  102. 


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40 


I.  Vorzeit.  § 3.  Anfänge  und  Gattungen. 


abging,  und  das  älteste  Beispiel  von  Annalen,  die  am  Rande  der 
Ostertafeln  geschrieben  sind,  reicht  nur  in  das  sechste  Jahrhundert 
hinauf;  sie  finden  sich  in  einer  Handschrift  des  Vatican,  die  aus 
S.  Andrea  della  Valle  stammt,  und  sind  bald  nach  575  aus  einem 
älteren  Originale  abgeschrieben,  sodann  aber  bis  613  fortgesetzt. 
Nach  Gallien  und  Deutschland  kamen  die  Annalen  mit  den  Oster- 
tafeln erst  später,  und  nicht  aus  Italien,  sondern  durch  die  Vermitt- 
lung der  irischen  und  englischen  Missionare. 

Schon  354  hatte  auch  der  römische  Staatskalender  ein  Ver- 
zeichnifs  der  römischen  Päpste  aufgenommen,  welches  seiner 
Anlage  nach  um  230  entstanden  ist.  Dieses  wurde  in  der  Folge 
nicht  allein  immer  weiter  fortgesetzt,  sondern  auch  durch  allerlei 
Zusätze  vermehrt.  Man  ftlgte  die  Amtsdauer  der  Päpste  hinzu,  ihre 
Bauten  und  andere  Verdienste  um  die  kirchliche  Verwaltung,  die  von 
ihnen  vorgenommenen  Weihen,  endlich  auch  geschichtliche  Vorfälle, 
und  so  entstand  das  Pontißcale  Romanum,  welches  gewöhnlich  nach 
dem  päpstlichen  Bibliothekar  Anastasius  benannt  wird.  Pertz  fand 
jedoch  in  Neapel  eine  Handschrift  davon,  welche  noch  aus  dem 
siebenten  Jahrhundert  stammt 1),  und  auch  Paulus  Diakonus  hat  diese 
Aufzeichnungen  bereits  benutzen  können.  Eine  übersichtliche  Dar- 
stellung der  Entstehung  dieses  Werkes  und  seiner  Fortsetzungen  hat 
Giesebrecht  gegeben  in  der  Allgemeinen  Monatschrift  für  1852,  April. 
Wie  in  Rom,  so  entstanden  ähnliche  Aufzeichnungen  auch  an  an- 
deren Bischofsitzen,  und  in  manchen  Klöstern,  und  daraus  erwuchsen 
später  die  ausführlichen  Geschichten  der  Bisthümer  und  Klöster, 
welche  in  der  geschichtlichen  Litteratur  des  Mittelalters  eine  so  be- 
deutende Stelle  einnehmen. 

Endlich  aber  enthält  auch  der  Abschnitt  des  Kalenders,  in 
welchem  die  Todestage  der  Märtyrer  und  Päpste  verzeichnet  sind, 
den  Anfang  eines  ganz  eigentümlichen  Zweiges  der  Litteratur, 
nämlich  der  Martyrologien,  in  welchen  die  dort  verzeichneten 
Namen  sich  immer  als  die  ersten  wiederfinden,  und  gewissermafsen 
den  Kern  der  immer  mehr  anwachsenden  Verzeichnisse  bilden, 
welche  zu  den  blofsen  Namen  bald  auch  Nachrichten  Uber  Leiden 
und  Leben  der  Märtyrer  und  Bekenner  hinzufügen.  Wir  sahen 
schon,  wie  lehrreich  diese  Martyrologien  in  Rettbergs  Händen  für 
die  Entstehungsgeschichte  der  kirchlichen  Sage  geworden  sind;  denn 
da  die  Zeit  ihrer  Verfasser  bekannt  ist,  so  läfst  sich  darin  die  all- 
mähliche Erweiterung  der  Legenden  urkundlich  nachweisen 2).  Die 

»)  S.  Archiv  V,  70-74. 

*)  Ausführlicheres  darüber,  mit  dem  Nachweis  der  Ausgaben  bei  Rettberg  1,  76. 


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41 


Papstgeschichte.  Martyrologien. 

ältesten  tragen  den  Namen  des  Hieronymus,  obwohl  mit  Unrecht; 
besonders  geschätzt  ist  das  Martyrologium  Gellonense  *),  andere  hat 
J.  B.  Sollerius  im  sechsten  Band  des  Juni  mitgetheilt.  Die  gröfste 
Verbreitung  fand,  wie  alle  Schriften  Beda’s,  auch  dessen  Martyro- 
logium, das  wir  jedoch  nicht  in  seiner  ursprünglichen  Gestalt  be- 
sitzen, sondern  nur  mit  den  Zusätzen  des  Florus,  eines  Sub- 
diakonus  zu  Lyon  im  neunten  Jahrhundert“).  So  kam  also  auch 
dieser  Zweig  der  Litteratur  Uber  England  nach  Gallien;  hier  wurde 
er  im  nennten  Jahrhundert  mit  besonderer  Vorliebe  behandelt,  und 
aus  der  mündlich  sich  fortbildenden  Tradition  kamen  bei  jeder 
neuen  Ausgabe  stets  auch  neue  Zusätze  hinzu.  Eine  metrische  Be- 
arbeitung verfafste  um  851  Wandalbert,  Mönch  zu  Prüm3),  andere 
in  Prosa  Raban4)  um  845,  Ado  von  Vienne3)  (859 — 874),  und  auf 
Befehl  Karl  des  Kahlen  Husward6)  (Usuardus)  im  Jahre  875;  am 
Ende  des  Jahrhunderts  schrieben  Notker  der  Stammler7)  (st.  912) 
und  in  Versen  Erchempert,  der  Mönch  von  Montecasino8).  Damit 
war  nun  aber  auch  dem  Verlangen  nach  Martyrologien  völlig  ge- 
nügt ; man  fragte  nicht  mehr  so  viel  nach  diesen  immer  noch  kurzen 
und  dürftigen  Aufzeichnungen,  da  man  bereits  eine  sehr  grofse  Zahl 
ausführlicher  Legenden  besafs,  theils  aus  der  Zeit  der  Merowinger, 
theils  aber  auch  über  eben  jene  alten  Märtyrer,  von  denen  die  Mar- 
tyrologien so  wenig  zu  sagen  wufsten.  Der  Wunsch  danach  war  zu 
dringend,  besonders  in  den  Klöstern  welche  Reliquien  von  ihnen 
besafsen,  als  dafs  nicht  eine  reiche  Auswahl  nachgemachter  Le- 
genden hätte  entstehen  sollen,  welche  leicht  genug  Glauben  fanden. 
Bald  hatte  man  deren  für  jeden  Tag  im  Jahr,  und  eine  Sammlung 
derselben  veranstaltete  schon  im  Anfänge  des  zehnten  Jahrhunderts 
Wolfhard,  Mönch  zu  Herrieden9).  Kleinere,  unvollständige  Le- 
gendarien hatte  man  schon  früher,  und  sie  finden  sich  in  grofser 
Zahl  in  den  folgenden  Jahrhunderten,  bis  sie  endlich  wiederum 
verdrängt  wurden  durch  die  in  zahllosen  Abschriften  verbreitete 
Goldene  Legende  des  Jakob  von  Genua10),  welche  dem  Ge- 

‘)  D’Ache’ry  Spicil.  ed.  II.  II,  27. 

2)  In  den  Werken  des  Beda  und  Acta  SS.  Mart.  II. 

8)  D’Ache'ry  Spicil.  II,  39. 

4)  Canis.  II,  2,  313. 

s)  Herausgeg.  von  Heribert  Rosweyde  mit  dem  Martyrologium  Romanuni. 

6)  Acta  SS.  Jun.  VII. 

7)  Canis.  II,  3,  89. 

8)  Archiv  VIII,  176.  187.  Noch  ungedruckt. 

9)  Anon.  Haser.  Mon.  SS.  VII,  256.  Vgl.  Archiv  V,  565.  X,  645. 

10)  Jacobi  a Voragine  Legenda  aurea,  vulgo  Historia  Lombardica  dicta,  rec. 
Th.  Grosse.  Ed.  II.  Lips.  1850.  8. 


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42  I.  Vorzeit.  § 3.  Gattungen.  4.  Ostgothen. 

brauch  flir  das  Leben  und  für  die  praktische  Anwendung  auf  der 
Kanzel  am  meisten  entsprach,  und  in  gedrängter  Kürze  den  gan- 
zen Kreis  der  Heiligengeschichte  auf  den  Umfang  eines  Bandes  be- 
schränkte. 

Geschichtlich  ist  Jakobs  compendiarische  Behandlung  der  Le- 
genden unbrauchbar;  die  ausführlichen  Lebensbeschreibungen  der 
Heiligen  aber  enthalten  für  manche  Zeiträume  die  werthvollsten 
Nachrichten.  Auch  diese  Aufzeichnungen  finden  ihre  Vorbilder  schon 
in  den  früheren  Jahrhunderten  der  römischen  Kaiserzeit.  Die  christ- 
lichen Gemeinden  theilten  sich  unter  einander  die  Todestage  der 
Märtyrer  mit,  nebst  den  Umständen  ihres  Leidens,  und  solche  Mit- 
theilungen wurden  bei  ihren  Zusammenkünften  verlesen.  Bald  fing 
man  auch  an,  das  Leben  anderer  frommer  Männer,  der  Bekenner, 
aufzuzeichnen.  Kassians  vielgelesenes  Werk  über  die  Einsiedler  der 
Thebais,  das  Leben  des  Cyprian,  Ambrosius,  Augustin,  und  ganz 
besonders  das  um  400  von  Sulpicius  Severus  verfafste,  und  durch 
ganz  Gallien  verbreitete  Leben  des  h.  Martin  von  Tours,  regten  zu 
ähnlicher  Thätigkeit  an.  Benedict  von  Nursia,  der  eigentliche  Be- 
gründer des  abendländischen  Mönchthums,  fand  einen  Biographen  in 
dem  Papste  Gregor  dem  Grofsen,  und  dieses  Werk  fehlte  natürlich 
in  keinem  Kloster  seines  Ordens.  Daran  also  schliefst  sich  nun  eine 
überaus  reiche  Litteratur,  und  wenn  auch  vielfach  der  erbauliche 
Ton  so  sehr  Uberwiegt,  dafs  der  geschichtliche  Werth  nur  gering  ist, 
so  ist  doch  keine  der  wirklich  echten,  gleichzeitigen  Biographieen 
ganz  ohne  Frucht,  und  für  die  Zeiten  wo  die  Heiligen  zugleich 
Staatsmänner  waren,  gehören  ihre  Lebensbeschreibungen  zu  den 
wichtigsten  Quellen  der  Geschichte.  Mit  dem  dreizehnten  Jahr- 
hundert aber  verlieren  sie  fast  alle  Bedeutung. 

Ganz  vereinzelt  erscheint  daneben  die  weltliche  Biographie;  nur 
einige  Kaiser  haben  Lebensbeschreiber  gefunden,  und  wenn  Einhard 
den  Sueton  zum  Vorbilde  nahm,  so  ist  das  nur  eine  Frucht  der 
durch  Karl  den  Grofsen  erneuten  Einwirkung  auch  der  heidnischen 
Classiker;  eine  lebendige  Fortentwicklung  knüpfte  sich  nur  an  die 
kirchliche  Litteratur. 

Zu  erw'ähnen  bleibt  endlich  noch  eine  Art  der  Aufzeichnung, 
welche  den  Martyrologien  sehr  nahe  steht,  und  häufig  damit  ver- 
bunden ist,  die  Nekrologien  nämlich,  in  welchen  die  Todestage 
aller  derjenigen  verzeichnet  wurden,  deren  Gedächtnil's  in  der  Kirche 
oder  dem  Kloster,  dem  diese  Aufzeichnungen  angehörten,  gefeiert 
werden  sollte.  Da  jeder  angesehene  Mann  sich  um  seiner  Seligkeit 
willen  eine  solche  Gedächtnifsfeier  zu  sichern  pflegte,  erfahren  wir 


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Legenden.  Nekrologien.  Ostgothen. 


43 


hierdurch  ihre  Todestage,  deren  Kenntnifs  für  manche  Fragen  wichtig 
werden  kann;  auch  für  die  verwandtschaftlichen  Verhältnisse  ist 
manches  daraus  zu  entnehmen,  und  zuweilen  sind  auch  einzelne  ge- 
schichtliche Begebenheiten  anderer  Art  darin  verzeichnet.  Zur  ge- 
schichtlichen Litteratur  kann  man  diese  Namensverzeichnisse  nicht 
rechnen,  und  ich  beschränke  mich  daher  auf  diese  Erwähnung,  und 
auf  ein  Verzeichnifs  der  mir  bekannt  gewordenen  gedruckten  Nekro- 
logien, welches  im  Anhänge  zu  finden  ist. 

§ 4.  Die  Ostgothen.  Kassiodor. 

M&nso,  Geschichte  des  ostgothischen  Reiches  in  Italien.  Breslau  1824.  8.  Aschbach, 
Gesch.  der  Westgothen.  Frankf.  1827.  8.  Waitz,  lieber  das  Leben  u.  die  Lehre  des 
Ulfila.  Hann.  1840.  4.  Wackernagel,  Gesch.  der  deutschen  Litteratur.  S.  15  — 22. 
Bernhardy,  Grundrifs  (Lröm.  Litt.  § 60.  — Gassiodori  Opera  ed.  Garet,  Rothomagi  1679. 
fol.  Frammenti  di  orazioni  panegiriche,  raccolti  ed  illustrati  di  Carolo  Baudi  diVesme, 
Memorie  della  Real  Acad.  delle  Scienzie,  Vol.  VIII. 

Das  ostgothische  Reich,  so  kurz  es  dauerte,  bildet  doch  ein  sehr 
wichtiges  Mittelglied  zwischen  der  antiken  Welt  und  dem  Mittelalter, 
welche  sich  in  ihm  auf  merkwürdige  Weise  berühren. 

Der  ostgothische  Stamm  war  einer  der  begabtesten,  bildungs- 
fähigsten der  deutschen  Stämme.  Er  allein,  nebst  den  Angelsachsen, 
hat  von  Anfang  an  auch  die  Muttersprache  ausgebildet,  nicht  nur 
in  Lied  und  Gesang,  sondern  auch  zu  wissenschaftlichem  Gebrauch ; 
aufeer  Vulfilas  Bibelübersetzung  haben  sich  auch  Fragmente  einer 
Evangelienharmönie  erhalten.  Getrennt  von  der  herrschenden  Kirche, 
feierten  sie  den  Gottesdienst  in  ihrer  eigenen  Sprache1),  und  deren 
Gebrauch  war  dadurch  bei  ihnen,  wie  später  bei  den  Slaven,  besser 
gesichert  wie  in  der  römischen  Kirche.  Dennoch  hätten  auch  sie, 
wäre  ihrem  Reiche  längere  Dauer  beschieden  gewesen,  sich  der 
Uebcrmacht  römischer  Cultur  wohl  sicher  ebenso  wenig  zu  er- 
wehren vermocht,  wie  die  Westgothen  in  Spanien,  und  später  die 
Angelsachsen. 

Denn  mit  der  gröfsten  Empfänglichkeit  wandten  die  Ostgothen 
sich  auch  der  antiken  Bildung  zu ; Theoderichs  Reich  ist  merk- 
würdig als  ein  Versuch,  die  neuen  Elemente  mit  den  alten  zu  ver- 
einen und  die  Herrschaft  in  den  alten  Formen  fortzuführen;  an 
seinem  Hofe  hörte  man  noch  die  alten  gothischen  Heldenlieder,  aber 
es  sammelten  sich  dort  auch  die  noch  übrigen  Träger  der  alten 
Bildung;  hier  entstanden  mehrere  der  Werke,  welche  die  Elemente 
der  alten  Cultur  dem  Mittelalter  überlieferten,  aus  denen  es  seine 
Kenntnifs  des  Alterthums  schöpfte,  und  zugleich  den  gezierten, 

*)  Papencordt,  Geschichte  der  vandalischen  Herrschaft  in  Afrika  S.  295. 


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44 


I.  Vorzeit.  § 4.  Ostgothen. 


dunklen  Stil  lernte,  der  damals  in  den  Schulen  der  Rhetoren  und 
Grammatiker  für  schön  galt. 

Dem  Makrobius,  Donat,  Marcianus  Capelia  reiht  sich  Priscianus 
an,  Theodericlis  Zeitgenosse,  und  mit  Kassiodor  bekannt;  doch  lebte 
er  in  Konstantinopel.  Einer  der  Hauptlehrer  des  Mittelalters  aber, 
dem  es  zunächst  die  Kenntnifs  der  Aristotelischen  Philosophie  ver- 
dankte, war  Boethius,  der  mit  seinem  gelehrten  Schwiegervater 
Symmachus  am  Hofe  zu  Ravenna  lebte.  Die  Familie  der  Sym- 
macher,  die  domni  Symmachi,  werden  uns  ganz  besonders  genannt 
unter  den  Männern,  welche  in  genauer  Verbindung  mit  den  Schulen 
der  Grammatiker  und  Rhetoren  noch  einmal  das  sinkende  Heiden- 
thum neu  zu  beleben  suchten,  durch  Auffrischung  der  Mysterien, 
der  Philosophie,  und  namentlich  auch  durch  angelegentliche  Be- 
schäftigung mit  der  alten  Litteratur,  deren  Werke  sie  durch  sorg- 
fältige Verbesserung  der  verwahrlosten  Handschriften  in  diejenige 
Gestalt  brachten,  in  welcher  sie  uns  jetzt  vorliegen l).  Das  Christen- 
thum war  nun  freilich  bereits  zum  unbestrittenen  Siege  durch- 
gedrungen, dennoch  aber  stehen  diese  Männer  noch  ganz  auf  dem 
Boden  der  alten  heidnischen  Bildung.  Auch  Kassiodor  gehört 
dazu;  erst  in  seinem  Alter  gab  er  sich  immer  mehr  einer  kirchlich 
frommen  Richtung  hin. 

Dieselbe  Mischung  römischer  und  deutscher,  heidnischer  und 
christlicher  Elemente,  wie  an  Theodericlis  Hofe,  finden  wir  nun 
auch  in  der  geschichtlichen  Litteratur,  die  uns  leider  nur  theilweise 
erhalten  ist.  Was  es  für  eine  Bewandnifs  mit  den  gothischen  Philo- 
sophen habe,  mit  Athanarit,  Hildebald  und  Markomir,  auf  die  sich 
der  Ravennatische  Geograph  beruft,  ob  sie  existirt  haben  oder  nicht, 
ist  bis  jetzt  noch  dunkel2).  Sicherer,  aber  leider  verloren,  ist  der 
von  Jordanis3)  benutzte  und  gelobte  Ablavius,  der  „treffliche  Ge- 
schichtschreiber des  gothischen  Volks“,  welcher  zuerst  die  alten 
Lieder  und  Sagen  zu  geschichtlicher  Darstellung  zu  gestalten  ver- 
suchte. Noch  um  das  Jahr  1200  verlangte  jemand  dieses  Werk,  wie 
es  scheint,  aus  der  Bibliothek  des  Klosters  Tegernsee*);  ob  es  vor- 


J)  Jahn : Ueber  die  Subscriplionen  in  den  Handschriften  römischer  Classiker. 
Berichte  üb.  d.  Verhandl.  der  k.  Sachs.  Ges.  der  W.  Phil.  hist.  Classe.  III,  327.  1851. 

*)  Motnmsen,  Ueber  die  Ravennatische  Kosmographie,  Sitzungsberichte  der 
k.  Sachs.  Ges.  d.  \V.  Phil.  hist.  CI.  III,  8(1 — 117.  1851.  Bock,  Lettre  ä Mr.  Beth- 
mann,  Annuaire  de  la  Bibi.  Royale  de  Belgique,  Vol.  12.  1851.  Rec.  von  Waitz, 
G.G.  A.  1851.  N.  121. 

s)  De  orig.  Get.  c.  4.  14.  23.  Vgl.  Sybel  de  fontibus  Jord.  p.  34 — 37. 

*)  Blavius  de  gestis  Gothorum.  Pez  Thes.  VI,  2,  53. 


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Ablavins.  Kassiodor.  45 

handen  war,  erfahren  wir  nicht,  aber  es  sieht  so  aus,  als  ob  man 
es  damals  noch  kannte. 

Ganz  anderer  Art,  mit  der  ganzen  Fülle  schulgerechter  Gelehr- 
samkeit ausgestattet,  waren  ohne  Zweifel  Kassiodors  Zwölf  Bücher 
gothischer  Geschichten.  Uns  liegen  darüber  mehrere  Aeufserungen 
des  Verfassers  selbst  vor,  die  er  freilich  anderen  Personen  in  den 
Mund  legt.  So  läfst  er  in  der  Vorrede  zu  seinen  Briefen  einen 
Freund  sprechen1):  „Du  hast  in  zwölf  Büchern  die  Geschichte  der 
Gothen  in  einer  Blüthenlese  ihrer  glücklichen  Thaten  niedergelegt.“ 
Ausführlicher  ISfst  sich  der  König  Athalarich  vernehmen  in  einem 
Briefe  an  den  römischen  Senat,  worin  er  diesem  die  Erhebung 
Kassiodors  zum  Praefectus  praetorio  anzeigt.  Nicht  damit  habe  er 
sich  begnügt,  heifst  es  da,  die  lebenden  Herren  zu  loben:  auch  in 
das  Alterthum  Unseres  Geschlechtes  ist  er  hinaufgestiegen,  und  hat 
durch  Lesen  erkundet,  was  kaum  noch  in  dem  Gedächtnifs  Unserer 
Altvorderen  haftete.  Er  hat  die  Könige  der  Gothen,  welche  lange 
Vergessenheit  barg,  aus  den  Schlupfwinkeln  der  Urzeit  hervorgezogen. 
Er  hat  die  Amaler  mit  dem  vollen  Ruhm  ihrer  Herkunft  wieder  ans 
Licht  gestellt,  indem  er  klfirlich  nachwies,  dafs  Wir  bis  in  die  sieben- 
zehnte Generation  von  königlichem  Stamme  sind5). 

Darauf  also  legt  Kassiodor  — denn  er  selbst  ist  der  Verfasser 
dieses  Briefes  — den  gröfsten  Werth;  die  Amaler  zu  verherrlichen 
war  er  vorzüglich  bestrebt,  und  wie  Sybel  nachgewiesen  hat3),  häufte 
er  auf  dieses  Geschlecht,  was  er  von  gothischen  Stammsagen  noch 
vorfand.  Die  glänzende  Gegenwart  liefe  auch  die  Ahnen  Theoderichs 
in  hellerem  Licht  erscheinen,  als  ihnen  eigentlich  gebührte.  Der 
Verfasser  wird  der  Tradition  absichtlich  oder  in  gutem  Glauben 
nachgeholfen  haben,  wie  das  den  Hofgenealogen  nur  zu  häufig  be- 
gegnet ist. 

Weiter  aber  läfst  Kassiodor  den  Athalarich  sagen:  „Er  hat  die 
Herkunft  der  Gothen  zu  einer  römischen  Geschichte  gemacht,  und 
die  Blüthenkeime,  welche  bis  dahin  auf  den  Gefilden  der  Bücher 
hier  und  dort  zerstreut  waren,  in  einen  einzigen  Kranz  gesammelt4).“ 

*)  XII  libris  Golhorum  historiam  defloralis  prosperitatibus  condidisli. 

2)  Tetendit  se  eliain  in  anliquam  prosapiam  nostram,  lectione  discens  quod 
vix  maiorum  notitia  cana  retinebat.  Iste  reges  Gothorum  longa  oblivione  celatos, 
latibulo  vetustatiseduxil.  Iste  Amalos  cum  generis  sui  claritale  restituit,  evidenter 
ostendens  in  deciuiam  septimain  progeniem  stirpem  nos  habere  regalem.  Var.  IX,  25. 

s)  Das  deutsche  Königthum  S.  123  ff.  Vgl.  denselben  de  fontibus  Jordanis 
p.  37 — 42.  Papencordt  hat.  nachgewiesen,  dafs  auch  die  parteiisch  gefärbten  Nach- 
richten über  die  Vandalen  bei  Jordanis  schon  von  Kassiodor  stammen. 

*)  Originem  Gothiram  historiam  fecit  esse  Romanam,  colligens  quasi  in 
unain  coronam  germcn  floridum,  quod  per  librorum  campos  passim  fuerat  ante 


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46 


I.  Vorzeit.  § 4.  Kassiodor.  5.  Jordanis. 


Auch  hier  erscheint  wieder  die  Berufung  auf  Bücher  und  gelehrte 
Studien,  nicht  auf  die  lebendige  Ueberlieferung,  und  es  läfst  sich 
deshalb  wohl  annehmen,  dafs  schon  in  Kassiodors  Werk  dieselbe 
Mischung  von  mythischen  und  sagenhaften  Elementen  mit  gelehrter 
Belesenheit  zu  finden  war,  welche  die  Schrift  des  Jordanis  uns  zeigt. 

Dafs  auch  die  Geschichte  der  Westgothen  in  diesem  Werke  be- 
richtet wurde,  beweist  eine  von  Kassiodor  selbst  (Var.  XII,  20)  daraus 
angeführte  Stelle  über  die  Einnahme  Roms  durch  Alarich. 

Gewifs  war  Kassiodor  einer  der  gelehrtesten  Männer  seiner  Zeit. 
Von  Herkunft  war  er  ein  Römer  von  angesehener  Familie,  aus 
Bruttien , vielleicht  aus  Squillace  gebürtig ; er  besonders  hat  sich 
bemüht,  als  Minister  Theoderichs  und  seiner  Nachfolger  die  Re- 
gierung in  den  alten  Formen  fortzuf Uhren,  und  das  Neue  mit  dem 
Alten  zu  verschmelzen.  Im  Jahre  514  ist  er  Consul  gewesen;  in 
seiner  Briefsammlung  findet  sich  seine  Ernennung  zum  Patricius 
(V ar.  I,  3.  4)  und  zum  Praefectus  Praetorio  (IX,  24.  25) , worin  er 
mit  den  gröfsten  Lobsprüchen  überhäuft  wird.  In  seinen  alten 
Tagen  zog  er  sich,  müde  der  inneren  Kämpfe  und  Unruhen,  die 
nach  Theoderichs  Tod  das  Gothenreich  zerrissen,  von  der  Welt  zu- 
rück (538),  und  gründete  ein  Kloster  (Monasterium  Vivariense)  in 
Bruttien,  wo  er  das  Ende  seines  Lebens  in  stiller  Beschaulichkeit 
und  schriftstellerischer  Thätigkeit  erwartete;  hier  schrieb  er  seine 
im  Mittelalter  vielgelesene  Kirchengeschichte  ’) , und  in  seinem 
93.  Jahre  eine  Abhandlung  Uber  die  Orthographie,  zum  Frommen 
seiner  Mönche,  denen  er  die  Vervielfältigung  der  Bücher  durch  Ab- 
schriften ganz  besonders  zur  Pflicht  machte;  in  seinem  hundertsten 
Jahre  aber  einen  Commentar  zu  den  Psalmen. 

Die  sogenannte  Chronik  des  Kassiodor  ist  nichts  weiter  als 
ein  Exemplar  der  Consularfasten,  mit  wenigen  Bemerkungen  zu  ein- 
zelnen Jahren2).  Viel  wichtiger  sind  für  uns  die  zwölf  Bücher  seiner 
Briefe  (Variae),  in  welchen  er  die  Kanzleiformen  der  Zeit  und 
viele  auch  durch  ihren  Inhalt  wichtige  Briefe  aus  der  königlichen 
Kanzlei  der  Gothen  aufbewahrt  hat.  Das  Zureden  seiner  Freunde, 
sagt  er  in  der  Vorrede,  habe  ihn  zu  dieser  Sammlung  veranlafst, 
welche  einen  Vorrath  fertiger  Formeln  darbieten  und  zugleich  zur 
Bildung  junger  Staatsmänner  dienen  sollte.  Alles  habe  er  hier  ver- 
einigt, was  er  aus  der  Zeit  seiner  Quästur,  seines  Magisteriums,  und 

dispersum.  Ganz  ähnlich  ist  das  Bild,  dessen  sich  Jordanis  am  Schlüsse  seines 
Werkes  bedient. 

»)  Bähr  S.  129. 

In  d.  Sammlungen  seiner  Werke,  u.  bei  Roncallius  II,  161  etc.  Bähr  S.  108. 


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Kassiodor.  Ennodius.  Jordanis. 


47 


seiner  Präfectur  in  den  öffentlichen  ActenstUcken  von  seiner  Feder 
habe  finden  können.  Doch  nicht  selten  sei  es  ihm  begegnet,  dafs 
er  wegen  Ubergrofser  Eile  hei  der  Ertheilung  von  Würden  und  Ehren 
hastige  und  schmucklose  Schreiben  erlassen  habe:  davor  wolle  er 
nun  andere  bewahren , und  deshalb  habe  er  die  im  sechsten  und 
siebenten  Buche  enthaltenen  Formulare  für  die  Verleihung  aller 
Würden  nun  mit  Sorgfalt  überarbeitet.  Denn  reden  können  wir  alle 
ohne  Unterschied;  nur  der  Schmuck  ist  es,  welcher  den  Gelehrten 
vom  Ungelehrten  unterscheidet1). 

Das  war  der  Grundsatz  und  die  Richtschnur  der  damaligen 
Schulen,  und  demgemäfs  hat  denn  auch  Kassiodor  den  oft  gering- 
fügigen Inhalt  seiner  Briefe  unter  einem  solchen  Wortschwall  und 
so  vielem  Zierrath  der  gesuchtesten  Phrasen  verborgen,  dafs  es 
häufig  nicht  leicht  ist,  ihn  herauszufinden. 

Im  höchsten  Grade  trifft  dieser  Vorwurf  auch  die  Schriften  des 
Ennodius,  Bischofs  von  Pavia,  unter  denen  besonders  sein  Pan- 
egyricus  auf  Theoderich  geschichtlich  wichtig  ist2). 

§ 5.  Jordanis. 

Bihr.  S.  131  — 136.  Papencordt,  Geschichte  der  vandalischen  Herrschaft  in  Afrika, 
S.  383 — 388.  Freudensprung  de  Jorn&nde  sive  Jordane  et  libellorum  eius  natalibus, 
Monaci  1837.  v.  Sybel  de  fontibus  libri  Jordanis  de  origine  actuque  Getarum,  Berl. 
1838.  Waitz,  G.  G.  A.  1889  S.  769 — 781.  Joh.  Jordan,  Jordanes  Leben  u.  Schriften, 
im  Progr.  des  Gymn.  zu  Ansbach,  1843.  J.  Grimm,  Ueber  Jornandes.  Philolog.  u. 
hist.  Abh.  der  K.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin  aus  d.  J.  1846.  Cassel,  Magyar.  Alterth. 
1848,  S.  293 — 310.  Stahlberg,  Jornandes,  im  Progr.  der  höheren  Bürgerschule  zu 
Mühlheim  a.  R.  1854.  4.  Ausgabe  von  Gruter  in  Hist.  Aug.  SS.  Lat.  minores,  1611, 
von  Muratori  SS.  Rer.  Ital.  1,  187 — 241,  Mediol.  1723.  Die  einzige  neuere  in  der 
Bibi.  lat.  franvaise  von  Pankoucke  ist  nach  StahlbeTg  nur  ein  Abdruck  der  Lyoner 
Ausgabe  von  1594. 

An  jene  Vertreter  der  antiken  Bildung,  welche  Theoderich  an 
seinem  Hofe  versammelte,  reiht  sich  nun  der  erste  und  einzige 
gothische  Schriftsteller,  dessen  Werke  wir  besitzen,  Jordanis;  denn 
so  wird  sein  Name  in  den  besten  Handschriften  geschrieben,  mit  so 
überwiegender  Autorität,  dafs  die  durch  Peutingers  Ausgabe  von 
1515  gebräuchlich  gewordene  Form  Jornandes  sich  dagegen 
schwerlich  wird  behaupten  können.  Jakob  Grimm  freilich  hat  sie 

*)  Dictio  semper  agrestis  est,  quae  aut  sensibus  electis  per  moram  non  co- 
mitur  aut  verborum  minime  proprietatibus  explicatur.  Loqui  nobis  communiter 
datum  est:  solus  oraatus  est  qui  discernit  indoctos.  Die  Erlasse  in  seinem  eigenen 
Namen,  als  Pr'äfect,  aus  den  Jahren  534,  535,  537,  538,  finden  sich  im  11.  und 
12.  Buche;  in  den  früheren  schreibt  er  im  Namen  des  Königs. 

2)  Ennodii  Opera  ed.  Sirmond.  Paris.  1611.  8.  Panegyricus  ed.  Manso,  Vrat. 
1822.  8.  und  in  dess.  Geschichte  der  Ostgolhen.  Ferlig,  Magnus  Felix  Ennodius 
und  seine  Zeit.  1.  Ahth.  Passau  1855.  4. 


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48 


I.  Vorzeit.  § 5.  Jordan». 


sehr  nachdrücklich  in  Schutz  genommen,  und  unmöglich  ist  es  nicht, 
dafs  in  der  entscheidenden  Stelle  (Cap.  50)  ursprünglich  gestanden 
hat:  Jordanis  sive  Jornandes.  Dann  wäre  nach  Grimms  Vermuthung 
der  kriegerischer  lautende  gothische  Name  Jornandes  d.  i.  Eberkühn, 
beim  Eintritt  in  den  geistlichen  Stand  mit  dem  römischen  Namen 
Jordanis  vertauscht  worden ').  Wie  dem  nun  auch  sein  möge,  sicher 
gestellt  ist  allein  der  letztere,  durch  das  ganze  Mittelalter  gebräuch- 
liche Name,  den  wir  deshalb  auch  hier  vorgezogen  haben. 

Jordanis  rechnet  Bich  selbst  zum  gothischen  Volke3).  Er  stammte 
aus  einem  sehr  angesehenen  Geschlechte,  das  mit  den  Amalern  ver- 
schwägert war;  sein  Grofsvater  war  Notar  oder  Kanzler  des  Alanen- 
königs  Candax  in  Mösien,  er  selbst  ebenfalls  Notar:  leider  wissen 
wir  nicht  wo  und  unter  welchen  Verhältnissen*).  Später  ist  er  in 
den  geistlichen  Stand  eingetreten,  und  S.  Cassel  hat  es  in  seinen 
Magyarischen  Alterthümem  S.  302  sehr  wahrscheinlich  gemacht,  dafs 
er  Bischof  von  Kroton  gewesen  ist.  An  der  unteren  Donau  war  er, 
wie  seine  Geschichte  der  Gothen  deutlich  zeigt,  zu  Hause  und  wohl- 
bekannt;  weniger  in  Italien,  welches  er  wohl  erst  in  späterem  Lebens- 
alter gesehen  hat. 

Die  eigentliche  grammatische  Bildung  der  Schule  war  ihm  fremd, 
wie  er  selbst  sagt,  doch  konnte  es  ihm  nicht  schwer  fallen,  griechische 
und  lateinische  Schriftsteller  zu  lesen,  und  damit  hat  er  sich  denn 
auch,  wohl  besonders  in  der  späteren  Zeit  seines  Lebens,  eifrig  be- 
schäftigt; seine  Schriften  legen  von  einer  umfassenden  Belesenheit 
Zeugnifs  ab. 

Seine  Schreibweise  ist  nicht  frei  von  dem  gesuchten,  senten- 
tiösen  Charakter,  welcher  damals  für  schön  galt;  aber  doch  noch 
wreit  entfernt  von  der  Geschmacklosigkeit  des  Ennodius  oder  der 
Briefe  des  Kassiodor,  denn  in  seinen  anderen  Schriften  enthält  sich 
auch  dieser  der  schwülstigen  Phrasen,  welche  er  in  seinen  Briefen 
für  angemessen  erachtete.  Natürlich  eignete  sich  auch  Jordanis  die 
römisch  christliche  Weltanschauung  an ; dahin  führte  ihn  sein  Stand, 
dahin  auch  die  ganze  Richtung  seines  Volkes.  Vollkommen  theilt 

i)  IS.  Murat.  1972,  8.  Romae:  IIIC  P0S1TVS  EST  IORDANIS.  Dafs  ein 
Jordanis  im  J.  470  Consul  war,  führt  auch  J.  Grimm  an. 

3)  De  rebus  Get.  am  Srhlufs:  Nec  me  quis  in  favorem  genlis  praediclae  quasi 
ex  ipsa  trahenlem  originem  aliqua  addidisse  credat. 

*)  ib.  e.  50:  Sciri  vero  et  Satagarii  et  ceteri  Alanorum  cum  duce  suo  no- 
mine Candax  Scylhiam  minorem  inferioremque  Moesiam  acrepere.  Cuius  Candacis 
Alaoowamuthis  patris  mei  genitor  Paria,  id  est  meus  avus,  notarius  quousque 
Candax  ipse  viveret  fuit,  eiusque  germanae  filius  Gunlhrigis  qui  et  Baza  dicebatur, 
magister  militum,  filius  Andagis  filii  Andalae,  de  prosapia  Amalorum  descendens. 
Ego  item  quamvis  agrammatus  Jordanis  ante  conversionem  meam  notarius  fui. 


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Jordanis.  Geten  und  Gothen. 


49 


er  die  Verehrung  des  Kaiserthumes,  und  wenn  er  es  unternahm,  die 
Folge  der  Weltreiche  in  gedrängter  Uebersicht  darzustellen,  so  konnte 
ihm  doch  der  Gedanke  niemals  nahen,  dafs  etwa  auch  das  römische 
Reich  sein  Ende  erreicht  habe  und  andere  an  seine  Stelle  treten 
würden.  Eben  war  er,  wie  er  uns  berichtet,  mit  der  Abfassung  eines 
solchen  Handbuches  beschäftigt,  als  sein  Freund  Castalius  ihn  auf- 
forderte, Kassiodors  Geschichte  der  Gothen  in  einen  Auszug 
zu  bringen1).  Diese  Aufgabe,  sagt  er,  sei  für  ihn  um  so  schwie- 
riger gewesen,  da  ihm  das  Werk  nicht  einmal  vorliege,  sondern  er 
es  nur  einmal  in  früherer  Zeit  auf  drei  Tage  zum  Lesen  erhalten 
habe.  Doch  glaube  er  sich  des  wesentlichen  Inhalts  noch  vollständig 
zu  erinnern2).  Damit  habe  er  nun  Verschiedenes  aus  griechischen 
und  lateinischen  Schriftstellern  verbunden,  den  Anfang  und  das  Ende 
aber,  wie  auch  Hehreres  in  der  Mitte  von  seinem  Eigenen  dazu  ge- 
than.  Später,  im  Verlauf  der  Geschichte,  nennt  er  den  Kassiodor 
nie  und  es  läfst  sich  daher  nicht  mit  Sicherheit  feststellen,  was  er 
wirklich  von  ihm  entlehnt  habe3).  Andere  Quellen  dagegen  nennt 
er  häufig;  so  den  Ablavius  und  die  von  diesem  benutzten  Helden- 
lieder der  Gothen,  welche  auch  ihm  selbst  noch  wohlbekannt  waren; 
dazu  den  Byzantiner  Priscus,  und  andere  neuere  und  ältere  Schrift- 
steller, welche  v.  Sybel  zusammen  gestellt  hat,  besonders  Dio  Chry- 
sostomus,  dessen  Getica  er  ausschrieb,  weil  er  die  Gothen  und  Geten 
für  dasselbe  Volk  hielt4).  Für  diese  Annahme  beruft  Jordanis  sich 
auf  Orosius;  sie  war  nicht  neu,  und  auch  wer  die  Richtigkeit  der- 
selben nicht  zugeben  kann,  darf  doch  dem  Verfasser  keinen  Vor- 
wurf deshalb  machen,  dafs  er  der  Autorität  der  römischen  Gelehrten 
folgte.  Vielmehr  verdient  es  Lob  und  Anerkennung,  dafs  er  diese 
vermeintliche  Entdeckung  nun  auch  für  sein  Geschichtswerk  frucht- 
bar zu  machen  versuchte,  und  so  die  gothische  Urgeschichte  mit 
einer  Fülle  neuer  Tliatsachen  bereicherte.  In  der  Ausführung  frei- 
lich können  wir  ihn  von  grofser  Flüchtigkeit  und  Ungenauigkeit 

Der  Anfang  dieser  Vorrede  ist  nach  v.  Sybel  in  Schmidts  Zeitschr.  f.  Gesch. 
VH,  288  mit  geringen  Veränderungen  wörtlich  entlehnt  aus  Rufini  presb.  prarfatio 
in  explanationem  Origenis  super  ep.  Pauli  ad  Romanos. 

2)  Ad  triduanam  leclionem  dispensatoris  eius  beneficio  libros  ipsos  antehac 
relegi,  quorum  quamvis  verba  non  recolo,  sensus  tarnen  et  res  actas  credo  me 
integrc  lenere. 

*)  Vgl.  darüber  v.  Sybel  de  fontibus  Jordanis,  welcher  für  Kassiodor  vindi- 
cirt,  was  ohne  anderen  Gewährsmann  gesagt  ist.  Cassel  dagegen  betrachtet  das 
ganze  Werk  mit  Ausnahme  der  Fortsetzung  ab  einen  Auszug  aus  Kassiodor. 

4)  Mit  J.  Grimm,  Uber  Jornandes,  und  Gesch.  der  deutschen  Sprache.  1848. 
Dagegen  S.  Cassel  in  den  Magyar.  Alterthümern,  v.  Sybel  in  Schmidts  Zeitschrift 
C Gesch.  VI,  516.  Waitz , Verfassungsgesch.  I.  p.  XIII.  Bessell  de  Rebus  Geliris. 
Gott.  1854.  4.  p.  73.  Müllenhoff,  Art.  Gelen  in  d.  Encyel.  v.  Ersch  u.  Gruber  S.463. 

4 


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50 


I.  Vorzeit.  § 5.  Jordanis. 


nicht  freisprechen,  und  indem  er  ohne  weiteres  auch  sogleich  die 
Skythen  und  Amazonen  zu  Gothen  machte,  scheint  er  die  von  seinen 
Vorgängern  angerichtete  Verwirrung  noch  gesteigert  zu  haben. 

Mit  dem  14.  Kapitel  geht  Jordanis  dann  auf  die  Genealogie  der 
Amaler  über,  und  vielleicht  beginnt  damit  die  Benutzung  des  Kas- 
siodor.  Die  Geschichte  der  Westgothen  und  Ostgothen  in  knapper 
Darstellung  fortführend,  gelangt  er  bis  zu  den  Siegen  Belisars,  die 
er  auffallend  kurz  berichtet,  und  auch  für  diese  letzte  Zeit  scheint 
er  schon  die  Annalen  des  gleichzeitigen  Marcellinus  Comes ')  benutzt 
zu  haben.  Die  Vergleichung  mit  den  knappen  aber  genauen  und 
zuverlässigen  Angaben  dieses  Schriftstellers  fällt  nicht  günstig  für 
unseren  Autor  aus,  der  sich  offenbar  mit  gröfserer  Vorliebe  den 
alten  Ueberlieferungen  zuwendet,  und  wie  das  bei  den  Anfängen 
einer  gelehrten  Geschichtschreibung  so  häufig  ist,  gerne  eine  unver- 
daute Gelehrsamkeit  auskramt,  von  der  sorgsamen  Gewissenhaftig- 
keit aber,  welche  die  Nachwelt  am  höchsten  schätzt,  kaum  einen 
Begriff  hat.  Indem  er  nun  hierin  gegen  gleichzeitige  und  spätere 
Annalen  zurücksteht,  zeichnet  er  sich  dagegen  vor  den  einfachen 
Chronisten  aus  durch  das  Festhalten  eines  leitenden  Gedankens, 
welcher  die  Darstellung  beherrscht.  Man  hat  dem  Jordanis  eine 
gänzliche  Entfremdung  von  seinem  Volke  zum  Vorwurf  gemacht. 
Nicht  zum  Ruhme  der  Gothen,  sagt  er  schliefslich,  habe  er  dieses 
geschrieben,  sondern  um  den  Ruhm  des  Siegers  zu  erhöhen.  Allein 
darauf  darf  man  nicht  zu  viel  Gewicht  legen.  Die  Liebe  zu  seinem 
Volke,  der  Stolz  auf  die  Tapferkeit  der  Gothen,  auf  die  Herrlich- 
keit der  Amaler,  tritt  vielmehr  mit  grofser  Lebhaftigkeit  überall 
hervor,  und  eben  deshalb  hielt  Jordanis  es  für  nöthig,  durch  eine 
solche  Wendung  in  der  damaligen  Zeit  des  Krieges  dem  Argwohn 
der  Herrscher  zu  begegnen.  Denn  als  er  dieses  schrieb,  nach  Vi- 
tiges  Untergang  und  Tod  (um  543)  war  der  Krieg  noch  keineswegs 
beendigt,  und  sollte  bald  mit  neuer  Wuth  entbrennen.  Jordanis  aber 
hatte  allerdings  für  diesen  letzten  Todeskampf  der  Gothen  keine 
Theilnahme;  dem  stand  in  ihm  theils  seine  politische  Ansicht,  theils 
das  Blut  der  Amaler  entgegen,  welches  mächtiger  war  als  das  Volks- 
bewufstsein.  Er  setzte  seine  Hoffnungen  auf  Germanus,  den  Gemahl 
der  Matasuintli,  dem  ja  auch  von  seinen  Landsleuten  so  viele  sich 
zuwandten,  und  nach  dessen  frühem  Tode  auf  den  letzten  Sprossen 

*)  bis  534,  fortgesetzt  bis  551.  Bähr  S.  107.  Diese  Chronik  schliefst  sich 
ebenfalls  an  Hieronymus,  ist  aber  im  Ostreiche  verfafst.  Die  weitere  Fortsetzung 
bat  Waitz,  Nachrichten  v.  d Gött.  Ges.  d.  Wiss.  1857  S.  38  als  aus  Ilermannus 
Contractus  entlehnt  nachgewiesen. 


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Jordanis  Geschichte  der  Gothen,  Seine  Chronik. 


51 


der  Amaler,  auf  das  Kind  Germanus:  der  sollte  sein  Volk  wieder 
sammeln  und  beherrschen,  im  engsten  Ansclilufs  an  das  Römerreich, 
so  wie  einst  Theoderich.  Darauf  führen  uns  deutlich  genug  die  Er- 
wähnungen dieses  Germanus,  welche  der  Verfasser  später,  nach  der 
Vollendung  seiner  Chronik,  der  Gothengeschichte  eingefügt  hat1). 

Das  aber  ist  eben,  wie  Sybel  nachgewiesen,  und  Stahlberg 
weiter  ausgeführt  hat,  der  leitende  Gedanke  des  Jordanis,  dafs  er 
nur  in  der  friedlichen  Einfügung  des  Gothenvolkes  in  das  römische 
Reich  die  Möglichkeit  und  Hoffnung  einer  gedeihlichen  Zukunft  für 
dieselben  erkennt.  Ihm  konnte  es  nur  als  ein  hoffnungsloses  und 
frevelhaftes  Unternehmen  erscheinen,  wenn  die  letzten  Gothenfürsten, 
die  dem  Stamm  der  Amaler  fremd  waren,  sich  dem  letzten  Welt- 
reich gegenüber  feindlich  behaupten  wollten,  um  so  mehr,  da  er 
katholisch  war,  und  dadurch  im  Gegensätze  zu  seinen  arianischen 
Volksgenossen  mit  der  Einheit  der  Kirche  auch  die  Einheit  des  welt- 
lichen Reiches  erstreben  mufste.  Daher  legt  er  überall  besonderes 
Gewicht  auf  die  friedlichen  Beziehungen  der  Gothen  zum  Ostreiche, 
und  seine  Theilnahme  und  Hoffnung  konnte  sich  nur  dem  Germanus 
zuwenden.  Dieser  Auffassung  konnte  sich  damals  niemand  entziehen, 
der  in  den  Bildungskreis  der  römischen  Kirche  eingetreten  war,  und 
sie  blieb  herrschend,  bis  die  Franken  stark  genug  waren,  um  sich 
selbst  als  die  wahren  Träger  des  erneuten  römischen  Reiches  be- 
trachten zu  können. 

Um  dieser  Verhältnisse  willen  ist  es  von  besonderer  Wichtig- 
keit, dafs  J.  Grimm  in  dem  Vigilius,  welchem  Jordanis  sein  zweites 
Werk  gewidmet  hat,  den  damaligen  römischen  Papst  erkannt  und 
mit  überzeugenden  Gründen  nachgewiesen  hata).  Dieses  Werk,  ge- 
wöhnlich De  regnorum  successione , von  ihm  selbst  aber  De  brevia- 
tione  chronicorum  genannt,  beendigte  Jordanis  nach  langer  Arbeit 
im  24.  Jahre  Justinians  (550  oder  551),  und  hier  sind  am  Schlüsse 
die  letzten  Kämpfe  der  Gothen  noch  etwas  weiter  fortgeführt,  mit 
sichtlicher  Abneigung  gegen  Totilas.  Das  ganze  Werk  ist  eine  un- 
bedeutende und  ungeschickte  Compilation;  es  ist  grofsentheils  aus 
Florus  entlehnt,  so  wörtlich,  dafs  die  neuesten  Herausgeber  desselben, 
Jahn  und  Halm,  aus  Jordanis  den  Text  des  Florus  bedeutend  be- 
richtigen konnten;  später  benutzt  er  den  Eutrop  und  Marcellinus 

')  So  glaube  ich  das  Verhältnifs  beider  Werke  auffassen  zu  müssen,  nach 
den  Worten  in  der  Vorrede  der  Chronik:  iungens  ei  aliud  volumen  de  origine 
actuque  Getarnm,  quod  iam  dudum  communi  amico  Castalio  edidissem.  Zu  diesen 
Zusätzen  gehört  dann  auch  die  Beziehung  auf  die  Pest  des  J.  542  (cap.  19)  als 
vor  neun  Jahren  erlebt.  Anders  Slahlberg  S.  16  ff. 

a)  Ueber  Jornandcs  S.  12. 

4* 


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52  I.  Vorzeit.  § 5.  Jordan«.  § 6.  Westgothen. 

Comes.  Wichtig  ist  diese  Schrift  fast  nur  als  höchst  charakteristisch 
für  den  Standpunkt  des  Verfassers,  denn  die  Weltgeschichte  ist  ihm 
eben  nur  die  römische,  angeknüpft  an  die  Generationen  des  alten 
Testaments  und  die  Regentenreihen  der  früheren  Weltreiche;  er 
beruft  sich  ausdrücklich  auf  die  Prophezeiung  des  Daniel,  dafs  diesem 
Reiche  die  Herrschaft  bis  ans  Ende  der  Welt  beschieden  sei. 

§6.  Die  Westgothen.  Isidor. 

Aschbach,  Geseb.  d.  Westgotben.  Frankf.  1827.  Lembke,  Gesch.  v.  Spanien.  Hamb.  1831. 

Spanien  gehörte,  wie  Gallien,  in  den  letzten  Zeiten  des  römi- 
schen Reiches  zu  den  blühendsten  Provinzen  und  war  von  der  rö- 
mischen Bildung  der  damaligen  Zeit  vollkommen  durchdrungen.  Un- 
endlich viel  ging  hier  zu  Grunde  in  den  verheerenden  Kriegen  des 
fünften  Jahrhunderts,  wo  Spanien  unausgesetzt  der  Kampfplatz  ver- 
schiedener deutscher  Völkerschaften  war;  die  Westgothen  aber, 
welche  allmählich  ihr  Reich  dort  befestigten,  zeigten  sich  der  römi- 
schen Bildung  ebenso  wenig  abgeneigt  wie  die  Ostgothen,  und  wäh- 
rend sie  die  unterworfenen  Romanen  mit  grofser  Milde  behandelten, 
erhielt  sich  auch  unter  ihnen  noch  ein  Nachklang  des  wissenschaft- 
lichen Lebens  der  besseren  Zeit;  sie  selbst  jedoch  haben  nicht  in 
namhafter  Weise  an  dieser  Thätigkeit  Theil  genommen. 

Den  Anfang  der  barbarischen  Heimsuchung  Spaniens  erlebte 
noch  Orosius,  der  Augustins  Geschichte  des  Reiches  Gottes  auf 
dessen  WTunsch  die  Schilderung  des  Elendes  dieser  Welt  zur  Seite 
stellte.  Er  wollte  darin  nachweisen,  dafs  nicht  das  Christenthum, 
wie  die  Heiden  behaupteten,  das  Elend  Uber  die  Welt  gebracht 
habe,  sondern  dafs  es  zu  allen  Zeiten  viel  Trübsal  und  Leiden  ge- 
geben: eine  Auffassung,  welche  in  den  Zeiten  des  Unglücks  und 
der  Verwirrung  überall  Anklang  fand  und  grofsen  Einflufs  auf  die 
Ansichten  der  mittelalterlichen  Geschichtschreiber  geübt  hat,  ganz 
besonders  auf  Otto  von  Freising,  dessen  Chronik  sich  unmittelbar 
an  Augustin  und  Orosius  anschlicfst.  Für  uns  mindert  die  unhisto- 
rische Auffassung  des  Orosius,  die  dadurch  bedingte  einseitige  Be- 
nutzung und  Entstellung  seiner  Quellen,  und  sein  ziemlich  leicht- 
fertiges Verfahren,  den  Werth,  welchen  sein  WTerk  sonst  durch  die 
Excerpirung  jetzt  verlorener  Schriften,  namentlich  des  Livius,  haben 
würde.  Im  Anfang  legt  auch  er  den  Eusebius  in  der  Bearbeitung 
des  Hieronymus  und  des  Rufin  zu  Grunde,  geht  aber  bald  zu  einer 
ganz  überwiegenden  Darstellung  der  römischen  Geschichte  Uber. 
Das  römische  Reich  ist  ihm  nach  der  herrschenden  Darstellungs- 
weise die  vierte  Weltmonarchie;  als  die  vorhergehenden  aber  sieht 


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Orosius.  Die  Annalisten. 


53 


er,  abweichend  von  den  späteren  Chronisten,  das  babylonische,  ma- 
cedonische  und  karthagische  Reich  an.  Am  Schlüsse  seines  Werkes 
(bis  417)  gibt  Orosius  die  Geschichte  seiner  Zeit,  und  dieser  Ab- 
schnitt hat,  obschon  dürftig  und  nicht  frei  von  Schmeichelei  gegen 
den  Kaiser,  doch  selbständigen  Werth,  und  enthält  namentlich  gute 
Nachrichten  Uber  Spanien  und  die  Geschichte  der  Westgothen '). 

Unter  der  westgothischen  Herrschaft  entstanden  ferner  mehrere 
jener  wortkargen  annalistischen  Aufzeichnungen,  welche  sich  an  die 
Chronik  des  Hieronymus  anschlossen,  und  in  den  späteren  Welt- 
chroniken regelmäfsig  den  Uebergang  vom  Hieronymus  zum  Beda 
bilden,  weshalb  denn  eine  Zeit  lang  westgothische,  später  angel- 
sächsische Namen  vorherrschen.  Hierhin  gehören  die  Chroniken  des 
Aquitanen  Prosper,  deren  Anfang  aus  Hieronymus  geschöpft  war. 
Man  zog  es  daher  in  der  Regel  vor,  nur  die  Fortsetzung  (379  bis 
455)  abzuschreiben,  und  diese  unmittelbar  mit  Hieronymus  zu  ver- 
binden3). Daneben  findet  sich  eine  andere  Fortsetzung  desselben 
von  dem  Spanier  Idacius  (379 — 468),  welche  schätzbare  Nach- 
richten über  die  Westgothen  und  Sueven  enthält3). 

Eine  Weltchronik  scheint  auch  Victor,  ein  Bischof  von  Tunis 
(Tunnunensis)  geschrieben  zu  haben,  die  aber  nur  als  Fortsetzung 
des  Prosper  von  da  an  erhalten  ist,  wo  dieser  auf  hörte4)  (444  bis 
566).  An  diesen  Victor  schliefst  sich  nun  die  Fortsetzung  eines 
Gothen,  des  Johannes  von  Biclaro5),  der  aber  in  Konstantinopel 
seine  Bildung  erhalten  hatte,  bis  zum  Jahre  590.  In  Burgund  schlofs 
sich  der  schon  früher  (8.  37)  erwähnte  Marius  von  Avenche 
wieder  unmittelbar  an  die  Chronik  des  Prosper  an  (455 — 581). 

Näher  auf  diese  Werke  einzugehen,  deren  Werth  nur  in  ihrem 
materiellen  Inhalt  besteht,  würde  hier  nicht  am  Orte  sein;  sie 
durften  nicht  ganz  übergangen  werden,  weil  sie  den  Uebergang  zu 
den  späteren  Chronisten  bildeten,  denen  vorzüglich  Prosper  und 
Idacius  ganz  allgemein  als  Grundlage  für  diese  Zeiten  dienten:  die 
weiteren  Quellen  der  westgothischen  Geschichte  aber  dürfen  wir  hier 

*)  Th.  de  Mörner,  de  Orosii  vita  eiusque  Historiarum  libris  VII  adversus  pa- 
ganos.  Berolini  1844.  8. 

*)  B'ähr  S.  98 — 102.  Archiv  VII,  228.  Eine  ungedruckle  Fortsetzung  des 
Prosper  bis  64 1 erwähnt  Waitz  ib.  25 1 . Neue  Ausgaben  dieser  Annalisten  fehlen ; 
man  findet  sie  am  besten  in  der  Roncallischen  Sammlung  (1787)  und  narh  Jahren 
geordnet  zusammengestellt  (doch  nur  bis  455)  bei  Rösler,  Chronica  medii  aevi, 
Tub.  1798.  Bei  Migne  sind  sie  aus  der  BibUotheca  Maxima  Patrum  wieder  abgedruckt. 

3)  Bähr  S.  102 — 105.  Neue  Ausgabe  von  De  Ram,  im  Compte  rendu  de 
la  Commission  royale  d’hist.  VoL  X. 

*)  Bähr  S.  109.  Migne  68,  941. 

5)  Bähr  S.  110,  auch  über  d.  weitere  Fortsetzung  601 — 721.  Migne  72,  863. 


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54 


I.  Vorzeit.  § 6.  Westgothen.  § 7.  Franken. 


wohl  unbedenklich  bei  Seite  lassen.  Dagegen  haben  wir  noch  eines 
Mannes  zu  gedenken,  der  wie  jene  Vertreter  der  alten  gramma- 
tischen Bildung  am  Hofe  zu  Ravenna,  alles  was  von  der  über- 
lieferten Schulbildung  noch  übrig  war,  in  sich  aufgenommen  hatte, 
und  durch  seine  Schriften  einer  der  einflufsreichsten  Lehrer  des 
Mittelalters  geworden  ist,  nämlich  Isidor  von  Sevilla1). 

Isidor  war  der  Sohn  des  Severian,  eines  Provinzialen  aus  dem 
District  von  Karthagena.  Er  folgte  seinem  Bruder  Leander  auf  dem 
bischöflichen  Stuhle  von  Sevilla,  und  starb  636.  Aufser  vielen  an- 
deren Werken,  brachte  er  die  Summe  aller  Kenntnisse,  welche  er 
sich  mit  Hülfe  der  damals  noch  vorhandenen  HUlfsmittel  erworben 
hatte,  in  ein  Compendium,  die  20  Bücher  Originum  sive  Etymolo- 
yiarum,  welche  eine  aufserordentliche  Verbreitung  erlangten  und  all- 
gemein gelesen  und  benutzt  wurden.  Heut  zu  Tage  ist  man  geneigt 
diese  Bestrebungen  gering  zu  schätzen,  ja  ihnen  zu  zürnen,  weil 
dadurch  die  älteren  und  besseren  Werke  verdrängt  wurden.  Allein 
es  war  damals  schwer  sich  eine  Bibliothek  zu  sammeln ; nur  wenige 
von  denen,  welche  sich  mit  Wissenschaften  überhaupt  beschäftigten, 
konnten  sich  die  umfangreichen  Handschriften  der  alten  Classiker 
verschaffen,  und  deshalb  gewannen  die  leicht  zugänglichen  Auszüge 
eine  so  rasche  Verbreitung.  Es  ist  sehr  fraglich  ob  sich  die  reineren 
Quellen  besser  erhalten  haben  würden,  wenn  auch  niemand  Auszüge 
daraus  verfafst  hätte;  diese  dagegen  setzten  auch  unbemittelte  Schüler 
in  den  Stand,  wenigstens  etwas  zu  lernen. 

In  jenem  umfassenden  Werke  ist  nun  auch  eine  Chronik  ent- 
halten, welche  in  gedrängtester  Kürze,  nach  den  sechs  Weltaltern 
geordnet,  eine  chronologische  Uebersicht  der  Begebenheiten  giebt, 
von  der  Erschaffung  der  Welt  bis  auf  Sisebut.  Etwas  ausführlicher 
ist  die  abgesonderte  Ausgabe  derselben,  bis  zum  fünften  Jahre  des 
Heraklius,  dem  vierten  des  Sisebut  (615).  Allein  so  sehr  auch  Isidor 
von  der  in  der  Kirche  herrschenden  Ansicht  von  der  Geschichte  er- 
füllt war,  so  hatte  er  doch  auch  ein  lebhaftes  Gefühl  für  sein  Land 
und  für  das  Volk  der  Westgothen,  von  deren  Milde  und  Menschen- 
freundlichkeit er  ein  schönes  Zeugnifs  ablegt.  Denn  nachdem  er  die 
Einnahme  Roms  durch  Alarich  und  die  dabei  geübte  Schonung  be- 
schrieben hat,  fügt  er  hinzu:  „Deshalb  lieben  auch  bis  auf  den 
heutigen  Tag  die  Römer,  welche  im  Reiche  der  Gothen  leben,  die 
Herrschaft  derselben  so  sehr,  dafs  sie  es  für  besser  halten,  mit  den 
Gothen  in  Armuth  zu  leben,  als  unter  den  Römern  mächtig  zu  sein, 

l)  Isidori  Ilispalensis  Opera  ed.  Arevalo.  1790 — 1803.  7 Bände  in  quarto. 
Vol.  Vll  enthält  die  historischen  Schriften.  Bähr  S.  111 — 113. 


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Isidor.  Literarhistoriker. 


55 


nnd  die  Behwere  Last  der  Abgaben  zu  tragen.“  Das  steht  in  der 
Volksgeschichte  der  Westgothen,  welche  er  verfafst  hat,  kurz  zwar 
und  dürftig  für  uns,  die  wir  nach  eingehenderer  Darstellung  ver- 
langen, aber  doch  nicht  ohne  Geschick  zusammengefafst,  und  mit 
Wärme  erzählt.  Kurze  Geschichten  der  Vandalen  und  der  Sueven 
schliefsen  sich  daran.  Vorangeschickt  aber  ist  ein  überschwengliches 
Lob  Spaniens,  das  jetzt  von  dem  blühenden  Volke  der  Gothen  in 
Reichthum  und  glücklicher  Sicherheit  beherrscht  werde.  Dieses  Stück 
fehlt  jedoch  in  vielen  Handschriften. 

Aufserdem  aber  haben  wir  endlich  noch  ein  Werk  des  Isidor 
zu  erwähnen,  welches  ebenfalls  grofse  Verbreitung  gefunden,  und 
manchen  zur  Nachahmung  gereizt  hat.  Das  ist  sein  litterar- 
historisches  Buch  De  scriptoribus  ecclesiasticis.  Er  selbst  folgte  darin 
dem  Vorgänge  des  Hieronymus  und  des  Gennadius,  eines  Marseiller 
Priesters  im  fünften  Jahrhundert.  Ihm  schlofs  sich  dann  zunächst 
Ildefons  von  Toledo  an,  und  darauf  nach  langem  Zwischen- 
räume im  zwölften  Jahrhundert  Sigebert,  Honorius,  Petrus 
Diakonus  und  der  ungenannte  Mönch,  welcher  nach  dem  Fundort 
der  Handschrift  von  M e 1 k ( Anonymus  Mellicensis ) genannt  wird, 
alle  dürftig  und  mager,  aber  schätzbar  durch  einige  nur  von  ihnen 
aufbewahrte  Nachrichten.  Im  dreizehnten  Jahrhundert  folgte  ihnen 
Heinrich  von  Gent,  und  endlich  am  Schlüsse  des  Mittelalters 
der  vielbelesene,  aber  unzuverlässige  Johann  von  Trittenheim l). 
Denselben  Gegenstand  behandelte  im  Jahre  1280  Hugo  von  Trim- 
berg,  Lehrer  zu  St.  Gangolf  in  Bamberg,  in  Versen,  in  seinem 
Registrum  multorum  auctorum,  dessen  nicht  eben  reicher  Ertrag 
von  M.  Haupt  geprüft  ist,  in  den  Sitzungsberichten  der  Berliner 
Akademie  1854  S.  142  ff. 

§ 7.  Die  Franken. 

Histoirc  Litteraire  de  la  France,  von  Dom  Rivet.  Guizot,  Historie  de  la  Civilisation  en 
France  depuis  la  chute  de  l'Empire  Romain.  Ampere , Histoire  Litteraire  de  la 
France  avant  le  clouzieme  siecle.  3 Vol.  8.  1839.  1840.  Thicrry,  Recits  Mcrovingiens. 
Löbell , Gregor  von  Tours  und  seine  Zeit.  1839.  8. 

Die  Gothen  waren  ohne  Zweifel  ein  wohlbegabter,  bildungs- 
fähiger Stamm,  und  ihre  Anfänge  vielversprechend;  aber  die  West- 
gothen zeigen  nach  Isidor  keine  fortschreitende  Entwicklung  in  der 
Litteratur,  und  der  Ostgothen  Reich  war  in  vollster  Auflösung  be- 
griffen, als  es  den  Feldherren  Justinians  erlag.  Keines  der  deutschen 
Reiche,  welche  auf  römischem  Boden  errichtet  wurden,  vermochte 
die  innere  Festigkeit  und  Ordnung  zu  gewinnen,  welche  allein  die 

B Alle  zusammen  gedruckt  in  J.  A.  Fabricius  Bibliotheca  ecdesiastica.  Vgl. 
Bähr  S.  115—129. 


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56 


I.  Vorzeit.  § 7.  Die  Franken. 


Grundlage  einer  dauernden  und  fortschreitenden  Geistesbildung  und 
litterarischen  Entwicklung  darbieten  kann.  Einen  ganz  ähnlichen 
Verlauf  der  Dinge  sehen  wir  auch  bei  den  Franken:  auch  sie  finden 
einige  Reste  der  alten  Bildung  vor,  welche  sich  eine  Zeit  lang 
kümmerlich  erhalten;  in  der  Kirche  regt  sich  dann  einige  litterarische 
Thätigkeit,  aber  zuletzt  droht  doch  alles  in  der  allgemeinen  Auf- 
lösung und  Verwirrung  rettungslos  unterzugehen,  und  es  bedarf  einer 
Neubelebung  der  fast  ganz  erstorbenen  Keime,  um  ein  besseres  Zeit- 
alter herbeizuführen  auf  der  Grundlage  festerer  staatlicher  Bildungen. 

Hochberühmt  waren  in  den  letzten  Jahrhunderten  der  Kaiser- 
herrschaft die  Schulen  der  Grammatiker  und  Rhetoren  in  Gallien ; die 
französischen  Schriftsteller  gefallen  sich  darin,  das  Bild  dieser  Zeiten 
auszumalen,  und  es  tritt  uns  in  den  Werken  von  Guizot  und  Ampfere 
lebendig  entgegen.  Diese  Studien,  welche  noch  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten des  Reiches  so  eifrig  betrieben  wurden,  waren  aber,  wie 
sich  das  bei  dem  Charakter  dieser  Zeiten  nicht  anders  erwarten 
läfst,  dem  wirklichen  Leben  gänzlich  entfremdet,  und  bewegten  sich 
nur  auf  dem  Boden  der  Schule.  Die  Prosa  war  bis  auf  einen  un- 
erträglichen Grad  verkünstelt;  die  gesuchte,  kaum  verständliche 
Schreibart,  deren  wir  schon  bei  Ennodius  und  Kassiodor  gedachten, 
ist  hier*  auf  die  Spitze  getrieben.  Die  Poesie  war  vorherrschend 
epigrammatisch  und  diente  fast  nur  dem  Zeitvertreib  der  vornehmen 
Welt;  durch  Gelegenheitsgedichte  suchten  die  Poeten  die  Gunst  der 
vornehmen  Herren,  oder  diese  griffen  auch  selbst  zur  Feder,  und 
bewiesen  ihre  feine  Bildung  durch  allerhand  poetisches  Spielwerk, 
wie  Ausonius  aus  Bordeaux,  der  nach  der  Verwaltung  bedeutender 
Staatsämter  in  Mufse  der  Litteratur  lebte  und  bald  nach  392  ge- 
storben ist.  Weniger  glücklich,  wie  dieser,  sah  sich  Sidonius 
Apollinaris  schon  verdammt,  unter  den  Barbaren  zu  leben,  und 
deshalb  sind  seine  Gedichte  und  Briefe  von  um  so  gröfserem  Werthe 
für  uns:  sie  zeigen  uns  nicht  nur  den  damaligen  Zustand  der  Schulen 
und  des  Lebens  in  Gallien,  sondern  gewähren  auch  manche  Kunde 
von  den  Burgunden  und  Westgothen,  denen  er  mit  seiner  Kunst 
dienen  mufste.  Innigst  verabscheut  er  diese  Barbaren,  und  bei 
mancher  Gelegenheit  spricht  er  das  unverholen  aus,  aber  bewundern 
und  feiern  liefs  er  sich  doch  recht  gerne  von  ihnen.  Auch  das 
grofse  Hochzeitfest  der  Franken,  bei  welchem  diese  von  Aetius  über- 
fallen wurden,  hat  Sidonius  zum  Preise  des  Siegers  geschildert. 
Zuletzt  wandte  er  sich  der  Kirche  zu,  welche  allein  noch  einen 
sicheren  Hafen  darbot,  wurde  471  Bischof  von  Lyon  und  starb  489. 

Einst  hatte  Konstantin  die  fränkischen  Gefangenen  den  wilden 


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Sidonius  Apollinaris.  Prolog  der  Lex  Salica. 


57 


Thieren  vorwerfen  lassen,  weil  sie  ihm  zu  wild  und  zu  treulos  er- 
schienen, um  sich  wie  andere  Barbaren  zum  Anbau  des  Landes,  zum 
Kriegsdienst  oder  als  Sclaven  verwenden  zu  lassen : nur  der  Schrecken, 
meinte  er,  vermöge  sie  zu  bändigen.  Aber  die  vielfache,  wenn  auch 
feindliche  Berührung  mit  den  Römern  milderte  allmählich  ihre  Wild- 
heit; bald  finden  wir  Franken  in  ansehnlichen  Aemtern  bei  den  Rö- 
mern, und  schon  am  Ende  des  vierten  Jahrhunderts  war  der  Franke 
Arbogast  Befehlshaber  der  Heeresmacht  im  westlichen  Reiche.  In 
der  Mitte  des  fünften  Jahrhunderts  sind  die  salischen  Franken  von 
den  Römern  abhängig,  sie  führen  ihre  Kriege  und  schlagen  ihre 
Schlachten.  Mit  den  Römern  verbündet,  durchzieht  der  König  Chil- 
derich  ganz  Gallien  nach  allen  Seiten;  er  besiegt  mit  ihnen  die 
ketzerischen  Westgothen,  die  britischen  und  sächsischen  Seeräuber, 
die  plündernden  Alamannen.  Obgleich  noch  Heide,  ist  Childerich 
mit  seinen  Franken  doch  bereits  dem  ganzen  Lande  wohlbekannt, 
aber  nicht  mehr  als  der  wildeste  aller  Feinde,  sondern  als  Retter 
und  Beschützer.  Man  freute  sich  des  alten  Hünen,  wo  man  ihn  sah, 
hoch  zu  Rofs,  in  reicher  und  prächtiger  Rüstung,  das  ganze  Geschirr 
seines  Pferdes  bedeckt  mit  den  goldenen  Bienen,  welche  Napoleon 
von  ihm  entlehnt  hat.  Natürlich  war  das  alles  von  römischer  Arbeit, 
und  nicht  allein  das  Schwert  wufste  er  zu  brauchen,  sondern  auch 
Schreibtafel  und  Griffel;  sein  Siegelring  flilirto  die  lateinische  In- 
schrift: CHILDIRICI  REGIS. 

Da  ist  es  denn  nicht  zu  verwundern,  dafs  auch  daheim  im  Salier- 
lande schon  Römer  wohnen  konnten,  als  Gäste  und  Hausgenossen  des 
Königs,  ja  dafs  auch  die  Salier  selbst  ihr  eigenes  Volksrecht  in  latei- 
nischer Sprache  aufzeichneten,  und  andererseits  erklärt  es  sich  auch, 
wie  bald  darauf  die  Vermischung  der  Franken  mit  den  schon  halb 
barbarisch  gewordenen  Provinzialen  so  leicht  und  rasch  von  Statten 
gehen  konnte;  war  man  doch  beiderseitig  schon  längst  daran  ge- 
wöhnt, mit  einander  zu  leben  und  zu  verkehren. 

In  lateinischer  Sprache  ist  auch  das  älteste  Denkmal  einheimi- 
scher Poesie  der  Franken  verfafst,  der  Prolog  zum  Volksrecht 
der  Salier,  wo  das  Volk  der  Franken  hoch  gepriesen  wird,  das 
schöne,  kluge,  tapfere  und  treue,  das  jetzt  auch  den  katholischen 
Glauben  empfangen  habe  und  von  jeder  Ketzerei  rein  sei.  Die  frü- 
here Abhängigkeit  von  den  Römern  erschien  ihnen  in  der  Erinnerung 
wie  die  härteste  Knechtschaft,  deren  Joch  sie  mit  ihrer  gewaltigen 
Kraft  abgeworfen  hätten,  und  voll  Stolzes  rühmen  sie  sich  der  reichen 
Gaben  an  die  Kirchen  der  heiligen  Märtyrer,  gegen  welche  die  Römer 
einst  mit  Feuer  und  Schwert  gewüthet  hätten. 


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58 


I.  Vorzeit.  § 7.  Die  Franken. 


Dieser  letzte  Satz,  welcher  erst  lange  nach  der  Bekehrung  ge- 
schrieben sein  kann,  hat  aber  nicht  mehr  die  rythmische  Form, 
welche  für  den  Anfang  dieses  Prologs  zuerst  v.  Bethmann  - Hollweg 
nachgewiesen  hat1),  und  dieser  erste  Theil,  in  welchem  die  neulich 
geschehene  Bekehrung  des  Volkes  erwähnt  wird,  mag  wohl  von  Chlo- 
dowichs  Zeit  wenig  entfernt  sein. 

So  wie  aber  die  Franken  das  Christenthum  sogleich  mit  dem 
orthodoxen  Eifer  ergriffen,  welcher  sich  in  jenen  Worten  ausspricht, 
so  waren  sie  auch  der  übrigen  römischen  Bildung  durchaus  nicht 
feind ; ja  Chlodowichs  Enkel  Chilperich,  der  auch  für  byzantinischen 
Hofstaat  und  römische  Staatseinrichtung  grofse  Vorliebe  zeigte,  ver- 
suchte sogar  das  lateinische  Alphabet  durch  Erfindung  neuer  Buch- 
staben zu  verbessern,  und  machte  selbst  lateinische  Verse  nach  dem 
Vorbilde  des  Sedulius,  aber  wie  Gregor  von  Tours  berichtet,  wollte 
es  ihm  mit  der  Metrik  nicht  recht  gelingen2). 

Höchst  charakteristisch  für  diese  erste  Zeit  der  Vermischung 
des  Alten  und  Neuen  ist  die  Persönlichkeit  des  Venantius  For- 
tunatus3).  Noch  in  den  alten  Rhetorenschulen  gebildet,  ist  dieser 
einer  der  letzten  Repräsentanten  jener  verkünstelten  Schulgelehrsam- 
keit. Er  stammte  aus  Italien  und  kam  um  das  Jahr  565  nach  Gal- 
lien, an  König  Sigiberts  Hof,  wo  man  viel  Gefallen  an  dieser  Poesie 
fand.  Ueberall  bei  den  fränkischen  wie  bei  den  römischen  vorneh- 
men Herren  und  Bischöfen  war  er  ein  gern  gesehener  Gast  und  auf 
ein  Lobgedicht  von  ihm  legte  man  den  gröfsten  Werth.  Aber  mehr 
als  alles  dieses  fesselte  ihn  die  Freundschaft  der  heiligen  Radegunde, 
die  ihn  zuletzt  bewog,  in  den  geistlichen  Stand  einzutreten  und  sich 
ganz  nach  Poitiers  zurückzuziehen.  Hierhin  hatte  Radegunde,  aller 
Herrlichkeit  der  Welt  entsagend,  sich  begeben,  um  ihr  Leben  in  dem 
von  ihr  gestifteten  Kloster  in  den  Werken  der  Frömmigkeit  und  De- 
muth  zu  beschliefeen,  sie,  einst  die  Gemahlin  Chlothars,  den  sie 
aber  nach  der  Ermordung  ihres  Bruders,  des  letzten  Sprossen  der 
thüringischen  Königsfamilie,  verlassen  hatte.  Nur  ein  Vetter  von  ihr 
war  noch  übrig,  der  in  Konstantinopel  lebte,  und  an  diesen  schrieb 
nun  Fortunat  in  ihrem  Namen  eine  wahrhaft  schöne  poetische  Epistel, 
in  welcher  er  den  Untergang  des  thüringischen  Reiches  in  ergrei- 
fender Weise  schildert.  Ebenso  schön  ist  ein  zweites  langes  Gedicht 

■)  Schmidts  Zeitschrift  für  Gesch.  IX,  49.  Vgl.  Waitz,  das  alte  Recht  der 
salischen  Franken  S.  36  ff. 

2)  S.  darüber  Gregor  von  Tours  V,  45,  und  die  Uebersctznng  Giesebrechts 
1,287.  Das  ihm  zugeschriebene  Epitaphium  S.  Germani  bei  Aimoin  III,  16  scheint 
nicht  wirklich  von  ihm  zu  sein. 

3)  Bahr  S.75 — 78.  Vgl.  Uber  ihn  besonders  d.  Werke  von  Guizot  u.  Ampere. 


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Venantius  Fortunatus. 


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über  das  traurige  Geschick  der  Galswintha,  Tochter  des  Westgothen- 
königs Athanagild,  der  Schwester  der  Königin  Brunhilde,  die  mit 
König  Chilperich  vermählt,  aber  bald  nach  der  Hochzeit  auf  Anstiften 
der  Fredegunde  ermordet  wurde. 

Wo  Fortunat  in  solcher  Weise  einen  bedeutenden  Gegenstand 
aus  dem  wirklichen  Leben  zu  behandeln  unternimmt,  zeigt  er  wahres 
Gefühl  und  ungewöhnliches  Talent.  Aber  bei  weitem  die  Mehrzahl 
seiner  Gedichte  bewegt  sich  ganz  in  der  spielenden  Weise  seiner 
Zeit;  er  bedichtet  jede  gute  Mahlzeit,  die  Radegunde  ihm  zukommen 
läfst,  und  widmet  jedem  kleinen  Vorfall  ein  Epigramm.  Vollends 
unerträglich  ist  seine  Prosa,  schwülstig,  geziert,  kaum  verständlich; 
nur  in  den  von  ihm  verfafsten  Heiligenleben  redet  er  einfach  und 
natürlich.  Das  findet  sich  überhaupt  fast  durchgehends,  nur  wenige 
derselben  sind  in  dem  gesuchten  Stil  der  Schule  geschrieben,  und 
zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  sie  zur  Erbauung,  zum  Vor- 
lesen bestimmt  waren,  und  deshalb  allgemein  verständlich  sein 
mufsten. 

In  den  Heiligenleben,  die  Fortunat  verfafste,  herrscht  übrigens 
der  moralisch -theologische  Zweck  und  Standpunkt  zu  sehr  vor,  als 
dafs  sie  einen  bedeutenden  historischen  Werth  haben  könnten;  am 
anziehendsten  und  am  lehrreichsten  ist  das  Leben  der  Radegunde, 
worin  das  Klosterleben  der  damaligen  Zeit  anschaulich  geschildert  wird. 

Wie  nun  die  Legenden  sich  schon  durch  ihre  einfache  Sprache 
als  dem  Leben  näher  stehend  bewähren,  so  zeigt  es  sich  überhaupt 
bald,  dafs  die  kirchliche  Litteratur  die  einzige  wahrhaft  lebensfähige 
war.  In  die  Kirche  flüchteten  sich  alle,  welche  noch  Sinn  und  Nei- 
gung für  litterarische  Bildung  hatten,  die  in  dem  wilden  Getümmel 
des  weltlichen  Lebens  keine  Stätte  mehr  fand.  Das  sahen  wir  an 
Kassiodor,  Jordanis,  Sidonius  Apollinaris,  und  auch  Fortunat  wurde 
in  Beinern  hohen  Alter  noch  Bischof  von  Poitiers,  wo  er  zu  Anfang 
des  siebenten  Jahrhunderts  gestorben  ist. 

Jene  innerlich  leblose  gekünstelte  Litteratur  der  Grammatiker 
starb  mit  ihren  letzten,  von  den  Franken  noch  Vorgefundenen  Re- 
präsentanten ab,  und  nur  die  Kirche  bewahrte  von  nun  an  die  Keime 
des  geistigen  Lebens,  welche  sie  naturgemäfs  für  ihren  Dienst  ver- 
wandte. Freilich  konnte  auch  sie  dem  Drucke  dieser  Zeiten  nicht 
unversehrt  widerstehen;  die  früher  in  Gallien  sehr  bedeutende 
speculativ- theologische  Thätigkeit  hörte  gänzlich  auf,  da  man  zu 
gewaltsam  vom  Drange  des  praktischen  Lebens  ergriffen  wurde; 
aber  in  diesem  bewahrte  die  Kirche  eine  bedeutende  Stellung.  Poli- 
tisch war  die  Macht  der  Bischöfe  im  fränkischen  Reiche  bald  gröfser, 


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60  I.  Vorzeit  § 7.  Franken.  § 8.  Gregor  von  Tours. 

wie  Bie  je  gewesen  war,  und  wenn  sie  auch  von  der  immer  mehr 
überhand  nehmenden  Verwilderung  stark  ergriffen  wurden,  so  ging 
dertiefere  sittliche  Gehalt  in  der  Kirche  doch  niemals  völlig  ver- 
loren, und  mitten  in  dem  allgemeinen  Verderben  erschienen  immer 
aufs  Neue  einzelne  Männer,  welche  durch  Reinheit  der  Gesinnung 
und  durch  rückhaltlose  Hingabe  ihrer  eigenen  Person  für  die  Gebote 
des  Evangeliums  die  Verehrung  ihrer  Zeitgenossen  und  die  Bewun- 
derung der  Nachwelt  erzwangen.  Zu  keiner  Zeit  nach  den  ersten 
Jahrhunderten  der  christlichen  Kirche  finden  wir  eine  gröfsere  Zahl 
von  Heiligen,  wie  gerade  damals,  Männer  und  Frauen,  grofsentheils 
von  hervorragender  äufserer  Stellung,  die  durch  Entsagungen  aller  Art, 
durch  aufopfernde  Wohlthätigkeit,  durch  unerschrockenes  Auftreten 
gegen  die  Verbrechen  der  Grofsen  und  Mächtigen,  sich  die  dankbare 
Verehrung  des  Volkes  erwarben.  Das  äufsere  Leben  nahm  gebie- 
terisch alle  ihre  Kräfte  in  Anspruch;  für  wissenschaftliche  Bestre- 
bungen war  kein  Raum  in  dieser  Zeit,  und  die  geringe  litterarische 
Thätigkeit,  welche  noch  Statt  findet,  beschränkt  sich  auf  Predigten, 
moralische  Schriften  und  Legenden,  die  ebenfalls  als  Vorbilder  zum 
Zweck  der  unmittelbaren  Einwirkung  auf  die  Zeitgenossen  verfafst 
wurden. 

Auf  diesem  Felde  schlofs  sich  an  Sulpicius  Severus  eine  reiche 
Litteratur  an,  und  auch  der  Mann,  mit  dem  wir  uns  zunächst  zu 
beschäftigen  haben,  der  bedeutendste  Schriftsteller  der  merowingischen 
Zeit,  Gregor  von  Tours,  wandte  der  Legende  seine  Thätigkeit  haupt- 
sächlich zu. 


§ 8.  Gregor  von  Tours. 

Opera  ed.  Ruinart.  Paris  1699.  fol.  Liber  de  cursu  stellarum  qualiter  ad  officium  im* 
plendum  debeat  observari,  ed.  Haase.  Vratisl.  1853.  4.  (Programm  zum  15.  Octbr. ) 
Historia  Francorum,  ed.  Bouquet.  Vol.  II.  Guadet  et  Taranne,  Paris  1836,  1838.  8. 
Uebersetzung,  mit  vottrefflicher  Einleitung,  von  W.  Giesebreclit.  Berlin,  1851.  8. 
Kries,  de  Greg.  Tur.  vita  et  scriptis.  Vratisl.  1839.  8.  Lnebell,  Gregor  von  Tours 
und  seine  Zeit.  Leipzig  1839.  8.  R.  Koepke  in  der  Allg.  Monatsehrift,  1859,  Sept. 
S.775  — 800.  Waitz  in  den  Gott.  Gel.  Anz.  1839,  S.  781  — 793,  in  Schmidts  Zeit- 
schrift f.  Gesch.  II,  44.  Archiv  V,  50.  VII,  246.  B&hr  S.  138  — 145. 

Gregor  von  Tours  stammte  aus  einer  sehr  vornehmen  römischen 
Familie,  der  fast  alle  Bischöfe  von  Tours  und  viele  Heilige  ange- 
hörten. Um  das  Jahr  540  in  Clermont  geboren,  erhielt  er  den  Namen 
Georgius  Florentius;  Gregor  hat  er  sich  erst  später  genannt,  nach 
seinem  mütterlichen  Ahnherrn,  dem  heiligen  Gregorius,  Bischof  von 
Langres.  Erzogen  wurde  er  an  seinem  Geburtsort  von  seinem  Oheim, 
dem  heiligen  Bischof  GalluB,  und  nach  dessen  Tode  von  dem  Priester 


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Gregor  von  Tours. 


61 


Avitus,  der  im  Jahre  571  ebenfalls  Bischof  von  Clermont  wurde. 
573  erhielt  Gregor  vom  König  Sigibert  das  Bisthum  Tours,  und  For- 
tunat versäumte  nicht,  sein  Gedicht  dazu  zu  machen;  Gregor,  der 
ihm  nahe  befreundet  war,  hat  ihn  später  sogar  mit  einem  Land- 
giitehen  beschenkt. 

Der  Bischof  von  Tours,  der  Nachfolger  des  heiligen  Martin,  war 
eine  der  ansehnlichsten  Personen  im  fränkischen  Reiche,  ein  Kirchen- 
fllrst  von  bedeutender  Macht,  und  mehr  noch  wegen  der  ungemeinen 
Verehrung  des  heiligen  Martin  ein  Mann,  auf  den  die  Blicke  vieler 
Menschen  gerichtet  waren  und  dessen  Stimme  bei  allen  Staatshändeln 
von  Gewicht  war.  Bei  den  inneren  Kriegen  unter  den  Merowingern 
konnte  es  daher  nicht  fehlen,  dafs  Gregor  sehr  bald  in  schwierige 
Verwickelungen  hinein  gezogen  wurde,  und  gleich  anfangs  sah  er 
sich  in  sehr  gefährdeter  Lage,  als  Chilperich  die  Stadt  Tours  seiner 
Herrschaft  unterwarf.  Er  benahm  sich  aber  stets  mit  Klugheit  und 
Festigkeit,  und  wufste  sich  selbst  gegen  erbitterte  und  mächtige 
Feinde  zu  behaupten.  Nach  Chilperichs  Tode  (584)  stieg  sein  An- 
sehen, und  von  nun  an  war  er  einer  der  einflufsreichsten  Männer 
im  Reiche.  Allgemein  geachtet  starb  er  am  17.  Nov.  594,  und  hinter- 
liefs  ein  dankbares  Andenken  in  seinem  Sprengel,  flir  den  er  in  jeder 
Beziehung  mit  unermüdlichem  Eifer  thätig  gewesen  war;  man  ver- 
ehrte ihn  sogar  als  einen  Heiligen. 

Vieles  hatte  Gregor  erlebt  und  gesehen,  von  seiner  Kindheit  an, 
wo  die  Auvergne  der  Schauplatz  des  Kampfes  zwischen  Chlotliar  und 
Childebert  war,  bis  zu  dem  blutigen  Streite  der  Königinnen  Brun- 
hilde und  Fredegunde;  seitdem  er  zu  den  Bischöfen  des  Reiches  ge- 
hörte, konnte  kein  bedeutendes  Ereignifs  eintreten,  ohne  ihn  unmittel- 
bar zu  berühren,  von  allem  erfuhr  er,  und  an  vielen  wichtigen  Staats- 
geschäften nahm  er  persönlich  Theil.  Da  erwachte  in  ihm  der 
Wunsch,  die  Kunde  dieser  Dinge  auch  der  Nachwelt  zu  überliefern, 
und  während  er  das  Leben  der  Heiligen  beschrieb  und  reiche  Samm- 
lungen von  Wundergeschichten  verzeichnete,  arbeitete  er  zugleich 
unablässig  an  dem  Geschichtswerke,  welchem  wir  fast  allein  unsere 
Kenntnifs  von  dem  Reiche  der  Merowinger  verdanken.  Noch  trägt 
es  die  Spuren  seiner  allmählichen  Entstehung,  man  erkennt  spätere 
Nachträge,  und  es  fehlt  ihm  die  letzte  Vollendung.  Um  so  gröfser 
ist  deshalb  die  Glaubwürdigkeit  der  letzten  Bücher,  in  welche  er 
den  Ereignissen  gleichzeitig  die  Zeitgeschichte  eintrug. 

Häutig  nennt  man  dieses  Werk  die  Kirchengeschichte  der  Fran- 
ken, und  in  manchen  Handschriften  trägt  es  nach  dem  Vorbild  des 
Beda  diesen  Titel  (Historia  ecclesiastica  Francorum).  Allein  so  sehr 


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I.  Vorzeit.  § 8.  Gregor  von  Tours. 


auch  dem  Charakter  der  Zeit  entsprechend  das  kirchliche  Element 
vorwiegt,  der  Inhalt  zeigt  doch,  dafs  jene  Uebei^chrift  den  Grund- 
gedanken des  Werkes  nicht  ausdrückt  und  also  nicht  von  Gregor 
herrühren  kann.  Richtiger  nennt  man  es:  Zehn  Bücher  fränkischer 
Geschichten. 

Gregor  hatte  bereits  Vorgänger  gehabt;  er  selbst,  und  nur  er 
allein,  hat  uns  (II,  8.  9.)  Namen  und  Bruchstücke  von  zwei  verlore- 
nen Historikern  aufbewahrt,  von  Renatus  Profuturus  Frigeri- 
dus1),  dessen  zwölftes  Buch  der  Geschichten  er  anfuhrt,  und  Sul- 
picius  Alexander.  Aber  diese  scheinen  beide  noch  den  Zeiten 
der  letzten  Kaiser  angehört  zu  haben,  und  niemand  versuchte  mehr 
das  Andenken  dieser  trüben  Zeiten  aufzuzeichnen.  Mit  der  Klage 
darüber  beginnt  Gregor  sein  Werk.  Jetzt,  da  die  Pflege  der  schönen 
Wissenschaften  in  den  Städten  Galliens  vernachlässigt,  ja  sogar  gänz- 
lich in  Verfall  geratlien  sei2),  so  lauten  die  inhaltschweren  Worte, 
jetzt  finde  sich  kein  Gelehrter,  dem  die  Kunst  der  Rede  zu  Gebote 
stände3),  der  in  Prosa  oder  Versen  die  Begebenheiten  der  Gegen- 
wart der  Nachwelt  auf  bewahre.  Laut  klage  das  Volk:  Wehe  über 
unsere  Tage,  dafs  die  Pflege  der  Wissenschaften  bei  uns  unter- 
gegangen ist  und  niemand  sich  findet,  der,  was  zu  unseren  Zeiten 
geschehen,  zu  Papier  bringen  könnte!  Deshalb  also,  weil  kein  an- 
derer auftrete,  habe  er  es  auf  sich  genommen,  das  Gedächtnifs  dieser 
Tage  den  Nachkommen  zu  überliefern. 

Die  Zeitgeschichte  also  ist  sein  Gegenstand;  aber  um  dafür  eine 
chronologische  Grundlage  zu  gewinnen,  schickt  er  im  ersten  Buche 
eine  Uebersicht  der  Weltgeschichte,  hauptsächlich  der  biblischen,  seit 
der  Schöpfung  voran4);  die  Erzählung  von  der  Stiftung  der  gallischen 
Kirchen,  zuletzt  von  seinem  Schutzheiligen  Sanct  Martin,  giebt  dann 
den  Uebergang  zur  fränkischen  Geschichte.  Allein  er  führt  doch 
auch  noch  einen  anderen  Grund  an  für  die  Berechnungen,  mit  denen 
er  sein  Werk  beschliefst,  nämlich  damit  diejenigen,  welche  wegen 
des  herannahenden  Endes  der  Welt  in  Sorgen  sind,  genau  wissen 
möchten,  wie  viele  Jahre  seit  der  Erschaffung  der  Welt  verflossen 
wären.  Denn  diese  Vorstellung  beherrschte  auch  ihn,  so  wie  alle, 
die  auf  das  untergehende  römische  Reich,  das  letzte  Weltreich,  ihre 
Blicke  gerichtet  hatten.  Und  in  der  That  bot  diese  Zeit  kaum  etwas 

’)  J.  Grimm,  über  Jornandes  S.  17,  erklärt  den  letzten  Namen  für  gothisrh. 

2)  Decedente  atque  immo  potius  pereunte  ab  urbibus  GaUicanis  liberalium  cul- 
tura  litterarum. 

3)  Peritus  in  arte  dialectica  grammaticua. 

4)  Libuit  etiam  animo,  ut  pro  supputatione  annorum  ab  ipso  mundi  principio 
libri  primi  poneretur  initium. 


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Gregor  von  Tours. 


63 


anderes  dar,  als  Zeichen  des  Verfalles  und  des  Unterganges;  Keime 
neuen  Lebens  mufsten  dem  Frankenreiche  in  Gallien  erst  von  aufsen 
wieder  zugetragen  werden,  für  die  Neugestaltung  des  Staates  von 
Austrasien,  für  die  Kirche  von  den  britischen  Inseln. 

Vor  allem  findet  nun  Gregor  es  durchaus  nothwendig,  sein 
Glaubensbekenntnifs  an  die  Spitze  des  Buches  zu  stellen,  damit  kein 
Leser  an  seiner  Rechtgläubigkeit  zweifeln  könne;  denn  ein  Haupt- 
gegenstand seines  Werkes  wlirden  die  Kämpfe  der  Kirche  mit  den 
Ketzern  sein.  Höchst  charakteristisch  ist  dies  fUr  eine  Zeit,  die  seit 
Jahrhunderten  von  dem  Gegensätze  der  Katholiken  und  Arianer  er- 
füllt war,  wo  der  Name  des  Orthodoxen  der  höchste  Ehrentitel  der 
Fürsten  war,  und  die  Franken  ihren  gröfsten  Stolz  darin  fanden, 
von  jeder  Ketzerei  frei  zu  sein.  Das  gesteht  ihnen  auch  der  Abt 
Jonas  im  Leben  des  Columban  zu;  den  katholischen  Glauben  finde 
man  bei  ihnen,  nur  leider  von  den  Werken  auch  gar  keine  Spur. 

Es  ist  aber  dieser  Standpunkt  für  die  Beurtheilung  von  Gregors 
Werk  sehr  wichtig ; seine  ganze  Auffassung  Chlodowichs  beruht 
darauf.  Nicht  nach  schriftlichen  Aufzeichnungen  schildert  ihn 
Gregor ; für  die  ersten  Zeiten  hat  er  wohl  die  schon  erwähnten 
Autoren  und  den  Orosius  benutzt,  auch  einzelne  annalistische  No- 
tizen nebst  einer  Legende  vom  Bischof  Remigius,  aber  seine  Haupt- 
quelle für  die  Urgeschichte  der  Franken,  und  bald  seine  einzige, 
ist  doch  die  lebendige  Ueberlieferung,  und  die  Darstellung  Chlodo- 
wichs sowie  seiner  nächsten  Nachfolger  ist  darum  schon  durchaus 
sagenhaft;  in  diesem  Abschnitt  hat  man  sich  sehr  zu  hüten,  Gregors 
Autorität  nicht  zu  überschätzen1). 

Chlodowich  ist  ihm  der  Streiter  der  Kirche,  ihr  Vorkämpfer 
gegen  die  Arianer;  als  solchen  fafst  er  ihn  vorzugsweise  auf,  und 
deshalb  kann  er  auch  (H  40)  von  ihm  sagen:  Gott  aber  warf  Tag 
für  Tag  seine  Feinde  vor  ihm  zu  Boden  und  vermehrte  sein  Reich, 
darum  dafs  er  rechten  Herzens  vor  ihm  wandelte,  und  that  was 
seinen  Augen  wohlgefällig  war. 

Unmittelbar  vorher  hat  Gregor  erzählt,  wie  sich  Chlodowich 
durch  Mord  und  Verrath  des  ripuarischen  Reiches  bemächtigte,  und 
man  hat  ihm  daher  jenen  Ausspruch  sehr  zum  Vorwurf  gemacht. 
Diese  Worte  fassen  aber  den  Inhalt  nicht  des  einen  Capitels  allein, 
sondern  auch  der  vorhergehenden  zusammen,  in  welchen  die  Be- 
kämpfung der  arianischen  Westgothen  erzählt  ist,  der  Kreuzzug  den 

‘)  Neuerdings  sind  seine  Nachrichten  in  diesem  Sinne  geprüft  von  Junghans, 
die  Gesrhirhte  der  fränkischen  Könige  Childerich  und  Chlodovech  kritisch  unter- 
sucht. Gött.  1857.  8. 


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64 


I.  Vorzeit.  § 8.  Gregor  von  Tours. 


die  Kirche  als  Chlodowichs  gröfstes  Verdienst  betrachtete.  Ein  feines 
Gefühl  für  Recht  und  Unrecht  darf  man  freilich  bei  den  Schriftstellern 
dieser  Zeit  nicht  suchen ; wie  bei  den  Italienern  des  fünfzehnten 
Jahrhunderts  war  durch  die  täglich  sich  wiederholenden  Greuelthaten 
das  Gefühl  dafür  abgestumpft  worden.  Mord  und  Hinterlist  waren 
so  gewöhnliche  Werkzeuge  geworden,  dafs  wer  sie  nicht  selber  an- 
wandte, ihnen  zum  Opfer  fiel;  es  kam  daher  für  die  Beurtheilung 
nur  noch  darauf  an,  ob  sich  ein  lobenswerther  Zweck  damit  ver- 
band, oder  ob  sie  blofs  der  Selbstsucht  und  anderen  schlechten 
Leidenschaften  dienten.  So  erzählt  denn  auch  Gregor  zahlreiche 
Geschichten  der  Art  mit  einer  Kälte  die  uns  unheimlich  berührt, 
ohne  irgend  etwas  von  dem  Abscheu  zu  äufsem,  welcher  den  heu- 
tigen Leser  dabei  ergreift.  Eben  dadurch  aber  gewinnt  er  um  so 
mehr  an  Glaubwürdigkeit;  ganz  in  seiner  Zeit  stehend,  gewährt  er 
uns  das  treueste  Bild  derselben,  und  indem  er  nur  einfach  berichtet, 
was  geschehen  war,  verdient  er  ohne  Zweifel  vollen  Glauben,  so 
weit  seine  eigene  Kenntnifs  der  Begebenheiten  reicht.  Sehr  mit 
Unrecht  hat  man  ihm  absichtliche  Entstellung  Schuld  geben  wollen; 
von  Flüchtigkeit  und  Ungenauigkeit  dagegen  ist  er  im  ersten  Theile 
seines  Werkes  nicht  frei,  und  darin  wird  es  auch  wohl  in  den  spä- 
teren Abschnitten,  wo  er  unsere  einzige  Quelle  ist,  nicht  fehlen. 

Die  Darstellung  Gregors  ist  einfach  und  kunstlos;  er  selbst 
bittet  um  Entschuldigung  deshalb:  Ich  bitte  die  Leser  vorher  um 
Verzeihung,  sagt  er,  wenn  ich  im  Grofsen  oder  Geringen  gegen 
die  Grammatik  fehlen  sollte,  denn  ich  bin  nicht  recht  bewandert  in 
dieser  Wissenschaft.  Die  eigentliche  Schulgelehrsamkeit  der  Zeit 
mangelte  ihm,  und  das  ist  ein  Glück  für  uns,  ebenso  wie  bei 
Eugippius.  Gregor  selbst  sagt  darüber  nicht  ohne  Ironie,  dafs  er 
sich  zu  dieser  Arbeit  entschlossen  habe,  weil  kein  Gelehrter  sie  auf 
sich  nehme,  und  weil  er  häufig  verwundert  habe  vernehmen  müssen, 
dafs  einen  Schriftsteller  von  gelehrter  Bildung  nur  wenige  ver- 
ständen, des  schlichten  Mannes  Rede  aber  viele1).  Einige  Stellen 
seines  Werkes,  wo  er  sich  in  dieser  Schreibart  versucht  hat,  zeigen 
uns  die  Gefahr,  vor  welcher  sein  Mangel  an  Schulbildung  uns  be- 
wahrt hat.  In  der  Regel  aber  ist  seine  Schreibart  diejenige,  welche 
sich  damals  für  die  Legende  ausgebildet  hatte,  und  nach  und  nach 
allgemein  herrschend  wurde;  schlicht  und  einfach,  weil  sie  allgemein 
verständlich  sein  mufste,  und  erfüllt  von  biblischen  Ausdrücken  und 
Anspielungen,  dem  Standpunkt  der  Verfasser  und  dem  Zweck  ihrer 
Werke  angemessen,  da  sie  ja  sämmtlich  Geistliche  sind  und  auch  in 
')  Quia  philosophanlem  rhetorem  intelligunt  pauci,  loquenlem  rusticum  imilti. 


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Gregor  von  Tours.  65 

der  Darstellung  der  Geschichte  die  kirchliche  Bedeutung  derselben 
faBt  überall  vorherrscht 

Die  kunstlose,  einfache  Sprache  Gregors,  seine  behagliche,  me- 
moirenartige Erzählung,  welche  Geschichten  aller  Art,  die  gröfsten 
Staatsbegebenheiten  und  unbedeutende  Vorfälle  des  gewöhnlichen 
Lebens  bunt  durch  einander  mischt,  das  ist  es  eben  was  seinem 
Werke  einen  so  grofsen  Reiz  verleiht,  und  es  zu  einem  so  treuen 
Spiegel  seiner  Zeit  macht,  dafs  ihm  in  dieser  Hinsicht  kein  zweites 
zu  vergleichen  ist. 

Vorzüglich  zeigt  uns  Gregors  Werk  auch,  wie  besonders  Loebell 
schlagend  nachgewiesen  hat,  die  völlige  Verschmelzung  der  fränkischen 
und  der  romanischen  Bevölkerung ; von  einem  feindlichen  Gegensätze 
beider  Elemente  ist  nichts  darin  wahrzunehmen,  und  die  römische 
Abkunft  des  Verfassers  hat  durchaus  keinen  Einflufs  auf  seine  Dar- 
stellung ausgeübt. 

Was  er  hörte,  was  er  sah,  das  erzählt  er,  ohne  weiteren  Zweck, 
als  das  Andenken  der  Dinge  zu  erhalten ; er  dachte  keineswegs  ge- 
ring von  dieser  Aufgabe  und  dem  Werthe  derselben,  denn  ausdrück- 
lich beschwört  er  am  Ende  des  letzten  Buches  seine  Nachfolger  auf 
dem  Stuhle  des  heiligen  Martin,  sie  unverkürzt  und  unversehrt  der 
Nachwelt  aufzubewahren,  und  nichts  daran  zu  ändern.  Und  wenn 
auch  nicht  durch  ihr  Verdienst,  so  ist  uns  doch  wirklich  Gregors 
Werk  in  seiner  ursprünglichen  Gestalt  überliefert  worden,  und  seit 
Jahrhunderten  hat  man  diese  ungeschminkte  Darstellung  einer  fernen 
Zeit  hoch  geschätzt  und  in  Ehren  gehalten.  Wir  können  ihm  keine 
hohe  Stelle  unter  den  Geschichtschreibern  einräumen,  denn  ihm 
fehlen  die  wesentlichsten  Eigenschaften,  welche  dazu  gehören,  die 
Beherrschung  deB  Stoffes,  das  tiefere  Eindringen  in  den  Zusammen- 
hang der  Dinge,  aber  um  so  mehr  ist  es  auch  dankbar  anzuerkennen, 
dafs  er  nicht  versucht  hat,  was  ihm  nicht  gelingen  konnte,  sondern 
sich  in  Bescheidenheit  begnügte,  eine  reiche  Fülle  des  mannigfaltig- 
sten Stoffes  in  seinen  Werken  zusammenzufassen. 

In  seinen  letzten  Jahren , als  die  blutigen  Stürme , die  das 
Frankenreich  zerrissen  hatten,  eine  Weile  ruhten,  als  Childebert 
und  König  Gunthram  den  Frieden  aufrecht  hielten,  hat  Gregor  seine 
Erzählung  fortgeftihrt  bis  zum  Jahre  591;  am  Ende  fügte  er  noch 
eine  kurze  Geschichte  der  Bischöfe  von  Tours,  und  zuletzt  einen 
Abrife  seines  eigenen  Lebens  hinzu.  Dann  begann  er,  wie  es 
scheint,  sein  Werk  noch  einmal  zu  überarbeiten;  die  sechs  ersten 
Bücher  enthalten  Einschiebungen,  welche  um  diese  Zeit  geschrieben 
sind,  und  diese  sechs  Bücher  sind  denn  auch,  so  scheint  es,  zuerst 

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I.  Vorzeit,  § 8.  Gregor.  § 9.  Fredegar. 


allein  bekannt  geworden;  nur  sie  finden  sich  in  den  ältesten  Hand- 
schriften, und  sie  allein  wurden  später  in  einen  Auszug  gebracht. 

Nicht  in  dem  Grade  wie  Isidor,  hatte  Gregor  in  sich  auf- 
genommen, was  von  der  alten  Bildung  noch  übrig  war;  doch  war 
sie  auch  auf  ihn  nicht  ohne  Einflufs  geblieben;  hoch  überragt  er 
die  nun  folgende  Zeit  der  tiefsten  Barbarei,  wo  kaum  noch  einzelne 
Funken  litterarischen  Lebens  zu  finden  sind,  wo  die  aus  der  alten 
Welt  herübergenommene  Bildung  fast  vollständig  abstarb,  während 
zugleich  politisch  die  ärgste  Verwilderung  und  Auflösung  eintrat: 
im  siebenten  Jahrhundert,  sagt  Abel,  nach  Brunhilde  und  Frede- 
gunde  verliert  im  merowingischen  Königshause  auch  das  Laster 
seine  Gröfse,  in  wachsender  Jämmerlichkeit  schleppt  sich  das  ent- 
artete Geschlecht  noch  anderthalb  Jahrhunderte  durch  die  Geschichte. 

Die  geschichtliche  Aufzeichnung  der  Begebenheiten  versiegt  fast 
völlig,  und  nur  in  sehr  weiten  Zwischenräumen  entstehen  die  wenigen 
Schriften,  welche  uns  über  diese  Zeiten  dürftige  Kunde  gewähren. 

Als  Zeitgenosse  Gregors  aber  ist  noch  der  Bischof  Marius 
von  Avenche,  im  burgundischen  Reiche  — der  Sitz  des  Bisthums 
wurde  später  nach  Lausanne  verlegt  — zu  erwähnen,  der  Verfasser 
einer  dürftigen  Fortsetzung  des  Prosper1)  von  455 — 581,  deren  wir 
schon  oben  (S.  37)  gedachten,  weil  hier  noch  in  so  charakteristischer 
Weise  der  Standpunkt  des  römischen  Reiches  als  des  einzig  be- 
rechtigten festgehalten  wird. 

§ 9.  Fredegar. 

Ausgabe  der  ersten  vier  Bücher  bei  Canis.  II,  569.  ed.  Basn.  II,  154 — 194;  cf.  Fabric. 
s.  h.  v.  Archiv  VII,  252.  — Buch  5 und  6 in  Ruinarts  Ausgabe  des  Gregor  von 
Tours , und  Bouquet  II.  Auszug  des  fünften  Buches  in  Giesebrechts  Uebers.  des 
Gregor,  11,268 — 281.  Die  Chronik  Fredegars  (Buch  6)  u.  der  Frankenkönige,  übers, 
von  Otto  Abel.  Berlin  1849.  8.  B&hr  S.  145 — 147.  Palacky,  Ueber  den  Chronisten 
Fredegar  u.  seine  Nachrichten  von  Samo,  Jahrb.  des  Böhm.  Museums  I,  387 — 413. 

Mehr  als  ein  halbes  Jahrhundert  verging  nach  Gregor  von 
Tours,  ohne  dafs,  so  viel  wir  wissen,  irgend  ein  namhaftes  Ge- 
schichtswerk entstanden  wäre;  was  von  Jahrbüchern  und  anderen 
Aufzeichnungen  etwa  vorhanden  war,  ist  uns  einzig  und  allein a)  be- 
kannt durch  das  Werk  des  Mannes,  der  sich  in  weitem  Abstande 
zunächst  an  Gregor  anreiht,  des  Scholastikus  Fredegar,  wie  er 
genannt  wird;  aber  dieser  Name  findet  sich  nur  in  der  ältesten 
Ausgabe  seiner  Chronik,  von  M.  Freher,  in  den  uns  erhaltenen  Hand- 
schriften dagegen  nirgends.  Aus  seiner  Zeitrechnung,  nach  den  Re- 

>)  bei  Ronralliiis  11,399—418.  Bähr  S.  110.  Migne  72,793. 

a)  mit  Ausn.  der  kurzen  Forts,  des  Marius  Avenlicensis  von  581  bis  624. 


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Die  Chronik  des  Fredegar. 


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gierungsjahren  der  Könige  von  Burgund,  geht  hervor,  dafs  er  in 
diesem  Reiche  schrieb;  aufserdem  wissen  wir  nichts  von  seiner  Person. 

Der  Zweck  seiner  Aufzeichnungen  war  nicht  so  vorwiegend, 
wie  bei  Gregor,  die  Darstellung  der  Geschichte  seiner  Zeit,  Bondern 
er  wollte  vielmehr  ein  Handbuch  der  Weltgeschichte  geben.  Bücher 
waren  damals  selten  und  theuer,  und  wer  sich  den  Besitz  einer 
historischen  Handschrift  verschaffte,  dem  lag  viel  daran,  nun  auch 
keines  zweiten  Werkes  der  Art  zu  bedürfen;  er  dankte  es  dem  Ur- 
heber sehr,  wenn  er  von  der  Schöpfung  anhub,  und  darum  bearbeitete 
auch  Fredegar  in  seinem  Buche  alles  geschichtliche  Material  das 
ihm  zur  Hand  war.  So  viel  aber  traute  der  bescheidene  Mann  sich 
nicht  zu,  dafs  er  versucht  hätte  die  verschiedenen  Werke,  welche 
ihm  Vorlagen,  zu  einem  Ganzen  zu  verarbeiten;  in  einfachster  Weise 
läfst  er  die  Auszüge  auf  einander  folgen,  und  bezeichnet  sie  selbst 
als  fünf  einzelne  Chroniken,  sein  eigenes  Werk  als  die  sechste1). 
Ich  habe,  sagt  er,  die  Chroniken  des  heiligen  Hieronymus,  des 
Ydacius,  eines  gewissen  Gelehrten , des  Isidor  und  endlich  des  Gre- 
gorius  mit  Aufmerksamkeit  durchgelesen,  und  was  diese  fünf  Männer 
in  ihren  Chroniken  seit  Anfang  der  Welt  bis  auf  den  Tod  König 
Gunthrams  kunstvoll  und  tadellos  erzählen,  ohne  viel  wegzulassen 
in  mein  kleines  Buch  der  Ordnung  nach  eingetragen’).  In  der  Zahl 
und  Folge  der  Bücher  stimmen  die  Handschriften  nicht  überein;  das 
Werk  eines  gewissen  Gelehrten,  welches  sonst  den  Anfang  bildet,  ist 
das  Buch  der  Geschlechter,  welches  man  auf  die  oben  (S.  38)  er- 
wähnte Schrift  des  Hippolyt  von  Porto  zurückführt.  Bei  Gregor 
von  Tours3)  hat  sich  aber  Fredegar,  oder  vielleicht  schon  ein  Vor- 
gänger von  ihm,  nicht  auf  einen  blofsen  Auszug  beschränkt;  es 
finden  sich  hier  verschiedene  Zusätze,  und  namentlich  jene  alten 
sagenhaften  Erzählungen  über  die  Vorzeit  der  Franken,  welche 
Gregor,  wie  es  scheint,  absichtlich  unbeachtet  gelassen  hat,  die  uns 
aber  von  nun  an  aller  Orten  begegnen,  und  bald  weiter  ausgesponnen 
wurden4). 

*)  ln  nomine  domini  nostri  Jesu  Christi  incipit  chronica  sexta.  Guntramus  etc. 

*)  Itaque  beati  Hieronymi,  Ydacii  et  cuiusdam  sapientis  seu  et  Isidori,  immo- 
que  et  Gregorii  chronicas  a mundi  origine  percurrens  usque  decedente  regno 
Guntchrammi,  his  quinque  ehronicis  huius  libelli  nec  pluritna  praetermissa  sigillatim 
congruentia  stilo  inserui.  Nach  Abels  Uebersetzung,  der  den  nach  d.  Handschriften 
berichtigten  Text  vor  sich  hatte. 

*)  Scarpsum  de  chronica  Gregorii  episeopi  Toronaci.  Dieses  kommt  auch  ab- 
gesondert in  Handschriften  vor  als  Greg.  Tur.  historia  epitomata,  in  93  Kapiteln ; 
vgl.  darüber  Giesebrecht  1.  c.  Pertz  Gesch.  der  merow.  Hausmeier  S.  152. 

4)  Das  Märchen  von  der  trojanischen  Herkunft  erklärt  Mascou,  Gesch.  der 
Teutschen  bis  zu  Anfang  d.  fränck.  Mon.  S.  197,  durch  den  Zug  der  von  Probus 
am  Pontus  angesiedelten  Franken  nach  der  Heimalh.  Ueber  die  zweite  aus 

5* 


68 


I.  Vorzeit.  § 9.  Fredegar. 


Um  nun  das  Ergebnifs  seiner  Arbeit  beurtheilen  zu  können, 
müfsten  wir  vor  allen  Dingen  seine  Quellen  kennen,  wovon  uns  je- 
doch nur  das  Leben  Columbans  erhalten  ist;  daraus  entlehnte  er 
ein  Capitel.  Nothwendig  müssen  ihm  aber  auch  annalistische  Auf- 
zeichnungen Vorgelegen  haben;  ein  solches  Werk,  wie  das  vorliegende, 
worin  Jahr  für  Jahr  die  Begebenheiten  eines  Zeitraums  von  60  Jahren 
verzeichnet  sind,  kann  nicht  allein  nach  mündlicher  Ueberlieferung 
geschrieben  sein,  und  zwar  um  so  weniger,  da  auch  die  letzten 
Jahre  nicht  gleichzeitig  mit  den  Ereignissen  eingetragen  sind,  und 
das  Ganze  unvollendet  blieb.  Wir  wissen  daher  nicht,  wie  viel  Fre- 
degar von  seinem  eigenen  hinzugethan  hat,  und  ob  der  Abschnitt 
in  welchem  er  nach  eigener  Anschauung  berichten  wollte,  schon 
begonnen  hat.  Er  wollte  noch  weiteres  vom  Kaiser  Constans  be- 
richten (Cap.  81),  er  erwähnt  Cap.  82  den  Tod  Chindasuinths,  der 
649  starb,  er  sagt  Cap.  48,  dafs  Samo  vom  Jahre  623  an  35  Jahre 
lang  die  WTenden  beherrscht  habe.  Demnach  mufs  er  also  erst  um 
das  Jahr  660  oder  noch  später  sein  Werk  verfafst  haben,  welches 
doch  schon  bei  dem  Jahre  642  plötzlich  abbricht. 

Er  wird  sich  also  wohl  darauf  beschränkt  haben,  die  ihm  vor- 
liegenden Aufzeichnungen  zu  verbinden,  nach  mündlicher  Ueber- 
lieferung einzelne  Zusätze  zu  machen,  und  das  Urtheil  des  Volks 
über  die  handelnden  Personen  hinzuzufügen.  Man  thut  ihm  Unrecht, 
wenn  man  dabei  einen  höheren  Maafsstab  anlegt,  als  an  andere 
Jahrbücher  ähnlicher  Art ; er  berichtet  einfach  und  verständig,  und 
wenn  Fehler  unterlaufen,  wenn  besonders  entferntere  Begebenheiten 
in  sagenhafter  Entstellung  erzählt  werden,  so  kann  man  es  ihm  nicht 
verargen,  dafs  er  nicht  besser  unterrichtet  war. 

Grofse  Ansprüche  zu  machen,  kommt  Fredegar  nicht  in  den 
Sinn ; er  empfindet  lebhaft  den  traurigen  Zustand  der  Zeit,  und  sieht 
nach  der  damals  herrschenden  Vorstellung  das  Ende  der  Welt  als 
nahe  bevorstehend  an.  Wir  stehen  jetzt  im  Greisenalter  der  Welt, 
sagt  er;  darum  hat  die  Schärfe  des  Geistes  nachgelassen,  und  nie- 
mand vermag  es  in  dieser  Zeit  den  früheren  Schriftstellern  gleich- 
zukommen. Sich  selbst  legte  er  nur  einen  bäurischen  und  ganz  be- 
schränkten Sinn  bei1),  und  diese  rührende  Bescheidenheit  sollte  wohl 
den  Spott  über  den  ehrlichen  Mann  entwaffnen,  welcher  mit  aller 
Anstrengung  geleistet  hat,  was  er  vermochte,  und  der  sich  dadurch 
um  die  Nachwelt  ein  unsterbliches  Verdienst  erworben  hat. 

Hieronymus  (Ethicus)  genommene  Stelle  vgl.  Kar.  Perlz  de  Cosmographia  Ethici 
p.  184 — 197.  Eine  mythologische  ilerleilung  versucht  K.  L.  Roth,  die  Trojasage 
d.  Franken,  in  Pfeiffers  Germania  1,  1.  1856.  *)  Rusticitas  et  extremitas  sensus  mei. 


30  C 


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Die  Chronik  des  Fredegar. 


69 


Merkwürdig  wäre  es  allerdings,  wenn  Fredegar  wirklich  einer 
Schule  vorgestanden  hätte;  denn  seine  Kenntnifs  des  Lateinischen 
war  unglaublich  gering,  seine  Sprache  ist  Uber  die  Mafsen  barbarisch, 
aber  freilich  nicht  verschieden  von  derjenigen,  welche  wir  auch  in 
den  Urkunden  der  Zeit,  und  in  Italien  bis  ins  elfte  Jahrhundert 
finden.  Entschieden  falsch  ist  es,  wenn  man  diese  Sprache  als  die 
des  romanischen  Volkes  bezeichnet,  sie  kann  nie  gesprochen  worden 
sein.  Alle  Flexionsendungen  sind  nämlich  darin  vorhanden,  sie 
werden  aber  nur  noch  aus  Convenienz  gebraucht,  da  das  Gefühl  für 
ihre  Bedeutung  sich  gänzlich  verloren  hat ').  Das  Volk  wirft  in 
solchem  Falle  die  Endungen  ab,  und  bildet  sich  neue;  nur  wer  ge- 
lehrt scheinen  will,  braucht  sie  noch,  ohne  aber  ihre  Bedeutung  zu 
kennen.  Treffend  vergleicht  einmal  Kausler  diese  Schreibart  mit 
schriftlichen  Aufsätzen,  die  Einer  aus  der  niederen  Klasse  in  der 
Sprache  der  Gebildeten,  welcher  er  nicht  recht  mächtig  ist,  nieder- 
geschrieben hat.  Wir  finden  sie  deshalb  nur  da,  wo  die  Volks- 
sprache der  lateinischen  noch  nahe  genug  stand,  dafs  man  lateinisch 
schreiben  konnte  ohne  es  schulgemäfs  erlernt  zu  haben,  besonders 
in  Italien,  wo  sich  ein  solches  Kauderwelsch  bei  den  Notaren  am 
längsten  erhielt.  Dort  zeigt  es  sich  auch  deutlich,  dafs  die  Schreiber 
weit  davon  entfernt  waren,  in  der  Volkssprache  schreiben  zu  wollen, 
denn  mitten  in  solchen  Urkunden  kommen  Zeugenaussagen  in  aus- 
gebildetem Italienisch  vor. 

Stand  nun  also  Fredegar  mit  seinem  Latein  auch  nicht  gerade 
allein  unter  der  fränkischen  Geistlichkeit  des  siebenten  Jahrhunderts, 
so  mögen  doch  wohl,  abgesehen  von  den  Geschäftsleuten,  welche 
die  Urkunden  schrieben , nur  wenige  die  überhaupt  an  schrift- 
stellerische Beschäftigung  dachten,  die  Barbarei  seiner  Feder  erreicht 
haben.  Geschätzt  aber  wurde  sein  Werk  sehr;  es  fand  später  Fort- 
setzungen, welche  bereits  der  neuen  Entwicklung  angehören,  die 
sich  an  das  Aufkommen  der  Arnulfinger  anschliefst.  Wiederum  aber 
verging  nach  ihm  mehr  als  ein  halbes  Jahrhundert,  in  dem,  aufser 
einigen  Heiligenleben,  das  ganze  Frankenreich  keine  Spur  von  Ge- 
schichtschreibung darbietet. 

Erst  in  den  letzten  Zeiten  der  Merowinger,  als  in  Austrasien 
schon  die  ganze  litterarische  Thätigkeit  dem  aufstrebenden  Geschlecht 
der  Hausmeier  sich  zugewandt  hatte,  wurde  in  Neustrien  ein  Werk 
verfafst,  welches  sich  Gregor  und  Fredegar  anschliefst,  und  in  seiner 
Armseligkeit  dem  Zustande  des  absterbenden  Reiches  vollkommen 
entspricht. 

*)  z.  B.  a Francoruin  ceterasque  gentes. 


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70 


I.  Vorzeit  § 10.  Die  Thaten  der  Frankenkönige. 


§ 10.  Die  Thaten  der  Frankenkönige. 

Gest«  Fr&ncorum , Bouquet  II,  580.  Migne  96,  1421  aus  Duchesne.  Vgl.  Cauer,  de 
Karolo  M&rtello,  Berol.  1841.  8.  p.  11 — 25.  Auszugsweise  Uebersetzung  de«  ersten 
Theils  von  W.  Giesebrecht,  hinter  Gregor  von  Tours  II,  282 — 302.  Vollst&ndig  von 
639  an,  von  Abel,  hinter  Fredegar. 

Die  Anfänge,  die  Herkunft  und  die  Thaten  des  Frankenvolkes 
und  seiner  Könige  will  ich  erzählen  — so  beginnt  nicht  ohne  Kühn- 
heit der  Verfasser  sein  Werk,  aber  genannt  hat  er  sich  nicht,  und 
obgleich  er  für  seine  Zeit  Aufserordentliches  leistete  und  im  ganzen 
Mittelalter  sein  Buch  viel  gelesen  wurde,  so  hat  doch  niemand  sei- 
nen Namen  uns  überliefert.  Es  scheint,  dafs  er  der  Kirche  zu  Rouen 
angehörte,  des  heiligen  Bischofs  Audoenus  gedenkt  er  mit  besonderer 
Verehrung.  Darum  ist  auch  Neustrien  das  Land,  von  dem  er  be- 
richtet; Austrasien  berührt  er  nur  gelegentlich,  und  von  dem  Neuen, 
was  sich  dort  bildet,  ist  er  unberührt;  während  man  in  Austrasien 
wenig  mehr  von  den  Merowingern  weifs,  sie  in  den  Annalen  kaum 
noch  nennt,  stehen  sie  bei  ihm  überall  im  Vordergründe.  Er  gehört 
ganz  der  alten  Zeit  an,  und  bezeichnet  durch  seine  den  Fredegar 
weit  übertreffende  Dürftigkeit  und  Armuth  den  fortgehenden  Verfall, 
wenn  auch  sein  Latein  weniger  barbarisch  ist.  Dafür  aber  fehlt 
ihm  auch  die  gelehrte  Belesenheit  Fredegars.  Er  hat  nur  eine  Quelle, 
die  ersten  sechs  Bücher  Gregors,  und  hierauf  gestützt,  unternahm 
er  es,  im  Jahre  725  die  Geschichte  seines  Volkes  zu  schreiben.  Mit 
mageren  Auszügen  aus  Gregor  verbindet  er  wie  Fredegar  die  halb 
volksthümlichen,  halb  gelehrten  Sagen  Uber  die  Anfänge  der  Fran- 
ken ; dann  fährt  er  selbständig  fort,  nicht  Jahr  für  Jahr  berichtend, 
sondern  in  kurzen  Umrissen,  wie  sie  sich  allenfalls  durch  mündliche 
Ueberlieferung  erhalten  konnten.  Fredegars  Chronik  war  ihm  nicht 
bekannt,  und  so  weit  diese  reicht,  ist  sein  Werk  kaum  zu  benutzen; 
dann  aber  ist  es  für  lange  Zeit  die  einzige  zusammenhängende  Er- 
zählung, welche  wir  besitzen,  und  wie  er  seiner  eigenen  Zeit  näher 
kommt,  wird  seine  Darstellung,  wenn  sie  gleich  immer  dürftig  bleibt, 
doch  zuverlässig.  Die  besseren  Heiligenleben,  aus  denen  einzelne 
Abschnitte  sich  ergänzen  lassen,  bestätigen  seine  Angaben. 

Damit  ist  nun  die  Zahl  der  merowingischen  Historiker  erschöpft, 
denn  die  Thaten  Dagoberts1)  sind  eine  unzuverlässige  Compi- 
lation des  neunten  Jahrhunderts,  und  der  so  viel  benutzte  und  oft 

*)  Bouq.  II,  580.  Migne  96,  1395  aus  Duchesne.  Vgl.  Roth,  Geschichte  des 
Beneficialwesens  S.  443. 


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Gesta  Francorum.  Rota  mundi.  Lieder.  7 J 

angeführte  Aimoin  gar  erst  aus  dem  Anfänge  des  elften  Jahrhun- 
derts und  ohne  allen  Werth. 


Von  jenen  halb  verklungenen,  halb  durch  Zuthaten  der  Schul- 
gelehrsamkeit entstellten  Stammsagen  der  Franken  finden  sich  Spuren 
auch  in  dem  schon  früher  (S.  57)  erwähnten  Prolog  des  Salischen 
Gesetzes,  und  an  diesen  erinnert  ein  seltsames  Werk  des  siebenten 
Jahrhunderts,  die  poetische  Weltbeschreibung  eines  ungenann- 
ten Verfassers,  der  in  ganz  ähnlicher  Sprache  und  Weise  einige  Ca- 
pitel  des  Isidor  in  Verse  brachte,  und  nur  über  die  Franken  einige 
selbständige  Zusätze  anbrachte,  in  denen  sich  das  stolze  Selbst- 
gefühl jenes  Prologs  wieder  erkennen  läfst1).  Es  sind  dreizeilige 
Strophen  mit  sehr  ungenauen  Endreimen,  die  einzelnen  Zeilen  kata- 
lektische  trochäische  Tetrameter  mit  einer  Caesur  in  der  Mitte,  die 
Silben  aber  fast  nur  gezählt. 

Höchst  eigenthümlich  ist  eine  andere  Dichtung,  die  vielleicht 
ebenfalls  noch  dem  siebenten  Jahrhundert  angehört,  nämlich  ein  Lied, 
welches  sich  auf  Chlothars  H.  Sieg  über  die  Sachsen  i.  J.  622 
bezog,  wovon  uns  aber  leider  nur  ein  kleines  Bruchstück  erhalten 
ist.  Es  bestand  ebenfalls  aus  je  drei  gereimten  Zeilen,  die  aber 
iambisehen  Rhythmus  haben  und  je  vier  Hebungen  enthalten.  Der 
eigentliche  Held  des  Liedes  ist  der  heilige  Faro,  Bischof  von  Meaux, 
welcher  die  Gesandten  der  Sachsen  gegen  die  beabsichtigte  Ermor- 
dung von  Seiten  des  Königs  beschützt  hatte,  und  ihm  zu  Ehren 
wurde  nach  dem  Zeugnifs  des  Biographen  des  h.  Faro,  der  zu  Karls 
des  Kahlen  Zeit  schrieb,  dieses  Lied  allgemein  von  Männern  und 
Frauen  zum  Tanze  gesungen*). 

Ein  anderes,  noch  weit  merkwürdigeres  Lied  glaubte  Lenormant 
entdeckt  zu  haben*),  ein  historisches  Volkslied  des  sechsten 
Jahrhunderts  zur  Feier  von  Childeberts  I.  Feldzug  gegen  Sa- 
ragossa i.  J.  542.  Dieses  sollte  nämlich  paraphrasirt  sein  in  dem 
Leben  des  h.  Droctoveus,  ersten  Abtes  von  S.  Germain  des  Pr6s, 
einer  Stiftung  jenes  Childebert,  und  sich  daraus  zum  Theil  wieder 
herstellen  lassen.  In  der  That  erinnern  Ausdrücke  darin,  wie  torrens 
pulchrüudinis , an  jene  alte  fränkische  Poesie,  und  es  ist  nicht  un- 
möglich, dafs  wirklich  die  Spur  eines  alten  Liedes  darin  zu  erken- 
nen ist;  im  Uebrigen  aber  ist  die  Erzählung  von  der  angeblichen 

• *)  Versus  de  rota  mundi,  ed.  Pertz:  Ueber  eine  fränkische  Kosmographie  des 
siebenten  Jahrh.  Abhandlungen  der  Berl.  Ak.  d.  W.  1645. 

*)  Mab.  Acta  SS.  0.  S.  B.  11,617. 

s)  Bibi,  de  l’Ecole  des  Cbartes  A.  I,  321. 


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72 


L Vorzeit.  § 11.  Fränkische  Heiligenleben. 


Erwerbung  der  Stola  des  h.  Vincenz  auf  jenem  Feldzuge  ganz  den 
„Thaten  der  Franken  “ entnommen,  und  deshalb  die  Herstellung  jenes 
Liedes  aus  den  Worten  der  Lebensbeschreibung  wohl  ein  verfehltes 
Unternehmen. 


§ 11.  Fränkische  Heiligenleben. 

Aufser  den  bis  jetzt  erwähnten  Geschichtswerken  ist  uns  auB 
der  Zeit  der  Merowinger  noch  eine  bedeutende  Menge  geschichtlichen 
Materials  erhalten  in  den  Legenden  der  Heiligen,  deren  Zahl  in 
diesen  Zeiten  aufserordentlich  grofs  ist.  Die  meisten  von  ihnen  sind 
kirchliche  Würdenträger  und  dadurch  auch  in  die  weltlichen  Händel 
verflochten:  ihre  Biographien  würden  unschätzbar  sein,  wenn  sie 
nicht  erstlich  zu  ausschliefslich  blofse  Lobreden,  zweitens  zum  gröfs- 
ten  Theile  in  späterer  Zeit  verfafst  wären.  Auch  wo  eine  wirklich 
gleichzeitige  Aufzeichnung  vorhanden  war,  besitzen  wir  doch  häufig 
nur  eine  spätere  Ueberarbeitung;  noch  weit  häufiger  aber  hat  man 
das  Leben  des  Heiligen  erst  später  nach  unsicherer  Ueberlieferung 
beschrieben  und  wenige  bekannte  Züge  zu  einer  ausführlichen  Ge- 
schichte ausgemalt.  Natürlich  wurden  dann  die  Vorstellungen  der 
späteren  Zeit  auf  diese  schon  weit  entlegene  Vergangenheit  über- 
tragen, und  die  unkritische  Benutzung  solcher  Quellen  trägt  einen 
grofsen  Theil  der  Schuld  an  den  falschen  Ansichten,  welche  bis  auf 
die  jüngste  Zeit  über  die  Zeit  der  Merowinger  herrschend  waren. 

Dringendes  Bedürfnifs  ist  deshalb  eine  genaue  Untersuchung 
aller  dieser  Legenden,  aber  bei  der  vorliegenden  Aufgabe  würde 
eine  solche  Arbeit,  welche  allein  schon  ein  ansehnliches  Buch  aus- 
füllen  müfste,  uns  viel  zu  weit  führen;  auch  ist  ohne  handschrift- 
liche Studien  ein  genügendes  Resultat  davon  nicht  zu  erwarten. 
Einzelne  namhaft  zu  machen,  würde  daher  von  keinem  Nutzen  sein, 
da  aus  den  Werken  von  Mabillon  und  Bouquet  eine  Uebersicht  des 
Vorhandenen  mit  leichter  Mühe  zu  gewinnen  ist1).  Eine  vortreffliche 
Charakteristik  dieser  ganzen  Klasse  der  Litteratur  giebt  Ampöre  in 
seiner  Litteraturgeschichte ; sehr  beachtenswerthe  Beiträge  zur  Kritik 
derselben  Roth  in  seiner  Geschichte  des  Beneficialwesens. 

Ich  begnüge  mich  daher  hier  mit  einer  Betrachtung  derjenigen, 
welche  eine  nähere  Beziehung  auf  Deutschland  haben  und  die  er- 
neute Pflanzung  des  Christenthums  auf  deutschem  Boden  berühren. 

*)  Ueber  viele,  vorzüglich  die  zu  dem  späteren  Gebiete  des  deutschen  Reiches 
in  Beziehung  stehen,  giebt  Rettberg  die  nöthigsten  Nachweisungen.  Einige  Aus- 
züge, besonders  aus  dem  wichtigen  Leben  S.  Leodegars,  bei  Abel  hinter  seinem 
Fredegar. 


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Die  Schottenmönche. 


73 


Die  Franken  haben  sich  damit  nicht  viel  befafat;  es  kümmerte 
sie  wenig,  dafs  so  viele  ihrer  Landsleute  noch  Heiden  waren.  Auch 
bei  ihnen  war  nicht  viel  mehr  als  die  Sufsere  Form  der  Recht- 
gläubigkeit übrig  geblieben,  und  fromme  Männer  fanden  zu  Hause 
Spielraum  genug  für  ihre  Thätigkeit.  Die  Mission  finden  wir  daher 
in  diesen  Jahrhunderten  fast  ausschließlich  in  den  Händen  Schot- 
tischer, d.  h.  nach  dem  Sprachgebrauch  des  früheren  Mittelalters 
Irländischer  Mönche,  welche  damals  alle  Länder  durchzogen. 
In  dieser  Insel,  welche  allein  ihre  keltische  Bevölkerung  ungemischt 
bewahrt  hatte,  die  allen  fremden  Welthändeln  ferne  lag,  war  das 
Christenthum  mit  dem  hingehendsten  Eifer  aufgenommen  worden, 
und  hier  war  bald  nicht  nur  die  strengste,  mönchische  Frömmigkeit, 
sondern  auch  eine  ernstliche  wissenschaftliche  Thätigkeit  zu  Hause ; 
während  im  ganzen  Westland  die  gelehrte  Bildung  unterzugehen  und 
zu  verschwinden  drohte,  fand  sie  hier  sorgsame  Pflege,  freilich  nur 
im  Dienste  der  Kirche.  Man  schrieb  die  heiligen  Schriften  ab,  man 
lernte,  um  sie  zu  verstehen,  lateinisch  und  griechisch,  man  beob- 
achtete die  Sterne,  um  die  kirchlichen  Feste  berechnen  zu  können, 
man  übte  die  Musik  für  den  Gottesdienst,  baute  Kirchen  und  Glocken- 
thürme,  man  schmückte  die  Bücher  der  Kirchen  mit  kunstreicher 
Malerei  und  ihre  Altäre  mit  köstlichen  Gefäfsen.  Vorzugsweise  aber 
änfserte  sich  ihre  Frömmigkeit  in  weiten  Pilgerfahrten,  in  dem  Ver- 
lassen der  Heimath,  um  in  entlegener  Fremde  als  Einsiedler  zu 
leben  oder  Klöster  zu  gründen,  um  unter  Christen  und  Heiden  das 
Evangelium  zu  predigen1).  Das  Frankenreich  war  erfüllt  von  ihnen: 
was  gäben  wir  darum,  wenn  sie  aufgeschrieben  hätten,  was  sie  sa- 
hen, wenn  sie  uns  über  ihre  Thätigkeit  und  ihre  Schicksale  zuver- 
lässige Berichte  hinterlassen  hätten!  Allein  das  lag  ihnen  ferne;  sie, 
die  Meister  im  Schreiben,  hatten  für  geschichtliche  Aufzeichnungen 
keinen  Sinn,  und  nur,  wo  sie  so  bedeutend  wirkten,  dafs  dauernde 
Gründungen  ihr  Gedächtnifs  bewahrten,  hat  ihr  Andenken  sich  er- 
halten. Aber  in  völlig  nebelhaften  Umrissen  würde  ihr  Bild  uns 
verschwimmen,  wenn  nicht  glücklicher  Weise  einer  von  ihnen,  und 
wohl  von  allen  der  hervorragendste,  in  Italien  einen  Biographen  ge- 
funden hätte.  Das  ist  S.  Kolumban,  der  Stifter  von  Bobbio2). 

*)  Vgl.  F.  Keller,  Bilder  und  Schriftzüge  in  den  irischen  Manuscripten  der 
schweizerischen  Bibliotheken.  Mittheilungen  der  Antiquarischen  Gesellschaft  in 
Zürich.  VII,  3.  1851.  Waltenbach,  die  Congregation  der  Scholtenklöster  in  Deutsch- 
land, in  der  Archäologischen  Zeitschrift  von  Ötte  und  v.  Quast,  Heft  1 u.  2. 

2)  Vita  S.  Columbani  auct  Jona  abb.  Bobiensi.  Mab.  Act.  II,  5.  Vgl.  Rett- 
berg II,  35.  Im  Auszug  übersetzt  von  Abel,  hinter  Fredegar.  Daran  schliefst  sich 
als  zweites  Buch  die  V.  Attalae  abb.  Bob.  (Mab.  II,  123)  und  Eustasü  p.  116;  die 


74  I.  Vorzeit  § 11.  Fränkische  Heiligenleben. 

Nach  der  Gewohnheit  dieser  Schottenmönche  zog  Kolumban 
gegen  das  Ende  des  sechsten  Jahrhunderts  mit  zwölf  Gefährten  aus 
von  dem  Kloster  Benchuir  oder  Bangor;  staunend  und  tief  ergriffen 
lauschte  das  Volk  im  Frankenreiche  ihrer  feurigen  Beredtsamkeit, 
die  entartete  Geistlichkeit  aber  scheute  die  strengen  Bufsprediger 
und  fürchtete  ihren  Einflufs  auf  die  Menge.  Die  Könige  dagegen 
nahmen  sie  willig  auf,  ihr  Eifern  gegen  die  ganz  verfallene  Kirchen- 
zucht war  ihnen  willkommen,  und  auf  Childeberta  Wunsch  liefs  Ko- 
lumban sich  in  den  Vogesen  nieder;  zahlreiche  Schüler  strömten 
ihnen  zu,  und  bald  erhoben  sich  Klöster  in  der  Wildnifs,  vor  allem 
Luxeuil.  Es  waren  das  nicht  grofsartige  Gebäude,  wie  in  der 
späteren  Zeit,  sondern  wie  einst  S.  Severins  Ansiedelungen  Haufen 
unscheinbarer  Hütten,  in  deren  Mitte  eine  kleine  Kirche  sich  erhob ; 
neben  ihr  der  runde  Thurm,  der  die  Glocken  trug,  und  im  unteren 
Geschofs,  von  der  Erde  nur  auf  Leitern  zugänglich,  eine  Zuflucht 
in  Zeiten  der  Gefahr  darbot. 

Aber  Kolumbans  Feuereifer  schonte  auch  der  Könige  nicht; 
keine  menschliche  Rücksicht  konnte  ihn  bestimmen,  zu  dem  sitten- 
losen Treiben  des  austrasischen  Hofes  zu  schweigen,  und  furchtlos 
trat  er  den  Ausschweifungen  Theuderichs  entgegen.  Den  Bischöfen 
war  er  längst  zuwider;  schon  die  blofse  Anwesenheit  dieser  Mönche 
im  Lande  veranlafste  zu  Vergleichungen  ihres  ascetisch  strengen 
Lebens  mit  dem  lockeren  Wandel  der  merowingischen  Prälaten.  Die 
Abweichungen  der  irischen  Kirchengewohnheiten  von  den  gallischen 
boten  eine  Waffe  dar,  man  erklärte  sie  für  ketzerisch  und  so  ver- 
trieb denn  endlich  Brunhilde,  deren  Zorn  er  verachtet  hatte,  den 
Kolumban  sammt  seinen  Genossen.  An  den  Höfen  der  anderen 
Frankenkönige  fanden  sie  ehrfurchtsvolle  Aufnahme,  aber  nirgends 
eine  bleibende  Stätte;  sie  begaben  sich  daher  nach  Alamannien,  wo 
ungeachtet  der  Frankenherrschaft  und  der  Bestimmungen  des  Volks- 
rechts doch  das  Heidenthum  noch  stark  war.  Drei  Jahre  lang  blieb 
Kolumban  zur  Bekämpfung  desselben  in  Bregenz.  Dann  aber  ver- 
liefe er  das  Frankenreich  gänzlich  und  begab  sich  in  das  Lango- 
bardenreich, wo  Theudelinde,  die  Freundin  Gregors  des  Grofsen, 
ihn  mit  Freuden  aufnahm.  Hier  stiftete  er  nun  das  Kloster  Bobbio 
zur  Vertilgung  der  Reste  arianischer  Ketzerei,  und  noch  jetzt  zeigen 
die  zerstreuten  Handschriften  dieses  Klosters  die  alten  irischen 
Schriftzüge,  Erinnerungen  an  die  Heimath  wie  die  Versus  famüiae 
Benchuir,  und  die  altbritische  Liturgie.  Mit  vollem  Eifer  Uberliefsen 

Vita  Burgundofarae  oder  Gesta  in  coenobio  Ebroicensi  p.  439  und  V.  Bertulfi  abb. 
Bob.  p.  160. 


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Vita  Columbani  et  Galli. 


75 


sie  sich  hier  ihrer  Lieblingsneigung  zum  Schreiben;  die  unverständ- 
lich gewordenen  Ueberbleibsel  der  gothischen  Litteratur  und  Frag- 
mente von  alten  Prachthandschriften  der  Klassiker  benutzten  sie, 
um  auf  das  reingewaschene  Pergament  die  Werke  der  rechtgläubigen 
Kirchenväter  zu  schreiben.  Sie  retteten  jene  Pergamentblätter  da- 
durch vom  Untergang,  und  es  war  auch  nicht  etwa  ein  fanatischer 
Hafs  gegen  die  heidnischen  Schriftsteller,  welcher  sie  zur  Vertilgung 
derselben  antrieb.  An  Handschriften  derselben  war  damals  noch 
kein  Mangel,  und  sie  selber  benutzten  dergleichen  zur  Erlernung  der 
Sprachen;  finden  wir  doch  unter  den  Schulbüchern  zu  Bobbio  auch 
den  Ovid. 

Am  21.  November,  wahrscheinlich  i.  J.  615,  ist  Kolumban  ge- 
storben. Drei  Jahre  nach  seinem  Tode  kam  Jonas  aus  Susa  in 
das  Kloster  Bobbio,  wo  er  später  Abt  wurde.  Dieser  beschrieb  das 
Leben  des  Kolumban  und  seiner  Schüler  Eustasius  und  Agilus, 
die  ebenfalls  als  Missionare  von  Luxeuil  ausgingen;  dann  des  Ber- 
tulf,  Abtes  von  Bobbio,  und  der  Burgundofara,  welche  Kolum- 
ban zur  Nonne  geweiht  hatte.  Jonas  verräth  seine  italische  Her- 
kunft und  den  Unterricht  der  Grammatiker  durch  seine  unerträglich 
schwülstige  Schreibart,  aber  er  hat  uns  aufserordentlich  schätzbare 
Nachrichten  auf  bewahrt. 

Einer  von  jenen  ursprünglichen  zwölf  Gefährten,  die  mit  Ko- 
lumban von  Bangor  auszogen,  war  Gallus,  in  älterer  Form  Callo, 
Gallunus,  der  in  Alamannien  zurückblieb,  als  sein  Meister  über  die 
Alpen  zog,  und  zuerst  die  Bekämpfung  des  Heidenthums  am  Boden- 
see fortsetzte,  dann  aber  als  Einsiedler  in  das  wildeste  Gebirge  sich 
zurtickzog.  Als  dann  nach  seinem  Tode  das  Grab  des  Heiligen 
immer  häufiger  von  irischen  Pilgern  äufgesucht  wurde  und  immer 
mehrere  von  ihnen,  so  wie  auch  von  den  Alamannen,  sich  hier 
niederliefsen,  erwuchs  aus  dem  unscheinbarsten  Anfang  das  Kloster 
8.  Gallen,  und  so  wie  die  kleine  Zelle  des  Gottesmannes  der  Kern 
und  Anfang  dieser  reichen  Stiftung  ist,  so  schlofs  sich  in  gleicher 
Weise  an  die  Lebensbeschreibung  des  Stifters1)  die  später  so  be- 
deutende Litteratur  von  S.  Gallen.  Mancher  merkwürdige,  nament- 
lich culturgeschichtlich  bedeutende  Zug  ist  darin  aufbewahrt,  aber 
geschrieben  ist  sie  erst  nach  771,  um  mehr  als  ein  Jahrhundert  nach 
dem  Tode  ihres  Helden,  der  um  das  Jahr  640  gestorben  ist,  und 
deshalb  mit  mehr  Vorsicht  zu  benutzen,  als  gewöhnlich  zu  geschehen 
pflegt. 

*)  Mon.  SS.  II,  1.  Daraus  Acta  SS.  Oct.  VII,  860.  Vgl.  Stalins  Wirt.  Gesch. 
II,  167,  Rettberg  II,  40.  Uebersetzung  von  Potthast,  1857. 


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76 


J.  Vorzeit.  § 11.  Fränkische  Heiligenleben. 


Von  Kolumbans  Stiftung  Luxeuil  ging  auch  das  Kloster  Gran- 
val im  Baseler  Sprengel  aus,  und  das  Leben  des  ersten  Abtes  Ger- 
manus1), der  um  die  Mitte  des  siebenten  Jahrhunderts  erschlagen 
ist,  wurde  bald  nachher  von  Bob  ölen  beschrieben. 

Noch  andere  Klöster  Alamanniens  führten  ihren  Ursprung  auf 
irische  Mönche  zurück  und  haben  es  auch  nicht  an  Lebensbeschrei- 
bungen ihrer  Stifter  fehlen  lassen,  die  aber  erst  spät  entstanden  und 
völlig  unbrauchbar  sind.  Merkwürdig  ist  es  aber,  dafs  man  in  spä- 
terer Zeit  in  diesen  Gegenden  so  gewohnt  war,  die  Begründer  der 
Klöster  aus  der  merowingischen  Zeit  als  Schotten  zu  betrachten,  dafs 
man  sie  in  den  Legenden  unbedenklich  dafür  ausgab,  wenn  auch 
gar  kein  Grund  dazu  vorhanden  war;  auch  Franken,  wie  Arbogast 
und  Trudpert  erscheinen  da  als  Schotten,  und  sogar  S.  Rupert,  der 
Apostel  der  Baiern,  wird  ihnen  zugezählt. 

Freilich  sind  in  Baiern  ebenfalls  Schotten  thätig  gewesen,  ob- 
wohl hier  die  namhaftesten  Missionare  Franken  waren.  Die  Kirchen- 
gründungen  aber  entstanden  nach  irischer  Weise  in  der  Form  von 
Klöstern,  deren  Aebte  auch  zugleich  das  bischöfliche  Amt  verwal- 
teten. So  war  es  in  Salzburg,  Regensburg  und  Freising,  und  die 
Rivalität  zwischen  den  Bischöfen  und  den  Klöstern  von  S.  Emmeram, 
S.  Korbinian  und  S.  Peter  zieht  sich  fort  bis  in  die  neueste  Zeit. 

Es  ist  kaum  glaublich,  dafs  nicht  im  Laufe  des  siebenten  Jahr- 
hunderts einzelne  Missionare,  Franken  und  Iren,  in  Baiern  sollten 
thätig  gewesen  sein;  das  Heidenthum  war  erschüttert,  Fürst  und 
Volk  zur  Annahme  des  Christenthums  bereit,  und  der  Herzog  Theodo 
berief  selbst  i.  J.  696  den  Bischof  Rupert  von  Worms  zu  sich,  um 
ihn  mit  seinen  Baiern  zu  taufen.  Er  wurde  der  Begründer  des 
Christenthums  in  Baiern,  der  Stifter  von  S.  Peter  in  Salzburg,  von 
wo  sein  Nachfolger  Virgil  (743 — 784),  ein  Irländer,  das  Evange- 
lium auch  zu  den  karantanischen  Slaven  trug. 

Auch  ein  fränkischer  Bischof,  Emmeram  von  Poitiers,  verliefs 
im  Anfang  des  achten  Jahrhunderts  seine  Heimath,  um  auf  diesem 
Felde  zu  wirken,  und  sein  Grab  wurde  der  Grundstein  der  Regens- 
burger Kirche;  Korbinian,  ebenfalls  ein  Franke,  legte  den  Grund 
zu  der  Freisinger  Kirche2). 

Unsere  Nachrichten  Uber  diese  Begebenheiten  sind  aber  leider 
sehr  unzulänglich ; am  zuverlässigsten  ist  noch  der  kurze  Bericht  Uber 
S.  Rupert,  welcher  den  Eingang  der  Schrift  über  die  Bekehrung  der 

')  Mabillon,  Acta  SS.  II,  511. 

a)  Vgl.  die  Abhandlung  von  Blumberger:  Ueber  die  Frage  vom  Zeitalter  des 
h.  Rupert,  im  Archiv  der  W.  A.  X,  329 — 368. 


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S.  Rupert.  Emmeram.  Korbinian.  Kilian. 


77 


Baiem  bildet  und  wohl  auf  alte  Aufzeichnungen  zurückzuflihren  ist1). 
Dagegen  sind  die  Legenden  von  Emmeram2)  und  Korbinian 3)  zuerst 
vom  Bischof  Aribo  von  Freising  (764 — 784)  nach  der  münd- 
lichen Ueberlieferung  verfafst  und  von  sehr  geringem  Werthe.  Ein 
anstöfsiger  Umstand  darin  ist  die  Reise  der  beiden  Missionare  nach 
Rom;  denn  erst  die  Angelsachsen  hielten  es  für  notli  wendig,  sich 
von  dort  die  Vollmacht  zur  Missionsthätigkeit  zu  holen,  während 
vorher  den  Franken  wie  den  Iren  ein  solcher  Gedanke  ganz  fern  lag. 
Später  aber  galt  diese  Erlaubnils  für  so  unerläfslich,  dafs  die  Le- 
gendenschreiber sie  auch  für  die  ältere  Zeit  ganz  unbedenklich  als 
selbstverständlich  annahmen.  Sie  erzählen  daher  eine  solche  Reise 
als  Thatsache,  und  nennen  den  Papst,  der  nach  ihrer  Berechnung 
der  Zeitverhältnisse  damals  regiert  hatte.  Die  neueren  Gelehrten 
haben  dann  wieder  umgekehrt  nach  dem  Namen  des  Papstes  die 
Zeit  des  Heiligen  bestimmt  und  dadurch  die  Verwirrung  vollständig 
gemacht;  ein  Fehler,  von  dem  auch  Rettberg  nicht  frei  ist.  Dafs 
die  Sache  sich  aber  wirklich  so  verhielt,  zeigt  sich  deutlich  an  den 
Legenden,  die  in  ihrer  älteren  noch  erhaltenen  Form  nichts  von 
einer  solchen  Reise  nach  Rom  wissen,  während  sie  in  den  späteren 
Bearbeitungen  eingeschoben  ist.  Das  ist  der  Fall  bei  dem  heiligen 
Patricius,  bei  S.  Rupert;  auch  Gregor  von  Tours  läfst  sein  späterer 
Biograph  Odo  nach  Rom  reisen. 

• Denselben  Umstand  finden  wir  auch  im  Leben  des  heiligen 
Kilian4),  des  ersten  bekannten  Missionars  unter  den  Ostfranken. 
Auch  er  war  mit  mehreren  Begleitern  aus  Irland  gekommen,  und 

l)  Mon.  SS.  XI,  4.  5.  Doch  kann  ich  dem  von  Büdinger  Oest.  Gesch.  1, 101 
geltend  gemachten  Grunde  für  die  Abfassung  des  ersten  Theils  unter  Virgil  nicht 
beistimmen.  Auch  hat  Blumberger:  Ueber  die  Frage,  ob  der  heilige  Rupert  das 
Apostelamt  in  Baiem  bis  an  sein  Lebensende  geübt  habe,  im  Archiv  d.  W.  A. 
XVI,  225 — 238,  mich  nicht  von  Ruperts  Rückkehr  nach  Worms  überzeugt,  da  es 
mir  unglaublich  ist,  dafs  die  Translation  der  Gebeine  vergessen  oder  unerwähnt 
geblieben  sein  könnte.  — Unbrauchbar  ist  das  nach  der  Elevation  von  816  ge- 
schriebene Leben  Trudperts,  den  man  wohl  nur  wegen  der  Aehnliehkeit  des 
Namens  zu  einem  Bruder  Ruperts  machte,  bei  Mone,  Quellens.  S.  19.  Vgl.  Stalin 

I,  67.  Rettberg  II,  48. 

»)  Acta  SS.  Scpt.  VI,  474.  Vgl.  Rettberg  II,  189. 

3)  Meichelbeck  Hist.  Fris.  I,  2 p.  3.  Acta  SS.  Sept.  III,  281.  Vgl.  Rettberg 

II, 213  und  über  beide  M.  Büdinger,  Zur  Kritik  altbaierischer  Geschichte.  Aus  den 
Sitzungsber.  der  W.  Ak.  23.  Darin  wird  auch  die  früher  herrschende  Ansicht  von 
der  Anwesenheit  des  Eustasius  und  Agilus  in  Baiem  bekämpft.  Dess.  Oest.  Gesch. 
I,  85.  94  u.  über  Aribo  S.  141. 

4)  Canis.  III,  1,  180.  Mab.  II,  991.  Vgl.  Stälin  I,  167.  Rettberg  II,  303. 
Ueber  die  in  Kilians  Grab  gefundene  Bibel  in  Uncialschrift  Eckhardt  Franc.  Or. 
1,  451.  Irische  Handschriften  in  Würzburg:  Archiv  VII,  106.  Catalogue  of  Ma- 
nuscripts  in  tbe  British  Museum.  New  Series  I.  1834  fol.  Tab.  1,  3.  Oegg, 
Korographie  von  Würzburg.  Zeuls,  Grammatica  Celtica  p.  XX. 


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78  I.  Vorzeit.  §11.  Fränkische  Heiligenleben. 

seine  Wirksamkeit  ist  bezeugt  durch  die  hohe  Verehrung  seines 
Namens;  wie  an  S.  Gallus  Grabe,  so  scheinen  sich  auch  in  Wttrz- 
burg  seine  Landsleute  zahlreich  eingefunden  zu  haben,  und  noch 
jetzt  finden  wir  ihre  Spuren  in  den  irischen  Schriftzllgen  der  dortigen 
Handschriften.  Die  Lebensbeschreibung  aber  ist  erst  im  zehnten 
Jahrhundert  verfafst  und  fast  ganz  werthlos. 

Diese  irischen  und  fränkischen  Missionare  bereiteten  den  Boden 
vor  für  die  Angelsachsen,  mit  deren  Auftreten  ihr  Stern  erlischt. 
Ihre  Pflanzungen  waren  zu  vereinzelt,  um  sich  erhalten  zu  können, 
es  fehlte  ihnen  die  feste  Organisation,  durch  welche  jene  so  stark 
waren,  und  die  vereinzelten  Mönche  konnten  sich  von  Entartung 
und  Verwilderung  nicht  frei  halten.  Ihre  EigenthUmlichkeiten  in 
Lehre  und  Gebräuchen  brachten  sie  bald  in  Streit  mit  den  Angel- 
sachsen, und  es  ist  ferner  nicht  mehr  die  Rede  von  ihnen.  Nur  als 
Pilger  erscheinen  sie  noch,  geschätzt  wegen  ihrer  strengen  Ent- 
sagung, wegen  ihrer  Fertigkeit  im  Schreiben,  und  häufig  auch  noch 
wegen  ihrer  Gelehrsamkeit;  aber  als  Missionare  finden  wir  sie  nur 
zur  Zeit  der  Merowinger  genannt. 

Geschichtliche  Nachrichten  aus  dieser  Zeit  haben  sie  selbst  uns 
durchaus  nicht  überliefert;  man  sollte  meinen  dafs  ihnen  der  Sinn 
für  historische  Aufzeichnung  der  Begebenheiten  gänzlich  fehlte.  In 
der  Heimath  aber  verfafsten  sie  doch  Jahrbücher,  deren  Anfänge 
sehr  alten  Zeiten  zugeschrieben  werden,  und  sie  mögen  wohl  nicht 
ganz  ohne  Einflufs  auf  die  Entstehung  der  jetzt  im  Frankenreiche 
aufkommenden  Klosterannalen  gewesen  sein.  An  der  Spitze  der- 
selben finden  wir  hin  und  wieder  irische  Namen,  so  in  Murbach 
aus  den  Jahren  704 — 707;  ein  Zeichen  dafs  ein  Anfang  annalistiseher 
Aufzeichnung  von  ihnen  nach  diesem  erst  727  gegründeten  Kloster 
mitgebracht  wurde.  Andere  Annalen  gehen  auf  Lindisfam  zurück, 
eine  irische  Stiftung  in  England;  aber  diese  sind  nicht  unmittelbar, 
sondern  über  Canterbury  ins  Frankenreich  gekommen,  wie  denn 
überhaupt  diese  Annalen  von  den  Angelsachsen,  nicht  von  den  Ir- 
ländern ihren  Anfang  nehmen. 

Die  Schotten  stehen  in  der  genauesten  Beziehung  zu  der  alten 
fränkischen  Kirche,  und  gehören  mit  dieser  wesentlich  der  mero- 
wingischen  Periode  an;  sie  haben  manche  Keime  gelegt  und  anregend 
gewirkt,  aber  eine  neue  frische  Entwicklung  war  ira  merowingischen 
Reiche  und  auf  dem  alten  Boden  nicht  mehr  möglich ; schon  in  den 
letzten  Zeiten  der  Merowinger  knüpft  sich  alles  wirklich  Lebensfähige 
an  das  neue  Geschlecht  der  Arnulfinger,  und  wir  beginnen  deshalb 
mit  seinem  Auftreten  einen  neuen  Zeitraum. 


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II.  DIE  KAROLINGER. 

Vom  Anfang  des  achten  bis  zum  Anfang  des  zehnten  Jahrhunderts. 


§ 1.  Neue  Anfänge  der  Geschichtschreibung. 

Fredegara  Fortsetzer. 

Ausgaben,  mit  Fredeg&rs  Chronik.  Uebersetzung  von  Abel  ebend.  und  von  735  an  bei 
Einhards  Annalen.  — Cauer  de  Karolo  Martello.  Berl.  1846.  8.  Breysig  de  con- 

timiato  Fredegarii  scholastici  chronico.  Berl.  1849.  8.  Oelsner  de  Pippino  rege 

VratisL  1853.  8.  p.  24 — 34  de  Chronico  Fredegarii  continuato. 

Das  Haus  der  Karolinger  bewies  von  Anfang  an  seine  Be- 
rechtigung zur  Herrschaft  dadurch,  dafs  es  allein  im  Stande  war, 
das  Reich  herzustellen,  dem  weit  vorgeschrittenen  Verfall  Einhalt 
zu  thun,  und  auf  neuen  Grundlagen  ein  neues  Zeitalter  zu  begründen. 
Auch  das  Wiedererwachen  der  Geschichtschreibung  knüpft  sich  an 
ihr  Auftreten : mit  dem  Jahre  687,  mit  der  Schlacht  bei  Testry,  be- 
ginnen die  Annalen  von  S.  Amand. 

Fredegars  Chronik  war  in  Burgund,  das  Buch  von  den  Thaten 
der  Franken  in  Neustrien  geschrieben,  ein  Austrasier  aber  war  es, 
der  im  Jahr  735  es  unternahm,  das  Werk  des  Fredegar  fortzusetzen. 
Für  die  Merowinger  hat  er  keine  Theilnahme  mehr,  ihre  Folge,  ihre 
Schicksale  kümmern  ihn  nicht;  er  entnahm  die  Ereignisse  der  Jahre 
642  bis  720  aus  den  Thaten  der  Franken,  aber  während  er  manches 
die  Merowinger  betreffende  ausliefs,  hebt  er  dagegen  überall  das 
karolingische  Haus  hervor.  Werth  hat  seine  Arbeit  wenig,  und  auch 
seine  eigene  Fortsetzung  bis  zum  Jahre  735  ist  sehr  unvollkommen; 
man  erkennt  darin  die  eiserne  Zeit  Karl  Marteis,  in  der  gegen  die 
Kriegesnoth  alle  anderen  Rücksichten  zurücktreten  mufsten ; es  galt 
vor  allen  Dingen  erst  die  materielle  Grundlage  für  eine  neue  Ent- 
wickelung zu  gewinnen. 

Etwas  besser,  wenn  gleich  noch  immer  sehr  dürftig,  sind  die  fol- 
genden Fortsetzungen,  die  zweite  bis  741,  die  dritte  bis  752,  welche  Karl 
Marteis  Bruder  Childebrand  veranlafste,  und  endlich  die  letzte  bis  768, 
die  auf  Befehl  von  Childebrands  Sohn  Nibelung  geschrieben  wurde. 


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80  II.  Karolinger.  § 1.  Fredegars  Fortsetzer.  § 2.  Angelsachsen. 

So  wie  das  ganze  Reich  von  den  Merowingern  an  die  Karolinger 
überging,  so  wurde  auch  die  einzige  Chronik  der  Franken  zu  einer 
Familienchronik  des  karolingischen  Hauses.  Sie  gewinnt  dadurch 
gewissermafsen  einen  officiellen  Charakter,  und  damit  eine  gewisse 
Glaubwürdigkeit;  andererseits  leidet  sie  aber  auch  an  den  Mängeln 
solcher  amtlicher  Aufzeichnungen.  Je  näher  die  Verfasser  den  Ka- 
rolingern standen,  je  besser  sie  unterrichtet  waren,  um  so  mehr 
hüteten  sie  sich  auch  etwas  aufzunehmen,  was  den  Machthabern  un- 
angenehm wTar.  Es  genügt  in  dieser  Beziehung,  den  einen  Umstand 
hervorzuheben,  dafs  die  bedeutenden  und  gefährlichen  Unruhen, 
welche  Grifo,  Karl  Marteis  Sohn  von  der  Swanhilde  erregte,  hier 
mit  gänzlichem  Stillschweigen  übergangen  werden.  Eine  vollständige 
und  unparteiische  Uebersicht  der  Begebenheiten  darf  man  daher  bei 
diesen  Fortsetzern  des  Fredegar  nicht  suchen1). 

Mit  dem  kriegerischen  Ruhme  vereinigte  das  karolingische  Haus, 
wie  es  zu  einer  hervorragenden  Stellung  damals  fast  unerläfslieh 
war,  auch  den  kirchlichen.  Klosterstiftungen  und  klösterlich  frommer 
Lebenswandel  schmücken  ihren  Stammbaum  mit  Heiligen,  wie  Ger- 
trud und  Begga,  und  auch  dem  Ahnherrn,  Bischof  Arnulf  von 
Metz,  wurde  mit  gutem  Recht  die  dankbare  Verehrung  der  Nach- 
kommen zu  Theil.  Sein  Leben  ist  auch  von  einem  Zeitgenossen  be- 
schrieben worden,  aber  von  so  einseitig  beschränktem  Standpunkt 
der  mönchischen  Frömmigkeit,  dafs  der  Geschichte  nur  wenig  Ge- 
winn daraus  erwächst2). 

§ 2.  Die  Angelsachsen. 

Die  zahlreichen  Missionen  der  irischen  Mönche  vermochten  doch 
nichts  dauerndes  zu  schaffen,  und  auch  in  der  Heimath  konnte  diese 
alte,  vereinzelte  Kirche  sich  der  römisch-englischen  Uebermacht  nicht 
erwehren.  Sie  unterlag  überall,  aber  nicht  etwa  der  äufsem  Ueber- 
macht allein;  in  jeder  Weise  wurden  die  Angelsachsen  ihrer  alten 
Lehrer  Meister.  In  den  grofsen  Weltchroniken  des  Mittelalters  finden 
wir  kaum  eine  Erwähnung  von  Irland;  die  Reiche  der  Angelsachsen 

1)  Zu  vergleichen  ist  für  diese  Zeit  noch  das  in  die  Metzer  Annalen  auf- 
genommene Fragmentum  de  Pippino  ditce  b.  Freber,  Corpus  SS.  Franc,  p.  168—170, 
welches  nach  Perlz,  Mon.  I,  315  nicht  vor  dem  achten  oder  neunten  Jahrhundert 
verfafst  ist,  u.  der  Libellus  de  Maioribus  domus,  Bouq.  II,  699  aus  Du  Chesne 
SS.  11 , 1 , der  wohl  auch  nicht  vor  dem  neunten  Jahrhundert  geschrieben  ist 
Ferner  das  von  Willhem  excerpirte  Fragmentum  historicum  ex  libro  aureo 
Eptemacemi  Uber  die  Jahre  714.  715,  herausgeg.  von  Reiffenherg  im  Bulleün  de 
l’Academie  de  Bruxelles.  1843.  X,  2,264.  cf.  Archiv  XI,  338. 

2)  Vita  Arnulfi  b.  Mab.  U,  150.  Acta  SS.  Jul.  IV,  435;  vgl.  Rettberg  1,488. 
Auszug  bei  Abels  Fredegar  S.  96. 


Vita  Arnulfi.  Beda. 


81 


aber  treten  auffallend  in  den  Vordergrund  für  lange  Zeit.  Das  ist 
der  Einflufs  des  Beda,  dessen  englischer  Kirchengeschichte  diese 
Angaben  entnommen  wurden.  Einen  Manu  wie  diesen  Beda  hat  die 
gesammte  irische  Kirche  nicht  hervorgebracht;  er  war  der  Lehrer 
des  ganzen  Mittelalters.  Durch  mathematische  Kenntnisse  haben 
gerade  die  Schotten  sich  ausgezeichnet,  auf  ihren  Unterricht  mag 
ein  bedeutender  Theil  der  Gelehrsamkeit  Bedas  sich,  wenn  auch  nur 
mittelbar,  zurlickflihren  lassen,  ihm  aber  war  es  Vorbehalten,  durch 
die  Gediegenheit  und  Fafslichkeit  seiner  Lehrbücher  für  Jahrhunderte 
in  jedem  Kloster  die  Anleitung  zu  den  nötliigen  astronomischen 
Kenntnissen  zu  geben;  wo  man  es  verschmähte  tiefer  einzudringen, 
benutzte  man  wenigstens  seine  Ostertafeln,  als  unentbehrliches  IlUlfs- 
mittel  der  kirchlichen  Zeitrechnung.  Sein  Martyrologium  ist  die 
Grundlage  aller  späteren  Umarbeitungen;  seine  kleine  Chronik  von 
den  sechs  Weltaltern  (bis  726)  war  überall  bekannt,  und  die  Kirchen- 
geschicbte  Englands  wurde  um  so  eifriger  gelesen,  da  man  hierin 
den  Ursprung  der  eigenen  Kirche  erkannte,  so  wie  sie  andererseits 
das  Bewufstsein  dieser  Verbindung  wach  erhielt1).  Hatten  die  Mis- 
sionare der  Schotten  nicht  durch  Frömmigkeit  allein,  sondern  auch 
durch  mancherlei  Kenntnisse  und  Gelehrsamkeit  die  Bewunderung 
der  Franken  erregt,  so  überragten  doch  nun  die  Angelsachsen  noch 
in  weit  höherem  Mafse  alles  was  man  bis  dahin  gekannt  hatte. 

Schon  vor  Beda  hatte  die  angelsächsische  Mission  begonnen, 
welche  sich  hauptsächlich  den  stammverwandten  Sachsen  und  Friesen 
zuwandte.  Ein  charakteristischer  Unterschied  dieser  Mission  von 
der  schottischen  liegt  in  ihrem  Verhältnil's  zum  römischen  Stuhl : 
seitdem  S.  Augustin,  von  Gregor  dem  Grofsen  gesendet,  die  englische 
Kirche  begründet  hatte,  war  diese  in  der  engsten  Verbindung  mit 
Rom  geblieben,  und  von  da  aus  geleitet,  wurde  die  Kirchenverfassung 
fest  und  sicher  organisirt.  Dadurch  gewann  diese  Mission  einen 
ganz  anderen  Boden,  und  war  nicht  der  Vereinzelung  und  der  daraus 
folgenden  Verwilderung  ausgesetzt,  welche  den  Erfolg  der  Schotten- 
predigt auf  einzelne  Klosterstiftungen  beschränkte. 

An  zuverlässigen  Lebensbeschreibungen  der  älteren  unter  diesen 
Glaubensboten  fehlt  es  freilich  auch,  und  ihre  Wirksamkeit  würde 
uns  in  nicht  minder  zweifelhaftem  Dämmerlichte  erscheinen,  wie 
die  der  Schottenmönche,  wenn  nicht  die  englische  Kirche,  von  der 
sie  ausgingen,  in  helleren  Umrissen  vor  uns  stände,  und  vor  allem 
Beda  uns  so  manche  sichere  Nachricht  aufbewahrt  hätte. 

*)  Beda  st.  735.  Opera  ed.  Giles.  Lond.  1843  ff.  12  Bände  8.  Bd.  1— 4 die 
historischen  Schriften.  Opera  historica  ed.  Stevenson  1841.  8.  2 Bde. 

G 


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82 


II.  Karolinger.  § 2.  Angelsachsen. 


Augustin,  der  erste  Erzbischof  von  Canterbury,  starb  im  Jahre 
608.  Schon  sein  Schüler  Livin  soll  in  Friesland  gepredigt  haben, 
seine  Lebensbeschreibung  aber  ist  ein  späteres  betrügliches  Mach- 
werk. Da  sie  fälschlich  dem  Bonifacius  zugeschrieben  wird,  findet 
sie  sich  in  der  Sammlung  seiner  Schriften1). 

Auch  Wilfrid,  Erzbischof  von  York,  der  im  J.  709  gestorben 
ist,  hat  unter  den  Friesen  gepredigt,  als  er  auf  einer  Reise  nach 
Rom  an  ihre  Küste  verschlagen  wurde2).  Besonderes  Verdienst  um 
die  Mission  erwarb  sich  aber  Egbert,  der  Abt  des  Klosters  Hy,  in 
welchem  er  die  bis  dahin  dort  herrschende  irische  Weise  durch  die 
siegreiche  römisch -englische  verdrängte.  Er  entsandte  zum  Friesen- 
fürsten  Radbod  den  Wigbert3),  und  nach  dessen  Heimkehr  im  Jahr 
690  denWilbrord  mit  elf  Gefährten.  Dieser  begründete  698  das 
Kloster  Epternach,  aber  nicht  allein  als  Stätte  eines  stillen  beschau- 
lichen Lebens,  sondern  als  Ausgangspunkt  für  seine  Thätigkeit,  und 
mit  Karl  Marteis  Hülfe  gelang  ihm  sodann  auch  die  Stiftung  des 
Bisthums  Utrecht,  wo  er  im  J.  739  als  erster  Bischof  verstorben 
ist.  Sein  Leben  ist  erst  lange  nach  seinem  Tode  von  Alkuin  be- 
schrieben worden,  und  später  noch  einmal  von  Theofrid,  Abt  von 
Epternach,  überarbeitet4). 

Gleichzeitig  mit  ihm  predigte  auch  Suibert,  der  Stifter  von 
Kaiserswerth,  von  dem  jedoch  nur  wenig  bekannt  ist.  Das  merk- 
würdigste Andenken,  welches  er  uns  hinterlassen  hat,  sehr  be- 
zeichnend für  die  höhere  und  feinere  Bildung,  welche  diese  Angel- 
sachsen in  der  Heimath  pflegten  und  von  da  ins  Frankenreich 
verpflanzten,  ist  die  schöne  Handschrift  des  Livius,  welche  er  mit- 
gebracht hat,  und  die  jetzt  zu  den  kostbarsten  Schätzen  der  Wiener 
Hofbibliothek  gehört.  Seine  Biographie  dagegen,  angeblich  von 
Liudgers  Genossen  Marchelm  oder  Marcellinus  verfafst,  ist  ein  grober 
Betrug  späterer  Zeit3). 

Unter  den  Sachsen  predigten  der  weifse  und  der  schwarze 
Ewald,  deren  Lebensbeschreibung  aus  Beda  entnommen,  aber 
völlig  sagenhaft  ist6).  Später  folgte  ihm  Liafwin,  jedoch  erst  um 
770,  nachdem  vielleicht  schon  mancher  Glaubensbote  vergeblich,  und 
ohne  das  Andenken  seines  Namens  zu  hinterlassen,  versucht  hatte 

*)  Vgl.  Rettberg  II,  509.  — 3)  Reitberg  II,  511.  — 3)  Reitberg  II,  513. 

4)  Rettberg  II,  517  ff.  Bähr  194.  Dederich,  Beiträge  i.  römisch -deutschen 
Geschichte  am  Niederrhein.  Anhang : Das  Leben  des  h.  Willibrord  nach  Alkuin, 
nebst  erläuternden  und  ergänzenden  Anmerkungen.  Emmerich  1850.  8.  Ernenda- 
tionen  von  Deycks,  Münster  1856.  4. 

6)  S.  Rettberg  II,  396.  — *)  Rettberg  II,  397. 


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Angelsächsische  Missionare.  Vita  Bonifarii. 


83 


das  starre  Heidenthum  der  alten  Sachsen  zu  überwinden.  Das 
Leben  Liafwins,  von  Hucbald,  Abt  von  S.  Amand,  ist  nicht  ohne 
Werth,  aber  doch  erst  in  viel  späterer  Zeit,  im  zehnten  Jahrhundert 
verfafst l). 

In  Franken  finden  wir  Burchard,  den  Bonifaz  zum  ersten 
Bischof  von  Würzburg  weihte,  wo  S.  Kilian  mit  seinen  Genossen 
den  Boden  bereitet  hatte.  Auch  seine  Lebensbeschreibung  aber  ist 
spätem  Ursprungs,  und  von  geringem  Werthe3). 

Die  erste  wirklich  gleichzeitige  Lebensbeschreibung  finden  wir 
von  Winfrid,  dem  Stifter  der  neuen  fränkischen  Kirche,  der  alle 
die  einzelnen  Pflanzungen  seiner  Vorgänger  zusammenfafste  in  eine 
mächtige  Organisation,  und  ihnen  dadurch  die  Kraft  zum  dauernden 
Bestehen  gab,  der  zugleich  die  alte  verfallene  fränkische  Landes- 
kirche emporrichtete,  und  bo  im  Verein  mit  den  karolingischen 
Herrschern  das  gewaltige  Gebäude  aufführte,  in  dem  die  neu  liervor- 
spriefsende  geistige  Bildung  für  viele  Jahrhunderte  eine  gesicherte 
Stätte  finden  sollte,  mitten  unter  allen  Stürmen  und  Drangsalen  der 
kampferfüllten  Zeiten.  Allein  die  Schilderung  seines  Lebens  und 
seiner  Wirksamkeit  liegt  unserer  Aufgabe  fern;  wir  müssen  uns  hier 
begnügen  auf  die  ausführliche  Darstellung  Rettbergs  I,  331  ff.  zu 
verweisen,  wo  auch  genauere  Nachweisungen  Uber  seine  Biographen 
zu  finden  sind3).  Von  noch  weit  gröfserem  Werthe  für  uns  ist  die 
Sammlung  von  Bonifaz  eigenen  Briefen  und  den  päpstlichen  Schreiben 
an  ihn;  aber  auch  die  bald  nach  seinem  Tode,  noch  zu  Pippins 
Lebzeiten  verfafete  Biographie  enthält  schätzbare  Nachrichten,  und 
erhebt  sich  weit  Uber  die  früheren  Leistungen  der  Art.  Der  Ver- 
fasser war  ein  Priester  Namens  Willibald,  der  im  Kloster  S.  Victor 
bei  Mainz  lebte,  und  auf  Veranlassung  der  Bischöfe  Lullus  von 
Mainz  und  Megingoz  -von  WUrzburg  seine  Arbeit  unternahm.  Lullus 
besonders  versah  ihn  mit  Nachrichten,  so  wie  auch  andere  Schüler 
Winfrids,  den  Willibald  selbst  nicht  gekannt  hatte.  Dieser  ist  frei- 
lich hinter  einer  genügenden  Behandlung  seiner  grofsen  Aufgabe 
zurückgeblieben,  und  auch  seine  Sprache  ist  noch  weit  entfernt  von 
der  Reinheit  der  karolingischen  Latinität,  aber  er  bezeichnet  doch 
schon  den  Anfang  einer  besseren  Zeit;  er  hat  in  der  Schule  seine 
Classiker  gelesen,  und  sein  Hauptfehler  besteht  darin,  dafs  er  es  zu 

*)  Rettberg  II,  405;  vgl.  unten  Kap.  II,  § 14.  III,  § 10. 

*)  Retlberg  II,  314. 

s)  Dazu  kommt  noch  die  Ausgabe  der  Opera  S.  Bonifacii  von  Giles,  Lond. 
1844.  2 Bde  8.  Ein  Brief  vollständiger  in:  Anecdota  Bedae,  Lanfranci  et  alioruin 
ed.  Giles.  1851.  8. 

6* 


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84  II.  Karolinger.  § 2.  Angelsachsen.  § 3.  Annalen. 

gut  machen  will,  dafs  er  im  Streben  nach  einem  gewählten  Stil  in 
Verkünstelung  verfällt,  während  er  doch  in  den  Grundregeln  der 
Grammatik  noch  keinesweges  sicher  ist1). 

Von  Lullu8,  Bonifazens  Schüler  und  Nachfolger,  besitzen  wir 
ebenfalls  eine  Biographie,  die  aber  späteren  Ursprungs  und  wenig 
bedeutend  ist2). 

Dagegen  ist  als  ein  merkwürdiges  Denkmal  dieser  Zeit  noch 
das  Leben  der  beiden  Brüder  Willibald  und  Wunnibald  zu 
nennen8),  verfafst  von  einer  Nonne  des  Klosters  Heidenheim,  welches 
Wunnibald  gestiftet  hatte  und  bis  zu  seinem  Tode  (um  763)  leitete, 
während  Willibald  von  Bonifaz  zum  ersten  Bischof  von  Eichstedt 
geweiht  wurde.  Wie  diese  Brüder,  so  stammte  auch  die  Verfasserin, 
welche  mit  ihnen  verwandt  war,  aus  England,  und  zeigt  uns,  was 
auch  aus  Bonifaz  Briefen  hervorgeht,  wie  sehr  lebhaft  dort  auch  die 
Nonnen  an  den  gelehrten  Studien  Antheil  nahmen.  Freilich  wurde 
auch  sie,  wie  es  leider  so  häufig  vorkam,  durch  ihre  Gelehrsamkeit 
zu  einer  sehr  gezierten  und  schwülstigen  Schreibart  verleitet;  in 
auffallender  Weise  unterscheidet  sich  davon  durch  seine  Einfachheit 
in  dem  Leben  Willibalds  der  Bericht  über  seine  Pilgerfahrt  nach 
dem  gelobten  Lande,  welcher  darin  besonders  hervortritt  und  den 
gröfsten  Raum  einnimmt.  Es  scheint  dafs  hierin  ein  Dictat  des 
frommen  Pilgers  unverändert  vorliegt*). 

Nach  Wunnibalds  Tod  übernahm  seine  Schwester  Walburga 
die  Leitung  des  Klosters  zu  Heidenheim,  und  auch  von  dieser  be- 
sitzen wir  eine  Biographie,  welche  aber  erst  im  neunten  Jahrhundert 
von  Wolfhard  von  Herrieden  verfafst  ist5). 

§ 3.  Die  Annalen. 

In  dem  Abschnitte,  bei  welchem  wir  jetzt  verweilen,  in  den 
Anfängen  der  karolingischen  Periode,  beginnt  zuerst  ein  Zweig  der 
Geschichtschreibung  ans  Licht  zu  treten,  welcher  sich  aus  den  un- 
scheinbarsten Anfängen  zu  einer  wahren  Kunstform  rasch  entwickelte, 
und  dem  wir  grofsentlieils  die  festen  Grundlagen  der  älteren  Ge- 
schichte des  Mittelalters  verdanken,  nämlich  die  Jalirzeitbücher  oder 

1)  Ausgabe  von  Pfrtz,  Mon.  SS.  II,  331 — 353.  Bahr  S.  190.  Uebersetzung 
von  II.  E.  Bonneil,  Berlin  1856.  8. 

2)  Ada  SS.  Oct.  VIII,  1083. 

8)  Retlberg  II,  351.  MabiUon,  Acta  SS.  III,  2,  367.  186.  (330—346  und 
160— 172  ed.Ven.) 

*)  nach  Hahn,  die  Reise  des  h.Willibald  nach  Palästina,  im  Jahresbericht  über 
die  Louisenstädt.  Realschule,  Berlin  1856.  4. 

5)  Rettberg  11,359.  Mab.  Acta  SS.  111,2,287.  (260-276  ed.Ven.)  Ada 
SS.  Feb.  III,  523. 


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Vil»  Willibaldi.  Anfang  der  Annalen. 


85 


AnDalen.  Augenscheinlich  durch  die  Mission  veranlafst,  kommen  sie 
jetzt  an  verschiedenen  Orten  zum  Vorschein.  Es  bedurfte  eben  keiner 
neuen  Erfindung  um  Jahr  für  Jahr  die  wichtigsten  Ereignisse  gleich- 
zeitig mit  wenigen  Worten  aufzuzeichnen ; wir  haben  ähnliches  schon 
aus  der  römischen  Zeit  zu  erwähnen  gehabt,  und  es  mag  auch  hin 
und  wieder  im  merowingischen  Reiche  geschehen  Bein,  aber  erhalten 
haben  sich  keine  Beispiele  davon.  Einst  hatten  die  Verzeichnisse 
der  Consuln  den  passendsten  Raum  dazu  dargeboten,  jetzt  waren 
es  die  überall  verbreiteten  Ostertafeln,  deren  Rand  schon  von  selbst 
dazu  aufforderte,  neben  der  Jahreszahl  kurze  Nachrichten  einzu- 
tragen. Das  älteste,  aber  vereinzelte  Beispiel  aus  Italien  (oben  S.  40) 
gehört  noch  dem  sechsten  Jahrhundert  an;  dann  finden  wir  der- 
gleichen in  Irland  und  England,  und  die  Missionare,  denen  Bedas 
Ostertafeln  wohl  selten  fehlten,  behielten  die  heimische  Sitte  bei. 
Mit  den  Ostertafeln  selbst  wurden  nun  auch  die  Randbemerkungen 
abgeschrieben,  und  gingen  so  von  einem  Kloster  ins  andere  Uber; 
bald  fing  man  an  darauf  Werth  zu  legen,  schrieb  die  noch  ganz 
kurzen  und  mageren,  völlig  formlosen  Annalen  auch  abgesondert 
ab,  setzte  sie  fort,  verband  sie  mit  anderen,  und  machte  sich  end- 
lich auch  an  die  Arbeit,  die  dürftige  Kunde  Uber  die  frühere  Vor- 
zeit durch  Benutzung  anderer  Quellen,  aus  Schriftstellern  aller  Art, 
aus  der  Sage  und  gelehrten  Berechnung  zu  ergänzen. 

Daraus  ergiebt  sich  nun,  wie  verschiedenartig,  von  wie  un- 
gleichem Werthe  der  Stoff  ist,  welchen  diese  Jahrbücher  uns  dar- 
bieten. Vielfache  Fehler  konnten  schon  beim  Abschreiben  nicht  aus- 
bleiben.  Der  Rand  der  Ostertafeln  hatte  häufig  nicht  ausgereicht; 
dann  waren  Bemerkungen  unten,  oben,  an  verschiedenen  Stellen 
nachgetragen1),  durch  Zeichen  auf  das  betreffende  Jahr  bezogen, 
und  oft  ist  es  Belbst,  wenn  das  Original  noch  erhalten  ist,  schwer 
sich  darin  zurecht  zu  finden.  Gedankenlose  Abschreiber  haben  dann 
nicht  selten  die  allergröfste  Verwirrung  angerichtet,  zuweilen  gar  die 
Jahreszahlen  ganz  fortgelassen. 

Um  diese  Annalen  also  mit  Sicherheit  benutzen  zu  können,  um 
an  ihnen  wirklich  eine  zuverlässige  Grundlage  für  die  Zeitrechnung 
zu  gewinnen,  kommt  natürlich  alles  darauf  an,  ihre  Herstammung 
und  Abkunft  zu  erforschen,  spätere  Zusätze  auszuscheiden,  ihrem 
Ursprung  so  nahe  wie  möglich  zu  kommen,  wenn  man  nicht  das 
Original  selbst  noch  aufzufinden  vermag. 

Das  ist  es,  was  in  umfassender  Weise  für  die  gesammte  Masse 
der  Annalen  aus  karolingischer  Zeit  zum  ersten  Male  von  Pertz  im 

*)  Vgl.  die  Schriftprobe  der  Annales  Corbeienses,  Mon.  SS.  III.  Tab.  1. 


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86 


II.  Karolinger.  § 3.  Die  Annalen. 


ersten  Bande  der  Monumente  geleistet  worden  ist,  und  zwar  in  so 
meisterhafter  Weise,  dafs  nur  wenig  Nachträge  später  nothwendig 
wurden,  und  für  alle  weiteren  Forschungen  die  sicherste  Grundlage 
gewonnen  war1). 

Aus  den  belgischen  Landen  ging  das  Haus  der  Arnulfinger 
hervor,  und  in  diesen  Gegenden  lagen  die  alten  Besitzungen  der 
vereinigten  Geschlechter  Pippins  und  Arnulfs;  hier  errichteten  sie 
ihre  Klöster  unter  des  Hauses  frommen  Töchtern.  Da  ist  es  leicht 
erklärlich,  dafs  man  gerade  in  diesen  Gegenden  auch  zuerst  daran 
dachte,  die  Begebenheiten  einer  Zeit  aufzuzeichnen,  welche  wieder 
Hoffnungen  erweckte,  welche  nicht  mehr  die  Seelen  mit  dem  trost- 
losen Gedanken  des  nahe  bevorstehenden  Unterganges  der  Welt  er- 
füllte. Mit  der  Schlacht  bei  Testry  687  beginnen  die  Annalen 
von  S.  Amand*),  die  so  von  ihrem  Ursprünge  an  entschieden 
karolingisch  sind.  Doch  möchte  ich  nicht  gerade  behaupten,  dafs 
von  Anfang  an  alles  gleichzeitig  eingetragen  wäre;  die  Form  der 
kurzen  und  noch  sehr  dürftigen  Bemerkungen,  wenn  man  z.  B.  zu 
dem  Jahr  708  wo  Ostern  auf  den  15.  April  fiel,  an  den  Rand  schrieb: 
(Das  war  damals)  als  Drogo  im  Frühjahr  starb3)  — das  deutet  eher 
auf  ein  späteres  Besinnen  und  Ueberdenken  der  Vergangenheit.  Auch 
ist  das  ganz  natürlich ; so  lange  der  Eindruck  noch  frisch  ist,  fühlt 
man  kein  Bedürfnifs  ihn  künstlich  festzuhalten,  und  erst  später 
macht  sich  das  Bedürfnifs  geltend,  die  verschiedenen  Erinnerungen 
aus  einander  zu  halten  und  zu  ordnen.  Wenn  aber  nun  eine  Reihe 
solcher  Aufzeichnungen  beisammen  ist,  dann  ändert  sich  der  Ge- 
sichtspunkt, man  legt  Werth  auf  diese  Zusammenstellung  und  setzt 
sie  um  ihrer  selbst  willen  fort,  trägt  Jahr  für  Jahr  die  wichtigsten 
Begebenheiten  ein,  um  für  spätere  Zeiten  ein  Denkmal  zu  hinter- 
lassen. So  hat  man  es  auch  in  S.  Ainand  gehalten,  und  in  den 
den  Kirchen  zu  welchen  diese  Annalen  sich  nach  und  nach  ver- 
breiteten: in  ganz  Belgien  erkennen  wir  sie  überall  wieder  als  die 
Grundlage  von  Annalen,  welche  hier  bis  ins  16.  Jahrhundert  ihre 
verschiedenen  Fortsetzungen  fanden,  und  aus  denen  Geschichtswerke 

*)  S.  den  Bericht  von  Pertz  im  Archiv  VI,  258  ff. 

a)  Mon.  SS.  I,  6 — 13.  Vgl.  L.  Giesebrerht,  Wend.  Geschichten  111,280.  Ver- 
bunden sind  damit  die  nach  dem  Besitzer  der  Handschrift  genannten  Ann.  Tiliani, 
die  Ann.  Laubacenses,  und  die  wichtigen  Ann.  Petaviani,  welche  Beziehungen 
auf  Tours  enthalten.  Die  Untersuchung  über  die  Entstehung  dieser  vielfach  ver- 
wandten, und  dann  wieder  aus  einander  gehenden  und  mit  ganz  anderen  sich  be- 
rührenden Annalen  w'ird  dadurch  erschwert,  dafs  die  ursprünglichen  Handschriften 
verloren  sind.  Locale  Beziehungen  enthalten  sie  wenig;  die  Reichsgeschichte  herrscht 
durchaus  vor. 

3)  quando  Droco  mortuus  fuit  in  vernale  tempore. 


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Annales  S.  Amandi,  Murbacenses,  S.  Germani. 


87 


erwuchsen,  wie  die  grofse  Weltchronik  des  Sigebert.  Fremder  Ein- 
flufs  ist  in  den  Annalen  von  S.  Amand  nicht  zu  erkennen;  dagegen 
finden  wir  irländische  Kamen  (704  — 707)  an  der  Spitze  der  An- 
nalen von  Murbach  in  den  Vogesen,  in  jener  Gegend  wo  vor- 
zugsweise die  Schottenmönche  sich  niedergelassen  und  ihre  Klöster 
angelegt  haben.  Auch  in  Murbach,  das  von  Pirmin  erst  im  Jahre 
727  gestiftet  ist,  waren  irische  Mönche,  und  diese  scheinen  eine 
Abschrift  der  Ostertafeln  mit  jenen  Eintragungen  aus  der  Heimath 
mitgebracht,  und  dadurch  die  Veranlassnng  gegeben  zu  haben,  dafs 
man  in  Murbach  nun  auch  ähnliche  Bemerkungen  hinzufiigtc.  Das 
Original  der  Annalen,  welche  hieraus  allmählich  erwuchsen,  ist  uns 
nicht  erhalten;  sie  verbreiteten  sich  aber  weithin,  besonders  in 
Schwaben,  und  die  Zusammenstellung  der  verschiedenen  abgeleiteten 
und  vermehrten  Jahrbücher  läfst  die  Murbacher  Aufzeichnugen  als 
gemeinsame  Grundlage  erkennen  ‘).  Auch  nach  dem  Kloster  Hersfeld 
kamen  sie,  und  bildeten  so  den  Keim  aus,  dem  zuletzt  das  herrliche 
Geschichtswerk  des  Lambert  entsprossen  ist,  während  auf  den  aus 
gleicher  Quelle  stammenden  Reichenauer  Annalen  Hermann  der  Lahme 
seine  Chronik  erbaute. 

Besonders  merkwürdig  sind  die  von  Pertz  in  einer  Handschrift 
des  Klosters  S.  Germain  des  Pr  6 s entdeckten  Annalen3),  welche 
im  Anfang  des  neunten  Jahrhunderts  aus  einer  älteren  Handschrift 
abgeschrieben  sind,  und  wie  gewöhnlich  zur  Eintragung  der  dortigen 
Annalen  benutzt  wurden.  An  der  Spitze  stehen  hier  ganz  kurze 
Annalen  von  Lindisfarne  (643 — 664),  einem  Bisthum  auf  einer 
der  kleinen  Inseln  bei  Northum berland,  welches  von  Irländern  be- 
gründet war,  wie  schon  die  Namen  Finan,  Colman  zeigen.  Darauf 
folgen  von  673  bis  690  Notizen  aus  Canterbury.  Nach  Pertz 
Vermuthung  war  es  Alkuin,  welcher  diese  Handschrift  mit  sich 
an  Karls  Hof  brachte,  wo  er  dann  von  782  bis  787  die  Namen  der 
Orte  eintrug,  an  welchen  Karl  in  diesen  Jahren  das  Osterfest  feierte. 
Daran  haben  nun  die  Mönche  von  S.  Germain  ihre  eigenen  Annalen 
gefügt;  aber  dieselben  Notizen  Uber  die  Osterfeier  von  782  bis  787 
finden  wir  auch  in  einer  anderen  Handschrift  wieder,  jedoch  ohne 
die  älteren  Bemerkungen  aus  Lindisfarne  und  Canterbury.  Dieses 
ältere  Exemplar  nämlich  hat  Am,  der  Freund  Alkuins,  nach  Salz- 
burg mitgenommen;  die  Orte  der  Osterfeier  sind  hier  bis  797  ge- 

*)  UeLer  die  ältesten  Alamannisrhen  Annalen  Stalin  I,  168.  Vgl.  L.  Giese- 
brecht,  Wend.  Gesch.  III,  281.  VVaitz  in  Schmidts  Zeitschrift  f.  Gesch.  II,  51.  Oie 
verschiedenen  Annalen,  welche  auf  denen  von  Murbach  beruhen,  mit  ihren  Fort- 
* Setzungen  sind  zusammengestellt  von  Pertz  1 , 22  IT. 

*)  Mon  SS.  IV,  2. 


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88  II.  Karolinger.  § 3.  Annalen.  § 4.  Karl  der  Grofse. 

nannt,  und  dann  schliefsen  sich  Salzburger  Nachrichten  daran.  In 
Salzburg  selbst  hatte  man  damals  aber  bereits  einheimische  altere 
Annalen,  deren  Spuren  sich  in  den  späteren  Jahrbüchern  vorfinden  *). 
Scheinbar  bieten  sich  uns  in  diesen  viel  reichere  und  vollständigere 
Aufzeichnungen  dar,  allein  es  läfst  sich  mit  Bestimmtheit  nach- 
weisen,  dafs  diese  erst  im  zwölften  Jahrhundert  nach  Vermuthungen 
und  gelehrter  Berechnung  zusammengestellt  wurden,  um  die  Dürftig- 
keit der  alten  Annalen  zu  ergänzen. 

Namen  aus  Lindisfarne  finden  wir  auch  an  der  Spitze  der  Jahr- 
bücher von  Fulda  und  von  Korvei,  und  erkennen  daran  den 
Einflufs  der  angelsächsischen  Glaubensboten  auf  diese  neu  auf- 
keimende Litteratur:  Fulda  ist  ja  von  Bonifaz  gestiftet,  und  von 
dort  mögen  die  Ostertafeln  mit  ihren  Randbemerkungen  nach  Korvei 
gekommen  sein. 

Die  weitere  Entwickelung  dieser  Annalen  gehört  einem  späteren 
Abschnitte  an;  hier  waren  nur  die  ersten  Anfänge  zu  betrachten, 
welche  noch  im  höchsten  Grade  dürftig  und  armselig  sind,  wie  sie 
denn  auch  in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt,  als  Randbemerkungen  zu 
Ostertafeln,  durchaus  nicht  den  Anspruch  machen  für  litterarische 
Erzeugnisse  zu  gelten.  Erst  der  Folgezeit  gehört  der  Gedanke  an, 
diese  Notizen  mit  anderen  Nachrichten  zu  einem  Ganzen  zu  ver- 
binden, und  sie  dann  mit  Absicht  und  Bewufstsein  als  gleichzeitige 
Aufzeichnung  der  Geschichte  weiter  zu  führen. 

§ 4.  Karl  der  Grofse.  Allgemeines. 

Bethmann,  Paulus  Diakonus.  Phillipps,  Karl  der  Grofse  im  Kreise  der  Gelehrten,  im 
Almanach  der  Kais.  Akad,  d.  W.  1856.  S.  173  — 221.  B&lir,  de  literarum  studiis  a 
Carolo  Magno  revoc&tis  ac  schola  palatina  instaurata.  Hcidelb.  1856.  4.  Desselben 
Geschichte  der  Rom.  Literatur  im  karol.  Zeitalter.  Carlsruhe  1840.  S.  auch  Waitz 
in  Schmidts  Zeitschrift  f.  Gesch.  II,  48  ff.  Bernhardy,  Grundriss  d.  röm.  Litt.  § 61. 

Eine  lange  Zeit  der  Finsternifs  liegt  hinter  uns.  Nur  geringe 
und  dürftige  Spuren  haben  uns  Zeugnifs  gegeben,  dafs  auch  in  diesen 
traurigen  Jahrhunderten  das  Bedürfnifs  historischer  Aufzeichnungen 
nicht  ganz  erstorben  war;  wir  haben  gesehen  dafs  mit  der  be- 
ginnenden besseren  Ordnung  der  Dinge,  der  Herstellung  des  Reiches 
durch  die  karolingischen  Hausmeier,  auch  einiges  Leben  auf  diesem 
Felde  sich  regte,  dafs  lebensfähige  Keime  zum  Vorschein  kamen. 
Aber  noch  ist  fast  alles  namenlos;  seit  Venantius  Fortunatus  und 
Gregor  von  Tours  ist  uns  nirgends  eine  bedeutende  Persönlichkeit 
entgegengetreten.  Das  Frankenreich  stand  noch  immer  an  Bildung 
weit  zurück  hinter  seinen  Nachbaren,  als  Karl  der  Grofse  zum  , 

»)  Mon.  SS.  IX,  758. 


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Karl  der  Grofse  and  sein  Hof.  gg 

Throne  gelangte,  und  die  erste  Hälfte  seiner  Regierung  war  auch 
noch  viel  zu  sehr  vom  Kriegeslärm  erfüllt,  als  dafs  er  seine  Auf- 
merksamkeit nach  dieser  Seite  hätte  wenden  können.  Wir  finden 
zwar,  dafs  er  in  Italien  schon  im  Jahre  776  den  Grammatiker 
Paulinus1)  mit  einem  Landgut  beschenkte,  dafs  er  ihn  bald 
darauf  zum  Patriarchen  von  Aquileja  erhob:  wir  dürfen  wohl  darin 
ein  Zeichen  seiner  Achtung  vor  der  Wissenschaft  erblicken,  aber 
wir  können  auch  eben  so  gut  den  Schlufs  daraus  ziehen,  dafs  ihm 
damals  noch  der  Gedanke  fern  lag,  fremde  Lehrer  für  die  Ausbildung 
seiner  Franken  zu  gewinnen. 

Doch  hat  wohl  ohne  Zweifel  der  Aufenthalt  in  Italien  die  Ver- 
anlassung gegeben,  dafs  Karl  aufmerksam  wurde  auf  die  unverkenn- 
bare Ueberlegenheit,  welche  den  Italienern  ihre  höhere  geistige 
Bildung  verlieh;  er  fafste  den  Entschlufs  seine  Franken  von  dem 
Joche  der  Unwissenheit  zu  befreien,  und  von  da  an  finden  wir  ihn 
unablässig  bemüht,  mit  allen  Mitteln  nach  diesem  Ziele  zu  streben. 
Der  feste  Grund  geordneter  äufserlicher  Verhältnisse  und  einer  neu 
gekräftigten,  von  sittlichem  Eifer  erfüllten  Kirche  war  bereits  vor- 
handen, und  auf  diesem  Boden  gediehen  die  Pflanzungen  Karls  mit 
dem  überraschendsten  Erfolge. 

Im  Jahre  781  in  Parma  traf  Karl  zuerst  mit  Alkuin  zusammen, 
und  veranlafste  ihn  an  seinen  Hof  zu  kommen ; von  demselben 
Heereszuge  brachte  er  782  Paulus  Diakonus  und  den  Gram- 
matiker Peter  von  Pisa  mit  nach  Frankreich;  vielleicht  auch 
Theodulf,  einen  italischen  Gothen*),  dessen  geistreiche  und  form- 
gewandte Dichtungen  das  lebhafteste  Bild  von  Karls  Hof  gewähren, 
während  er  als  Staatsmann  und  Bischof  eine  bedeutende  Wirksam- 
keit entfaltete3).  Schotten  aus  Irland  hat  Karl,  wenn  wir  dem 
Mönch  von  S.  Gallen  glauben  dürfen,  schon  früher  an  sich  ge- 
zogen4); einer  von  ihnen  lebte  am  Hofe  in  heftiger  Feindschaft  mit 
Theodulf  und  Angilbert6). 

■)  vencrabilis  arlis  grammaticae  magister.  Er  schritb  später  gegen  Felix,  and 
nahm  an  den  verschiedenen  Synoden  dieser  Zeit  Theil ; st.  804.  Bähr  S.  356 — 359. 
Vgl.  Büdingers  Oest.  Gesch.  I,  141.  — *)  Theod.  Carm.  I,  1,  139.  HI,  1,  165. 

3)  Er  starb  d.  18.  Sept.  821  als  Bischof  von  Orleans,  in  Ungnade  als  angeblicher 
Theilnehmer  an  der  Verschwörung  des  Königs  Bernhard  von  Italien.  Opera  ed. 
Sirmond.  1646.  8.,  und  in  Sirmonds  Werken,  Band  II.  Äligne  CV,  187—  380. 
Von  geschichtlichem  Werth  ist  besonders  unter  seinen  Gedichten  die  Paraenesis  ad 
Judices,  und  das  Gedicht  an  Karl  nach  Pippins  Hunnensieg,  in  welchem  der  ganze 
Hof  des  Königs  geschildert  wird.  Vgl.  Bähr  S.  91  — 95.  359  — 360.  Eine  neue 
Ausgabe  dieser  Gedichte  wäre  sehr  verdienstlich. 

4)  Kap.  1.  Ueber  Donat,  816  Bischof  von  Fiesoie,  nachdem  er  vorher  als 
Lehrer  gewirkt  hatte,  s.  Ozanam,  Documenta  inedits  p.  48—57. 

‘)  Theod.  Carm.  III,  1,  160—173.  213  —234.  3,  341  — 354.  Es  ist  wohl 


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90 


II.  Karolinger.  § 4.  Karl  der  Grofse. 


Aach  Baiern  hatte  unter  den  Agilolfingem , in  enger  Ver- 
bindung mit  Italien,  bereits  einen  höheren  Grad  der  Bildung  erreicht. 
Herzog  Odilo  hatte  Casinenser  Mönche  nach  Mondsee  berufen,  und 
Reichenauer  nach  Nieder  Altai ch;  von  hier  entnahm  Thassilo  den 
ersten  Vorsteher  seiner  herrlichen  Stiftung  Kremsmünster.  Vor 
allem  aber  glänzteFreising  unter  seinem  Bischof  Aribo  (764 — 784) 
durch  die  Pflege  der  Wissenschaft  Aribo  selbst  verfafste  die  Lebens- 
beschreibungen der  alten  Glaubensboten  Emmeram  und  Korbinian, 
deren  wir  oben  (S.  77)  schon  gedachten;  als  Diakonen  aber  finden 
wir  an  seiner  Kirche  Am  und  Leidrad,  und  auch  diese  folgten 
einem  Rufe  des  grofsen  Frankenkönigs.  Am  erscheint  in  den  Frei- 
singer Urkunden  zuletzt  778;  782  erhielt  er  die  Abtei  von  S.  Amand. 
Leidrad  schrieb  noch  782  eine  Urkunde  für  Thassilo'),  dann  finden 
wir  auch  ihn  im  Frankenreiche  wieder,  wo  er  neben  Theodulf  das 
Amt  eines  königlichen  Sendboten  verwaltete,  und  von  799  bis  813 
dem  Bisthum  zu  Lyon  Vorstand,  welches  er  dann  seinem  Schüler 
Agobard  überliefs,  um  sich  in  das  Kloster  des  h.  Medardus  zurück- 
zuziehen. 

So  zog  also  Karl  um  das  Jahr  782  von  allen  Seiten  die  Träger 
wissenschaftlicher  Bildung  an  sich,  und  arbeitete  von  nun  an  unab- 
lässig und  unverwandt  hin  auf  eine  Wiederherstellung  der  antiken 
Cultur,  deren  Herrlichkeit  seinen  Geist  erfüllte.  Wie  er  die  alten 
Kunstwerke  nach  Achen  führte  und  seine  Bauten  nach  den  Regeln 
des  Vitruv  und  den  Mustern  der  Kirchen  zu  Ravenna  und  Rom  auf- 
führen  liefs,  so  liefs  er  auch  die  alten  Schriftsteller  nach  den  alten 
Handschriften  mit  der  sorgsamsten  Genauigkeit  abschreiben.  Staunend 
bewundern  wir  die  Prachtwerke  seiner  Kalligraphen,  und  nichts  ist 
vielleicht  so  charakteristisch  für  das  was  man  damals  erstrebte,  wie 
diese  Handschriften  der  heiligen  Schriften  sowohl  wie  des  Terenz, 
des  Horaz,  mit  ihrer  Unzialschrift,  ihren  vollkommen  nach  antiken 
Mustern  nacbgeahmten  Verzierungen  und  Bildern.  Ja  so  wie  Eigil 
von  Fulda  Modelle  der  antiken  Säulen  sich  verschafft  hatte,  welche 
Einhard  benutzte,  so  sehen  wir  bald  auch  einen  Mönch  aus  dem 
Kloster  Reichenau  nach  Rom  ziehen,  die  Denkmale  des  Alterthums 
beschreiben,  und  mit  musterhafter  Genauigkeit  die  alten  Inschriften 
in  sein  Gedenkbuch  eintragen. 

derselbe,  über  dessen  heftigen  Tadel  Alkuin  klagt.  Gedichte  eines  Schotten  aus 
dieser  Zeit,  darunter  ein  leider  sehr  fragmentarisches  auf  den  Abfall  Thassilos  bei 
A.  Mai,  Classicorum  Auetorum  Vol.  V,  405  ff 

l)  lieber  beide  s.  Meichelbecks  Historia  Frisingensis;  üb.  Leidrad  BährS.361; 
seine  Schriften  gesammelt  bei  Migne  XC1X,853  — 886. 


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Baiern.  Karls  Hofschule. 


91 


An  seinem  Hofe  richtete  Karl  die  Hofschule  ein,  in  der  er 
selbst,  seine  Kinder,  seine  Hofleute,  an  dem  Unterrichte  und  den 
Uebungen  Theil  nahmen.  Es  erwuchs  daraus  eine  förmliche  Aka- 
demie, welche  Karl  und  seine  vertrauteren  wissenschaftlichen  Freunde 
zu  regelmäfsigen  Sitzungen  vereinigte1).  In  ähnlicher  Weise  wie  an 
den  arabischen  Höfen  dieser  Zeit,  wurden  hier  poetische  Episteln 
gewechselt,  wissenschaftliche  Aufgaben  gestellt  und  beantwortet, 
Käthsel  aufgegeben  und  gelöst.  Alle  führten  hier  Namen  aus  der 
Vorzeit,  in  denen  heidnische  und  christliche  Erinnerungen  in  selt- 
samer Mischung  erscheinen.  So  hiefs  Karl  selbst  David,  Alkuin 
Flaccus,  Einhard  Beseleel  nach  dem  Erbauer  der  Stiftshütte,  Ri- 
culf  Damoetas,  Angilbert  Homer.  Die  Standesverschiedenheiten  der 
Gegenwart  wurden  dadurch  auf  diesem  Gebiete  in  den  Hintergrund 
gestellt. 

Man  wird  durch  dieses  Treiben  erinnert  an  die  platonische  Aka- 
demie zu  Florenz,  allein  es  ist  zwischen  beiden  doch  ein  grofser 
Unterschied.  Karl  lag  der  Gedanke  fern,  die  Litteratur  nur  wie 
einen  Gegenstand  des  Luxus  zu  seinem  Vergnügen  zu  pflegen;  sein 
Briefwechsel  mit  Alkuin  zeigt  uns,  dafs  seine  Akademie  auch 
praktisch  wichtige  Fragen  behandelte,  und  oft  einem  Ministerium 
der  geistlichen  Angelegenheiten  ähnlich  wird.  Der  Herstellung  des 
alten  Glanzes  und  der  Reinheit  der  Kirche  mufsten  alle  seine  ge- 
lehrten Freunde  mit  ernstlicher  Arbeit  dienen.  Allein  das  war  doch 
auch  wieder  nur  eine  Seite  der  Bestrebungen  des  Königs;  ihm  war 
es  voller  Ernst,  sein  ganzes  Volk  auf  eine  höhere  Stufe  der  Bildung 
zu  heben,  und  deshalb  legte  er  überall  Schulen  an,  und  sorgte  un- 
ermüdlich für  die  Pflege  und  Hebung  derselben.  Sogar  von  Alkuin 
trennte  er  sich  aus  diesem  Grunde,  und  verlieh  ihm  die  Abtei  des 
heiligen  Martin  zu  Tours,  wo  er  von  nun  an  als  Leiter  einer  blühenden 
Schule  wirkte.  Fast  alle  bedeutenderen  Bisthümer  und  Abteien  des 
Frankenreiches  erhielten  von  hier  aus  ihre  Vorsteher,  und  wo  in  der 
nächsten  Folgezeit  von  litterarischer  Thätigkeit  etwas  zu  melden  ist, 
da  können  wir  mit  Sicherheit  darauf  rechnen,  einen  Schüler  Alkuins 
zu  finden.  Weit  genug  erstreckte  sich  der  Wirkungskreis  dieser 
Schule;  doch  errichtete  Karl  für  die  entfernteren  Theile  seines 
Reiches  auch  eigene  Mittelpunkte,  welche  von  seinem  Scharfblick 
Kunde  geben,  wie  alles  was  er  gethan.  In  Italien  besafs  Pavia 
schon  von  Alters  her  gefeierte  Lehrer,  und  diese  Schule  erhielt  jetzt 
neuen  Glanz  durch  den  Schotten  Dungal;  ihr  Fortleben  und  blei- 

*)  Oebeke,  De  Academia  Caroli  Magni.  Aachener  Gym.-Progr.  1847. 


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II.  Karolinger.  § 4.  Karl  der  Gro&e.  § 5.  Alkuin. 


bendes  Gedeihen  bezeugt  der  erst  später  durch  Bologna  verdunkelte 
Ruhm  der  Rechtschule  von  Pavia1). 

Ein  echt  Karlischer  Gedanke  war  die  Stiftung  des  Erzbisthums 
Hamburg  an  der  Nordgrenze  seines  Reiches,  die  jedoch  erst  unter 
seinem  Nachfolger  zu  Stande  kam ; aber  gerade  in  den  fernsten  Osten 
schickte  er  Alkuins  ebenbürtigen  Freund,  Am,  den  Abt  von  S.  Amand, 
dem  er  785  das  Bisthum  Salzburg  anvertraute.  798  errichtete  er 
hier  dann  ein  Erzbisthum,  welches  bestimmt  war  ein  fester  und 
segensreicher  Mittelpunkt  in  politischer,  kirchlicher  und  litterarischer 
Beziehung  zu  werden.  Am  erfüllte  seine  Mission  in  vollem  Mafse, 
und  wenn  ihm  auch  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit  keine  Zeit 
blieb,  so  zeugen  doch  seine  Bemühungen  für  die  Sammlung  eines 
Bücherschatzes  durch  Abschriften  von  seiner  Sorge  für  Schule  und 
Lehre5),  wobei  ihm  von  797  bis  801  Alkuins  Schüler  Wizo  hülfreich 
zur  Seite  stand.  Die  feindliche  Erhebung  des  mährischen,  dann  des 
ungrischen  Reiches,  die  Errichtung  selbständiger  Metropolen  im  Osten, 
haben  Salzburg  nicht  zu  seiner  vollen  Entwickelung  gelangen  lassen, 
doch  auch  in  dieser  Beschränkung  ist  die  Stiftung  des  bairischen 
Erzbisthums  von  den  bedeutendsten  Folgen  gewesen. 

Alkuin  blieb  auch  von  Tours  aus  fortwährend  im  lebhaftesten 
Verkehr  mit  Karl,  und  war  sein  treuester  Rathgeber,  die  Seele  aller 
seiner  Bestrebungen  für  die  Cultur  der  Franken.  Ein  wunderbarer 
Erfolg  krönte  diese  Bemühungen,  und  Karl  hatte  das  Glück,  die 
Früchte  seiner  Mühen  noch  selbst  zu  erleben.  Wie  ein  Phänomen 
in  dunkelster  Nacht  erscheint  plötzlich  die  Litteratur  des  neunten 
Jahrhunderts;  nicht  nur  Geistliche,  auch  Laien  schrieben  Bücher, 
was  seit  Jahrhunderten  nicht  vorgekommen  war,  und  Jahrhunderte 
lang  nicht  wieder  vorkommt. 

Denn  von  Dauer  war  dieser  Glanz  nicht;  er  verschwand  fast 
eben  so  plötzlich  wie  er  gekommen  war,  aufs  Neue  bedeckte  Finster- 
nifs  das  Land,  aber  gerade  in  dieser  Finsternifs  bewährte  sich  die 
feste  Begründung  von  Karls  Schöpfungen.  So  viel  auch  wieder  ver- 
loren ging,  es  blieb  noch  immer  genug  übrig  um  als  Grundlage  für 
alle  Folgezeit  zu  dienen.  Wir  haben  schon  oben  bemerkt,  dafs  Karl 
sein  Werk  nicht  erst  begann,  dafs  er  den  Boden  vorbereitet  fand 
durch  die  Befestigung  und  Ordnung  des  Staates,  durch  die  Her- 

*)  Merkel,  Geschichte  des  Langobardrnrechts.  Berlin  1850.  8.  Italienisch  nach 
einer  neuen  Bearbeitung  des  Vfs  in:  Memorie  e Documenti  inedili  spettanti  aüa 
Storia  del  Dirilto  Ilaliano.  Fase.  I.  Torino  1857. 

s)  Mehr  als  150  Bücher  liefs  er  nach  Angabe  des  Nekrologs  schreiben.  Mon. 
SS.  IX,  770.  Darunter  ein  Formelbuch,  heftusgegeben  von  Rockinger,  Quellen  zur 
bayerschen  Gesch.  Bd.  VII.  Ueber  Am  BUdingers  Oest.  Gesch.  1, 147  ff.,  über  Wizo  149. 


Karl  der  Grobe  und  Alkuin. 


93 


Stellung  der  Kirchenzucht,  und  dafs  er  nur  dadurch  im  Stande  war, 
so  fest  zu  bauen.  Es  regten  sich  auch  bereits  einige  Keime  litte- 
rarischer  Thätigkeit  als  er  auftrat,  aber  ihre  rasche  und  glänzende 
Entfaltung  ist  doch  ganz  sein  Werk,  und  nicht  mit  Unrecht  sagte 
man  im  Mittelalter  von  ihm,  dafs  er  den  Sitz  der  Studien  von  Rom 
nach  Paris  verpflanzt  habe*).  Zu  einer  Zeit,  wo  die  Pariser  Uni- 
versität als  der  Mittelpunkt  der  Wissenschaft  betrachtet  wurde,  galt 
er  für  den  Stifter  derselben.  In  dieser  Form  sprach  sich  der 
richtige  Gedanke  aus,  dafs  Karl  der  Stifter  einer  neuen  Culturperiode 
gewesen  war. 

§ 5.  Alkuin. 

Alcuini  Oper»  ed.  Frobenius  (Frohen  Förster,  Fürst -Abt  zu  S.  Emmeram),  4 Binde, 
fol.  Ratisb.  1777.  Danach  bei  Migne,  C.  CI.  Aleuins  Leben  von  F.  Lorentz.  Halle 
1829.  8.  Monnier,  Alcuin  et  son  influence  litteraire,  religieuse  et  politique  chez  les 
Franks.  Paris  1853.  8.  mit  einem  früher  ungedruckten  Gedicht  und  einem  Briefe 
Alkuins  an  Leo  III.  im  Anhang.  Vita  Alcuini , vor  829  nach  dem  Berichte  seines 
Schülers  Sigulf  geschrieben ; sehr  unbedeutend  und  von  beschränkt  ascetischem  Stand- 
punkte verfafst;  Mab.  IV,  1,  145  und  bei  Frohen.  Ueber  seine  Gedichte  Bähr  S.  78 — 84; 
historische  Schriften  S.  192 — 196;  theolog.  philosophische  und  grammatische  S.  302 
bis  854. 

Alchwin  oder  Alkuin  nannte  sich  gerne  in  latinisirter  Form 
Albinus.  Verwandt  mit  Willibrord,  dessen  Leben  er  auch  beschrieben 
hat,  wurde  er  um  das  Jahr  735  in  York  geboren.  Seine  Bildung 
verdankte  er  der  ausgezeichneten  Domschule  in  seiner  Vaterstadt 
unter  der  Leitung  Egberts,  der  seit  712  Erzbischof  war,  und  Ael- 
berts,  der  Alkuin  mit  sich  nach  Rom  nahm,  als  er,  nach  der  Sitte 
dieser  Angelsachsen,  dahin  reiste,  um  Handschriften  auf  dem  dor- 
tigen Markte  zu  erwerben,  der  noch  immer  bedeutend  und  damals 
wohl  der  einzige  im  Abendland  war.  Im  Jahre  766  wurde  Aelbert 
zum  Erzbischof  erhoben,  und  Alkuin  folgte  ihm  in  der  Leitung  der 
Domschule.  Der  Auftrag,  für  Eanbald  das  erzbischöfliche  Pallium 
vom  päpstlichen  Hofe  zu  holen,  führte  ihn  781  wieder  nach  Rom, 
und  auf  dieser  Reise  war  es,  wo  er  zu  Parma  mit  Karl  zusammen- 
traf und  von  ihm  die  Einladung  erhielt,  welche  ihn  vermochte,  im 
folgenden  Jahre  mit  seinen  Schülern  Wizo s),  Fridugis 3)  und  Sigulf4) 
an  Karls  Hof  zu  kommen;  die  Einkünfte  der  Abteien  zu  Ferriöres 
und  des  heiligen  Lupus  zu  Troyes  sicherten  ihm  hier  eine  ansehn- 
liche Stellung,  während  er  in  der  Hofschule  vor  alten  und  jungen 

*)  Studium  generale  ab  urbe  Romana  est  translatum  Parisius.  Franc.  Pra- 
gensis  ad  a.  780. 

s)  genannt  Candidus,  von  797 — 801  bei  Arn  in  Salzburg. 

*)  genannt  Nalhanael,  von  818  — 832  Kanzler,  und  Alkuins  Nachfolger  als 
Abt  von  S.  Martin,  wo  er  aber  die  Schule  verfallen  liefs. 

4)  genannt  Velulus,  später  Abt  von  Ferneres  und  Stifter  der  dortigen  Schule. 


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94 


II.  Karolinger.  § 5.  Alkuin.  § 6.  Paulus  Diakonus. 


Zuhörern  seine  Vorträge  hielt  Auch  hier  schon  war  es  durchaus 
nicht  allein  auf  dilettantische  Belehrung  der  Hofleute  abgesehen, 
sondern  die  vielen  Söhne  vornehmer  Franken,  welche  nach  alter 
Sitte  zur  Erziehung  an  den  Hof  gebracht  wurden,  erhielten  hier 
alles  Ernstes  ihre  Ausbildung  zu  Staatsmännern  und  Bischöfen. 

Im  Jahre  789  kehrte  Alkuin  nach  England  zurück;  aber  die 
heftigen  Streitigkeiten  über  Adoptianismus  und  Bilderverehrung  ver- 
anlafsten  Karl,  ihn  von  neuem  dringend  einzuladen,  und  die  inneren 
Unruhen,  welche  England  zerrissen  und  Alkuin  sogleich  wieder  in 
die  ihm  verhafsten  politischen  Händel  verflochten  hatten,  machten 
diesen  geneigt,  seine  Heimath  zu  verlassen.  Er  erschien  784  auf 
dem  zu  Frankfurt  gegen  Felix  und  Elipand  versammelten  Concil  als 
Abgesandter  der  englischen  Kirche  und  bewährte  sich  durch  mehrere 
Schriften  als  tapferen  Streiter  gegen  die  Irrlehren ; noch  zog  es  ihn 
zurück  in  sein  Vaterland,  aber  die  Ermordung  Ethelreds  796  ver- 
leidete ihm  die  Heimkehr,  und  von  nun  an  widmete  er  sich  ganz 
dem  Frankenreiche.  Nach  Itherius  Tod  erhielt  er  die  Abtei  des 
heiligen  Martin  zu  Tours,  der  er  bis  zu  seinem  Tode,  am  19.  Mai  804, 
Vorstand.  Dem  unruhigen  Getreibe  des  Hofes  fern,  entfaltete  er  hier 
die  segensreichste  Thätigkeit  und  bildete  eine  aufserordentliche  Zahl 
von  Zöglingen,  welche  im  ganzen  weiten  Reiche  Karls  neue  Stätten 
wissenschaftlicher  Thätigkeit  begründeten.  Seinen  Schüler  Wizo 
schickte  er  nach  England,  um  Bücher  zu  holen,  die  er  dann  zu 
Tours  durch  zahlreiche  und  sorgfältige  Abschriften  vervielfältigen 
liefe.  Zugleich  aber  blieb  er  in  fortwährender  Verbindung  mit  Karl, 
der  ihm  das  gröfste  Vertrauen  schenkte;  man  hat  ihn  nicht  mit  Un- 
recht seinen  Unterrichtsminister  genannt.  Als  unschätzbares  Denk- 
mal davon  ist  uns  seine  Briefsammlung  erhalten,  welche  zu  den 
wichtigsten  Quellen  für  die  Geschichte  dieser  Zeit  gehört.  Auch 
seine  Gedichte  gewähren  manchen  Einblick  in  die  Zustände  der 
Zeit,  und  das  umfangreichste  darunter,  Uber  die  Bischöfe  der  Kirche 
zu  York,  reich  an  schönen  Stellen  und  belebt  durch  die  warme  Liebe 
zur  Heimath,  gewährt  mannigfache  Belehrung  über  die  Stiftschule 
zu  York  und  Alkuins  Leben  vor  seiner  Berufung  nach  Frankreich. 
Seine  übrige  schriftstellerische  Thätigkeit  dagegen  war  mehr  auf 
Theologie,  Philosophie  und  Grammatik  gerichtet  als  auf  Geschichte. 
Er  überarbeitete  ältere  Heiligenleben,  aber  in  moralisirender  Weise 
zu  erbaulichen  Zwecken ; von  geschichtlicher  Bedeutung  ist  nur  das 
Leben  Willibrords  (oben  8.  82).  Dafs  man  ihm  auch  ein  Leben 
Kaiser  Karls  zugeschrieben  hat,  beruht  auf  einer  Verwechselung  mit 
Einhard. 


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Alkuin.  Origo  Langobardorum.  Secundus  Tridentinus. 


95 


§ 6.  Paulas  Diakonus. 

Bethmann,  Paulus  Diakonus  Leben  und  Schriften.  Archiv  X,  247 — S34.  Bethm&nn,  die 
Geschichtschreibung  der  Langobarden.  Archiv  X,  335  — 414.  (Auf  diesen  beiden 
trefflichen  Abhandlungen  beruht  gröfstentheils  die  folgende  Darstellung.)  0.  Abel, 
Paulus  Diakonus  und  die  übrigen  Geschichtschreiber  der  Langobarden  (Uebersetsung). 
Berlin.  1849.  Neu  entdeckte  Gedichte  (Grabschrift  auf  Ansa  und  Lob  des  Komer* 
sees),  cd.  Haupt,  Berichte  der  kgl.  Sächs.  Ges,  d.  Wiss.  1850.  1,6.  Neuer  Abdruck 
der  Hist.  Miscella.  1854.  8. 

Wie  die  Gothen,  so  bewahrten  auch  die  Langobarden  ihres 
Volkes  Urgeschichte,  die  alten  Sagen,  die  Grofsthaten  der  Väter,  be- 
sonders aber,  worauf  sie  den  gröfsten  Werth  legten,  die  Folge  und 
Verwandtschaft  der  Geschlechter,  in  ihren  Liedern,  die  sich  mündlich 
vom  Vater  auf  den  Sohn  vererbten.  Sie  aufzuzeichnen,  keine  leichte 
Arbeit,  mochte  überflüssig  erscheinen,  so  lange  sie  noch  im  Volke 
lebten;  doch  gegen  das  Ende  des  siebenten  Jahrhunderts,  nach  Kö- 
nig Grimualds  Tode  (671)  hat  ein  Langobarde  aus  ihnen  die  Ge- 
schichte seines  Volkes  entnommen,  und  der  Langobarden  Her- 
kunft, wie  man  davon  sagte  und  sang,  in  kurzen  und  schlichten 
Worten  berichtet;  in  Umrissen  nur,  nicht  in  ausführlicher  Erzäh- 
lung, aber  was  er  uns  giebt,  ist  unberührt  von  der  fremden  Gelehr- 
samkeit, welche  die  gothischen  und  fränkischen  Sagen  entstellt  hat  *). 
Man  hatte  darin  doch  etwas  mehr,  wie  in  dem  kahlen  Königsver- 
zeichnifs,  welches  König  Rothar  643  seinem  Gesetzbuche  vorange- 
stellt hatte;  des  Volkes  Aelteste,  welche  das  Recht  sprachen  und  das 
Andenken  der  Vergangenheit  festhielten,  trugen  darum  auch  dieses 
Schriftchen  in  ihr  Rechtsbuch  ein,  wie  wir  das  so  häufig  wieder- 
finden in  den  Handschriften  des  Mittelalters,  bei  den  Gesetzen  der 
Westgothen  und  Franken  so  gut,  wie  beim  Sachsenspiegel. 

Es  gab  freilich  damals  bereits  auch  eine  andere  Geschichte  der 
Langobarden,  verfafst  von  dem  Knechte  Gottes  Secundus,  Bischof 
von  Trient  (t  612);  wir  kennen  sie  aber  nur,  weil  Paulus  ihrer  ge- 
denkt, und  sie  scheint  wenig  Verbreitung  gefunden  zu  haben3).  Se- 
cundus erzählte  gewifs  nicht  von  Wodan  und  Freia,  und  mit  der 
römischen  Bildung  haben  die  Langobarden  sich  nur  sehr  langsam 
befreundet.  Von  litterarischer  Thätigkeit  in  ihrem  Reiche  finden  sich 
weiter  keine  Spuren,  man  müfste  denn  etwa  des  Abtes  Jonas  von 

*)  Origo  Gentis  Langobardorum , in : Edicta  regum  Langobardorum  ed.  opera 
et  Studio  Carolo  Baudi  di  Vesme,  Aug.  Taur.  1855.  Vgl.  p.  LXXI  — LXXXII. 
(Abdruck  des  Textes  von  Neigebaur,  München  1855.  p.  1 — 4.)  Ueberselzung  von 
Abel  1.  1.  1 — 8.  ßethmann  S.  351  — 365  und  über  die  Sagen  im  Allgemeinen 
S.  335  — 349.  Waitz  Gott.  Gel.  Anz.  1856  S.  1585  setzt  mit  Baudi  di  Vesme  die 
erste  Abfassung  schon  unter  Rothari. 

3)  Bethmann  1. 1.  349 — 351. 


96 


II.  Karolinger.  § 6.  Paulus  Diakonus. 


Susa  Schriften,  deren  wir  schon  oben  (S.  75)  gedachten,  dazu  rech- 
nen, der  aber  auch  ein  Romane  war. 

Die  Grammatiker  jedoch,  welche  trotz  aller  Ungunst  der  Zeiten 
ihre  Thätigkeit  in  Italien  immer  fortgesetzt  hatten,  fanden  allmählich 
auch  unter  den  Langobarden  Schüler,  und  als  deren  Herrschaft  sich 
ihrem  Ende  nahte,  da  hatten  sie  dem  fremden  Volke  bereits  seinen 
Geschichtschreiber  erzogen,  der,  wie  Jordanis,  nach  dem  Sturze  des 
Reiches  wenigstens  das  Andenken  desselben  für  die  Nachwelt  be- 
wahrte. 

Paulus,  des  Warnefrid  Sohn,  aus  einem  edlen  Langobarden- 
geschlechte,  das  im  Friaul  begütert  war,  wurde  nach  alter  deutscher 
Sitte  am  Hofe  des  Ratchis  (744 — 749)  zu  Pavia  erzogen ; als  seinen 
Lehrer  nennt  er  den  Grammatiker  Flavianus,  dessen  er  noch  in 
seinem  hohen  Alter  mit  Liebe  gedenkt.  Auch  dem  König  Deside- 
rius  soll  Paulus  lieb  und  werth  gewesen  sein,  und  wenn  auch  die 
Zeugnisse  dafür  unzuverlässig  sind,  so  ist  es  doch  an  sich  sehr 
wahrscheinlich,  dafs  er  in  der  königlichen  Kanzlei  Beschäftigung 
fand  und  eben  dadurch  in  ein  so  nahes  Verhältnifs  zu  der  Herrscher- 
familie trat.  Er  verfafste  die  Grabschrift  der  Königin  Ansa  und  war 
der  Lehrer  ihrer  Tochter  Adelperga;  dieser  und  ihrem  Gemahl 
Arichis  war  er  mit  der  wärmsten  Anhänglichkeit  und  Freundschaft 
ergeben,  und  an  ihrem  Hofe  zu  Benevent  fand  er  eine  Zuflucht  nach 
dem  Falle  des  Reiches  von  Pavia,  wenn  er  nicht  schon  früher  die 
Königstochter  dahin  begleitet  hatte.  Für  sie  verfafste  er  hier  seine 
römische  Geschichte,  während  er  für  Arichis  die  Inschriften  dichtete, 
womit  dieser  seine  glänzenden  Bauten  zu  Salerno  schmückte,  und  die 
Uebertragung  der  Gebeine  des  heiligen  Merkur  nach  Benevent  (768) 
durch  einen  Lobgesang  feierte,  der  noch  jetzt  alljährlich  dort  ge- 
sungen wird. 

Wann  Paulus  in  den  geistlichen  Stand  eingetreten  ist,  dem  er 
seinen  Beinamen  Diakonus  verdankt,  wissen  wir  nicht;  ebenso  wenig, 
wann  er  den  Hof  zu  Benevent  verlassen  hat,  um  in  dem  grofsen 
Mutterkloster  des  Abendlandes  zu  Montecasino  das  Mönchsgelübde 
abzulegen;  vielleicht  führte  ihn  dorthin  die  Anhänglichkeit  an  Kö- 
nig Ratchis,  der  hier  als  Mönch  seinen  Weinberg  baute.  Das  stille 
Klosterleben  aber  gewann  bald  einen  solchen  Reiz  für  Paulus  nach 
den  traurigen  Zeiten,  die  er  durchlebt  hatte,  dafs  er  die  heilige 
Stätte  wohl  nicht  wieder  verlassen  haben  würde,  wenn  nicht  die  po- 
litischen Ereignisse  ihm  auch  hier  keine  Ruhe  gelassen  hätten. 

Im  Jahre  776  nämlich  war  im  Friaul  ein  Aufstand  gegen  die 
Franken  ausgebrochen,  dem  vielleicht  Paulus  selbst  nicht  fremd  war, 


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Paulus  Diakouus. 


97 


und  wohl  ohne  Zweifel  war  dies  die  Veranlassung,  weshalb  sein 
Bruder  Arichis  gefangen  fortgeftihrt  wurde  und  sein  Vermögen  ver- 
lor. Lange  scheint  sich  Paulus  jeder  Annäherung  an  die  Franken 
enthalten  zu  haben;  als  aber  Karl  781  nach  Rom  gekommen  war, 
und  in  der  Ordnung  der  italischen  Verhältnisse  seine  Mäfsigung  und 
Milde  bewährt  hatte1),  da  richtete  Paulus  eine  Elegie  an  den  König, 
worin  er  ihn  um  Gnade  für  seinen  Bruder  bat.  Sei  es  dafs  er  sich 
selbst  damit  zum  Könige  begab,  sei  es  dafs  dieser,  der  gerade  da- 
mals begann,  die  Gelehrten  der  verschiedenen  Völker  an  seinem 
Hofe  zu  versammeln,  ihn  berief  — er  verlebte  die  nächsten  Jahre 
am  Hofe  und  nahm  lebhaft  Theil  an  dem  litterarischen  Leben,  wel- 
ches sich  dort  entwickelte.  So  sehr  sich  Paulus  auch  nach  seiner 
stillen  Klosterzelle  zuriieksehnte,  er  gab  doch  nach  der  Gewährung 
seiner  Bitten  dem  Andringen  Karls  nach  und  blieb  an  dessen  Hofe, 
wo  er  nicht  nur  die  Grabschriften  für  die  Königin  Hildigard  und 
deren  so  wie  für  Pippins  Töchter  verfafste,  sondern  auch  in  anderer 
Weise  den  Zwecken  des  Königs  dienen  mufste.  Er  unterrichtete  im 
Griechischen,  dessen  Kenntnifs  im  Frankenreiche  ein  so  seltener 
Schatz  war,  und  verfafste  auf  Karls  Befehl  die  Homiliensammlung, 
welche  der  Unwissenheit  der  Geistlichen  in  wirksamer  Weise  zu 
Hülfe  kam. 

In  eben  dieser  Zeit  schrieb  Paulus  auch  auf  Bitten  des  Bischofs 
Angilram  von  Metz  die  Geschichte  seiner  Vorfahren  auf  dem  Stuhl 
des  heiligen  Clemens2).  „Mit  besonderer  Ausführlichkeit  behandelt 
er  darin  die  Familie  und  die  Ahnen  Karls  des  Grofsen,  vielleicht, 
wie  Bethmann  sagt,  auf  dessen  eigenen  Wunsch  oder  wenigstens 
ihm  zu  Gefallen,  und  nicht  undeutlich  blickt  die  Absicht  durch,  die 
Thronbesteigung  der  Karolinger  zu  rechtfertigen  und  sie  als  ein 
durch  Heilige  gleichsam  legitimes  Herrscherhaus  darzustellen.“ 

Allein  so  wahrhaft  und  innig  auch  die  Liebe  gewesen  zu  sein 
scheint,  welche  den  langobardischen  Mönch  mit  dem  Besieger  seines 
Volkes  verband,  auf  immer  liefs  er  sich  doch-nicht  am  Hofe  fesseln. 
Die  immer  zunehmende,  endlich  bis  zum  Kriege  gesteigerte  Feind- 
schaft zwischen  Arichis  und  Karl  mag  ihm  wohl  zuletzt  den  Aufent- 

*)  Quod  raro  fieri  adsolet,  clemcnti  moderalione  victoriam  temperavit.  Pauli 
Gesta  epp.  Met. 

s)  Gesta  episcoporum  Mettensium  ed.  Peru,  Mon.  SS.  II,  260  — 270.  Im 
Aaszuge  übersetzt  bei  Abel,  Einhards  Jahrbücher  S.  1 — 8.  Durch  weitere  Aus- 
führung mifsverslandener  Worte  des  Paulus  entstanden  hieraus,  mit  Benutzung 
des  Fredegar  und  seiner  Forlselzer  die  Genecdogia  dormis  Carolorum,  Mon.  SS. 
II,  208  und  durch  dieselbe  Genealogie  als  später  entstanden  kenntlich,  der  Libellus 
de  Maioribus  domus,  Bouq.  II,  699,  aus  Du  thesne  11,  1. 


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98  II.  Karolinger.  § 6.  Paulus.  § 7.  Angilbert. 

halt  daselbst  vollends  verleidet  haben,  obwohl  sein  persönliches 
Verhältnifs  zum  Könige  auch  durch  diese  Vorfälle  nicht  gestört 
wurde.  Doch  finden  wir  ihn  787  wieder  in  Montecasino,  wo  er  die 
schöne  Grabschrift  für  den  am  25.  August  verstorbenen  Fürsten 
Arichis  verfafste.  Den  Abend  seines  Lebens  widmete  er  von  nun 
an  in  ungestörter  Ruhe  frommen  Betrachtungen  und  der  Geschichte 
seines  Volkes.  Er  schrieb  eine  ausführliche  Erläuterung  der  Kloster- 
regel und  verfafste  die  sechs  Bücher  seiner  Geschichte  der  Lango- 
barden1), die  er  leider  unvollendet  hinterlassen  hat. 

Als  einen  bedeutenden  Historiker  können  wir  Paulus  freilich 
nicht  betrachten.  Die  Sprache  weifs  er  in  seinen  Gedichten  mit 
Leichtigkeit  und  Anmuth  zu  behandeln  und  in  der  Erzählung  zieht 
uns  ihre  schmucklose  Einfachheit  an.  Von  der  gesuchten  Gelehr- 
samkeit und  Ueberkünstelung  so  wie  von  der  barbarischen  Rohheit 
des  siebenten  Jahrhunderts  ist  er  frei,  und  für  sein  Zeitalter  ist  seine 
gelehrte  und  sprachliche  Bildung  aufserordcntlich  hoch  anzuschlagen. 
Allein  historische  Kunst  oder  tiefere  Auffassung  dürfen  wir  bei  ihm 
nicht  suchen.  In  der  Geschichte  der  Bischöfe  von  Metz  berichtet 
er  anfangs  die  fabelhafte  Lokaltradition,  ohne  ein  Urtheil  darüber 
anszusprechen,  als  Sage,  dann  schöpft  er  seine  Nachrichten  aus 
Gregor,  Fredegar  und  dem  Leben  Arnulfs;  was  er  aus  der  neueren 
Zeit  hinzufügt,  ist  wenig  bedeutend,  wie  denn  auch  dieses  ganze 
Werk  Uber  einen  ihm  fernliegenden  Gegenstand,  auf  den  Wunsch 
seines  Gönners  verfafst,  zu  keinen  höheren  Ansprüchen  berechtigt. 

Anders  verhält  es  sich  mit  der  Geschichte  der  Langobarden. 
Leider  reicht  sie  nur  bis  zum  Tode  Liutprands  (744)  und  es  fehlt 
uns  also  die  Darstellung  der  Zeit,  welche  der  Verfasser  selbst  durch- 
lebt hat.  So  weit  er  aber  mit  seiner  Arbeit  gekommen  ist,  finden 
wir  auch  hier  nur  einfache  Erzählung,  zusammengesetzt  aus  der 
mündlichen  Ueberlieferung  und  schriftlichen  Quellen,  wie  Gregor  von 
Tours,  Beda,  den  Leben  der  Päpste  u.  a.  m. a).  Aus  diesen  nimmt 
er  ganze  Stücke  auf,  ohne  sie  eigentlich  zu  einem  Ganzen  zu  ver- 
arbeiten; in  der  Kritik,  sogar  in  der  Sorgfalt  und  Genauigkeit  bei 
Benutzung  seiner  Gewährsmänner  erscheint  er  schwach,  und  obwohl 
seine  eigentliche  Aufgabe  die  Volksgeschichte  der  Langobarden  ist, 
nimmt  er  ohne  rechtes  Mafs  und  Princip  doch  auch  ferner  Liegendes 
auf.  Läfst  er  aber  demnach  als  gelehrter  Geschichtschreiber  viel 
zu  wünschen  übrig,  so  entschädigen  uns  doch  dafür  andere  sehr 
wesentliche  Vorzüge,  die  einfache  Klarheit  seiner  Darstellung,  die 

*)  Gedruckt  u.  a.  in  der  Sammlung  von  Muratori,  SS.  Vol.  I. 

a)  Belhmann,  Archiv  X,  314. 


Ilistoria  Langobardorum.  Angilbert. 


99 


lautere  Wahrheitsliebe,  die  ihn  von  allem  in  ungeschminkter  Gerad- 
heit berichten  lälst,  die  Wärme  des  Gefühls  für  sein  Volk,  welche 
sich  auch  ohne  ruhmredige  Verherrlichung  besonders  in  der  Auf- 
zeichnung der  alten  Sagen  kundgiebt.  Sehen  wir  nun  aber  vollends 
auf  den  materiellen  Werth  seiner  Geschichte,  so  ist  derselbe  unbe- 
denklich als  ganz  unschätzbar  anzuerkennen;  wir  verdanken  ihm 
eben  die  Bewahrung  jenes  reichen,  durch  keine  spätere  Gelehrsam- 
keit verfälschten  Sagenschatzes,  und  Uber  die  Geschichte  der  Lango- 
barden, was  er  aus  dem  Sekundus  von  Trident  und  anderen  verlo- 
renen Quellen  schöpfte  sowohl  wie  die  Aufzeichnung  mündlicher 
Ueberlieferung : rettungslos  würde  alles  dieses  nach  dem  Sturze  des 
Reiches  dem  Untergang  verfallen  sein,  wenn  nicht  des  alten  Mönches 
Hand  es  mit  treuer  Liebe  aufgezeichnet  hätte. 

§ 7.  Angilbert. 

Elogium  auctore  Jo.  Mabillon,  Acta  SS.  O.  S.  B.  IV»  1,  87  ed.  Ven.  Pertz  SS.  II,  391. 
B&hr  85 — 89.  Carmina  aus  Frobens  Ausgabe  des  Alcuin,  Ducliesne  u.  Mabillon  ge- 
sammelt bei  Migne  XCIX,  849—854. 

Wie  Paulus  am  langobardischen,  so  war  Angilbert,  der  ebenfalls 
aus  vornehmem  Geschlechte  stammte,  am  fränkischen  Hofe  aufge- 
wachsen1). Wohl  wenig  jünger  wie  Karl  selbst,  war  er  mit  diesem 
durch  innige  Freundschaft  verbunden  und  stand  zu  der  ganzen  könig- 
lichen Familie  im  vertraulichsten  Verhältnifs.  Er  scheint  sich  schon 
früh  mit  wissenschaftlichen  Studien  beschäftigt  zu  haben,  wenigstens 
so  weit  sie  für  den  Dienst  in  der  königlichen  Kanzlei  nöthig  waren, 
und  ergriff,  als  Alkuin  an  den  Hof  kam,  mit  demselben  Eifer,  wie 
sein  königlicher  Freund,  die  Gelegenheit  zu  höherer  Ausbildung;  er 
wurde  ein  Schüler  Alkuins  und  Peters  von  Pisa,  und  nahm  an  der 
Akademie  den  lebhaftesten  Antheil;  hier  erhielt  er  wegen  seiner 
poetischen  Begabung  den  Namen  Homer.  Bald  aber  mufste  er  diesen 
Kreis  verlassen,  indem  ihm,  gewifs  ein  Zeichen  hohen  Vertrauens, 
eine  bedeutende  Stellung  am  Hofe  des  Kindes  Pippin  in  dem  neu- 
gewonnenen italienischen  Königreiche  anvertraut  wurde*). 

Zurückgekehrt  trat  Angilbert  wieder  in  den  Kreis  seiner  alten 
Freunde  ein  und  mufs  wohl  jetzt  oder  auch  schon  früher  die  nie- 

*)  Qui  pacne  ab  ipsin  infantiae  rudimentis  in  palatio  vestro  enutritus  est, 
schreibt  Papst  Hadrian  794  an  Karl.  Er  mufs  aber  782  als  Primicerius  palatii 
bei  dem  unmündigen  Pippin  schon  in  reifem  Aller  gewesen  sein.  Doch  nennt 
Alkuin  ihn  wiederholt  filius,  und  in  einem  ungedruckten  von  Pertz  angeführten 
Briefe  genauer:  filius  eruditionis  meae;  Karl  noch  796:  Homeriane  puer. 

2I  Primicerius  palatii  nennt  ihn  Alkuin  in  dem  Briefe  n.  42,  welchen  Mabillon 
ins  Jahr  782  setzt.  Sein  Biograph  Anscher  aus  dem  12.  Jahrh.  läfst  ihn  auch  als  ' 
maritimae  Franciae  dux  die  Dänen  schlagen,  was  kaum  glaublich  und  wohl  eine 
Anticipation  späterer  Zustände  ist 

7* 


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100 


II.  Karolinger.  § 7.  Angilbert. 


deren  Weihen  erhalten  haben,  da  er  Karls  Kapelle  angehörte;  auch 
seine  Würde  am  italienischen  Hofe  war  vielleicht  schon  eine  geist- 
liche ‘).  Wie  bedeutend  und  einflufsreich  seine  Stellung  gewesen  ist, 
zeigen  die  wichtigen  Gesandtschaften  an  den  römischen  Papst,  welche 
ihn  noch  dreimal  (792,  794,  796)  nach  Italien  führten;  auch  soll  er 
im  Jahre  800  den  König  nach  Rom  geleitet  haben,  und  im  Jahre 
811  Unterzeichnete  er  Karls  Verfügung  Uber  seinen  Schatz  zu  Gun- 
sten der  Kirchen  seines  Reiches. 

Noch  hatte  sich  am  fränkischen  Hofe  aus  Karl  Marteis  Zeit 
die  Sitte  erhalten,  dafs  die  Einkünfte  reicher  Abteien  zum  Unterhalt 
der  Hofleute  verwandt  wurden,  und  auch  Angilbert  war  Abt  von 
Centula  oder  S.  Riquier;  794  wird  er  zuerst  als  solcher  genannt. 
Er  betrachtete  aber  diese  Würde  nicht  als  eine  blofse  Pfründe,  son- 
dern stellte  es  sich  vielmehr  zur  Aufgabe,  dieses  Kloster  aus  seinem 
eigenen  Vermögen  so  herrlich  wie  möglich  auszustatten;  er  baute  es 
von  Grund  aus  neu,  und  schmückte  es  in  glänzendster  Weise  mit 
jedem  Zubehör  des  prachtvollen  Kirchendienstes;  namentlich  liefs  er 
sich,  wie  Arn,  die  Pflege  der  Bibliothek  angelegen  sein  und  be- 
reicherte diese  mit  200  Büchern.  Vielleicht  das  köstlichste  unter 
diesen  für  die  Mönche  von  Centula  war  das  Leben  ihres  Stifters, 
des  h.  Richarius,  welches  auf  Angilberts  Bitten  sein  Freund  Alkuin 
nach  den  gesteigerten  Anforderungen  der  Zeit  neu  bearbeitete.  Im 
Jahre  800  hatte  Angilbert  die  Freude,  seinen  königlichen  Freund  in 
den  Mauern  seines  Klosters  als  Gast  zu  empfangen,  und  wie  er 
diesem  Zeit  seines  Lebens  in  treuester  Freundschaft  zugethan  war, 
so  folgte  er  ihm  auch  am  18.  Februar  814  im  Tode  nach. 

Dafs  Angilbert  nach  solchen  Verdiensten  um  das  Kloster  später 
daselbst  als  Heiliger  verehrt  ward,  versteht  sich  von  selbst;  Ha- 
riulf,  der  Chronist  von  8.  Riquier2),  weifs  auch  viel  von  seinem 
strengen  und  erbaulichen  Wandel  zu  erzählen,  allein  das  war  gleich- 
falls so  unvermeidlich,  wenn  man  im  zwölften  Jahrhundert  Uber  das 
Leben  des  Stifters  berichtete,  dafs  darauf  durchaus  kein  Gewicht  zu 
legen  ist.  Einem  Staatsmann  Karls  des  Grofsen  stand  mönchische 
Askese  Übel  an,  und  Angilberts  Thätigkeit  scheint  mehr  auf  eine 
tüchtige  praktische  Wirksamkeit  gerichtet  gewesen  zu  sein;  unmög- 
lich ist  es  aber  nicht,  dafs  er  in  seinen  alten  Tagen  sich  getrieben 
fühlte,  für  ein  früher  allzu  freies  Leben  Bufse  zu  thun.  Hatte  er 

*)  Ministmm  capellae  nennt  ibn  Hadrian  794.  Docen  macht  darauf  aufmerk- 
sam, dafs  in  seinem  Gedichte  an  Karl  primicerius  aulac  der  Erzkaplan  ist. 

s)  IlariulK  Chron.  Cenlulense,  im  Anfänge  des  12.  Jahrh.  hei  D ’Achery,  Spi- 
cil.  ed.  II.  II,  291.  Das  Leben  Aagilberts  daraus  auch  bei  Mabillon  a.  a.  0. 


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Angilberte  Leben  und  Gedichte. 


101 


sich  doch  schon  von  Alkuin  einreden  lassen,  dafs  die  Schauspiele, 
an  denen  er  so  viel  Freude  hatte,  slindlich  wären,  und  wenn  auch 
Alkuin  seinen  Wandel  im  Uebrigen  würdig  und  angemessen  nennt1), 
so  wissen  wir  doch  von  einem  Verhältnifs,  welches  den  mönchischen 
Sittenpredigern  nicht  gefallen  konnte,  so  wenig  es  auch  an  Karls 
Hofe  auffallen  und  Anstofs  erregen  mochte.  Denn  Angilbert  war 
der  glückliche  Geliebte  von  Karls  schöner  Tochter  Bertha,  die  ihm 
zwei  Söhne,  Nithard  und  Hamid,  geboren  hat:  ein  Verhältnifs,  wel- 
ches vielleicht  durch  eine  nahe  liegende  Verwechselung  Anlafs  ge- 
geben hat  zu  der  bekannten  Sage  von  Eginhard  und  Emma3);  Ha- 
riulf  sagt  natürlich  kein  Wort  davon,  wohl  aber  der  zweite  Biograph 
Anscher,  dem  Nitliards  Werk  bekannt  war,  denn  dieser,  der  eigene 
Sohn,  erzählt  es.  Anscher  berichtet  nun  freilich  von  einer  wirk- 
lichen Ehe,  aber  wir  haben  ja  Einhards  ausdrückliches  Zeugnifs  da- 
für, dafs  Karl  sich  nicht  entschliefsen  konnte,  eine  von  seinen  Töch- 
tern zu  verheirathen.  Dafs  er  ihnen  dafür  um  so  gröfsere  Freiheit 
gestattete  und  dafs  manches  anstöfsige  Verhältnifs  an  seinem  Hofe 
geduldet  wurde,  ist  ebenfalls  bekannt  genug.  Einen  Blick  in  Angii- 
berts  Familienleben  gewährt  uns  das  Gedicht,  welches  zuerst  von 
Docen  an  dem  Dichternamen  Homer  als  ein  Werk  Angilberts  er- 
kannt ist 3) , ein  Grufs  an  Karl  und  den  engeren  Kreis  der  Seinen 
aus  der  Feme,  vielleicht  von  einer  der  italienischen  Gesandtschafts- 
reisen. Hier  gedenkt  er  zuletzt  auch  seines  Hauses  mit  dem  Garten, 
in  welchem  seine  Knaben  spielen;  die  zärtlichste  Liebe  und  Sorge 
spricht  sich  darin  aus,  aber  von  der  Mutter  ist  keine  Rede.  Da- 
gegen begrüfst  er  unter  Karls  Töchtern  Bertha  mit  besonderer  Ver- 
ehrung4), und  die  Weise,  wie  er  den  König  als  seinen  süfsen  Karl, 
dessen  Kinder  als  seine  Lieben  grüfst,  deutet  auf  ein  sehr  vertrau- 
liches Verhältnifs. 

Aehnlicher  Art  wie  dieses  ist  ein  anderes  Gedicht  Angilberts, 
verfafst,  als  er  796  nach  Italien  eilend  dem  Könige  Pippin,  dem 
Besieger  der  Avaren,  in  Langres  begegnete;  er  schildert  die  Freude 
des  Wiedersehens,  die  ungeduldige  Erwartung  am  Hofe,  und  voraus 

*)  Alcuini  ep.  144.  et  213.  ed.  Froben. 

s)  S.  Abel,  Kaiser  Karls  Leben  von  Einhard,  S.  56 — 62. 

3)  Neuer  lillerar.  Anzeiger  1807.  N.  6.  Dafs  dieses  Gedicht  schon  unter  Al- 
kuins Namen  bei  Froben  II,  614  gedruckt  ist,  fand  Docen  selbst  später,  Aretins 
Beiträge  7,  523. 

4)  Virginis  egregiae  Bertae  nunc  dicite  laudes,  Pierides,  mecum,  placeant  cui 

carmioa  nostra.  Carminibus Musarum  digna  puella  est  Ich  will  jedoch 

nicht  verhehlen,  dafs  die  Chronologie  des  Gedichtes  und  namentlich  die  Bezeichnung 
der  Schwestern  als  sehr  jung  (praefragiles  annis)  ernstliche  Schwierigkeiten  macht. 


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102  II.  Karolinger.  §7.  Angilbert.  §8.  Einhard. 

schauend  die  zärtliche  Begrüfsung  des  jungen  Helden  im  Kreise 
der  Seinen1). 

Vielleicht  aber  ist  uns  auch  noch  aus  einem  gröfseren  Werke 
Angilberts  ein  Bruchstück  erhalten.  Sein  Dichtername  Homer,  den 
ihm  Karl  selbst  796  beilegt,  in  dem  Briefe  welcher  die  wichtigsten 
Aufträge  für  seine  römische  Gesandtschaft  enthält2),  deutet  auf 
grofse  Erwartungen,  die  sich  an  ihn  knüpften,  die  Erwartung  dafs 
er  Karls  Thaten  in  einem  Epos  feiern  werde.  Wenn  wir  daher 
einem  solchen  Epos  wirklich  begegnen,  so  ist  wohl  die  Vermuthung 
gerechtfertigt,  dafs  kein  anderer  als  Angilbert  der  Verfasser  ist.  Hege- 
wisch hat  deshalb  bereits  diese  Vermuthung  ausgesprochen,  und  Pertz 
das  Gedicht  unter  Angilberts  Namen  herausgegeben  *).  Verfafst  ist 
es  um  mehrere  Jahre  später  wie  jene  beiden  gröfseren  Gedichte 
Angilberts,  und  daraus  liefse  sich  ein  freilich  sehr  bedeutender 
Fortschritt  in  der  Beherrschung  der  Sprache  und  der  Behandlung 
des  Verses  allenfalls  erklären,  doch  bleibt  mir  dieser  Umstand  be- 
denklich. Auffallend  ist  es,  da  wir  doch  im  Ganzen  Uber  diese  Zeit 
so  genau  unterrichtet  sind,  von  einem  so  bedeutenden  Werke  gar 
keine  Erwähnung  zu  finden.  Vermuthlich  ist  es  unvollendet  geblieben, 
und  deshalb  weder  vollständig  erhalten,  noch  hinlänglich  beachtet, 
um  von  anderen  genannt  zu  werden.  Doch  würde  Angilberts  Dichter- 
name Homer  wenigstens  eine  Hindeutung  enthalten,  die  für  andere, 
wie  Theodulf  den  Dümmler  vermuthungsweise  genannt  hat,  gänzlich 
fehlt.  Sicher  war  der  Verfasser  ein  Mann  von  ungewöhnlichem 
Geiste  und  grofser  dichterischer  Begabung,  der  sich  den  Unterricht 
der  Hofschule  mit  bestem  Erfolge  zu  Nutze  gemacht  hat.  Auch 
mufs  er  zu  Karls  Akademie  gehört  haben,  da  er  den  Kaiser  immer 
David  nennt,  und  die  lebendige  Schilderung  verräth  sowohl  den 
Augenzeugen  als  auch  einen  Mann  der  Karls  Hofe  nicht  fern  stand, 
was  freilich  bei  einem  so  ausgezeichneten  Dichter  ohnehin  mit  voller 
Sicherheit  anzunehmen  ist. 

Erhalten  ist  uns  der  Anfang  des  dritten  Buches,  536  Verse, 
vermuthlich  ein  Stück,  welches  seiner  besonderen  Schönheit  wegen 
einzeln  in  eine  Blumenlese  aufgenommen  war,  denn  es  steht  mitten 
zwischen  anderen  Bruchstücken.  Die  Geschichte  der  Gegenwart 
episch  zu  behandeln,  ist  stets  ein  Mifsgriff,  und  immer  werden  es 
es  die  einzelnen  Schilderungen  sein,  welche  einem  solchen  Werke 

*)  Du  Chesne  SS.  Rer.  Franc.  II,  646.  Bouq.  V,  408. 

a)  Bouq.  V,  625.  Alcuini  ep.  83. 

3)  Mon.  II,  391 — 403.  Orelli,  Helperici  sive  ut  alii  arbitrantur  Angilberti 
Karolus  magnus  et  Leo  III.  1832.  8.  nach  der  von  ihm  wieder  aufgefundenen  Hand- 
schrift. Dagegen  Pertz  im  Archiv  VII,  363. 


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Karl  und  Leo.  Einhard. 


103 


seinen  Reiz  verleihen.  Aber  auch  die  Anlage  ist  hier  doch  sehr 
geschickt  entworfen.  In  voller  Pracht  wird  Karls  Hofhaltung  uns 
vor  Augen  geführt;  eine  Lobrede  auf  den  grofsen  König  eröffnet 
das  Buch,  dann  werden  die  Bauten  zu  Aachen,  und  eine  grofse  Jagd 
mit  reichen  Farben  und  lebendiger  Anschaulichkeit  geschildert:  mit 
besonderer  Vorliebe  verweilt  der  Dichter  bei  den  Töchten  Karls,  zu 
denen  wohl  kein  anderer  Dichter  der  Zeit  in  so  nahem  Verhältnis 
stand  wie  Angilbert.  In  der  Nacht  läfst  dann  der  Dichter  den 
König  im  Traume  die  Mifshandlung  erblicken,  welche  der  Papst  Leo 
799  in  Rom  erfuhr;  er  weicht  darin  von  der  Wirklichkeit  ab,  aber 
wenn  man  einmal  die  Geschichte  episch  behandeln  will,  so  ist  eine 
solche  Wendung  geschickt  genug,  um  ohne  lange  Vorbereitungen  die 
Hauptereignisse  einander  nahe  zu  rücken  *).  Ohne  von  den  umständ- 
lichen Gesandtschaften,  welche  in  der  Wirklichkeit  dazwischen  lagen, 
berichten  zu  müssen,  gelangt  so  der  Dichter  sogleich  zu  der  Zu- 
sammenkunft Karls  mit  dem  Papste  im  Lager  bei  Paderborn,  welche 
den  eigentlichen  Gegenstand  seiner  Darstellung  bildet. 

Niemand  wird  dieses  Fragment  aus  der  Hand  legen,  ohne  zu 
bedauern  dafs  uns  von  diesem  Werke  nicht  mehr  erhalten  ist;  es 
weht  uns  darin  gleichsam  die  frische  Luft  jenes  kraftvollen  Lebens 
an,  und  wir  fühlen  uns  auf  einen  Augenblick  entrückt  aus  der  ein- 
förmigen Atmosphäre  der  mönchischen  Chronisten. 

, § 8.  Einhard. 

Pertz,  Mon.  SS.  IT,  426 — 430.  B*hr  S.  200 — 216.  Abel,  Kaiser  Karls  Leben  *on  Ein- 
hard S.  1 — 18.  Opera  ed.  Teulct,  Paris  1840.  1843.  8.  2 Binde.  Dümmler  be- 
zieht auch  die  Verse  Alkuins  II,  231  auf  Einhard. 

Dem  Kaiser  Karl  wurde  das  Glück  zu  Theil,  so  lange  die 
Herrschaft  zu  führen,  dafs  er  noch  selbst  den  Erfolg  seiner  Be- 
strebungen und  Einrichtungen  erlebte.  Haben  wir  bisher  mit  den 
Männern  uns  beschäftigt,  welche  er  als  Gehülfen  seiner  Thätigkeit 
an  sich  zog,  seinen  gleichalterigen  Zeitgenossen,  so  haben  wir  da- 
gegen jetzt  in  Einhard  den  ersten  der  jüngeren  Generation  zu  be- 
trachten, der  schon  ganz  unter  dem  Einflufs  von  Karls  Zeitalter 
erwachsen  war,  und  selbst  den  schönsten  Beweis  gab  für  den  ge- 
segneten Erfolg  dieses  Strebens.  Kein  mittelalterlicher  Schriftsteller 
ist  den  classischen  Vorbildern,  welchen  sie  nacheiferten,  so  nahe  ge- 
kommen; er  erfreut  sich  deshalb  eines  guten  Namens  und  findet 
selbst  vor  philologischen  Augen  Gnade. 

Und  doch  zeigt  sich  auch  gerade  darin  wieder  eine  Gefahr  der 

*)  Dieser  dem  Virgil  entlehnte  Kunstgriff  ist  freilich  nicht  selten,  sonst  würde 
es  für  Angilberts  Autorschaft  sprechen,  dafs  auch  in  seinem  Gedichte  auf  Pippins 
Ankunft  ein  Traum  auf  ähnliche  Weise  angewandt  wird. 


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104 


II.  Karolinger.  § 8.  Einhard. 


damaligen  Richtung : so  viel  anziehendes  Einhard  auch  hat,  es  fehlt 
ihm  die  frische  Natürlichkeit  anderer;  er  schreibt  fast  wie  Sueton, 
aber  es  war  nicht  das  richtige  Ziel  des  Mittelalters,  zu  schreiben 
wie  Sueton,  so  wenig  wie  am  Beginn  der  neueren  Zeit  diejenigen 
das  Höchste  erreicht  haben,  welche  fast  wie  Cicero  schrieben. 

Man  hätte  in  die  Gefahr  kommen  können,  nichts  als  ein  mattes 
Abbild  der  römischen  Kaiserzeit  darzustellen,  wenn  nicht  doch  da- 
gegen das  widerstrebende  Element  der  Kirche  immer  geschützt 
hätte,  welches  sich  in  dieser  Form  nicht  fesseln  lassen  konnte,  und 
das  unvertilgbare  frische  Leben  der  Völker,  welches  nicht  ruhte,  bis 
es  sich  seine  eigenen  neuen  Formen  geschaffen  hatte. 

Einhard  — denn  so,  nicht  Eginhard,  wird  der  Name  von  seinen 
Zeitgenossen  urkundlich  geschrieben  — ist  um  das  Jahr  770  geboren. 
Seine  früheste  Erziehung  soll  er  im  Kloster  Fulda  erhalten  haben, 
zu  dem  er  auch  immer  in  freundschaftlicher  Beziehung  blieb.  Dann 
aber  ist  er  schon  früh  an  Karls  Hof  gekommen,  hat  hier  in  der 
Hofschule  seine  weitere  Ausbildung  erhalten,  und  scheint  vom  Kaiser 
fast  wie  ein  Sohn  geliebt  zu  sein,  während  er  ihm  seinerseits  die 
zärtlichste  Zuneigung,  die  innigste  Verehrung  widmete.  Ganz  be- 
sonders zeichnete  er  sich  durch  seine  Kunstfertigkeit  aus,  durch 
seine  Kunde  der  Baukunst,  welche  er  durch  eifriges  Studium  des 
Vitruv  und  der  alten  Denkmäler  auszubilden  suchte.  Er  erhielt 
deshalb  unter  den  Hofgelehrten  den  Beinamen  Beseleel,  nach  dem 
kunstreichen  Werkmeister  der  Stiftshütte,  und  wurde  vom  Kaiser 
zum  Aufseher  seiner  grofsartigen  Bauten  ernannt : das  Münster  zu 
Aachen  ist  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  sein  Werk.  Auch  in 
anderen  wichtigen  Angelegenheiten  bewies  ihm  der  Kaiser  sein  Ver- 
trauen; er  sandte  ihn  im  Jahre  803  an  den  Papst,  um  dessen  Zu- 
stimmung zu  seiner  Anordnung  Uber  die  Reichstheilung  zu  erlangen, 
und  813  war  es  Einhard,  dessen  Rath  und  Bitte  Karl  bestimmt 
haben  soll,  seinen  Sohn  Ludwig  zum  Kaiser  zu  ernennen.  Da  ist 
es  denn  nicht  zu  verwundern,  dafs  er  auch  bei  diesem  sehr  in  Gunst 
stand;  die  grofsen  Bauten  hörten  auf,  aber  nun  wurde  dem  kunst- 
reichen und  gelehrten  Manne  eine  ganze  Reihe  der  ansehnlichsten 
Abteien  übertragen.  Allein  mehr  als  diese  zog  ihn  der  abgelegene 
und  einsame  Fleck  Landes  zu  Michelstadt  im  Odenwald  an,  den  er 
815  für  sich  und  seine  Gemahlin  Imma  vom  Kaiser  zum  Geschenk 
erbat.  Mehr  und  mehr  zog  er  sich  hierhin  zurück,  und  nachdem 
er  sich  im  Jahre  826  den  nach  den  Begriffen  der  Zeit  unschätzbaren 
Besitz  der  Gebeine  der  heiligen  Märtyrer  Marcellinus  und  Petrus 
verschafft  hatte,  gründete  er  hier  das  Kloster  Seligenstadt. 


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Einhards  Leben.  Seine  Annalen. 


105 


Noch  konnte  er  sich  nicht  ganz  den  Staatsgeschäften  entziehen, 
deren  unruhiges  und  kriegerisches  Getreibe  allen  denen,  welche  sich 
zu  litterarischer  Beschäftigung  hingezogen  fühlten,  unerträglich  war. 
Im  Jahr  817  gab  ihn  Ludwig  dem  jungen  Kaiser  Lothar  als  Rath- 
geber, und  830  finden  wir  ihn  eifrig  bemüht,  den  Ausbruch  der 
Empörung  zu  verhindern,  die  Aussöhnung  zwischen  Vater  und  Sohn 
zu  bewirken:  als  aber  die  inneren  Zustände  des  Reiches  immer  un- 
heilbarer wurden,  auch  niemand  mehr  auf  seinen  weisen  Rath 
achtete,  da  zog  er  sich  ganz  in  seine  Waldeinsamkeit  zurück.  Noch 
war  ein  harter  Schlag  des  Schicksals  ihm  Vorbehalten,  der  Tod 
seiner  innig  geliebten  Gemahlin  Imma  im  Jahre  836 ; der  alte  Kaiser 
hat  ihn  damals  in  seiner  Zurückgezogenheit  aufgesucht,  um  ihm 
seine.  Theilnahme  zu  bezeugen.  Im  achten  Jahre  darnach , am  14. 
März  844,  starb  er  selbst. 

a ) Einhards  Annalen. 

Mon.  SS.  1,124 — 218.  Besonderer  Abdruck,  Hann.  1845.  8.  Frese,  de  Einhardi  Vita 
et  Scriptis  Specimen.  Berol.  1845.  8.  (Gegen  die  Autorschaft  Einhards).  Abel,  Ein- 
hards Jahrbücher.  Berl.  1850.  BÄhr  163  — 166.  Ranke,  Zur  Kritik  frfinkisch-deutscher 
Reichsannalisten,  in  d.  Abhandlungen  der  Berl.  Ak.  a.  d.  J.  1854  S.  415 — 435.  Waita, 
au  den  Lorscher  und  Einhards  Annalen.  Nachr.  von  d.  Gött,  Societät  1857  S.  46 — 52. 

Die  Bestrebungen  der  gelehrten  Männer  an  Karls  Hofe  richteten 
sich  vorzugsweise  theils  auf  das  Studium  der  älteren  Litteratur  und 
die  formelle  Ausbildung,  theils  auf  theologische  und  philosophische 
Probleme;  mit  geschichtlichen  Forschungen  beschäftigten  sie  sich 
wenig.  Dem  Kaiser  jedoch  entging  die  Wichtigkeit  derselben  nicht; 
er  sorgte  wenigstens  dafür,  das  Andenken  seiner  eigenen  Zeit  zu 
erhalten.  Er  verordnete,  dafs  die  Gesetze  und  die  Beschlüsse  der 
Reichstage  seiner  Zeit  in  mehreren  Exemplaren  an  verschiedenen 
Orten  sorgfältig  aufbewahrt  werden  sollten,  und  seinen  Briefwechsel 
mit  dem  päpstlichen  Hofe  liefs  er,  im  vollen  Bewufstsein  der  über- 
wiegenden Wichtigkeit  dieser  Verhältnisse,  in  einem  eigenen  Buche 
zusammen  fassen,  dem  Codex  Carolinus,  welcher  uns  noch  erhalten, 
und  eine  der  wichtigsten  Geschichtsquellen  ist.  Aufserdem  aber  ver- 
gafs  er  auch  nicht  der  Fürsorge,  welche  wie  wir  oben  (S.  80)  sahen, 
das  karolingische  Haus  schon  in  früherer  Zeit  der  Aufzeichnung  sei- 
ner Haus-  und  Landesgeschichte  gewidmet  hatte.  Unmöglich  konnte 
es  ihm  genügen , dafs  man  in  einigen  Klöstern  die  hervorragendsten 
und  bekanntesten  Begebenheiten  der  Zeit  am  Rande  der  Ostertafeln, 
oder  auch  abgesondert,  aufzeichnete;  für  uns  sind  diese  abgerissenen 
Notizen  von  einigem  Werthe,  und  wo  andere  Nachrichten  fehlen, 
gewinnen  sie  grofse  Bedeutung,  aber  auf  den  Namen  eines  GeBchichts- 
werkes  können  sie  doch  keinen  Anspruch  machen.  Und  wenn  auch 


106 


II.  Karolinger.  § 8.  Einhard. 


etwa  hier  oder  dort  der  Verfasser  den  Wunsch  hatte,  ans  jenen 
Fragmenten  eine  vollständigere  und  zusammenhängendere  Erzählung 
zu  bilden,  wie  sollte  es  ihm  gelingen,  einen  Ueberblick  Uber  die 
Geschichte  des  weiten  Reiches  zu  gewinnen,  und  in  gleichmäfsigem 
Fortschritt  die  Begebenheiten  aus  so  entlegenen  Provinzen  zu  ver- 
zeichnen? Wenn  wir  nun  also  dennoch  Annalen  besitzen,  in  denen 
dieses  geleistet  ist,  so  müssen  noth wendig  die  Umstände  ihrer  Ent- 
stehung ganz  eigenthümliche  gewesen  sein,  und  diese  auffallende 
Erscheinung  verdient  die  sorgfältigste  Aufmerksamkeit  und  Unter- 
suchung. L.  Ranke  ist  es,  welcher  mit  sicherem  Scharfblick  zuerst 
hierauf  hingewiesen  hat;  er  unterzog  die  sogenannten  Annalen 
des  Klosters  Lorsch,  welche  in  gedrängtester  Kürze  freilich, 
aber  doch  mit  vollständiger  Uebersicht  aller  Begebenheiten  die  ganze 
Regierung  Karls  begleiten,  einer  eindringlichen  Prüfung,  und  legte 
die  Resultate  derselben  in  einer  Abhandlung  nieder,  aus  welcher  wir 
hier  die  betreffende  Stelle  wörtlich  auszuheben  uns  erlauben  1).  Er 
sagt  nämlich  Uber  diese  Jahrbücher : „ Bei  dem  alten  Annalisten 
fällt  nun  zweierlei  auf,  einmal,  was  wir  eben  berührten  dafs  er 
grofse  Unglücksfälle  verschweigt;  auch  von  den  inneren  Stürmen, 
den  dann  und  wann  auftauchenden  Verschwörungen  giebt  er  keine 
oder  nur  ungenügende  Nachricht,  — sodann  aber,  dafs  er  Uber  das 
was  er  berührt,  ausnehmend  gut  unterrichtet  ist.  Ein  Mönch  in 
seinem  Kloster  konnte  unmöglich  die  Dinge  so  genau  erkunden,  wie 
sie  hier  beschrieben  sind;  wir  haben  Kloster- Annalen  dieses  Landes, 
aus  derselben  Zeit,  allein  wie  sehr  sind  sie  verschieden!  Sie  be- 
richten nur  das  ganz  Allgemeine  der  auffallendsten  Thatsachen. 
Hier  aber  haben  wir  einen  Autor  vor  uns,  der  die  Züge  der  Heere, 
ihre  Zusammensetzung  und  Führung,  die  einzelnen  Waffenthaten, 
kurz  aber  sicher  angiebt,  und  der  auch  von  den  Unterhandlungen 
bis  auf  einen  gewissen  Grad  zuverlässige  Kenntnifs  hat.  Niemand 
konnte  über  die  Unternehmung  gegen  Benevent  und  Baiern  so  gute 
Nachrichten  mittheilen,  der  nicht  dem  Rath  des  Kaisers  nahestand. 
Diese  beiden  Eigenschaften  zusammen,  gute  Kunde  und  grofse  Zu- 
rückhaltung, scheinen  fast  auf  eine  officielle  Abfassung  zu  deuten, 
die  aber  freilich  von  einem  Geistlichen  herrüliren  müfste : jede 
Phrase  bezeichnet  einen  solchen.  Es  würde  ein  in  den  Welt- 
geschäften erfahrener,  und  mit  dieser  Thätigkeit  vielleicht  speciell 
beauftragter  Geistlicher  gewesen  sein,  der  diese  Notizen  am  Hofe 
selbst  aufgesetzt  hätte;  in  rohem  Stil,  wie  ihn  die  Zeit,  welche  der 
Einrichtung  der  Hofschule  voranging,  wohl  erlaubte;  ein  Mann  der 
*)  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  a.  d.  J.  1854.  S.  434. 


Amtliche  Reichsannalen.  1 07 

alten  Art  und  Weise,  die  sich  hier  durch  die  Nachwirkung  der  Er- 
eignisse allein  höher  erhob  als  je  zuvor.“ 

ßanke  hat  in  diesen  Worten  eine  Ansicht,  die  er  mUndlich  be- 
reits weiter  ausgefttlirt  hatte,  nur  leicht  angedeutet;  die  Ansicht  dafs 
nicht  nur  diese,  sondern  auch  ein  Theil  der  späteren  Reichsannalen 
amtlicher  Natur  waren,  dafs  auf  Veranlassung  des  Hofes  die  Zeit- 
geschichte officiell  verzeichnet  wurde,  und  daraus  die  ungemein  rasche 
und  bedeutende  Entwickelung  der  Annalistik  sich  erklärt,  welche 
dann  später  auch  anderen  zum  Vorbild  diente,  die  nur  aus  eigenem 
Antrieb  die  Ereignisse,  welche  sie  erlebten,  darzustellen  versuchten. 

Es  bedarf  noch  einer  eingehenden  und  umfassenden  Untersuchung 
über  das  Verhältnifs  dieser  Annalen  zu  den  verschiedenen  Aufzeich- 
nungen, welche  aus  dem  Kloster  Lorsch  hervorgegangen  sind  *),  und 
zu  den  Annalen  von  Metz,  in  welchen  auch  eigenthümliche  Nach- 
richten aus  dieser  Zeit  erhalten  sind;  der  Anfang  jener  Annalen  von 
741  bis  768  mag  erst  nachträglich  ergänzt  sein,  aber  das  kann  man 
wohl  schon  jetzt  als  erwiesen  annehmen,  dafs  so  wie  Childebrand  und 
Nibelung  den  Fredegar  fortsetzen  liefsen,  so  auch  Karl  der  Grofse  von 
Anfang  an  für  eine  kurze  und  gedrängte,  aber  zuverlässige  Aufzeich- 
nung der  Begebenheiten  seiner  Zeit  Sorge  trug.  Es  theilen  daher 
auch  diese  Jahrbücher  die  Vorzüge  wie  die  Fehler  der  offieiellen  Ge- 
schichtschreibung, wie  das  schon  in  Rankes  Worten  angedeutet  ist. 

Nachher,  fährt  Ranke  fort,  mufste  die  Historiographie  in  litte- 
rarisch  geschicktere  Hände  kommen,  wie  die  Einhards  waren,  der 
die  alten  Annalen  überarbeitete  und  neue  abfafste,  wie  es  scheint 
im  Palast  zu  Aachen  in  eben  den  Jahren,  von  denen  er  handelte. 

Bis  zum  Jahr  788  gehen  die  alten  Annalen  gleichmäfsig  fort, 
dann  schliefst  sich  in  der  ältesten,  jetzt  leider  verlorenen  Hand- 
schrift eine  abweichende  Fortsetzung  an.  In  den  übrigen  Hand- 
schriften sind  die  nächsten  Jahre  zum  Theil  auffallend  kurz,  übri- 
gens aber  in  unveränderter  Weise  behandelt*);  dann  tritt  mit  dem 
Jahre  796  ein  ganz  veränderter  Stil,  eine  neue  Art  der  Auffassung 

*)  Vgl.  darüber  L.  Giesebreeht,  Wend.  Gesch.  III,  281—283.  Nach  Waitz 
a.  a.  0.  haben  die  Ann.  Lauriss,  maiores  keine  andere  Beziehung  zu  Lorsch,  als 
dafs  eine  bis  788  reichende  Abschrift  in  dieses  Kloster  kam,  hier  fortgesetzt,  und 
von  dem  Verfasser  der  Lauriss,  minores  excerpirt  wurde.  Dafs  in  Lorsch  ein  leb- 
haftes Interesse  für  die  Reichsgeschichte  bestand,  beweisen  die  Ann.  Laureshamenses 
(Mon.  1,22  — 39),  welche  von  703  bis  768  den  Murbacher  Annalen  entnommen, 
von  da  an  bis  803  von  verschiedenen  Verfassern  gleichzeitig  fortgeführt  sind,  mit 
der  Absicht,  Reichsgescbichte,  nicht  Klostergeschichte  zu  geben.  Vgl.  über  den 
Schlufs  derselben  unten  das  Chron.  Moissiaccnse. 

*)  nach  Waitz  a.  a.  0.,  während  Pertz  schon  mit  788  die  Fortsetzung  Ein- 
hards beginnen  läfst. 


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108 


Ii.  Karolinger.  § 8.  Einhard. 


ein,  und  diese  Fortsetzung  fliefst  allmählich  so  vollständig  zusammen 
mit  Einhards  Werk,  dafs  seine  Hand  auch  im  Anfang  nicht  zu  ver- 
kennen ist.  Während  der  Arbeit  selbst  aber  schritt  er  an  Bildung 
und  namentlich  an  Gewandtheit  in  der  Sprache  und  Darstellung 
weiter  vor,  und  fand  zuletzt  die  alten  rohen  Jahrbücher  und  seine 
eigene  Arbeit  so  ungenügend,  dafs  er  sie  noch  einmal  überarbeitete. 
Ueber  die  Art  wie  dies  geschah,  genügt  es  auf  Rankes  Untersuchung 
zu  verweisen.  Nicht  die  tief  eindringende  Kenntnifs  der  früheren 
Geschichte  war  es,  die  ihn  auszeichnete,  oder  die  ihn  zu  dieser 
Arbeit  veranlafste;  seine  Arbeit  war  vorzugsweise  stilistisch,  und 
nicht  selten  hat  er  dadurch  auch  beachtenswerthe  Züge  des  älteren 
Annalisten  verwischt:  ja  er  hat  an  einigen  Stellen  eine  unrichtige 
Auffassung  der  Ereignisse  hineingetragen,  weil  er  die  ihn  erfüllende 
Vorstellung  von  der  alles  andere  überragenden  Hoheit  des  Kaisers 
unwillkürlich  auch  schon  auf  die  früheren  Zeiten  übertrug.  Wichtig 
aber  ist  uns  dennoch  auch  seine  Ueberarbeitung  nicht  nur  wegen 
einzelner  Zusätze,  und  weil  es  für  uns  Werth  hat,  auch  seine  Auf- 
fassung kennen  zu  lernen,  sondern  auch  deshalb,  weil  er  so  wenig 
zu  ändern  fand;  die  alten  Lorseher  Annalen,  sagt  Ranke,  erhalten 
dadurch  eine  nicht  geringe  Beglaubigung,  dafs  Einhard,  was  die 
Sache  anbelangt,  nur  eine  und  die  andere  Einschaltung  über  ein 
Paar  einzelne  merkwürdige  Begebenheiten  beizubringen  hatte. 

Einhards  eigene  selbständige  Arbeit  reicht  bis  zum  Jahre  826, 
bis  zu  der  Zeit  wo  er  sich  vom  Hofe  zurückzog,  voll  Trauer  über 
die  zunehmende  Verwirrung  und  Auflösung  des  Reiches.  Für  solche 
Zeiten  war  weder  er  selbst  noch  seine  Feder  geeignet.  Mit  ruhiger 
Würde  hatte  er,  so  lange  das  Reich  nach  den  kriegerischen  Zeiten 
des  achten  Jahrhunderts  für  immer  befestigt  schien,  und  durch  den 
gewaltigen  Kaiser  auch  noch  von  seinem  Grabe  aus  zusammen- 
gehalten wurde,  Jahr  für  Jahr  die  Ereignisse  registrirt;  den  helleren, 
feiner  gebildeten  Zeiten  verlieh  sein  reines  fehlerfreies  Latein  den 
angemessenen  Ausdruck,  und  kurz  und  gedrängt  zwar,  aber  doch 
vollständig  in  allem  Wesentlichen  liegt  die  Reichsgeschichte  in  seinen 
Jahrbüchern  vor  uns,  in  edler  Einfachheit,  frei  von  aller  Leiden- 
schaft und  Parteilichkeit  Als  es  unmöglich  wurde  inmitten  der 
heftig  erbitterten  Feinde  in  solcher  Weise  fortzufahren,  da  überliefs 
er  anderen  die  Fortsetzung  seines  Werkes  *). 

l)  Ich  bin  hier  der  herrschenden  Ansicht  gefolgt,  dafs  Einhard  der  Verfasser 
der  Annalen  sei,  welche  nach  einem  Cilat  in  der  Transiatio  S.  Sebastiani  von  Du 
Chesne  aufgestellt,  und  zuletzt  von  Pertz  angenommen  und  vertheidigt  ist.  Gründe 
dagegen  entwickelt  Frese;  L.  Giesebrecht  erklärt  sich  ebenfalls  dagegen,  und  Waitz 
läfst  die  Frage  unentschieden. 


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Einhards  Annalen  und  Leben  Karls.  . 109 

Wie  sehr  aber  in  dieser  Zeit  die  Ausbildung  der  Form,  welche 
so  lange  Zeit  aufs  Aeufserste  vernachlässigt  war,  in  den  Vorder- 
grund trat,  das  zeigt  uns  recht  deutlich  das  Werk  des  ungenannten 
sächsischen  Dichters,  welcher  Einhards  Jahrbücher  in  recht  löbliche 
Hexameter  brachte,  für  die  Erweiterung  und  Erläuterung  des  Inhalts 
aber  fast  gar  nichts  gethan  hat. 

4)  Das  Ltben  Karls. 

Ausgabe  von  Ideler  in  2 Bünden  1839;  von  Pert*  Mon.  SS.  II,  426 — 463,  vgl.  Archiv 
VII,  864  über  die  Steinvelder  Handschrift.  Besonderer  Abdruck,  2.  Ausg.  Hann. 
1845.  8.  Abel,  Kaiser  Karls  Leben  von  Einhard.  Berlin  1850. 

„Einhard“,  sagt  Ranke  a.  a.  0.  8.416,  „hatte  das  unschätzbare 
Glück,  in  seinem  grofsen  Zeitgenossen  den  würdigsten  Gegenstand 
historischer  Arbeit  zu  finden;  indem  er  ihm,  und  zwar  aus  persön- 
licher Dankbarkeit  für  die  geistige  Pflege,  die  er  in  seiner  Jugend 
von  ihm  genossen,  ein  Denkmal  stiftete,  machte  er  sich  selbst  für 
alle  Jahrhunderte  unvergefslich. 

„Vielleicht  in  keinem  neueren  Werke  tritt  nun  aber  die  Nach- 
ahmung der  Antike  stärker  hervor,  als  in  Einhards  Lebensbeschrei- 
bung Earls  des  Grofsen.  Sie  ist  nicht  allein  in  einzelnen  Ausdrücken 
und  der  Phraseologie,  sondern  in  der  Anordnung  des  Stoffes,  der 
Reihenfolge  der  Capitel,  eine  Nachahmung  Suetons.  Wie  auffallend, 
dafs  ein  Schriftsteller,  der  eine  der  gröfsten  und  seltensten  Gestalten 
aller  Jahrhunderte  darzustellen  hat,  sich  dennoch  nach  Worten  um- 
sieht, wie  sie  schon  einmal  von  einem  oder  dem  anderen  Imperator 
gebraucht  worden  sind.  Einhard  gefällt  sich  darin,  die  individuellsten 
Eigenheiten  der  Persönlichkeit  seines  Helden  mit  den  Redensarten 
zu  schildern,  die  Sueton  von  Augustus,  oder  Vespasian,  oder  Titus, 
oder  auch  hie  und  da  von  Tiberius  gebrauchte.  Er  hat  gleichsam 
die  Mafse  und  Verhältnisse  nach  dem  Muster  der  Antike  eingerich- 
tet, wie  in  seinen  Bauwerken:  aber  damit  noch  nicht  zufrieden, 
wendet  er  wie  in  diesen,  auch  sogar  antike  Werkstücke  an.  Wenn 
wir  auch  überzeugt  sind,  dafs  hiebei  die  Wahrheit  nicht  verletzt 
wurde,  so  konnte  doch  die  ganze  Originalität  der  Erscheinung  auf 
diese  Art  nicht  wiedergegeben  werden.  Ueberhaupt  suchen  wir  in 
der  Geschichte  nicht  allein  Schönheit  und  Form,  sondern  die  exacte 
Wahrheit,  deren  Ausdruck  die  freieste  Bewegung  fordert  und  dadurch 
eher  erschwert  wird,  dafs  man  sich  ein  bestimmtes  Muster  vor 
Augen  stellt. 

„Ohne  Zweifel  war  die  Absicht  Einhards  mehr  auf  eine  ange- 
nehm zusammenfassende  Darstellung,  als  auf  strenge  Genauigkeit 


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HO  II-  Karolinger.  § 8.  Einhard. 

in  den  Thatsachen  gerichtet.  Das  kleine  Buch  ist  voll  von  histo- 
rischen Fehlern. 

„Nicht  selten  sind  die  Regierungsjahre  falsch  angegeben,  z.  B. 
bei  Karlmann,  der  nur  zwei  Jahre  regiert  haben  soll,  während  er 
doch  über  drei  Jahre  als  König  neben  Karl  dem  Grofsen  lebte;  Uber 
die  Theilung  des  Reiches  zwischen  den  beiden  Brüdern  wird  eben 
das  Gegentheil  von  dem  behauptet,  was  wirklich  stattgefunden  hat: 
Schlachten,  die  ohne  besondere  Wirkung  vorüber  gingen,  wie  die 
an  der  Berre,  werden  als  entscheidend  bezeichnet;  Namen  der  Päpste 
werden  verwechselt;  die  Gemahlinnen  sowohl,  wie  die  Kinder  Karls 
des  Grofsen  nicht  richtig  aufgeführt;  es  sind  so  viele  Verstöfse  zu 
bemerken,  dafs  man  oft  an  der  Aechtheit  des  Buches  gezweifelt  hat, 
obwohl  sie  Uber  allen  Zweifel  erhaben  ist.“ 

So  weit  Ranke,  zu  dessen  scharfer  Charakteristik  ich  nur  wenig 
hinzuzufügen  habe.  Gerade  in  diesem  Werke  tritt  die  Eigen thttm- 
lichkeit  der  karolingischen  Bildung  am  deutlichsten  hervor;  unmög- 
lich kann  der  fränkische  Volkskönig  in  diesen  suetonischen  Aus- 
drücken zur  vollen  Erscheinung  kommen.  Nur  darf  man  auch  nicht 
vergessen,  dafs  Einhard  eben  den  Volkskönig  kaum  noch  kannte, 
sondern  hauptsächlich  nur  den  alternden  Kaiser,  der  selber  nach 
der  Wiederbelebung  des  antiken  Wesens  trachtete,  dessen  Streben 
in  vieler  Hinsicht  auf  die  Herstellung  des  alten  Imperatorenreiches 
gerichtet  war,  und  der,  wenn  ihm  auch  die  Einführung  der  staat- 
lichen Formen  jener  Zeit  fern  lag,  doch  durch  seine  grofse  persön- 
liche Ueberlegenheit  so  ehrfurchtgebietend  dastand,  und  so  sehr  die 
Seele  der  ganzen  Herrschaft  war,  dafs  es  nicht  so  ganz  unpassend 
war,  ihn  dem  Augustus  zu  vergleichen  und  die  Farben  des  Bildes 
von  dem  Biographen  der  Imperatoren  zu  borgen. 

Dafs  Einhard  sich  bei  diesem  Werke  nicht  eine  eigentlich  ge- 
schichtliche Darstellung  zur  Aufgabe  gewählt  hatte,  bemerkt  auch 
Ranke;  für  diesen  Zweck  konnte  er  auf  seine  Annalen  verweisen. 
Hier  wollte  er  ein  Lebensbild  entwerfen,  eben  nach  der  Weise  des 
Sueton,  und  diesen  Zweck  hat  er  vollständig  erreicht.  Er  verfafste 
dieses  Werk  unmittelbar  nach  des  Kaisers  Tod;  schon  820  finden 
wir  es  von  einem  Zeitgenossen  erwähnt,  floch  stand  das  Bild  sei- 
nes väterlichen  Freundes  in  voller  Frische  vor  seinem  Geiste  und 
die  etwas  kalte  Eleganz  der  Form  wird  durchwärmt  von  der  kind- 
lichen Verehrung  und  Anhänglichkeit,  von  welcher  der  Verfasser 
ganz  erfüllt  ist,  und  die  sich  überall  ausspricht,  ohne  dafs  doch  das 
Lebensbild  in  eine  Lobrede  ausartete.  Vielmehr  tritt  die  ruhige 
Mäfsigung,  welche  Einhards  Charakter  eigen  ist,  auch  hierin  deutlich 


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Einhards  Leben  Karls.  Der  Mönch  von  S.  Gallen.  111 

hervor,  und  seine  reine  Wahrheitsliebe  ist  unverkennbar,  wenn  er 
auch  die  Schwächen  seines  Helden  mit  leichter  Hand  berührt. 

Ein  Werk,  welches  diesem  an  Vollendung  der  Form,  wie  an 
ansprechendem  Inhalte  zu  vergleichen  wäre,  hatten  die  germanischen 
Nationen  noch  nicht  hervorgebracht,  und  so  ist  es  denn  auch  nicht 
zu  verwundern,  dafs  es  rasch  die  gröfste  Verbreitung  fand  und  Jahr- 
hunderte lang  zu  den  beliebtesten  und  gelesensten  Büchern  gehörte; 
mehr  als  60  Handschriften  sind  uns  noch  jetzt  bekannt. 

Häufig  finden  sich  in  Handschriften  das  Leben  Karls  und  die 
Annalen  als  erstes  und  zweites  Buch  mit  einander  verbunden;  als 
drittes  tritt  dann  die  Schrift  des  Mönches  von  S.  Gallen1)  hinzu, 
der  im  Jahre  883,  veranlafst  durch  Karl  den  Dicken,  den  reichen 
Schatz  von  Erzählungen  und  Sagen  aufzeichnete,  welche  sich  im 
Munde  des  Volkes  an  Karl,  seinen  Sohn  und  den  Enkel,  Ludwig 
den  Deutschen,  knüpften.  Da  ist  nun  nichts  mehr  von  Einhards 
klassischer  Form  zu  finden,  die  Sprache  ist  roh  und  unbehülflich, 
und  der  Inhalt  keine  Geschichte;  nur  selten  und  mit  grofser  Vor- 
sicht ist  ein  Vorfall,  der  hier  erzählt  wird,  als  wirkliche  Thatsache 
hinzunehmen. 

Aber  um  keinen  Preis  möchten  wir  doch  dieser  Sammlung  ent- 
behren. Sie  zeigt  uns  das  Bild  des  grofsen  Kaisers,  wie  es  im 
Volke  lebte  und  bis  dahin  sich  gestaltet  hatte,  und  mancher  höchst 
charakteristische  Zug  hat  sich  nur  hier  erhalten.  Der  gute  alte 
Mönch,  der  uns  so  lebendig  mitten  unter  das  Volk  und  seine  Erzäh- 
lungen führt,  hat  deshalb  den  gröfsten  Anspruch  auf  unsere  Dank- 
barkeit, und  wir  müssen  sehr  bedauern,  dafs  er  sein  Werk,  wie  es 
scheint,  nicht  vollendet  hat. 

Der  Uebersetzer  dieser  Schrift  hat  sich  bemüht,  die  Anfänge 
karolingischer  Sage  weiter  zu  verfolgen,  und  die  Spuren  davon  zu 
sammeln ; ihm  ist  dabei  eine  merkwürdige  Stelle  entgangen,  die  An- 
gabe in  dem  Leben  der  Königin  Mahthild,  dafs  der  Krieg  zwischen 
Karl  und  Widekind  durch  einen  Zweikampf  beider  entschieden  sei: 
nach  langem  Widerstand  besiegt,  habe  Widekind  sich  taufen  lassen  *). 

Mit  den  KreuzzUgen  artete  die  Karlssage  aus  und  verlor  allen 
geschichtlichen  Inhalt;  besonders  die  Aachener  Keliquien  brachten  die 
Erzählung  von  Karls  Kreuzfahrt  zu  allgemeiner  Geltung,  und  fortan 
treten  die  Lügen  des  falschen  Turpin  an  die  Stelle  von  Einhards 
treuer  Schilderung. 

Ausgabe  von  Pertz,  Mon.  SS.  II,  726  — 763.  Uebersetzung  von  Watten- 
bach, Berlin  1850.  8. 

a)  Mon.  SS.  X,  576. 


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112 


II.  Karolinger.  § 8.  Einhard.  § 9.  Ludwig  d.  Fr.  Zeit. 


c)  Die  Cebertragnng  der  heiligen  Märtyrer  Petras  und  Mareellinus. 

Aufser  den  ungemein  wichtigen  Briefen  Einhards  *)  bleibt  uns 
noch  eine  Schrift  von  ihm  zu  erwähnen,  sein  Bericht  nämlich  von 
der  Uebertragung  der  Gebeine  der  heiligen  Märtyrer  Petrus  und 
Marcellinus  von  Rom  nach  Seligenstadt.  826  geschah  die  Ueber- 
bringung,  und  830  verfafste  Einhard  die  sehr  anziehend  geschriebene 
Darstellung  derselben.  Wir  sehen  darin,  wie  er  sich  mehr  und  mehr 
von  dem  weltlichen  Leben  abwandte  und  der  kirchlichen  Richtung 
hingab,  wundergläubig  in  hohem  Grade  und  ganz  mit  der  Pflege 
seiner  Pflanzung  im  Odenwald  beschäftigt.  Die  hohe  Verehrung  der 
Reliquien  theilte  er  mit  allen  seinen  Zeitgenossen,  und  eben  wegen 
dieser  Verehrung  haben  die  zahlreichen  Uebertragungen  solcher  Ge- 
beine für  uns  auch  geschichtlichen  Werth.  Auf  ihnen  beruhte  grofsen- 
theils  der  Einflufs  der  Kirchen;  besonders  verehrte  Reliquien  ver- 
schafften ihnen  unermefslichen  Zulauf:  der  Ruf  von  geschehenen 
Wundern  verbreitete  sich  weithin,  und  ohne  Zweifel  wurde  dadurch 
die  Ausbreitung  des  Christenthums,  z.  B.  in  Sachsen,  sehr  wesent- 
lich befördert.  Aus  den  genauen  Beschreibungen  der  Reise,  wie  aus 
den  Erzählungen  von  den  Wundern,  ist  zugleich  vieles  flir  die  Sitten- 
geschichte wie  für  die  Topographie  nicht  unwichtige  zu  entnehmen, 
und  daher  vermissen  wir  auch  diese  anmuthige  Erzählung  Einhards 
ungern  in  den  Monumenten. 

§ 9.  Ludwig  des  Frommen  Zeit. 

Funck,  Ludwig  der  Fromme.  Frankfurt  a.  M.  1832.  8. 

Ein  Jahrhundert  lang  hatte  das  karolingische  Haus  daran  arbeiten 
müssen,  das  zerfallende  merowingische  Reich  wieder  zur  Ordnung 
und  Festigkeit  zu  bringen,  bevor  Karl  daran  denken  konnte,  auch 
den  Wissenschaften  hier  eine  neue  Heimath  anzuweisen.  Als  dann 
Ludwigs  ungeschickte  Hände  den  stolzen  Bau  im  Laufe  weniger 
Jahre  in  seinen  Grundfesten  erschütterten,  als  von  neuem  Raub  und 
Gewaltsamkeit  aller  Art  ungehindert  geübt  wurden,  da  wurde  auch 
diese  zarte  Blüthe  geknickt.  Es  half  nichts,  dafs  Ludwig  persönlich 
litterarischen  Bestrebungen  geneigt  war,  dafs  er  die  Klosterzucht  her- 
Btellen  half,  was  auch  den  Schulen  zu  Gute  kam;  wir  wollen  ihm 
nicht  den  Ruhm  schmälern,  das  schöne  altsächsische  Gedicht  des 
Heliand  veranlafst  zu  haben,  aber  unter  dem  Waffenlärm  konnte  die 

')  In  der  Ausgabe  der  Werke  Einhards  von  Teulet  ist  zu  den  Briefen  die 
von  Pertz  wieder  aufgefundene  Laoner  Handschrift  benutzt. 


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Ann.  Bertiniani.  Ermoldus  Nigellus.  J J 3 

Wissenschaft  nicht  gedeihen,  und  über  ihre  Mifsachtung  wird  schon 
jetzt  geklagt1). 

Die  Reichsannalen  freilich  wurden  nicht  unterbrochen,  son- 
dern auch  nachdem  Einhard  davon  zurückgetreten  war,  in  ähnlicher 
Weise  fortgeführt.  Es  sind  die  nach  ihrem  Fundort  genannten 
Bertinianischen  Annalen2),  deren  Schreibart  den  amtlichen  Cha- 
rakter nicht  verkennen  läfst.  Alle  die  traurigen  Vorfälle  der  Zeit 
werden  mit  möglichster  Schonung  berührt;  der  Herr  Kaiser  er- 
scheint Btets  in  seinem  Rechte,  aber  auch  gegen  die  Gegner,  welche 
ja  ebenfalls  seinem  Hause  angehörten,  wird  anständige  Mäfsigung  be- 
obachtet. Im  Jahre  835  übernahm  der  Bischof  Prudentius  von 
Troyes  die  Fortsetzung3),  und  führte  sie  bis  zum  Jahre  861,  wo 
der  Erzbischof  Hinkmar  die  Arbeit  aufnahm ; schon  war  nicht  mehr 
der  königliche,  sondern  der  erzbischöfliche  Hof  zu  Reims  der  wahre 
Mittelpunkt  des  Reiches.  Der  genaue  Zusammenhang  der  karolingischen 
Reiche  aber  tritt  in  diesen  Jahrbüchern  noch  deutlich  hervor,  indem 
auch  die  italienischen  und  die  deutschen  Begebenheiten  sorgfältig  be- 
rücksichtigt werden. 

Der  vornehmen  Kürze  der  Reichsannalen  treten  für  die  frühere 
Zeit  Ludwigs  die  Gedichte  des  Ermoldus  Nigellus*)  zur  Seite; 
schmeichlerische  Lobgedichte,  die  zwar  als  solche  kaum  zu  den 
eigentlichen  Geschichtsquellen  gerechnet  werden  können,  aber  doch 
von  mancher  Einzelheit  uns  Kunde  geben,  und  durch  ihre  Schilde- 
rungen vielerlei  Aufschlufs  gewähren  Uber  Zustände  und  Personen 
der  Zeit.  Aquitane  von  Geburt,  war  Ermold  ein  Günstling  des 
Königs  Pippin;  er  geleitete  ihn,  obwohl  Mönch,  auf  der  Heerfahrt 
des  Jahres  824  gegen  die  Bretonen  mit  Schild  und  Speer:  doch 
scherzt  er  darüber  selbst,  und  sein  Herr  lachte  ihn  aus.  Der  Kaiser 
aber  gab  ihm  Schuld,  dafs  er  Pippin  zur  Empörung  reize,  und  ver- 
bannte ihn  deshalb  nach  Strafsburg,  wo  Bischof  Bemold  ihn  unter 
seine  Aufsicht  nahm.  Hier  nun  schrieb  er  seine  vier  Bücher,  in 
Distichen,  Uber  die  Thaten  des  Kaisers,  und  es  liegt  in  der  Natur 
der  Dinge,  dafs  er  ihm  sowohl  wie  der  Kaiserin  Judith  um  so  ärger 
schmeichelte,  je  mehr  er  sich  seiner  Verbindung  mit  ihren  Gegnern 
bewufst  sein  mochte.  Er  erreichte  jedoch  seinen  Zweck  nicht,  und 
sandte  deshalb  noch  zwei  Lobgedichte  an  König  Pippin.  Seine  Be- 

Lupus  an  Einhard:  Nunc  oneri  sunt,  qui  aliquid  discere  affectant.  BährS.  31. 

2)  Ausgabe  von  Pertz,  Mon.  SS.  I,  419 — 429;  vgl  die  Lesarten  der  Brüsseler 
Handschrift  il,  193. 

»)  Mon.  SS.  I,  429—452. 

4)  Ausgabe  von  Pertz,  Mon.  SS.  II,  464 — 523.  Migne  CV,  551 — 640  nach 
Bouquet.  Uebersetzung  von  Pfund,  Berlin  1856.  Vgl.  Bähr  S.  96.  97. 

8 


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114  n.  Karolinger.  § 9.  Ludw.  d.  Fromme.  § 10.  Streit  der  Söhne. 

freiung  aber  mag  er  wohl  dem  Siege  der  Verschworenen  im  Jahre 
830  verdankt  haben. 

Kanm  minder  lobrednerisch  für  Ludwig,  als  die  Verse  Ermolds, 
sind  die  beiden  Lebensbeschreibungen,  welche  wir  von  ihm  besitzen. 
Die  eine  davon  ist  schon  zu  Beinen  Lebzeiten  verfafst,  im  Jahre  835, 
von  Th  eg  an  oder  Degan,  einem  vornehmen  Franken  und  Land- 
bischof der  Trierer  Kirche,  von  welchem  sonst  nichts  bekannt  ist, 
als  sein  freundschaftlicher  Verkehr  mit  Walafrid  und  einigen  anderen, 
den  ein  Paar  noch  erhaltener  Briefe  und  Verse  bezeugen.  Jene  Schrift 
nun  ist  in  der  Form  sehr  unvollkommen,  und  gröfstentheils  in  magerer 
annalistischer  Weise  verfafst,  gewährt  uns  aber  einige  gute  Nach- 
richten. Genügen  konnte  der  Verfasser  seiner  Aufgabe  schon  des- 
halb nicht,  weil  er  von  Leidenschaftlichkeit  gegen  Ludwigs  Gegner 
erfüllt  ist,  und  die  wahren  Ursachen  der  Unruhen  und  inneren  Kriege 
verschweigt1).  Walafrid  freilich,  ein  ebenso  eifriger  Anhänger  Ludwigs, 
lobt,  indem  er  die  Mängel  des  Ausdrucks  mit  der  seelsorgerischen 
Thätigkeit  des  Mannes  entschuldigt,  gerade  die  Wahrhaftigkeit  des- 
selben; er  theilte  das  Büchlein  in  Capitel  und  versah  diese  mit  Ueber- 
schriften,  um  sich  und  andere  an  den  Thaten  des  Kaisers  Ludwig, 
heiligen  Andenkens,  um  so  besser  und  häufiger  erbauen  zu  können. 

Mit  weniger  Heftigkeit,  doch  mit  nicht  minderer  Parteilichkeit 
für  Ludwig,  ist  die  zweite  gröfsere  Lebensbeschreibung  desselben3) 
geschrieben,  welche  ein  unbekannter  Geistlicher  vom  Hofe  bald  nach 
dem  Tode  des  Kaisers  verfafst  hat;  man  pflegt  ihn  den  Astronomen 
zu  nennen,  wegen  einiger  Bemerkungen,  welche  sich  auf  diese  Wissen- 
schaft beziehen.  Tiefere  geschichtliche  Einsicht  dürfen  wir  bei  einem 
Anhänger  Ludwigs  überhaupt  nicht  suchen,  und  auch  der  Stil  dieses 
Biographen  ist  entstellt  durch  übertriebenes  Streben  nach  phrasen- 
haftem Schmuck.  So  hat  er  in  dem  mittleren  Theile  seines  Werkes 
von  814  bis  829  fast  nur  die  Jahrbücher  Einhards  ausgemalt  und 
durch  seine  Schönrednerei  entstellt.  Schätzbarer  ist  der  erste  Ab- 
schnitt, wo  Ludwigs  Jugendzeit  nach  den  Erzählungen  des  Mönches 
Adhemar  geschildert  ist,  der  mit  dem  Kaiser  auferzogen  war.  Im 
letzten  Theile  endlich  giebt  der  Verfasser  aus  eigener  Kenntnifs  Nach- 
richt von  dem  was  er  erlebt,  und  wenn  auch  seine  Darstellung  wenig 
zu  loben  ist,  so  ist  doch  der  Inhalt  von  grofsem  Werthe  für  uns. 

Diesen  Schriften  reihen  wir  noch  das  Leben  des  Abtes  Benc- 

*)  Am  Schlufs  folgen  noch  Nachrichten  über  die  Jahre  836,  837.  Ausgabe 
von  Pertz,  Sion.  SS.  II,  585 — 604.  Uebersetz.  von  Jasmund.  1850.  Bähr  S.  221. 

s)  ib. 604 — 648.  Jasmund,  das  gröfsere  Leben  Ludwigs  des  Frommen.  Berl. 
1850.  Bahr  S.  223. 


Ludwig  des  Fr.  Leben.  Nilhard. 


115 


dict  von  Aniane  an,  der  das  Vertrauen  des  Kaisers  in  so  hohem 
Grade  besaß,  und  sich  um  die  Reform  der  Klöster  verdient  machte, 
verfafst  von  dem  Mönch  Smaragdus1). 

In  einer  Zeit  der  erbittertsten  Parteiungen  konnte  die  Geschicht- 
schreibung nicht  den  Charakter  ruhiger,  unparteilicher  Schilderung 
bewahren,  den  wir  bei  Einhard  wahrnehmen ; jede  Erzählung  nimmt 
eine  bestimmte  Farbe  an  nach  dem  Standpunkt  des  Verfassers,  und 
es  treten  nun  auch  die  politischen  Streitschriften  hinzu,  in  welchen 
die  Gegner  ihr  Verfahren  zu  rechtfertigen,  die  Widersacher  anzu- 
schuldigen sich  bemühen.  Dahin  gehört  aus  dieser  Zeit  namentlich 
das  beredte  Manifest  des  Erzbischofs  Agobard  von  Lyon,  welches 
das  Auftreten  der  Söhne  gegen  ihren  Vater  rechtfertigen  sollte“). 

Den  Tod  des  Kaisers  und  die  darauf  folgende  Zwietracht  be- 
klagte in  einer  Elegie  Florus,  der  bekannte  Diakonus  von  Lyon3). 

§ 10.  Der  Streit  der  Söhne.  Nithard. 

Nith&rdi  Historiarum  libri  IV.  cd.  Pertz,  Mon.  SS.  II,  649 — 672.  Besonderer  Abdruck 
H&nn.  1839.  8.  Uebersetzung  von  J&smund.  Berlin  1851.  8.  Bfihr  S.  224  — 227. 

Wir  haben  schon  früher  gesehen,  wie  am  Anfang  des  Mittel- 
alters diejenigen  Männer,  welche  sich  durch  litterarische  Bildung 
auszeichneten,  wenn  sie  auch  ihre  Bildung  noch  nicht  der  Kirche 
verdankten,  doch  zuletzt  dieser  sich  zuwandten,  und  dieses  wieder- 
holt sich  auch  in  Karls  Zeit.  Die  fränkischen  Ritter  verschmähten 
jede  gelehrte  Bildung,  und  die  Bemühungen  Karls  in  dieser  Beziehung 
blieben  ohne  dauernde  Wirkung.  Die  Kirche  war  gar  bald  wieder 
alleinige  Hüterin  des  Griffels  und  der  Feder.  Auch  Einhard  war  in 
den  geistlichen  Stand  getreten,  und  kriegerische  Waffen  hatte  er  nie 
geführt.  Auch  Angilbert,  wenn  er  jemals,  wie  man  später  erzählte, 
ein  Kriegsheld  gewesen  war,  zog  doch  die  Kutte  an;  sein  Sohn 
Nithard  aber  bietet  uns  das  einzige  Beispiel  eines  vornehmen  und 
tapferen  Streiters,  der  wirklich  das  Schwert  aus  der  Hand  legte  um 
auch  mit  der  Feder  die  Sache  seines  Herren  zu  vertheidigen.  Frei- 
lich hat  seine  Rede  nicht  mehr  den  Wohlklang  von  Angilberts  Muse, 
man  fühlt  ihr  die  Zeit  an,  wo  schon  Uber  den  Verfall  der  Schulen 
geklagt  wird,  sie  ist  rauh  und  hart,  aber  dafür  entschädigt  der 
tüchtige  Sinn  des  Mannes,  seine  Einsicht  und  Kenntnifs  der  Dinge. 

1)  Mab.  IV,  1,  191.  Bahr  S.  336. 

*)  Apologeticus  pro  filiis  Ludovici  Pii  imp.  adv.  patrem.  Bouq.  VI,  248  u.a.m. 
Er  war  einer  der  bedeutendsten  theologisch  - politischen  Schriftsteller,  und  seine 
Schriften  berühren  vielfach  die  Zeilverhältnisse.  S.  über  ihn  Bahr  S.  98.  383 — 388. 

a)  Querela  de  divisione  imprrii  post  mortem  Ludovici  Pii,  bei  Mab.  Anal.  I, 
388.  ed.  II.  p.  413.  Bouq.  VII,  301.  Vgl.  über  ihn  Bahr  S.  447— 453. 

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116 


II.  Karolinger.  § 10.  Nithard. 


Dafs  auch  seine  Schrift  durchaus  parteiisch  ist,  versteht  sich  von 
einem  Manne,  der  mitten  in  den  heftigsten  Kämpfen  stand,  von  Belbst; 
es  konnte  nicht  anders  sein. 

Nithard  war  ein  eifriger  Anhänger  Karls  des  Kahlen,  und  theilte 
mit  ihm  alle  Wechselfälle  des  KriegB.  Im  Jahr  840  übernahm  er 
eine  Gesandtschaft  an  Lothar,  und  als  diese  vergeblich  blieb,  zog 
er  mit  Karl  dem  Heere  Lothars  entgegen;  da,  als  sie  eben  im  Be- 
griff waren,  in  Chälons  sur  Marne  einzureiten,  gab  Karl  ihm  den 
Auftrag,  die  Geschichte  seiner  Zeit  zu  schreiben,  um  sein  Recht 
aller  Welt  darzulegen.  Doch  war  ihm  zunächst  noch  Nithards 
Schwert  wichtiger,  wie  seine  Feder;  am  25.  Juni  841  wurde  die  Ent- 
scheidungsschlacht bei  Fontenaille  geschlagen,  wo  auch  Nithard,  wie 
er  selbst  erzählt,  tapfer  kämpfte.  Dann  griff  er  wieder  zur  Feder; 
im  ersten  Buch  stellte  er  einleitend  die  Ereignisse  dar,  welche  zu 
diesen  Kämpfen  geführt  hatten,  die  Reichstheilungen,  und  die  Ver- 
wirrung welche  daraus  entstanden  war,  zweckmäfsig  und  übersicht- 
lich erzählt.  Mit  Ludwigs  Tode  hebt  im  zweiten  Buch  die  ausführ- 
liche Darstellung  an;  das  Unrecht  Lothars  und  die  Verwerflichkeit 
seines  Benehmens  gegen  die  Brüder  sind  der  vorzügliche,  auch  in 
dem  an  Karl  gerichteten  Vorwort  ausdrücklich  bezeichnete  Gegen- 
stand. Die  Schilderung  des  entscheidenden  Kampfes,  mit  dem  das 
Buch  schliefst,  unterbricht  Nithard  durch  die  Bemerkung,  dafs  eben 
jetzt,  während  er  schreibe,  am  18.  Oct.  dess.  Jahres,  die  Sonne  sich  ver- 
finstere. Das  dritte  beginnt  er  voll  Unmuth : er  habe  gar  nicht  weiter 
schreiben  wollen,  weil  es  ihn  schmerze  und  ihm  zuwider  Bei  von 
seinem  Volke  Schmähliches  zu  berichten ; doch  damit  nicht  etwa 
jemand  sich  erkühne,  die  Sachen  anders  zu  berichten  als  sie  sich 
ereignet  hätten,  habe  er  sich  entschlossen  noch  ein  drittes  Buch 
hinzuzufügen  Uber  dasjenige  woran  er  selber  Theil  genommen,  die 
Verhandlungen  nämlich,  die  ihn  fortwährend  in  Anspruch  nahmen. 
Mit  ähnlichen  Worten  beginnt  er  auch  das  vierte  Buch,  das  letzte, 
welches  leider  nur  bis  zum  Anfänge  des  Jahres  843  reicht;  dann, 
scheint  es,  wurde  Nithard  wieder  durch  andere  Pflichten  abgerufen, 
und  fand  vermuthlich  in  einem  der  kleineren  Gefechte  jener  Zeit 
seinen  Tod.  Wir  hören  nichts  weiter  von  ihm,  als  dafs  im  elften 
Jahrhundert,  als  Angilberts  Grab  in  S.  Riquier  eröffnet  wurde,  man 
darin  auch  die  Leiche  Nithards  fand,  in  Salz  gelegt,  in  dem  hölzernen, 
mit  Leder  bedeckten  Sarge,  worin  er  einst  vom  Schlachtfelde  heim- 
getragen war,  an  seinem  Haupt  die  Wunde  welche  ihm  den  Tod  ge- 
geben. Denn  auch  Nithard  war  nach  der  Sitte  der  Zeit  Abt  von 
S.  Riquier  gewesen,  obwohl  nicht  geistlichen  Standes. 


Nithard.  Volksmäfsige  Dichtung. 


117 


Ungern  trennen  wir  nns  von  diesem  Büchlein,  dem  Werke  eines 
wackern  Kriegshelden  nnd  einsichtigen  Staatsmannes,  welcher  so  recht 
aus  der  Mitte  der  Begebenheiten  mit  Ernst  und  Wahrheitsliebe  be- 
richtet, was  er  selbst  durchlebt,  woran  er  selbst  den  bedeutendsten 
Antheil  genommen  hat.  Unwillkürlich  knüpft  sich  daran  der  Ge- 
danke, wie  ganz  anders  die  Geschichtschreibung  sich  hätte  entwickeln 
können,  wenn  die  Laien  der  folgenden  Jahrhunderte  es  nicht  ver- 
schmäht hätten  zu  schreiben,  wenn  nicht  die  Feder  ausschliefslich 
der  Geistlichkeit  überlassen  wäre,  der  wir  zwar  viel  Schönes  und 
Treffliches  zu  danken  haben,  die  aber  mit  Nothwendigkeit  ihre  kirch- 
liche Auffassung  in  alle  Verhältnisse  tibertrug.  Wir  möchten  ihre 
Werke  nicht  missen,  aber  gar  gerne  hätten  wir  daneben  auch  die 
Stimmen  einsichtiger  Laien. 

Doch  ist  Nithard  nicht  der  einzige  von  den  Kämpfern  in  der 
Schlacht  von  Fontenaille,  dessen  Worte  uns  vorliegen;  auch  von 
Lothars  Seite  ist  uns  eine  Schilderung  der  Schlacht  erhalten  in  dem 
Klagelied  jenes  Angilbert,  der,  im  ersten  Treffen  kämpfend,  von 
Vielen  allein  übrig  geblieben  war.  Voll  tiefen  Grames  sind  seine 
Worte,  nirgends  tritt  uns  so  lebendig  der  bittere  Schmerz  entgegen 
über  diese  allzu  harte  Nacht,  in  welcher  die  Tapferen  gefallen  sind, 
die  Kundigsten  des  Krieges1).  Die  Sprache  dieser  Verse  ist  die- 
jenige, welche  uns  schon  aus  der  merowingischen  Zeit  bekannt  ist, 
lateinisch,  wie  es  ein  Romane  sprechen  und  schreiben  konnte,  ohne 
es  schulmäfsig  erlernt  zu  haben.  Daher  haben  wir  auch  dergleichen 
Dichtungen  nur  aus  Frankreich2)  und  Italien9),  aus  Deutschland  nur 

*)  Gedruckt  in  der  Octavausg.  des  Nithard  S.  55.  56.  und  sonst  häufig.  Die 
Verse  fangen  nach  der  Reihe  mit  den  Buchstaben  des  Alphabets  an;  die  zweit« 
Hälfte  fehlt.  Charakteristisch  ist  für  diese  Poesie  die  rhythmische  Form,  im  Gegen- 
satz der  metrisch  gemessenen  Kunstdichtung. 

s)  Bei  Dumeril,  Poesies  populaires  Latines  anterieures  au  douzieme  siede 
finden  sich  p.  251  ein  Klagelied  um  Hugos  Tod  (844),  p.  253  eine  Klage  Got- 
schalks  in  seiner  Verbannung  (846  oder  847),  p.  255  Verse  auf  die  Zerstörung 
des  Florentiiklosters  zu  Saumur  durch  die  Bretonen  (848),  p.  266  Sigloards  Klage- 
lied um  Fulko  von  Reims  (900).  Anderer  Art  ist  die  Ode  auf  Ludwigs  des 
Frommen  Ankunft  in  Orleans  bei  Canis.  cd.  Basn.  II,  2,75,  und  in  Tours,  bei 
Haupt  in  den  Berichten  der  Kgl.  Sachs.  G.  d.  W.  II,  1. 

3)  Rhythmische  Beschreibung  von  Verona,  aus  Pippins  Zeit,  von  Rather  mit- 
gebracht und  nebst  einem  Gemälde  von  Verona  in  eine  Handschrift  des  Kl.  Lobbes 
eingetragen,  bei  Mab.  Anal.  ed.  II.  p.  409;  Verse  auf  K.  Pippins  Sieg  über  die 
Avaren  796  in  der  Octavausg.  von  Einhards  V.  Karoli  p.  35 ; Paulinus  Klage  über 
Herzog  Erichs  Tod  (799)  ib.  p.  37,  Dumeril  p.  241  etc.  Planctus  Karoli  (814) 
vermuthlich  aus  Bobio,  bei  Einhard  p.  41,  Dum.  p.  245  (nicht  zu  verwechseln  mit 
dem  späteren  Kirchenliede:  Urbs  Aquensis,  urbs  regalis).  Zwei  Dichtungen  aus 
Aquileja  bei  Dum.  p.  234. 261.  aus  Endlicher,  Codd.  Philolog.  p.  298. 300.  Ueber 
Ludwigs  II.  Gefangenschaft  (871)  Dumeril  p.  264.  Das  Wächterlied  aus  Modena 
während  der  Belagerung  durch  die  Ungern  904  bei  Dumeril  p.  268. 


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118 


II.  Karolinger.  § 11.  Allgemeine  Chroniken. 


Knnstpoesie  gelehrter  Geistlicher.  Daneben  sang  das  Volk  seine 
deutschen  Lieder,  die  wohl  gelegentlich  erwähnt  werden,  die  aber 
niemand  aufschrieb.  Nur  der  Ludwigsleich,  gedichtet  auf  die 
Normannenschlacht  bei  Saucourt  (881)  bildet  davon  eine  Ausnahme  ‘). 

§ 11.  Allgemeine  Chroniken. 

Wir  haben  bis  jetzt  diejenigen  geschichtlichen  Erzeugnisse  der 
Karolingerzeit  betrachtet,  welche  den  Ereignissen  der  Gegenwart 
gewidmet  waren.  Diese  zunächst  nahmen  die  Aufmerksamkeit  in 
Anspruch,  und  mit  ihrer  Beschreibung  begann  man;  doch  mufste 
sich  sehr  bald  auch  das  BedUrfnifs  regen,  die  fast  verlorene  Ver- 
bindung mit  der  Vergangenheit  wieder  herzustellen,  und  einen  Ueber- 
blick  über  die  Weltgeschichte  zu  gewinnen.  Ein  Exemplar  des 
Fredegar  mit  seinen  Fortsetzungen  konnte  diesem  BedUrfnifs  unmög- 
lich genügen,  schon  der  barbarischen  Form  wegen,  welche  dieses 
Zeitalter  am  wenigsten  vertrug.  Schon  bei  Einhard  haben  wir  ge- 
sehen, wie  sehr  die  Ausbildung  formaler  Gewandtheit  damals  vor- 
herrschte, wie  dagegen  die  kritische  Geschichtsforschung  ganz  zu- 
rtlckstand.  Dieser  Richtung  entspricht  es,  dafs  zahlreiche  ältere 
Heiligenlegenden  in  diesem  Jahrhundert  überarbeitet  wurden,  was 
mehr  aus  dem  praktischen  BedUrfnifs  der  Kirche  als  aus  geschicht- 
lichem Interesse  hervorging.  Doch  versuchte  man  sich  auch  an 
Compendien  der  Weltgeschichte,  aber  freilich  noch  mit  geringem 
Erfolge.  Die  älteste  Arbeit  der  Art  ist  die  Chronik  der  sechs 
Weltalter,  welche  bis  810  reicht,  von  einem  ungenannten  Ver- 
fasser2), ein  mageres  chronologisches  Gerippe,  ohne  selbständigen 
geschichtlichen  Werth. 

Bis  818  reicht  die  Chronik  von  Moissac8),  eine  grofse  unver- 
arbeitete Compilation,  welche  aus  Beda,  den  Annalen  von  Lorsch 
und  anderen  bekannten  Werken  geschöpft  ist,  aber  doch  hin  und 
wieder  auch  eigentliümliche  Nachrichten  aus  jetzt  verlorenen  be- 
sonders aquitanischen  Quellen  hat;  im  Ganzen  aber  ist  der  Verfasser 
so  unselbständig,  und  schreibt  so  gewissenhaft  seine  Vorlagen  wört- 
lich ab,  dafs  ihm  auch  die  werthvolle  Fortsetzung  von  803  bis  818 
nicht  zuzutrauen  ist.  Diese  schliefst  sich  vielmehr  in  der  ganzen 

*)  Wackernagels  Litt-Gesch.  S.  67. 

2)  Chronica  de  sex  aetatibus  mundi,  b.  Kollar,  Analecta  Vindob.  p.  602.  Das 
Ende  allein  Mon.  SS.  II,  256;  vgl.  Archiv  VII,  272.  Die  unter  Ludwig  d.  Fr. 
verfafste,  unter  dem  falschen  Namen  des  Claudius  Taurin,  bei  Labbe'  Bibi,  nova 
I,  309 — 315  gedr.  Chronik  ist  vollends  nur  ein  chronologischer  Versuch. 

3)  Chron.  Moissiaeense,  bis  auf  den  Kaiser  Honorius  ungedruckt;  von  da  an 
Mon.  SS.  I,  280  — 313;  vgl.  II,  257,  wo  die  Jahre  804  — 813  nach  einer  neu 
gefundenen  Handschrift  verbessert  sind.  Bähr  S.  166. 


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Chroniken.  Frekulf.  Ado.  Erchanbert. 


119 


Weise  der  Erzählung  so  genau  den  bis  dahin  benutzten  Annales 
Laureshamenses  an,  dafs  wir  wohl  mit  L.  Giesebrecht  annehmen 
müssen,  es  habe  dem  Schreiber  der  Handschrift  ein  vollständigeres 
Exemplar  derselben  Vorgelegen,  dessen  Schlufs  uns  nur  hier  erhalten  ist. 

Ganz  anderer  Art,  und  das  Werk  eines  wirklich  bedeutenden 
Mannes  ist  die  Weltchronik  des  Bischofs  Frekulf  von  Lisieux1), 
verfafst  für  den  Unterricht  Karls  des  Kahlen,  oder  doch  der  Kaiserin 
Judith  mit  dem  Wunsche  überreicht,  dafs  es  dazu  dienen  möge.  Im 
ersten  Theile  ist  die  Darstellung  der  heidnischen  Autoren  durch  die 
Nachrichten  des  Alten  Testamentes  ergänzt;  im  zweiten  wird  die 
Geschichte  des  römischen  Reiches  von  Christi  Geburt  bis  zum  Unter- 
gang des  abendländischen  Kaiserthums,  zum  Beginn  des  fränkischen 
und  des  langobardischen  Reiches  fortgeführt.  Damit  schliefst  Frekulf 
sein  Werk,  und  es  scheint  nicht  dafs  er  es  fortsetzen  wollte.  Es  ist 
sehr  merkwürdig,  dafs  er  in  dieser  Weise  von  der  sonst  so  ängstlich 
festgehaltenen  Continuität  abzuweichen  wagt,  und  die  neuen  Reiche 
auf  römischem  Boden  wirklich  als  etwas  neues,  ihre  Stiftung  als  den 
Beginn  einer  neuen  Zeit  zu  betrachten  scheint. 

Endlich  versuchte  sich  auch  Ado,  Erzbischof  von  Vienne  (st.  874), 
den  wir  als  Verfasser  eines  Martyrologium  zu  erwähnen  hatten,  an 
einer  Weltchronik2).  Er  verband  zu  diesem  Zwecke  mit  der  Chronik 
des  Beda,  wie  herkömmlich,  Auszüge  der  gewöhnlichen  Quellen,  die 
er  jedoch  stilistisch  zu  einer  zusammenhängenden  Erzählung  über- 
arbeitete. Den  Faden  für  die  Verbindung  des  Ganzen  gab  ihm  nach 
der  herrschenden  Auffassung  des  Mittelalters  die  Folge  der  Kaiser; 
an  Konstantin  und  Irene  knüpft  sich  unmittelbar  Karl  der  Grofse, 
dann  Ludwig,  Lothar,  Ludwig  II : so  wird  der  Gedanke  der  Einheit 
des  römischen  Reiches  durchaus  festgehalten.  Die  Erhebungen  der 
Söhne  gegen  Ludwig  den  Frommen  erscheinen  nur  als  unberechtigte 
Revolutionen;  dann  wird  Karl  der  Kahle  als  trefflicher  und  weiser 
Regent  gepriesen,  alle  aber  überstrahlt  die  Hoheit  des  Papstes  Ni- 
kolaus. Es  ist  die  Geschichte  vom  Standpunkte  der  Autorität  und 
der  vorgefafsten  Meinungen,  der  sie  so  lange  beherrscht  hat,  und  eine 
unbefangene  Auffassung  der  Ereignisse  unmöglich  machte. 

Auch  eine  Volksgeschichte  der  Franken  liegt  uns  vor,  aus  dem 
Jahre  826,  die  einem  übrigens  unbekannten  Erchanbert,  doch 

*)  Bähr  S.  181.  Eine  eingehende  Würdigung  dieses  Werkes  wäre  sehr  zu 
wünschen,  würde  uns  hier  aber  zu  weit  führen,  da  es  stofflich  nicht  als  Quelle 
in  Betracht  kommt. 

2)  Auszüge,  und  von  814  an  vollständig  Mon.  SS.  II,  315 — 323;  die  beiden 
unbedeutenden  Fortsetzungen  p.  324.  325.  Eine  weitere,  ebenfalls  unbedeutende 
Fortsetzung  aus  dem  11.  Jahrhundert  S.  326.  Bähr  S.  182.  500. 


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120 


II.  Karolinger.  § 12.  Deutschland  unter  den  Karolingern. 


ohne  genügende  Sicherheit,  zugeschrieben  wird  l).  Doch  ist  kein 
grofser  schriftstellerischer  Ruhm  daran  zu  verlieren  oder  zu  ge- 
winnen; sie  beruht  ganz  und  gar  auf  dem  bekannten  Buche  von 
den  Thaten  der  Franken,  und  der  angehängte  Schlufs  ist  über  alle 
Mafsen  dürftig:  nur  die  sagenhafte  Erzählung  Uber  die  Beseitigung 
des  letzten  Merowingers  zieht  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich. 

Die  Localgeschichten,  welche  später  zu  so  bedeutender 
Entwickelung  gelangten,  zeigen  sich  in  dieser  Zeit  noch  kaum  in 
ihren  ersten  Anfängen.  Wir  erwähnten  schon  des  Paulus  Diakonus 
Geschichte  der  Bischöfe  von  Metz;  aufserdem  ist  nur  noch  die  Ge- 
schichte der  Aebte  von  S.  Wandrille  zu  nennen*),  bis  zum  Jahre 
833,  mit  einer  Fortsetzung  bis  zum  Jahre  850.  Sie  enthält  mancherlei 
Merkwürdiges,  z.  B.  über  Einhards  Stellung  als  Aufseher  der  könig- 
lichen Bauten,  und  ist  besonders  ausführlich  Uber  die  Thätigkeit  des 
Abtes  Ansegis,  jenes  bedeutenden  Mannes,  dessen  Kapitularien- 
sammlung so  grofses  Ansehen  gewann. 

§ 12.  Deutschland  unter  den  Karolingern. 

Reichsannalen. 

Mit  dem  äufsersten  Widerstreben  hatten  die  deutschen  Stämme 
sich  der  Herrschaft  der  Franken  unterworfen,  welche  von  ihrer  nieder- 
rheinischen Heimath  aus  sowohl  am  Oberrhein  wie  am  Main  festen 
Fufs  fafsten  und  in  gröfsercn  Massen  sich  ansiedelten,  während  ein- 
zelne Herren  dieses  herrschenden  Stammes  überall  im  ganzen  Lande 
zu  finden  waren.  Mit  ihnen  kam  die  fremde,  römische  Kirche  und 
die  rein  deutsche,  ureigene  Entwickelung  wurde  durch  das  Ueber- 
gewicht  der  fremden  Bildung  erdrückt.  Doch  ist  es  fraglich,  ob  wir 
überhaupt  berechtigt  sind,  hier  von  einer  Entwickelung  zu  sprechen ; 
so  lange  wir  von  den  Deutschen  Nachricht  haben,  ist  eine  solche, 
wo  sie  unberührt  blieben,  kaum  wahrzunehmen,  und  gerade  das  am 
spätesten  unterworfene  sächsische  Heidenthum  ist  völlig  starr  und 
jeder  Veränderung  widerstrebend;  das  waren  Zustände,  die  ungestört 
viele  Jahrhunderte  ohne  merkliche  Entwickelung  fortbestehen  konnten. 

Gewaltsam  wurden  die  Schwaben,  Baiern,  Sachsen  dem  Franken- 
reiche einverleibt;  aber  nachdem  bei  ihnen  die  Kirche  durch  Boni- 
facius  sicher  gegründet  und  durch  Karls  feste  Hand  auch  Uber 
Sachsen  ausgebreitet  war,  nahmen  sie  nun  auch  an  dem  Leben 
innerhalb  derselben,  an  der  Entwickelung  aller  der  durch  Karl  ge- 

l)  Erchanberti  Breviarium  Regum  Francoruin  cd.  Perlz  Mon.  SS.  II,  327; 
nur  der  letzte  Theil  ist  abgedruckt. 

J)  Gesta  abbatum  Fontanellensium,  cd.  Pertz  Mon.  SS.  II,  270 — 301. 


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Localgescbichten.  Ludwig  der  Deutsche. 


121 


legten  und  gepflegten  Keime,  den  lebhaftesten  sclbstthätigsten  Antheil. 
Als  das  grofse  Reich  zerfiel,  hatte  diese  Pflanzung  bereits  so  tiefe 
Wurzeln  bei  ihnen  geschlagen,  dafs  die  Trennung  keinen  nachthei- 
ligen Einflufs  darauf  äufserte;  auch  blieb  ja  die  Einheit  der  Kirche, 
welche  die  einzelnen  Glieder  schützte  gegen  das  Schicksal  jener 
alten,  in  ihrer  Vereinzelung  verkommenden  Gemeinden  der  irischen 
Glaubensboten. 

Ludwig  dem  Deutschen  fehlte  es  nicht  an  Bildung;  er  fand 
Freude  und  Geschmack  daran  und  scheint  namentlich  auch,  wie  sein 
Vater,  den  Wunsch  gehabt  zu  haben,  den  Deutschen  das  Christen- 
thum durch  Werke  in  der  Volkssprache  näher  zu  bringen.  Ihm 
selber  glaubt  man  die  Aufzeichnung  des  deutschen  Gedichtes  vom 
Jüngsten  Tage  in  dem  Gebetbuche  seiner  Gemahlin  zuschreiben  zu 
dürfen *) ; ihm  übersandte  auch  Otfrid  868  sein  Evangelienbuch. 
Nicht  minder  nahm  aber  auch  Ludwig,  wie  sein  Vater  und  seine 
Brüder,  lebhaften  Antheil  an  den  Fragen  und  Untersuchungen,  welche 
die  gelehrten  Theologen  seiner  Zeit  beschäftigten,  in  so  eingehender 
Weise,  wie  es  nur  bei  der  gründlichen  Schulbildung  der  Karolinger 
möglich  war.  Der  Erzbischof  Adalram  von  Salzburg  (821 — 836) 
übersandte  ihm  die  Abschrift  einer  Predigt  des  heiligen  Augustin*). 
Besonders  aber  stand  er  in  lebhaftem  Verkehr  mit  Hraban,  der  ihm 
mehrere  seiner  Werke  theils  aus  eigenem  Antriebe,  theils  auf  aus- 
drückliche Aufforderung  des  Königs  überreicht  hat.  Auch  zu  der 
Unterredung  mit  seinem  Bruder  Karl  im  Jahre  863  führte  Ludwig 
den  Bischof  Altfrid  von  Hildesheim  mit  sich  und  benutzte  die  An- 
wesenheit des  gelehrten  Hinkmar,  um  diesen  beiden  Männern  einige 
schwierige  Stellen  der  Heiligen  Schrift  zur  Erklärung  vorzulegen. 
Dadurch  veranlafst,  verfafste  Hinkmar  seine  Auslegung  des  17.VerBes 
des  103.  Psalmes,  welche  er  dem  Könige  übersandte.  Auch  fehlte 
es  am  ostfränkischen  Hofe  nicht  an  einer  Hofschule  für  die  vor- 
nehmen Jünglinge,  welche  nach  alter  Sitte  dort  sich  auszubilden 
suchten.  Ermanrich  von  Eiwangen  kann  nicht  Worte  genug  finden 
zum  Preise  des  weisesten  der  Lehrer,  des  Erzkaplans  Grimald,  der, 
selbst  noch  ein  Schüler  Alkuins  und  von  Kindheit  auf  am  Hofe  er- 
zogen, nun  der  Kapelle  und  Kanzlei  Ludwigs  Vorstand.  Reich  mit 
Abteien  bedacht,  unter  denen  S.  Gallen  die  vorzüglichste  war,  hielt 
er  sich  doch  noch  immer  viel  am  Hofe  auf,  wo  die  wichtigsten  Ge- 
schäfte ihm  anvertraut  wurden.  Zu  den  bedeutendsten  Gelehrten 
der  Zeit  stand  er  in  freundschaftlichen  Beziehungen;  so  übersandte 

*)  Schmeller,  Muspilli.  Wackernagels  Lilteraturgesch.  S.  56. 

*)  Gerckens  Reisen  II,  199.  Hansiz  Germ.  Sacra  II,  127. 


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122  II.  Karolinger.  § 12.  Deutschland  unter  den  Karolingern. 

Hraban  ihm  sein  Hartyrologium  mit  einer  poetischen  Widmung1), 
nnd  nie  vergafs  Grimald  über  den  Staatsgeschäften  die  Pflege  der 
Wissenschaft. 

Allein  der  Königshof  war  doch  nicht  mehr  wie  in  Karls  Zeit 
der  Mittelpunkt  aller  litterarischen  Bestrebungen,  welche  sich  nun 
vielmehr  an  die  Orte  anschlossen,  wo  die  bedeutendsten  Lehrer  der 
Zeit  wirkten,  nnd  namentlich  bei  dem  bald  nachher  eintretenden 
Verfall  des  Reiches  kann  man  es  nur  als  eine  glückliche  Entwicke- 
lung betrachten,  dafs  diese  Studien  in  voller  Unabhängigkeit  an  den 
verschiedensten  Orten  feste  Wurzeln  getrieben  hatten.  Naturgemäfs 
verbreiteten  sie  sich  im  ganzen  Reiche,  erblühten  bald  hier  bald  da 
zu  reicher  Entfaltung  und  folgten  so  derselben  Richtung  der  Ver- 
einzelung und  Absonderung,  welche  im  deutschen  Reiche  sich  überall 
und  immer  von  neuem  geltend  macht.  Daher  ergiebt  sich  denn 
auch  die  Betrachtung  nach  landschaftlichen  Gruppen  als  die  einzige 
für  die  deutsche  historische  Litteratur  anwendbare. 

Aber  wie  überhaupt  die  Zeit  der  deutschen  Karolinger  sieh 
aufs  Genaueste  den  Zuständen  des  Frankenreiches  anschliefst,  so 
finden  wir  auch  unter  Ludwig  und  seinen  Söhnen  noch  eine  Fort- 
setzung der  alten  Reichsannalen.  Denn  wenn  auch  die  Annalen 
von  Fulda2)  zu  einem  einzelnen  Kloster  in  ähnlicher  Beziehung 
stehen,  wie  einst  die  Annalen  von  Lorsch,  so  umfafst  doch  auch  ihr 
Gesichtskreis  das  ganze  Reich,  und  die  Klostergeschichte  erscheint 
ganz  als  Nebensache.  Die  Verfasser  standen  in  naher  Verbindung 
mit  dem  Hofe,  wie  uns  das  namentlich  von  Rudolf,  dem  Beichtvater 
Ludwigs,  ausdrücklich  bekannt  ist;  sie  zeigen  sich  aufserordentlich 
gut  unterrichtet  und  beobachten  auch  als  officielle  Reichshistorio- 
graphen dieselben  Rücksichten,  welche  schon  in  den  Fortsetzungen 
des  Fredegar  und  in  den  Lorscher  Annalen  wahrzunehmen  sind. 
Uebrigens  sind  sie  vortrefflich  geschrieben  in  jener  durch  Einhard 
festgestellten  Weise:  dieselbe  in  ruhiger  Würde  völlig  objectiv  ge- 
haltene Darstellung,  von  Jahr  zu  Jahr  fortschreitend,  mit  der  deut- 
lichen Absicht,  der  Nachwelt  Kunde  von  den  Ereignissen  zu  hinter- 
lassen und  zugleich  ihr  Urtheil  zu  bestimmen.  Nicht  jedes  Jahr  ist 
daran  geschrieben,  aber  doch  immer  ziemlich  bald  nach  den  Ereig- 
nissen, und  deshalb  haben  wir  an  ihnen  eine  unschätzbare  Quelle 

*)  Mab.  Anal.  p.  419. 

2)  Annales  Fuldenses  ed.  Pertz  Mon.  SS.  I,  337  — 415.  Uebersetzung  von 
Rebdantz,  Berl.  1852.  8.  Bähr  S.  170 — 172.  Vgl.  über  die  hieraus  abgeleiteten 
werthloscn  Ann.  Sithicnses  Waitz  im  Archiv  VI,  739.  Aufserdem  stammt  ans 
Fulda  die  Fortsetzung  der  Ann.  Lauriss.  min.  von  804 — 817,  Mon.  I,  120 — 123, 
und  die  Klosterannalen  SS.  III,  116* — 118. 


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Reichsannalen. 


123 


ersten  Ranges,  bei  der  wir  nur  die  Absichtlichkeit  der  Darstellung 
nicht  aufser  Acht  lassen  dürfen.  Die  Form  ist  anspruchslos,  und 
doch  mufii  man  bei  näherer  Betrachtung  die  Kunst  anerkennen, 
welche  dazu  gehörte,  in  diesen  wirren  Zeiten  alles  im  Auge  zu  be- 
halten, sich  durch  Nebensachen  nicht  abwenden  zu  lassen,  und  mit 
knapper  Beschränkung  das  Wichtigste  übersichtlich  zusammen  zu 
stellen. 

Enhard,  ein  nicht  weiter  bekannter  fuldischer  Mönch,  war  es, 
der  zuerst  die  Aufgabe  übernahm,  das  von  Einhard  829  abgebrochene 
Werk  für  Ludwigs  Reich  weiter  zu  fuhren.  Doch  genügte  ihm  eine 
blofse  Abschrift  der  Einhardschen  Jahrbücher  nicht,  sondern  er  ver- 
arbeitete dieselben  mit  den  älteren  Lorscher  Annalen,  dem  Leben 
Kaiser  Karls  und  verschiedenen  einheimischen  Nachrichten  zu  einem 
annalistischen  Berichte,  der  mit  der  Regierung  Karl  Marteis  (714) 
anhebt.  Dem  fügte  er  dann  ziemlich  dürftige  Nachrichten  über  die 
folgenden  Jahre  bis  838  hinzu.  Mag  auch  dieser  Theil  des  Werkes 
schon  durch  einen  Auftrag  des  Königs  veranlafst  sein:  er  enthält 
keine  Kennzeichen  davon  und  verräth  keine  Beziehungen  zum  Hofe 
Ludwigs.  Nachdem  einmal  die  Jahrbücher  Einhards  Vorlagen,  mufste 
der  Wunsch  sie  fortzusetzen,  überall  erwachen,  wo  man  eine  Ab- 
schrift davon  besafs,  und  wir  werden  sehen,  dafs  auch  an  anderen 
Orten  dergleichen  Arbeiten  unternommen  wurden. 

Nach  Enhard  aber  übernahm  die  Fortsetzung  (839 — 863)  Ru- 
dolf, Hrabans  würdiger  Schüler,  welcher  des  Königs  höchstes  Ver- 
trauen besafs,  wie  uns  derselbe  selbst  in  einer  Urkunde  vom  27.  Ja- 
nuar 849  bezeugt1).  Damals  war  er  Vorsteher  der  Klosterschule  und 
konnte  sich  also  nicht  gut  dauernd  am  Hofe  auf  halten;  auch  die 
Worte,  mit  welchen  sein  Tod  zum  Jahre  865  verzeichnet  ist,  lassen 
nicht  auf  eine  längere  Entfernung  von  seinem  Kloster  schliefsen. 
Sicher  aber  war  er  tief  eingeweiht  in  die  Geheimnisse  des  Hofes 
und  konnte  aus  voller  eigener  Kenntnifs  über  die  Schicksale  des 
Reiches  berichten;  die  Reinheit  seiner  Sprache  und  die  Klarheit  der 
Darstellung  stellen  seine  Jahrbücher  würdig  den  Einhardischen  zur 
Seite,  und  wenn  in  uns  auch  häufig  der  Wunsch  sich  regt,  dafs  es 
ihm  gefallen  haben  möchte,  etwas  mehr  über  das  zu  berichten,  was 
er  ohne  Zweifel  wufste,  so  macht  sich  doch  eben  so  entschieden 

*)  Er  verleiht  darin  den  Zins  der  Königsleute  auf  fuldischem  Boden  cuidam 
ßdeli  clerico,  oratori  et  confessori  nostro  Rudolfo  monacho,  qui  praeest  scola- 
ribu*  in  monasterio  S.  Bonifacii  Fulde,  und  seinen  Nachfolgern  in  der  Scholasterie. 
Es  scheint  danach  fast,  dafs  Rudolf  auch  als  Gesandter  des  Königs  (orator)  thätig 
gewesen  ist.  Schannat,  Hist.  Fühl.  pag.  56.  Dronke  Cod.  Dipl.  Fuld.  p.  249  ex 
Cod.  Eberhardi.  Das  Original  ist  verloren.  Vgl.  Uber  Rudolf  Biihr  S.  228. 


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124  n.  Karolinger.  § 12.  Reichsannalen.  § 13.  Fulda  u.  Hersfeld. 

auch  die  Sehnsucht  nach  diesem  trefflichen  Führer  geltend,  wenn 
wir  an  die  Zeiten  kommen,  wo  jeder  Anhalt  dieser  Art  uns  verläfst, 
wo  auch  bei  sonst  reichlich  fliefsenden  Nachrichten  doch  von  den 
Absichten  und  Motiven  des  Hofes  niemand  uns  Kunde  giebt,  niemand 
die  Ereignisse  von  diesem  Gesichtspunkte  berichtet. 

Die  weitere  Fortsetzung  von  863  bis  882  kommt  Rudolfs  Arbeit 
wohl  nicht  gleich,  behält  aber  denselben  Charakter  und  ist  durch 
ihre  ausführlichen  und  zuverlässigen  Nachrichten  sehr  schätzbar. 
Mit  dem  Tode  Ludwigs  des  Jüngeren  schliefst  das  Werk  in  der 
ältesten  Handschrift;  es  fand  zwar  noch  Fortsetzer,  aber  dem  Zu- 
stande des  Reiches  entsprechend  theilen  sie  sich  jetzt  in  verschie- 
dene Richtungen.  Den  fuldischen  Mönchen  stand  Karl  fern ; sie  ver- 
loren das  Amt  der  officiellen  Annalistik,  und  ihre  weitere  Fortsetzung 
bis  zum  Jahre  887  kündigt  durch  rücksichtslosen  Tadel  des  Königs 
und  seiner  Räthe  sogleich  ihre  veränderte  Natur  an:  man  setzte 
zwar  die  gewohnte  Thätigkeit  fort,  aber  nur  aus  eigenem  Antriebe, 
und  der  hielt  nicht  lange  vor.  Nach  der  Vertreibung  Liutwards 
scheint  man  in  Fulda  auf  bessere  Zeiten  gehofft  zu  haben;  als  aber 
statt  dessen  die  Entthronung  des  Kaisers  durch  Arnulf  erfolgte,  sah 
man  neuer  Zerrüttung  entgegen  und  legte  die  Feder  nieder. 

Aber  auch  Karl  blieb  bei  dem  alten  Herkommen,  und  auch  er 
fand  einen  Historiographen  und  zwar  keinen  der  schlechtesten,  der 
es  möglich  machte,  ihn  zu  loben.  Auch  die  Absetzung  des  Kaisers 
wird  von  diesem  noch  mit  loyalem  Unwillen  berichtet,  Arnulf  jedoch 
mit  grofsem  Geschick  geschont,  und  von  dem  Augenblicke  seiner 
Erhebung  an  tritt  dieser  in  die  gebührende  Stellung  des  rechtmäfsi- 
gen  Königs  ein.  Ohne  Zweifel  ist  diese  Fortsetzung  in  Baiern  ver- 
fafst,  vielleicht  in  Nieder  - Altaich ');  die  Nachrichten  Uber  diese 
Gegenden,  Uber  die  Beziehungen  zum  Mährischen  Reiche  sind  vor- 
trefflich, und  so  lange  Arnulf  lebt,  wird  die  Würde  der  Reichshisto- 
riographie ungemindert  aufrecht  gehalten.  Man  versuchte  sogar 
auch  unter  dem  Kinde  Ludwig  in  alter  Weise  fortzufahren,  allein 
bei  der  rasch  überhand  nehmenden  Zerrüttung  verschwand  auch 
diese  Erbschaft  aus  dem  Reiche  des  grofsen  Karl,  und  mit  dem 
Jahre  901  erlischt  die  Fackel,  welche  bis  dahin  unserem  Wege  so 
treulich  leuchtete. 

§ 13.  Fulda  und  Hersfeld. 

Kunstmann,  ürabanus  Magnentins  Maurus.  Mainz  1841.  8.  Kettberg  I,  370 — 974.  605 — 633. 

Die  litterarische  Thätigkeit  der  Mönche  zu  Fulda  beschränkte 
sich  nicht  auf  die  Reichsannalen ; sie  ist  umfangreich  genug,  um  einen 
*)  Diimmler  de  Arnulfo  rege  p.  172. 


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. Reichsannalen.  Fulda. 


125 


eigenen  Abschnitt  in  Anspruch  zu  nehmen,  und  die  Bedeutung  des 
Klosters  für  die  Anfänge  gelehrter  Bildung  auf  deutschem  Boden 
ist  so  grofs,  dafs  wir  auch  seiner  Geschichte  eine  etwas  umständ- 
lichere Betrachtung  widmen  müssen. 

Die  Gründung  Fuldas  wurde  veranlafst  durch  Bonifaz,  welcher 
sich  seine  Ruhestätte  dort  erwählte,  und  wohl  auch  noch  bei  Leb- 
zeiten sich  dahin  zurückgezogen  hätte,  wenn  nicht  schon  früher  die 
Märtyrerkrone  ihm  zu  Theil  geworden  wäre.  In  schmuckloser,  aber 
ausführlicher  Erzählung  wird  uns  mit  anmuthiger  Schlichtheit  die 
Geschichte  der  ersten  Gründung  berichtet  in  dem  Leben  des  ersten 
Abtes  Sturmi,  den  Bonifaz  auch  nach  Italien  sandte,  um  an  der 
Quelle  die  rechte  Einrichtung  des  Klosterlebens  kennen  zu  lernen; 
er  hielt  sich  deshalb  längere  Zeit  in  Montecasino  auf1),  welches  als 
des  Abendlandes  Mutterkloster  von  fränkischen  Pilgern  häufig  auf- 
gesucht wurde.  Unter  königlichen  und  päpstlichen  Schutz  gestellt 
und  bald  auch  durch  den  Leib  des  hochverehrten  Apostels  der 
Deutschen  geheiligt,  gewann  das  Kloster  Fulda  rasch  eine  kräftige 
Entwickelung  und  nahm  zu  an  Glanz  und  Reichthum.  Sturm  ver- 
teidigte, nach  manchen  Wechselfällen  doch  zuletzt  mit  glücklichem 
Erfolge,  die  Freiheit  und  Unabhängigkeit  des  Stiftes  gegen  den  Erz- 
bischof Lull;  sein  Nachfolger  Baugolf  (780 — 803)  schmückte  es 
mit  Bauwerken,  und  erst  jetzt  begann  auch  das  wissenschaftliche 
Leben  in  seinen  Mauern  sich  zu  entwickeln,  obwohl  es  an  einer 
Schule  von  Anfang  an  nicht  gefehlt  hatte.  Alkuin  hat  damals  Fulda 
besucht,  und  Karls  berühmtes  Rundschreiben  Uber  die  Notwendig- 
keit gelehrter  Bildung  für  die  Geistlichen  ist  uns  gerade  in  der  an 
Baugolf  gerichteten  Ausfertigung  erhalten.  Die  ältesten  Fulder  An- 
nalen2) beginnen  mit  angelsächsischen  Namen  und  in  ihren  Hand- 
schriften begegnen  uns  die  Schriftzüge  der  Angelsachsen;  es  kann 
nicht  ohne  günstigen  Einflufs  geblieben  sein,  dafs  diese  höher  ge- 
bildeten Mönche  gerne  bei  den  Reliquien  tres  gefeiertsten  Lands- 
mannes weilten,  und  auch  gelehrte  Schotten  fanden  sich  schon  bald, 
des  alten  Gegensatzes  ihrer  Kirche  vergessend,  an  Winfrids  Grabe 
ein,  wie  jener  Probus,  der  Freund  des  Lupus  und  Walafrids.  Bau- 
golfs Nachfolger  Ratgar  (803 — 817)  sandte  die  fähigsten  Mönche 
seines  Stiftes  zu  den  berühmtesten  Lehrern  der  Zeit,  Hraban  und 
Hatto  nach  Tours  zu  Alkuin,  Brun  zu  Einhard,  Modestus  nebst  meh- 
reren anderen  zu  dem  Schotten  Clemens3). 

*)  Ruodolfii  V.  Liobae  c.  10.  Libeüus  supplex  § 10. 

2)  Mon.  SS.  III,  1 16*.  1 17*. 

s)  Catalogus  abbatum  in  Böhmers  Fontes  111,  162;  doch  s.  unten  S.  127. 


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126 


H.  Karolinger.  § 13.  Fulda  und  Hersfeld. 


Dagegen  brachte  freilich  andererseits  Ratgars  ungemessene  Bau- 
lust,  seine  Härte  und  Hoffart  schlimme  Zeiten  Uber  Fulda;  heftige 
innere  Zerwürfnisse  waren  die  Folge1),  und  der  Friede  kehrte  erst 
wieder,  als  817  Ratgar  abgesetzt  wurde.  Es  war  das  Jahr,  in  wel- 
chem der  Kaiser  sich  ernstlich  der  Reform  der  Klöster  annahm  und 
auf  der  Achener  Versammlung  die  Kapitel  verordnet*,  welche  lange 
Zeit  fast  gleiches  Ansehen  mit  der  Regel  selber  genossen.  Zwei 
westfränkische  Mönche,  Aaron  und  Adalfrid,  führten  diese  Reform 
auch  in  Fulda  ein;  als  sie  sich  hinlänglich  befestigt  hatte,  erlaubte 
der  Kaiser  eine  neue  Wahl,  und  Eigil  übernahm  die  Leitung  des 
Stiftes.  Dieser,  den  wir  aus  Einhards  Briefen  als  dessen  Freund 
kennen  lernen,  war  noch  ein  Schüler  Sturms;  ein  Baier,  wie  er, 
und  sein  Verwandter,  war  er  schon  als  Kind  nach  Fulda  gebracht 
und  der  Klosterschule  übergeben:  über  20  Jahre  hatte  er  unter 
Sturms  Zucht  gelebt,  und  in  dankbarer  Erinnerung  schrieb  er  das 
Leben  seines  Meisters2),  auf  Bitten  der  Angildruth,  vielleicht  einer 
Nonne  von  Bischofsheim,  dem  ebenfalls  von  Bonifaz  gestifteten  grofeen 
Nonnenkloster.  Die  Sprache  Eigils  ist  nicht  frei  von  Germanismen, 
sie  trägt  noch  den  Stempel  der  älteren,  vor  Alkuins  Wirksamkeit 
liegenden  Zeit.  Doch  verletzt  sie  nicht  mehr  durch  die  groben 
Fehler  der  merovingischen  Zeit,  und  reichlich  entschädigt  für  die 
Mängel  des  Stils  der  einfach  fromme  Sinn  des  Mannes,  seine  an- 
sprechende und  ungesuchte  Erzählung  dieser  Begebenheiten,  welche 
er  theils  noch  selbst  erlebt,  theils  aus  dem  Munde  der  älteren  Brüder 
und  seines  Meisters  erfahren  hatte.  Nach  seiner  Anordnung  wurde 
diese  Legende  jährlich  an  Sturms  Gedenktage  (17.  Dec.)  während 
der  Mahlzeit  den  Mönchen  vorgelesen. 

Das  Leben  des  zweiten  Abtes  Baugolf  schrieb,  durch  Eigil 
veranlafst,  Bruun,  mit  dem  Beinamen  Candidus,  wohl  derselbe 
den  Ratgar  zu  Einhard  gesandt  hatte,  noch  in  seiner  ersten,  guten 
Zeit,  als  er  erst  kürzlich  in  wunderbarer  Einigkeit  von  den  Brüdern 
zum  Abt  erwählt  war,  wie  Brun  berichtet.  Leider  ist  dieses  Leben 
Baugolfs  verloren;  erhalten  aber  ist  uns  das  Leben  Eigils  von 
demselben  Verfasser8),  das  nicht  ohne  Geschick  verfafst  ist,  und 
wenn  auch  nicht  fehlerfrei,  doch  in  der  anspruchsvolleren  Form  den 
Schüler  Einhards  wohl  erkennen  läfst.  Besonders  gelungen  ist  die 

*)  Librllus  supplex  Monarhorum  Fuldensium,  Carolo  Magno  Imperatori  porre- 
ctus.  Broweri  Antt.  Fuld.  p.  212.  Srhannat  Cod.  Prob.  p.  84.  Mab.  IV,  1,247.  ed.  Yen. 

2)  Vita  S.  Sturmi  ed.  Pertz  Mon.  SS.  II,  365-377.  Bähr  S.  196.  Bei  Migne 
CV,  421—444  nach  Mabillon. 

*)  V.  Eigilis,  Broweri  Sidera  Germaniae,  Srhannat,  Cod.  Prob.  88—114.  Mab. 
IV,  1,  217-246.  Daraus  Migne  CV,  381-422. 


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Fulda.  Eigil,  Hraban. 


127 


sehr  lebensvolle  Schilderung  der  Bewegung,  welche  die  Abtswahl 
im  Kloster  hervorruft;  die  Ansichten  und  Aeufserungen  der  ver- 
schiedenen Wortführer  werden  in  der  gewöhnlichen  Umgangsprache 
wiedergegeben , und  ein  Kampf  der  Meinungen  und  Wünsche,  wie 
er  sich  ohne  grofse  Veränderungen  noch  heutiges  Tages  bei  solcher 
Gelegenheit  beobachten  läfst,  stellt  sich  uns  mit  grofser  Lebendigkeit 
dar.  Darauf  versucht  sich  der  Verfasser  in  langen  Reden,  die  man 
nun  einmal  nach  dem  Vorbilde  des  Alterthuros  als  nothweudig  be- 
trachtete, wenn  man  schön  schreiben  wollte,  Reden  des  Kaisers  und 
des  Erzbischofs  von  Mainz,  in  denen  Brun  die  Betrachtungen  nieder- 
gelegt hat,  zu  welchen  ihn  Ratgars  Amtsführung  und  die  dadurch 
hervorgerufenen  WTirren  veranlafsten.  Der  Hauptinhalt  dessen,  was 
er  dann  von  Eigils  eigener  Thätigkeit  berichtet,  bilden  wiederum 
dessen  Bauten,  namentlich  die  noch  jetzt  stehende  achteckige  Ro- 
tunde, die  uns  wieder  an  die  Freundschaft  mit  Einhard  erinnert; 
Brun,  Einhards  Schüler,  nahm  selbst  an  diesen  Arbeiten  Theil : die 
Absida  Uber  dem  Grabe  des  h.  Bonifaz  hatte  seine  Hand  mit  Ge- 
mälden geschmückt. 

Der  prosaischen  Biographie  schliefst  sich  eine  zweite  in  Hexa- 
metern an;  der  Inhalt  ist  fast  ganz  derselbe,  und  die  Form  giebt 
ein  neues  Zeugnifs  von  der  im  früheren  Mittelalter  so  sehr  ver- 
breiteten Fertigkeit  in  dieser  Kunst,  deren  wir  schon  bei  Karls 
Zeitgenossen  häufig  zu  gedenken  hatten.  In  jeder  Schule  bildete 
die  Uebung  im  Versemachen  einen  stehenden  Theil  des  Unterrichts, 
und  dadurch  entstand  die  Vorliebe  für  poetische  Einkleidung,  die 
so  oft  dem  inneren  Gehalte  nachtheilig  geworden  ist. 

Zugeeignet  hat  Candidus  oder  Brun  sein  Werk  dem  Modestus, 
oder  mit  deutschem  Namen  Reccheo,  der  die  Unthaten  des  Ratgar, 
des  Einhorns,  welches  in  die  fromme  Heerde  eingebrochen  war,  durch 
beigefügte  Zeichnungen  noch  anschaulicher  machte. 

Am  15.  Juni  822  starb  Eigil;  ihm  folgte  sein  Freund  Hraban, 
der  bis  dahin  der  Klosterschule  vorgestanden  hatte,  einer  der  gröfsten 
Gelehrten  seiner  Zeit  *) , dessen  Ruhm  sich  schon  durch  das  ganze 
Frankenreich  verbreitet  hatte.  Er  war  ein  Schüler  Alkuins;  Ratgar 
hatte  ihn,  wie  oben  erwähnt,  nach  Tours  gesandt.  Die  Schrift,  in 
der  uns  dieses  berichtet  wird,  ist  jedoch  nicht  so  zuverlässig,  dafs 
nicht  der  Zweifel  erlaubt  sein  sollte,  ob  Hraban  vielleicht  schon 
früher,  vor  803,  nach  Tours  gekommen  ist.  Gewifs  ist,  dafs  sich 
in  der  Zeit  seines  dortigen  Aufenthaltes  ein  warmes  Freundschafts- 

*)  Kunstmann  1.  L Wackernagels  Lilteraturgesch.  S.  52.  Bach,  Hrab.  Maurus 
d.  Schöpfer  d.  deutschen  Schulwesens,  Zimmermanns  Zts.  f.  Alt.  II,  636.  Opera  ed. 
Colvener  Bähr  S.  105—107.  415 — 447. 


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128  II.  Karolinger.  § 13.  Fulda  u.  Uersfeld. 

band  anknüpfte  zwischen  ihm  und  dem  allverehrten  Lehrer;  Alkuin 
nannte  ihn  Maurus  nach  dem  Lieblingsjunger  des  heiligen  Benedict, 
er  schreibt  ihm  nach  seiner  Heimkehr,  dafs  er  einst  (olim)  eine 
Schrift  unter  seinem  und  seines  Mitschülers  Samuel  Namen  verfafst 
habe:  kaum  scheint  dazu  die  Zeit  auszureichen,  da  Alkuin  schon 
am  19.  Mai  804  gestorben  ist.  Damals  stand  Hraban  bereits  der 
Klosterschule  in  Fulda  vor,  welche  nun  eine  Pflanzstätte  gelehrter 
Bildung  für  ganz  Deutschland,  und  auch  durch  die  Ungunst  der 
Zeiten  unter  Katgar  nur  theilweise  in  ihrer  segensreichen  Wirksam- 
keit gehemmt  wurde.  Fuldische  Mönche  finden  wir  bald  in  den  an- 
gesehensten Stellungen;  so  wurde  jener  Samuel  Abt  von  Lorsch, 
dann  841 — 859  Bischof  von  Worms,  Haimo  840 — 853  Bischof  von 
Halberstadt;  Hrabans  Schüler  war  Otfrid,  der  Mönch  von  Weifsen- 
burg  mit  seinen  Gefährten  Werinbert  und  Hartmut  aus  S.  Gallen1). 
Einhard  sandte  ihm  seinen  Sohn  Vussinus,  Alderich  Erzbischof  von 
Sens  den  Lupus,  der  dann  als  Abt  von  Ferneres  einen  grofsen 
Namen  gewann,  und  von  dem  eine  Briefsammlung5)  voll  reicher  Be- 
lehrung sich  erhalten  hat.  Auch  Frekulf  von  Lisieux  war  mit  ihm 
befreundet,  doch  scheint  die  Annahme,  dafs  auch  er  ein  fuldischer 
Mönch  gewesen  sei,  unbegründet  zu  sein.  Ermanrich  von  Eiwangen 
übersandte  seinem  Lehrer  Rudolf,  der  Hraban  zur  Seite  stand,  das 
von  ihm  verfafste  Leben  des  heiligen  Sola.  Vor  allem  aber  glänzt 
unter  Hrabans  Schülern  Walafrid  der  Abt  von  Reichenau,  der  bald 
selbst  das  Haupt  einer  neuen  Schule  wurde.  Auch  Bernhard,  der 
unglückliche  König  von  Italien,  war  ihm  zur  Erziehung  übersandt 
worden.  Nicht  zu  den  unbedeutendsten  Schülern  des  Hraban  ge- 
hört endlich  auch  der  Mann,  der  ihm  und  der  ganzen  Reichsgeist- 
lichkeit in  der  Folge  so  viel  zu  schaffen  machte,  der  Mönch  God- 
schalk,  der  ungeachtet  seines  Standes  den  Muth  hatte,  eine  un- 
abhängige Ueberzeugung  auszusprechen  und  zu  verfechten. 

Wie  glückliche  Erfolge  für  das  eigene  Kloster  Hrabans  Wirk- 
samkeit hatte,  haben  wir  schon  an  den  Verfassern  der  Annalen  ge- 
sehen. Unter  seinen  eigenen  Werken  sind  keine  geschichtliche,  wenn 
man  nicht  etwa  das  schon  früher  erwähnte  Martyrologium  so  be- 
zeichnen will ; wohl  aber  enthalten  seine  Vorreden,  Widmungen  und 
Gedichte  viele  schätzbare  Nachrichten  Uber  sein  Kloster  und  Uber 
seine  mitstrebenden  Zeitgenossen,  und  mehrere  seiner  Schriften  stehen 

!)  Otfrid  bezeichnet  als  seinen  Lehrer,  vielleicht  in  Fulda,  auch  Salotnon  I. 
von  Constanz,  s.  Dümmler,  Fnrmelbuch  Salomons  UI,  S.  138. 

s)  Du  Chesne  II,  726 — 788.  Er  verfafste  auch  ein  Leben  des  h.  Wigbert, 
den  ßonifaz  zum  Abt  von  Fritzlar  eingesetzt  hatte.  Mab.  III,  1,  671.  Vgl.  Bahr 
S.  228.  456-461. 


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Hraban.  Rudolf!  V.  S.  Liobae. 


129 


in  Verbindung  mit  den  Zerwürfnissen  der  kaiserlichen  Familie.  Nach 
Eigil  wurde  er  Abt  des  Stifts;  verlor  dann  842  diese  Würde  wegen 
seiner  Verbindung  mit  Lothar,  gewann  aber  bald  von  neuem  das 
Vertrauen  des  Königs,  und  wurde  endlich  (847 — 856)  Erzbischof 
von  Mainz.  Diese  ansehnliche  Stellung  des  alten  Meisters,  wie  so 
mancher  anderer  fuldischer  Mönche,  ist  ohne  Zweifel  auch  den  An- 
nalen zu  Gute  gekommen;  die  Schule  aber  behielt  an  Rudolf,  der 
sie  schon  unter  und  neben  Hraban  geleitet  hatte,  einen  würdigen 
Vorsteher,  und  durch  die  erwähnte  Urkunde  König  Ludwigs  vom 
Jahr  849  wurde  die  Scholasterie  auch  mit  eigenen  Einkünften  aus- 
gestattet. 

In  hohem  Grade  theilte  Hraban  das  eifrige  Streben  der  deutschen 
Geistlichkeit,  den  an  solchen  Schätzen  noch  armen  Boden  dieses 
Landes  mit  Gebeinen  der  Heiligen  zu  bereichern;  die  italienischen 
Reliquienkrämer  hatten  an  ihm  ihren  besten  Kunden.  Seit  alter  Zeit 
bewahrte  Fulda  den  Leib  der  heiligen  Lioba  oder  Leobgyth;  diesen 
liefs  Hraban  nach  dem  Petersberge  bringen,  und  veranlafste  Rudolf, 
ihr  Leben  zu  beschreiben1).  Ihm  standen  dazu  die  Aufzeichnungen 
des  Priesters  Mago  zu  Gebote,  welche  die  Erzählungen  von  Schülerinnen 
der  Heiligen  enthielten.  Anderes  hatte  sich  noch  in  mündlicher  Tra- 
dition erhalten.  Leobgyth  war  eine  Verwandte  des  Bonifaz,  und  von 
ihm  aus  England  berufen,  um  in  dem  Kloster  Bischofsheim  an  der 
Tauber  einen  Mittelpunkt  geistlicher  Belehrung  für  Nonnen  zu  er- 
richten; auch  ihnen  waren  die  lateinische  Sprache  und  mancherlei 
andere  Kenntnisse  unentbehrlich  zum  Verständnifs  der  heiligen 
Schriften  und  des  Gottesdienstes.  Rudolfs  Nachrichten  geben  daher 
eine  erwünschte  Ergänzung  für  die  Kenntnifs  von  der  Wirksamkeit 
des  Bonifaz;  später  war  Leobgyth  auch  mit  der  Königin  Hildegard 
befreundet.  Diese  Nachrichten  sind  nun  verbunden  mit  einer  Fülle 
von  Wundergeschichten;  sowenig  in  Rudolfs  Annalen  der  kirchliche 
Standpunkt  hervortritt,  so  sehr  zeigt  er  sich  hier  von  der  die  Zeit 
beherrschenden  Richtung  erfüllt.  In  noch  höherem  Grade  tritt  das 
hervor  in  seiner  Schrift  Uber  die  Wunder  der  unter  Hraban  nach 
Fulda  gebrachten  Reliquien J) , welche  auch  einige  geschichtliche 
Nachrichten  enthält,  übrigens  aber  eine  Fülle  jener  sich  immer 
und  überall  in  ermüdendster  Eintönigkeit  wiederholenden  Wunder- 
geschichten, welche  nur  durch  die  Namen  der  Personen  und  Ort- 

*)  Rudolf!  Vita  S.  Liobae,  Mab.  III,  2,  245.  Acta  SS.  Sept.  VII,  748;  cf.  Mone 
Quellens,  p.  51.  Sie  starb  nach  dem  Necrol.  Fuld.  780,  wo  für  IX  Kal.  Oct.  wohl 
zu  schreiben  ist  IV  Kal. 

*)  Schannat  Cod.  Prob.  p.  117 — 132  aus  Browers  Antiquitates  Fuldenses. 
Unter  dem  falschen  Titel  V.  Rabani  auch  bei  Mab.  IV,  2,  1.  Acta  SS.  Feb.  I,  500. 

9 


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130 


II.  Karolinger.  § 13.  Fulda  u.  Hersfeld. 


schäften,  und  gelegentliche  Angaben  Uber  Sitten  und  Gebräuche 
der  Zeit  einigen  Werth  erhalten. 

Dieses  Werk  Rudolfs  war  es  wohl,  welches  Waltbraht,  den 
Enkel  Widukinds,  der  im  Jahre  851  den  Leib  des  h.  Alexander 
von  Rom  nach  Wildeshausen  brachte,  zu  dem  Wunsche  und  der  Bitte 
veranlafste,  dafs  Rudolf  auch  diesen  Gebeinen  eine  ähnliche  Schrift 
widmen  möchte  ’).  Die  Art,  wie  Rudolf  diese  Aufgabe  erfafste,  zeigt 
seinen  geschichtlichen  Sinn;  erfüllt  davon  dafs  hauptsächlich  diese 
Uebertragungen  von  Reliquien  das  Christenthum  unter  den  Sachsen 
ausbreiteten  und  befestigten,  ging  er  zurück  auf  die  alte  Heidenzeit, 
um  zu  zeigen  von  welchen  Irrthümern  das  Volk  durch  die  Einführung 
des  Christenthums  befreit  sei.  Er  begann  mit  einem  kurzen  Abrifs 
der  Stammsage,  die  Widukind  von  Korvei  ausführlicher  erhalten  hat; 
dann  aber  entlehnt  er  die  näheren  Angaben  über  Glauben  und  Sitten 
der  Sachsen  aus  der  Germania  des  Tacitus.  Das  ist  ein  guter  Be- 
weis für  die  gelehrten  Studien  der  fuldischen  Klosterschule,  ein 
Zeichen  dafs  Rudolf  fortfuhr  sie  im  Geiste  Hrabans  zu  leiten,  der 
die  von  andern  häufig  verdammte  Beschäftigung  mit  den  Schrift- 
stellern des  heidnischen  Rom  für  notliwendig  erklärt  hatte  zum 
richtigen  Verständnifs  der  heiligen  Schriften.  Zugleich  aber  ist  es 
charakteristisch  für  Rudolf  nicht  allein,  sondern  für  die  mittel- 
alterlichen Gelehrten  überhaupt,  dafs  er  in  Fulda,  wo  doch  noch 
kürzlich  das  Hildebrandslied  aufgeschrieben  war,  über  das  sächsische 
Heidenthum  nichts  ans  eigener  Kunde  und  Beobachtung  mittheilt, 
sondern  sich  genau  an  die  Worte  des  Tacitus  hält 

Rudolf  fügte  noch  eine  kurze  Uebersicht  der  Bezwingung  der 
Sachsen  durch  Karl  den  Grofsen  nach  Einhard  hinzu ; dann  rief  ihn 
der  Tod  (865  d.  8.  März)  ab  von  dem  wohl  angelegten  Werke ; die 
Fortsetzung  übernahm  sein  Schüler  Meginhard.  Die  Taufe  Widu- 
kinds, mit  der  Rudolfs  Erzählung  abbricht,  gab  diesem  den  Ueber- 
gang  auf  dessen  Enkel  Waltbraht,  der,  an  Lothars  Hofe  erzogen, 
sich  mit  vollem  Eifer  dem  Christenthume  zuwandte,  und  um  das 
Christenthum  in  Sachsen  besser  zn  befestigen,  auszog  um  aus  Rom 
Reliquien  zu  holen.  Die  Empfehlungsbriefe,  welche  ihm  Kaiser  Lo- 
thar mitgab,  hat  Meginhard  vollständig  aufgenommen,  hält  sich  dann 
aber  bei  den  Vorfällen  der  Reise  nicht  lange  auf,  sondern  geht  bald 
zu  seinem  eigentlichen  Gegenstände,  den  Wundern,  Uber.  Eine  zweite 
Schrift  ähnlicher  Art,  über  den  heiligen  Ferrutius  und  dessen 
Uebertragung  nach  Bleidenstadt  durch  den  Erzbischof  Lull2),  hat 

*)  Translatio  S.  Alexandri  ed.  Pertz,  SS.  II,  673 — 681.  Ueber*.  von  Richter, 
Berlin  1856.  — a)  Bei  Surius  zum  28.  October. 


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Translalio  S.  Alexandri.  Annalen  von  Ilersfeld. 


131 


einen  ganz  überwiegend  erbanlichen  Charakter  und  verdeckt  durch 
eine  grofse  Fülle  von  Phrasen  den  Mangel  geschichtlichen  Inhalts. 

Ob  Meginhard  auch  an  der  Fortsetzung  der  Annalen  Antheil 
gehabt  hat,  ist  unbekannt;  nur  aus  ihnen  sehen  wir  aber,  dafs  die 
litterarische  Thätigkeit  in  diesem  Kloster  noch  nicht  ganz  erstarb. 
Nur  aus  dem  Anfänge  des  folgenden  Jahrhunderts  haben  wir  noch 
eine  kurze  Geschichte  der  Aebte  von  Fulda1),  einen  sehr 
kurzen  und  gedrängten,  aber  recht  hübsch  geschriebenen  Bericht, 
der  jedoch  nur  mit  Vorsicht  zu  benutzen  ist,  da  er  durchaus  pane- 
gyrischer Natur  und  keineswegs  geschichtlich  wahrhaftig  ist.  Dann 
verstummt  dieses  einst  so  beredte  Kloster  fast  vollständig,  und  wir 
werden  kaum  noch  einmal  Gelegenheit  haben,  seiner  zu  gedenken*). 

Länger  dagegen,  wenn  auch  mit  geringerem  Glanze,  erhielt  sich 
litterarische  Thätigkeit  in  dem  nahe  gelegenen,  ebenfalls  hessischen 
Kloster  Hersfeld,  welches  von  Lullus  begründet  wurde,  als  Fulda 
mit  Erfolg  seine  Selbständigkeit  gegen  ihn  behauptete  und  bald  zu 
kräftiger  Entwickelung  gelangte3).  Auch  von  seiner  Schule,  seinen 
gelehrten  Mönchen  würde  wohl  manches  zu  berichten  sein,  wenn 
nicht  die  Ueberlieferungen  dieses  Klosters  ein  besonders  ungünstiges 
Geschick  betroffen  hätte;  dieHersfelderAnnalen,  Lamberts  Ge- 
schichte von  Hersfeld,  sind  verloren,  und  auch  von  Lamberts  Jahr- 
büchern ist  keine  alte  Handschrift  vorhanden ; da  mag  noch  anderes 
Bpurlos  für  uns  verschwunden  sein.  Nachzuweisen  aber  ist,  dafB 
man  in  Hersfeld,  ganz  ähnlich  wie  in  Fulda,  mit  dem  immer  ein 
reger  Verkehr  Statt  fand,  im  Jahre  829  Annalen,  mit  der  Erschaffung 
der  Welt  beginnend,  in  der  gewöhnlichen  dürftigen  und  änfserlichen 
Weise  compilirte  und  diese  sodann  fortsetzte;  aber  nicht  ausführlich 
und  durch  besondere  Verbindungen  mit  dem  Hofe  begünstigt,  wie 
in  Fulda,  sondern  kurz  und  abgerissen  wurden  einzelne  Ereignisse 
und  lange  Zeit  fast  nur  die  Folge  der  Aebte  des  Klosters  und  der 
Erzbischöfe  von  Mainz  eingetragen.  Gröfsere  Bedeutung  gewinnen 
diese  Annalen  erst  von  der  Zeit  an,  wo  die  fuldischen  versiegen, 
und  am  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  finden  wir  sie  vielfach  ver- 
breitet, und  als  ein  bequemes  Handbuch  zu  chronologischer  Orien- 
tirung  benutzt  und  geschätzt. 

In  ihrer  ursprünglichen  Gestalt  sind  diese  Hersfelder  Annalen, 
wie  gesagt,  verloren,  aber  die  wörtlich  übereinstimmenden  Nach- 

*)  Acta  vetusta  Abbatum  Fuldensium  a.  744 — 916.  Schannat  Cod.  Prob.  1 — 3. 
Böhmers  Fonles  III,  XXVIII  und  161—164. 

a)  Eine  ausführliche  Geschichte  des  Klosters,  von  einem  Abte  desselben,  die 
aber  verloren  ist,  erwähnt  und  lobt  Lambert,  Mon.  SS.  V,  137. 

a)  Rettberg  I,  602—605. 


9» 


132 


II.  Karolinger.  § 14.  Sachsen. 


richten  lassen  die  gemeinschaftliche  Quelle  erkennen,  nicht  nur  in 
den  späteren  Jahrbüchern  des  Hersfelder  Mönches  Lambert,  sondern 
auch  in  den  Annalen  von  Hildesheim  und  Quedlinburg,  von  Weifsen- 
burg  im  Elsafs  *),  von  Fulda3),  Ottobeuern 8),  Eiwangen*)  und 
Altaich 6). 

§ 14.  Sachsen.  Münster,  Bremen,  Hamburg. 

Als  Sturm  zuerst  in  Hersfeld  sein  neues  Kloster  gründen  wollte, 
verwarf  Bonifaz  diesen  Vorschlag  wegen  der  Nähe  der  heidnischen 
Sachsen.  Karl  aber  zog  auch  dieses  Volk  in  den  Kreis  der  christ- 
lichen Bildung,  und  so  gewaltsam  anch  die  neue  Pflanzung  begründet 
wurde,  sie  schlug  doch  bald  kräftige  Wurzeln,  und  die  Söhne  der 
Bekehrten  gaben  sich  bereits  mit  regem  Eifer  der  neuen  Lebens- 
richtung hin.  Lange  schon  hatten  die  Angelsachsen  sich  danach 
gesehnt,  hin  und  wieder  auch  versucht,  ihren  alten  Stammesbrüdern 
das  Evangelium  zu  bringen;  jetzt  drangen  sie  unter  dem  Schutze 
Karls  vor,  und  pflanzten  den  Baum  der  neuen  Lehre,  der  in  dem 
frischen  Erdreich  bald  kräftig  und  segensvoll  gedieh. 

Einer  der  hervorragendsten  unter  ihnen  war  Liudger,  von 
Geburt  zwar  ein  Friese,  aber  ein  Schüler  der  angelsächsischen 
Glaubensboten.  Er  selbst  hat  uns  in  dem  Leben  seines  Lehrers, 
Gregor  von  Utrecht6),  die  Werkstatt  geschildert,  wo  ein  grofser 
Theil  der  Lehrer  für  das  Sachsen volk  ausgebildet  wurde;  ergänzt 
werden  seine  Nachrichten  durch  seine  eigene  Lebensbeschreibung  _ 
von  Altfrid. 

Liudgers  Grofsvater  Wursing,  ein  reicher  und  vornehmer  Friese, 
hatte  sich,  von  Radbod  vertrieben,  zu  den  Franken  geflüchtet  und 
die  Taufe  angenommen;  als  dann  Karl  Marteil  nach  der  Besiegung 
des  Landes  das  Bisthum  Utrecht  begründete,  siedelte  er  auch  Wur- 
sing mit  den  Seinen  dort  an,  und  an  ihnen  fand  Willibrord  die  kräf- 
tigste Stütze.  Nach  Willibrords  Tode  nahm  Bonifaz  sich  des  ver- 
waisten Bisthums  an;  dann  ward  es  der  Pflege  Gregors  übergeben, 
der  lange  Zeit  ein  treuer  Begleiter  und  Gehülfe  seines  Lehrers  Bo- 
nifaz gewesen  war  und  nun  als  Abt  dem  MartinBstifte  Vorstand.  Die 
bischöflichen  Geschäfte  versah  neben  ihm  der  Angelsachse  Alubert 
Von  Wursings  Nachkommen  widmeten  sich  mehrere  der  Kirche,  und 

*)  Daraus  zusammengestellt  Mon.  SS.  111,50  — 63.  Vgl.  Waitz  im  Archiv 
VI,  663—688.  — 3)  Annales  S.  Bonifacii,  Mon.  SS.  III,  117. 

3)  Mon.  SS.  V,  4.  — *)  ib.  X,  15.  — 6)  W.  Giesebrecht,  Ann.  Altaheoses. 

6)  Broweri  Sidera  illustrium  et  sanctorum  virorum,  Mogunt.  1616.  Mab.  III, 

2,  319.  Acta  SS.  Aug.  V,  254.  Migne  XC1X,  749 — 770  nach  Mabillon. 


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Liudger  von  Münster.  Liafwin. 


133 


der  junge  Liudger  wurde  in  York  Alkuins  eifriger  Schüler,  bis  ein 
Streit  der  Friesen  und  Angeln  ihn  nöthigte,  nach  Utrecht  heimzu- 
kehren, wo  Gregor  zahlreiche  Schüler  aus  allen  deutschen  Stämmen, 
nach  Liudgers  Angabe  auch  Sachsen,  um  sich  versammelte.  Unter 
Gregors  Neffen  und  Nachfolger  Alberich  war  die  Leitung  dieser 
Schule  in  solcher  Weise  vertheilt,  dafs  abwechselnd  Alberich  selbst, 
Liudger,  Adalgar  und  Thiatbrat,  jeder  ein  Vierteljahr,  derselben  vor- 
standen. Die  übrige  Zeit  verwandten  sie  auf  die  Seelsorge  und  die 
weitere  Bekehrung  des  Volkes.  Der  Aufstand  der  Sachsen  unter 
Widukind  782  brachte  auch  in  Friesland  das  Heidenthum  wieder 
zum  Siege,  und  Liudger  begab  sich  damals  nach  Montecasino,  dessen 
klösterliche  Einrichtung  er  später  auf  seine  Stiftung  Werden  über- 
trug. Karl  der  Grofse  aber  vertraute  ihm  die  geistliche  Leitung 
von  fünf  friesischen  Gauen  an  und  verband  damit  im  Anfänge  des 
neunten  Jahrhunderts  das  neu  errichtete  Bisthum  Münster  in  West- 
falen. Hier  wirkte  er  für  die  Befestigung  der  neuen  Lehre  bis  zu 
seinem  Tode  am  26.  März  809. 

Die  von  ihm  verfafste  Biographie  Gregors  ist  in  dem  gewöhn- 
lichen Legendenstil  geschrieben,  aber  die  stereotypen  Phrasen  sind 
hier  von  wirklicher  Wärme  erfüllt,  von  inniger  Liebe  zu  seinem 
Lehrer  und  einer  kindlichen  Demuth,  wo  er  seines  eigenen  Wirkens 
gedenkt.  Es  finden  sich  darin  einige  schätzbare  Nachrichten  Uber 
Bonifaz  so  wie  über  das  Bisthum  Utrecht;  geschichtlicher  Sinn  zeigt 
sich  jedoch  wenig  darin,  und  in  dieser  Beziehung  ist  Liudgers  eige- 
nes Leben  von  Altfrid1)  weit  vorzuziehen,  obgleich  auch  dieses 
von  dem  Verfasser,  Liudgers  Verwandtem  und  zweitem  Nachfolger 
(839—849),  auf  Bitten  der  Mönche  von  Werden  zunächst  zum  Zweck 
der  Erbauung  geschrieben  wurde.  Die  Darstellung  ist  einfach  und 
ansprechend,  und  die  ganze  Missionsthätigkeit  tritt  hier  mit  beson- 
derer Anschaulichkeit  uns  entgegen. 

Dem  Kreise  dieser  Männer  gehört  auch  Liafwin  oder  Le- 
buin  an,  ein  Angelsachse,  der  zu  Gregor  nach  Utrecht  kam  und 
sich,  nachdem  er  eine  Zeit  lang  an  der  Yssel  gewirkt  hatte,  nach 
Sachsen  begab,  wo  er  auf  dem  Landtage  zu  Marklo  unerschrocken 
das  Christenthum  verkündete.  Seine  Legende,  welche  besonders 
durch  die  Nachricht  Uber  diese  Landtage  und  die  Verfassung  der 
Sachsen  merkwürdig  ist,  wurde  jedoch  erst  am  Anfänge  des  zehnten 
Jahrhunderts  von  Hu c bald  von  S.  Amand  verfafst;  nicht  in  Münster, 

*)  V.  Liudgeri  auct.  Altfrido  ed.  Pertz.  Mon.  II,  403 — 425.  Bei  Migne  XCIX, 
769 — 796  nach  Leibniz. 


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134 


II.  Karolinger.  § 14.  Sachsen. 


dessen  wir  nach  diesen  so  viel  versprechenden  Anfängen  nicht  wie- 
der zu  gedenken  haben  werden1). 

Ein  anderer  Angelsachse  war  Willehad  aus  Northumberland, 
der  ebenfalls  seine  Missionsthätigkeit  in  Friesland  begann  und  781 
von  Karl  dem  Grofsen  Uber  den  Gau  Wihmodia  gesetzt  wurde.  Auch 
ihn  vertrieb  der  Aufstand  Widukinda  782,  dem  ein  grofser  Theil 
seiner  Schüler  und  GehUlfen  zum  Opfer  fiel;  er  selbst  flüchtete  nach 
Friesland  und  pilgerte  nach  Rom;  dann  lebte  er  eine  Zeit  lang  in 
stiller  Zurückgezogenheit  in  Eptemach ; Karl  aber  rief  ihn  nach  der 
Besiegung  der  Sachsen  zu  seiner  früheren  Tbätigkeit  zurück  und 
erhob  ihn  787  zum  Bischof  von  Bremen,  wo  er  am  8.  Nov.  789  ge- 
storben ist.  Sein  Leben2)  ist  in  kurzer  und  einfacher  Darstellung 
beschrieben  von  seinem  berühmteren  Nachfolger  Anskarius,  dem 
Apostel  des  Nordens. 

Wir  gedachten  schon  oben  der  grofsartigen  Idee  Kaiser  Karls, 
an  den  äufsersten  Grenzen  seines  Reiches  Metropolen  zu  errichten, 
welche  das  Christenthum  weit  Uber  die  Marken  hinaus  tragen  und 
den  geistlichen  Einflufs  des  Kaiserthums  dahin  erstrecken  sollten, 
wo  man  seine  Waffen  nicht  mehr  fürchtete.  Das  Heidenthum  war 
der  christlichen  Kirche  unversöhnlicher  Feind,  es  hing  genau  zu- 
sammen mit  der  alten  freien  Gemeinde  Verfassung,  und  aus  beiden 
entsprangen  die  unablässigen  Raubzüge,  von  denen  die  germanischen 
Nationen  jetzt  abgelassen  hatten,  vor  denen  sie  aber  nun  in  ihren 
gefährdeten  Grenzen  keine  Ruhe  fanden,  bis  die  Ausbreitung  des 
Christenthums  dem  alten  Unwesen  ein  Ende  machte. 

Hamburg  war  dazu  bestimmt,  der  kirchliche  Mittelpunkt  des 
Nordens  zu  werden.  Ludwig  achtete  nicht  auf  den  unausgeführt 
gebliebenen  Gedanken  seines  Vaters;  als  aber  der  flüchtige  Dänen- 
könig Harald  die  Taufe  verlangte  und  Anskarius,  der  ihn  als  Lehrer 
der  Seinen  begleitete,  bald  auch  auf  Schweden  seine  Wirksamkeit 
ausdehnte,  da  wurde  der  alte  Plan  wieder  aufgenommen  und  Anskar 
834  zum  Erzbischof  von  Hamburg  geweiht.  Doch  fehlte  Karls  starke 
Hand  zum  Schutze  der  neuen  Schöpfung,  ungestraft  verwüsteten  die 
Dänen  837  Hamburg,  und  durch  die  Reichstheilung  verlor  der  Erz- 
bischof auch  den  Rückhalt  der  ihm  angewiesenen  Zelle  Thurholt. 
Da  vereinigte  Ludwig  der  Deutsche  847  das  erledigte  Bisthum  Bre- 
men mit  dem  Erzbisthum  und  sicherte  dadurch  dessen  Bestand. 

*)  Zu  diesem  Kreise  gehört  auch  die  Legende  über  die  Stiftung  des  Klosters 
Freckenhorst,  Acta  SS.  Jan.  II,  1156  —1160,  welche  aber  erst  spät  aufgezeich- 
net  und  wenig  bedeutend  ist. 

s)  V.  Willehadi  auct.  Anskario  cd.  Pertz,  Mon.  SS.  II,  378  — 390.  Uebers. 
von  Laurent,  Berl.  1856. 


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Willehad,  Anskar,  Rimbert. 


135 


Anskarius  konnte  nun  mit  ausreichenden  Mitteln  seine  Wirksamkeit 
fortsetzen  und  starb  nach  einem  Leben  voll  rastloser  Thätigkeit  am 
3.  Febr.  865.  Einst  hatte  er  in  seiner  Zelle  Thurholt  in  Flandern 
einen  Knaben  bemerkt,  der  ihm  besonders  hoffnungsreich  erschien:  es 
war  Rimbert,  den  er  zum  Geistlichen  erziehen  liefs,  und  der  dann 
bald  als  sein  treuester  und  liebster  Jtlnger  sein  unzertrennlicher  Ge- 
fährte, zuletzt  sein  Nachfolger  wurde.  Dieser  ist  es,  der  mit  einem 
anderen  Schüler  Anskars  zusammen  in  Hamburg  das  Leben  des  Mei- 
sters bald  nach  dem  Tode  desselben  geschrieben  hat1),  voll  warmer 
und  inniger  Liebe,  zugleich  aber  reicher  an  Inhalt  als  die  Mehrzahl 
der  übrigen  Biographien  ähnlicher  Art.  Anskars  Leben  gehört  ohne 
Frage  zu  den  bedeutendsten  Quellenschriften  des  Mittelalters;  die  ganze 
reiche  Wirksamkeit  des  glaubensstarken  Erzbischofs,  das  volle  Bild 
seiner  grofsartigen,  kindlich  demüthigen  nnd  doch  so  verständigen 
Persönlichkeit  tritt  uns  lebensvoll  darin  entgegen,  und  Uber  die  Zu- 
stände des  Nordens  verbreiten  die  einfachen  und  zuverlässigen  Auf- 
zeichnungen Rimberts  das  erste  Licht.  Dafs  auch  Träume,  Visionen, 
Wunder  einen  grofsen  Raum  darin  einnehmen,  liegt  in  der  Natur 
der  Verhältnisse;  geschrieben  wurde  das  Buch  für  die  Mönche  des 
Klosters  Corbie,  aus  dem  Anskar  hervorgegangen  war,  dessen  Mönche 
ihn  begleitet  hatten,  und  diesen  lag  mehr  daran,  ihren  grofsen 
Klosterbruder  als  einen  Heiligen  geschildert  zu  sehen,  als  von  den 
nordischen  Heiden  genaue  Nachrichten  zu  erhalten.  Man  darf  es 
bei  der  Beurtheilung  dieser  Litteratur  nie  vergessen,  dafs  was  wir 
am  meisten  darin  zu  finden  wünschen,  gewöhnlich  von  den  Ver- 
fassern wie  von  den  Lesern  als  Nebensache  betrachtet  wurde. 

Hier  aber  brachte  es  die  ganze  Art  der  Thätigkeit  Anskars  mit 
sich,  dafs  auch  die  äufseren  Verhältnisse,  in  denen  er  sich  bewegte,  ge- 
schildert werden  mufsten,  und  uns  zum  Glück  hat  Rimbert  vieles  von 
dem,  was  er  berichtet,  selbst  mit  durchlebt  und  gesehen.  Darum  reiht 
sich  dieses  Leben  dem  früheren  Severins,  dem  späteren  des  Otto  von 
Bamberg  an.  Unbedeutend  dagegen  ist  des  wackeren  Rimbert  ei- 
gene Lebensbeschreibung2),  nach  Lappenbergs  Vermuthung  von  dem- 
selben ungenannten  Mitschüler  Rimberts  verfafst,  welcher  mit  diesem 
an  dem  Leben  Anskars  gearbeitet  hatte.  Geschrieben  ist  sie  zu  Lebzei- 
ten seines  Nachfolgers  Adalgar,  der  von  888  bis  909  Erzbischof  war. 

*)  V.  Rimb.  c.  9.  Adam  Br.  I,  36.  V.  Anskarii  in  Mon.  Germ.  SS.  11,  683 — 725, 
berausgeg.  von  Dahlmann,  der  in  den  Anmerkungen  leider  noch  das  unechte  Chron. 
Corbeiense  benutzt  hat.  Vgl.  Dahlmanns  Gesch.  v.  Dänemark  1, 38  ff.  Lappenberg  in 
Schmidts  Zeits.  V,  535 — 552.  Bähr  S.  234  b.  237.  Uebers.  von  Laurent,  ßerl.  1856. 

a)  V.  Rimberti  ed.  Pertz,  Mon.  II,  764 — 775.  Uebers.  von  Laurent,  Berl.  1856, 
Abdr.  nach  Mabillon  bei  Migne  CXXVI,  991 — 1010. 


136 


U.  Karolinger.  § 15.  Korvei,  Gandersheim. 


§ 15.  Fortsetzung.  Korvei.  Gandersheim. 

In  Fulda,  wie  in  Friesland,  in  Münster  und  Bremen,  waren  es. 
Angelsachsen,  welchen  die  Grundlagen  der  neuen  Entwickelung  ver- 
dankt wurden ; bei  Anskar  aber  war  ein  solcher  Einflufs  nicht  nach- 
zuweisen. Von  Kindheit  an  im  Kloster  Corbie  an  der  Somme  er- 
zogen, übernahm  er  dort  schon  früh  die  Leitung  der  Klosterschule 
und  wurde  dann  der  erste  Vorsteher  der  Schule  in  dem  neu  gegrün- 
deten Tochterkloster  Korvei  in  Sachsen. 

Diese  Stiftung  war  eine  Frucht  der  nicht  blos  äufserlich  durch 
Zwang  und  Eroberung,  sondern  auch  innerlich  vollzogenen  Einigung 
des  fränkischen  und  des  sächsischen  Stammes.  Schon  König  Pippins 
Bruder  Bernhard  hatte  eine  sächsische  Gemahlin  und  Bernhards 
Söhne,  Adalhard  und  Wala,  nahmen  sich  eitrigst  der  Bekehrung 
und  Belehrung  ihres  Volkes  an. 

Adalhard  hatte  Karls  Hof  verlassen,  als  dieser  die  Tochter  des 
Königs  Desiderius  verstiefs,  war  in  Corbie  Mönch  geworden  und, 
weil  hier  die  Besuche  seiner  vornehmen  Verwandten  die  klösterliche 
Ruhe  störten,  nach  Montecasino  entwichen.  Aber  Karl  rief  ihn  von 
da  zurück;  er  wurde  Abt  von  Corbie  und  mufste  von  neuem  an  den 
Reichsgeschäften  Theil  nehmen.  Als  Karl  starb,  verwaltete  Adalhard 
Italien  für  den  jungen  König  Bernhard,  Wala  aber  war  über  Sach- 
sen gesetzt. 

Karl  wünschte  aus  den  Sachsen  selbst  Lehrer  des  Christenthums 
zu  erziehen,  und  deshalb  hatte  er  gefangene  und  als  Geiseln  über- 
gebene Sachsenknaben  in  verschiedene  Klöster  vertheilt;  viele  der- 
selben waren  Adalhards  Obhut  in  Corbie  übergeben,  und  dieser 
wünschte  in  Sachsen  selbst  ein  Kloster  zu  gründen,  aber  seine  Sen- 
dung nach  Italien  verhinderte  die  Ausführung.  Als  Ludwig  zur  Re- 
gierung kam  nnd  mit  dem  kleinlichsten  Hasse  die  Staatsmänner 
seines  Vaters  verfolgte,  wurde  Adalhard  nach  Noirmoutiers  verbannt, 
Wala  aber  Mönch  in  Corbie.  Dieser  betrieb  nun  mit  dem  gröfsten 
Eifer  die  Stiftung  eines  Klosters  unter  dem  Volke,  dem  er  durch 
seine  Mutter  angehörte,  und  durch  seinen  Einflufs  im  Lande  kam 
sie  auch  wirklich  zu  Stande,  fing  aber  erst  an  zu  gedeihen,  als  der 
wieder  zu  Gnaden  angenommene  Adalhard  beim  Kaiser  die  Schen- 
kung des  Königshofes  Huxere  auswirkte  i.  J.  821.  Hier  erblühte 
nun  die  neue  Corbeja  rasch  und  kräftig;  nach  Adalhards  Tode  (2.  Jan. 
826)  wurde  Warin  zum  Abt  erwählt,  der  Sohn  des  alten  Sachsen- 
fürsten  Ekbert  und  der  karolingischen  Ida,  der  Bruder  Liudulfs,  des 
Grofsvaters  Heinrichs  I.  Auch  er  hatte  bereits  das  Schwert  geführt 


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Komi.  Adalhard  und  Wala. 


137 


und  erst  im  späteren  Alter  mit  der  Mönchskutte  vertauscht.  Im  Jahre 
830  empfing  er  in  seinem  Kloster  einen  vornehmen  Gast,  Hilduin, 
den  Abt  von  S.  Denys,  der  nach  Korvei  verbannt  war.  Die  liebe- 
volle Aufnahme,  welche  dieser  bei  Warin  fand,  dankte  er  ihm  später 
nach  seiner  Ktickkehr  durch  ein  kostbares  Geschenk,  den  Leib  des 
heil.  Veit,  der  836  nach  Korvei  gebracht  und  hinfort  als  der  Hort 
und  Schutz  des  sächsischen  Volkes  betrachtet  wurde. 

Ueber  diese  Ereignisse  berichtet  uns  ein  ungenannter  Mönch 
von  Korvei  in  der  Erzählung  von  der  Uebertragung  des  h.  Veit, 
der  er  selbst  beigewohnt  hatte1).  In  Corbie  dagegen  schrieb  Rad- 
bert,  mit  dem  Beinamen  Pasehasius,  einer  der  bedeutendsten  unter 
den  gelehrten  Theologen  dieser  Zeit,  das  Leben  der  Brüder  Adal- 
hard und  Wala,  jedoch  so  überladen  mit  rednerischem  Schmuck, 
dafs  die  Thatsachen  nur  mühsam  herauszufinden  sind.  Adalhards 
Leben2)  ist  bald  nach  seinem  Tode,  noch  bei  Lebzeiten  des  Wala 
geschrieben;  es  ist  einfacher  und  nicht  so  überladen  wie  das  Leben 
des  Wala8)  (f836),  welches  in  Gesprächform  verfafst  und  aus 
Furcht  vor  dem  Kaiser  und  Karl  dem  Kahlen  in  absichtliche  Dunkel- 
heit gehüllt  ist. 

Verloren  sind  uns  leider  Adalhards  Briefe,  und  nur  in  einem 
Auszuge  Hinkmars  erhalten  seine  Schrift  über  die  Hofordnung 
Karls  des  Grofsen,  welche  auch  so  noch  zu  den  lehrreichsten 
Denkmälern  dieser  Zeit  gehört,  deren  Zuverlässigkeit  aber  durch  die 
Ueberarbeitung  ungewifs  geworden  ist*). 

Das  Leben  der  Ida,  der  Mutter  Warins,  ist  erst  nach  hun- 
dert Jahren  von  Uffing,  einem  Wordener  Mönche,  geschrieben  und 
erscheint  wenig  glaubwürdig8). 

Einige  Nachrichten  über  diese  ersten  geistlichen  Stiftungen  im 
Sachsenlande  sind  uns  ferner  noch  erhalten  in  den  Berichten  über 
die  Erwerbung  und  Uebertragung  der  Reliquien,  welche  zu  ihrem 
Gedeihen  nun  einmal  unerläfslich  waren;  so  erhielt  Herford,  das 
neben  Korvei  von  Soissons  aus  gegründete  Nonnenkloster,  860  die 

l)  Historia  Translationis  S.  Viti  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  II,  576 — 585.  Nach  Hirsch 
und  Waitz,  Prüfung  des  Chrnn.  Corb.  p.  94  ist  für  den  Text  auch  die  Ausgabe 
Acta  SS.  Iun.  II,  1017  zu  vergleichen. 

*)  Mab.  IV,  1,  291—349  ed.  Ven.  Excerpte  in  den  Mon.  SS.  II,  524  — 532. 

3)  Mab.  IV,  1,  455  (434 — 497  ed.  Ven.)  Excerpte  in  den  Mon.  SS  II,  533  bis 
569.  Vgl.  Himly,  Wala  et  Louis  le  Debonnaire.  Paris  1849.  8.  Bähe  S.  233. 
462—471. 

*)  Hincmari  epistola  de  ordine  palatii,  gedr.  u.  a.  in  Walthers  Corp.  Jur.  Germ. 
III,  761-772. 

8)  Acta  SS.  Sept.  0,  260 — 270.  Leibn.  I,  171  nach  Surius.  Excerpta  Mon. 
SS.  II,  569—576. 


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138  II.  Karolinger.  § 15.  Korvei  n.  Gandersheim.  § 16.  Lothringen. 

h.  Pusinna1),  Paderborn  schon  836  S.  Liborius1);  die  Erzählungen 
davon  sind  aber  erst  gegen  das  Ende  des  neunten  Jahrhunderts  ver- 
fafst.  Auch  das  Leben  der  h.  Liutbirg  s),  einer  Klausnerin  bei 
Halberstadt,  die  bis  zu  den  Zeiten  König  Ludwigs  des  Jüngeren 
(876—882)  lebte,  giebt  Kunde  von  dem  Eifer,  mit  welchem  die  Neu- 
bekehrten  sich  der  Kirche  zuwandten,  und  ist  merkwürdig  durch  die 
darin  enthaltenen  Angaben  über  die  Nachkommen  jenes  Hessi,  des 
Fürsten  der  Ostfalen,  welcher  sich  775  Karl  dem  Grofsen  unter- 
worfen hatte. 

Aus  Korvei  aber  sind  uns  noch  Ostertafeln  erhalten,  im  neun- 
ten Jahrhundert  von  angelsächsischer  Hand  geschrieben  und  mit 
wenigen  Bemerkungen  versehen,  zu  welchen  die  Mönche  des  Klosters 
im  Laufe  der  Zeiten  andere  hinzugefügt  haben;  als  Geschichtswerk 
kann  man  diese  kurzen  Notizen  nicht  betrachten,  und  auch  der  ma- 
terielle Inhalt  ist  für  die  vorliegende  Periode  fast  ohne  Bedeutung4). 
Dagegen  hat  der  Abt  Bovo  (879 — 890),  ein  Enkel  Warins,  eine 
Geschichte  seiner  Zeit  geschrieben,  aus  welcher  Adam  von  Bremen 
(I,  41)  ein  Bruchstück  Uber  die  Normannenschlacht  von  885  erhalten 
hat,  welches  den  Verlust  dieses  Werkes  sehr  bedauern  läfst.  Dann 
ruhte  auch  hier  die  Feder,  bis  die  Thaten  der  Ottonen  neuen  Anstois 
zu  schriftstellerischer  Thätigkeit  gaben. 

Dasselbe  war  der  Fall  in  einem  anderen  Kloster,  welches  den 
Ludolfingem  noch  näher  stand  wie  Korvei,  in  Gandersheim,  wo 
Graf  Ludolf  selbst  um  850  eine  ältere  Stiftung  erneuert  hatte  und 
Prinzessinnen  seines  Hauses  als  Aebtissinnen  walteten.  Die  erste, 
bis  zum  J.  874,  war  Ludolfs  Tochter  Hathumod,  deren  Leben  von 
ihrem  Bruder  Agius,  wahrscheinlich  Mönch  in  dem  nahe  gelegenen 
Kloster  Lammspring,  beschrieben  wurde.  Zu  der  in  Prosa  geschrie- 
benen Biographie  fügte  er  Elegien,  die  eine  tiefgefühlte  rührende 
Todtenklage  enthalten5).  Sowohl  die  reine  und  fehlerfreie  Sprache, 
die  gewandte  Ausdrucksweise,  der  fliefsende,  wenn  auch  nicht  ganz 
eorrecte  Versbau,  wie  das  zarte  und  sinnige  Gemüth  des  Verfassers, 
den  die  innigste  Liebesgemeinschaft  mit  seiner  Schwester  verbunden 
hatte,  verleihen  diesen  Schriften  einen  ganz  besonderen  Reiz;  die 

*)  Translatio  S.  Pusinnae,  Mon.  SS.  II,  681 — 683  im  Auszuge.  Vollst.  Act.  SS. 
Apr.  III,  170.  Leibn.  SS.  Brunsv.  1, 181. 

2)  Transl.  S.  Liborii  Mon.  SS.  IV,  149—157. 

s)  Bei  A.  Lang  de  Sanctis  0.  S.  Benedicti.  B.  Pez  Thes.  II,  3,  146.  Mon. 
SS.  IV,  158 — 164  im  Auszuge. 

4)  Annales  Corbeienses,  Mon.  SS.  III,  1 — 18,  nicht  zu  verwechseln  mit  dem 
unechten  Chronicon  Corbeiense. 

s)  Agii  Vita  Hathumodae  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  165 — 189.  Uebersetzung 
von  Riickert.  Stuttg.  1845.  8. 


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Translationen.  Agius  u.  Hathumod.  Regino. 


139 


mancherlei  Nachrichten  über  die  verschiedenen  Mitglieder  dieser 
zahlreichen  und  ausgezeichneten  Fttrstenfamilie  geben  ihnen  aufser- 
dem  noch  einen  gröfseren  Werth  für  den  Geschichtsforscher. 

Pertz  hat  die  Vermuthung  ausgesprochen,  dafs  wohl  derselbe 
Agius  jener  sächsische  Dichter  sein  möge,  welcher  Einhards  Jahr- 
bücher metrisch  bearbeitete.  Dieselben  Vorzüge  des  Ausdruckes 
finden  sich  darin  wieder,  und  die  einzige  vorhandene  Handschrift 
stammt  aus  dem  Kloster  Lammspring.  Für  die  Geschichte  ist  je- 
doch diese  nur  stilistisch  merkwürdige  Leistung  fast  ganz  bedeu- 
tungslos1). 

§ 16.  Lothringen. 

Richbod  von  Trier  (795 — 804)  ist  als  Schüler  Alkuins  bekannt, 
und  wird  als  ein  Mann  von  gründlicher  Gelehrsamkeit  und  Bildung 
gerühmt;  ohne  Zweifel  wird  er  sich  um  die  Schulen  in  seinem  Sprengel 
verdient  gemacht  haben.  Auch  Amalarius  (809 — 814)  machte  sich 
als  Schriftsteller  bekannt,  und  Thegan,  der  schon  erwähnte  Biograph 
Ludwigs  des  Frommen,  war  Chorbischof  von  Trier.  Am  Ende  des 
Jahrhunderts  (883 — 915)  war  Ratbod  Erzbischof,  welcher  den  ver- 
triebenen Abt  von  Prüm,  Regino2),  zu  gelehrten  Arbeiten  ver- 
anlafste. 

Dieser  Regino  war  von  Jugend  auf  im  Kloster  Prüm  erzogen, 
wo  schon  unter  dem  Abte  Markward  (829 — 853)  litterarische  Thä- 
tigkeit  bemerkbar  wird.  Er  veranlafste  nämlich  den  Wand  albert, 
einen  Mönch  desselben  Klosters,  ein  altes  Leben  des  h.  Goar  neu 
zu  bearbeiten  und  seine  Wunderthaten  aufzuzeichnen.  Auch  sind 
noch  Gedichte  von  diesem  Wandalbert  vorhanden,  und  das  schon 
oben  erwähnte,  metrisch  bearbeitete  Martyrologium 3).  Im  J.  892  er- 
lebte Regino  die  Zerstörung  dieses  besonders  durch  Kaiser  Lothars 
Vorliebe  verherrlichten  Klosters  durch  die  Normannen,  und  da  in 
demselben  Jahre  der  Abt  Farabert  sein  Amt  niederlegte,  wurde  Re- 
gino zu  seinem  Nachfolger  erwählt.  Allein  die  Parteikämpfe,  welche 
damals  Lothringen  zerrissen,  liefsen  auch  ihm  keine  Ruhe;  er  mufste 
899  seinen  Gegnern  weichen  und  verlebte  den  Rest  seiner  Tage  bis 
an  seinen  Tod  im  J.  915  im  Kloster  S.  Maximin  bei  Trier*),  die  un- 

*)  Poetae  Saxonis  Annales  de  Geslis  Caroli  magni  imperatoris.  Mon.  SS.  I, 
225 — 379.  Wieder  abgedruckt  bei  Migne  XC1X,  683 — 736.  Bähr  S.  124. 

4)  Bähr  S.  184 — 186.  535 — 538.  Ditminler  in  der  Vorrede  zur  Ucbersetzung 
der  Chronik.  — 8)  S.  über  ihn  Bähr  S.  114.  229. 

*)  Nach  späteren  Aufzeichnungen  war  Regino  in  Altrip  am  Rhein  geboren 
und  erhielt  von  Ratbod  die  Leitung  des  von  ihm  hergestellten  MartinskJosters. 
Archiv  111,  291. 


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140 


11.  Karolinger.  § 16.  Lothringen. 


freiwillige  Mufae  zu  gelehrter  Arbeit  verwendend.  Auf  Ratbods 
Wunsch  verfafste  er  hier  sein  umfassendes  und  lehrreiches  Werk 
liber  die  Kirchenzucht,  welches  er  dem  Erzbischof  Hatto  von  Mainz 
übersandte,  und  seine  Chronik1)  von  Christi  Geburt  bis  zum  Jahre 
905,  die  er  einem  Bischof  Adalbero,  vermuthlich  von  Augsburg, 
widmete.  Sie  verdient  Beachtung  als  einer  der  frühesten  Versuche, 
die  Weltgeschichte  in  einer  ziemlich  ausführlichen  Erzählung  zu- 
sammenzufassen, eine  Aufgabe,  an  welche  sich  damals  nicht  leicht 
jemand  wagte  und  deren  Schwierigkeiten  aufserordentiich  grofs  wa- 
ren. Die  Ausführung  ist  denn  freilich  auch  sehr  mangelhaft  geblie- 
ben und  namentlich  die  Chronologie  in  der  höchsten  Verwirrung. 
Beda,  die  Thaten  der  Frankenkönige,  und  andere  bekannte  Quellen 
bilden  die  Grundlage  seines  Werkes,  welches  anfangs  nach  den  Re- 
gierungen der  Kaiser  angeordnet  ist;  weiterhin  geht  er,  der  Natur 
Beiner  Quellen  folgend,  in  die  annalistische  Form  über  und  fährt 
auch  selbst  in  dieser  Weise  fort.  Darin  ist  seine  Chronik  den  oben 
erwähnten  Reichsannalen  ähnlich,  aber  sie  unterscheidet  sich  sehr 
wesentlich  dadurch,  dafs  er  nicht  gleichzeitig  mit  den  Begebenheiten 
schrieb  und  deshalb  auch  gerade  in  der  chronologischen  Anordnung 
derselben  wenig  zuverlässig  ist. 

ln  dieser  Beziehung  hat  bei  ihm  wie  bei  manchem  anderen  das 
Vorbild  der  Annalen  nachtheilig  gewirkt,  denn  für  die  Aufzeichnung 
unbestimmt  gewordener  Ueberlieferungen  ist  die  annalistische  Form 
flicht  nur  hinderlich,  sondern  die  scheinbare  Bestimmtheit  verleitet 
auch  dazu,  den  Angaben  mehr  Gewicht  beizulegen,  als  ihnen  zu- 
kommt. Bis  zum  Jahre  814  hat  Regino  die  Lorscher  Annalen  be- 
nutzt; von  da  an  aber  fehlten  ihm  schriftliche  Hülfsmittel,  und  er 
mufste  sich  zur  Ausfüllung  der  grofsen  Lücke  von  Karls  des  Grofeen 
Tode  bis  auf  seine  Zeit  allein  auf  die  so  unsichere  mündliche  Tra- 
dition verlassen ; nur  Uber  die  Händel,  welche  Lothars  H ärgerliche 
eheliche  Verhältnisse  veranlafsten,  standen  ihm  Urkunden  zu  Gebote. 

Auffallend  und  für  die  Stellung  Lothringens  charakteristisch  ist 
es  dabei,  wie  wenig  Regino  von  dem  Ostfrankenreiche  zu  sagen 
weifs,  während  er  von  den  Westfranken  viel  und  eingehend  erzählt, 
und  namentlich  die  Bretagne  besonders  berücksichtigt,  ein  Umstand, 
den  Dümraler  durch  die  dort  gelegenen  Besitzungen  der  Mönche  von 
Prüm  erklärt.  Ueber  das,  was  er  selbst  mit  erlebt  bat,  giebt  Re- 
gino sodann  ausführliche  und  schätzbare  Nachrichten.  Dafs  er  von 

*)  Reginonis  Chronicon  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  I,  536—612.  Vgl.  Archiv  XI,  299. 
Dümmler  de  Armilfo  p.  174.  175.  Uebersetzung  von  Dümmler,  Berl.  1857.  Von 
der  Fortsetzung  s.  unten  III,  6. 


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Rfgino.  Annalen  von  Xanten. 


141 


den  entfernteren  Ereignissen  nur  unsichere  Kunde  erhalten  hat,  wird 
man  ihm  nicht  zum  Vorwurfe  machen;  Uber  Lothringen  aber  war 
er  genau  und  zuverlässig  unterrichtet,  und  wUrde  gewifs  noch  tiefer 
in  die  dortigen  Verhältnisse  blicken  lassen,  wenn  Hin  nicht  die  Be- 
sorgnifs  vor  dem  Zorne  der  Machthaber  verhindert  hätte,  die  ganze 
Wahrheit  zu  sagen.  Diese  Zurückhaltung  hat  ihn  jedoch  nicht  da- 
vor schützen  können,  dafs  aus  seinem  Werke  ein  bedeutendes  Stück, 
in  welchem  er  von  seinen  eigenen  Schicksalen  erzählte,  ausgeschnitten 
und  vernichtet  wurde. 

Seine  Schreibart  ist  einfach  und  dem  Gegenstände  angemessen, 
und  wenn  es  ihm  auch  keineswegs  gelungen  ist,  die  Weltgeschichte 
in  wirklich  historischer  Weise  zu  bearbeiten,  so  zeigt  er  doch  für 
die  ihm  näher  liegenden  Zeiten  und  Verhältnisse  einen  freien  Blick 
und  gesundes  Urtheil ; die  eigenen  Erfahrungen  und  die  freundschaft- 
liche Beziehung  zu  einem  hochstehenden  Kirchenfürsten  erhoben  ihn 
über  die  gewöhnlichen  Annalisten,  und  sein  Werk  steht  am  Ende 
der  karolingischen  Zeit  als  eine  bedeutende  Erscheinung  da,  der  sich 
wohl  weitere  Fortschritte  angeschlossen  haben  würden,  wenn  nicht 
gerade  jetzt  die  äufsere  Noth  für  lange  Zeit  alle  wissenschaftlichen 
Bestrebungen  erdrückt  hätte. 

Als  die  bei  allen  ihren  Mängeln  doch  bei  weitem  beste  um- 
fassende Behandlung  der  Weltgeschichte  ist  Regino’s  Chronik  bis  ins 
zwölfte  Jahrhundert  viel  benutzt  worden  und  hat  grofse  Verbreitung 
gefunden,  wobei  denn  auch  seine  grofsen  chronologischen  Irrthümer 
manchen  irre  geleitet  haben. 

Man  kann  wohl  nicht  bezweifeln,  dafs  Lothringen  mit  seinen 
bedeutenden  Kirchen  und  Klöstern  noch  manches  andere  Geschichts- 
werk hervorgebracht  hat,  welches  in  den  furchtbaren  Verheerungen 
des  Landes  durch  Normannen  und  Ungern  zu  Grunde  gegangen  ist; 
die  blühendsten  Klöster  verödeten  und  kamen  in  Laienhände,  so 
dafs  eine  Periode  tiefer  Dunkelheit  eintrat,  welche  später  der  kecken 
Erdichtung  freien  Spielraum  darbot.  Merkwürdig  sind  auch  in  dieser 
Beziehung  die  Annalen  von  Xanten1),  weil  von  einer  litterarischen 
Thätigkeit  in  diesem  Stifte  durchaus  nichts  bekannt  war,  bis  Pertz 
1827  diese  Jahrbücher  in  einer  angebrannten  Handschrift  der  Cotton- 
schen  Bibliothek  entdeckte.  So  war  auch  dieser  vereinzelte  Rest  der 
höheren  Ausbildung  jener  Periode  dem  gänzlichen  Untergange  schon 
ganz  nahe  gewesen.  Auf  Excerpte  aus  Einhard  u.  A.  folgen  darin 
von  831  bis  873  selbständige  und  gleichzeitige  Aufzeichnungen, 
welche  hin  und  wieder  ziemlich  ausführlich  werden,  nicht  in  der 

')  Mon.  SS.  II,  217—235. 


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142  Df.  Karolinger.  § 16.  Lothringen.  § 17.  Schwaben. 

gleichmäfsig  umfassenden  Weise  der  Reiehsannalen,  welche  an  diesem 
entlegenen  Orte  nicht  möglich  war,  aber  übrigens  in  derselben  Art. 
Kaum  treten  die  lothringischen  Angelegenheiten  besonders  hervor  — 
denn  Lothars  Ehescheidung  beschäftigte  die  ganze  Christenheit  — 
und  nur  die  genauere  Erzählung  Uber  die  Vernichtung  Xantens  durch 
die  Normannen  i.  J.  863  verräth  den  Chorherrn  von  S.  Victor1). 

Aufser  der  kurzen  Erzählung  von  der  Uebertragung  des  h. 
Hubertus2)  nach  S.  Hubert  in  den  Ardennen  (825),  des  h.  Justus 
bald  nach  900  nach  Malntedy3),  ist  schliefslich  nur  noch  die  Bis- 
thumsgeschichte  von  Verdun4)  zu  erwähnen,  von  Berthar, 
der  erste  Versuch  einer  Localgeschichte,  an  denen  später  Lothringen 
so  reich  war,  nach  der  traurigen  Zeit  der  feindlichen  Verwüstungen, 
denn  der  Verfasser  schrieb  erst  nach  dem  Brande  der  Domkirehe 
im  J.  91 6 «oder  917;  sein  Werk  reicht  aber  nur  bis  in  die  Zeit  des 
Kaisers  Arnulf  und  ist  wegen  des  fast  gänzlichen  Mangels  an  älteren 
Quellen  sehr  dürftig5).  Aus  To  ul  sind  uns  einige  Briefe  des  Bischofs 
Frothar  (813 — 848)  erhalten6). 

§ 17..  Schwaben. 

St&lin  I,  235 — 240.  BShr  S.  118 — 122.  Ild.  v.  Arx,  Gesch.  von  S.  Gallen.  Dümmler, 
das  Formelbuch  des  Bischofs  Salomo  III.  von  Konstanz.  Lcipz.  1857.  8.  F.  Keller, 
Bilder  und  Schriftzüge  in  den  irischen  M&nuscripten  der  6chweiz.  Bibliotheken,  in 
den  Mittheilungen  d.  Antiquarischen  Gesellschaft  in  Zürich  VII,  3.  1851. 

Wenden  wir  unsern  Blick  nach  dem  Süden  Deutschlands,  so 
zieht  vor  allem  S.  Gallen  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich , nebst 
dem  nahe  gelegenen  Reichenau.  Hatten  wir  früher  schon  in  dem 
alten  Leben  des  h.  Gail  wenigstens  einen  ersten  Versuch  literarischer 
Thätigkeit  zu  erwähnen,  so  finden  wir  nun  auch  hier  einen  Schüler 
Alkuins,  Grimakl,  als  Abt  (841 — 872);  S.  Galler  Mönche,  wie  Werin- 
bert  und  Hartmut,  Otfrids  Mitschüler,  besuchen  die  berühmte  Schule 
des  Klosters  Fulda,  und  Hrabans  Schüler  Walafrid  wird  Abt  von 
Reichenau  (842 — 849).  Hierzu  kommt  noch  der  Unterricht  gelehrter 
Iren,  welche  auch  die  Kenntnifs  des  Griechischen  .hier  heimisch 
machen,  während  der  lebhafte  Verkehr  mit  Italien  nicht  minder  an- 
regend wirkt.  Die  S.  Galler  Schule  war  vielleicht  von  allen  die  be- 

*)  Auffallender  Weise  geben  die  Annalen  gerade  hier  die  falsche  Jahreszahl  864. 

a)  Vom  Bischof  Jonas  von  Orleans  verfafst,  Mab.  IV,  1,  295  (278  ed.  Ven.). 

3)  Marlene  Coli.  VI,  833.  Spät  und  fabelhaft  ist  die  Translatio  S.  Quirini 
Malmnndarium,  angeblich  808,  mit  einem  fingirten  Briefe  Hildebalds  von  Cöln  an 
Karl  den  Groben.  Mart.  Thes.  UI,  1685 — 1690. 

4)  Bertharii  Gcsta  episcoporum  Virdunensium,  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  36. 

5)  Historisch  unbrauchbar  ist  die  fabelhafte  Vita  S.  Mengoldi,  Acta  SS.  Feb. 
II,  p.  191 — 196;  vgl.  Dümmler  de  Amulfo  p.  201 — 204. 

«)  Du  Chesne  U,  712-723. 


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Verdun.  S.  Gallen.  Othmar, 


143 


deutendste,  und  glücklicher  Weise  besitzen  wir  zugleich  von  ihr  das 
lebendigste  Bild  in  der  reichhaltigen  Klosterchronik1),  welche  von 
verschiedenen  Verfassern  bis  1330  fortgefiihrt  wurde.  Die  Schule 
war  hier  lange  Zeit  der  Mittelpunkt  des  Klosterlebens,  der  Stolz 
und  die  Freude  der  S.  Galler  Mönche,  und  die  Lebensnachriehten 
von  den  bedeutenderen  Lehrern  nebst  mannigfachen  Schulgeschichten 
verschiedener  Art  nehmen  einen  sehr  hervorragenden  Raum  in  der 
Chronik  ein.  Doch  die  Aufzeichnung  dieses  Theiles  derselben  gehört 
einer  späteren  Zeit  an2);  der  erste  Theil  bis  z.  J.  883,  von  Ratpert 
verfafst,  ist  erfüllt  von  den  äufseren  Schicksalen  des  Klosters,  den 
langen  Kämpfen  um  seine  Unabhängigkeit  und  Selbständigkeit,  welche 
bald  von  den  Mächtigen  des  Landes,  bald  und  mit  mehr  Erfolg  von 
den  Bischöfen  von  Konstanz  angefochten  wurde.  Diese  Verhältnisse 
nehmen  Ratperts  Aufmerksamkeit  so  sehr  in  Anspruch,  dafs  er  auch 
aus  der  späteren  Zeit  der  Blüthe  wenig  Uber  das  innere  Leben  des 
Klosters  berichtet. 

Die  ersten  Zeiten  des  angestrengten  und  oft  unglücklichen 
Kampfes  waren  der  litterarischen  Entwickelung  nicht  günstig,  und 
das  am  Ende  des  achten  Jahrhunderts  verfafste  Leben  des  Stifters 
gehört  durch  seine  unbehülfliche  Sprache  noch  ganz  der  früheren 
Stufe  der  Bildung  an. 

Bessere  Zeiten  brachen  zuerst  unter  dem  Abte  Gozbert  an 
(816 — 837),  der  830  den  Bau  der  neuen  Kirche  begann,  zu  welcher 
er  den  noch  vorhandenen  Grundrifs  von  den  königlichen  Baumeistern 
entwerfen  liefe.  Um  diese  Zeit  beschrieb  Gozbert,  des  Abtes 
gleichnamiger  Neffe,  das  Leben  des  Abtes  Othmar,  welcher  am 
16.  Nov.  759  in  der  Verbannung  gestorben  war,  und  fügte  auch 
zum  Leben  des  h.  Gallus  ein  Buch  über  die  Wunder  desselben  hinzu. 
Doch  genügten  ihm  selber  diese  Arbeiten  nicht,  und  er  bat  den  be- 
rühmten Abt  von  Reichenau,  Walafrid,  beide  zu  überarbeiten8).  Uns 
liegt  daher  das  Leben  Othmars  nur  in  Walafrids  reiner  Sprache  vor; 
es  enthält  einige  schätzbare  Nachrichten  Uber  die  damaligen  Verhält- 
nisse von  Alamannien.  Begreiflich  ist  es,  dafs  man  daneben  auch 
des  h.  Gallus  Leben  in  seiner  schlichten,  unsauberen  Gestalt  nicht 

*)  Casus  S.  Galli  ed.  v.  Arx,  Mon.  SS.  II,  59 — 183  (bis  zum  J.  1233). 
Zwischen  883  und  890  ist  ein  Stück  verloren , auf  welches  sich  Ekkehard  S.  83 
mit  den  Worten  bezieht:  Gerhaldo  (corr.  Bernhardo)  itaque  abhate,  ut  alias  in  alio 
libro  relalum  est,  deposito  (890).  — Ratperti  Casus  S.  Galli  na.ch  obiger  Ausgabe 
bei  Migne  CXXVI,  1055—1080. 

2)  und  ist  leider  sehr  unzuverlässig,  s.  Dümmler  S.  108. 

*)  Sie  sind  nur  in  dieser  Form  vorhanden,  V.  S.  Othmari  SS.  II,  41  — 47. 
Uebers.  v.  Pottbast  1857.  Miracula  S.  Galli  ib.  21 — 31. 


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144  II.  Karolinger.  § 17.  Schwaben. 

mehr  ertragen  konnte:  wenn  es  bei  der  Mahlzeit  oder  am  Gedächt- 
nifstage  des  heiligen  Mannes  verlesen  wurde,  störten  die  Germa- 
nismen und  Sprachfehler  die  Andacht  der  Zuhörer.  Walafrid  mufste 
deshalb  auch  dieses  ehrwürdige  Denkmal  des  Alterthums  in  eine 
zeitgemäfse  Form  bringen ; doch  hielt  man  es  zu  sehr  in  Ehren,  um 
das  Original  verloren  gehen  zu  lassen. 

Nach  dem  Bürgerkriege  verlieh  Ludwig  der  Deutsche  die  Abtei 
seinem  Erzkaplan  Grimald  (841 — 872),  der  sich  das  Wohl  derselben 
sehr  angelegen  sein  liefs,  so  dafs  jetzt  die  rechte  Blüthezeit  des 
Klosters  und  namentlich  der  Schule  beginnt.  Da  er  selbst  nicht 
Mönch  war  und  viel  am  Hofe  lebte,  vertraute  er  dem  Hartmut  die 
unmittelbare  Verwaltung  des  Klosters  an,  und  nach  Grimalds  Tod 
Btand  dieser  demselben  bis  883  als  Abt  vor.  Beide  sorgten  eifrig 
für  die  Bereicherung  der  Bibliothek,  und  als  der  erste  bedeutende 
Lehrer  wird  unter  ihnen  Iso  genannt1);  ihm  zur  Seite  der  Schotte 
Moengal,  auch  Marcellus  genannt5),  welcher  in  der  inneren 
Schule  die  für  das  Mönchskleid  bestimmten  Knaben  unterwies,  wäh- 
rend jener  in  der  äufseren  Schule  die  Söhne  des  Adels  für  ihren 
Beruf  als  Domherrn  und  Bischöfe  vorbereitete. 

Im  Jahre  864  wurde  Othmars  Leib  erhoben  und  in  der  neuen 
Kirche  des  h.  Gallus  feierlich  beigesetzt,  wobei  es  an  Wundern 
natürlich  nicht  fehlte;  davon  berichtet  uns  eine  bald  nachher  ver- 
fafste  Schrift  Isos3).  Später  soll  er  jedoch  das  Kloster  auf  eine  Ein- 
ladung des  Königs  von  Burgund  verlassen,  und  als  Lehrer  im  Kloster 
Granval  eine  grofse  Wirksamkeit  und  aufserordentlichen  Ruf  erlangt 
haben,  bis  er  am  14.  Mai  871  starb. 

Die  volle  geistliche  Bildung  der  inneren  Schule  erhielten  drei 
Schüler  des  Iso,  welche  Marcellus  von  ihm  übernahm,  und  nicht 
minder  wie  in  der  Wissenschaft,  auch  in  der  Musik  und  apderen 
Künsten  unterwies,  deren  er  als  Irländer  Meister  war.  Diese  waren 
Notker  der  Stammler,  später  Marcellus  Gehülfe,  Verfasser  des  oben 
erwähnten  Martyrologiums,  der  kunstreiche  Tutilo , und  Ratpert, 
welcher  bis  an  das  Ende  des  neunten  Jahrhunderts  der  Kloster- 
schule  Vorstand,  und  wie  schon  erwähnt,  den  ersten  Theil  der 
Klosterchronik  verfafste.  Er  war  so  eifrig  in  seinem  Amte,  dafs 
er  jede  Entfernung  vom  Kloster  dem  Tode  gleich  achtete,  und  nicht 
mehr  als  zwei  Schuhe  im  Jahre  verbrauchte ; selbst  die  Messen  und 
Gebete  versäumte  er  darüber,  denn,  sagte  er,  wir  hören  die  besten 

*)  urkundlich  in  S.  Gallen  erwähnt  von  847  bis  868. 

a)  von  848  bis  865  urkundlich  erwähnt. 

*)  Translatio  S.  Othmari,  Mon.  SS.  11,47 — 54. 


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Die  S.  Galler  Schule.  Ratpert.  Salomo.  145 

Messen,  wenn  wir  andere  lehren,  sie  zu  feiern.  Unnachsichtig  hand- 
habte er  den  Stock,  der  überhaupt  in  diesen  Jahrhunderten  eine 
grofse  Rolle  in  der  Erziehung  spielte,  und  doch  wufste  er  sich  durch 
seine  Berufstreue  und  wahres  Wohlwollen  auch  die  Liebe  seiner 
Schüler  zu  gewinnen.  Als  er  auf  seinem  Todbette  lag,  hatte  gerade 
das  Fest  des  h.  Gallus  (Oct.  16)  die  Geistlichkeit  Alamanniens  im 
Kloster  versammelt,  und  40  seiner  Schüler,  sämmtlich  Domherren, 
umgaben  das  Sterbelager  ihres  Lehrers. 

Kaum  beachtet  von  diesen  gelehrten  Herren,  die  auf  ihre  Kennt- 
nisse nicht  wenig  stolz  waren,  lebte  in  S.  Gallen  noch  ein  alter 
Mönch  der  früheren  Generation,  deren  grammatischer  Unterricht 
weniger  gründlich  gewesen  war;  dafür  aber  reichte  sein  Gedächtnifs 
noch  in  die  Zeit  des  grofsen  Karl  und  er  wufste  die  Geschichten 
zu  erzählen,  welche  er  einst  von  des  tapfern  Gerolds  Waffengefährten 
gehört  hatte.  Karl  der  Dicke,  von  dem  sonst  wenig  Löbliches  zu 
berichten  ist,  hatte  an  diesen  Geschichten,  als  er  883  das  Kloster 
besuchte1),  solche  Freude,  dafs  er  den  guten  Alten  veranlafste,  Bie 
aufzuschreiben;  emsig  ging  er  an  die  Arbeit,  scheint  aber  vor  der 
Vollendung  gestorben  zu  sein.  Keiner  hat  uns  seinen  Namen  auf- 
bewahrt, die  Klosterchronik  weifs  nichts  von  ihm,  nicht  einmal  eine 
Abschrift  seines  Werkes  findet  sich  in  der  reichen  Bibliothek  von 
S.  Gallen,  auswärts  aber  hat  man  an  seinem  Buche  schon  früh  und 
vielfach  Gefallen  gefunden,  und  es  trotz  seiner  mangelhaften  Form 
mit  Einhards  Meisterwerk  verbunden3). 

Am  Schlüsse  dieser  Periode  steht  Notkers  berühmtester  Schüler 
Salomo  III,  von  890  bis  920  Bischof  von  Konstanz  und  zugleich 
Abt  von  S.  Gallen,  ein  Mann  von  den  glänzendsten  Geistesgaben, 
der  kluge  und  gelehrte  Freund  Hatto’s  von  Mainz,  der  das  schöne 
und  blühende  Kloster  wie  seinen  Augapfel  liebte  und  hegte.  Mehrere 
uns  erhaltene  Briefe  und  Gedichte  zeugen  von  Notkers  Liebe  zu  ihm 
und  zugleich  von  der  Sorge  des  treuen  Lehrers  um  das  Seelenheil 
seines  Schülers  in  den  Gefahren  der  Welt,  denen  er  am  Königshofe 
ausgesetzt  war.  Salomo  selbst  sammelte,  wie  DUmmler  nach- 
gewiesen hat,  um  das  Jahr  890  eine  Mustersammlung  von  Urkunden- 
formeln und  Briefen,  in  welchen  uns  einige  auch  für  die  Geschichte 
der  Zeit  wichtige  Briefe  auf  bewahrt  sind,  während  die  Urkunden 
über  mannigfache  Verhältnisse  reichen  Aufschlufs  gewähren3).  Schon 

l)  Hierhin  gehört  wohl  das  Gedicht  des  Deeans  Waldram  b.  Canis.  Ant.  Lect. 
V,  749.  ed.  Basn.  11,  3,  304,  obgleich  Karl  darin  immer  König  heilst;  vgl  Mon. 
S.  Gail.  I,  5. 

a)  s.  oben  S.  111. 

*)  früher  Formulae  Alsaticae  genannt.  Zum  ersten  Mal  kritisch  und  voll- 

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II.  Karolinger.  § 17.  Schwaben. 


waren  in  8.  Gallen  selbst  Iso1),  in  Reichenau  andere8)  mit  ähnlichen 
Sammlungen  vorangegangen,  aber  die  Sammlung  Salomons  läfst  sie 
durch  ihren  Inhalt  wie  durch  ihre  Form  weit  hinter  sich.  Aus  der 
späteren  Zeit  besitzen  wir  von  ihm  zwei  schöne  poetische  Episteln 
an  den  Bischof  Dado  von  Verdun  in  vortrefflichen  Hexametern.  In 
der  einen8)  beklagt  er  voll  tiefer  Trauer  den  Tod  seines  letzten 
Bruders,  des  Bischofs  Waldo  von  Freising  (906);  in  der  anderen*), 
schon  früher  geschriebenen,  schildert  er  mit  den  lebhaftesten  Farben 
das  Unglück  des  Vaterlandes,  dessen  König  ein  Kind  ist,  dessen 
Gaue  erfüllt  sind  von  allgemeiner  Zwietracht,  von  innerem  Kampfe 
in  allen  Ständen  des  Volkes,  während  die  Ungern  ungehindert  das 
Land  verheerend  durchziehen. 

Ekkehards  lebendige  Schilderung  hat  die  S.  Galler  Schule  un- 
sterblich gemacht ; ohne  ihn  würden  wir  nicht  so  gar  viel  davon 
wissen,  und  ohne  Zweifel  herrschte  in  manchem  andern  Kloster  ein 
ganz  ähnliches  Treiben,  von  dem  nur  niemand  uns  Nachrichten  auf- 
bewahrt hat.  So  vor  allem  in  Reichenau,  welches  schon  in  hoher 
Blüthe  stand,  als  S.  Gallen  noch  schwach  und  unbedeutend  war6). 
Hier  war  im  Anfang  des  neunten  Jahrhunderts  Haito  Vorsteher 
der  Klosterschule,  der  dann  Abt,  und  807  Bischof  von  Basel  wurde. 
Karl  der  Grofse  sandte  ihn  811  nach  Konstantinopel,  und  Uber  diese 
Sendung  verfafste  er  eine  Reisebeschreibung8),  die  leider  verloren 
ist;  823  entsagte  er  seinem  Bisthum,  und  zog  sich  dann  in  sein 
altes  Kloster  zurück,  wo  er  836  starb.  Hier  leitete  jetzt  sein  früherer 
Schüler  Wettin  die  Schule.  Dieser  hatte  kurz  vor  seinem  Tode  824 
eine  Vision,  indem  er  wie  so  viele  andere  nach  ihm,  Himmel  und 
Hölle  zu  durchwandern  glaubte,  und  was  er  in  diesen  Regionen 

ständig  herausgegeben  von  Dümmler : Das  Formelbuch  des  Bischofs  Salomo  III. 
Leipzig  1857.  S.  über  diesen  bes.  S.  103  ff. 

*)  Dümmler  S.  XIV. 

a)  Eine  ältere  Sammlung  aus  dem  8.  Jahrh.,  herausgegeben  von  Mone  in  d. 
Zeitschrift  f.  Gesch.  des  Oberrheins  111,  385  — 397  (1852),  eine  zweite  von  Eug. 
de  Roziere : Formules  ine'dites  publ.  d’apres  un  MS.  de  la  bibl.  de  Strasbourg. 
Paris  1851.  (Bibi,  de  l’erole  des  chartes,  Ser.  III.  T.  2,504 — 526)  u.  Form.  ined. 
publ.  d’apres  un  MS.  de  la  Bibi,  de  S.  Gail.  Paris  1853.  Vgl.  Dümmler  S.  XI.  XII. 

3)  Canis.  II,  3,  245.  ed.  pr.  I.  App.  15.  Daselbst  auch  2 Elegieen  des  Mönchs 
Waldram  über  diesen  Verlust. 

*)  ib.  235.  Vgl.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  160.  Ueber  die  ihm 
zugeschriebene  Encyklopädie  (Glossae  Salomonis)  s.  Stalin  I,  404. 

5)  Die  älteste  Lebensbeschreibung  des  Stifters,  S.  Pirmin,  mit  d.  Gründungs- 
geschichte  von  Reichenau  (um  724),  zuerst  gedruckt  von  Mone  Quellens.  30 — 36, 
ist  nach  Mone  im  neunten  Jahrh.  in  Reichenau  verfafst  Retlberg  (11,51)  dagegen 
glaubt,  dafs  sie  in  Hornbach  geschrieben  ist,  und  weist  nach,  dais  sie  keinen 
Glauben  verdient  und  ganz  ungesehichtlich  ist. 

®)  Herrn.  Contr.  a.  81 1.  Vgl.  über  ihn  Bähr  S.  379. 


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Reichenau.  Haito,  Wettin,  Walafrid.  147 

gesehen  zu  haben  vermeinte,  den  gläubigen  Brüdern  berichtete. 
Haito  hat  diese  Vision  in  Prosa,  Walafrid  in  Versen  bearbeitet1), 
und  der  Eindruck  derselben  auf  die  Zeitgenossen  war  aufser- 
ordentlich  grofs;  hatte  er  doch  sogar  den  grofsen  Kaiser  Karl 
im  Fegefeuer  Schlimmes  leiden  gesehen.  Unter  den  Märtyrern  da- 
gegen erscheint  darin  Gerold,  der  Königin  Hildegard  Bruder, 
welcher  im  Kampfe  gegen  die  Avaren  gefallen  war,  ein  geborener 
Alamanne,  und  des  Klosters  Hort  und  Beschirmer.  Eine  vielleicht 
von  Walafrid  verfafste  Grabschrift  auf  ihn2)  findet  sich  in  einer 
Handschrift  neben  dem  Epitaph  des  Bernald,  an  den  die 
Reichenauer  ebenfalls  mit  Stolz  zurückdachten.  Dieser  Bernald  war 
nämlich  ein  geborener  Sachse,  aber  in  Reichenau  erzogen;  er  kam 
dann  in  die  kaiserliche  Kapelle,  und  erhielt  um  das  Jahr  821  das 
Bistbum  Strafsburg.  Zu  den  treuen  Anhängern  des  alten  Kaisers 
gehörend,  wurde  er  825  als  Gewaltbote  nach  Rhätien,  832  nach 
Rom  gesandt,  und  starb  am  17.  April  840.  Man  rühmte  ihn  als 
einen  klugen  und  gelehrten  Mann. 

Den  gröfsten  Glanz  aber  verbreitete  Uber  Reichenau  der  Abt 
Walafrid,  mit  dem  Beinamen  Strabo  oder  Strabus,  einer  der 
besten  Lateiner  seiner  Zeit,  ein  viel  bewunderter  Gelehrter  und  ge- 
wandter Dichter.  Ueber  sein  Leben  haben  wir  leider  nur  wenig 
sichere  Nachrichten,  und  so  befreundet  er  auch  mit  den  S.  Galler 
Gelehrten  war,  wird  er  doch  in  der  Klosterchronik  gar  nicht  ge- 
nannt. Noch  als  Jüngling  übersandte  er  dem  Grimald,  welchen  er 
seinen  Lehrer  nennt,  seine  metrische  Behandlung  der  Wettinischen 
Vision;  später  hat  er  in  Fulda  Hrabans  Unterricht  genossen.  Mit 
Thegan,  dem  Diakon  Florus  und  anderen  der  classisch  und  kirch- 
lich gebildeten  Männer  jener  Zeit  war  er  befreundet,  und  obwohl 
eifriger  Anhänger  Ludwigs  des  Frommen,  gewann  er  doch  nach 
dessen  Tode  auch  Ludwigs  des  Deutschen  Gunst  und  Vertrauen. 
Vielleicht  durch  Grimalds  Einflufs,  erhielt  er  842  die  herrliche  Abtei 
Reichenau  in  seiner  Heimath  Schwaben,  und  im  Jahre  849  wurde 
ihm  eine  Botschaft  des  Königs  an  dessen  Bruder  Karl  anvertraut. 
Auf  dieser  Reise  starb  er,  kaum  vierzigjährig,  am  18.  August. 

Die  von  Walafrid  überarbeiteten  Lebensbeschreibungen  des  Gallus 
und  Othmar  erwähnten  wir  schon;  selbständige  geschichtliche  Werke 

»)  Visio  Weltini,  Mab.  IV,  1,272  (Miene  CV,  769)  und  280  (249  und 
257  ed.  Ven.) 

2)  herausgfg.  von  Aschbach  im  Rhein.  Museum  1854,  IX,  299.  Bei  Canis. 
VI,  510.  511  und  daraus  bei  Du  Meril  p.  246.  248  finden  sich  Verse  an  Kaiser 
Lothar,  und  auf  die  Ankunft  eines  Königsohnes  Karl  in  Augia,  die  vielleicht  nach 
Reichenau  gehören. 

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II.  Karolinger.  § 17.  Schwaben. 


tat  er  so  wenig  wie  Hraban  verfafst,  aber  sein  Buch  über  Ursprung 
und  Entwickelung  der  kirchlichen  Einrichtungen  enthält  viel  Beaeh- 
tenswerthes  Uber  die  Verfassung  der  Kirche  in  jenen  Zeiten1). 

Unter  Walafrids  Schülern  ist  vor  allen  Otfrid,  der  Mönch  von 
Weifsenburg,  bekannt  Eines  der  merkwürdigsten  Zeugnisse  aber 
für  den  ernstlichen  Eifer,  mit  welchem  man  in  diesen  Klöstern  da- 
mals das  Studium  des  classischen  Alterthums  betrieb,  bietet  uns  die 
durch  Mabillon  bekannt  gewordene  Handschrift  von  Einsiedeln, 
deren  Urschrift  aus  Reichenau  zu  stammen  scheint.  Wohl  ein  Schüler 
Walafrids,  im  vollen  Besitz  der  damaligen  Schulbildung,  und  auch 
des  Griechischen  kundig,  hat  eine  der  damals  so  häufigen  Pilger- 
fahrten nach  Rom  benutzt,  um  nicht  nur  eine  Beschreibung  des  da- 
maligen Rom  und  des  Ceremoniels  der  kirchlichen  Feste  in  sein 
Gedenkbuch  einzutragen,  sondern  auch  antike  Inschriften  aus  Pavia 
und  Rom  mit  gröfster  Genauigkeit  und  Sorgfalt  copirt;  alles  direct 
auf  den  heidnischen  Cult  bezügliche  hat  er  jedoch  in  frommem  Ab- 
scheu weggelassen2). 

Durch  besondere  Lernbegierde  zeichnete  sich  auch  Ermenrich 
aus,  ein  Elwanger  Mönch.  Wie  Walafrid,  ging  auch  er  nach  Fulda, 
wo  er  Hrabans  und  Rudolfs  Schüler  wurde.  Besondere  Freundschaft 
verband  ihn  mit  Hrabans  Neffen,  dem  Diakon  und  königlichen  Kaplan 
Gundram,  welcher  der  fuldischen  Zelle  Solenhofen  Vorstand,  und  die- 
sem, der  den  Stifter  seiner  Kirche,  S.  Sola,  feierlich  transferirt  hatte, 
zu  Liebe  schrieb  er  das  Leben  desselben  und  übersandte  es  Hraban 
zur  Durchsicht3).  Sola  gehörte  zu  den  Begleitern  des  h.  Bonifaz; 
Ermenrich  standen  aber  nur  mündliche  Erzählungen  Uber  ihn  zu 
Gebote,, und  der  geschichtliche  Werth  seiner  Nachrichten  ist  daher 
unbedeutend.  Wo  er  dieses  Werk  geschrieben  hat,  wissen  wir  nicht; 
vielleicht  in  Nieder- Altaich,  da  auch  Gozbald,  der  Abt  dieses  Klosters 
und  von  842 — 855  Bischof  von  WUrzburg,  sein  Lehrer  gewesen  ist. 

An  diesen  sandte  er,  schon  als  Priester,  eine  kleine  Schrift  in 
Form  eines  Dialogs,  über  die  Gründung  seines  Klosters  El  wangen, 
das  Leben  des  Stifters  Hariolf,  König  Pippins  Zeitgenossen,  Bru- 
ders und  später  Nachfolgers  des  Bischofs  Erlolf  von  Langres,  und 
die  Wunder,  welche  man  ihm  zuschrieb4). 

«)  Ueber  ihn  Bähr  S.  100-105.  217-219.  398-401. 

3)  Mab.  Anal.  p.  358.  Ilänel  in  Jahn  und  Seebode’s  Archiv,  5.  Supplement- 
band S.  115.  Monunsen  in  den  Berichten  über  die  Verhandlungen  der  K.  Sachs. 
G.  d.  W.  Phil.  hist.  CI.  1850.  IV,  287.  Rhein.  Museum  1854.  IX,  296. 

3)  Als  Ilraban  noch  Abt  war,  also  vor  842.  Gedruckt  mit  den  Briefen, 
welche  sich  darauf  beziehen,  bei  Canis.  II,  2,  169—175.  Vgl.  Retlberg  11,360. 

4)  Vita  Hariolii  cd.  Pertz,  Mon.  SS.  X,  11 — 15. 


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Ermenrich  von  Eiwangen. 


149 


Im  Jahre  849  finden  wir  Ermenrich  wieder  im  Kloster  Reichenau 
als  Schüler  Walafrids;  als  dieser  seine  unglückliche  Reise  nach 
Frankreich  antrat,  berief  ihn  Gozbert  nach  S.  Gallen,  um  dort  seine 
Studien  fortzusetzen.  Walafrid  hatte  sterbend  das  Versprechen  un- 
erfüllt gelassen,  das  Leben  S.  Galls  metrisch  zu  bearbeiten,  und 
stürmisch  gedrängt  von  Gozbert  dem  Kahlkopf,  dem  Neffen  des 
Abtes,  übernahm  Ermenrich  diese  Aufgabe,  scheint  sie  jedoch  unvoll- 
endet gelassen  zu  haben  *).  Er  schrieb  aber  854  oder  855  einen  Brief  an 
den  Abt  Gozbert,  der  von  der  Grammatik  und  vielen  anderen  Dingen 
handelt  und  in  der  schwülstigen,  gezierten  Weise  vieler  Gelehrten 
der  damaligen  Zeit  verfafst  ist;  eine  Schreibart,  die  auch  das  Leben 
des  h.  Sola  entstellt  und  am  wenigsten  in  dem  Leben  Hariolfs  her- 
vortritt3). Es  enthält  aber  jener  Brief  auch  einige  wichtige  geschicht- 
liche Daten  und  eine  Lobpreisung  der  gelehrten  S.  Galler  Mönche, 
welche  zur  Ergänzung  der  dortigen  Klosterchronik  dient. 

In  der  Aufschrift  dieses  Briefes  hat  eine  etwas  spätere  Hand 
zu  dem  Namen  Ermenrich  das  Wort  Bischof  gesetzt,  und  man  hat 
deshalb  nicht  ohne  Wahrscheinlichkeit  geschlossen,  dafs  der  Verfasser 
identisch  ist  mit  dem  gleichnamigen  Bischof  von  Passau,  den  Ludwig 
der  Deutsche  867  zu  den  Bulgaren  sandte,  und  dessen  Tod  am 
26.  Dec.  873  sich  in  alamannischen  Jahrbüchern  und  im  Todtenbucbe 
von  Reichenau  verzeichnet  findet3). 

Ermenrichs  Name  ist  dann  auch  gemifsbraucht  in  einer  häfs- 
lichen  Betrügerei,  dem  angeblichen  Leben  des  h.  Magnus  von 
Theodoras,  das  bei  der  Uebertragung  der  Gebeine  in  der  Mitte  des 
neunten  Jahrhunderts  in  8.  Magnus  Grab  soll  gefunden  sein.  Der 
Bischof  Lanto  von  Augsburg  soll  dann  den  Elwanger  Mönch  Ermen- 
rich veranlafst  haben,  das  kaum  noch  lesbare  Denkmal  zu  erneuen. 
So  wird  dort  erzählt;  die  Art,  wie  Ermenrichs  Name  erwähnt  wird, 
macht  es  aber  nicht  wahrscheinlich,  dafs  wirklich  er  selbst  zu  dieser 
Fälschung  seine  Hand  geboten  habe4). 

J)  Ein  Stück  davon  Mon.  SS.  II,  31 — 33. 

*)  Dieses  erwähnt  Ermenrich  in  dem  Briefe  mit  folgenden  Worten:  Adjunxi 
autem  et  huic  operi  breve  opusculum,  quod  de  inceptione  nostri  coenobii  et  fra- 
trum  ibidem  Deo  famulantium  vita  conscripsi  ipsaque  dicta  viro  per  omnia  doctis- 
simo  Gozbaldo  episcopo  vel  approbanda  seu  refutanda  commendavi.  Diese  Worte 
lassen  kaum  daran  zweifeln,  dafs  die  Vita  Hariolii  gemeint  ist,  obgleich  von  den 
Elwanger  Mönchen  nur  wenig  darin  vorkommt.  Dafs  ein  ariderer  Ermenrich  aus 
Reichenau  zu  derselben  Zeit  eine  Geschichte  dieses  Klosters  verfafst  und  ebenfalls 
an  Gozbald  gesandt  haben  sollte,  ist  unglaublich.  Gedruckt  ist  der  Brief  an  Goz- 
pert  auszugsweise  in  Mabillons  Analecten  IV,  329,  und  in  der  zweiten  Ausgabe 
p.  420  — 422.  — 3)  Dümmler,  Piligrim  von  Passau  S.  144. 

4)  S.  Stalin  1, 167.  Rettberg  II,  147.  Das  letzte  Stück  mit  der  Translations- 
geschichte Mon.  SS.  IV,  382.  425-427. 


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150 


II.  Karolinger.  § 17.  Schwaben.  § 18.  Baiern. 


Auch  Reichenau  bezog  wie  Fulda  seine  Reliquien  aus  Italien, 
doch  scheint  man  damit  wenig  Glück  gehabt  zu  haben.  Die  Mönche 
behaupteten  zwar,  im  J.  830  den  Leib  des  heiligen  Marcus  des 
Evangelisten  aus  Venedig  erhalten  zu  haben,  aber  man  wollte  es 
ihnen  nicht  glauben,  und  ihre  eigene  Erzählung  (Mon.  SS.  IV,  450) 
läfst  den  Betrug  sehr  deutlich  erkennen.  Nicht  besser  scheint  es 
ihnen  mit  der  heiligen  Fortunata  und  ihren  Brüdern  ergangen  zu 
sein,  welche  ein  wackerer  Schwabe  im  Jahre  874  von  einer  Heer- 
fahrt Kaiser  Ludwigs  II  nach  Hause  schickte.  Denn  wie  es  scheint, 
holte  Sr  sie  aus  der  Kirche  in  Torre  di  Patria,  von  wo  sie  jedoch 
bereits  um  das  Jahr  780  nach  Neapel  in  das  Nonnenkloster  des 
h.  Gaudiosus  übertragen  waren.  Auf  Neapel  aber  pafst  die  Be- 
schreibung nicht,  und  dort  fahren  auch  die  Heiligen  fort,  die  schön- 
sten Wunder  zu  thun,  während  ihre  Anwesenheit  in  Reichenau  so 
wenig  Beachtung  fand,  dafs  die  Herausgeber  der  Acta  Sanctorum 
nichts  davon  erfahren  haben1). 

')  Acta  SS.  Oct.  Vf,  456.  Die  Geschichte  selbst  theile  ich  hier  mit,  da  sie 
nur  kurz  und  meines  Wissens  ungedruckt  ist;  sie  ist  entnommen  aus  den  Mün- 
chener Handschriften  Cod.  lat.  4608.  olim  S.  Emm.  108.  fol.  216.  und  9506.  olim 
Oberalt.  6.  fol.  23.  beide  Saec.  XII. 

Qualiter  autem  Corpora  sanctorum  ad  nos  idest  Augiam  insutam  delata  sint, 
paucis  monstrabimus.  Lotharius  rex  duos  filios  regni  quod  in  partem  stiam  contra 
fratres  suos  susceperat,  moriens  reliquit  heredes,  Hudovuicum  scilicet  et  Lotharium. 
Hudouvicum  praeposuit  Italiae  et  ei  cohaerentibus  provineiis,  Lodharium  parti  quam 
in  Francia  tenuit.  Irruentibus  autem  in  Campaniam  Sarracenis,  et  non  per  paucos 
annos  ibidem  cuncta  vastantibus,  praedictus  rex  ad  ereptionem  iam  dictae  provin- 
ciae  obviam  Sarracenis  perrrxit,  exercitu  undique  contracto.  Contigit  autem,  ut 
cum  domino  suo  quidam  vassallus  ex  Alamannia  nobiliter  natus  eidem  exercitui 
interesset,  lilteris  non  mcdiocriter  doctus,  ingenio  etiam  subtilis  et  ad  omne  bonum 
vivaciter  strennuus.  Ilic  qurndam  presbyterum  inibi  habuit  hospitem,  quem  de 
diversis  rebus  praedictus  iuvenis  sciscitatus  est,  maxime  de  reliquiis  sanctorum,  si 
alicubi  inveniri  possent,  quas  suo  iuri  assciscere  valeret.  Annuit  senior,  et  vo- 
lunlati  iuvenis  paratissimus,  indicavit  ubi  corpora  beatorum  marlyrum  Fortunatae 
virginis  et  fratrum  illius,  Carponii,  Euagristi  et  Prisciani,  in  quadam  permagna  ec- 
clesia  essent  rerondita,  quam  iam  fratres  ibi  Christo  servientes  ob  Sarraeenorum 
infestam  deserebant  persecutionem ; tres  tantum  ibi  iam  pauperrimi  effecti  reman- 
serant,  ne  sanctorum  rehquiae  sine  custodia  et  obsequio  canonicarum  horarum  exi- 
sterent.  Sequitur  ergo  iuvenis  cum  multitudine  maxima  praeeuntem  monachum  et 
presbyterum  usque  ad  loca  sepulchrorum.  Quae  praemissa  oratione  aperientes  in- 
venerunt  pulcherrimo  roarmore  subtus  et  supra  dextra  laevaque  tumbas  composi- 
tas;  reliquias  sanctae  virginis  Fortunatae  semotim  in  una,  in  altera  autem  lumba 
simul  fratrum  eius  sancta  reppererunt  corpora.  Quae  tollentes,  cum  timore  et  re- 
verentia  condiderunt  in  scriniis,  et  abierunt  ad  diversorium.  Statimque  postea  ut 
spacium  habuit  praedictus  iuvenis,  ipsa  sanctorum  corpora  in  Alamanniam  ad  Au- 
giam direxit  insulam,  anno  ab  incarnatione  domini  dccc.  lxx.  iiii.  indictione  vii.  anno 
xxx.  v.  regni  Iludovuici  regis  in  orientali  Francia.  Sancti  autem  viri  qui  haerendo 
excubiis  sanctorum  in  praefata  basilira  ubi  sepulta  fuerant  corpora  sanctorum  re- 
manserant,  ut  viderunt  aperiri  sepulchra  et  sacras  auferri  reliquias,  cruciabant  se- 
met  ipsos  fletibus,  et  niuiio  eiulatu  capiüosque  suis  de  capitibus  extrabentes,  pe- 


Reichenau.  Rheinau.  Weifsenau,  Augsburg. 


151 


In  Rheinau  wurde  gegen  das  Ende  dieses  Jahrhunderts  das 
Leben  eines  Schottenmönches,  desh.  Findan,  aufgezeichnet  (f878), 
welches  für  das  Treiben  dieser  fremden  Pilger  charakteristisch  und 
durch  einige  Stellen  in  irischer  Sprache  merkwürdig,  übrigens  aber 
sehr  fabelhaft  und  geschichtlich  wenig  bedeutend  ist1).  Fast  überall 
finden  wir  theils  die  ascetische,  theils  die  formale  Richtung  vor- 
herrschend in  der  Litteratur  dieser  Zeit,  den  historischen  Sinn  aber 
noch  wenig  entwickelt. 

Nur  ein  Weifsenauer  Mönch  setzte  das  früher  erwähnte  Bre- 
vier Erchenberts  fort  durch  eine  kurze  Uebersicht  über  die  Theilun- 
gen  und  Regentenfolge  im  karolingischen  Reiche.  Er  schrieb  bald 
nach  der  Kaiserkrönung  Karls  des  Dicken  (881),  von  dem  er,  wie 
die  Alamannen  überhaupt,  mit  grofser  Verehrung  spricht2). 

Auch  in  der  Bischofstadt  Augsburg  war  ein  gelehrter  und 
ausgezeichneter  Bischof,  Adalbero  (887 — 910),  der  Erzieher  Lud- 
wigs des  Kindes,  ein  vertrauter  Freund  der  S.  Galler  Lehrer,  und 
vermuthlich  derselbe,  welchem  Regino,  der  seiner  mit  grofsem  Lobe 
gedenkt,  seine  Chronik  widmete;  wir  haben  eine  Biographie  von  ihm, 
sie  ist  aber  erst  im  zwölften  Jahrhundert  geschrieben  und  gewährt 
uns  keine  Belehrung*). 


§ 18.  Baiern. 

Baiem,  wo  schon  unter  den  Agilolfingem  eine  rege  litterarische 
Thätigkeit  begonnen  hatte,  zeigt  auch  in  diesem  Abschnitte  Spuren 
derselben,  und  es  wird  an  geschichtlichen  Aufzeichnungen  in  den 
zahlreichen  und  blühenden  Klöstern  des  Landes  nicht  gefehlt  haben, 
obgleich  im  Ganzen  die  Bedürfnisse  des  praktischen  Lebens,  der 
Geschäftsthätigkeit  und  des  Schulunterrichts  die  Kräfte  überwiegend 
in  Anspruch  nahmen.  Doch  ist  in  den  Verheerungen  des  Landes 
durch  die  Ungern  ohne  Zweifel  vieles  zu  Grunde  gegangen. 

In  Freising  zeugen  die  zahlreichen  grammatischen  Hand- 
schriften aus  dem  neunten  und  zehnten  Jahrhundert4)  von  eifrigen 
Studien.  Nach  Aribo,  dessen  wir  schon  früher  gedachten,  machte 

ctoraque  et  ora  pugnis  ferientes,  eatenus  recedentes  secuti  sunt,  quousque  eursum 
exinde  recedere  festinantium  consequi  non  valuerunt 

*)  Mone,  Quellensammlung  S.  54;  vgl.  Rettberg  II,  125.  — Ueber  die  Vita 
S.  Reginswindis  (-j- 837  in  Laufen)  Acta  SS.  Jul.  IV,  90 — 96,  und  Meinradi 
(-j-  861)  Jan.  II,  382,  s.  Stalin  I,  238.  239.  Beide  sind  späteren  Ursprungs.  Mein- 
rad soü  unter  Haito  Mönch  in  Reichenau  geworden  sein,  wo  er  unterrichtet  war. 
Er  liefe  eine  ihm  anvertraute  Schule  im  Stich,  um  in  der  Einsamkeit  zu  leben, 
wo  Räuber  ihn  erschlugen. 

*)  Mon.  SS.  II,  329.  — »)  S.  Mon.  SS.  IV,  382. 

*)  Pez  Thes.  I,  Praef.  p.  XXVII. 


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152  II.  Karolinger.  § 18.  Baiern.  § 19.  Frankreich. 

sich  hier  der  Bischof  Hitto  (810 — 835)  sehr  verdient;  er  veranlafste 
seinen  Notar  Cozroh,  das  höchst  schätzbare  Traditionsbuch  der 
Kirche  anzulegen,  welches  dann  von  demselben  unter  seinem  Nach- 
folger Erchanbert  (bis  853)  fortgesetzt  wurde l).  Auch  Waldo  ( 884 
bis  906)  ein  Bruder  Salomons  III  von  Konstanz  zeichnete  sich  durch 
seine  wissenschaftliche  Bildung  aus,  und  scheint  auch  als  Bischof 
in  dieser  Richtung  thätig  gewesen  zu  sein3). 

Von  Regensburg  entnahm  Ludwig  der  Deutsche  einen  Cle- 
riker,  der  des  Schreibens  und  Lesens  kundig  war,  für  seine  Kapelle*); 
auch  hier  sammelte  Anamod  die  Urkunden  über  Schenkungen  an 
das  Kloster  S.  Emmerams  und  eignete  das  Werk  dem  Bischof  Aspert 
zu,  welcher  Kaiser  Arnulfs  Kanzler  gewesen  war.  Hier  verwahrte 
man  auch  jene  merkwürdige  Aufzeichnung  Uber  die  Gaue  der  Slaven, 
welche  aus  einer  Handschrift  von  S.  Emmeram  durch  Hormayr  zu- 
erst bekannt  gemacht  ist*). 

In  Nieder- Altaich  finden  wir  als  Abt  den  Gozbald,  wel- 
cher 833  als  Gesandter  Ludwigs  des  Deutschen  erwähnt  wird,  von 
842 — 855  Bischof  von  Wirzburg ; ihn  nennt  Ermenrieh  von  Eiwangen 
seinen  Lehrer.  Vielleicht  in  diesem  Kloster,  gewifs  in  Baiern,  ist 
die  treffliche  Fortsetzung  der  Fulder  Annalen  von  882  — 901  ge- 
schrieben, welche  schon  oben  erwähnt  wurde. 

In  Eichstedt  liefs  B.  Erchanbald  (882 — 912)  nicht  nur  viele 
Bücher  abschreiben,  sondern  er  veranlafste  auch  den  Priester  Wolf- 
hard, das  Leben  der  h.  Walpurga5)  zu  schreiben,  der  Schwester 
Willibalds  — eine  der  zahlreichen  Aufzeichnungen  solcher  Art,  welche 
diese  Zeit  mit  ihrer  immer  wachsenden  Heiligenverehrung  hervor- 
brachte, weniger  durch  geschichtlichen  Sinn  als  durch  das  Bedttrf- 
nifs  einer  Legende  veranlafst  und  mit  Wundergeschichten  überreich 
ausgestattet.  In  ausgedehntestem  Mafse  sorgte  aber  Wolfhard  für 
die  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses  durch  das,  ebenfalls  auf  Veran- 
lassung des  Bischofs  Erchanbald  von  ihm  gesammelte,  schon  früher 
erwähnte  grofse  Legendarium. 

Aus  Salzburg  endlich  ist  uns,  aufser  urkundlichen  Aufzeich- 
nungen und  der  Erzählung  von  der  Uebertragung  des  h.  Her- 

*)  Meicheib.  Hist.  Fris.  1,1,115.  K.  Roth,  Kozroh’s  Mönches  zu  Freising, 
Renner  über  die  ältesten  Urkunden  des  Bisthums  Freising.  1.2.  Heft.  1854.  8.  Vgl 
dess.  Beiträge.  — 3)  S.  Dümmler,  Formelbuch  Salomons  III,  S.  154. 

3)  B.  Pez  Thes.  1,3,  199,  wo  p.  191 — 286  Anamods  Codex  Traditionum  ge- 
druckt ist. 

*)  Archiv  f.  östr.  Gesch.  1827.  S.  282.  Boczek  Cod.  Dipl.  Moraviae  I,  67. 
Zeufs,  die  Deutschen  und  ihre  Narhbarstämme  S.  600. 

5)  Acta  SS.  Feb.  111,  523.  Mab.  III,  2,  287.  Vgl.  den  Anon.  Haser.  c.  3.  10. 
Mon.  SS.  VII,  255.  256.  Rettberg  II,  359. 


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Freising.  Regensburg.  Eichstedt.  Salzburg. 


153 


mes1)  aus  Rom  vom  J.  851,  ein  überaus  ■werthvolles  Denkmal  er- 
halten, eine  Denkschrift,  welche  durch  die  Errichtung  eines  selb- 
ständigen mährischen  Erzbisthums  veranlafst  und  871  dem  Könige 
überreicht  wurde.  Die  Verdienste  und  Berechtigungen  der  Salzburger 
Kirche  sollten  darin  dargestellt  werden,  und  wie  billig  steht  an  der 
Spitze  das  alte  Leben  des  h.  Rupert,  welches  wohl  ohne  Zweifel 
schon  in  älterer  Aufzeichnung  vorhanden  war.  Die  weitere  Erzäh- 
lung stützt  sich  durchweg  auf  Urkunden  und  andere  Aufzeichnungen 
der  Kirche,  es  ist  mehr  eine  rechtliche  Deduction,  als  ein  eigent- 
liches Geschichtswerk , und  weil  der  Verfasser  sich  streng  auf  das 
beschränkt,  was  für  seinen  Zweck  von  Wichtigkeit  war,  anderes, 
wie  namentlich  die  ganze  Wirksamkeit  des  Bonifaz,  völlig  mit  Still- 
schweigen übergeht,  genügt  die  Schrift  unseren  Wünschen  nicht,  aber 
was  sie  giebt,  ist  unschätzbar,  und  bei  dem  fast  gänzlichen  Mangel 
anderer  Quellen  Uber  die  Verhältnisse  dieser  südöstlichen  Lande,  bei 
dem  Verlust  der  Annalen,  von  denen  nur  geringe  Reste  übrig  ge- 
glichen sind,  ist  jedes  Wort  des  Verfassers  von  hohem  Werthe 
für  uns2). 

§ 19.  Frankreich. 

Der  Vertrag  von  Verdun  besiegelte  die  politische  Theilung  des 
karolingischen  Reiches,  aber  er  zerstörte  nicht  die  Gemeinsamkeit 
der  litterarischen  Entwickelung.  Diese  beruhte,  besonders  in  Deutsch- 
land und  Frankreich,  Jahrhunderte  lang  ausschliefslich  auf  der  Geist- 
lichkeit, die  von  dem  Gefühl  erfüllt  war  eine  grofse  Corporation  zu 
bilden,  deren  Mitglieder  in  den  verschiedenen  Ländern  sich  sehr 
häufig  einander  näher  verbunden  fühlten  als  mit  den  Laien  ihres 
Volkes.  Dieses  Gefühl  der  Gemeinschaft  tritt  auch  in  späterer  Zeit 
häufig  aufserordentlich  stark  hervor;  ganz  besonders  lebhaft  aber 
war  es,  so  lange  die  Karolinger  herrschten  und  die  Erinnerung  an 
die  Einheit  des  Kaiserreiches  noch  die  Gemüther  erfüllte.  In  der 
Litteratur  sind  es  jedoch  die  kirchlichen  Fragen,  in  denen  die  Ge- 
meinsamkeit der  Bildung  wie  der  Interessen  sich  vornehmlich  zeigt; 
die  überaus  reiche  und  bedeutende  theologische  Litteratur  des  neun- 
ten Jahrhunderts  läfst  sich  gar  nicht  getrennt  behandeln.  In  der 
historischen  dagegen  verhält  es  sich  anders;  diese  wird  naturgemäfs 

*)  Translatio  S.  Hermelis.  Hansiz  Germ.  Sacr.  II,  929. 

2)  Ausgabe  von  Waltenbach,  Mon.  SS.  XI,  1 — 15.  Vgl.  Dess.  Beiträge  zur 
Gescb.  d.  christl.  Kirche  in  Mähren  und  Böhmen,  Wien  1849.  8.  Diimmler,  die 
pannonische  Legende  vom  h.  Method,  im  Archiv  f.  Kunde  östr.  Gesch.  Quellen  XIII. 
Ginze),  Gesch.  d.  Slawenapostel  Cyrill  u.  Method,  Leitm.  1857.  Nicht  unwichtig 
sind  auch  die  Versus  de  ordine  comprovincialium  episcoporum,  zwischen  835  und 
858  verfafst  bei  Mab.  Anal.  ed.  II.  p.  346. 


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154 


II.  Karolinger.  § 19.  Frankreich. 


von  der  politischen  Trennung  weit  stärker  berührt  und  sondert  sich 
rascher  in  verschiedene  Zweige.  Alles  was  die  Localgeschichte  be- 
trifft,  gewinnt  nur  noch  in  einzelnen  Fällen  Bedeutung  für  das 
Nachbarland;  die  bedeutenderen  Werke  allgemeinerer  Art  aber  dür- 
fen nicht  aufser  Acht  gelassen  werden,  und  bei  der  engen  Verbin- 
dung der  karolingischen  Theilreiche  finden  wir  in  diesen  immer  auch 
die  Nachbarländer  wenn  nicht  gleichmäfsig,  so  doch  mit  wenig  ge- 
ringerer Sorgfalt  berücksichtigt,  wie  das  eigene.  Vor  allem  gilt  das 
von  der  Beichshistoriographie  der  Annalen.  Wie  die  Fulder  An- 
nalen auch  für  Frankreich  von  Wichtigkeit  sind,  so  die  Bertinia- 
ni sehen1)  für  Deutschland. 

Einhards  Annalen  bilden  für  beide  Reiche  gleichmäfsig  den 
Ausgangspunkt;  während  man  aber  am  ostfränkischen  Hofe  diese 
Aufgabe  erst  nach  einiger  Zeit  wieder  aufnahm,  trat  im  westlichen 
Franken  keine  Unterbrechung  ein,  und  wir  finden  schon  in  den  Jah- 
ren 830  bis  835  eine  gleichzeitige  Fortsetzung.  Das  Kloster  S.  Bertin 
hat  nur  deshalb  den  Namen  dazu  hergegeben,  weil  diese  Annalen 
zuerst  aus  einer  Handschrift  desselben  bekannt  wurden;  sie  tragen 
einen  durchaus  universellen  Charakter  und  haften  an  keinem  be- 
stimmten Orte.  Die  weitere  Fortsetzung  bis  zum  Jahre  861  hat  den 
Prudentius*)  zum  Verfasser,  einen  Spanier,  der  am  französischen 
Hofe  lebte  und  später  (vor  817)  Bischof  von  Troyes  wurde.  Der 
Brief  Hinkmars,  welcher  allein  uns  die  Kunde  von  Prudentius  Autor- 
schaft erhalten  hat,  zeigt  zugleich  dafs  die  Urschrift  des  Werkes  in 
des  Königs  Händen  war  und  bestätigt  dadurch  den  officiellen  Cha- 
rakter desselben.  Die  Fortsetzung  aber  hat  dann  Hink  mar  selber 
übernommen,  der  Erzbischof  von  Keims  und  der  bedeutendste  Staats- 
mann im  Reiche  Karls  des  Kahlen;  er  hat  sie  bis  zum  Jahre  882, 
dem  Jahre  seines  Todes  fortgeführt3).  Niemand  wird  bezweifeln, 
von  wie  hohem  Werthe  für  die  Geschichte  die  ausführlichen  und 
sorgfältigen  Aufzeichnungen  eines  Mannes  sind,  der  selber  eine  so 
hervorragende  Stellung  einnahm;  aber  eben  so  einleuchtend  ist  es 
auch,  dafs  an  eine  unbefangene  Darstellung  der  Zeitereignisse  hier 
nicht  zu  denken  ist.  Zu  doppelter  Vorsicht  aber  mufs  uns  veran- 

l)  Annales  Bertiniani  ed.  Prrtz.  Mon.  SS.  1,419 — 515.  Vgl.  II,  193  die  Va- 
rianten der  Brüsseler  Handschrift.  Bähr  S.  167.  — *)  Bähr  S.  453 — 456. 

8)  Ueber  ihn  Bähr  S.  507 — 523.  Opera  neu  abgedr.  bei  Migne  Vol.  CXXV. 
CXXVI.  Pritchard,  the  Life  and  Times  of  Hinrmar.  Liltlemore  1849.  8.  Auch 
seine  übrigen  Schriften  sind  zum  Theil  von  bedeutender  Wichtigkeit  für  die  Ge- 
schichte der  Zeit;  die  für  Karlmann  geschriebene  Darstellung  von  Karls  des  Grofscn 
Regierungsweise  nach  Adalhard,  ist  schon  oben  S.  137  erwähnt.  Als  Verfasser 
der  Annalen  nennt  ihn  Richer  im  Prolog  seiner  Geschichte. 


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Ann,  Bertiniani,  Vedastini.  Abbo. 


155 


lassen,  dafs  sieh  Hinkmar  zur  Entstellung  der  Geschichte  auch  vor 
Fälschungen  nicht  gescheut  hat,  -wie  ihm  das  von  P.  Roth  in  seiner 
Geschichte  des  Beneficialwesens  nachgewiesen  ist 

Mit  Hinkmars  Tode  versiegte  in  Frankreich  noch  früher  wie  in 
Deutschland  diese  Art  der  Geschichtschreibung,  wie  denn  auch  der 
Verfall  des  Reiches  hier  noch  rascher  und  unaufhaltsamer  eintrat 

Allein  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie  wir  in  Deutschland  neben 
den  Reichsannalen  die  Jahrbücher  von  Xanten  finden,  wie  auch  nach 
dem  Uebergange  der  amtlichen  Geschichtschreibung  an  die  Baiern 
die  Jahrbücher  von  Fulda  unabhängig  aus  freiem  Antriebe  weiter 
fortgesetzt  wurden,  so  stehen  auch  in  Frankreich  den  Annalen  Hink- 
mars die  Jahrbücher  von  S.  Vaast1)  bei  Arras  zur  Seite.  Sie  rei- 
chen von  874  bis  900;  vielleicht  ist  aber  was  uns  vorliegt  nur  ein 
Bruchstück.  Auf  das  Kloster  des  h.  Vedast  weisen  mehrere  Stellen 
hin,  aber  die  Absicht  des  Verfassers  war,  die  Geschichte  des  west- 
fränkischen Reiches  zu  schreiben ; die  Darstellung  ist  ausführlich  und 
umfassend,  nnd  dabei  frei  von  den  Rücksichten,  welche  in  den  Ber- 
tinianischen  Annalen  unverkennbar  sind.  Wie  in  Deutschland  die 
Xantener  Annalen,  bo  blieben  auch  hier  die  Vedastiner  fast  unbekannt; 
in  Reims  wufste  man  nichts  von  ihnen,  als  Richer  seine  Geschichte 
schrieb,  und  wir  haben  ihre  Erhaltung  als  einen  besonderen  Glttcks- 
fall  zu  betrachten. 

So  finden  wir  also  auch  in  Frankreich  diese  Art  der  gleich- 
zeitigen Geschichtschreibung  bedeutend  entwickelt,  bis  sie  durch  den 
Verfall  des  Reiches  erstickt  wird.  Von  Aufzeichnungen  anderer  Art 
ist  nur  noch  die  poetische  Behandlung  der  Belagerung  der  Stadt 
Paris  durch  die  Normannen  vom  Nov.  885  bis  Jan.  887  zu  erwäh- 
nen, verfafst  von  Abbo’),  einem  Mönche  von  S.  Germain  bei  Paris, 
zur  Verherrlichung  seines  Heiligen ; schätzbar  durch  ihren  Inhalt,  da 
der  Dichter  diese  Ereignisse  selbst  mit  durchlebt  hatte,  aber  kaum 
als  Geschichtswerk  zu  rechnen.  Im  Allgemeinen  Uberwog  in  Frank- 
reich noch  mehr  wie  in  Deutschland  die  Richtung  auf  theologische 
nnd  philosophische  Gelehrsamkeit;  die  kirchlichen  Fragen  beschäf- 
tigten die  Geister  im  höchsten  Grade  und  die  wissenschaftliche  Thä- 
tigkeit,  welche  Karl  der  Kahle  bei  aller  Schwäche  seiner  Regierung 
lebhaft  begünstigte,  kam  der  Geschichte  wenig  zu  Gute.  Denn  die 
Ueberarbeitung  oder  auch  neue  Aufzeichnung  älterer  Heiligenleben, 

*)  Annales  Vedastini  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  I,  516  — 531,  und  nach  Auffindung 
der  Brüsseler  Handschrift  in  verbessertem  Abdruck  II,  196 — 209.  Vgl.  Dümmler 
de  Arnulfo  rege  p.  176. 

*)  Abbonis  de  bellis  Parisiacae  urbis  libri  III  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  II,  806 — 839. 
Bähr  S.  123. 


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156 


□.  Karolinger.  § 20.  Italien. 


welche  auch  hier  vielfach  vorkommt,  hatte  mehr  einen  liturgischen 
Zweck;  die  Form  ist  die  Hauptsache  dabei  und  von  ernstlicher  ge- 
schichtlicher Forschung  nicht  die  Rede. 

§ 20.  Italien. 

W.  Giesebrecht,  De  litorarum  «tudiU  »pud  Italoe.  1854.  4. 

In  auffallendem  Gegensätze  gegen  die  beiden  fränkischen  Reiche 
steht  Italien.  Hier  war  die  Geistlichkeit  unberührt  von  der  Boni- 
fezischen  Reform;  ihr  fehlte  der  wissenschaftliche  Sinn,  welcher  vor- 
nehmlich von  den  Angelsachsen  ausgehend  die  fränkische  Kirche 
durchdrungen  hatte,  und  an  den  theologischen  Fragen,  die  dort  im 
neunten  Jahrhundert  so  eifrig  erörtert  wurden,  nimmt  sie  keinen 
Antheil.  Eben  so  wenig  übt  der  königliche  Hof  hier  eine  bedeu- 
tende Einwirkung,  und  niemand  machte  auch  nur  den  Versuch,  die 
Reiehsgeschichte  in  zusammenhängender  Darstellung  für  die  Nach- 
welt aufzuzeichnen.  Weit  bedeutender  tritt  der  römische  Hof  hervor, 
wo  die  amtlichen  Aufzeichnungen  über  die  Thätigkeit  der  einzelnen 
Päpste,  deren  wir  schon  früher  gedachten,  immer  fortgesetzt1),  und 
gerade  in  diesem  Jahrhundert  ausführlicher  und  reicher  wurden,  so 
dafs  sie  sich  mit  den  Reichsannalen  vergleichen  lassen.  In  Bezug 
auf  die  Darstellung  und  historische  Kunst  stehen  sie  aber  weit  da- 
gegen zurück;  es  scheint  den  Verfassern  ein  solches  Bestreben  ganz 
fern  gelegen  zu  haben.  Der  Bibliothekar  Anastasius,  dem  man 
früher  das  ganze  Werk  zuschrieb,  ein  gelehrter  Mann,  der  verschie- 
dene Werke  aus  dem  Griechischen  übersetzt  hat,  ist  vielleicht  der 
Verfasser  des  Lebens  Nikolaus  I,  jenes  gewaltigen  Papstes,  der  den 
schwachen  Karolingern  gegenüber  die  Weltherrschaft  des  römischen 
Stuhles  schon  dem  Ziele  nahe  führte.  Es  war  nicht  der  Vorrang 
wissenschaftlicher  Bildung,  worauf  der  Primat  des  h.  Petrus  sich 
gründete;  die  grammatischen  Studien  betrachtete  man  in  Rom  wegen 
ihrer  heidnischen  Antecedentien  und  der  Beschäftigung  mit  den  heid- 
nischen Schriftstellern  stets  mit  Abneigung,  und  völlig  bewufst  ver- 
achtete man  die  feinere  litterarische  Bildung.  Es  giebt  nichts  Cha- 
rakteristischeres dafür,  wie  die  Worte  des  päpstlichen  Legaten  Leo, 
mit  denen  er  im  J.  991  der  gallischen  Kirche  entgegentrat.  Diese 
hatten  durch  Gerbert  ausgesprochen,  es  sei  in  Rom  niemand  der 
eine  litterarische  Bildung  empfangen  habe  und  folglich  auch  niemand 
der  nach  den  kanonischen  Vorschriften  auch  nur  die  Weihe  zum 
Thürhüter  erhalten  dürfe.  Leo  erklärt  das  kurzweg  für  Ketzerei; 

*)  Liber  pontifiralis  oder  Gesta  Pontificum  Romanorum,  edd.  Blanchinus  et 
Vignolius  1718-1735  fol.  Murat.  SS.  III.  Bähr  S.  261—271. 


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Papstgeschichte.  Montecasino.  J 57 

auch  Petrus  habe  Bich  um  das  Vieh  von  Philosophen  nicht  beküm- 
mert und  sei  doch  Pförtner  des  Himmels  geworden1). 

Die  nachtheiligen  Folgen  einer  solchen  Auffassung  konnten  nicht 
ausbleiben ; aber  andererseits  bewahrte  man  auch  hier,  während  man 
sich  nie  durch  ideale  Bestrebungen  von  den  praktischen  Zwecken 
ablenken  liefs,  eine  aufserordentliche  Sicherheit  in  der  Behandlung 
der  kirchlich -politischen  Angelegenheiten,  und  der  Geschäftstil  der 
Curie  gewann  eine  ungemeine  Ausbildung  und  Festigkeit.  Die  Briefe 
der  Päpste  geben  davon  Zeugnifs,  und  die  erhaltenen  gröfseren  Samm- 
lungen aus  den  Zeiten  Nikolaus  I und  Johanns  VHI  sind  in  ihrer 
Art  wahrhaft  bewunderungswürdig.  Davon  erhielt  sich  auch  später 
bei  zunehmender  Barbarei  die  Tradition,  obgleich  mit  dem  Ende  des 
neunten  Jahrhunderts  die  Einwirkung  des  päpstlichen  Hofes  auf  die 
Kirche  diesseit  der  Alpen  fast  ganz  verschwand,  und  wie  hier  die 
Annalen,  so  verstummten  auch  in  Rom  die  Papstleben  mit  dem 
Jahre  891.  In  der  nächstfolgenden  Zeit  veranlafsten  noch  die  Strei- 
tigkeiten Uber  die  Besetzung  des  päpstlichen  Stuhles  und  die  Ge- 
schicke des  Papstes  Formosus  die  höchst  merkwürdigen  Streitschriften 
des  Priesters  Auxiliua a);  dann  aber  versinkt  hier,  während  die 
Factionen  der  römischen  Grofsen  Uber  den  Stuhl  Petri  streiten,  alles 
in  Schweigen,  und  für  lange  Zeit  geht  keine  Erscheinung  der  Litte- 
ratur  von  Rom  aus. 

Die  blühendsten  Klöster  Italiens  erlagen  alle  gegen  das  Ende 
dieses  Jahrhunderts  den  Sarazenen  oder  verkamen  durch  die  inneren 
Kriege  und  die  allgemeine  Unsicherheit  und  Verwilderung;  bis  dahin 
finden  wir  auch  in  ihnen  einige  Pflege  der  Wissenschaft,  welche  sich 
jedoch  mit  der  litterarischen  Bedeutung  der  transalpinischen  Klöster 
nicht  vergleichen  läfst.  In  dem  Mutterkloster  Montecasino  wurden 
im  J.  872  einige  Nachrichten  Uber  die  Geschichte  des  Klosters  und 
der  Fürsten  von  Benevent  aufgezeichnet,  welche  materiell  für  uns 
sehr  wichtig  sind,  aber  die  Form  ist  in  hohem  Grade  roh  und  man- 
gelhaft8). Im  J.  883  wurde,  wie  schon  früher  S.  Vincenz  am  Volturno, 

*)  Et  quia  vicarii  Petri  et  eius  discipuli  nolunt  habere  magislrum  Platonem 
neque  Virgilium  neque  Terentium  neque  ceteros  pecudes  philosophorum , qui  vo- 
iando  superbe  ut  avis  aerem  et  emergentes  in  profundum  ut  pisces  rnare,  et  ut 
pecora  gradientes  terram  descripserunt : dicilis  eos  nec  hostiarios  debere  esse,  quia 
tali  carmine  imbuti  non  sunt.  Pro  qua  re  sciatis  eos  esse  mcntitos,  qui  talia 
dixerunt.  Nam  Petrus  non  novit  talia,  et  hostiarius  coeli  effectus  est.  Mon.  SS.  III,  687. 

a)  Bähr  S.  530.  Dümmler  de  Arnulfo  p.  101. 

*)  Chronica  de  Monasterio  Sanctissimi  Benedicti  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  III,  198. 
Chron.  Casinense  ib.  222;  vgl.  Bethmann  im  Archiv  X,  389 — 395;  daselbst  ist  auch 
von  den  Übrigen  GeschichlsqueOen  des  langobardischen  Italiens  aus  dieser  Zeit 
Nachricht  gegeben. 


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Q.  Karolinger.  § 20.  Italien. 


so  auch  M.  Casino  von  den  Sarazenen  verwüstet,  und  die  Casinesen 
flüchteten  nach  Capua;  hier  schrieb  Erchempert  eine  Geschichte 
der  langobardischen  Fürsten  von  Benevent l),  an  das  Werk  das  Paulus 
Diakonus  anknüpfend,  bis  zum  J.  889.  In  schlichter  und  zuverlässi- 
ger Erzählung  berichtet  er  von  den  Schicksalen  dieser  Lande,  von 
den  Kriegen,  durch  welche  sie  verheert  wurden,  und  den  Verwüstun- 
gen der  Sarazenen;  sein  eigenes  Urtheil  Uber  die  Anstifter  des  Uebels 
hält  er  nicht  zurück,  sondern  spricht  es  häufig  mit  biblischen  Worten 
aus.  Die  feinere  karolingische  Bildung  ist  ihm  fremd,  aber  seine 
Sprache  ist  doch  weit  reiner,  wie  wir  sie  sonst  bei  den  Italienern 
dieser  Zeit  zu  Anden  gewohnt  sind,  und  sein  Werk  zeichnet  sich  da- 
her sehr  vortheilhaft  aus. 

Im  mittleren  Italien  war  im  Anfänge  des  neunten  Jahrhunderts 
das  KloBter  Farfa  in  blühendem  Zustande,  bis  auch  hier  die  Sara- 
zenen alles  wüste  legten.  Merkwürdiger  Weise  waren  hier  schon  im 
achten  Jahrhundert  immer  fränkische  Aebte.  Für  das  gute  Gedeihen" 
der  klösterlichen  Zucht  und  der  Schule  spricht  die  reine  Sprache, 
in  welcher  die  Geschichte  der  Gründung  des  Stiftes  und  seiner  Aebte 
bis  zum  Jahre  857  aufgezeichnet  ista). 

Ganz  aufserordentlich  barbarisch  dagegen  und  an  die  Werke 
des  achten  Jahrhunderts  erinnernd  ist  die  Langobardengeschichte  des 
Priesters  Andreas  von  Bergamo,  welcher  um  877  einen  Auszug 
aus  der  Geschichte  des  Paulus  Diakonus  machte  und  ihn  bis  auf 
seine  Zeit  fortsetzte  *).  Und  dieses  ist  fast  das  einzige  litterarische 
Erzeugnifs  der  Lombardei  im  neunten  Jahrhundert,  da  Claudius  von 
Turin  und  Dungal  als  Ausländer  nicht  zu  rechnen  sind4). 

Die  Itavennater  Bisthumsgeschichte  von  Agnellus  gegen  die 
Mitte  des  neunten  Jahrhunderts  verfafst6),  und  des  Diakon  Johannes 
Chronik  der  Bischöfe  von  Neapel6)  bis  872  sind  auch  nicht  eben 

*)  Hystoriola  Langobardorum  Beneventum  degentium  ed.  Pertz.  Mon.  SS.  111, 
240 — 264.  Vgl.  Bcthmann  S.  374. 

*)  Construclio  Farfeusis,  ed.  Belhmann.  Mon.  SS.  XI,  520 — 530. 

s)  Andrcae  presb.  Bergomatis  Chronicon , eigentlich  Adbreviatio  de  gestis 
Langobardorum,  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  III  231.  Belhmann  S.  367  ergänzt  den  Anfang. 

4)  Ebenso  wenig  kann  man  das  sog.  Chronicon  Brixiense,  oder  wenigstens 
was  uns  davon  erhalten  ist,  zu  den  Geschichtswerken  rechnen.  Mon.  SS.  111,238; 
vgl.  Belhmann  S.  401. 

s)  Murat.  SS.  II,  1 — 187.  Bähr  S.  220.  Schwülstiger  Bombast  wechselt 
mit  treuherzig  einfältiger  Erzählung;  Solöcismen  fehlen  nirgends.  Der  Inhalt  liegt 
der  deutschen  Geschichte  fern,  doch  sind  über  Kaiser  Karl  und  seine  Nachfolger, 
besonders  über  die  Schlacht  von  Fontenaille,  einige  merkwürdige  und  wichtige 
Stellen.  Für  die  frühere  Zeit  benutzte  Agnellus  aufser  vielen  Inschriften  und  der 
Langobardengescbichte  des  Paulus  auch  eine  sonst  unbekannte  Chronik  des  Bischöfe 
Maximian  von  Ravenna,  eines  Zeitgenossen  des  Kaisers  Justinian. 

6)  Murat.  SS.  I,  2,  291.  Bähr  S.  271. 


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Farfa.  Andreas  Bergomas.  Panegyrieus  Berengarii.  159 

geeignet,  die  litterarische  Bildung  der  italienischen  Geistlichkeit  in 
günstigerem  Lichte  erscheinen  zu  lassen. 

Es  würde  aber  ein  grofser  Irrthum  sein,  wenn  man  hiernach 
den  allgemeinen  Standpunkt  der  Bildung  in  Italien  beurtheilen  wollte. 
Aus  Verona  z.  B.  besitzen  wir  ein  langes  Gedicht  zum  Preise  des 
Bischofs  Adalhard  in  sapphischem  Versmafse,  aus  dem  Ende  des 
neunten  Jahrhunderts,  dessen  Correetheit  in  Erstaunen  setzt1).  Und 
im  überraschendsten  Gegensätze  zu  der  Barbarei  eines  Andreas  von 
Bergamo  tritt  uns  aus  dem  Anfänge  des  zehnten  Jahrhunderts  (zwi- 
schen 916  und  924)  ein  Werk  entgegen,  welches  in  Rücksicht  der 
Form  den  meisten  karolingischen  Productionen  ebenbürtig  zur  Seite 
steht,  nämlich  das  Lobgedicht  auf  den  Kaiser  Berengar3), 
dessen  ungenannter  Verfasser  die  Sprache  nicht  ohne  Gewandheit  be- 
handelt und  regelrechte  Hexameter  ohne  Anstofs  zu  fertigen  verstand. 
Andere  freilich  finden  sich  darunter,  welche  holperig  genug  sind,  und 
gesuchte  Ausdrücke,  verkünstelte  Constructionen  verdunkeln  nicht 
selten  den  Sinn.  Der  Unterschied  ist  nicht  schwer  zu  bemerken, 
wenn  plötzlich  der  melodische  Wohllaut  Virgils  oder  die  kunstvollen 
Verse  des  Statins  sich  vernehmen  lassen.  Das  sind  fremde  Federn, 
mit  denen  der  Autor  sich  geschmückt  hat;  Bilder  und  einzelne  Schlacht- 
scenen  machte  er  sich  auf  solche  Weise  zu  eigen. 

Die  Thaten  und  Schicksale  Berengars,  seine  Kämpfe  um  die 
Krone  Italiens  sind  es,  welche  er  schildert,  und  allem  Anschein  nach 
schrieb  er  bald  nach  der  Kaiserkrönung  seines  Helden  (24.  März  916). 
Er  war  also  ein  Zeitgenosse,  und  sein  Werk  ist  in  manchen  Einzel- 
heiten nicht  ohne  geschichtlichen  Werth.  Doch  ist  er  zu  sehr  Lob- 
redner und  zu  ungenau,  um  als  eigentliche  Geschichtsquelle  gelten 
zu  können.  Die  Verhältnisse  sind  nicht  ohne  Geschick,  aber  mit 
arger  Entstellung  so  gewandt,  dafs  Berengar  als  der  allein  berech- 
tigte und  legitime  Herrscher  erscheint.  Es  ist  merkwürdig,  dafs, 
während  thatsächlich  die  Gewalt  allein  den  Ausschlag  gab,  doch 
nachträglich  man  ängstlich  bemüht  war,  vor  der  Welt  den  Anschein 
einer  formellen  Berechtigung  zu  gewinnen.  Wir  haben  Aehnliches 
schon  in  Bezug  auf  die  Karolinger  gesehen  und  werden  es  in  noch 
auffallenderer  Weise  bei  den  Magyaren  wiederfinden. 

In  der  Form  der  Darstellung  schliefst  sich  der  Panegyrist  durch- 
aus den  alten  heidnischen  Mustern  an,  so  gut  er  es  vermochte.  Er 

')  Lei  Baronius  ed.  Luc.  XV,  480. 

2)  Panegyrieus  Berengarii,  ed.  Valesius,  cum  Adalbcronis  ep.  Laudun.  carmine 
ad  Rotbertum  regem,  Paris.  1663.8.  Leibn.  I,  235.  .Mural.  II,  371.  ßouq.  V1H,  106. 
Pertz,  Mon.  SS.  IV,  189 — 210.  Vgl.  Dümmler  de  Arnulfo  p.  176.  Bähr  S.  129. 


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11.  Karolinger.  § 20.  Italien. 


zeigt  die  genaueste  Bekanntschaft  mit  Virgil,  Statius  und  Juvenal 
und  hat  unverkennbar  eine  gute  grammatische  Schule  durchgemacht. 
Auch  stand  er  mit  diesen  Kenntnissen  und  dieser  Kunst  keineswegs 
vereinzelt  da:  Niemand,  sagt  er,  sich  selbst  anredend,  kümmert  sich 
jetzt  um  deine  Verse;  dergleichen  wissen  die  Leute  auf  dem  Lande 
wie  in  der  Stadt  zu  machen. 

Ob  der  Verfasser  ein  Geistlicher  oder  ein  Laie  war,  geht  aus 
seinem  Werke  nicht  hervor;  auf  jeden  Fall  aber  verdankt  er  seine 
Bildung  nicht  der  Kirche,  sondern  jenen  einzeln  stehenden  Gram- 
matikern, deren  Wirksamkeit  in  Italien  niemals  aufgehört  hat.  Es 
ist  W.  Giesebrechta  Verdienst,  zum  ersten  Male  nachgewiesen  zu 
haben,  dafs  diese  Schulen  in  Italien  immer  fortbestanden  haben  und 
unter  den  Laien  einen  Grad  der  Bildung  verbreiteten,  den  man 
diesseit  der  Alpen  nicht  kannte,  ln  Italien,  sagt  Wipo  im  elften 
Jahrhundert,  geht  die  ganze  Jugend  ordentlich  zur  Schule,  und  nur 
in  Deutschland  hält  man  es  für  überflüssig  oder  unanständig,  einen 
Knaben  unterrichten  zu  lassen,  wenn  er  nicht  zum  geistlichen  Stande 
bestimmt  ist.  Der  italienische  Laie  las  seinen  Virgil  und  Horaz, 
aber  er  schrieb  keine  Bücher,  während  die  Geistlichkeit  theils  in 
Rohheit  versank,  theils  zu  sehr  in  den  politischen  Händeln  befangen 
war,  um  an  den  wissenschaftlichen  Bestrebungen  der  Zeit  Theil  zu 
nehmen.  Daraus  erklärt  sich  der  Mangel  litterarischer  Productivität 
und  die  Dürftigkeit  der  vorhandenen  Litteratur,  während  anderer- 
seits bei  jenem  Panegyristen  und  etwas  später  bei  Liudprand  plötzlich 
eine  überraschende  Fülle  klassischer  Gelehrsamkeit  und  grofse  Ge- 
wandheit  im  Ausdruck  hervortritt,  namentlich  im  Versificiren,  welches 
ein  Hauptgegenstand  der  Schulbildung  war.  Denn  einzelne  vom 
geistlichen  Stande  naschten  auch  von  jener  verbotenen  Frucht;  im 
allgemeinen  aber  stand  der  Clerus  in  Opposition  zu  diesem  Treiben, 
in  dem  er  nicht  mit  Unrecht  ein  heidnisches  Element  erkannte.  Die 
Wissenschaft  war  hier  nicht  in  den  Dienst  der  Kirche  genommen; 
sie  behauptete  einen  unabhängigen  Standpunkt,  war  aber  fast  aus- 
schliefslicli  formaler  Natur  und  darum  wesentlich  unproductiv. 


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m.  DIE  ZEIT  DER  OTTONEN. 

Von  Heinrich  I bis  zum  Tode  Heinrichs  n,  919 — 1024. 


§ 1.  Allgemeines. 

Contzen,  die  Geschichtschreiber  der  s&chs.  Kaiserzeit.  Regensb.  1837.  8.  Entstellt 
durch  Benutzung  der  falschen  Korveier  Chronik,  und  durch  die  neuen  Ausgaben  der 
Quellen  fast  ganz  unbrauchbar  gemacht.  — Stilin  Wirt.  Gesell.  I,  419 — 426.  L.  Giese- 
brecht,  Wendische  Geschichten  III,  294 — 307.  Waitz,  über  die  Entwickelung  der 
deutschen  Historiographie  im  Mittelalter,  in  Schmidts  Zeitschrift  f.  Geschichte  II,  97 
bis  103.  — W.  Giesebrecht,  Geschichte  der  deutschen  Kaiserzeit  I,  739  — 756.  II, 
517  — 521. 

Mit  dem  Jahre  905  endigt  Reginos  Chronik,  zwei  Jahre  bevor  Her- 
zog Liutpold  mit  der  Blüthe  des  bairischen  Volkstammes  von  den 
Ungern  erschlagen  wurde.  Ein  schwaches  Kind  safs  auf  dem  Throne 
und  vermochte  nicht  das  Reich  zu  schirmen.  Es  hatte  den  Anschein, 
als  ob  die  ganze  von  Karl  dem  Grofsen  neu  gepflanzte  Kultur  be- 
reits dahin  sinken  sollte.  Ein  Stift  nach  dem  anderen  wurde  den 
Normannen  zur  Beute,  und  was  übrig  blieb,  rissen  die  räuberischen 
Grofsen  an  sich,  die  in  ihren  gegenseitigen  Fehden  verheerten,  was 
dem  äufseren  Feinde  noch  entgangen  war.  Die  Sitze  der  Bildung 
und  Gelehrsamkeit  verstummten;  auch  wenn  sie  der  gänzlichen  Ver- 
ödung entgingen,  liefs  doch  die  nagende  Sorge  um  die  stets  gefähr- 
dete Existenz  keine  wissenschaftliche  Thätigkeit  aufkommen. 

Schlimmer  noch,  wie  in  Deutschland,  sah  es  in  den  Nachbar- 
ländern aus;  die  Normannen,  aus  Sachsen  zurückgeschlagen,  hausten 
in  Frankreich  und  Lothringen  ohne  Widerstand  zu  finden,  während 
der  Süden  von  sarazenischen  Seeräubern  verheert  wurde.  Die  Bre- 
tonen  und  WaBkonen  schüttelten  das  fränkische  Joch  ab,  und  die 
Ungern  streiften  auf  ihren  leichten  Rossen  bis  an  den  Ocean.  In 
Italien  begegneten  spanische  und  afrikanische  Sarazenen  den  Ungern, 
und  die  innere  Zwietracht  war  in  beiden  Ländern  noch  ärger,  wie 
in  Deutschland. 

Allein  die  Keime,  welche  einst  Karl  der  Grofse  gelegt  hatte, 
waren  bereits  so  stark  und  kräftig  geworden  und  hatten  so  tiefe 
Wurzeln  geschlagen,  dafs  sie  auch  diese  Feuerprobe  überdauerten. 

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III.  Ottonen.  § 1.  Allgemeines. 


Wie  einst  von  Anstrasien,  so  ging  jetzt  von  Sachsen  die  Ret- 
tung aus.  Hier  hatte  man  zuerst  sich  ermannt  und  unter  den  Lu- 
dolfingern  in  festem  Zusammenhalten  die  Kraft  gefunden,  der  Feinde 
Herr  zu  werden.  Reginbern,  aus  Widukinds  Stamm,  der  Bruder  der 
Königin  Mahthild,  schlug  die  Dänen  so,  dafs  sie  nicht  wiederkamen. 
Die  Wenden,  welche  die  Ostgrenze  bedrängten,  wurden  zurlick- 
geworfen.  Heinrich  I stellte,  wie  einst  Karl  Märtel  und  Pippin, 
das  Reich  her  und  wies  die  Ungern  zurück;  was  er  begonnen,  voll- 
endete sein  Nachfolger,  bis  er  die  inneren  und  äufseren  Feinde  be- 
zwungen hatte.  In  dieser  eisernen  Zeit  war  noch  für  die  Feder 
kein  Raum,  aber  nach  dem  Siege  konnte  Otto  an  die  Herstellung 
der  geistigen  Bildung  denken.  Da  sehen  wir  überall  die  verödeten 
Klöster  aus  der  Asche  erstehen,  sie  werden  den  Händen  der  Laien- 
äbte entrissen  und  ihrer  Bestimmung  wiedergegeben.  Bald  regt  sich 
in  ihnen,  zunächst  in  denen,  welche  von  den  Stürmen  dieser  Zeit 
weniger  gelitten  hatten,  von  neuem  wissenschaftliche  Thätigkeit. 

Wie  Karl,  schätzte  auch  Otto  die  Wissenschaften,  ohne  selbst 
eine  gelehrte  Bildung  erhalten  zu  haben;  seine  Erziehung  war  krie- 
gerisch gewesen,  und  erst  spät,  nach  dem  Tode  der  Königin  Edid 
(26.  Jan.  946),  lernte  er  lateinische  Bücher  lesen  und  verstehen1); 
reden  konnte  er  die  Sprache  der  Gelehrten  nicht2).  Auf  der  Synode 
zu  Ingelheim  948  wurden  der  Könige  wegen  die  päpstlichen  Schreiben 
in  deutscher  Sprache  verlesen  *) , und  auch  in  seinem  Alter  liefs  er 
sich  einen  lateinisch  geschriebenen  Brief  von  seinem  Sohne  Otto  H 
übersetzen4). 

Wie  Karl,  suchte  auch  Otto  gelehrte  Ausländer  ins  Land  zu 
ziehen.  So  bemühte  er  sich  lange  vergeblich,  den  Gunzo  von  No- 
vara,  einen  jener  italischen  Grammatiker,  nach  Deutschland  zu  be- 
kommen, bis  es  ihm  zuletzt  bei  seiner  persönlichen  Anwesenheit  ge- 
lang, ihn  zu  gewinnen6).  An  hundert  Bücher  behauptet  Gunzo 
mitgebracht  zu  haben,  darunter  Schriften  von  Plato  und  Aristoteles; 
er  verstand  auch  griechisch.  Dennoch  geschah  es  ihm  zuweilen, 
durch  das  Italienische  verleitet,  dafs  er  die  Casus  verwechselte6), 
und  deshalb  wurde  er  in  S.  Gallen  mit  einem  Spottliede  verhöhnt, 

>)  Widuk.  II,  36.  — 2)  Liudpr.  Hist.  Ott  11. 

8)  Flodoard  h.  a.  Mon.  SS.  III,  396. 

4)  Casus  S.  Galli  Mon.  SS.  II,  139.  Einen  anderen  übersetzt  die  Kaiserin  Adal- 
heid,  nam  litteratissima  erat;  ib.  p.  146. 

6)  So  erzählt  Gunzo  selbst  in  seiner  Epistola  ad  Augienses  fratres  bei  Martene 
Coli.  I,  294.  Da  er  Otto  nur  König  nennt,  mufs  sein  erster  Zug  nach  Italien  ge- 
meint sein.  Gatterer  hat  eine  Commentatio  de  Gunzone  Italo  geschrieben. 

6)  Falso  putavit  S.  Galli  monachus  me  rrmotum  a scientia  grammaticae  artis, 
licet  aliquando  retarder  usu  nostrae  vulgaris  linguae  quae  latinitati  vicina  est 


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Aufleben  der  Studien.  Fremde  Gelehrte. 


163 


denn  er  hatte  statt  eines  Ablativs  einen  Accusativ  gesetzt.  Dagegen 
rechtfertigte  sich  nun  Gunzo  in  einem  sehr  langen  und  sehr  pedan- 
tischen Briefe  an  die  Mönche  von  Reichenau,  in  welchem  er  seine 
ganze  gelehrte  Schulweisheit  zur  Schau  stellt. 

Einen  anderen  dieser  Grammatiker,  Namens  Stephan,  hatte 
Bischof  Poppo  von  Wtirzburg  (941 — 961)  aus  Italien  berufen,  und 
der  Ruf  seiner  Vorträge  Uber  Marcianus  Capella  zog  Othlon  aus 
Reichenau  nach  WUrzburg1). 

Die  politischen  Verwickelungen  führten  auch  die  gelehrten  Bi- 
schöfe Rath  er  von  Verona  und  Liudprand  von  Cremona  an  Ottos 
Hof,  wo  sie  gute  Aufnahme  fanden,  und  auch  Gerbert  wurde  von 
Papst  Johann  XIII  im  J.  971  zum  Kaiser  gesandt,  verweilte  aber  da- 
mals nur  kurze  Zeit  am  Hofe,  weil  er  vorher  noch  im  Reims  seine 
philosophische  Ausbildung  zu  vollenden  wünschte2). 

Gern  gesehen  an  Ottos  Hofe  war  Ekkehard  von  S.  Gallen, 
den  man  deshalb  im  Kloster  den  Höfling  (palatinus)  nannte;  er  war 
der  Lehrer  Ottos  H 3).  Dieser  hatte  einen  vollständigen  wissen- 
schaftlichen Unterricht  erhalten ; er  liebte  und  beförderte  die  Wissen- 
schaften und  nahm  lebhaften  Antheil  an  den  gelehrten  Problemen, 
welche  damals  die  Menschen  beschäftigten4).  Roswitha  feiert  ihn 
als  einen  zweiten  Salomo.  Er  zog  den  Gerbert  wieder  an  sich, 
und  noch  ist  uns  die  Disputation  erhalten,  welche  dieser  980  vor 
dem  Kaiser  zu  Ravenna  hielt  gegen  den  berühmten  Magdeburger 
Lehrer  Otrich,  den  Otto  ebenfalls  an  seinen  Hof  berufen  hatte6). 
Auch  der  Abt  Adso  von  Montier -en- Der,  einer  der  berühmtesten 
Gelehrten  Frankreichs,  war  dabei  zugegen,  nebst  einer  grofsen  Menge 
von  Scholastern  oder  Grammatikern.  Auch  von  S.  Wolfgang  wird 
uns  berichtet,  dafs  er  vor  diesem  Kaiser  gegen  einen  Ketzer  dis- 
putirte. 

Kurz  vor  dem  Tode  des  alten  Kaisers,  im  Jahre  972,  besuchten 
Vater  und  Sohn  das  Kloster  S.  Gallen.  Der  Vater  fragte  nach  dem 
alten  Notker,  dem  gelehrten  Maler  und  Arzte,  mit  dem  Beinamen 
Pfefferkorn;  schwach  und  erblindet  safs  er  auf  einem  Sessel.  Auf 
das  Geheifs  des  Vaters  führte  der  junge  Kaiser  ihn  herbei,  und 
der  Alte  leitete  ihn  nach  zärtlicher  Umarmung  sorgsam  ins  Kloster 

*)  V.  Wolfkangi  c,  5.  Ein  grofses  Lobgedicht  auf  die  Würzburger  Schule, 
gegen  einen  mifsgiinstigen  Wormser  gerichtet,  aus  Fromunds  Sammlung,  ist  ge- 
druckt bei  Pez  Thes.  Anecd.  VI,  1, 189 — 199. 

s)  Richer  11,  44.  45.  Vgl.  Büdinger  über  Gerbert  S.  44. 

»)  Casus  S.  Galli  p.  126.  — 4)  Richer  III,  67. 

6)  Richer  III,  55  ff.  Vgl.  Büdinger  S.  52  ff. 

11  * 


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104 


III.  Gttonen.  § 1.  Allgemeine». 


und  setzte  ihn  an  seine  Seite.  Otto  II  aber  liefs  sich  nun  hier  die 
Bibliothek  öffnen  und  nahm,  von  den  reichen  Schätzen  derselben 
gelockt,  eine  Anzahl  der  besten  Bücher  mit  sich  fort;  einige  gab  er 
auf  Ekkehards  Bitte  später  zurück1). 

Otto  III  endlich  wurde  von  seiner  Mutter  Theophano,  von  dem 
Kalabresen  Johannes  und  Bernward  von  Hildesheim  auf  das  Sorg- 
fältigste erzogen2),  und  sein  wissenschaftlicher  Verkehr  mit  Gerbert 
ist  weltbekannt;  wie  es  nur  zu  leicht  geschah,  wendeten  ihn  diese 
ganz  auf  fremdländischen  Grundlagen  beruhenden  Studien  vom  vater- 
ländischen Wesen  ab,  und  störten  die  harmonische  Entwickelung 
seines  Geistes. 

Auch  Heinrich  II  hatte  von  S.  Wolfgang  und  später  in  Hildes- 
heim eine  gelehrte  Erziehung  erhalten  und  besafs  die  litterarische 
Bildung  des  Klerus  jener  Zeit5);  wissenschaftliche  Thätigkeit  förderte 
er  nicht  unmittelbar,  aber  seine  Bestrebungen  für  die  Reform  ver- 
wilderter Klöster  kamen  auch  den  Schulen  zu  Gute,  wovon  nament- 
lich die  Geschichte  des  Bischofs  Godehard  von  Hildesheim  ein  Bei- 
spiel giebt. 

Bei  den  Frauen  fand  man  im  früheren  Mittelalter  weit  eher 
als  bei  den  Männern  aus  dem  Laienstande  die  Anfänge  einer  ge- 
lehrten Bildung,  die  schwierige  Kunst  des  Lesens  und  Schreibens, 
nebst  einer  Kenntnifs  der  allgemeinen  Schriftsprache,  welche  zum 
Verständnifs  des  Psalters  ausreichte.  Leicht  knüpfte  sich  mehr  daran, 
und  auch  der  Einflufs,  welchen  Geistliche  über  weibliche  Gemüther 
so  leicht  erlangen,  begünstigte  ihre  Beschäftigung  mit  dem  besonde- 
ren Erbtheile  dieses  Standes,  den  Büchern.  Die  Frömmigkeit  der 
Königinnen  Mahthild  und  E di d ist  bekannt;  Adalheid  aber,  die 
Burgunderin,  und  Theophano,  die  Griechin,  zeichneten  sich  durch 
eine  in  Deutschland  seltene  litterarische  Bildung  aus,  die  sich  auch 
in  der  sorgsamen  Erziehung  ihrer  Kinder  erkennen  läfst.  Ganz  be- 
sonders wird  uns  die  hohe  Bildung  der  schönen  Herzogin  Hedwig 
von  Schwaben  gerühmt,  der  Tochter  von  Ottos  des  Grofsen  Bruder 
Heinrich  von  Baiern.  Anfangs  zur  Braut  eines  griechischen  Kaisers 
bestimmt,  wurde  sie  durch  Kämmerlinge,  welche  dieser  eigens  des- 
halb gesandt  hatte,  im  Griechischen  unterrichtet;  aber  sie  zerrifs 
diese  Verbindung,  welche  ihr  mifsfiel. 

Später  mit  Herzog  Burehard  vermählt  und  früh  (973)  verwittwet, 

>)  Casus  S.  Galli,  Mon.  SS.  II,  147. 

2)  Giesebrerht  Kaiserzeit  I,  636.  Lüntzel,  Bernward  S.  14. 

5)  Vgl.  die  Versus  Gudini  de  niorte  Constantii  scholastici  Luxoviensis:  Hein- 
rtcus  in  Romano  residens  palatio  et  arrana  sapientum  comprobans  ingenio  dolet 
nusquam  inveniri  siuiilem  Constantio.  Mab.  Anal.  p.  217.  Dumcril  p.  280. 


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Bildung  der  Frauen.  Erzbischof  Brun. 


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beherrschte  sie  Schwaben  mit  männlicher  Festigkeit,  ja  mit  Härte, 
und  ihre  wechselnden  Launen  waren  sehr  gefürchtet.  Ihre  liebste 
Beschäftigung  aber  auf  ihrer  Feste  Hohentwiel  bestand  darin,  mit 
dem  S.  Galler  Mönche  Ekkehard,  den  sie  sich  dazu  vom  Abte  aus- 
gebeten hatte,  die  alten  lateinischen  Dichter  zu  lesen.  Den  jungen 
Burchard,  der  später  Abt  wurde,  lehrte  sie  selbst  griechisch  und  be- 
schenkte ihn  zum  Abschied  mit  einem  Horaz1). 

Ihre  Schwester  Gerbirg,  die  Aebtissin  von  Gandersheim,  war, 
80  sagt  Roswitha,  wie  es  der  Nichte  des  Kaisers  gebührte,  von  hö- 
herer wissenschaftlicher  Bildung  und  unterwies  mich  in  den  Autoren, 
welche  zuvor  die  gelehrtesten  Meister  mit  ihr  gelesen  hatten1). 

Späterhin  betrachtete  man  die  feine  Bildung  der  vornehmen 
Frauen  als  einen  besonderen  Vorzug  dieses  Zeitalters8). 

Finden  wir  also  in  dieser  Weise  das  Ottonische  Kaiserhaus 
wissenschaftlicher  Bildung  geneigt,  so  überstrahlt  doch  alle,  sowohl 
durch  seine  eigene  gründliche  Gelehrsamkeit,  wie  durch  seine  frucht- 
reiche  Thätigkeit  für  Kirche  und  Schule  der  grofse  Erzbischof  Brun, 
Ottos  des  Grofsen  jüngster  Bruder4). 

Nachdem  er  in  Utrecht  unter  der  Aufsicht  des  Bischofs  Balde- 
rich  erwachsen  war  und  hier  die  erste  grammatische  Bildung  erhal- 
ten hatte,  wurde  er  noch  in  früher  Jugend  (940)  zum  Kanzler  und 
Erzkaplan  erhoben,  und  bald  lag  in  seinen  Händen  fast  die  ganze 
Verwaltung  des  Reiches,  deren  Fäden  in  der  königlichen  Kanzlei 
zusammenliefen,  vor  allem  aber  die  Leitung  der  kirchlichen  Angele- 
genheiten. Mit  Geschäften  aller  Art  überhäuft,  fand  er  doch  noch 
Zeit  für  seine  geliebten  Bücher,  die  ihn  überall  hin  begleiteten,  für 
den  wissenschaftlichen  Verkehr  mit  den  Meistern  der  Wissenschaft, 
die,  wie  Ruotger  sagt,  von  allen  Enden  der  Welt  sich  hier  zusammen- 
fanden. Ratherius,  Liudprand,  der  Spanier  Recemund,  Bischof  von 
Elvira,  wurden  durch  politische  Ereignisse  diesem  Kreise  zugeführt, 
nahmen  aber  während  ihres  Aufenthaltes  daselbst  ebenfalls  an  den 
wissenschaftlichen  Bestrebungen  Theil.  Die  Anwesenheit  gelehrter 
Griechen  benutzte  Brun,  um  von  ihnen,  deren  Sprache  ihm  schon 

»)  Casus  S.  Galli  Mon.  SS.  II,  122—126. 

*)  Gerberga,  cuius  nunc  subdor  dominio  abbatiae,  aetate  minor  sed  ut  impe- 
rialem decebat  neptem,  scienlia  provecüor,  aliquot  auctores  quos  ipsa  prior  a sa- 
pientissimis  didicit,  me  admodum  erudivit.  Praef.  ad  vitam  b.  Mariae. 

3)  Im  Chron.  Gozec.  1,2  (Mon.  SS.  X,  142)  heifst  es  von  der  Agnes  von  Wei- 
mar, Gemahlin  des  1036  verstorbenen  Pfalzgrafen  Friderich  von  Sachsen:  mor« 
antiquorum  tarn  litteris  quam  diversarum  artium  disciplinis  apud  Quidelingeburg 
pulrhre  fuit  instructa. 

4)  S.  über  ihn  und  seine  Wirksamkeit  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit 
1,301-307,  vgl.  772;  379.  380  ; 408-416,  vgl.  780.  Vogel,  Ratherius  I,  156  ff. 


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166  III.  Otlonen.  § 1.  Allgemeines.  § 2.  Sachsen. 

vertraut  war,  zu  lernen;  besonders  aber  verehrte  er  als  seinen  Lehrer 
einen  irländischen  Bischof  Namens  Israel. 

Ungeachtet  seiner  hohen  Stellung  verschmähte  Brun  es  nicht, 
auch  selbst  als  Lehrer  zu  wirken;  wieder  gab  es,  wie  zu  Karls  Zei- 
ten, eine  Hofschule,  und  die  königliche  Kanzlei  wurde  zu  einer 
Pflanzschule  trefflicher  Bischöfe,  deren  Wichtigkeit  für  das  Reich 
nicht  hoch  genug  anzuschlagen  ist,  denn  mit  diesen  Bischöfen  re- 
gierten die  Kaiser  von  nun  an  bis  zu  den  Zeiten  Heinrichs  IV  ihr 
Reich,  und  fast  allein  in  ihnen  bildete  sich  ein  Element  der  Stätig- 
keit in  der  Reichsregierung  aus,  welches  von  dem  Wechsel  der  Per- 
sonen unabhängig  war. 

Brun  selbst  wurde  im  Jahre  953  Erzbischof  von  Köln,  wo  er 
noch  12  Jahre  wirkte,  ohne  doch  darum  der  kaiserlichen  Kanzlei 
fremd  zu  werden.  Die  schwierigsten  Aufgaben  ruhten  auf  ihm,  denn 
das  unruhige,  unzuverlässige  Lothringen  war  seiner  Leitung  anver- 
traut, und  seine  Schwester,  die  Königin  von  Frankreich,  baute  fast 
allein  auf  seine  Hülfe.  Aber  während  man  nie  in  ihm  die  Thatkraft 
seines  grofsen  Bruders  vermifste,  vergafis  er  doch  über  den  welt- 
lichen Sorgen  nie  seines  bischöflichen  Amtes.  Die  ganz  zerrütteten 
Kirchen  Lothringens  richtete  er  aus  ihrer  Versunkenheit  auf;  kirch- 
liche und  klösterliche  Zucht  wurden  erneut,  die  Schulen  mit  gröfster 
Sorgfalt  gepflegt,  und  bald  entfaltete  sich  hier  das  rege  literarische 
Treiben,  welches  von  nun  an  Lothringen  besonders  auszeichnet. 

Nicht  minder  erblühten  nun  auch  in  den  übrigen  Reichslanden 
unter  so  guter  Pflege  alle  die  Keime,  welche  die  vorhergegangenen 
Stürme  noch  überdauert  hatten;  frisches  Leben  erfüllte  die  alten 
Klöster,  welche  wie  Korvei,  Gandersheim,  S.  Gallen  weniger  gelitten 
hatten,  und  neben  ihnen  erhoben  sich  zahlreiche  neue  Stätten  lite- 
rarischer Bildung. 

Sehr  bald  liefsen  sich  auch  schon  Stimmen  vernehmen,  welche 
die  heidnische  Gelehrsamkeit  als  sündlich  verwarfen  und  gegen  die 
klassischen  Studien  eiferten  l),  wie  ja  auch  Roswitha  ihre  Dramen 
schrieb,  um  den  Terenz  aus  den  Händen  der  Christen  zu  verdrängen. 
Allein  diese  Richtung  drang  nur  an  einzelnen  Orten  und  bei  ein- 
zelnen Männern  durch;  in  den  Schulen  behaupteten  sich  bis  ins 
zwölfte  Jahrhundert  Virgil  und  Horaz,  Terenz,  Ovid  und  Sallust,  und 
verlockten  immer  von  neuem  die  jugendlichen  Gemüther  durch  den 
Zauber  ihrer  Anmuth  von  den  trockeneren  Vätern  der  Kirche. 

Die  Gewandheit  im  Ausdruck,  der  leichte  Flufs  der  lateinischen 

4)  Schon  Notker  empfiehlt  dem  jungen  Salomo  den  Prudentius:  non  sunt  tibi 
nccessariae  gentilium  fabulae.  Diimmler,  Formelbuch  S.  73. 


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Bruno  von  Köln.  Neue  Anfänge.  107 

Rede,  im  karolingischen  Jahrhundert  so  allgemein  verbreitet,  waren 
jedoch  in  der  fünfzigjährigen  Unterbrechung  schriftstellerischer  Thä- 
tigkeit  verloren  gegangen;  mit  grofser  Anstrengung  mufste  man 
wieder  von  neuem  beginnen.  Die  mühsam  erworbene  gelehrte  Bil- 
dung ist  fast  überall  kenntlich;  man  war  stolz  auf  die  neue  Kunst 
und  trug  sie  gern  zur  Schau.  Die  schwerfälligen  Phrasen  sind  er- 
füllt von  ungeschickt  eingefügten  Ausdrücken  der  alten  Schriftsteller, 
man  prunkt  gern  mit  Citaten  und  bringt  die  gelehrten  Reminiscenzen 
auch  da  an,  wo  sie  am  wenigsten  passend  sind,  wie  z.  B.  Liudprand 
die  Ungern  in  ihrem  Kriegsrath  mit  pedantischer  Affectation  grie- 
chische Worte  einmischen  läfst.  Schulmäfsig  gekünstelte  Reden  sind 
besonders  beliebt,  und  nur  zu  häufig  erschwert  der  gesuchte  Aus- 
druck das  Verständnifs  des  Inhaltes.  Aber  die  frische  Lebenskraft, 
welche  jetzt  wiederum  die  von  jugendlichem  Aufschwung  erfüllte 
Generation  durchdrang,  ist  auch  in  dieser  Vermummung  nicht  zu 
verkennen1). 

Wie  nun  unter  den  ersten  Karolingern  die  kräftige  Neugestal- 
tung des  Reiches  naturgemäfs  dahin  geführt  hatte,  die  Begebenheiten 
der  Gegenwart  aufzuzeichnen,  weil  man  wieder  Lust  und  Bedürfnis 
empfand,  sie  festzuhalten,  so  geschah  es  auch  nach  langer  Pause 
unter  den  Ottonen.  Auch  jetzt  suchte  man  zunächst  die  Zeit- 
geschichte festzuhalten;  die  Weltgeschichte  zu  umfassen,  versuchte 
man  noch  kaum.  Aber  überall  begann  man  um  die  Mitte  des  Jahr- 
hunderts, die  Zeitereignisse  aufzuschreiben.  Beziehungen  zum  kaiser- 
lichen Hofe  wirkten  auch  hier  anregend,  aber  nirgends  erhob  man 
sich  doch  zu  einem  so  klaren  Ueberblicke  der  Verhältnisse,  wie  ihn 
die  karolingischen  Reichsannalen  zeigen;  locale  Gesichtspunkte  herr- 
schen überall  vor,  und  es  entwickeln  sich  selbständige  Mittelpunkte 
gelehrter  Thätigkeit.  Deshalb  betrachten  wir  nach  einander  die  ein- 
zelnen Reichslande  und  beginnen  mit  demjenigen,  von  welchem  die 
Herrschaft  der  Ottonen  ausging,  mit  Sachsen. 

§ 2.  Sachsen.  Korvei. 

Das  Kloster  Korvei,  von  Anfang  an  in  enger  Verbindung  mit 
dem  Hause  der  Ludolfinger  und  ihrer  Gunst  und  ihres  Schutzes  sich 
erfreuend,  hatte  von  der  Ungunst  der  Zeiten  weniger  gelitten  wie 
andere  Stifter.  Nach  dem  Abte  Bovo,  der  als  Geschichtschreiber  zu 
nennen  war,  zeichnete  ein  zweiter  Abt  desselben  Namens  und  aus 
derselben  Familie  (900 — 916)  sich  durch  seine  Kenntnifs  des  Grie- 

')  Vgl.  über  den  Charakter  der  Litteratur  dieser  Zeit  W.  Giesebrecht,  Kaiser- 
zeit I,  308. 


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168 


Hl.  Ottonen.  § 2.  Sachsen.  Korvei. 


chischen  aus;  es  erregte  allgemeine  Bewunderung,  dafs  er  ein  grie- 
chisches Schreiben  dem  König  Konrad  hatte  auslegen  können 1).  Doch 
verschwindet  dann  auch  hier,  mit  Ausnahme  der  dürftigen  Annalen’), 
jede  Spur  litterarischer  Thätigkeit,  bis  der  Glanz  von  Ottos  des 
Grofoen  Thaten  ein  Geschichtswerk  aus  diesem  Kloster  hervorrief, 
wie  noch  keines  in  Sachsen  ans  Licht  getreten  war. 

W i d o k i n d. 

Widukindi  Res  gestae  Saxonicae  ed.  Walt*.  Mon.  SS.  III,  408 — 467.  Besonderer  Abdruck 
in  Octav.  Uebersetzung  von  Schottin,  mit  Einleitung  von  Wattenbach  1852.  Waitz 
in  Schmidts  Zeitschrift  II,  100.  L.  Giesebrecht,  Wend.  Geschichten  III,  295.  W.  Gie- 
sebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  1,741. 

Im  Jahre  967,  als  Kaiser  Otto  auf  der  Höhe  seiner  Macht  stand, 
unternahm  es  Widukind,  Mönch  im  Kloster  Korvei,  die  Geschichte 
seines  Volkes  zu  schreiben,  nachdem  er  vorher  sich  mit  der  Bear- 
beitung von  Heiligenleben  beschäftigt  hatte.  Dadurch,  so  sagt  er 
selbst,  habe  er  seinem  Berufe  genug  gethan;  jetzt  erfülle  er  die 
Pflicht  gegen  seinen  Stamm  und  sein  Volk,  indem  er  die  Thaten 
ihrer  Fürsten  niederschreibe.  In  der  Widmung  an  die  Aebtissin  von 
Quedlinburg,  des  Kaisers  Tochter  Mahthild,  bezeichnet  er  genauer 
als  seinen  Gegenstand  die  Thaten  Heinrichs  und  Ottos;  die  Ueber- 
schrift  aber  bezeichnet  sein  Werk  als  die  Geschichte  der  Sachsen. 
Denn  Volk  und  Herrscher  waren  auf  das  Innigste  verbunden,  und 
in  dem  Ruhme  des  Kaisers  fühlte  das  ganze  Volk  sich  gehoben,  wie 
es  denn  auch  seinen  reichen  Theil  daran  hatte.  Gänzlich  fern  lag 
es  Widukind,  nach  der  Weise  der  Chronisten  an  das  römische  Reich 
anzuknüpfen,  sondern  völlig  dem  Verlaufe  der  geschichtlichen  Ent- 
wickelung entsprechend,  nimmt  er  zum  Ausgangspunkte  seiner  Erzäh- 
lung die  Urgeschichte  der  Sachsen.  Ihre  alten  Sagen  zeichnet  er 
auf,  und  obgleich  er  eB  nicht  lassen  kann,  sie  durch  übel  angewandte 
Schulgelehrsamkeit  zu  entstellen,  so  erkennt  man  doch  in  jedem 
Worte  die  Freude  des  Mönches  an  seinen  alten  heidnischen  Vorfah- 
ren, an  diesem  kraftvollen  Geschlechte,  vor  dem  schon  damals  die 
Franken  sich  fürchteten.  Heiden  freilich  durften  sie  nicht  bleiben, 
und  darum  mufsten  sie  nach  tapferer  Gegenwehr  den  Franken  unter- 
liegen, um  durch  die  Taufe  nun  mit  ihnen  ein  Volk  zu  werden. 
Aber  das  Gefühl  der  Unterdrückung  lastet  dennoch  auf  ihnen,  bis 
nun  S.  Veit  zu  ihnen  kommt,  und  mit  ihm  das  Glück,  welches  die 

*)  Qui  Graecas  liiteras  coram  Cuonrado  rege  legendo  factus  est  clarus.  Cod. 
Steinveld,  ad  Widuk.  III,  2. 

s)  Mon.  SS.  III,  4.  Durch  ihren  Inhalt  sind  sie  bei  dem  Mangel  anderer  Nach- 
richten wichtig.  — Eine  Abtreihe,  mit  Angabe  der  rccipirten  Mönche,  bis  auf 
Wicbold,  bei  Meibom  I,  756. 


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Widukind  von  Korvei. 


169 


Westfranken  jetzt  verläfst.  Unter  seinem  Schutze  gedeihen  und  er- 
starken die  Sachsen,  und  werden  unter  ihrem  grofsen  König  Hein- 
rich aller  übrigen  Völker  und  selbst  der  Franken  Herr;  kein  fremder 
Gebieter  beschränkt  hinfort  ihre  Freiheit. 

Gegen  Otto  erheben  sich  noch  einmal  alle  Stämme,  schon  schwin- 
det die  Hoffnung,  dafs  daB  Reich  ferner  bei  den  Sachsen  bleibe, 
aber  mit  Gottes  Hülfe  überwindet  Otto  alle  seine  Widersacher,  er 
bändigt  die  Slaven,  die  Ungern,  die  Westfranken,  bringt  auch  Italien 
wieder  ans  Reich  und  beherrscht  nun,  von  Gott  und  S.  Veit  beschützt, 
mit  seinen  Sachsen  die  Christenheit. 

Durch  diese  durchgehende  Einheit  der  Auffassung  und  durch 
die  naturfrische  Lebendigkeit  der  Darstellung  hat  das  ganze  Werk 
eine  epische  Färbung;  was  in  der  Ferne  vorgeht,  berührt  Widukind 
nur  kurz,  und  ist  auch  darüber  wenig  genau  unterrichtet,  so  wie  er 
für  die  älteren  Zeiten  freilich  auf  Beda  und  die  Geschichte  der 
Franken  hinweist,  aber  doch  in  dem,  was  er  giebt,  kaum  eine  Spur 
gelehrter  Forschung  verräth.  Auch  darin  steht  er  dem  Epos  nahe, 
dafs  er  vorzüglich  bei  der  Schilderung  der  Schlachten  und  anderer 
Begebenheiten  verweilt,  Uber  ihre  geschichtliche  Verknüpfung  aber 
rasch  hinwegeilt.  Einen  seltsamen  Gegensatz  zu  diesem  ganz  volks- 
tümlichen Inhalt  bildet  der  gesuchte  sallustische  Ausdruck , ge- 
mischt mit  den  Worten  und  Wendungen  der  lateinischen  Bibel.  Müh- 
sam zieht  er  dem  widerstrebenden  Gedanken  ein  altrömisches  Kleid 
an,  das  oft  nur  schwer  und  unvollkommen  erkennen  läfst,  was  er 
eigentlich  sagen  will.  Die  Nachahmung  der  antiken  Redeweise  be- 
herrscht ihn  so  sehr,  dafs  er  sogar  Heinrich  wie  Otto  nach  dem 
Siege  Uber  die  Ungern  vom  Heere  als  Imperator  begrüfsen  läfst, 
und  Otto  auch  von  da  an  so  nennt,  die  Kaiserkrönung  in  Rom  aber 
ganz  übergeht,  wie  denn  überhaupt  der  Papst,  aufser  einer  gelegent- 
lichen Erwähnung  in  früherer  Zeit  (n,  11),  gar  nicht  genannt  wird. 

Betrachten  wir  Widukinds  Buch  als  eigentliches  Geschichtswerk, 
so  können  wir  nicht  umhin,  es  für  sehr  mangelhaft  zu  erklären; 
seine  Auffassung  der  Dinge  und  namentlich  seines  grofsen  Kaisers 
ist  keineswegs  richtig:  so  wie  der  Kaiser  selbst  den  Standpunkt 
eines  Sachsenfürsten  verliefs,  wurde  er  dadurch  dem  Gesichtskreise 
Widukinds  entrückt.  Obgleich  Mönch,  übersieht  dieser  fast  ganz  die 
so  überaus  wichtige  kirchliche  Wirksamkeit  Ottos,  und  besonders 
auffallend  ist  sein  Schweigen  über  die  Stiftung  des  neuen  'Erzbisthums 
in  Magdeburg.  Er  stand  dem  kaiserlichen  Hause  nicht  ganz  ferne, 
wie  seine  Widmung  an  Mahthild  zeigt,  und  es  kamen  ihm  gute 
Nachrichten  zu,  aber  er  blieb  doch  als  Mönch  in  seinem  Kloster, 


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170  III.  Ottonen.  § 2.  Korvei.  § 3.  Gandersheim. 

und  war  daher  nicht  im  Stande,  sich  diejenige  Uebersicht  der  Ver- 
hältnisse zu  verschaffen , welche  damals  wohl  nur  am  kaiserlichen 
Hofe  zu  erlangen  war.  Dagegen  verleiht  ihm  aber  gerado  seine 
Einseitigkeit  und  die  lebendige  Wärme  des  Volksbewufstseins  einen 
Reiz,  der  den  objectiver  gehaltenen  Annalen  fehlt,  und  stofflich  be- 
trachtet, sind  seine  Mittheilungen  für  uns  von  dem  unschätzbarsten 
Werthe.  In  allem  was  ihm  nahe  lag,  zeigt  er  sich  durchaus  zuver- 
lässig, unbefangen  und  wahrheitsliebend  in  der  Schilderung  der  han- 
delnden Personen,  und  so  sehr  er  auch  für  das  Ottonische  Haus 
begeistert  ist,  liegt  eine  absichtliche  Entstellung  der  Thatsachen  zu 
ihren  Gunsten  ihm  doch  gänzlich  fern.  Sogar  ftir  jene  kühnen 
Recken,  die  in  unbändigem  Trotze  lieber  alles  erdulden,  als  der 
Herrschaft  ihres  Vetters  sich  fügen  wollten,  bezeugt  er  eine  offen- 
bare Theilnahme,  ja  Vorliebe,  wie  auch  beim  Volke  solche  Naturen 
immer  Anklang  finden.  Widukind  ist  eben  mit  seinen  Vorzügen, 
wie  mit  seinen  Mängeln  ein  ganzer  Sachse  des  zehnten  Jahrhunderts, 
und  in  ihm  spiegelt  sich  die  Natur  seines  Stammes  treu  und  wahr. 
Es  konnte  daher  auch  nicht  fehlen,  dafs  sein  Werk  gern  und  viel 
gelesen  wurde;  es  findet  sich  bei  den  späteren  Schriftstellern  überall 
benutzt,  jedoch  seit  dem  zwölften  Jahrhundert  nicht  mehr  unmittel- 
bar, sondern  nur  durch  die  Vermittelung  Ekkehards,  der  es  fast  ganz 
in  seine  grofse  Weltchronik  aufgenommen  hatte.  Daraus  erklärt  es 
sich  wohl,  dafs  uns  nur  drei  Handschriften  davon  erhalten  sind. 
Wie  es  scheint,  enthält  von  ihnen  die  eine,  jetzt  Dresdener  (A),  das 
Werk  in  seiner  ursprünglichen  Gestalt;  später  hat  Widukind  am 
Schlüsse  noch  einiges  in  loserer  Verknüpfung  hinzugefügt,  den  so 
sehr  merkwürdigen  Brief  des  Kaisers  aus  Capua  und  die  schöne 
Schilderung  vom  Tode  der  Königin  Mahthild  und  von  des  Kaisers 
Heimkehr  und  Tod.  Zugleich  veränderte  er  einige  Ausdrücke ; viel- 
leicht auch  die  Stelle  über  des  Erzbischofs  Hatto  Nachstellungen 
gegen  Heinrich  (I,  22),  in  welcher  die  Dresdener  Handschrift  von 
der  Schuld  des  Erzbischofs  schweigt 1).  Die  in  dieser  Weise  über- 
arbeitete Handschrift  wurde  etwas  später  in  Korvei  interpolirt,  um 
eine  Notiz  Uber  den  Abt  Bovo  und  eine  ausführliche  Erzählung  der 
beliebten  Volkssage  von  dem  Untergange  des  Grafen  Adalbert  von 
Babenberg  durch  Hattos  Verrath  anzubringen.  In  dieser  Gestalt 
findet  sich  das  Werk  in  der  Stein velder  Handschrift. 

*)  Diese  Darstellung  der  Dresdener  Handschrift  ist  jedoch  so  wenig  in  Widu- 
kinds  Stil  geschrieben,  dafs  ich  darin  lieber  mit  Wailz  die  Hand  eines  Fremden 
erkennen  möchte.  Für  die  Halsbandgeschichte  findet  sieh  ein  merkwürdiges  Seiten- 
stück in  Konrad  Stolles  Erfurter  Chronik,  herausgegeben  von  Hesse,  S.  177. 


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Widukind.  Roswitha. 


171 


§3.  Fortsetzung.  Gandersheim.  Quedlinburg. 

Während  die  schwerfällige,  von  Fehlern  keineswegs  freie  Sprache 
Widukinds  von  den  gelehrten  Studien  in  Korvei  eben  kein  glinstiges 
Zeugnifs  ablegt,  überrascht  im  Kloster  Gandersheim  die  Nonne  Ros- 
witha (eigentlich  Hrotsuit)  durch  ihre  klassische  Bildung  und  ihre 
grofse  Herrschaft  über  die  Form  des  Ausdruckes;  ihr  bedeutendes 
Talent  war  durch  eine  sorgfältige  Schulbildung  entwickelt,  und  sie 
hatte  dann  diese  Studien  unter  der  Leitung  der  Nichte  des  Kaisers, 
Gerberga,  fortgesetzt.  Sie  bearbeitete  verschiedene  Gegenstände  aus 
der  älteren  Kirchengeschichte  in  metrischer  Form  und  verfafste  dar- 
auf auch  sechs  Komödien  über  verwandte  Stoffe,  weil  es  ihr  an- 
stöfsig  war,  dafs  der  leichtfertige  Terenz  überall  mit  so  grofsem 
Vergnügen  gelesen  wurde. 

In  ähnlicher  Weise  wie  Widukind  wurde  dann  auch  Roswitha 
durch  die  glänzenden  Thaten  Ottos  des  Grofsen  der  Geschichte  der 
Gegenwart  zugeführt;  ihre  Aebtissin  Gerberga  (959 — 1001),  Herzog 
Heinrichs  von-Baiern  Tochter,  forderte  sie  auf,  ein  Heldengedicht 
zum  Preise  ihres  Oheims  zu  verfassen,  welches  dem  Erzbischof  Wil- 
helm von  Mainz,  dem  Sohne  des  Kaisers,  überreicht  werden  sollte. 
Im  Jahre  968  war  es  vollendet1),  und  die  Dichterin  übersandte  es 
mit  einer  poetischen  Widmung  nicht  nur  dem  jüngeren  Kaiser,  wel- 
cher ein  Exemplar  davon  verlangt  hatte,  sondern  auch  dem  alten 
Kaiser  selbst.  Kein  Buch,  so  sagt  sie,  habe  ihr  dabei  zur  Hülfe 
gedient;  es  sind  die  Mitglieder  der  kaiserlichen  Familie,  welche  ihr 
den  Stoff  gegeben  haben,  und  so  ist  es  denn  nicht  zu  verwundern, 
dafs  verschiedene  Rücksichten  auf  die  Darstellung  eingewirkt  haben. 
Ueber  die  Vergangenheit  Heinrichs  von  Baiern  konnte  hier  nur  mit 
der  äufsersten  Vorsicht  gesprochen  werden.  Es  war  nur  zu  viel  in 
der  kaiserlichen  Familie  vorgefallen,  dessen  man  ungern  gedachte. 
Allein  daneben  gab  es  doch  auch  des  Stoffes  noch  reichlich  genug, 
und  hier  hat  Roswitha  nicht  nur  manches,  wie  namentlich  die  Flucht 
der  Kaiserin  Adalheid,  in  hübscher  und  ansprechender  Weise  behan- 
delt, sondern  sie  hat  auch  geschichtlich  wichtige  Thatsachen  und 
Umstände  aufbewahrt.  Denn  hier,  wie  in  ihren  übrigen  Werken, 
hält  sie  Bich  ganz  genau  an  den  ihr  überlieferten  Gegenstand  und 
erlaubt  sich  nie,  ihn  der  poetischen  Darstellung  zu  Liebe  umzuge- 

l)  Ilrotsuithae  farmen  de  gestis  Oddonis  I impcratoris  ed.  Peru,  Mon.  SS.  IV, 
317 — 335.  Vgl.  W.  Giesebreeht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  741.  — Gust.  Frey  tag: 
De  Rosuitha  portria.  Vrat.  1839.  8.  Die  Werke  der  Hrotsvilha,  herausgegeben 
von  Dr.K.A.  Barack.  Nürnb.  1858.  8.  Comoedias  ed.  Bendixen,  Lübeck  1858.  16. 


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172  HI-  Ottonen.  § 3.  Gandersheim.  Quedlinburg. 

stalten.  Die  metrische  Form  bleibt  bei  ihr  nur  ein  äufserliches  Ge- 
wand, und  wir  können  daher  ihre  Erzählung  geradezu  als  Geschichts- 
quelle benutzen.  Um  so  mehr  ist  es  zu  bedauern,  dafs  etwa  die 
Hälfte  ihres  Werkes  verloren  ist,  und  zwar  gerade  die  so  inhalt- 
reichen Jahre  953  bis  962 ; nur  ein  kleines  Bruchstück  daraus  ist 
vorhanden. 

Später  behandelte  Roswitha  in  ähnlicher  Weise  auch  die  An- 
fänge ihres  Klosters  und  dessen  Geschichte  bis  zum  Jahre  919,  bis 
zum  Tode  der  Christina,  der  letzten  von  den  drei  Töchtern  Ludolfs, 
welche  nach  einander  dem  Stifte  vorstanden1).  Da  diese  Dichtungen 
der  Roswitha  sich  von  der  Prosa  fast  nur  durch  die  äufsere  Form 
unterscheiden,  so  lassen  sie  sich  den  später  so  beliebten  Reimchro- 
niken vergleichen;  sie  schliefsen  sich  nicht  dem  Epos  Angilberts, 
sondern  den  versificirten  Annalen  des  sächsischen  Dichters  an. 

Zu  Heinrichs  H Zeit  ist  dann  in  diesem  Kloster  auch  eine 
Chronik  geschrieben,  welche  manches  nicht  Unwichtige  Uber  die 
Aebtissinnen  Gerburch  und  Sophie  enthalten  haben  mufs;  Widukinds 
Werk,  das  inzwischen  hier  bekannt  geworden  war,  scheint  grofsen- 
theils  darin  aufgenommen  zu  sein.  Leider  ist  das  Original  uns  ver- 
loren; wir  besitzen  nur  eine  niederdeutsche  gereimte,  weitschweifig 
umschreibende  Bearbeitung  von  einem  Priester  Eberhart  aus  dem 
Jahre  1216,  die  freilich  die  Urschrift  nicht  ersetzt,  aber  doch  wohl 
bisher  zu  wenig  beachtet  worden  ist2). 

Andere  Frauenklöster  Sachsens  scheinen  hinter  Gandersheim 
an  gelehrter  Bildung  nicht  zurückgeblieben  zu  sein,  wenn  auch 
gerade  keine  Roswitha  ihnen  einen  so  hohen  Ruhm  vor  der  Welt 
verlieh,  wie  Gandersheim.  Nicht  leicht  traten  die  Nonnen  als  Schrift- 
stellerinnen auf,  aber  auch  die  Bildung  der  Priester,  welche  wie 
Agius  dem  Stifte  nahe  standen  oder  auch  dem  Kloster  selbst  ange- 
hörten, erlaubt  einen  vortheilhaften  Schlufs  auf  den  Zustand  der 
Klosterschule. 

Herford  hatten  wir  schon  früher  zu  erwähnen  wegen  der 
Uebertragung  der  h.  Pusinna.  Hier  wurde  die  Königin  Mahthild 
unter  der  Aufsicht  ihrer  gleichnamigen  Grofsmutter,  der  Aebtissin 
des  Klosters,  erzogen  und  unterrichtet.  Als  Wittwo  stiftete  die  Kö- 
nigin das  Kloster  Nordhausen,  und  hier  wurde  sechs  Jahre  nach 
ihrem  Tode  (968)  ihr  Leben  beschrieben,  entweder  von  einer  Nonne 
des  Stiftes  oder  von  einem  Priester,  der  ihr  nahe  gestanden  hatte 

1)  De  primordiis  coenobii  Gandersheimensis.  Mon.  SS.  IV,  306 — 317. 

2)  De  Fundatione  Gandersemensis  ccdesiae,  in  Leukfeldii  Antiquitates  Gandersh. 
S.  353-408.  Leibn.  SS.  UI,  149— 171. 


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Leben  der  Königin  Mahthild. 


173 


und  von  der  Aebtissin  Ricburg  die  übrigen  Nachrichten  erfuhr.  An 
den  Kaiser  Otto  II  ist  es  gerichtet  und  natürlich  ganz  panegyrischer 
Natur.  Auch  die  Form  ist  ungeschickt,  aber  in  dieser  Zeit  war  es 
noch  ein  nicht  häufiges  Verdienst,  überhaupt  schreiben  zu  können. 
Der  Inhalt  genügt  freilich  unseren  Wünschen  bei  weitem  nicht;  die 
gewöhnlichen  Schilderungen  klösterlicher  Frömmigkeit  nehmen  den 
gröfsten  Raum  ein,  und  wie  Einhard  die  Worte  Suetons  benutzt  hat, 
um  den  Kaiser  Karl  zu  schildern,  so  finden  wir  hier  ganze  Stellen 
aus  Sulpicius  Severus  und  aus  dem  Leben  der  Radegunde  angewandt. 
Das  Formelhafte  dieser  Lobpreisungen  tritt  dadurch  hier  noch  mehr 
wie  sonst  hervor,  aber  der  geschichtliche,  nicht  unwichtige  Inhalt 
wird  mit  Ausnahme  einer  Stelle1)  davon  nicht  berührt,  und  um  so 
erfreulicher  ist  es,  dafs  Koepke  diese  ursprüngliche  Biographie  in 
einer  Göttinger  Handschrift  entdeckte.  Früher  kannte  man  nur  eine 
spätere  Ueberarbeitung  derselben,  deren  Verfasser,  ebenfalls  dem 
Kloster  Nordhausen  nahestehend,  das  Werk  stilistisch  umformte  und 
manches  veränderte,  namentlich  Heinrich  von  Baiern,  Mahthilds 
Lieblingssohn,  ungebührlich  hervorhob,  dem  Enkel  desselben,  Hein- 
rich H,  zu  Liebe,  welcher  ihm  diese  Arbeit  aufgetragen  hatte  *). 

Bedeutender  wie  Herford  und  Nordhausen  tritt  Quedlinburg 
hervor,  ebenfalls  eine  Stiftung  der  Königin  Mahthild;  die  erste  Aeb- 
tissin (966 — 999)  war  ihre  Enkelin  gleiches  Namens,  die  Tochter 
Ottos  des  Grofsen,  welcher  Widukind  seine  Geschichte  widmete. 
Hier  wurde  die  Pfalzgräfin  Agnes  erzogen,  und  auch  der  Bischof 
Thietmar  von  Merseburg  hat  hier  seine  ersten  Jugendjahre  verlebt, 
wie  denn  häufig  in  damaliger  Zeit  zum  geistlichen  Stande  bestimmte 
Knaben  die  Anfänge  des  Unterrichts  von  den  Frauen  ihrer  Familie 
erhielten. 

Die  bedeutende  Stellung,  welche  die  Aebtissin  von  Quedlinburg 
im  Reiche  einnahm,  besonders  als  Otto  III  ihr  während  seines  Römer- 
zuges die  Verwaltung  der  Geschäfte  übertrug,  konnte  nicht  fehlen, 
hier  das  Bedürfhifs  nach  geschichtlichen  Aufzeichnungen  hervorzu- 
rufen, so  wie  an  Nachrichten  hier  kein  Mangel  sein  konnte. 

Man  sammelte  dazu,  was  von  verschiedenen  Annalen  erreichbar 

>)  Das  ist  gerade  die  anstöfsige  Stelle  über  Ottos  I angeblich  gewaltsame  Er- 
hebung auf  den  Thron.  Sie  ist  wörtlich  aus  Sulpic.  Dial.  11,  cap.VI,  2 entnommen 
und  verliert  dadurch  vollends  alle  Autorität. 

*)  Vita  Mahthildis  antiquior  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  X,  575 — 582;  posterior 
SS.  IV,  283 — 302.  Vgl.  G.  Waitz  in  den  Nachrichten  von  der  G.  A.  Univ.  1852, 
N.  13.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  1, 744.  Uebersetzung  von  Jaffe  1858,  wo 
die  fremden  Federn  des  Verfassers  zuerst  bemerkt  und  nachgewiesen  sind.  Hätte 
er  Widukinds  Werk  schon  gekannt,  so  würde  das  bei  seiner  Gewohnheit  wörtlicher 
Entlehnung  wohl  deutlicher  zu  erkennen  sein. 


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174  HI.  Ottonen,  §3.  Quedlinburg.  §4.  HUdeshelm, 

war,  und  aus  diesem  Material  wurde,  als  Heinrich  II  schon  König 
war  und  Ottos  HI  Schwester  Adalheid  dem  Stifte  Vorstand,  eine 
Compilation  verfertigt,  welche  unter  dem  Namen  der  Quedlin- 
burger  Annalen  noch  zum  Theil  erhalten  ist1). 

Der  Verfasser  gehörte  vielleicht  dem  von  der  Aebtissin  Mahthild 
986  neben  dem  ursprünglichen  Damenstift  gegründeten  Mönchskloster 
an.  Ihm  lagen , als  er  seine  Arbeit  unternahm , die  Thaten  der 
Frankenkönige  und  Einhards  Leben  Karls  vor;  auch  Widukinds  Werk 
kann  ihm  nicht  unbekannt  gewesen  sein.  Allein  er  machte  keinen 
Versuch,  nach  der  Weise  dieser  Vorgänger  die  Geschichte  der  Vor- 
zeit dazustellen,  sondern  schlofs  sich  einfach  der  bequemsten  Form 
der  Hersfelder  Annalen  an,  von  welchen  er  ein  bis  etwa  zum 
Jahre  990  reichendes  Exemplar  besafs.  So  lange,  scheint  es,  hat 
man  in  Uersfeld  die  schon  vor  mehr  als  einem  Jahrhundert  begon- 
nene Thätigkeit  fortgesetzt,  und  zwar  besonders  in  Ottos  II  Zeit  mit 
zunehmender  Ausführlichkeit,  welche  für  uns  erst  durch  die  von 
Giesebrecht  restituirten  Altaicher  Annalen  wieder  gewonnen  ist. 

Diese  Hersfelder  Jahrbücher  also  excerpirte  der  Quedlinburger 
Chronist  in  sehr  roher  Weise ; hin  und  wieder  machte  er  noch  einige 
Zusätze,  aber  es  kam  ihm  doch  nicht  in  den  Sinn,  auch  eine  inner- 
liche Verknüpfung  zu  erstreben. 

Auch  hier  finden  wir  Stücke  aus  der  alten  Heldensage,  die  zum 
Theil  mit  Widukinds  Erzählung  Ubereinstimmen,  aber  sie  sind  hier 
nur  ganz  äufserlich  eingeschoben.  Es  fehlte  gewifs  in  Quedlinburg 
nicht  an  HUlfsmitteln , um  besseres  zu  leisten,  aber  vielleicht  eben 
deshalb  und  weil  der  Verfasser  gar  nicht  daran  dachte,  die  ausführ- 
licheren Werke  Uber  die  Vorzeit  durch  das  seinige  ersetzen  zu  wollen, 
begnügte  er  sich  mit  dem  dürftigsten  annalistischen  Gerippe,  welches 
ihm  diente,  um  nach  Bedürfnifs  hier  und  da  Bemerkungen  und  Zu- 
sätze einzutragen.  Mit  Heinrichs  I Zeit  werden  die  selbständigen 
Eintragungen  häufiger;  nach  einer  Lücke  von  961 — 983,  die  sich 
aus  den  späteren  sächsischen  Chronographen  zum  Theil  ergänzen 
läfst,  finden  wir  den  Verfasser  schon  993  als  Augenzeugen  redend, 
und  von  da  an  beginnt  nun  eine  sehr  ausführliche  Geschichtserzäh- 
lung, die  von  Jahr  zu  Jahr  fortschreitet,  und  wenn  nicht  immer 
gleichzeitig,  so  doch  nicht  sehr  fern  von  den  Ereignissen  aufgezeich- 
net ist.  Vieles  erinnert  darin  an  die  alten  Reichsannalen,  allein  es 
fehlt  doch  die  gleichmäfsige  Einheit,  es  fehlt  auch  der  umfassende 

*)  Mon.  SS.  III,  22 — 90.  Vgl.  Lappenberg  im  Archiv  VI,  635 — 653.  Waitz 
p.  686 — 688;  wo  aber  aus  den  Quellen  die  unechten  Fast!  Corbeienses  zu  streichen 
sind.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  1, 746.  11,517. 


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Aon.  Qucdlinburgenses.  Trans).  S.  Epiphanii.  175 

Ueberblick  Uber  das  ganze  Reich.  Wenn  man  anch  die  Beziehung 
der  fürstlichen  Aebtissin  zum  Kaiserhofe  wahrnimmt  an  der  zuver- 
lässigen Kunde  von  entfernten  Ereignissen,  so  Uberwiegt  doch  das 
Interesse  für  die  nähere  Umgegend,  namentlich  die  Kämpfe  mit  den 
Slaven,  und  die  unbedeutendsten  lokalen  Vorfälle  treten  ohne  Unter- 
scheidung zwischen  die  grofsen  geschichtlichen  Begebenheiten.  Doch 
müssen  wir  diese  Jahrbücher  zu  den  bedeutenderen  Erscheinungen 
der  Historiographie  zählen,  und  sachlich  sind  sie  vom  höchsten 
Werthe;  ihr  plötzliches  Abbrechen  mit  dem  Jahre  1025  läfst  eine 
sehr  empfindliche  Lücke  zurück.  Wie  weit  sie  ursprünglich  gereicht 
haben  mögen,  ist  unbekannt1);  uns  ist  nur  eine  Abschrift  aus  später 
Zeit  erhalten,  und  der  gänzliche  Verlust,  der  hier  so  leicht  erfolgen 
konnte,  legt  den  Gedanken  nahe,  wie  manche  andere  Aufzeichnung 
der  Art  spurlos  verschwunden  sein  mag.  Namentlich  läfst  sich  das 
mit  Sicherheit  von  Halberstadt  annehmen,  wo  gewifs  auch  Ge- 
schichtliches geschrieben  wurde.  Von  einer  Biographie  des  Bischofs 
Haimo  (840 — 853)  hat  sich  sogar  ein  Fragment  erhalten2).  Der 
Verfasser,  Rochus,  war  jedoch  Mönch  im  Kloster  Ilsenburg,  welches 
erst  998  gegründet  ist,  und  schrieb  also  mindestens  anderthalb  Jahr- 
hunderte nach  dem  Tode  des  Bischofs. 

Zu  nennen  ist  von  anderen  sächsischen  Klöstern  nur  noch 
Werden  an  der  Ruhr,  wo  Uffing  aufser  einigen  Versen  zum  Preise 
des  h.  Liudger  und  seines  Klosters  auch  das  schon  oben  (137)  er- 
wähnte Leben  der  h.  Ida  zwischen  den  Jahren  980  und  983  verfafste. 

§4.  Hildesheim. 

Hildesheim,  in  der  karolingischen  Periode  noch  nicht  durch 
litterarische  Leistungen  bekannt,  gewann  in  der  zweiten  Hälfte  des 
zehnten  Jahrhunderts  einen  glänzenden  Namen  unter  den  Pflanz- 
stätten höherer  Bildung,  den  es  dann  lange  behauptete.  Als  erstes 
Denkmal  ist  uns  die  Geschichte  der  Uebertragung  des  h.  Epi- 
phanius  erhalten3).  Der  Eifer  für  die  Erwerbung  von  Reliquien, 
der  schon  im  neunten  Jahrhundert  so  manche  kleinere  geschichtliche 
Aufzeichnung  veranlafst  hatte,  gewann  in  der  folgenden  Periode  einen 
neuen  Anstofs  durch  die  Römerzüge  der  Ottonen,  und  der  an  solchen 
Schätzen  reiche  italische  Boden  wurde  mit  allen  Mitteln  ausgebeutet. 
Dieser  heilige  Zweck  entschuldigte  alles;  die  frommsten  Männer 

*)  Doch  benutzt  auch  schon  der  Chronogr.  Saxo  sie  nur  bis  1025  und  viel- 
leicht noch  1029.  1030.  1034.  Thietmar  benutzte  sie  schon  um  das  Jahr  1012. 

*)  Archiv  XI,  285. 

*)  Translatio  S.  Epiphanii  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  248—251. 


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176 


111.  Ottonen.  § 4.  Hildesheim. 


scheuten  sich  nicht  vor  Bestechung,  vor  Diebstahl  und  Raub,  um 
der  Heimath  neue  Schutzpatrone  zu  erwerben. 

Otwin,  der  zweite  Abt  des  Mauriciusstiftes  zu  Magdeburg,  der 
954  den  Hildesheimer  Bischofstuhl  bestiegen  hatte,  begleitete  den 
Kaiser  auf  seiner  zweiten  Heerfahrt  nach  Italien  und  benutzte  964 
seinen  Aufenthalt  zu  Pavia,  um  sich  durch  List  den  Leib  des  h.  Epi- 
phanius  zu  verschaffen,  den  er  dann  als  herrlichste  Beute  nach 
Sachsen  brachte. 

Allein  nicht  blofs  an  Reliquien,  sondern  auch  an  Büchern  war 
Italien  noch  immer  das  reichste  Land,  und  auch  diesem  Schatze 
stellte  Otwin  eifrig  nach;  auch  davon  brachte  er  einen  grofsen  Vor- 
rath mit  nach  dem  bis  dahin  bücherarmen  Hildesheim,  und  dadurch 
legte  er  den  Grund  zu  der  kräftigen  Entwickelung  der  dortigen 
Schulen1).  Die  erste  Frucht  dieser  neuen  Thätigkeit,  welche  uns 
bekannt  geworden  ist,  verherrlicht  eben  jene  Uebertragung;  es  ist 
eine  im  schlichten  kirchlichen  Stil  der  Zeit  geschriebene  Erzählung, 
die  jedoch  erst  nach  Otwins  Tode  (1.  Dec.  984)  verfafst  ist. 

Der  Schule  stand  damals  Thangmar  vor,  der  später  Dom- 
dechant wurde  und  zugleich  als  Bibliothekar  und  Notar  eine  bedeu- 
tende Stellung  einnahm ; ein  grofser  Theil  der  bischöflichen  Geschäfte 
ging  durch  seine  Hand,  und  namentlich  in  den  Jahren  von  1000  bis 
1002  führten  ihn  wichtige  Aufträge  wiederholt  an  den  päpstlichen 
und  kaiserlichen  Hof.  Seiner  besonderen  Leitung  wurde  der  junge 
Bernward  anvertraut,  ein  sächsischer  Knabe  von  vornehmster  Her- 
kunft, der  schon  in  früher  Kindheit  der  Hildesheimer  Kirche  über- 
geben war.  Er  unterwies  ihn  nicht  allein  in  den  Wissenschaften, 
sondern  auch  in  den  Künsten,  der  Schreibkunst,  Malerei,  Bildhauerei 
und  Baukunst,  und  auch  hierin  zeichnete  sich  Bemward  bald  in 
hohem  Grade  aus.  Denn  wie  wir  das  besonders  auch  in  S.  Gallen 
sahen,  die  Geistlichkeit  pflegte  und  bewahrte  in  Deutschland  damals 
in  ihrer  Mitte  alles,  was  überhaupt  von  höherer  Ausbildung  irgend 
vorhanden  war;  noch  mufste  sie  fast  alles,  dessen  sie  bedurfte  um 
den  hohen  Anforderungen  ihrer  Stellung  zu  genügen,  selber  leisten. 

Später  hielt  Bernward  sich  einige  Zeit  bei  dem  Erzbischof 
Willigis  auf,  bei  seinem  Grofsvater  dem  Pfalzgrafen  von  Sachsen, 
und  bei  seinem  Oheim,  dem  Bischof  von  Utrecht;  dann  begab  er 
Bich  987  an  den  kaiserlichen  Hof,  und  hier  vertraute  ihm  Theophano 
die  Erziehung  des  königlichen  Kindes  Ottos  UI. 

0 Librorum  nihilooiinus  tarn  divinae  lcctionis  quam  philosophicae  fictionis 
tantam  convexit  copiam,  ut  qui  illorutn  penuria  inerliautc  torpebant  otio,  frequeuti 
nunc  studii  caleaat  negotio.  TransL  c.  2. 


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Leben  Bernwards  von  Thangwar. 


177 


Am  7.  Dec.  992  starb  in  Komo  der  Bischof  Gerdag  von  Hildes- 
heim, und  Bernward  wurde  zu  seinem  Nachfolger  erwählt.  Dreifsig 
Jahre  lang  hat  er  dieses  Amt  verwaltet,  und  nicht  leicht  hat  ein 
Bischof  ein  besseres  Andenken  hinterlassen.  Unter  den  trefflichen 
Bischöfen,  an  welchen  diese  Zeit  so  reich  ist,  war  er  einer  der 
hervorragendsten.  In  ihrer  Hand  waren  zum  grofsen  Theil  die  Reichs- 
geschäfte; Bernward  hatte  schon  als  Hofkaplan  an  der  Regierung 
Antheil  gehabt,  und  als  Bischof  nahmen  ihn  die  wichtigsten  Ange- 
legenheiten vielfach  in  Anspruch.  Dabei  aber  sorgte  er  für  seinen 
Sprengel  mit  unermüdlicher  Sorgfalt.  Noch  war  Sachsen  nicht  ge- 
sichert gegen  die  Einfälle  der  Normannen  und  Wenden,  und  erst 
Bernward  verschaffte  seinem  Gebiete  durch  Befestigungen  und  zweck- 
mäfsige  Einrichtungen  ausreichenden  Schutz,  sowie  er  auch  durch  viel- 
fache kaiserliche  Begnadungen  die  Ausbildung  des  Stiftes  zu  einem 
wirklichen  Ftirstenthume  begründete.  Ueberhaupt  liefs  er  keine 
Eigenschaft  eines  tüchtigen  weltlichen  Regenten  an  sich  vermissen 
und  war  zugleich  ernstlich  bemüht,  Hildesheim  immer  mehr  zu  einer 
Stätte  geistiger  Bildung  zu  machen.  Er  bereicherte  die  Bibliothek 
des  Stiftes  mit  zahlreichen  Handschriften  und  liefs  talentvolle  Knaben 
in  Wissenschaft  und  Kunst  unterweisen ; die  begabtesten  führte  er 
mit  sich  an  den  königlichen  Hof,  um  sie  von  der  vielfachen  hier 
gebotenen  Gelegenheit  zu  höherer  Ausbildung  Nutzen  ziehen  zu 
lassen.  Tief  betrauert  starb  er  am  20.  November  1022,  und  seinem 
alten  Lehrer  Tangmar,  der  ihn  um  einige  Jahre  überlebte,  fiel 
noch  die  Aufgabe  zu,  ein  Bild  seines  Lebens  zu  entwerfen.  Die 
Absicht  hatte  er  schon  früher  gehabt,  und  nachdem  er  mit  Mühe 
BemwardB  Einwilligung  dazu  erlangt,  die  Materialien  dafür  gesammelt. 
Einen  grofsen  Theil  dessen,  wovon  er  berichtet,  hatte  er  selbst  mit 
durchlebt  und  an  allen  Geschäften  thätigen  Antheil  genommen; 
Bernward  aber  war,  wie  Thangmar  selbst  sagt,  von  solchem  Ver- 
trauen zu  ihm  erfüllt,  wie  ein  Kind  zu  seinem  Vater,  und  aus  sei- 
nem ganzen  Leben  konnte  auch  nicht  der  geringste  Umstand  ihm 
verborgen  bleiben. 

So  entstand  denn  das  Leben  Bernwards1),  eines  der  schön- 
sten biographischen  Denkmale  des  Mittelalters,  welches  wir  besitzen, 
und  eine  der  wichtigsten  Quellen  für  einen  bedeutenden  Zeitraum. 
Die  reichste  Fülle  des  Stoffes  tritt  hier  an  die  Stelle  jener  immer 
wiederkehrenden  Phrasen,  welche  sonst  so  häufig  die  Armuth  des 

')  Thangmari  Vita  Bcrnwardi  ed.  Pertz , Mon.  SS.  IV,  754 — 782.  Vgl. 
W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  1, 748.  Der  h.  Bernward,  von  H.  A.  LünlzeL 
Hild.  1856.  8. 

12 


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178  III.  Ottonen.  § 4.  Hildesbeim.  § 5.  Magdeburg. 

Schreibenden  verdecken;  die  Sprache  ist  schlicht  und  einfach,  und 
während  die  wärmste  Liebe  zu  dem  Verstorbenen  das  ganze  Werk 
erfüllt,  trägt  es  doch  den  Stempel  der  Wahrhaftigkeit.  Bernward 
bedurfte  zu  seinem  Lobe  keiner  Uebertreibungen1 * * * * * *). 

Vieles  was  im  Leben  Bernwards  steht,  findet  sich  übereinstim- 
mend, aber  kürzer,  auch  in  den  Hildesheimer  Annalen8),  einer 
sehr  schätzbaren  Geschichtsquelle,  welche  wir  vennuthlich  der  An- 
regung Bernwards  verdanken.  Wenigstens  sind  sie  in  der  noch  er- 
haltenen Urschrift  bis  zum  Jahre  993  von  einer  Hand  geschrieben 
und  also  wohl  in  diesem  Jahre,  in  welchem  Bernward  Bischof  wurde, 
zuerst  verfafst.  Die  Beschaffenheit  dieses  ersten  Theiles  ist  ganz 
dieselbe,  welche  wir  schon  bei  den  Quedlinburger  Annalen  sahen 
und  überall  wiederfinden;  der  Verfasser  hielt  eine  bis  auf  Adam 
zurückreichende  annalistische  Grundlage  für  nothwendig,  ohne  jedoch 
darauf  irgend  welche  Sorgfalt  zu  verwenden;  er  verknüpfte  nur  die 
Chronik  des  Isidor  mit  den  kleinen  Lorseber  Annalen  und  excerpirte 
von  da  an,  wo  diese  auf  hören,  die  Hersfelder  Annalen.  Daran 
schliefst  sich  dann  die  Fortsetzung,  welche  den  Werken  dieser  Art 
allein  einen  Werth  verleiht,  abgesehen  von  den  einzelnen  Notizen, 
welche  durch  den  Mangel  besserer  Quellen  zufällig  Bedeutung  er- 
langen. Mehrfacher  Wechsel  in  der  Hand  der  Schreiber  deutet  auf 
verschiedene  Verfasser;  an  dem  einen  Theile  von  1000  bis  1022 
scheint  Thangmar  Antheil  gehabt  zu  haben.  Vielleicht  benutzte  der 
Verfasser,  ein  Mönch  des  von  Bernward  gestifteten  Michaelisklosters, 
die  Aufzeichnungen,  welche  Thangmar  für  seine  Biographie,  wie  er 
selbst  sagt,  schon  zu  Bernwards  Lebzeiten  gesammelt  hatte.  Die 
Nachrichten  sind  gut  und  zuverlässig,  bei  weitem  nicht  so  ausführ- 
lich wie  die  Quedlinburger,  aber  übrigens  ähnlicher  Art.  Der  Ver- 
fasser hat  die  grofsen  Begebenheiten  der  Zeit  im  Auge  und  berichtet 
darüber,  was  er  erfährt;  dazu  setzt  er  alles,  was  ihm  merkwürdig 
vorkommt,  grofses  und  kleines;  von  einer  eigentlichen  Verarbeitung, 
einer  gleichmäfsig  fortgeführten  geschichtlichen  Erzählung  ist  nicht 
die  Rede. 

Auf  diese  Annalen  werden  wir  noch  einmal  zurückkommen,  da 

l)  Nur  in  Bezug  auf  Heinrichs  II  Wahl,  der  Bernward  entgegen  war,  ist 

Thangmar  nirht  ganz  aufrichtig,  lieber  den  Streit  mit  den  Mainzer  Erzbischöfen 

wegen  des  Diöcesanrechles  über  Gandersheim,  welcher  hier  wie  im  Leben  Gode- 

hards grofsen  Raum  einnimmt,  fehlt  es  uns  leider  ganz  an  einer  Oarsteüung  von 

der  anderen  Seite. 

8)  Annales  Hildenesheimenses  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  III,  22  — 116.  Vgl.  Wailz 

im  Archiv  VI,  663  ff.  L.  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten  III,  299.  307.  W.  Gie- 

sehrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  I,  745. 


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Hildesheimer  Annalen.  Magdeburg. 


179 


sie  bis  zum  Tode  Kaiser  Lothars  fortgefiihrt  sind ; Hildesheim  wurde 
das  Glück  zu  Theil,  dafs  auf  Bernward  der  nicht  minder  ausgezeich- 
nete Bischof  Godehard  folgte,  und  es  behauptete  auch  in  der  folgen- 
den Periode  eine  hervorragende  Stellung. 

§5.  Magdeburg.  Merseburg. 

An  der  Ostgrenze  Sachsens  hatte  Otto,  auch  hierin  Karls  Bei- 
spiel folgend,  Magdeburg  ausersehen  zum  geistigen  Mittelpunkte  für 
die  wendischen  Länder.  In  das  Moritzkloster,  welches  die  Grund- 
lage dazu  bildete,  berief  er  937  Mönche  aus  S.  Maximin  bei  Trier, 
einem  Kloster,  das  freilich  auch  verweltlicht  und  verwildert,  aber 
schon  934  zur  klösterlichen  Ordnung  zurückgeführt  war.  Auch  der 
erste  Erzbischof  Adalbert  (968 — 981)  war  ein  Mönch  von  S.  Ma- 
ximin und  Abt  von  Weifsenburg  gewesen;  in  beiden  Klöstern  zeigt 
sich  Sinn  für  Geschichtschreibung,  und  Adalbert,  unter  dem  die 
Magdeburger  Schule  einen  hohen  Aufschwung  nahm,  wird  ohne 
Zweifel  auch  dafür  gesorgt  haben,  dafs  die  merkwürdigen  Ereignisse, 
deren  Mittelpunkt  Magdeburg  war,  nicht  in  Vergessenheit  geriethen. 
Otrich,  der  Vorsteher  der  Domschule1),  galt  bei  seinen  Verehrern 
für  den  gröfsten  Gelehrten  seiner  Zeit;  er  wetteiferte  mit  Gerbert 
und  disputirte  mit  ihm  vor  dem  Kaiser  Otto  n.  Ein  Zwist  mit  dem 
Erzbischof  störte  freilich  seine  Wirksamkeit  in  Magdeburg;  die  vielen 
durch  ihn  dahin  gezogenen  Fremden  verliefsen  die  Stadt,  und  Otrich 
selbst  lebte  von  976  an  am  kaiserlichen  Hofe.  Doch  scheint  die 
Schule  unter  Geddo  und  Ekkehard  dem  Rothen  immer  eine  achtungs- 
werthe  Wirksamkeit  geübt  zu  haben. 

Bald  nach  dem  Tode  Gisilers  (1004),  dessen  Ehrgeiz  die  kirch- 
lichen Schöpfungen  Ottos  in  betrübender  Weise  zerrüttet  hatte,  ist 
in  Magdeburg  ein  Geschichtswerk,  wohl  eine  Chronik  des  Stiftes, 
entstanden,  welches  uns  leider  verloren  und  nur  aus  abgeleiteten 
und  getrübten  späteren  Quellen  theilweise  herzustellen  ist2). 

Einer  von  Otrichs  Schülern  war  Adalbert,  der  schwärmerisch 
fromme  Freund  Ottos  IH,  der  vergeblich  als  Bischof  von  Prag  seine 
Landsleute,  die  Böhmen,  zu  lenken  versuchte  und  zuletzt  997  in 
Preufsen  den  ersehnten  Tod  als  Märtyrer  fand.  Wir  werden  später 

*)  Uebrr  ihn  s.  Biidinger,  Uebcr  Gerbert  S.  54 — 60.  Oest.  Gesch.  I,  319. 

2)  Thietmar,  der  Chronographus  Saxo  u.  Chronicon  Magdeburgense.  W.  Giese- 
brecht  in  den  Rankeseben  Jahrbüchern  II,  1,  157 — 162.  L.  Giesebrecht,  Wendische 
Geschichten  III,  304. 


12* 


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180 


III.  Ottonen.  § 5.  Magdeburg.  Merseburg. 


eine  Lebensbeschreibung  von  ihm  zu  erwähnen  haben,  welche  in 
Italien  verfafst  ist;  eine  andere  schrieb  einer  seiner  Genossen  auf 
der  Schule  zu  Magdeburg,  Brun,  aus  dem  Hause  der  Grafen  von 
Querfurt,  welcher  von  derselben  weltverachtenden  Frömmigkeit  und 
derselben  Sehnsucht  nach  dem  Märtyrertode  beseelt  war. 

Dieses  Leben  Adalberts1 *)  ist  in  einer  widerlich  blumenreichen 
und  salbungsvollen  Sprache  verfafst,  aber  charakteristisch  für  diese 
aufs  Aeufserste  getriebene  Ascetik  und  in  seinem  Inhalte  lehrreich; 
Brun  verfafste  es  um  das  Jahr  1004,  als  er  im  Begriffe  war,  dem 
Beispiele  seines  Freundes  zu  folgen.  Zum  Erzbischof  der  Heiden 
geweiht,  ging  er  zuerst  gegen  Ende  des  Jahres  1007  durch  Ungern 
und  Rufsland  zu  den  Petschenegen , und  nachdem  er  diese  seiner 
Meinung  nach  bekehrt  hatte,  zu  Boleslaw  von  Polen,  von  dessen 
Hofe  aus  er  einen  sehr  merkwürdigen  und  lehrreichen  Brief  an  Kaiser 
Heinrich  H schrieb1).  Von  hier  aus  begab  er  sich  zu  den  Preufsen 
und  drang  bis  zu  deren  östlichsten  Grenzen  vor,  wo  er  den  Tod 
fand  den  er  suchte,  am  14.  Februar  1009.  Ein  kurzer,  aber  lügen- 
hafter Bericht  Uber  seine  Predigt,  seine  Wunder  und  sein  Ende  hat 
sich  erhalten3);  eine  andere  Schrift  Uber  ihn,  die  als  wahrhaft  ge- 
rühmt wird,  kennen  wir  nur  aus  der  späteren  Magdeburger  Chronik, 
wo  sie  benutzt  ist.  Vielleicht  hat  auch  schon  Thietmar  von  Merse- 
burg sie  vor  sich  gehabt4),  der  letzte  Schriftsteller  Sachsens,  den 
wir  in  dieser  Periode  zu  betrachten  haben,  und  der  erste,  bei  dem 
eine  Art  gelehrter  Forschung  vorkommt.  Denn  von  allen  den  Schrift- 
stellern, die  uns  bis  jetzt  beschäftigt  haben,  hat  niemand  zu  seinem 
Werke  ein  Buch  oder  irgend  eine  schriftliche  Quelle  benutzt:  sie 
schrieben,  was  sie  erlebt  oder  gehört  hatten.  Auch  bei  den  Annalen 
von  Hildesheim  und  Quedlinburg  ist  doch  die  Aufzeichnung  der  Zeit- 
geschichte die  Hauptsache;  die  Zusammenstoppelung  der  älteren 
Theile  läfst  sich  kaum  als  gelehrte  Arbeit  in  Anschlag  bringen. 
Diesen  ganz  unvollkommen  Anfängen  gegenüber  zeigt  uns  die  Chronik 
Thietmars  schon  einen  bedeutenden  Fortschritt. 

l)  Vita  S.  Adalberti  auct.  Brunone  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  577.  596  — 612. 

Vgl.  W.  Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  I,  750. 

4)  Zuerst  von  Gilferding  in  einer  russischen  Zeitschrift  herausgegeben , dann 
bei  Miklosich  und  Fiedler,  Slav.  Bibi.  II,  307  und  W.  Giesebrecht,  Geschichte  der 
Kaiserzeit  11,  600,  vgl.  192  f.  und  Nachträge. 

*)  Mon.  SS.  IV,  579.  — 4)  L.  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten  III,  303. 


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Leben  Adalberts  von  Bruno.  Thietmar. 


181 


Tbietmar  von  Merseburg. 

Auagabe  Bf  in  er  Chronik  von  Wagner,  1807.  4.  mit  guten  Anmerkungen.  Die  einzige  kri- 
tisch zuverlässige  von  Lappenberg  Mon.  SS.  III,  783 — 871.  Uebersetzung  von  Ursinus, 
Dresden  1790;  von  Laurent,  mit  Vorwort  von  Lappenberg.  1848.  Nachträgliche  Be- 
merkungen über  Thietmars  Leben.  Archiv  IX,  438.  Ueber  sein  Todesjahr  Otte  in 
Foerstemanns  Neuen  Mitth.  V,  8,  141.  vgl.  Wilmans,  Archiv  XI,  151.  Ueber  ein  Mefs- 
buch  und  Kalender  mit  Eintragungen  von  Thietmars  Hand,  Hesse  ib.  IV,  876,  und 
Ausgabe  von  Hesse  in  Höfers  Zeitschrift  für  Archivkunde  I,  111 ; vgl.  Wilmans,  Archiv 
XI,  141.  L.  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten  111,305.  W.  Giesebrccht,  Gesch.  der 
Kaiserzeit  1,746.  11,517.  Schmckal,  über  Diethmar  von  Merseburg,  im  Jahresbericht 
über  das  Domgymnasium  zu  Merseburg,  1856.  wÄre  besser  ungeschrieben  geblieben. 

Thietmar,  ein  Sohn  des  Grafen  Siegfrid  von  Walbeck,  im  Jahre 
976  geboren,  stammte  aus  einem  der  vornehmsten  Geschlechter 
Sachsens;  er  war  mit  den  bedeutendsten  Fürstenhäusern,  selbst  mit 
den  Ottonen  verwandt,  und  die  wichtigsten  Ereignisse  im  Reiche 
hatten  deshalb  eine  persönliche  Beziehung  zu  ihm,  so  dafs  er  früh- 
zeitig von  allem  Kunde  erhielt  und  mit  den  Verhältnissen  des  Reiches 
vertraut  wurde.  Von  Emnilde,  einer  Nichte  der  Königin  Mahthild, 
erhielt  er  als  Knabe  den  ersten  Unterricht  in  dem  kaiserlichen  Stifte 
Quedlinburg;  vom  zwölften  Jahre  an  vollendete  er  dann  seine  Schul- 
bildung im  Kloster  Bergen  und  in  Magdeburg  selbst  An  Belesen- 
heit in  kirchlichen  und  profanen  Schriftstellern  fehlte  es  ihm  nicht, 
einen  guten  lateinischen  Stil  zu  schreiben  hat  er  aber  nicht  gelernt. 
Im  Jahre  1002  wurde  er  Propst  des  Klosters  Walbeck,  einer  Stiftung 
seiner  Vorfahren  und  endlich  1009  Bischof  von  Merseburg;  ein  Amt, 
welches  er  löblich,  aber  nur  zehn  Jahre  lang  verwaltete,  denn  er 
starb  schon  am  ersten  December  1019  in  seinem  dreiundvierzigsten 
Lebensjahre. 

Das  Bisthum  Merseburg  hatte,  obschon  erst  von  Otto  I gegrün- 
det, doch  schon  mannichfaltige  und  merkwürdige  Schicksale  erlebt; 
zum  Gedächtnifs  der  Ungernschlacht  auf  dem  Lechfelde  dem  h.  Lau- 
rentius zu  Ehren  gestiftet,  wurde  es  schon  durch  den  zweiten  Bischof 
Gisiler  völlig  zerstört,  um  diesem  den  Weg  zum  Erzbisthum  Magde- 
burg zu  bahnen,  und  ungeachtet  vielfacher  Anstrengungen  konnte 
die  Herstellung  doch  erst  nach  Gisilers  Tode  (1004)  erlangt  werden. 

Diese  Ereignisse,  so  lange  sie  noch  in  frischer  Erinnerung  haf- 
teten, für  die  Nachkommen  durch  schriftliche  Ueberlieferung  festzu- 
halten, war  eine  dringende  Pflicht,  die  Thietmar  zu  erfüllen  über- 
nahm. Die  Geschichte  des  Ottonischen  Hauses,  die  verschiedenen 
Wechselfälle  des  stets  fortgesetzten  Kampfes  mit  den  Wenden  ge- 
hörten mit  Nothwendigkeit  zu  einer  Geschichte  Merseburgs.  Thiet- 
mar aber  beschränkte  sich  auch  darauf  nicht,  sondern  wie  das  im 
Mittelalter  so  häufig  war,  und  sich,  da  so  wenig  geschrieben  wurde 


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182  HI'  Ottonen.  § 5.  Magdeburg.  Merseburg.  § 6.  Lothringen. 

und  ein  Buch  schon  ein  Schatz  war,  leicht  erklärt:  da  er  überhaupt 
einmal  ein  Buch  schrieb,  so  legte  er  in  diesem  auch  alles  nieder, 
was  ihm  denkwürdig  schien,  alle  seine  Erlebnisse,  die  kleinsten  wie 
die  gröfsten,  und  was  er  zu  Hause  und  am  Hofe  sah  und  hörte, 
oder  was  er  in  anderen  Büchern  fand.  Noch  hat  sich  seine  eigene 
Handschrift  erhalten,  und  sie  zeigt  uns  am  deutlichsten,  wie  er  ar- 
beitete, wie  er  immer  neue  Zusätze  und  Nachträge  machte ').  Bald 
trug  er  am  Rande  nach,  was  ihm  später  bekannt  wurde,  bald  er- 
zählt er  rückblickend,  was  eigentlich  an  eine  frühere  Stelle  gehört. 
Manchmal  ist  dadurch  der  Zusammenhang  gestört,  es  sind  Wider- 
sprüche entstanden,  und  die  Form  ist  überall  mangelhaft:  die  letzte 
Hand  fehlt,  und  auch  durch  wiederholte  Ueberarbeitung  hätte  der 
Verfasser  aus  diesem  lose  an  einander  gereihten  Stoffe  kein  einheit- 
liches Geschichtswerk  machen  können.  Aber  die  ihm  vorliegenden 
Nachrichten  des  Widukind,  des  Ruotger,  die  Hersfelder,  Hildesheimer 
und  Quedlinburger  Annalen,  das  Leben  der  Königin  Mahthild  und 
des  Bischofs  Udalrich  von  Augsburg  nebst  der  eben  erwähnten 
Magdeburger  Chronik  sind  doch  immer  mit  verständiger  Auswahl 
in  einander  gearbeitet,  und  mit  seiner  aus  mündlicher  Ueberlieferung, 
aus  Urkunden  und  späterhin  aus  eigener  Erinnerung  geschöpften 
Kenntnifs  verbunden.  Wenn  man  die  rohen  Excerpte  der  Anna- 
listen von  Hildesheim  und  Quedlinburg  dagegen  hält,  so  kann  man 
einen  bedeutenden  Fortschritt  nicht  verkennen,  und  es  hat  noch 
lange  gedauert,  bis  man  im  Stande  war  etwas  besseres  zu  leisten. 

Als  Geschichtsquelle  betrachtet  hat  aber  Thietmars  Werk  gerade 
einen  besonderen  Werth  dadurch,  dafs  das  Gefüge  seiner  Bestand- 
theile  so  leicht  zu  erkennen  ist,  wodurch  die  Kritik  wesentlich  er- 
leichtert wird.  Andererseits  kommt  es  uns  nicht  minder  zu  gut, 
dafs  er  auch  geringfügige  Umstände  nicht  verschmähte  und  deshalb 
ein  lebendigeres  Bild  der  damaligen  Zustände  gewährt,  in  dem  wir 
dergleichen  kleinere  Züge  nur  ungern  vermissen  würden. 

Für  die  ersten  drei  Bücher  standen  Thietmar  wenig  Quellen  zu 
Gebote,  die  wir  nicht  auch  noch  besäfsen;  aber  von  dem  Anfänge 
der  Regierung  Ottos  HI  an  werden  seine  eigenen  Mittheilungen  immer 
reichhaltiger.  Im  Jahre  1012  hatte  er  die  ersten  fünf  Bücher  und 
den  gröfsten  Theil  des  sechsten  vollendet,  im  Jahre  1014  das  sechste, 
das  siebente  1017  und  das  letzte  erst  im  Jahre  1018,  wenige  Monate 
vor  seinem  Tode.  Er  schrieb  also  die  Geschichte  dieser  letzten 
Jahre  gleichzeitig  mit  den  Ereignissen  selbst;  sein  Werk  nimmt  da 
fast  den  Charakter  eines  Tagebuches  an  und  verbindet  deshalb  die 

*)  Vgl.  W.  Giesebrecht  in  den  Rankeschen  Jahrbüchern  II.  1,  156 — 162. 


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Tbietmar  von  Merseburg.  Lothringen.  183 

Zuverlässigkeit  der  besseren  Annalen  mit  gröfserer  Fülle  und  Reich- 
haltigkeit. 

Dafs  es  ihm,  dem  Bischof,  der  viel  am  Hofe  verkehrte  und  zum 
Rathe  des  Kaisers  gehörte,  dem  nahen  Verwandten  der  bedeutendsten 
Fürsten,  nicht  an  Mitteln  fehlte,  sich  über  die  wichtigsten  Vorfälle 
und  den  ganzen  Gang  der  Begebenheiten  genau  zu  unterrichten,  er- 
wähnten wir  schon ; auch  entfernte  Begebenheiten  bei  anderen  Völ- 
kern und  an  den  fremden  Höfen  verfolgt  er  mit  bemerkenswerther 
Aufmerksamkeit  und  Kenntnifs.  Eben  so  wenig  ist  aber  auch  ein 
Grund  vorhanden,  seine  Wahrheitsliebe  zu  bezweifeln.  Sich  selbst 
schont  er  durchaus  nicht;  mit  der  rührendsten  Bescheidenheit  deckt 
er  seine  eigenen  Fehler  und  Schwächen  auf,  und  durchgehends  be- 
währt er  sich  als  einen  redlichen  Mann  von  biederer  Gesinnung  und 
bestem  Willen.  Dafür  können  wir  ihm  dann  wohl  die  Unbehülflich- 
keit  der  Darstellung,  den  oft  gesuchten  Ausdruck  und  das  gelegent- 
liche Prunken  mit  seiner  mühsam  erworbenen  Gelehrsamkeit  ver- 
zeihen. 

Wegen  seines  vorherrschend  provinziellen  Charakters  ist  Thiet- 
mars  Werk  zwar  von  sächsischen  Schriftstellern  viel  benutzt  worden  *), 
hat  aber  eine  weitere  Verbreitung  nicht  gefunden. 

§6.  Lothringen.  Köln.  Trier.  Metz. 

Wir  haben  in  Sachsen  die  neue  Entwickelung  litterarischer 
Tbätigkeit  unter  der  unmittelbaren  Einwirkung  des  Ottonischen 
Hauses  betrachtet,  und  auch  in  Lothringen  ist  es  ein  Ludolfinger, 
der  Kirche  und  Schule  zu  neuem  Leben  weckt,  unter  dessen  Pflege 
überall  frische  Keime  hervorspringen,  die  bald  zu  reicher  Fülle  sich 
entfalten. 

Hoch  mehr  wie  Sachsen  war  Lothringen  durch  innere  Zwie- 
tracht zerrüttet  und  durch  äufsere  Feinde  verwüstet.  Die  alten 
Stätten  der  Kultur,  die  reichen  Bischofsitze  und  Klöster  lagen  grofaen- 
theils  in  Asche,  und  von  den  Einkünften  der  Stiftsgüter  zehrten  die 
Vasallen,  denen  sie  als  Preis  ihrer  Treue  oder  Untreue  zugefallen 
waren;  kaum  bewahrten  ein  Paar  verwildeter  und  unwissender  Geist- 
licher den  kirchlichen  Charakter  von  Klöstern,  die  man  früher  weit- 
hin mit  Ehrfurcht  und  Bewunderung  genannt  hatte. 

Durch  Heinrich  und  Otto  wurde  das  fast  verlorene  Land  den 
Westfranken  wieder  entrissen  und  mit  dem  Ostreiche  neu  vereinigt; 

*)  so  besonders  vom  Annalista  Saxo.  Io  der  Vorrede  zu  diesem  SS.  VI,  543 
sind  auch  Berichtigungen  der  Collaüon  der  Brüsseler  Handschrift  des  Tbietmar 
gegeben. 


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184  III.  Ottonen.  §6.  Lothringen.  Köln,  Trier,  Metz. 

aber  den  inneren  Frieden  herzustellen,  Ordnung  zu  schaffen  und  die 
beginnende  Reform  der  verwahrlosten  kirchlichen  Zustände  zu  pflegen 
und  zu  befestigen,  das  war  die  schwere  Aufgabe,  welche  dem  Bruder 
Ottos  des  Grofsen,  dem  Erzbischof  Bruno  von  Köln,  zufiel  und 
von  diesem  auf  das  Glänzendste  gelöst  wurde. 

Wir  haben  schon  oben  S.  165  der  Wirksamkeit  dieses  ausge- 
zeichneten Mannes  gedacht,  und  können  um  so  weniger  auf  eine 
ausführliche  Schilderung  derselben  eingehen,  da  er  selbst  nicht  als 
Schriftsteller  aufgetreten  ist.  Sein  Leben  hat  uns  einer  seiner  Schüler 
beschrieben,  Ruotger,  der  Bruno  sehr  nahe  gestanden  hatte  und 
die  ihm  von  dessen  Nachfolger  Folkmar  übertragene  Aufgabe  nicht 
ohne  Geschick  gelöst  hat.  Sein  Werk  gehört  zu  den  besseren  Bio- 
graphien des  Mittelalters,  ist  reich  an  Inhalt,  wenn  auch  für  unsere 
Wünsche  viel  zu  kurz  und  gedrängt,  und  fafst  das  Wesentlichste  von 
Bruns  Leben  und  Wirken  mit  richtiger  Auffassung  und  wahrheits- 
getreu zusammen.  Die  Sprache  ist  nicht  eben  gewandt  und  von 
den  üblichen  Ausdrücken  der  kirchlichen  Redeweise  erfüllt,  aber  frei 
von  Fehlern;  man  erkennt  die  gute  Schule  darin1). 

Uebrigens  aber  haben  Bruns  Bemühungen  in  Köln  selbst  am 
wenigsten  Frucht  gebracht;  aufser  den  unbedeutenden  kleinen 
Kölner  Annalen3)  ist  keine  litterarische  Erscheinung  weiter  an- 
zuf Uhren,  denn  auch  die  kleine  Chronik  des  Schottenklosters  Grofs 
Sanct  Martin,  so  wie  die  Gründungsgeschichte  von  Gladbach 
und  das  Leben  Heriberts,  die  ihrem  Inhalte  nach  hierher  gehö- 
ren, sind  doch  erst  in  der  folgenden  Periode  verfafst  worden. 

In  Köln  war  kein  Boden  für  wissenschaftliche  Thätigkeit;  weder 
früher  noch  später  hat  es  sich  dadurch  ausgezeichnet.  Dagegen 
regte  sich  in  Trier,  nachdem  wieder  bessere  Zeiten  gekommen 
waren , der  alte  Geist  aufs  Neue.  Sogar  mitten  unter  den  Stürmen, 
welche  das  unglückliche  Land  verheerten,  hatte  man  im  Kloster 
8.  Maximin,  wie  in  Korvei,  es  nicht  ganz  unterlassen,  einige  ge- 
schichtliche Nachrichten  aufzuzeichnen5). 

Im  Jahre  882  verwüsteten  die  Normannen  das  Stift,  und  auch 
hier  blieben  nur  einige  Weltgeistliche  ohne  klösterliche  Zucht,  aber 
schon  934  wurde  dieselbe  hergestellt,  und  unter  dem  Abte  Hugo 
gedieh  das  klösterliche  Leben  so  gut,  dafs  schon  937  König  Otto 

*)  Ruotgeri  Vita  Brunonis  ed.  Pcrtz,  Mon.  SS.  IV,  252  — 275  und  auch  be- 
sonders abged  ruckt.  Urbersclzung  von  Jasmund.  Vgl.  Girsebrecht,  Geschichte  der 
Kaiserzeit  I,  742.  Janssen  in  den  Annalen  des  Niederrhein.  Vereins  I,  85.  Ueber 
die  viel  spätere  zweite  Vita  (ib.  275 — 279),  s.  Vogel,  Ratherius  II,  14 — 18. 

s)  Annales  Colonienses,  Mon.  SS.  I,  97 — 99. 

*)  Annales  S.  Maximini,  von  708 — 987,  Mon.  SS.  IV,  6. 7. 


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Erzbischof  Bruno.  Trier.  Fortsetzung  des  Regino.  185 

die  Mönche  fUr  Beine  neue  Stiftung  in  Magdeburg  von  hier  entnahm. 
Unter  dem  Abte  Wiker  (957 — 966)  verfafste  Sigehard,  ein  Mönch 
von  S.  Maximin,  eine  Schrift  über  die  Wunder  ihres  Heiligen,  die 
auch  einige  geschichtliche  Nachrichten  enthält1). 

Der  Erzbischof  liodbert  von  Trier  (930 — 956)  war  ein  ge- 
lehrter Mann,  der  die  Wissenschaft  liebte;  ein  Brief  Rathers  an  ihn 
zeigt  uns,  dafs  er  diesem  einige  Probleme  vorgelegt  hatte’).  Unter 
seinen  Nachfolgern  waren  zwei,  Heinrich  (956  — 964)  und  Ekbert 
(977 — 993)  zu  Köln  in  Bruns  Schule  gebildet.  Die  alte  Gröfse 
Triers,  welche  aus  den  gewaltigen  Bauwerken  der  Römerzeit  ver- 
nehmlich redete,  und  die  vielfachen  Ueberlieferungen  aus  der  frü- 
heren Zeit  eines  blühenden  kirchlichen  Lebens,  forderten  zur  Er- 
forschung der  Vergangenheit  auf,  für  welche  es  aber,  nachdem  in 
der  normannischen  Verwüstung  vieles  zu  Grunde  gegangen  war,  an 
zuverlässigen  HUlfsmitteln  mangelte.  Man  bemühte  sich,  Biographien 
der  alten  Trierer  Heiligen  zu  schreiben  und  überliefs  sich  aus  Mangel 
an  echten  Nachrichten  einer  regellosen  Phantasie,  die  zu  immer  un- 
sinnigeren Fabeleien  führte.  So  entstand  in  dieser  Zeit  jene  märchen- 
hafte Urgeschichte  Triers,  welche  besonders  aus  der  späteren  Bis- 
thumsgeschichte bekannt  ist3). 

Daneben  aber  wurde  im  Kloster  S.  Maximin  auch  eine  Geschichte 
der  Gegenwart  verfafst,  in  der  Form  ausführlicher  Jahrbücher,  welche 
wir  wohl  unbedenklich  als  die  beste  Reichsgeschichte  dieser  Zeit 
bezeichnen  können,  ohne  damit  den  eigenthümlichen  Vorzügen  Widu- 
kinds  zu  nahe  zu  treten.  Es  ist  die  Fortsetzung  der  Chronik 
des  Regino,  verfafst  um  das  Jahr  960  und  bis  967  fortgeführt  von 
einem  unbekannten  Mönche  von  S.  Maximin,  der  sich  nicht  allein 
durch  seine  Schreibart  als  einen  der  besten  Schriftsteller  seiner  Zeit 
zu  erkennen  giebt,  sondern  der  auch  aufserdem  eine  ungewöhnliche 
Stellung  haben  mufste,  um  einen  so  klaren  Einblick  in  den  Gang 
der  Dinge  zu  erhalten  und  so  zuverlässige  Nachrichten  sammeln  zu 
können.  Dem  Erzbischof  Wilhelm  von  Mainz  mufs  der  Verfasser 
nahe  gestanden  haben,  besonders  aber  Adalbert,  dem  Mönch  von 
S.  Maximin,  der  eine  Zeit  lang  Abt  von  Weifsenburg  im  Elsafs  war, 
961  als  Bischof  nach  Rufsland  geschickt  und  endlich  968  auf  den 
neuen  erzbischöflichen  Stuhl  von  Magdeburg  erhoben  wurde.  Da 
nun  gerade  mit  diesem  Jahre  die  Fortsetzung  abbricht,  so  hat  nicht 
ohne  Wahrscheinlichkeit  W.  Giesebrecht  die  Vermuthung  aufgestellt, 

')  Ex  Miracolis  S.  Maximini,  auet.  Sigebardo,  cd.  Waitz,  Mon.SS.1V,  228 — 234. 

»)  Vogel,  Rathrr  I,  98. 

*)  s.  die  Vorrede  zu  den  Gesta  Trevirorum  von  Waitz. 


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186 


III.  Oltonen.  § 6.  Lothringen.  Köln,  Trier,  Mrtz, 


dafs  wohl  Adalbert  selbst  der  Verfasser  sein  könnte l).  Die  Ereig- 
nisse in  Italien  sind  ihm  ebenso  gegenwärtig,  wie  die  lothringischen; 
er  theilt,  wie  die  Verfasser  der  alten  Reichsannalen,  die  Gesichts- 
punkte des  Hofes  und  ist  durchaus  nicht  in  provinzieller  Einseitig- 
keit befangen,  was  bei  einem  Mönche,  wie  Widukind,  der  in  seiner 
Zelle  blieb,  kaum  anders  möglich  war. 

Um  an  die  Chronik  des  Regino  ankniipfen  zu  können,  welche 
nur  bis  905  reicht,  mufste  der  Verfasser  ziemlich  weit  znrtickgehen, 
und  für  diese  entlegene  Zeit  standen  ihm  nur  wenige  Nachrichten 
zu  Gebote.  Besonders  sind  es  die  Reichenauer  Annalen,  welche  er 
benutzte,  aber  schon  früh  (z.  B.  919)  fügt  er  ausführlichere  Angaben 
hinzu,  welche  eine  gute  Kenntnifs  der  Geschichte  und  klaren  Blick 
zeigen;  nach  und  nach  wird  die  Erzählung  immer  reicher,  wenn 
man  auch  die  Notizen  der  älteren  Annalen  noch  durchschimmern 
sieht.  Der  letzte  Theil  ist  dann  völlig  eigenthümlich  und  berichtet 
die  Ereignisse  der  Zeit  in  einfach  schöner  Darstellung,  in  reiner, 
ungesuchter  Sprache  und  vollkommen  zuverlässig.  Für  den  Zeit- 
raum von  960  bis  967  ist  keine  andere  Quelle  damit  zu  vergleichen ; 
„ dann  verläfst  uns  leider  viel  zu  früh  dieser  treue  Führer’). 

Unter  den  Suffraganen  von  Trier  ist  besonders  Metz  ausge- 
zeichnet durch  wissenschaftliche  Thätigkeit  unter  einer  Reihe  treff- 
licher Bischöfe,  die  mit  Adalbero  (929 — 962),  dem  Vetter  und 
Schüler  des  Erzbischofs  Bruno,  beginnt.  Von  hier  besonders  ging 
durch  eigenen  inneren  Antrieb  die  neue  Klosterreform  aus,  hier 
zuerst  fafste  sie  festen  Boden  und  verbreitete  sich  dann  auch  weiter 
zn  entfernteren  Klöstern:  diese  Erneuerung  von  unten  auf  und  von 
innen  heraus,  welche  allein  für  die  Wirksamkeit  des  Brun  eine 
dauernde  Grundlage  gewähren  konnte.  Die  Bischöfe  Adalbero  und 
Dietrich  beförderten  diese  Richtung  und  die  Thätigkeit  der  Männer, 
welche  sie  hauptsächlich  vertraten,  auf  alle  Weise,  und  bald  sehen 
wir  die  lothringischen  Klöster  aus  tiefem  Verfall  sich  zu  einer  nenen 
und  dauernderen  Blüthe  erheben. 

Der  Mittelpunkt  dieser  Bestrebungen  war  lange  Zeit  das  Kloster 
Gorze,  dessen  Abt  Johannes  (960 — 973)  eine  sehr  einflufsreiche 
Stellung  einnahm,  und  nachdem  ihm  noch  als  Mönch  die  Reform 
seines  eigenen  Klosters  gelungen  war,  die  neue  strenge  Zucht  nach 
allen  Seiten  verbreitete.  Nach  seinem  Tode  unternahm  es  sein 

*)  besonders  wegen  der  Jahre  961,  962.  Geschichte  der  Kaiserzeit  I,  740. 
Grosfeld  (De  archiepiscopatus  Magd,  originibus.  Monaslerii  1855.  p.  27)  nimmt 
diese  Ansicht  an,  die  auch  Büdinger  wahrscheinlich  findet. 

*)  Continuator  Regionis  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  I,  614 — 629  und  eine  Ergänzung 
zum  Jahre  967  SS.  VI,  620.  Uebersetzung  von  Büdinger,  1857. 


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Metz.  Johannes  von  Gorze. 


187 


Freund  und  der  Genosse  seiner  Wirksamkeit,  Abt  Johannes  von 
Arnulfskloster  zu  Metz,  sein  Leben  zu  beschreiben,  und  er  be- 
gann die  Ausführung  dieser  Aufgabe  mit  besonderer  Liebe  und  gutem 
Erfolge.  Die  Regeneration  des  Klosterwesens  in  Lothringen  liegt 
uns  darin  in  sehr  ausführlicher  Schilderung  vor;  weiterhin  gewinnt 
dieses  Werk  noch  eine  ganz  eigenthümliche  geschichtliche  Wichtig- 
keit dadurch,  dafs  Johannes  es  war,  welcher  im  Jahre  956  sich  be- 
reit finden  liefs,  für  den  König  Otto  als  Gesandter  zum  Kalifen  Ab- 
derrahman  nach  Kordova  sich  zu  begeben.  Auch  diese  Reise  ist 
hier  sehr  ausführlich  beschrieben,  leider  aber  bricht  unser  Text  mitten 
in  dieser  eben  so  merkwürdigen,  wie  anziehenden  Darstellung  ab; 
das  Uebrige  ist  verloren,  vielleicht  auch  die  zu  ausführlich  ange- 
legte Arbeit  nie  ganz  vollendet  worden.  Schon  einmal,  im  J.  978, 
als  ein  bedeutender  Theil  derselben  vollendet  war,  hatte  der  Ver- 
fasser sie  unterbrochen,  und  es  bedurfte  des  Zuspruches  der  Bischöfe 
Dietrich  von  Metz  und  Folkmar  von  Utrecht,  um  ihn  zur  Fortsetzung 
zu  bewegen ; ob  er  sie  aber  wirklich  zu  Ende  geführt  hat,  ist  zwei- 
felhaft und  kaum  wahrscheinlich1). 

Auch  Johannes  von  Gorze  ist  als  Schriftsteller  thKtig  gewesen; 
wir  haben  von  ihm  eine  Schrift  Uber  die  Wunder  des  h.  Gorgo- 
nius*), dessen  Leib  in  seinem  Kloster  als  kostbarster  Schatz  ver- 
wahrt wurde,  und  eine  andere  über  die  Wunder  der  h.  Glode- 
sinde  *).  In  beiden  sind  auch  geschichtliche  Nachrichten,  namentlich 
über  die  Klosterreform  des  Metzer  Sprengels  enthalten,  welche  schon 
Johann  von  Metz  in  seiner  Lebensbeschreibung  benutzt  hat.  Aufser- 
dem  ist  ihm  von  Pcrtz  auch  mit  grofser  Wahrscheinlichkeit  das 
Leben  des  Bischofs  Chrodegang  von  Metz  beigelegt  worden, 
welches  jedoch  nur  aus  denselben  Quellen  geschöpft  ist,  die  auch 
uns  zu  Gebote  stehen  und  sich  daher  den  zahlreichen  Paraphrasen 
alter  Heiligenleben  anreiht,  welche  durch  die  höheren  Anforderungen 
der  gebildeteren  Nachfolger  hervorgerufen  wurden4). 

Wir  erwähnten  schon,  dafs  der  Bischof  Dietrich  von  Metz 
(965 — 984),  der  ebenfalls  aus  der  Schule  des  Erzbischofs  Brun 
stammte,  nicht  minder  wie  Adalbero  bemüht  war,  seinen  Sprengel 
in  jeder  Beziehung  zu  verherrlichen;  er  beförderte  eitrigst  die 
Klosterreform,  und  die  Römerzüge  der  Ottonen  dienten  ihm  dazu, 

*)  V.  Johannis  Gorziensis  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  337 — 377.  Vgl.  W.  Giese- 
brecht,  Gosch,  der  Kaiserzeit !,  479  ff.  745.  785. 

*)  Miracula  S.  Gorgonii,  Mon.  SS.  IV,  235.  238—247. 

3)  Mab.  IV,  1,  436.  Auszug  Mon.  SS.  IV,  236—238. 

*)  Mon.  SS.  X,  552 — 572.  Pertz,  Ueber  die  Vita  Chrodegangi  in  den  Abh. 
der  Berl.  Ak.  1852.  S.  507  ff 


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188  III.  Ottonen.  § 6.  Lothringen.  Köln,  Trier,  Metz. 

zahlreiche  Heiligenleiber  für  Lothringen  zu  erwerben.  Zugleich  nahm 
er  auch  in  der  politischen  Geschichte  der  Zeit  eine  sehr  bedeutende 
Stellung  ein.  Wir  besitzen  eine  Biographie  von  ihm1);  sie  ist  aber 
nicht  von  einem  Zeitgenossen,  sondern  erst  ein  Jahrhundert  später 
von  Sigebert  von  Gembloux  verfafst. 

Glücklicher  war  sein  nicht  minder  ausgezeichneter  Nachfolger 
Adalbero  H (984 — 1005),  der  Dietrichs  Wirksamkeit  in  entsprechen- 
der Weise  fortsetzte,  indem  er  einen  ganz  vortrefflichen  Biographen 
fand  an  Konstantin,  dem  Abte  des  von  ihm  wieder  hergestellten 
Schottenklosters  S.  Symphorian  zu  Metz®). 

Um  dieselbe  Zeit  schrieb  auch  ein  Mönch  im  Kloster  Horn- 
bach im  Sprengel  von  Metz  ein  Buch  Uber  das  Leben  und  die 
Wunder  des  heiligen  Pirmin,  der  im  achten  Jahrhundert  das  Kloster 
gestiftet  hatte,  und  widmete  sein  Werk  dem  Erzbischof  Ludolf  von 
Trier  (994 — 1008).  Geschichtlichen  Werth  für  jene  entlegene  Zeit 
hat  es  kaum,  und  ist,  wie  so  viele  ähnliche  Producte,  mehr  ein  ge- 
fährliches Irrlicht  für  den  Forscher  als  eine  wirkliche  Quelle  für 
historische  That Sachen5).  Dagegen  enthalten  die  von  Mone  zuerst 
bekannt  gemachten  Wunder4)  (bis  1012)  einige  geschichtliche  Nach- 
richten, namentlich  Uber  Heinrichs  II  Zug  nach  Lothringen  i.  J.  1009. 

So  entwickelte  sich  in  Metz  jener  den  Lothringern  besonders 
eigene  Sinn  für  Localgeschichte,  der  sich  in  Biographien,  Kloster- 
Chroniken  und  Schriften  zur  Verherrlichung  der  Ortsheiligen  in 
grofser  Fülle  kundgegeben  hat.  Der  allgemeinen  Geschichte  wandte 
sich  nur  ein  unbekannter  Schriftsteller  zu,  welcher  in  den  Annalen 
von  Metz5)  eine  Compilation  ähnlicher  Art  zustande  brachte,  wie 
sie  uns  schon  so  häufig  vorgekommen  sind.  Während  aber  andere 
Annalen  Bedeutung  gewinnen,  wo  sie  sich  der  Zeit  des  Verfassers 
nähern,  hat  sich  dieser  Compilator  ganz  mit  der  Geschichte  Widu- 
kinds  begnügt,  und  sein  Werk  hat  daher  nur  für  die  früheren  Zeiten 
Bedeutung,  insofern  für  uns  verlorene  Quellenschriften  darin  ent- 
halten sein  können.  Und  allerdings  weichen  die  Nachrichten,  welche 
sich  hier  finden,  vielfach  von  den  Quellen  ab,  die  auch  uns  bekannt 
sind  und  die  den  übrigen  Theilen  der  Metzer  Annalen  deutlich  zu 
Grunde  liegen.  Eine  genauere  Prüfung  hat  aber  ergeben,  dafs  diese 

')  Vita  Deoderici  Mettensis  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  461. 

*)  Vita  Adalberonis  II  Mettensis  episeopi  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  658 — 672; 
geschrieben  um  das  J.  1015. 

*)  Gedr.  bei  Mab.  111,2,  140—153  ed.  Par.  Vgl.  Mone,  Quellens,  p.  36  — 38. 
Stalin  I,  168.  Rettb.  11,52  u.  über  die  ältere  Vita  oben  p.  146. 

*)  Quellensammlung  p.  45 — 50. 

6)  Annales  Mettenses  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  1, 314 — 336. 


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Annalen  von  Metz.  Alpert.  Verdun.  Toul.  189 

Nachrichten  anfserordentlich  unzuverlässig  sind;  es  läfst  sich  mit 
Bestimmtheit  nachweisen,  dafs  der  Verfasser,  wo  seine  Quellen  ihm 
zu  dürftig  erschienen,  aus  freier  Phantasie  die  Thatsachen  erweitert 
und  ausgeschmückt  hat,  und  deshalb  kann  man  auch  da,  wo  dieses 
Verhältnis  nicht  so  klar  vorliegt,  doch  kaum  einen  Gebrauch  von 
seinem  Werke  machen. 

Schliefslich  ist  noch  ein  Mönch  jenes  schon  erwähnten  Klosters 
des  heil.  Symphorian  zu  nennen,  der  nur  zum  Theil  dem  Metzer 
Sprengel  angehört,  Alpert  nämlich,  der  an  das  Werk  des  Paulus 
Diakonus  anknüpfend  eine  Geschichte  der  Bischöfe  von  Metz1) 
verfafste,  von  welcher  jedoch  nur  ein  Bruchstück  erhalten  ist.  Er 
widmete  sie  dem  Abte  Konstantin.  Später  aber  kam  er  in  den 
Utrechter  Sprengel,  und  hier  schrieb  er  um  1022  sein  Buch  Uber 
den  Wechsel  der  Zeiten’),  worin  er  in  bunter  Mannichfaltigkeit 
von  allerlei  Vorfällen  aus  diesen  Gegenden  erzählt:  ein  Vorrath  ge- 
schichtlichen Stoffes  ohne  bestimmte  Ordnung,  der  um  so  willkom- 
mener ist,  da  wir  sonst  nur  wenig  Kunde  von  diesem  entlegeneren 
Theile  des  Reiches  besitzen.  Unter  Bischof  Balderich  (918 — 976), 
dem  Erzieher  Bruns,  erhielt  sich  hier  wohl  einige  wissenschaftliche 
Thätigkeit3),  aber  Erzeugnisse  derselben  sind  uns  wenigstens  nicht 
erhalten. 

Auch  aus  Verdun  verlautet  aus  dieser  Periode  nichts,  mit 
Ausnahme  der  Bisthumsgeschichte  von  Berthar,  deren  wir  schon 
oben  gedachten,  weil  sie  nur  bis  auf  die  Zeit  des  Kaisers  Arnulf 
reicht.  Der  Bischof  Wikfrid  (962—984),  ein  geborener  Baier,  war 
zu  Köln  in  Bruns  Schule  gebildet,  Heimo  (991 — 1024)  unter  Notker 
von  Lüttich.  In  dem  Kloster  S.  Mihiel  an  der  Maas  lehrte  am 
Anfänge  dieser  Periode  der  Grammatiker  Hildebold,  ein  Schüler  des 
hochgefeierten  Lehrers  Remigius.  Johannes  von  Gorze  wurde  seiner 
Zucht  anvertraut,  äufserte  sich  aber  ziemlich  ungünstig  über  die  Ver- 
dienste seines  Lehrers. 

Auch  Toul  besafs  an  Gerhard  (963 — 994),  einem  Schüler 
Bruns,  einen  jener  ausgezeichneten  Bischöfe,  welche  die  Zeit  der 
Ottonen  zieren;  er  wurde  später  als  Heiliger  verehrt,  und  der  Abt 
Widerich  von  S.  Evre  beschrieb  sein  Leben,  jedoch  erst  lange 
nach  seinem  Tode  unter  der  Regierung  Heinrichs  HI.  Die  Schule 

*)  Alperti  de  episcopis  Mettensibus  libellus  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  697. 

’)  Alperti  de  diversitate  temporum  libri  II  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  700. 

*)  Sein  Vorgänger  Ratbod  (899 — 918)  wird  als  Verfasser  eines  Lebens  des 
b.  Bonifaz  von  Trithemius  genannt,  und  die  Gothaer  Handschrift  fol.  64  schreibt 
ibm  die  Legende  des  sog.  Anonymus  Ultrajectensis  zu,  was  jedoch  nach  Rettberg 
I,  332  unstatthaft  ist. 


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190 


UI.  Ottonen.  § 7.  Lüttich. 


des  Bisthums  wird  am  Anfänge  des  elften  Jahrhunderts  als  blühend 
und  ausgezeichnet  gerühmt;  Graf  Brun,  später  als  Papst  Leo  IX  ge- 
nannt, und  Adalbero  III , Bischof  von  Metz , erhielten  hier  ihre  Er- 
ziehung. Wir  erkennen  darin  wieder  die  Einwirkung  der  beginnen- 
den Blüthezeit  Lüttichs,  wo  Bischof  Hermann  oder  Hezelo  (1018 — 
1026)  unter  Notker  gebildet  war. 

§ 7.  Lüttich. 

In  Lüttich  finden  wir  schon  am  Anfänge  dieser  Periode  einen 
Bischof,  der  sich  als  Schriftsteller  versucht  hat  und  durch  gelehrte 
Bildung  ausgezeichnet  war,  Stephan  (901 — 920),  früher  Domherr 
zu  Metz,  der  das  alte  Leben  des  h.  Lambert  neu  überarbeitet  hat1). 
Vogel  (I,  24)  vermuthet  in  ihm  den  Lehrer  des  Batherins,  jenes 
unstäten  Mönches  des  Klosters  Lobbes,  der  eben  so  sehr  durch  seine 
wechselnden  Schicksale,  wie  durch  seine  umfassende  Gelehrsamkeit 
aber  auch  durch  seine  seltsam  gesuchte  und  absichtlich  dunkle  und 
verworrene  Schreibart  merkwürdig  ist  Sein  Ehrgeiz,  sein  unver- 
träglicher Charakter,  sein  beifsender  Witz,  mit  dem  er  unbarmherzig 
die  Fehler  seiner  Zeitgenossen  geifselte,  während  er  in  seinen  Be- 
kenntnissen eben  so  schonungslos  seine  eigenen  Sünden  beichtete, 
liefsen  ihm  nirgends  Ruhe,  und  machten  es  ihm  unmöglich,  als 
Bischof  von  Verona  und  von  Lüttich  den  Widerstand  seiner  vorneh- 
meren und  mächtigen  Gegner  auszuhalten.  Seine  Schriften,  so  lehr- 
reich sie  sind,  können  doch  nicht  als  Geschichtswerke  betrachtet 
werden,  und  auch  das  Leben  des  h.  Ursmar  ist  nur  eine  stilistische 
Ueberarbeitung  der  älteren  Legende*).  Die  Beschäftigung  mit  gram- 
matischen, philosophischen  und  theologischen  Studien  war  lange  in 
Lüttich  vorherrschend,  und  erst  spät  begann  man  auch  hier  sich 
ernstlich  mit  der  Geschichte  zu  beschäftigen,  wenn  man  es  auch 
nicht  ganz  unterliefs,  kurze  Notizen  am  Rande  von  Ostercyklen  ein- 
zutragen. 

So  wie  Rather  immer  von  neuem  in  die  politischen  Wirren 
hineingezogen  wurde,  so  liefsen  auch  in  Lüttich  die  lothringischen 
Parteikämpfe  lange  keine  ruhige  Entwickelung  friedlicher  Studien 
auf  kommen.  Von  945 — 947  war  ein  gelehrter  Abt  von  S.  Maximin, 
Hugo,  Bischof,  953—955  Rather,  aber  dieser  konnte  nicht  zu  irgend 
einer  Wirksamkeit  gelangen,  und  unter  Balderich,  der  ihn  verdrängte, 

*)  Bahr  S.  259.  Abdruck  bei  Surius  zum  17.  Sept.  Chapeaville  I,  350. 

s)  Ucber  Rather  (sl.  974)  Vogel,  Ratherius  von  Verona  und  das  zehnte  Jahr- 
hundert. Jena  1854.  2 Bände.  W.  Giesebrecht,  Gesell,  der  Kaiserzeit  1, 307.  Opera 
edd.  Petrus  et  Hieronymus  fratres  Ballerini  presbyteri  Veronenses.  Veronae  1765.  fol. 


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Ratherius.  Lüttich  und  Lobbes. 


191 


fand  die  Wissenschaft  keine  Stätte.  Dann  aber  bestieg  auch  hier 
ein  Schüler  Bruns,  Ebrachar  (959 — 971),  den  Bischofstuhl,  und 
ihm  folgte  972  — 1008  Notker,  bis  dahin  Propst  im  Kloster 
S.  Gallen,  ein  Mann,  der  in  jeder  Beziehung  höchst  ausgezeichnet 
war,  der  während  der  Minderjährigkeit  Ottos  III  als  Regent  Italien 
verwaltete  und  in  Lüttich  jenen  hohen  Glanz  der  Schulen  begrün- 
dete, dessen  Ruf  sich  bald  durch  die  ganze  Christenheit  verbreitete. 
Bald  strömten  lernbegierige  Jünglinge  von  allen  Seiten  her  an  der 
Maas  zusammen,  während  eben  so  bedeutende  Lehrer  von  hier  aus- 
gingen und  den  Wirkungskreis  der  Lütticher  Schule  immer  weiter 
ausbreiteten;  sogar  in  Paris  bei  S.  Genofeva  lehrte  der  Lütticher 
Hubald  mit  aufserordentlichem  Beifall1). 

Im  Jahre  960  war  im  Kloster  Lobbes,  das  bis  dahin  dem 
Bischof  von  Lüttich  untergeben  war  und  das  durch  die  Kämpfe  der 
Parteien  und  die  rechtlosen  Zustände  viel  gelitten  hatte,  das  regel- 
mäfsige  Klosterleben  unter  einem  eigenen  Abte  wieder  hergestellt 
worden,  und  einige  Zeit  darauf,  um  980,  also  gerade  ein  Jahrhundert 
nach  dem  Endpunkte  der  alten  Jahrbücher  des  Klosters1),  begann 
man  auch  hier,  wie  an  so  vielen  anderen  Orten,  Annalen  zusammen- 
zustellen, eine  grofse  Compilation  aus  bekannten  Quellen,  denen 
kurze  einheimische  Notizen  hinzngefügt  wurden  *).  Diese  Arbeit 
wurde  nicht  weiter  fortgesetzt,  wohl  aber  andere,  viel  kürzer  ge- 
haltene Annalen,  die  im  Jahre  1000  compilirt  wurden  und  uns  in 
abgeleiteter  Gestalt  in  zwei  Exemplaren  erhalten  sind,  deren  eines 
aus  Lobbes,  das  andere  aus  Lüttich  stammt.  Bis  1054  stimmen 
beide  überein ; von  da  an  sind  beide  selbständig,  beide  in  trockener 
abgerissenerWeise  fortgesetzt;  die  Lütticher  bis  1121,  die  des  Klo- 
sters Lobbes  dagegen  bis  in  die  neuere  Zeit4). 

Bedeutender  ist  die  Klostergeschichte  des  Abtes  Folkuin  s), 
die  bis  zum  Jahre  980  reicht.  Ebrachar  hatte  ihn  965  zum  Abte 
erhoben,  und  25  Jahre  lang  verwaltete  er  sein  Amt  in  grofsem  An- 
sehen bei  den  trefflichen  Männern,  welche  um  diese  Zeit  die  ver- 

*)  Anselm  c.  2!).  Mon.  Germ.  SS.  VII,  205  nennt  als  Notkers  Schüler  aufser 
Hubald,  Günther  v.  Salzburg  (1024 — 1025),  Ruthard  u.  Erluin  v.  Cambray  (979 — 
995 — 1012),  Heimo  v.  Verdun  (991 — 1024),  Hezelo  v.  Toul  (1018 — 1026),  Adal- 
bold  v.  Utrecht  (1010 — 1027).  Hubald  wurde  vom  Bischof  Balderich  auf  einige 
Zeit  nach  Prag  gesandt 

a)  Ann.  Laubacenses  bis  885.  Mon.  SS.  I,  7 — 13. 

3 ) Würdtwein  Nova  Subsidia  dipl.  XIII,  151  — 214,  cf.  Mon.  SS.  11,  192; 
p.  209 — 211  die  hieraus  genommenen  Annales  Lobienses  von  900 — 982. 

4)  Annales  Laubienses  418 — 1505,  Leodienses  58 — 1121,  mit  einer  Fortsetz, 
aus  dem  Kloster  Fosses  bis  1389,  ed.  Pertz  Mon.  SS.  IV,  8— 35. 

*)  Folcuini  Gesta  Abbatum  Lobiensium  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  52 — 74. 


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192  III.  Ottonen.  § 7.  Lüttich.  § 8.  Alamannien. 

schiedenen  Bischofsitze  zierten.  Er  war  früher  Münch  in  S.  Bertin 
gewesen  nnd  hatte  schon  hier  die  Urkunden  des  Stiftes  gesammelt 
und  mit  Lebensnachrichten  der  Aebte  versehen;  dieser  Thätigkeit 
entsprechend  legte  er  auch  der  Geschichte  von  Lobbes  die  Urkunden 
seines  Klosters  nebst  den  ihm  zugänglichen  Werken  Einhards,  Flo- 
doards,  Ruotgers  und  anderer  zu  Grunde.  Ist  ihm  nun  auch  die 
Verarbeitung  dieses  Stoffes  wenig  gelungen,  so  ist  doch  schon  das 
Streben  nach  einer  urkundlichen  Geschichtschreibung  bemerkens- 
werth,  und  für  die  spätere  Zeit,  wo  er  die  eigenen  Erlebnisse  zu 
schildern  hat,  empfiehlt  er  sich  durch  Wahrheitsliebe  und  Einfach- 
heit, wenn  auch  die  Kürze  der  Erzählung  unbefriedigt  läfst. 

Folkuins  Nachfolger  in  LobbeB  war  Heriger  (990 — 1007),  ein 
vertrauter  Freund  des  Bischofs  Notker,  den  er  im  Jahre  989  nach 
Italien  begleitete  und  mit  dem  er  auch  sich  zu  gemeinsamer  Arbeit 
vereinigte.  Schon  im  Jahre  980  schrieben  beide  zusammen  für  die 
Kirche  zu  Gent  ein  Leben  des  alten  Heiligen  Landoald,  und  wohl 
schon  früher  verfafste  Heriger,  von  Notker  dazu  aufgefordert  und 
unterstützt,  die  ältere  Geschichte  des  Lütticher  Bisthums1).  Er  ge- 
langte damit  aber  nicht  weiter  als  bis  zum  Jahre  667,  so  dafs  das 
Buch  als  Geschichtsquelle  kaum  in  Betracht  kommt,  und  litterarisch 
kann  man  es  leider  nur  als  ein  ganz  verfehltes  Werk  betrachten 
wegen  der  unverständigen  Anwendung  der  Gelehrsamkeit,  welche 
dem  Verfasser  allerdings  in  reichem  Mafse  zu  Gebote  stand.  Aber 
kaum  kann  man  einen  übleren  Gebrauch  davon  machen,  als  wenn 
man  lange  Reden  aus  Stellen  der  Klassiker  zusammensetzt  und  diese 
dann  alten  Heiligen  der  merowingischen  Zeit  in  den  Mund  legt. 

Ein  Schüler  Notkers  und  Herigers  war  Adalbold,  Bischof 
von  Utrecht  (1010 — 1027),  ebenfalls  durch  seine  Gelehrsamkeit  be- 
rühmt, aber  eben  so  wenig  vorzugsweise  der  Geschichte  zugewandt. 
Es  entspricht  dem  Charakter  dieser  Schule,  dafs  ein  Leben  Kaiser 
Heinrichs  n2),  welches  ihm  zugeschrieben  wird,  mit  rhetorischem 
Schmucke  überladen,  der  Inhalt  aber  fast  ganz  aus  Thietmar  von 
Merseburg  genommen  ist.  Freilich  ist  es  kaum  glaublich,  dafs  ein 
Mann  wie  Adalbold,  der  selbst  am  Hofe  zum  Rathe  des  Kaisers  ge- 
hört hatte,  nicht  mehr  aus  eigener  Kenntnifs  hinzugefügt  haben 
sollte,  aber  wir  besitzen  auch  nur  ein  Fragment,  den  Anfang  des 
Werkes. 

*)  Gesta  episcoporum  Leodiensium  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  VII,  134. 

*)  ViU  Heinrici  II  auct.  Adalboldo  ed.  Wailz,  Mon.  SS.  IV,  679 — 695.  Nach 
W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  II,  519  wäre  das  Werk  unvollendet,  wie  wir 
es  besitzen,  geblieben;  es  kommt  auf  die  Auslegung  der  Worte  Alperls  1,5  an. 


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Heriger.  Adalbold  v.  Utrecht.  Burchard  v.  Worms.  193 

Später  übernahm  man  in  dem  von  Heinrich  gestifteten  Bisthura 
Bamberg  die  Bewahrung  seines  Andenkens  und  machte  hier  aus 
dem  tüchtigen  und  umsichtigen  Kaiser,  dem  wackern  Kriegsmanne, 
der  nur  selten  aus  den  Waffen  kam,  einen  gewöhnlichen  Legenden- 
heiligen;  es  bildete  sich  hier  ein  völlig  entstelltes  Bild  aus,  welches 
auf  die  richtige  Erkenntnifs  und  Darstellung  der  Geschichte  einen 
sehr  nachtheiligen  Einflufs  geübt  hat1).  Denn  was  die  geistlichen 
Schriftsteller  des  Mittelalters  gelobt  hatten,  tadelten  die  neueren 
Historiker;  die  ^tatsächliche  Grundlage  aber  wurde  nirgends  genü- 
gend untersucht,  bis  in  neuester  Zeit  W.  Giesebrecht  mit  umfassender 
und  eindringlicher  Benutzung  der  echten  gleichzeitigen  Quellen  eine 
besser  begründete  Schilderung  jenes  Kaisers  in  die  Geschichte  ein- 
führte. " 

Notkers  Nachfolger  in  Lüttich,  BalderichH  (1008 — 1018), 
früher  Vizthum  der  Regensburger  Kirche,  wird  als  ein  trefflicher 
Mann  gerühmt;  er  stiftete  das  Kloster  S.  Jacob  und  fand  hier  auch 
einen  Biographen,  der  jedoch  erst  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts 
schrieb  und  den  Bischof  nicht  mehr  persönlich  gekannt  hatte2). 

Ein  ausgezeichneter  Zögling  der  Schule  zu  Lobbes  wurde  von 
Otto  HI  im  Jahre  1000  ( — 1025)  zum  Bischof  von  Worms  berufen, 
Burchard,  der  als  der  gelehrteste  Kanonist  seiner  Zeit  bekannt 
und  berühmt  ist,  und  der  sein  gänzlich  verfallenes  Bisthum  zu  neuer 
Blüthe  erhob.  Er  fand  Worms  noch  in  Ruinen  nach  der  Verwüstung 
durch  die  Ungern,  und  die  Fehden  des  Adels  hinderten  jeden  Fort- 
schritt zu  besseren  Zuständen.  Durch  die  Schilderung  dieser  Zu- 
stände und  der  Art,  wie  es  Burchard  gelang  den  Uebelständen  ab- 
zuhelfen, ist  dessen  Biographie  sehr  lehrreich,  so  wie  andererseits 
Burchards  einflufsreiche  und  angesehene  Stellung  bei  Otto  IH  und 
Heinrich  II  ihr  auch  für  die  Reichsgeschichte  Bedeutung  verleiht. 
Sie  ist  von  einem  Zeitgenossen  verfafst  und  gehört  durchaus  zu  den 
besseren  Werken  dieser  Art3). 

§ 8.  Alamannien. 

Stälins  Wirtemberg.  Geschichte  If  605  ff. 

Die  Schulen  von  S.  Gallen  und  Reichenau  bewahrten  auch 
in  dieser  Zeit  ihren  alten  Ruhm  und  erhoben  sich  zu  hoher  Blüthe; 
es  wurde  manches  hier  geschrieben,  aber  wie  Schwaben  damals  der 

*)  Adalberti  Vita  Heinrici  II  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  792 — 814. 

*)  Vila  Balderiri  ep.  Leod.  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  724 — 738. 

3)  Vila  Burchardi  YVormat.  cd.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  829 — 846.  vgl.YV.Giese- 
brecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  748. 

13 


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194 


III.  Ottonen.  § 8.  Alamannien. 


Reichsgeschichte  ferner  stand,  wie  den  Alamannen  der  sächsische 
Kaiserhof  weit  fremder  war  als  der  karolingische,  so  nahm  auch 
das  ganze  Leben  einen  provinziellen  Charakter  an,  und  während  wir 
in  Sachsen  und  in  Lothringen  Geschichtswerke  von  allgemeinerem 
Gesichtspunkte  entstehen  sahen,  beschränkt  sich  hier  die  Litteratur 
auf  Schriften  von  engerem  Gesichtskreise.  Annalen  freilich  sind 
auch  hier  geschrieben  und  darin  auch,  wie  überall,  von  Kaiser  und 
Reich  berichtet;  ihre  Notizen  sind  als  gleichzeitige  Aufzeichnungen 
wichtig,  aber  sie  zeigen  kein  Streben  nach  zusammenhängender  Dar- 
stellung, wie  die  gröfseren  sächsischen  Jahrbücher  und  der  Fort- 
setzer des  Regino.  So  wurden  in  S.  Gallen  die  alten  Alamannischen 
Annalen  bis  926  fortgesetzt1);  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  ent- 
standen dann  die  gröfseren  Annalen  von  S.  Gallen,  bis  955  von  einer 
Hand  geschrieben  und  von  verschiedenen  Schreibern  gleichzeitig 
mit  den  Ereignissen  bis  1044  fortgeführt3),  die  S.  Galler  Gelehrsam- 
keit durch  Anwendung  von  Stellen  alter  Schriftsteller  bekundend3). 
Dagegen  liefs  man  in  Reichenau,  wo  längere  Zeit  hindurch  die 
alten  Murbacher  Annalen  fortgesetzt  waren,  schon  mit  dem  Jahre 
939  von  dieser  Thätigkeit  ab;  ein  Exemplar  dieser  Annalen  ist  merk- 
würdig durch  die  von  Ottos  des  Grofsen  Sohn  Wilhelm  eigenhändig 
am  Schlüsse  zugesetzte  Nachricht  von  seiner  Erhebung  zum  Erz- 
bischof von  Mainz  (954)  und  dem  gleichzeitig  zwischen  dem  Kaiser 
und  seinem  Sohne  Ludolf  geschlossenen  Frieden4). 

Auch  die  W'eingarter  Annalen  hören  schon  mit  dem  Jahre  936 
auf5).  In  Einsiedeln  aber  wurden  um  das  J.  966  Annalen  zusam- 
mengestellt, und  bis  1057,  in  einer  anderen  Handschrift  bis  1268 
gleichzeitig  fortgeführt“).  Im  nahen  Elsafs  wurde  in  Weifsenburg 
ein  Exemplar  der  Hersfelder  Annalen  in  einen  Auszug  gebracht  und 
von  985  bis  1075  fortgesetzt7). 

Bei  weitem  das  bedeutendste  Werk  für  die  Geschichte  dieser 

»)  Mon.  SS.  I,  52—56. 

s)  Ann.  S.  Galli  maiores,  früher  Hepidanni  genannt,  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  I,  73-85. 
Stalin  I,  420. 

3)  Strehlke  de  Heinrici  III  bellis  Ungaricis  p.  35. 

4)  Annales  Augienses  von  709 — 858  und  selbständig  860  — 939  (953.  954), 
in  diesem  letzten  Theile  als  gleichzeitige  Aufzeichnung  wichtig  und  Quelle  Her- 
manns des  Lahmen.  Mon.  SS.  I,  62.  67 — 69.  vgl.  II,  238  und  Waitz,  Nachrichten 
von  der  Göttinger  Univ.  1857.  S.  53  über  die  Pariser  Handschrift. 

“)  Mon.  SS.  I,  65-67. 

•)  Ann.  S.  Meginradi,  Ileremi  und  Einsidlenses  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  III,  137 — 
149.  Vgl.  Stalin  1,  420  und  Gail  Morel  über  den  Liber  Heremi  im  Geschichtsfreund 
1843.  1,91 — 152.  Aeltere  Elemente  sind  darin  mit  späteren  Zusätzen  so  gemischt, 
dafs  kaum  ein  Gebrauch  davoD  zu  machen  ist. 

7)  Annales  Weifsenburgenses  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  III,  33 — 65.  70 — 72. 


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S.  Gallen  und  Reichenau. 


195 


Zeit  ist  die  Fortsetznng  der  Klosterchronik  von  S.  Gallen,  deren  wir 
schon  oben  gedachten,  nnd  die  uns  das  anschaulichste  und  lebendig- 
ste Bild  gewährt  von  einem  schön  und  reich  entwickelten  Kloster- 
leben, dessen  Mittelpunkt  die  Schule  ist.  Der  Verfasser  dieser  Fort- 
setzung ist  Ekkehard,  ein  Schüler  Notkers  deB  Deutschen,  der 
zuletzt  der  Schule  zu  Mainz  Vorstand  und  um  1036  gestorben  ist. 
Voll  liebevoller  Erinnerung  an  seine  Heimath  schilderte  er  mit  der 
anziehendsten  Ausführlichkeit,  mit  einer  reichen  Fülle  von  einzelnen 
Zügen,  die  uns  ganz  in  das  Innerste  des  Klosters  einführen,  die 
Schicksale  desselben,  die  Thätigkeit  der  verschiedenen  Lehrer  und 
ihr  Leben  mit  einander;  aber  freilich  hatte  er  dafür  keine  andere 
Quelle  als  das  Gedächtnifs  an  eine  schon  sehr  fern  liegende  Vergan- 
genheit, an  Erzählungen,  die  er  in  seiner  Kindheit  gehört  hatte. 
Es  ist  daher  nicht  zu  verwundern,  dafs  sich  ihm  in  den  Einzelheiten 
vielfache  Irrthümer  nachweisen  lassen;  die  kulturgeschichtliche  Be- 
deutung der  Schilderung  wird  aber  dadurch  wenig  gemindert,  Ton 
nnd  Färbung  des  Bildes  werden  wir  als  wahrhaft  anerkennen  können, 
wenn  auch  die  Umrisse  einzelner  Gestalten  täuschen.  Leider  hat 
Ekkehard  sein  Werk  nur  bis  zum  Jahre  971  geführt,  und  weit  über 
ein  Jahrhundert  verging  nach  ihm,  bevor  man  wieder  an  die  weitere 
Fortsetznng  dachte1). 

Schätzbar  durch  Nachrichten  Uber  den  verheerenden  Einfall  der 
Ungern  im  J.  926  ist  die  sonst  nicht  bedeutende  Lebensbeschreibung 
der  Klausnerin  Wiborada,  von  dem  S.  Galler  Mönche  Hart  mann 
erst  gegen  das  Ende  des  Jahrhunderts  verfafst*). 

Das  Kloster  Beichenau  erhält  eine  besondere  Bedeutung  da- 
durch, dafs  es  an  der  Hauptstrafse  nach  Italien  lag.  Bischöfe  von 
Verona  haben  hier  Kirchen  gestiftet;  griechische  und  italienische 
Pilger  und  Reisende  werden  erwähnt,  und  auch  Irländer  und  Isländer 
lassen  sich  hier  nachweisen.  Durch  Nachrichten  dieser  Art  verdie- 
nen die  Wunder  des  h.  Markus  Berücksichtigung,  dessen  Reli- 
quien angeblich  830  von  Venedig  nach  Reichenau  gebracht  sein 
sollten.  Die  schon  damals  vielfach  laut  gewordenen  Zweifel  an  der 
Echtheit  der  Reliquien  veranlafsten  natürlich  eine  um  so  viel  gröfsere 
Zahl  von  Wundern,  und  auch  die  Abfassung  eines  apologetischen 
Berichtes  darüber,  welcher  noch  unter  Heinrich  I oder  gleich  nach 
seinem  Tode  geschrieben  ist’).  Eine  andere  Reliquie,  die  als  eine 

*)  Casus  S.  Galli  anct.  Ekkehardo  IV,  ed.  v.  Arx.  Mon.  SS.  II,  74 — 147;  vgl. 
Wailzin  Schmidts  Zeitsch.  IV,  100.  Dümmler,  Formelbuch  des  B.  Salomo  III,  S.  108. 

2)  Vita  S.  Wiboradae  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV, 446.  452—457.  Vgl.  Stalin  1,424. 

’)  Miracula  S.  Marci  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  445.  449 — 452  im  Auszuge, 
Vollständig  bei  lüone,  Quellensammlung  S.  61. 

13  * 


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196 


III.  Ottonen.  § 8.  Alamannien. 


besondere  Kostbarkeit  betrachtet  wurde,  war  ein  Kreuz  mit  dem 
Blute  Christi,  das  durch  einen  Araber  Hassan  an  Kaiser  Karl 
gebracht  sein  sollte  und  925  nach  Reichenau  geschenkt  wurde.  Ne- 
ben vielem  Fabelhaften,  das  aber  für  die  Sagengeschichte  nicht  un- 
wichtig ist,  enthält  die  darüber  verfafste  Schrift  doch  auch  einige 
geschichtliche  Nachrichten1).  Aehnlicher  Art  sind  auch  die  im  An- 
fänge des  elften  Jahrhunderts  in  Zurzach  beschriebenen  Wunder 
der  h.  Verena2). 

Von  mehr  geschichtlichem  Inhalt  ist  ein  Gedicht  zu  Ehren  des 
Abtes  Witigowo  (985 — 997),  von  Purchard  im  J.  994  nicht  ohne 
Geschmack  und  Kunstfertigkeit  verfafst.  Er  läfst  darin  die  Augia 
selbst  auftreten,  trostlos  Uber  die  häufige  Abwesenheit  des  Abtes, 
der  bald  am  kaiserlichen  Hofe  weilt,  bald  die  Stiftsgüter  mit  Kirchen 
schmückt;  ausführlich  berichtet  sie  von  seinen  Verdiensten,  nament- 
lich dem  Neubau  des  Klosters.  Ein  Nachtrag  vom  J.  996  berührt 
die  Theilnahme  des  Abtes  an  Ottos  III  Römerzuge3). 

Im  J.  1006  nöthigte  Heinrich  H den  Mönchen  wider  ihren  Willen 
den  Abt  Immo  auf,  welcher  schon  den  Klöstern  Gorze  und  Prüm 
Vorstand,  und  die  strenge  lothringische  Zucht  mit  grofser  Härte  den 
Mönchen  aufzudringen  versuchte,  was  viele  von  diesen  zur  Flucht 
veranlafste  und  dem  Kloster  grofsen  Schaden  that.  Davon  hat  der 
Mönch  Rudpert  in  Prosa  und  in  Versen  berichtet4),  sein  Werk  ist 
aber  verloren.  Nach  zwei  Jahren  erlöste  der  König  Reichenau  von 
seinem  Zuchtmeister  und  gab  ihnen  Bern  aus  dem  Kloster  Prüm 
zum  Abte,  welcher  den  früheren  blühenden  Zustand  wieder  herstellte. 

Diese  beiden  grofsen  Klöster  scheinen  alles  an  sich  gezogen  zu 
haben,  was  an  litterarischer  Thätigkeit  noch  vorhanden  war;  Kon- 
stanz, so  sehr  es  durch  bedeutende  Bischöfe  ausgezeichnet  war, 
tritt  litterarisch  gar  nicht  hervor,  denn  Salomo  HI,  dessen  Formel- 
buch und  Gedichte  oben  (S.  145)  erwähnt  wurden,  gehört  ganz  dem 
Kloster  S.  Gallen  an,  welchem  er  seine  Bildung  verdankte  und  in 
dem  sein  Andenken  immer  fortlebte.  Von  dem  Bischof  K onrad 
(935 — 976)  giebt  es  freilich  eine  Biographie6);  sie  ist  aber  erst 
150  Jahre  nach  seinem  Tode  geschrieben  und  von  geringem  Werthe. 
Das  Leben  des  Bischofs  Gebehard  (980 — 995)  ist  ebenfalls  erst 

*)  Ilistoria  Sanguinis  Domini,  gedr.  im  Auszuge  v.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  445. 
446 — 449;  vollständig  bei  Mone  S.  67.  Später  wiederholt  überarbeitet,  auch  in 
deutschen  Reimen,  von  Albert,  herausgegeben  von  Schmeller,  München  1844. 

2)  Miracula  S.  Verenae  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  457—460.  Stalin  I,  423. 

s)  Carmen  Purchardi  de  Gestis  Witigowonis  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  621 — 632. 

4)  Ilerim.  Aug.  Chr.  ad  a.  1006. 

6)  Vita  Chuonradi  Const.  ep.  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  436. 


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Reichenau,  Konstanz,  Strafsburg,  Augsburg.  197 

viel  später,  im  zwölften  Jahrhundert,  in  seiner  Stiftung  Petershausen 
verfafst;  es  enthält  einige  merkwürdige  Nachrichten  Uber  den  Bau 
des  Klosters1). 

Wir  haben  schon  gesehen,  wie  S.  Gallen  auch  in  die  Ferne 
wirkte  durch  seinen  Propst  Notker,  der  972  Bischof  von  Lüttich 
wurde.  Mit  Weifsenburg  im  Elsafs  war  vielfacher  Verkehr  und  auch 
mit  Strafsburg,  besonders  unter  dem  Bischof  Erchenbald  (965 
bis  991).  Dieser  berief,  zur  Zeit  des  Abtes  Burchard  (958 — 971), 
den  S.  Galler  Mönch  Viktor,  einen  fähigen  und  gelehrten,  aber  un- 
ruhigen Mann  von  vornehmer  Abkunft  nach  Strafsburg,  wo  er  mit 
Erfolg  als  Lehrer  wirkte2).  Nach  dem  Tode  des  Bischofs  zog  der 
in  früherer  Zeit  geblendete  Viktor  sich  als  Eremit  in  die  Einsamkeit 
zurück.  Erchenbald  aber  hat  auch  selbst  einige  Verse  Uber  seine 
Vorfahren  im  Bisthum  verfafst“),  und  ihm  überreichte  ein  anderer 
Mönch  von  S.  Gallen,  Gerald,  eine  Abschrift  von  Ekkehards  Wal- 
tharius *).  Andererseits  wirkte  auch  Frankreich  auf  Strafsburg  ein; 
auch  Konstantius,  der  berühmte  Scholaster  von  Luxeuil  hat  hier 
gelehrt. 

Aus  der  Klosterschule  von  S.  Gallen  aber,  wo  ein  grofser  Theil 
der  jungen  vornehmen,  zu  hohen  Kirchenämtern  bestimmten  Geist- 
lichkeit erzogen  wurde,  ging  auch  der  ausgezeichnetste  Bischof  hervor, 
den  Alamannien  in  der  Ottonisehen  Zeit  besessen  hat,  Udalrich, 
aus  dem  Hause  der  Grafen  von  Dillingen,  der  von  924  bis  973  dem 
Sprengel  von  Augsburg  Vorstand  und  ein  segensreiches  Andenken 
hinterlassen  hat.  Ohne  Zweifel  würde  er  hier  eine  reiche  Entfaltung 
geistiger  Thätigkeit  hervorgerufen  haben,  wenn  nicht  die  schweren 
Zeiten,  welche  Ludolfs  Aufstand  und  der  Ungernkrieg  Uber  Stadt 
und  Sprengel  brachten,  seine  Wirksamkeit  gehemmt  hätten.  Die 
Folgen  dieser  Ereignisse  sind  gewifs  noch  lange  fühlbar  gewesen; 
doch  finden  wir  zu  Bischof  Liutolds  Zeit  (989 — 996)  in  einem  Briefo 
des  Wigo  von  Feuchtwangen6)  den  blühenden  Zustand  der  Augs- 
burger Schule  gerühmt,  und  zugleich  zeigen  uns  diese  zufällig  er- 
haltenen Briefe  ein  lebhaftes  litterarisches  Streben  in  dem  Kloster 
Feuchtwangen,  im  nördlichsten  Winkel  des  Augsburger  Bisthums. 
Wir  dürfen  daraus  wohl  den  Schlufs  ziehen,  dafs  noch  an  vielen 
Orten  eifrig  gelehrt  und  gelernt  wurde,  ohne  dafs  uns  eine  Nach- 
richt auf  bewahrt  ist,  dafs  auch  vieles  geschrieben  worden  ist,  was 

*)  Vita  Gebehardi  ed.  Wattenbach,  Sion.  SS.  X,  582. 

а)  Urbem  suam  doctrinis  eius  floridam  fecit.  Sion.  II,  116. 

3)  Böhmers  Fontes  111,  Xll  u.  1 — 4.  — *)  Haupts  Zeitschrift  IX,  150. 

б)  B.  Pez  Tbes.  VI,  115. 


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198  UI-  Ottonen.  § 8.  Alamannien.  § 9.  Baicrn. 

später  unbeachtet  zu  Grunde  ging.  Ueber  S.  Ulrichs  segensreiche 
Wirksamkeit  aber  ist  uns  glücklicherweise  ein  reichhaltiger  und  vor- 
trefflicher Bericht  zugekommen,  dessen  Verfasser,  der  Priester  Ger- 
hard, ein  jüngerer  Zeitgenosse  des  Bischofs,  zugleich  durch  seine 
gute  Schreibart  und  Darstellung  den  gesegneten  Erfolg  von  Udal- 
richs  Bestrebungen  bezeugt.  Die  aufserordentlich  angesehene  Stel- 
lung dieses  Bischofs,  sein  Einflufs  bei  Hofe,  die  mannhafte  Verthei- 
digung  seiner  Stadt  und  seines  Sprengels  gegen  die  Aufrührer  und 
gegen  die  Ungern  geben  seiner  Biographie  eine  besondere  Wichtig- 
keit und  stellen  sie  dem  Leben  des  Erzbischofs  Brun  zur  Seite. 
Auch  die  Zeit  seines  Nachfolgers  Heinrich  (973 — 982)  zog  Ger- 
hard in  seine  Darstellung1).  Liutold  oder  Ludolf  bewirkte  993 
die  Kanonisation  S.  Ulrichs,  das  erste  Beispiel  eines  solchen  Aktes, 
und  von  da  an  wurde  das  Leben  desselben  immer  von  neuem,  später 
auch  in  deutscher  Sprache  überarbeitet;  schon  Bischof  Gebhard 
(996 — 999)  früher  Abt  von  Eiwangen,  dem  die  Zeitgenossen  hohes  Lob 
zollen,  machte  den  Anfang  damit,  aber  geschichtlichen  Werth  hat  nur 
das  ursprüngliche  Werk.  Lehrreich  sind  diese  Bearbeitungen  nur,  in- 
sofern man  darin  recht  deutlich  sehen  kann,  wie  das  geschicht- 
liche Element  sich  immer  mehr  verliert  und  dafür  der  rhetorische 
Schmuck,  die  herkömmlichen  Phrasen  überhand  nehmen,  bis  nur 
noch  eine  gewöhnliche,  mit  Wundem  überladene  Legende  übrig  bleibt. 

§ 9.  Baiern. 

Ein  Geschichtswerk  aus  Baiern  ist  uns  aus  diesem  Zeiträume 
nicht  auf  bewahrt,  wohl  aber  mögen  manche  Aufzeichnungen  vor- 
handen gewesen  sein,  welche  für  uns  verloren  sind,  wie  die  Salz- 
burger Annalen  von  835  an  und  Regensburger  Annalen,  von 
denen  Spuren  sich  in  späteren  Werken  nachweisen  lassen3).  Doch 
hatte  auch  gerade  dieses  Land  besonders  schwer  durch  die  Verhee- 
rungen der  Ungern  gelitten;  manches  blühende  Kloster  war  zerstört, 
andere  durch  Herzog  Arnulfs  Säcularisationen  kaum  minder  hart  ge- 
troffen, und  erst  allmählich  begann  eine  neue  Entwickelung  und 
wissenschaftliche  Thätigkeit. 

In  Regensburg  wirkte  der  treffliche  Bischof  Wolfgang 
(972 — 994),  der  auch  einen  Biographen  gefunden  hat,  aber  nicht  in 
der  Heimath,  sondern  in  Franken,  und  auch  diese  Schrift  ist  uns 

*)  Vita  S.  Oudalrici  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  377—428.  Vgl.  Stalin  I,  424. 
W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  745.  Ruland  in  Steicheles  Archiv  für  die 
Geschichte  des  Bisthums  Augsburg  I,  7. 

3J  Kurze  Annalen  von  S.  Emmeram  von  748  bis  823  und  von  732  bis  1062, 
Mon.  SS.  I,  92—94. 


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Vita  S.  UdalricL  Regensburg.  Tegernsee. 


199 


leider  verloren;  nur  in  der  späteren  Bearbeitung  von  Othloh  sind 
Fragmente  davon  erhalten  *).  Wolfgang  war  der  Erzieher  Kaiser 
Heinrichs  II,  und  auch  Poppo,  Markgraf  Liutpolds  Sohn,  der  1016 
Erzbischof  von  Trier  wurde,  war  in  Regensburg  erzogen3).  Auch 
Tagino,  1004 — 1012  Erzbischof  von  Magdeburg,  war  vorher  Vizthum 
der  Regensburger  Kirche3). 

Neben  8.  Wolfgang  wirkte  der  Abt  Ramwold,  unter  dom  in 
dem  altberühmten  Stifte  S.  Emmeram  die  klösterliche  Zucht  wieder 
hergestellt  wurde;  hier  hat  sich  in  einer  Handschrift  ein  merkwür- 
diges Bruchstück  über  den  Herzog  Arnulf  erhalten,  merkwürdig  so- 
wohl als  vereinzelte  Spur  verlorener  geschichtlicher  Aufzeichnungen 
als  auch  durch  den  heftigen  Widerwillen  gegen  den  Sachsenkönig, 
welcher  sich  darin  ausspricht,  und  die  Verherrlichung  des  tapferen 
Herzogs,  auf  den  in  späterer  Zeit  die  Geistlichkeit  so  Übel  zu  sprechen 
war.  Das  Fragment  ist  in  Regensburg  geschrieben  und  könnte  wohl 
noch  dem  zehnten  Jahrhundert  angehören4). 

Von  S.  Emmeram  ging  Gozpert  aus,  der  982  Abt  von  Tegern- 
see wurde  und  hier  zu  eifriger  Beschäftigung  mit  dem  klassischen 
Altcrthume  veranlafste.  Statius,  Persius,  Horaz,  Ciceros  Briefe, 
Boethius  wurden  gelesen  und  abgeschrieben;  natürlich  auch  Priscian, 
aus  dem  man  hier  wie  überall  die  lateinische  Grammatik  lernte. 
Boethius  Schrift  vom  Tröste  der  Philosophie  schrieb  Froumund  in 
Köln  ab  und  sandte  sie  nach  Tegernsee6).  Dieser  Froumund  war 
Scholaster  in  Tegernsee  und  sammelte  in  einer  noch  erhaltenen 
Handschrift  eigene  und  fremde  Briefe  und  Gedichte;  daraus  allein 
ist  uns  dieses  eifrige  Studium  in  Tegernsee  und  die  lebhafte  Ver- 
bindung mit  den  gleich  strebsamen  Mönchen  und  Klerikern  in 
Feuchtwangen,  Augsburg,  Wirzburg  bekannt  geworden6).  Der  ge- 
zierte und  mit  Gelehrsamkeit  prunkende  Stil  der  Zeit,  auf  den  die 
italienischen  Grammatiker  eingewirkt  haben  mögen,  findet  sich  auch 
hier  in  vollem  Mafse. 

»)  Mon.  SS.  IV,  521-542. 

*)  Thietmar  1.  V.  Prol.  Gesta  Trevirorum,  Mon.  SS.  VUI,  175. 

3)  Thietra.  V,  25.  V.  Wolfg.  c.  36. 

4)  Gedr.  in  Gerckens  Reisen  II,  104.  Emendationen  Arehiv  III,  346.  Vgl.Waitz 
in  den  Jahrbüchern  I,  1,  47  n.  5.  Die  entgegengesetzte  Auffassung  in  der  Aufzeich- 
nung Hermanns  von  Aitaich,  in  Böhmers  Fontes  111,  563. 

6)  Pez  Thes.  I,  Praef.  p.  XV. 

6)  Codex  epistolaris  Froumundi  von  983  bis  in  Heinrichs  II  Zeit  bei  Pez  Thes. 
VI,  110  — 199.  Mab.  Anal.  p.  435.  Bei  Günthner,  Gesch.  der  litterar.  Anstalten  in 
Baiem  I,  170  die  Inschrift  eines  Remigius  in  Sedulii  opus  paschale:  Ego  Froumun- 
dus  cepi  hunc  li bellum  scribere,  scd  pueri  nostri  quos  docui  meo  iuvamine  per- 
scripserunt.  Ueber  den  Froumund  zugeschriebenen  Ruodlieb  s.  Gervinus  I,  91. 
Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  II,  177. 


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200 


III.  Ottonen.  § 9.  Baiern.  § 10.  Frankreich. 


Schon  früher,  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts  lehrte, 
vielleicht  in  Wessobrunn1),  ein  sehr  gelehrter  Mönch,  Meister 
Benedikt,  die  Grammatik;  ihm  übergab  S.  Ulrich  seinen  Neffen 
Adalbero  zur  Erziehung. 

In  Salzburg  lehrte  ein  hochgefeierter  Mönch  aus  S.  Gallen, 
Chunibert,  den  Herzog  Berhtold  (938  — 945)  sich  vom  Abt 
Kralo  (942 — 948)  erbeten  hatte2).  Etwas  später  unter  Erzbischof 
Friedrich  (954 — 990)  versammelte  hier  ein  gewisser  Liudfrit  zahl- 
reiche Schüler3),  und  Erzbischof  Günther  (ord.  1024  Jan.  26.  + 1025 
Nov.  1.)  hatte  seine  gelehrte  Ausbildung  unter  Bischof  Notker  von 
Lüttich  erhalten.  In  Benediktbeuern  erhielt  im  Anfänge  des  elften 
Jahrhunderts  der  Propst  Adalbero  wegen  seiner  eifrigen  Studien  den 
Beinamen  des  Bücherfasses4),  und  aus  Freising  hat  sich  uns  ein 
Segenspruch  erhalten,  welcher  für  die  Schreibstube  bestimmt  war5). 

Jener  Chunibert  aus  S.  Gallen  ist  auch  in  Nieder  - Altaich 
Abt  gewesen,  um  940;  später  hausten  hier  nach  dem  Verfall  der 
klösterlichen  Zucht  Kanoniker.  Unter  ihnen  war  ein  alter  Priester, 
Namens  Udalgis,  der  sich  als  Lehrer  grofsen  Ruhm  erwarb.  Vor- 
nehme Jünglinge  wurden  ihm  gern  anvertraut,  um  sich  hier  in  freierer 
Weise  ohne  die  strengere  Ordensregel  in  den  Wissenschaften  auszu- 
bilden, und  mehrere  Bischöfe  sind  aus  seiner  Schule  hervorgegangen*). 
Der  berühmteste  unter  seinen  Schülern  aber  ist  Godehard  (geb.961) 
der  dann  in  Salzburg  seine  Studien  fortsetzte,  die  gesunkene  Kloster- 
zucht  in  mehreren  Klöstern  wieder  herstellte  und  auch  Altaich  zu 
neuer  Blüthe  erhob,  nachdem  dort  im  J.  990  wieder  ein  Schwabe, 
Erchembert,  nach  Benedikts  Regel  zum  Abt  erwählt  war. 

In  Eichstedt  liefs  Bischof  Starchand  (933 — 966),  ein  Freund 
Ulrichs  von  Augsburg,  viele  Bücher  abschreiben  und  verfafste  selbst 
Gebete;  sein  Nachfolger  Re  ginold  ( — 989)  wird  wegen  seiner  Be- 

')  Nach  der  Vermuthung  Beutners,  Ilist.  Wessofont.  I,  63. 

s)  Ekkeh.  Casus  S.  Galli  Mon.  II,  138.  Er  nennt  Herzog  Heinrich,  was  nicht 
angeht;  Giesebrecht,  Ann.  Allah.  S.  11. 

3)  V.  Godeh.  ant.  c.  6.  Mon.  SS.  XI,  172.  In  einer  später  geänderten  Stelle 
spricht  Wolfher  von  einem  celebre  Studium  in  Passau,  aber  wohl  nur  durch  eine 
Verwechselung.  — Für  Passau  ist  noch  ein  merkwürdiges  Schulbuch  des  neunten 
Jahrhunderts  nachzutragen,  welches  auch  Formeln  enthält,  unter  der  Aufschrift 
Epistolae  AUati,  welche  Rockinger  aus  der  noch  erhaltenen  Tegernseer  Handschrift 
herausgegeben  hat  (Drei  Formelsammlungen  aus  der  Zeit  der  Karolinger,  Quellen 
zur  Bair.  Gesch.  VII,  1857).  Nach  Dümmiers  Vermuthung  könnte  dieses  Buch  wohl 
von  Ermenrich  (oben  S.  149)  herstammen. 

4)  Vas  librorum,  Mon.  SS.  IX,  219. 

6)  Benedictio  in  scriptorio,  bei  Günthner  1, 190. 

°)  Vita  Godeh.  ant.  c.  2.  Mon.  SS.  XI,  171.  ln  der  zweiten  Vita  Prol.  p.  197 
wird  aber  Rumold  als  Godehards  erster  Lehrer  genannt. 


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Salzburg,  Altaich,  Eichsted  t.  Reims,  Hucbald.  201 

redtsamkeit  Chrysostomus  genannt;  er  verstand  griechisch  nnd  he- 
bräisch, besonders  aber  war  er  ein  grofser  Musiker  und  soll  zur 
Uebertragung  des  h.  Willibald  ein  gar  schönes  Gedicht  verfertigt 
haben  l). 

Bei  einer  so  lebhaften  litterarischen  Thätigkeit  kann  es  auch 
an  geschichtlichen  Aufzeichnungen  nicht  ganz  gefehlt  haben;  viel 
ist  jedoch  nicht  vorhanden  gewesen,  da  wir  sonst  doch  bei  den  spä- 
teren Schriftstellern  Spuren  davon  antreffen  müfsten , und  gröfsere 
Geschichtswerke  scheinen  hier  nicht  entstanden  zu  sein.  Jene  gram- 
matisch-philosophische Bildung,  welche  vielfach  hochgeschätzt  und 
eifrig  erstrebt  wurde,  befördert  durch  Italiener  wie  Gunzo  nnd 
Stephan,  führte  zur  Geschichtschreibung  nur  insofern  sie  zu  dem 
erforderlichen  Bildungsgrade  verhalf;  eine  unmittelbare  Beziehung 
zur  Geschichte  hatte  sie  nicht  und  leitete  eher  ab  von  der  Beschäf- 
tigung mit  der  eigenen,  einheimischen  Vorzeit,  wie  wir  denn  auch 
gesehen  haben,  dafs  die  Hauptpunkte  dieser  gelehrten  Studien,  wie 
Reichenau,  S.  Gallen,  Lüttich,  keineswegs  auch  die  productivsten  für 
Geschichtswerke  waren. 

§10.  Frankreich.  Reims. 

An  gelehrter  Thätigkeit  hat  es  in  dieser  Periode  in  Frankreich 
nicht  gefehlt;  trotz  aller  Verheerungen  und  Unglücksfälle  erhielt  sich 
ein  bedeutender  Grad  von  Bildung,  der  sich  durch  eine  grofse  An- 
zahl von  Lehrern,  Scholastern,  fortpflanzte.  Diese  waren  in  Frank- 
reich wie  in  Deutschland  wohl  alle  von  geistlichem  Stande;  es 
scheint  jedoch,  dafs  sie  dort  nicht  so  allgemein  wie  hier  bestimmten 
Stiftern  angehörten,  sondern  mehr  nach  italienischer  Weise  in  unab- 
hängiger Stellung  Schüler  um  sich  sammelten.  Ihre  ganze  Richtung 
ging  vorherrschend  auf  Grammatik,  Dialektik  und  Rhetorik  und  trug 
daher  eben  so  wenig  Frucht  für  die  Geschichte,  wie  die  verwandten 
Bestrebungen  in  deutschen  Klöstern. 

Reims  behauptete  fortwährend  seinen  Ruf  als  die  bedeutendste 
Schule  des  Landes.  Hinkmars  Nachfolger  Fulko  berief  hierher  den 
Hucbald,  Mönch  von  S.  Amand,  dessen  Gelehrsamkeit  ausnehmend 
gerühmt  wird.  Er  gehörte  jenem  merkwürdigen  Kloster  an,  welches 
auf  der  Grenzscheide  beider  Sprachen  im  Hennegau  gelegen,  uns 
zugleich  das  deutsche  Ludwigslied  und  das  älteste  Denkmal  fran- 
zösischer Dichtung  auf  bewahrt  hat2).  Ein  jüngerer  Zeitgenosse  und 

*)  Anon.  Ilaser.  Mon.  SS.  VIT,  255.  257. 

a)  Fragmenta  Elnonensia,  von  Hofftnann.  Gent  1837.  4.  Vgl.  Wackernagel 
L.  G.  67.  Gervinus  I,  84. 


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202 


M.  Ottonen.  § 10.  Frankreich,  Reims. 


ohne  Zweifel  Schüler  des  Milo,  der  zu  Karls  des  Kahlen  Zeit  als 
Schriftsteller  gefeiert  war1),  erwarb  er  sich  bald  einen  grofsen  Na- 
men und  bewährte  sich  in  Keims  als  Lehrer,  zog  sich  aber  später 
wieder  in  Bein  Kloster  zurück,  wo  er  im  J.  930  neunzigjährig  ge- 
storben sein  soll.  Aufser  anderen  Heiligenleben  hat  er  auch  das 
Leben  des  angelsächsischen  Glaubensboten  Liafwin  beschrieben, 
welches  besonders  durch  die  Erwähnung  der  altsächsischen  Landes- 
versammlung sehr  merkwürdig  ist3). 

Reims  aber  war  in  diesem  Jahrhundert  auch  der  Mittelpunkt 
der  französischen  Politik  und  namentlich  für  die  lothringischen 
Händel  von  der  grölsten  Bedeutung.  Hier  konnte  man  unmöglich 
ohne  geschichtliche  Aufzeichnungen  auskommen;  hier  bedurfte  man 
anderer  Werke  als  rhetorisch  ausgeschmückter  Legenden,  und  Hink- 
mar  selbst  hatte  das  beste  Beispiel  gegeben.  Er  fand  einen  Nach- 
folger an  Flodoard  (894 — 966),  der  als  Archivar  der  Kirche  so- 
wohl wie  durch  seine  sehr  angesehene  Stellung  ganz  besonders  zu 
dieser  Aufgabe  befähigt  war.  Im  Gegensätze  zu  der  herrschenden 
Art  der  Schriftstellerei  legte  er  wenig  Gewicht  auf  die  Form  und 
hatte  fast  allein  die  Vollständigkeit  und  Zuverlässigkeit  des  Inhalts 
im  Auge.  Seine  Geschichte  der  Reimser  Kirche  ist  eine  ur- 
kundliche in  so  hohem  Grade,  dafs  sie  grofsentheils  geradezu  aus 
Regesten  der  wichtigsten  Urkunden,  besonders  päpstlicher  Schreiben 
besteht.  Die  Verarbeitung  dieses  Stoffes  mufs  man  als  mangelhaft 
bezeichnen;  sie  läfst  sich  oft  ganz  vermissen,  aber  der  materielle 
Werth  seines  Werkes  ist  dadurch  um  so  gröfser  für  uns3).  Der- 
jenige Theil  desselben,  welcher  die  Geschichte  seiner  Zeit  behandelt, 
findet  sich  grofsentheils  wiederholt  in  seinem  zweiten  Hauptwerke, 
den  Annalen,  welche  von  919  bis  966  reichen.  Ob  der  Anfang 
verloren  ist,  ob  ein  anderes  Werk  vorhanden  war,  welches  die  Ge- 
schichte bis  zum  Jahre  919  führte,  ist  unbekannt;  sicher  ist,  dafs 
auch  Richer  nicht  mehr  Hülfsmittel  für  die  Zeit  von  882  an,  wo 
Hinkmars  Jahrbücher  auf  hören,  vor  sich  hatte;  nicht  einmal  die 
Annalen  von  S.  Vast  waren  ihm  bekannt.  Für  jenen  Zeitraum  nun 
berichtet  Flodoard  mit  der  gröfsten  Treue  Jahr  für  Jahr  die  Ereig- 
nisse, wie  er  sie  erfuhr,  grofse  und  kleine,  ohne  auf  ihren  inneren 
Zusammenhang  einzugehen,  in  derselben  objectiven  Weise,  die  wir 

»)  Bähr  S.  110. 

a)  Ilurbaldi  V.  S.  Lebuini  cd.  Pertz,  Mon.  SS.  II,  360 — 364  im  Auszug.  Vgl. 
über  Ilucbald  Fabricius  s.  v.  Bähr  S.  126.  244. 

a)  Flodoardi  Historia  Remensis  ed.  Colvener.  Duaci  1617.  8.  Bibi.  Patrum 
Lugd.  XVII,  500.  Bouquet  VIII,  154 — 175.  Oeuvres  de  Flodoard.  Reims  1854. 
Vgl.  Bähr  S.  274. 


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Reims.  Hucbald,  Flodoard,  Gerbert. 


203 


schon  bei  anderen  ähnlichen  Werken  bezeichneten,  in  einfacher,  un- 
gesuchter  Sprache.  Was  ihn  aber  auszeichnet,  ist  die  Fülle  seiner 
Nachrichten,  nicht  über  Frankreich  allein,  sondern  auch  über  Loth- 
ringen und  das  ostfränkische  Reich,  und  ferner  seine  fleckenlose 
Wahrheitsliebe  und  Zuverlässigkeit1).  Fast  bis  an  den  Tag  seines 
Todes  hat  er  das  Werk  fortgesetzt,  dann  ist  noch  ein  Zusatz  über 
die  Jahre  von  976  bis  978  nachgetragen  worden;  darauf  aber  ver- 
ging lange  Zeit,  bevor  sich  ein  Nachfolger  fand.  In  den  politischen 
Wirren,  von  welchen  auch  die  Metropole,  lange  Zeit  ein  Zankapfel 
der  Parteien,  viel  zu  leiden  hatte,  gingen  Zucht  und  Lehre  fast  zu 
Grunde,  bis  der  Beginn  einer  besseren  Zeit  in  dem  nahen  Loth- 
ringen auch  hierher  seine  Einwirkung  erstreckte.  Zwei  Metzer  Dom- 
herren, welche  nach  einander  auf  den  erzbischöflichen  Stuhl  erhoben 
wurden,  Odelrich  961 — 969  und  besonders  Adalbero  von  969 — 988, 
ein  Zögling  der  Klosterschule  zu  Gorze 2),  stellten  die  Ordnung  wieder 
her,  und  bald  zog  der  neu  erwachte  Glanz  der  Reimser  Schule 
Schaaren  lernbegieriger  Jünglinge  zu  der  alten  Kathedrale. 

Bald  nach  Flodoards  Tode,  um  das  J.  967,  hatte  ein  junger 
Mönch,  Gerbert,  das  Kloster  Aurillac  in  Aquitanien  verlassen,  um 
in  der  spanischen  Mark  Lehrer  aufzusuchen,  welche  namentlich 
seiner  Liebe  zu  mathematischen  Studien  genügten.  Im  Jahre  970 
folgte  er  dem  Grafen  von  Barcelona  und  dem  Bischof  Hatto  von 
Vieh,  seinem  Lehrer,  nach  Rom  und  wurde  hier  bereite  als  ein  aus- 
gezeichnet begabter  Jüngling  vom  Papste  dem  Kaiser  Otto  zugesandt. 
Noch  fehlte  es  ihm  aber  an  philosophischer  Ausbildung,  und  deshalb 
begleitete  er  den  Reimser  Archidiakonus  Garamnus,  einen  berühm- 
ten Lehrer  der  Logik,  nach  Reims,  wo  er  einige  Zeit  seine  Studien 
fortsetzte,  bald  aber  selbst  als  Lehrer  einen  aufserordentlichen  Ruf 
gewann.  Ganz  Gallien,  sagt  Richer,  erglänzte  von  ihm  durch- 
leuchtet, wie  von  einem  strahlenden  Lichte.  Nachdem  er  sich  später 
einige  Zeit  bei  Otto  H aufgehalten  und  von  ihm  die  Abtei  Bobio 
erhalten  hatte,  kehrte  er  nach  dessen  Tode  zurück  und  nahm  nun 
während  der  Minderjährigkeit  Ottos  III  in  Reims  eine  sehr  bedeu- 
tende politische  Stellung  ein.  Diese  Periode  ist  es  besonders,  Uber 
welche  uns  seine  Briefsammlung  die  wichtigsten  Aufschlüsse 
giebt,  obgleich  viele  der  darin  enthaltenen  Anspielungen  uns  jetzt 
unverständlich  sind , und  durch  die  absichtliche  Dunkelheit  der 
Schreibart  die  Benutzung  sehr  erschwert  wird  *).  Als  später  (991) 

‘)  Flodoardi  Annales,  Mon.  SS.  III,  363 — 408.  B'ähr  S.  188.  W.  Giesebrecht, 
Geschichte  der  Kaiserzeit  1, 740.  — 5)  Gesta  epp.  Camerac.  I,  102. 

3)  Gerberti  epistolae  bei  Duchesne  II,  789 — 844.  Vgl.  Wiimans  in  Rankes 
Jahrbüchern  II,  2,  141 — 175.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  1, 748.  Hock, 


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204 


III.  Ottonen.  § 10.  Frankreich,  Reims. 


der  Erzbischof  Arnulf  von  Reims  entsetzt  und  Gerbert  sein  Nach- 
folger wurde,  zeichnete  dieser  selbst  die  Verhandlungen  der  Synoden 
zu  S.  Basle,  Mouzon  und  Coucy  auf,  welche  durch  diese  Verhältnisse 
veranlafst  wurden1),  und  die  aufserordentliche  Klarheit,  Schärfe  und 
Gediegenheit  der  Darstellung,  sowie  die  Meisterschaft  im  Ausdruck 
lassen  uns  sehr  bedauern,  dafs  er  uns  aufserdem  keine  Werke  ge- 
schichtlichen Inhaltes  hinterlassen  hat.  Besonders  merkwürdig  sind 
die  Acten  der  Synode  von  S.  Basle  durch  die  heftige  und  rücksichts- 
lose Opposition  gegen  den  römischen  Stuhl,  welche  sich  darin  aus- 
spricht, und  die  eine  nicht  minder  heftige  und  charakteristische  Ent- 
gegnung von  Seiten  des  römischen  Abtes  Leo  hervorrief2). 

Hat  aber  Gerbert  nicht  selbst  Geschichte  geschrieben,  so  ver- 
anlafste  er  doch,  dafs  nach  langer  Unterbrechung  in  Reims  diese 
Thätigkeit  wieder  aufgenommen  wurde.  Er  beauftragte  damit  einen 
seiner  Schüler,  den  Richer,  einen  Mönch  von  S.  Remy,  der  sich  mit 
nicht  gewöhnlichem  Eifer  dem  Studium  der  alten  Lateiner  und  der 
Philosophie,  der  Medicin  und  der  Mathematik  hingab.  Von  seinen 
Vorgängern  wich  Richer  ab,  indem  er  die  schlichte  annalistische 
Form  verliefs;  ihm  schwebte  das  höhere  Ziel  einer  künstlerisch 
durchgebildeten  und  das  innere  Wesen  der  Dinge  erfassenden  Ge- 
schichtschreibung vor.  In  den  Jahren  995  und  996  hat  er  die  Wid- 
mung an  Gerbert  und  den  Anfang  seines  Werkes  (bis  II,  78)  geschrie- 
ben; dann  scheint  eine  Unterbrechung  eingetreten  zu  sein,  worauf 
er  in  den  Jahren  996  bis  998  diesen  Anfang  noch  einmal  über- 
arbeitete und  bis  zum  Jahre  995  fortführte;  einige  kurze  Notizen 
Uber  die  folgenden  Jahre  auf  dem  letzten  Blatte  seiner  Handschrift 
deuten  die  Absicht  einer  weiteren  Fortsetzung  an,  zu  welcher  er 
aber,  vielleicht  durch  Gerberts  Absetzung  (998)  verhindert,  nicht 
mehr  gekommen  ist. 

Zum  Ausgangspunkte  seines  Werkes  nahm  Richer  nach  einer 
kurzen  Einleitung  das  Ende  von  Hinkmars  Werk  (882);  er  versuchte 
es,  die  Lücke  zwischen  diesem  Zeitpunkte  und  Flodoards  Annalen 
(919)  auszufüllen,  was  aber  nur  sehr  unvollkommen  gelingen  konnte, 
weil  es  ihm  offenbar  an  schriftlichen  Denkmälern  Uber  diese  Periode 
fast  gänzlich  fehlte8).  Dann  ist  Flodoard  sein  Führer;  wo  dieser 

Gerbert  oder  Papst  Sylvester  II  u.  sein  Jahrhundert.  Wien  1837.  8.  M.  Büdinger, 
Ueber  Gerberts  wissenschaftliche  und  politische  Stellung.  Kassel  1851.  8.  Merk- 
würdige Sagen  über  Gerbert  bei  Gualt.  Mapes  de  nugis  curialium  ed.  Wrigbt. 
Camden  Society.  1850.  8. 

»)  Mon.  SS.  III,  658  — 693.  — a)  Mon.  SS.  HI,  686  — 690. 

8)  Vgl.  die  Dissertation  von  Reimann,  worin  Richers  Unzuverlässigkeit  im 
Einzelnen  nachgewiesen  ist,  namentlich  auch  die  Unechtheit  seiner  Zusätze  zum 
Ingelheimer  ConciL 


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Gerbert.  Richer. 


205 


endet  (966)  erreicht  er  die  Zeit,  welche  er  schon  selbst  mit  durch- 
lebt hatte,  und  je  mehr  er  sich  der  Gegenwart  näherte,  desto  mehr 
hatte  er  Ereignisse  zu  berühren,  deren  Mittelpunkt  grofsentheils  der 
erzbischöfliche  Stuhl  von  Reims  gebildet  hatte.  Hier  konnte  es  ihm, 
der  im  Aufträge  Gerberts  seine  Geschichte  schrieb,  an  zuverlässiger 
Kunde  nicht  fehlen ; für  die  frühere  Zeit  kam  es  ihm  auch  zu  statten, 
dafs  sein  Vater  Rudolf  ein  Dienstmann  König  Ludwigs  IV  gewesen 
war,  dessen  Gunst  er  sich  durch  seine  Tapferkeit  und  Klugheit  er- 
worben hatte. 

Aeufserlich  war  also  Richer  vortrefflich  ausgerüstet,  um  ein 
Geschichtswerk  von  nicht  gewöhnlichem  Werthe  zu  schreiben , aber 
leider  fehlte  es  ihm  gänzlich  an  der  inneren  Befähigung.  Es  fehlte 
ihm  vor  allen  Dingen  ganz  an  geschichtlichem  Sinn.  Nicht  die  That- 
sachen,  nicht  die  Wahrheit  sind  ihm  das  Wesentliche,  sondern  mehr 
noch  die  Form  der  Darstellung.  Das  Studium  der  Alten  führte  ihn, 
wie  wir  das  im  Mittelalter  nur  zu  häufig  wahmehmen,  blos  zu  dem 
Bestreben,  in  der  äufseren  Form  ihnen  nachzueifern,  namentlich  fin- 
girte  Reden  den  handelnden  Personen  in  den  Mund  zu  legen  und 
alterthümliche  Benennungen  anzuwenden,  wo  sie  nicht  an  ihrem 
Orte  sind,  nämlich  für  die  eigenthümlichen  Zustände  und  Verhält- 
nisse der  Gegenwart.  Bei  Richer  aber  geht  das  Streben  nach  rhe- 
torischem Schmucke  so  weit,  dafs  die  Darstellung  des  Geschehenen 
dadurch  wesentlich  beeinträchtigt  wird.  Schilderungen  von  Schlach- 
ten und  Belagerungen,  sowie  besonders  auch  von  Krankheiten,  bei 
denen  er  seine  medicinische  Gelehrsamkeit  zur  Schau  trägt,  wieder- 
holen sich  in  übertriebener  Weitschweifigkeit,  und  bei  genauerer 
Untersuchung  findet  man  bald,  dafs  der  Verfasser  sich  hier  nicht 
selten  fast  ganz  seiner  Phantasie  Uberläfst.  Dieses  führt  uns  auf 
den  zweiten  grofsen  Fehler  Richers,  nämlich  seinen  Mangel  an  Wahr- 
haftigkeit und  Genauigkeit.  Eine  unbefangene  Darstellung  darf  man 
bei  seinem  Standpunkte  überhaupt  nicht  erwarten,  aber  auch  da,  wo 
keine  Parteirticksichten  ihn  verleiteten,  begeht  er  die  gröfsten  Fehler, 
welche  besonders  deutlich  hervortreten,  wo  wir  seine  Quelle,  die 
Annalen  Flodoards,  zur  Vergleichung  bei  der  Hand  haben.  Flüchtig 
und  ungenau  erscheint  er  da  im  höchsten  Grade.  Tritt  nun  aber 
gar  noch  ein  bestimmter  Beweggrund  hinzu,  von  der  Wahrheit  ab- 
zuweichen, so  sehen  wir  ihm  jedem  Antrieb  der  Art  folgen ; er  über- 
treibt und  vergröfsert,  was  er  bei  Flodoard  vorfindet,  aber  er  geht 
auch  so  weit,  sein  eigenes  Werk  zu  verfälschen,  um  eine  krank- 
hafte nationale  Eitelkeit  zu  befriedigen.  Ein  besonders  günstiges 
Geschick  hat  uns  seine  eigene  Handschrift  auf  bewahrt,  und  diese 


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206 


III.  Ottonen.  § 10.  Frankreich,  Reims. 


zeigt  uns,  wie  er  im  ersten  Buche  das  was  er  früher  geschrieben 
hatte,  verändert  hat  um  anstatt  Giselberts  und  der  Lothringer  den 
König  Heinrich  und  die  Deutschen  dem  westfränkischen  Könige 
unterworfen  erscheinen  zu  lassen.  Doch  bleibt  es  zweifelhaft,  ob 
hier  wirklich  eine  absichtliche  Entstellung  anzunehmen  ist,  oder  ob 
er  sich  selbst  durch  seine  ganz  falsche  Auffassung  der  älteren  Ge- 
schichte irre  leiten  liefe;  gewonnen  wird  aber  für  ihn  auch  dadurch 
nicht  viel,  wenn  man  annimmt,  er  habe  einer  oberflächlichen  Theorie 
zu  Liebe  die  überkommenen  Thatsachen  willkürlich  verändert. 

Als  Historiker  können  wir  demnach  Richer  unmöglich  hoch 
stellen;  so  sehr  er  im  Einzelnen  nach  rhetorischem  Schmucke  strebt, 
so  wenig  ist  er  doch  auf  ein  richtiges  Verhältnifs  der  Theile  be- 
dacht gewesen,  und  es  wird  durch  ganz  zufällige  Umstände  bestimmt, 
wo  er  auf  alle  Einzelheiten  mit  gröfster  Ausführlichkeit  eingeht, 
oder  wiederum  wichtige  Ereignisse  nur  leicht  berührt  oder  ganz 
übergeht.  Dazu  ist  seine  Sprache  gesucht  und  oft  durch  unpassende 
Ausdrücke  kaum  verständlich,  so  dafs  wir  sein  Werk  auch  nicht  in 
Rücksicht  auf  die  Form  loben  können,  wenn  wir  von  der  Wahrhaf- 
tigkeit der  Darstellung  absehen  wollten.  Demungeachtet  aber  hat 
doch  Richers  Buch  für  uns  einen  hohen  Werth;  er  ist  unser  ein- 
ziger Berichterstatter  über  jene  hochwichtige  Zeit,  in  welcher  die 
Herrschaft  von  den  Karolingern  auf  die  Kapetinger  überging,  und 
seine  ausführliche  Darstellung  gerade  dieser  letzten  Jahre  enthält 
eine  grofse  Fülle  wichtiger  Nachrichten,  die  wir  ihm  allein  ver- 
danken, die  freilich  nur  mit  grofser  Behutsamkeit  zu  gebrauchen 
sind,  aber  doch  als  eine  sehr  wesentliche  Bereicherung  unserer  ge- 
schichtlichen Kenntnife  betrachtet  werden  müssen.  Denn  bis  auf 
unsere  Tage  ist  Richers  Werk  fast  ganz  verborgen  geblieben;  nur 
in  grofsen  Zwischenräumen  haben  Ekkehard,  Hugo  von  Flavigny, 
Trithemius  davon  Gebrauch  gemacht  und  dadurch  eine  sehr  unbe- 
stimmte Kunde  von  diesem  Schriftsteller  erhalten;  sein  Werk  aber 
galt  für  verloren,  bis  Pertz  es  1833  in  Bamberg  von  neuem  ent- 
deckte und  1839  zum  ersten  Male  bekannt  machte1). 

Ein  Zeitgenosse  Richers  war  Aimoin,  seit  970  Mönch  im 
Kloster  Fleury  an  der  Loire,  wohin  aus  Montecasino,  während  es 
von  den  Langobarden  verwüstet  in  Trümmern  lag,  der  Leib  des 

l)  Richeri  Historiarum  libri  IV  ed.  Pertz,  Mod.  SS.  III,  561 — 657.  Besonderer 
Abdruck  in  Oct.  Han.  1839.  Mit  franz.  Uebersetzung  von  Gnadet.  Paris  1845  u. 

?uldiee  par  l’Acad.  Imp.  de  Reims  avee  traduction,  notes  etc.  par  A.  M.  Poinsignon. 

856.  8.  Uebersetzung  von  Freih.  v.  d.  Osten -Sacken,  mit  Einleitung  von  Watten- 
bach. Berlin  1854.  Reimann  de  Richeri  vita  et  scriplis.  Olsnae  1845.  8.  W.  Gie- 
sebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  749. 


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Aimoin.  Annalen  von  Sena. 


207 


h.  Benedikt  entführt  war,  eine  Thatsaehe,  welche  freilich  später  von 
den  Casinesen  hartnäckig  geleugnet  wurde.  Die  Geschichte  dieser 
Uebertragung  vcrfafste  schon  zu  Ludwigs  des  Frommen  Zeit  Adre- 
vald  und  fügte  ein  Buch  über  die  Wunder  des  h.  Benedikt  hinzu, 
welches  von  Adelerius  fortgesetzt  wurde.  Diesen  schlofs  sich  nun 
auch  Aimoin  an,  indem  er  im  J.  1005  ein  zweites  und  drittes  Buch 
der  Wunder  schrieb.  Geschichtliche  Nachrichten  Uber  die  Könige 
von  Frankreich  kommen  gelegentlich  darin  vor  und  wurden,  obwohl 
sie  weder  genau  noch  ausführlich  sind,  doch  bei  dem  Mangel  an 
anderen  Quellen,  besonders  da  auch  Richers  Werk  nur  wenig  bekannt 
geworden  war,  von  Späteren  häufig  benutzt1). 

Um  dieselbe  Zeit  verfafste  auch  Aimoin  eine  Lebensbeschreibung 
des  im  J.  1004  erschlagenen  Abtes  Abbo  von  Fleury 2),  und  eben 
diesem  Abbo  ist  ein  früheres  Werk  Aimoins  gewidmet,  eine  Ge- 
schichte der  Franken,  welche  bis  zur  Thronbesteigung  Pippins 
reichen  sollte,  die  aber  unvollendet  blieb  und  nur  bis  in  die  Mitte 
des  siebenten  Jahrhunderts  geführt  ist3).  Selbständigen  Werth  hat 
sie  deshalb  durchaus  nicht;  sie  gleicht  vielmehr  den  damals  so 
häufigen  Ueberarbeitungen  alter  Legenden,  und  ist  wie  diese  mehr 
eine  sprachliche  und  formale  als  eine  geschichtliche  Leistung.  Eine 
später  im  Kloster  S.  Germain  des  Pres  hinzugefügte  Fortsetzung  bis 
1040  ist  aus  bekannten  Quellen  compilirt,  mit  einigen  Zusätzen 
Uber  die  Geschichte  des  Klosters;  eine  weitere  Fortsetzung  reicht 
bis  1165. 

Schon  frühzeitig,  seit  dem  Anfänge  des  neunten  Jahrhunderts, 
wurden  kurze  Annalen  im  Kloster  der  h.  Kolumba  zu  Sens  ge- 
schrieben*), und  mit  Hülfe  derselben  verfafste  ein  unbekannter  Geist- 
licher eine  etwas  ausführlichere,  aber  doch  immer  sehr  magere 
Chronik  des  westfränkischen  Reiches  von  der  Schlacht  bei  Testry 
bis  1015,  mit  besonderer  Beziehung  auf  das  Erzbisthum  Sens,  die 
nicht  nur  in  der  wenig  späteren  Chronik  des  Odorannus  von  Sens5), 

*)  Adrevaldi  Historia  Translationis  S.  Benedicti  et  S.  Scholasticae,  und  die 
Historia  Miraeulorum  S.  Benedicti  erschienen  zuerst  1605  in  Jo.  a Bosco  Biblio- 
theca  Floriacensis , dann  Act.  SS.  Martii  III,  302  ff.  Mab.  II,  338  ff.  ed.  Yen.  mit 
den  Mirakeln;  die  von  Aimoin  bei  Mab.  IV,  2, 356.  Excerpta  ex  Aimoino  de  Mi- 
raculis  S.  Benedicti  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IX,  374 — 376. 

*)  Yita  Abbonis  abb.  Floriacensis  auct.  Aimoino,  Mab.  VI,  682. 

*)  Aimoini  Historia  Francorum  ed.  Breulius,  1603  f.  und  in  Frehers  Corpus 
Franc.  Ilist.  mit  den  Fortsetzungen.  Ohne  dieselben  Ducbesne  III,  1 — 120.  Bouq. 
III,  21 — 139.  Ueber  die  Handschriften  Waitz,  Archiv  XI,  314. 

*)  Annales  S.  Columbae  Senonensis  708 — 1218  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  1, 102 — 109. 

5)  Odoranni  monachi  S.  Petri  Yivi  Senonensis  Chronicon  collectum  a.  1045. 
Duchesne  II,  636. 


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208 


III.  Oltonen.  § 11.  Cluny.  § 12.  Italien. 


sondern  auch  von  Hugo  von  Fleury  n.  A.  viel  benutzt,  von  Ordericus 
Vitalis  vollständig  in  sein  Werk  aufgenommen  wurde1). 

Von  gröfserem  Werthe,  aber  der  deutschen  Geschichte  und 
unserer  Aufgabe  schon  sehr  fern  liegend  ist  die  Chronik  der  Nor- 
mannen von  Rollo  bis  auf  den  Tod  Richards  I (996),  von  Dudo, 
Dekan  zu  S.  Quentin,  am  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  verfafst. 
Er  schrieb  nach  mündlicher  Ueberlieferung,  hauptsächlich  nach  den 
Erzählungen  des  Grafen  Rudolf,  des  Bruders  Herzog  Richards  I und 
giebt  uns  eine  wahre  Volksgeschichte  in  reichhaltiger  lebendiger  Er- 
zählung, die  freilich  natürlicher  Weise  nicht  überall  zuverlässig  ist 
und  den  Charakter  ihres  Ursprunges  nicht  verleugnet*). 


§ 11.  Cluny. 

Als  die  herrschende  Richtung  in  den  französischen  Schulen  im 
zehnten  Jahrhundert  trat  uns  jene  rhetorisch -philosophische  Bildung 
entgegen,  welche  auf  den  Lehren  der  alten  Grammatiker  beruhte 
und  nicht  auf  kirchlichem  Grunde  erwachsen  war.  In  scharfem 
Gegensätze  zu  diesem  Treiben  entfaltete  Bich  gleichzeitig  in  Cluny 
eine  streng  mönchische  Askese,  welche  das  Studium  des  profanen 
Alterthums  für  sündlich  erklärte,  geistesverwandt  mit  der  auf  gleicher 
Grundlage  ruhenden  Klosterreform  in  Lothringen,  mit  welcher  auch 
häufige  Berührungen  stattfanden.  Die  Geschichtschreibung  konnte 
nicht  gedeihen,  wo  man  alles  Irdische  verachtete  und  verwarf,  aber 
indem  man  die  Tugenden  der  gefeierten  Häupter  dieser  Richtung 
anderen  zum  Vorbilde  aufstellte,  entstanden  doch  Biographien,  welche 
um  so  wichtiger  sind,  je  gröfser  auch  filr  die  weltlichen  Angelegen- 
heiten damals  die  Bedeutung  jener  Männer  war.  Aber  auch  die 
Kenntnifs  dieser  ganzen  Richtung  und  namentlich  die  Entstehung 
und  das  Wachsthum  der  Cluniacenser  Congregation,  welche  bald  eine 
so  aufserordentliche  politische  Bedeutung  gewann,  ist  von  unmittel- 
barer Wichtigkeit  für  den  Geschichtsforscher;  nur  ist  zu  bedauern, 
dafs  der  legendenartige,  auf  Erbauung  abzielende  Ton  der  Biogra- 
phien uns  gerade  über  diejenigen  Umstände,  welche  geschichtlich 
bedeutend  sind,  am  wenigsten  Aufklärung  finden  läfst.  Ueber  das 
Leben  des  ersten  AbteB  Odo  (927 — 942)  besitzen  wir  eine  Schrift 


*)  Historia  Francorum  Senonansis  a.  688  — 1015  (1034)  ed.  Waitz,  Mon.  SS. 
IX,  364  — 369. 

*)  Dudonis  libri  III  de  moribus  et  actis  primorum  Normanniae  ducum,  Du- 
chesne  SS.  Normannici  Paris,  f.  1619.  Vgl.  Lappenberg,  Gesch.  von  England  II, 
372 — 374.  Unbedeutend,  weil  ganz  aus  den  Berlin,  und  Vedast.  Annalen  genom- 
men, ist  das  Chronicon  de  Gestis  Normannorum  in  Francia  820 — 897.  Mon.  SS. 
1,532  — 536. 


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Dudo  von  S.  Quentin.  Cluny.  Italien. 


209 


seines  Schillers  Johannes1).  Das  Leben  deB  Abtes  M a j o 1 u s 
(c.  964 — 994)  beschrieb  bald  nach  seinem  Tode  in  blllthenreicher, 
salbungsvoller  Rede  der  Mönch  Syrus2),  dessen  Schrift  dann  Alde- 
bald  u.  A.  noch  weiter  ausschmtlckten.  Sein  Nachfolger  Odilo 
(994 — 1049)  fand  mehrere  Biographen  in  ähnlichem  Stile*);  er  selbst 
verfafste  aufser  einer  kurzen  Lobschrift  auf  seinen  Vorgänger  Ma- 
jolus  auch  ein  sogenanntes  Epitaphium  der  Kaiserin  Adalheid4). 
Er  hat  derselben  sehr  nahe  gestanden,  besonders  in  der  letzten  Zeit 
ihres  Lebens,  in  welcher  sie  sich  fast  ganz  frommen  Uebungen  und 
Klosterstiftungen  hingab.  Hierüber  enthält  seine  Schrift  viele  Lob- 
preisungen, Uber  ihr  Leben  in  der  Welt  ist  sie  sehr  kurz  und  be- 
gnügt sich  mit  den  allgemeinsten  Umrissen;  nur  bei  den  Leiden 
und  Gefahren  ihrer  Gefangenschaft  und  Flucht  verweilt  Odilo  etwas 
länger.  Der  geschichtliche  Gewinn  aus  dieser  Arbeit  ist  daher  nicht 
bedeutend,  und  nur  einige  wenige  brauchbare  Nachrichten  lassen 
sich  daraus  entnehmen. 

§ 12.  Italien.  Liudprand. 

Liudprandi  Oper»  e<L  Pertz,  Mon.  SS.  III,  264 — 363,  und  besonderer  Abdruck  in  oct»v. 
Koepke,  de  vita  et  scriptis  Liudpr&ndi,  Berol.  1842.  8.  Uebersetzt  (die  Antapodosis 
im  Auszug)  vom  Freih.  v.  d.  Osten  - Sacken , mit  Einleitung  von  Wattenbach,  Berlin 
1853.  Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  II,  99.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit 
I,  740—743. 

Auch  Italien  beginnt  in  dieser  Periode  sich  wieder  zu  schrift- 
stellerischer Productivität  zu  erheben,  und  nach  langer  Unterbrechung 
erscheint  hier  wieder  ein  Geschichtschreiber,  welcher  den  bedeutend- 
sten seiner  Zeitgenossen  zur  Seite  tritt.  Es  ist  Liudprand,  der  so 
den  italienischen  Namen  wieder  zu  Ehren  brachte.  Wie  Paulus, 
Wamefrids  Sohn,  stammte  auch  er  aus  vornehmem  langobardischen 
Geschlechte;  auf  die  Römer  sieht  er  als  ganz  entartet  mit  tiefer 
Verachtung  herab.  Aber  ein  Italiener  ist  er  ganz  und  gar,  und 
vollständig  zeigt  sich  in  ihta  jener  Charakter  der  dort  herrschenden 
grammatischen  Ausbildung,  deren  wir  im  vorigen  Abschnitt  gedach- 
ten. Auch  erhielt  er  wie  Paulus  seinen  Unterricht  nicht  in  einer 
Klosterschule,  Bondern  am  Hofe  zu  Pavia,  wo  er  früh  die  Aufmerk- 
samkeit des  Königs  Hugo  auf  sich  zog  und  durch  seine  schöne 
Stimme  die  Gunst  desselben  gewann. 

»)  Mab.  V,  150.  Bähr  S.  538. 

a)  Mab.  V,  786.  Auszüge  Mou.  SS.  IV,  649  — 655. 

*)  Jotsaldi  de  vita  et  virtutibus  Odilonis  abb.  libri  III.  Mab.  VI,  1,597 — 623 
ed.  Ven. 

4)  Odilonis  Epitaphium  Adalheidis  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  633 — 645.  Ueber- 
setzung  von  Hüffer,  Berlin  1856.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  d.  Kaiserz.  1,  750. 11, 526. 

14 


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210 


III.  Ottonen.  § 12.  Italien.  Liudprand. 


Obwohl  es  in  seinen  Schriften  nicht  an  Bibelstellen  fehlt  und 
er  den  Griechen  mit  orthodoxem  Eifer  entgegen  tritt,  so  hat  doch 
seine  Gelehrsamkeit,  die  er  nur  gar  zu  gern  zur  Schau  trägt,  einen 
überwiegend  weltlichen  Charakter,  und  Virgil,  Terenz,  Ovid,  Juvcnal, 
Cicero  sind  die  Schriftsteller,  deren  Aussprüche  ihm  immer  gegen- 
wärtig sind,  die  er  mit  Vorliebe  anfuhrt.  Nach  dem  Muster  des 
Boethius  schmückt  er  seine  Schriften  gern  mit  Versen  in  vielförmi- 
gen Metren,  und  er  zeigt  darin  eine  solche  Gewandheit,  dafs  man 
an  jene  früher  erwähnte  Aeufserung  des  Panegyristen  Berengars  er- 
innert wird,  dafs  auf  Verse  jetzt  niemand  Werth  lege,  weil  jeder- 
mann dergleichen  zu  machen  verstehe. 

Schon  Liudprands  Vater  und  Stiefvater  waren  als  Gesandte  in 
Konstantinopel  gewesen  und  hatten  dort  mancherlei  Verbindungen 
angeknüpft,  welche  dann  Liudprand,  als  eine  Sendung  des  Königs 
Berengar,  dessen  Kanzler  er  geworden  war,  ihn  949  nach  Byzanz 
führte  l),  erneute  und  benutzte,  um  sich  nicht  nur  mit  der  grie- 
chischen Sprache,  sondern  auch  mit  der  Geschichte  und  den  Ein- 
richtungen des  Reiches  bekannt  zu  machen.  Später  hat  er  sich  mit 
Berengar  und  mehr  noch  mit  der  Königin  Willa  erzürnt;  er  suchte 
und  fand  eine  Zuflucht  am  Hofe  des  Königs  Otto,  und  hier  traf  er 
zusammen  mit  dem  spanischen  Bischof  Recemund  von  Elvira,  der 
ihn  im  J.  956  aufforderte,  ein  Werk  Uber  die  Geschichte  seiner  Zeit 
zu  verfassen.  Zwei  Jahre  später  958  machte  sich  Liudprand  wirk- 
lich an  die  Arbeit  in  Frankfurt,  und  ungeachtet  eines  vielbewegten 
Lebens  und  mancher  Unterbrechungen  arbeitete  er  daran  fort  bis 
zum  Jahre  962,  wo  Otto  ihn  zum  Bischof  von  Cremona  erhob  und 
zu  einer  bedeutenden  Wirksamkeit  berief.  Da  legte  er  dieses  Werk 
bei  Seite,  welches  ohnehin  durch  den  grofsen  Umschwung  der  Dinge 
in  Italien  seinen  Zweck  grofsentheils  verloren  hatte.  Denn  dieser 
hatte  vorzüglich  darin  bestanden,  allen  denen,  welche  ihm  Gutes 
oder  Böses  erwiesen  hatten,  nach  Verdienst  zu  vergelten,  besonders 
aber  seinem  Hasse  gegen  Berengar  und  Willa  Luft  zu  machen; 
darum  nannte  er  es  das  Buch  der  Vergeltung,  Antapodosis.  Er 
hat  darin  auch  weidlich  auf  seine  Feinde  gescholten;  was  aber 
eigentlich  Berengar  und  Willa  ihm  angethan  hatten,  erfahren  wir 
nicht,  da  er  in  den  sechs  Büchern  seines  Werkes  nicht  weiter  ge- 
langt ist,  als  bis  zu  jener  Gesandschaftsreise  an  den  griechischen 
Hof  im  Jahre  949. 

*)  Aus  seinen  damaligen  Mittheilungen  sind  nach  Diimmlers  Vermuthung  die 
Nachrichten  des  Constantinus  Prophyrogenitus  de  adinin.  imp.  c.  26  über  K.  Hugo 
geschöpft.  Sitzungsberichte  der  Wiener  Akad.  XX,  358. 


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Liudprands  Antapodosis  und  Historia  Ottonis.  211 

Als  seine  Absicht  bezeichnet  Liudprand,  alles  zn  berichten  was 
sich  seit  Kaiser  Karls  des  Dicken  Zeit  begeben,  die  Thaten  der 
Kaiser  und  Könige  von  ganz  Europa,  wie  er  selbst  sagt.  Er  erzählt 
von  allem,  was  ihm  bekannt  geworden,  von  Deutschland,  mit  beson- 
derer Vorliebe  vom  griechischen  Reiche,  am  meisten  und  eingehend- 
sten aber  doch  natürlicher  Weise  von  Italien.  Eigentliche  Ordnung 
ist  nicht  darin  zu  finden,  und  auch  die  chronologische  Folge  sehr 
ungenau.  Ueberhaupt  darf  man  sich  nirgends  auf  ihn  verlassen; 
wie  Widukind  schreibt  er  nur  nach  mündlicher  Kunde  und  verfällt 
besonders  über  ferner  liegende  Vorfälle  in  grofse  Irrthümer.  Aber 
Widukind  ist  frei  von  der  Leidenschaft,  welche  den  rachsüchtigen 
Italiener  nur  zu  oft  hinreifst.  In  seinem  Ingrimm  hält  er  sich  bei 
den  einzelnen,  oft  unbedeutenden  Vorfällen  Ubermüfsig  auf;  er  ge- 
fällt sich  in  der  Mittheilung  von  Anekdoten,  besonders  wenn  sie 
boshaft  und  anstöfsig  sind,  in  der  rhetorischen  Ausmalung  der  Be- 
gebenheiten, in  gezierten,  den  Umständen  wenig  angemessenen  Reden. 
Im  Einzelnen  ist  sein  Urtheil  oft  richtig  und  treffend,  seine  Ansicht 
von  den  geschichtlichen  Verhältnissen  wohlbegründet,  wie  er  denn 
auch  in  Otto  dem  Grofsen  sogleich  den  Mann  erkannte,  von  dem 
allein  Italien  Abhülfe  seiner  Leiden  und  Gebrechen,  die  Herstellung 
der  Zucht  und  Ordnung  erwarten  konnte,  und  diesem  ohne  Wanken 
treu  blieb.  Seine  Erwiderungen  auf  die  leeren  Anmafsungen  der 
Griechen  sind  ungemein  treffend.  Aber  von  einer  höheren  Begabung 
zum  Geschichtschreiber  giebt  doch  sein  Werk,  als  Ganzes  betrachtet, 
kein  günstiges  Zeugnils.  Dafür  gewährt  uns  andererseits  gerade 
seine  behagliche,  memoirenartige  Art  zu  erzählen  einen  Einblick  in 
die  Sitten,  Zustände  und  Denkweise  der  Zeit,  der  vom  höchsten 
Werthe  ist. 

Als  Otto  der  Grofse  sich  dauernd  und  ernstlich  mit  den  italie- 
nischen Verhältnissen  zu  befassen  begann,  fand  er  die  Hülfe  des 
gelehrten  und  in  den  politischen  Verhältnissen  des  Landes  erfahre- 
nen Mannes  sehr  schätzbar;  er  verlieh  ihm  das  Bisthum  Cremona 
und  übertrug  ihm  963  eine  Gesandschaft  an  den  Papst  Johann  XH; 
bald  darauf  war  er  zugegen  in  der  Kirchenversammlung,  durch 
welche  dieser  Papst  entsetzt  wurde,  und  Uber  diese  Vorgänge  hat  er 
eine  eigene  Schrift  verfafst.  Hier  versuchte  er  eine  würdigere 
Sprache  anzunehmen,  er  bringt  weder  griechische  Floskeln  noch 
Verse  an  und  mäfsigt  seine  Leidenschaftlichkeit;  doch  blickt  sein 
eigenthümlicher  Stil  überall  durch,  und  der  Anspielungen  auf  römische 
Dichter  hat  er  sich  auch  hier  nicht  enthalten.  Da  er  in  höherem 
Aufträge  oder  doch  für  das  Auge  des  Kaisers  schrieb,  so  ist  seine 

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212  III.  OUonen.  § 12.  Liudprand.  § 13.  Italien.  Chroniken. 

Darstellung  keineswegs  unbefangen;  er  verschweigt  manches,  und 
man  darf  nicht  vergessen,  dafs  diese  scheinbar  so  rein  objective 
und  actenmäfsige  Erzählung  doch  nur  eine  Parteischrift  ist,  dafs  er 
es  namentlich  vorzieht,  manche  Vorfälle  und  Umstände  nicht  zu  er- 
wähnen. Aber  im  Wesentlichen  hat  sich  dennoch,  was  er  mittheilt, 
als  richtig  bewährt. 

Im  Sommer  968  ging  Liudprand  abermals  nach  Konstantinopel 
als  Brautwerber  für  Otto  II,  und  über  diese  Sendung  stattete  er  dem 
Kaiser  einen  Bericht  ab,  der  ebenfalls  erhalten  ist,  aber  wie  jene 
beiden  anderen  Werke  unvollendet.  Jene  besitzen  wir  in  seiner 
eigenen  Handschrift  und  wissen  daher,  dafs  er  sie  selbst  in  diesem 
unfertigen  Zustande  hinterlassen  hat;  der  Gesandsehaftsbericht  aber  ist 
nur  aus  der  Ausgabe  des  Canisius  bekannt  und  daher  auch  der  Text 
unzuverlässig.  In  diesem  Berichte  nun  hat  sich  Liudprand  wieder 
ganz  der  üblen  Laune  überlassen,  welche  durch  die  schlechte  Be- 
handlung, die  ihm  in  Konstantinopel  widerfuhr,  in  ihm  erregt  war, 
und  er  strömt  über  von  Spott  und  Hohn.  Der  Uebermuth  der 
Griechen  hatte  ihn  aufs  Tiefste  gekränkt,  und  er  bietet  alle  seine 
Beredsamkeit  auf,  um  die  Kaiser  zur  Züchtigung  derselben  zu  be- 
wegen und  diese  Aufgabe  als  leicht  und  mühelos  darzustellen. 
Uebertrieben  ist  daher  seine  Schilderung,  aber  im  Uebrigen  wahr, 
und  sie  gewährt  uns  ein  so  eigentümliches  und  lebendiges  Bild  des 
griechischen  Reiches,  dafs  Giesebrecht  sie  mit  Recht  fast  vollständig 
in  seine  Geschichte  der  Kaiserzeit  (S.  495 — 518)  aufgenommen  hat, 
als  Seitenstück  zu  der  Gesandschaft  des  Abtes  Johannes  von  Gorze 
an  den  Kalifen  von  Kordova. 

Liudprands  Bericht  endet  mit  seiner  Abreise  von  Korfu  am  sie- 
benten Januar  969;  Uber  seine  weiteren  Schicksale  ist  wenig  be- 
kannt, und  nur  eine  Nachricht  von  sehr  zweifelhaftem  Werthe  läfst 
ihn  an  der  glänzenden  Gesandschaft  Theil  nehmen,  welche  endlich 
971  die  kaiserliche  Braut  wirklich  in  Empfang  nahm,  und  auf  dieser 
Reise  sterben. 

In  Deutschland  sind  Liudprands  Schriften  frühzeitig  bekannt 
geworden  und  von  den  gelehrteren,  vielbelesenen  Schriftstellern  be- 
nutzt, während  sie  der  gröfseren  Menge  unbekannt  blieben.  Ekke- 
hard und  Sigebert,  Magnus  von  Reichersberg,  Alberich  und  Hein- 
rich von  Herford,  endlich  Trithemius  haben  aus  ihm  geschöpft. 

§ 13.  Italien.  Chroniken. 

Bei  manchen  Schwächen  bewies  doch  Liudprand  einen  tüchtigen 
und  auf  das  wahre  Beste  des  Landes  gerichteten  Sinn,  indem  er 


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Lludprand.  Benedikt  von  S.  Andrea. 


213 


sich  mit  aller  Entschiedenheit  dem  Manne  anschlofs,  von  welchem 
allein  die  Herstellung  eines  geordneten  Zustandes  in  Italien  sowohl 
wie  in  der  römischen  Kirche  zu  hoffen  war.  In  höchst  merkwürdi- 
ger Weise  spricht  sich  das  Verlangen  nach  der  alten  kaiserlichen 
Gewalt  wie  Karl  der  Grofse  und  seine  nächsten  Nachfolger  sie  geübt 
hatten,  auch  in  einer  kleinen  Schrift  aus,  welche  in  Rom  oder  in 
einem  der  kaiserlichen  Klöster  um  die  Mitte  des  zehnten  Jahrhunderts 
verfafst  zu  sein  scheint,  ehe  noch  Otto  eine  neue  Ordnung  der 
Dinge  begründet  hatte  ').  Klar  und  einfach  wird  darin  von  der  frü- 
heren guten  Einrichtung  Nachricht  gegeben,  wo  noch  der  Kaiser 
oder  sein  Stellvertreter  in  Rom  die  tibermüthigen  Grofsen  im  Zaum 
hielt  und  jedem  zu  seinem  Rechte  verhalf.  Ueber  die  älteren  Zeiten 
ist  der  Verfasser  schlecht  unterrichtet,  aber  die  Verhältnisse  unter 
den  Karolingern  sind  ihm  wohl  bekannt,  und  er  schildert  sie  mit 
eindringlicher  Einfachheit  bis  zu  dem  unglücklichen  Moment,  wo 
durch  Karls  des  Kahlen  Usurpation  die  kaiserliche  Autorität  in  Rom 
dahin  gegeben  wurde.  Ueber  die  Ottonischen  Einrichtungen  belehrt 
uns  eine  Schrift,  welche  unter  Otto  HI  entstanden  ist  und  mit  einer 
Beschreibung  von  Rom  Nachrichten  Uber  die  damalige  Verfassung 
verbindet3). 

Während  es  also  in  Italien  durchaus  nicht  an  Männern  fehlte, 
welche  leidlich  zu  schreiben  verstanden,  verfafste  um  das  J.  968  ein 
Mönch  des  Klosters  S.  Andrea  am  Berg  Sorakte,  Benedikt,  eine 
Chronik,  welche  an  Rohheit  der  Gedanken  wie  der  Sprache  unüber- 
troffen ist3).  Wäre  die  Ausführung  nicht  gar  zu  ungeschickt,  so 
könnte  man  in  dem  Versuche , eine  Weltgeschichte  seit  Christi  Ge- 
burt zusammenzustellen,  einen  Fortschritt  erkennen,  aber  es  ist  nur 
eine  Compilation  der  dürftigsten  Art.  Wie  wenig  geschichtlichen 
Sinn  der  Verfasser  besafs,  zeigt  sich  auch  darin,  dafs  er  zuerst  die 
Sage  von  Karls  Zug  nach  dem  Morgenlande  aufnahm ; mitten  zwischen 
Stellen  aus  Einhards  Werken  schiebt  er  sie  ein,  ohne  einen  Wider- 
spruch darin  zu  gewahren.  Ueber  seine  eigene  Zeit,  Uber  Alberich 

*)  De  imperatoria  poteslate  in  urbe  Roma,  Mon.  SS.  III,  719 — 722.  Vgl.  Wil- 
mans  in  Rankes  Jahrbüchern  II,  2, 235.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  d.  Kaisers:.  I,  324. 

a)  Graphia  anreae  urbis  Romae  bei  Ozanam,  Documents  ine'dits  p.  155 — 183; 
vgl.  W.  Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  1, 814.  Ueber  die  Fortsetzung  der  Papst- 
geschichte ib.  S.  743.  Merkwürdig  ist  der  Rythmus  de  obitu  Ottonis  III  imp.  et 
electione  Henrici  II  bei  Böller,  Deutsche  Päpste  I,  331,  von  einem  Kleriker  aus 
dem  Kreise  des  Bischofs  Leo  von  Vercelli,  der  gegen  Arduin  am  meisten  der  kaiser- 
lichen Autorität  bedurfte.  Vgl.  Gies.  II,  26. 

3)  Chron.  Benedicti  de  S.  Andrea,  entdeckt  von  Pertz  und  zuerst  gedr.  Mon. 
SS.  III,  695— 719  mit  Weglassung  des  Anfanges;  vgl.  Archiv  V,  146.  X,  381.  W. 
Giesebrecht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  743.  Abels  Paulus  Diakonus  S.  203.  Watten- 
bach, der  Mönch  von  S.  Gallen  S.  75. 


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214  111.  Ottonen.  § 13.  Italien.  Chroniken.  § 14.  Biographien. 

und  die  Stadtgeschichte  von  Rom  gewährt  übrigens  Benedikt  bei  dem 
Mangel  an  anderen  Quellen  wichtige  Aufschlüsse,  welche  man  aus 
seiner  verworrenen  und  aller  Grammatik  hohnsprechenden  Schreib- 
art mit  Vorsicht  und  Mühe  zu  entnehmen  hat. 

Einen  eigenthümlichen  inneren  Gegensatz  zeigt  uns  die  um  die- 
selbe Zeit  geschriebene  Chronik  eines  Salernitaners  bis  zum  Jahre 
974 ').  Der  Verfasser  hat  nämlich  seinen  grammatischen  Cursus 
durchgemacht,  er  ist  sehr  stolz  auf  seine  gelehrte  Bildung  und  gicbt 
zuweilen  wunderlich  spitzfindige  sprachliche  Untersuchungen  zum 
Besten.  Auch  kann  er  ziemlich  fehlerfrei  schreiben,  wenn  er  sich 
Mühe  giebt;  dazwischen  aber  kommen  dann  wieder  Stellen,  wo  er 
alle  seine  Gelehrsamkeit  vergifst  und  mit  allen  Flexionsformen  ein 
leichtsinniges  Spiel  treibt.  Zum  Geschichtschreiben  war  er  wohl 
etwas  besser  befähigt  wie  Benedikt,  aber  auf  einen  hohen  Stand- 
punkt hat  auch  er  keinen  Anspruch.  Er  knüpft  an  Paulus  Geschichte 
der  Langobarden  an  und  erzählt  nun  weiter  von  den  langobardischen 
FUrstenthümern  in  Unteritalien,  was  ihm  gerade  einfällt,  ohne  viel 
Ordnung  und  ohne  alle  Kritik ; trauen  darf  man  ihm  nicht  viel,  aber 
seine  lebendig  vorgetragenen,  oft  ganz  novellenartigen  Erzählungen 
geben  doch  einen  erwünschten  Einblick  in  das  Leben  und  Treiben 
jener  Länder,  und  für  die  Geschichte  Unteritaliens  sind  wir  oft 
allein  auf  seine  Nachrichten  angewiesen. 

Ungleich  besser  als  diese  Schriften  ist  die  Chronik  Venedigs 
von  dem  Diakonus  Johannes,  dem  Kaplan  des  Dogen  Urseolus II, 
der  wiederholt  als  Gesandter  an  Otto  III  und  Heinrich  II  geschickt 
wurde2).  Seine  Sprache  ist  die  eines  Geschäftsmannes,  ungeschmückt, 
auch  nicht  frei  von  Verstöfsen  gegen  die  Regeln  der  Grammatik, 
aber  leicht  verständlich  und  dem  Gegenstände  angemessen;  seine 
venetianischen  Provinzialismen  sind  in  einer  solchen  Schrift  für 
seine  Landsleute  ganz  an  ihrem  Platze  und  unendlich  viel  ange- 
nehmer, als  die  ungeschickten  Phrasen  der  halbgelehrten  Mönche. 
Er  begann  seine  Geschichte  wohl  noch  im  zehnten  Jahrhundert  und 
führte  sie  fort  bis  1008;  sie  gewinnt  an  Reichthum  des  Inhalts  mit 
dem  Fortschritt  der  Erzählung  und  wird  besonders  wichtig  wo  er 

')  Chron.  Salernitanum  ed.  Prrtz,  Mon.  SS.  III,  467 — 571.  Bruchstücke  in 
Abels  Paulus  Diakonus  S.  192 — 202. 

a)  Johannis  diaconi  Chron.  Venetun)  et  Gradense  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  VII,  4—38. 
Vgl.  W.  Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  1,  750.  Früher  nannte  inan  diese 
Chronik  das  Chron.  Sagornini.  — Eben  so  alte  Elemente  enthält  das  in  seinen  ersten 
Büchern  höchst  barbarische  Chronicon  Altinate,  welches  bis  ins  13.  Jahrh.  fort- 
geführt  ist,  herausgegeben  vom  Abate  Antonio  Rossi  im  Archirio  Storico  Italiano 
Tomo  VIII,  und  nach  dem  besseren  Dresdener  Codex  im  Appendice  Tomo  V.  1847. 


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Chronicon  Salernitanum,  Venetum.  Leben  Wenzels. 


215 


von  den  Berührungen  mit  den  Kaisern  berichtet,  bei  denen  er  selbst 
betheiligt  war.  Ueberhaupt  erkennt  man  hier  gleich,  dafs  der  Ver- 
fasser das  Leben  nicht  nur  aus  der  Ferne  sah,  sondern  selbst  mitten 
darin  stand. 


§ 14.  Italien.  Biographien. 

Gegen  das  Ende  des  zehnten  Jahrhunderts  verschwindet  in  Ita- 
lien jene  Barbarei,  welche  hier  weit  greller  wie  in  den  anderen 
Theilen  des  karolingischen  Reiches  hervorgetreten  war.  Die  bessere 
Ordnung  der  politischen  und  kirchlichen  Verhältnisse  macht  sich  auch 
hier  fühlbar.  Auf  Veranlassung  des  Kaisers  Otto  II  schrieb  ein 
Bischof  Gumpold  von  Mantua,  von  dem  sonst  wenig  bekannt  ist, 
ein  Leben  des  böhmischen  Herzogs  und  Märtyrers  Wenzeslaus 
(t  935).  Er  stand  indessen  der  Zeit  wie  den  Ereignissen  zu  fern 
um  viel  davon  zu  wissen  und  suchte  die  Dürftigkeit  des  Inhalts 
durch  schwülstige  Phrasen  zu  verdecken.  Hochtrabende  sallustische 
Ausdrücke  paaren  sich  bei  ihm  in  widerlicher  Mischung  mit  der 
kirchlichen  Phraseologie.  Im  Prolog  werden  auf  solche  Weise  die 
Bestrebungen  der  Menschen  geschildert  und  dabei  die  freien  Künste 
mit  Umschreibungen  bezeichnet,  welche  Büdinger  ohne  Grund  auf 
Gerberts  Disputation  mit  Otrich  bezogen  hat  *).  Es  ist  deshalb  auch 
nicht  nöthig,  die  Entstehung  der  Schrift  nach  Errichtung  des  Prager 
Bisthums  anzunehmen,  von  welcher  Gumpold  noch  nichts  weifs  und 
von  der  man  doch  kaum  annehmen  kann,  dafs  er  sie,  wenn  er 
später  schrieb,  nicht  sollte  erfahren  oder  berücksichtigt  haben2). 

Ein  zweites  Leben  desselben  Märtyrers  schrieb  später  im  elften 
Jahrhundert,  doch  unabhängig  von  Gumpold,  Laurentius,  ein 
Mönch  von  Monte  Casino;  dieser  beruft  sich  auf  die  Erzählungen 
eines  Landsmannes  des  Märtyrers  und  mag  durch  diesen  Kunde  er- 
halten haben  von  einer  schon  früher  in  Böhmen  und  vielleicht  in 
slavischer  Sprache  verfafsten  Legende,  auf  die  wir  später  noch  ein- 
mal zurückkommen  werden3). 

Eine  bedeutende  Einwirkung  übte  auf  Italien  die  damals  auch 

*)  Diese,  wie  mir  scheint,  allein  richtige  Deutung  jener  Stelle  verdanke  ich 
freundlicher  Miltheilung  von  Jaffe. 

2)  Gumpoldi  Vita  Vencezlavi  ducis,  von  Pertz  entdeckt  und  herausgegeben 
Mon.  SS.  IV,  211 — 223.  Vgl.  Büdinger,  Zur  Kritik  altböhmischer  Geschichte,  Wien 
1857.  Besonders  abgedruckt  aus  der  Zeitschr.  f.  österr.  Gymnasien  1857.  Heft  VII. 
Hierin  ist  Gumpolds  Existenz  urkundlich  nachgewiesen. 

3)  Auszugsweise  initgetheilt  von  Pertz,  Archiv  V,  137  — 143;  vollständig  von 
Dudik,  Iter  Romanum  1,304—318.  Ebenda  S.  319 — 326  auch  die  Legende  Crescente 
fi de.  Ueber  die  wenig  glaubwürdigen  Legenden  von  Wenzels  Mutter  Ludmila  s. 
Büdinger  S.  25. 


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216 


III.  Ottonen.  § 14.  Italien.  Biographien. 


hier  eindringende  streng  mönchische  Askese,  welche  theils  von  Cluny 
aus  Uber  die  Alpen  sich  verbreitete,  theils  unabhängig  davon  und 
in  anderer  Gestalt  in  Italien  selbst  aufkam.  Zu  den  Hauptträgern 
dieser  Kichtung  gehört  der  griechische  Kalabrese  Ni lus,  der  durch 
seine  aufs  Aeufserste  getriebene  Verachtung  alles  Irdischen  einen  so 
grofsen  Eindruck  auf  Otto  III  machte.  Sein  Leben  ist  von  einem 
Landsmanne  in  griechischer  Sprache  geschrieben  und  enthält  einige 
werthvolle  Nachrichten l). 

Von  demselben  Geiste  erfüllt,  aber  ungleich  wichtiger  für  die 
deutsche  Geschichte  ist  das  Leben  des  h.  Adalbert,  des  Bischofs 
von  Prag  und  Apostels  der  Preufsen,  (f  997)  auf  den  Wunsch  seines 
schwärmerischen  Freundes,  des  Kaisers  Ottos  HI,  verfafst  von  Jo- 
hannes Canaparius,  dem  Abte  des  Alexiusklosters  in  Rom,  in 
welchem  Adalbert  sich  eine  Zeit  lang  aufgehalten  hatte.  Der  Ver- 
fasser hat  Adalbert  selbst  nahe  gestanden  und  schreibt  daher  aus 
voller  Kenntnifs  des  Gegenstandes  und  mit  grofser  Wärme,  in  reiner, 
wenn  auch  von  biblischen  Phrasen  erfüllter  Sprache’).  Die  wenig 
Bpätere  Ueberarbeitung  dieses  Lebens  von  Bruno  von  Querfurt  er- 
wähnten wir  schon  oben.  Brun  gehörte  zu  dem  Kreise  jener  Asce- 
ten,  welche  in  dem  Kloster  Classe  bei  Ravenna  lebten,  aus  deren 
Mitte  der  Camaldulenser  Orden  seinen  Ursprung  nahm.  Das  Leben 
des  Abtes  Romuald  hat  um  die  Mitte  des  elften  Jahrhunderts  der 
Hauptvertreter  dieser  Richtung,  Petrus  Damiani,  geschrieben;  aus 
den  salbungsvollen  Sentenzen  lassen  sich  einige  geschichtliche  Nach- 
richten auslesen,  welche  in  den  Mon.  Germ.  SS.  IV,  846 — 854  mit- 
getheilt  sind. 

»)  Acta  SS.  Sept.  VII,  336.  Auszüge  Mon.  SS.  IV,  615-618. 

’)  Johannis  Canaparii  Vita  S.  Adalberti  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  581 — 595. 
Vgl.  den  böhmischen  Landtagsschlufs  von  992  in  Wattenbachs  Beiträgen  S.  51  und 
bei  Erben,  Regesta  Bohemiae  p.  33. 


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IY.  DIE  ZEIT  DEK  SALIEE. 

Von  der  Wahl  Konrads  II  bis  auf  Heinrichs  V Tod. 


§ 1.  Allgemeines. 

Die  besten  Regenten  des  früheren  Mittelalters,  Karl  der  Grofse  wie 
seine  Vorfahren,  Heinrich  I,  Otto  I,  Konrad  II,  haben  keine  gelehrte 
Bildung  gehabt;  noch  waren  die  beiden  Kreise  des  Lebens  so  ge- 
schieden, dafs  eine  Vereinigung  kaum  möglich  war,  und  eine  Erzie- 
hung durch  Kleriker  brachte  fast  unvermeidlich  ein  solches  Ueber- 
gewicht  des  geistlichen  Einflusses  und  der  kirchlichen  Ideen  mit 
sich,  dafs  das  Reich  davon  Schaden  litt.  Doch  hat  Heinrich  H ein 
kräftiges  Regiment  geführt,  so  sehr  er  auch  der  Kirche  ergeben 
war;  er  brachte  das  fast  ganz  zerrüttete  Reich  durch  unablässige 
Anstrengung  wieder  in  Ordnung,  und  auf  dieser  Grundlage  baute 
Konrad  rüstig  fort:  es  ist  kein  kleiner  Ruhm  für  ihn,  dafs  seine  ge- 
rechte und  feste  Herrschaft  die  Zeitgenossen  an  Karl  den  Grofsen 
erinnerte. 

Um  Gelehrsamkeit  und  Wissenschaft  aber  kümmerte  Konrad 
sich  nicht  viel;  dagegen  war  seine  burgundische  Gemahlin,  die  kluge 
Gisela,  der  Geistlichkeit  und  ihren  Künsten  zugethan  *),  und  sie  liefs 
auch  ihren  Sohn  Heinrich  in  solcher  Weise  erziehen.  Als  sein  Lehrer 
wird  ein  italienischer  Mönch  genannt,  Almerich  der  Bär,  aus  dem 
Kloster  S.  Peter  ad  Coelum  aureum  in  Pavia,  den  Heinrich  1039 
zum  Abt  von  Farfa  ernannte2).  Ohne  Zweifel  hat  aber  auch  Kon- 
rads Kaplan  Wipo,  auf  den  wir  bald  zurückkommen  werden,  grofsen 
Antheil  an  seiner  Erziehung  gehabt. 

Die  Kaiserin  Agnes  von  Poitiers  war  ebenfalls  im  Besitz  der 
gelehrten  Bildung  der  Zeit  und  begünstigte  gern  litterarische  Studien 
bis  sie  als  Wittwe  mehr  und  mehr  in  ascetische  Frömmelei  verfiel s). 

l)  Sie  liefs  sich  die  Werke  Notkers  des  Deutschen  von  S.  Gallen  abschreiben. 
Mon.  SS.  II,  58, 11.  — 2)  Gregor.  Catin.  Mon.  SS.  XI,  559. 

*)  Der  Anonymus  llaserensis  nannte  den  ersten  Tbeil  seines  Werkes  Libellus 
Agnetis  imperatricis , Mon.  SS.  VII,  264.  Ihre  Kapläne  Gundechar  1057  Bischof 
von  Eichstedt,  Altmann  1065  Bischof  von  Fassau.  Johannes  Pauper  widmete  ihr 


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218 


IV.  Salier.  § 1.  Allgemeines. 


Auch  Heinrich  IV  war  durchaus  nicht  ungebildet  und  wufste 
die  Vortheile  einer  gelehrten  Umgebung  sehr  wohl  zu  schätzen1): 
hatte  er  doch  seine  Kämpfe  nicht  allein  mit  weltlichen  Waffen  zu 
führen.  Noch  deutlicher  sehen  wir  das  bei  seinem  Sohne  Heinrich  V 
hervortreten,  der  sogar  einen  eigenen  Historiographen  auf  seinem 
Römerzuge  mit  sich  führte  und  Ekkehard  zur  Verfassung  einer  Ge- 
schichte des  fränkischen  Reiches  aufforderte. 

Die  Herstellung  äufserer  Ordnung  und  Sicherheit  durch  Hein- 
rich II  und  Konrad,  sowie  die  Begünstigung  der  Geistlichkeit  unter 
Heinrich  IH  und  seine  erfolgreichen  Bemühungen  für  die  Herstellung 
einer  strengeren  Kirchenzucht  kamen  in  gleichem  Mafse  der  Litte- 
ratur  zu  Gute.  Man  rühmte  bald  sein  Zeitalter  als  das  goldene: 
viele  Männer,  heifst  es  in  den  Augsburger  Annalen,  gelangten  durch 
seine  Unterstützung  zu  hohem  Ansehen  in  Wissenschaft  und  Kunst; 
die  Studien  waren  überall  im  blühendsten  Zustande *).  Vornehme 
Knaben  wurden  auch  jetzt  noch  am  Hofe  erzogen,  die  kaiserliche 
Kapelle  vereinigte  zu  allen  Zeiten  eine  Anzahl  ausgezeichneter  Männer 
von  gründlicher  Bildung,  doch  tritt  die  Hofschule  nirgends  bedeutend 
hervor,  und  es  war  auch  nicht  nöthig,  denn  jene  Schulen,  deren 
Anfänge  wir  im  vorigen  Abschnitt  betrachteten,  hatten  sich  überall 
zu  selbständigem  Gedeihen  entwickelt  und  trugen  nun  ihre  volle 
Frucht. 

Noch  war  die  ganze  Bildung  geistlich;  als  etwas  aufserordent- 
liches  wird  es  dem  Pfalzgrafen  Friderieh  von  Sachsen  (t  1088)  nach- 
gerülimt,  dafs  er,  wie  man  sich  erzähle,  Briefe  die  für  ihn  an- 
langten, selbst  habe  lesen  und  verstehen  können;  so  weit  habe  er 
es  in  der  Schule  zu  Fulda  gebracht*).  Das  war  eine  grofse  Aus- 
nahme. Die  Heiligenleben  zeigen  es  zur  Genüge,  dafs  in  der  Regel 
der  Entschlufs,  den  Sohn  lesen  und,  was  identisch  war,  Latein  lernen 

sein  Buch  de  contemplatione  aniinae.  Mab.  Anal.  I,  133;  ed.  II.  p.  120.  Zu  Hein- 
rich III  stand  Williram  in  Beziehung  und  übersandte  ihm  seine  Auslegung  des 
Hohen  Liedes. 

*)  ( Heinricus  V ) more  patris  sui  clericos  et  maxime  litteratos  adbaerere  sibi 
voluit,  hosque  honorifice  tractans  nunc  psalmis  nunc  lectionc  vel  coliatione  sive 
scripturarum  ac  liberalium  artium  inquisitione  secum  familiarius  occupavit.  Ekkeh. 
a.  1106.  Mon.  SS.  VI,  239. 

2)  Huius  astipulatione  et  industria  plurimi  eo  tempore  in  artibus,  in  acdificiis 
in  auctoribus,  in  omni  genere  doctrinac  pollebant.  Studium  ubique  famosissimum. 
Ann.  August,  ad  a.  1041.  Auffallend  ist  die  gleichzeitige  Klage  Willirams,  die  aber 
besonders  auf  die  Entfremdung  der  Grammatiker  von  theologischen  Studien  und 
die  Unwissenheit  der  frommen  Leute  geht.  Er  hofft  Besserung  von  dem  Einflufs 
Frankreichs. 

*)  Chron.  Gozec.  1, 19.  Mon.  SS.  X,  148.  Ganz  dasselbe  rühmt  Ordericus  Vi- 
talis von  König  Heinrich  1 Beauclerc  von  England. 


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Ilohe  Blülhc  der  Wissenschaften. 


219 


zu  lassen,  Um  zugleich  zum  geistlichen  Stande  bestimmte.  Die 
Mütter  thaten  es  oft  heimlich,  und  die  Väter  wurden  dann  sehr 
zornig,  wenn  sie  es  erfuhren.  In  dieser  Beziehung  ist  man  gegen 
die  frühere  Zeit  zurückgeschritten.  Sehr  merkwürdig  ist  in  Bezug 
darauf  die  Ermahnung,  welche  Wipo  an  Heinrich  III  richtete;  er 
stellt  ihm  vor,  wie  nachtheilige  Folgen  es  habe,  dafs  in  Deutschland 
niemand  etwas  lerne,  der  nicht  zum  Geistlichen  bestimmt  sei,  ja  dafs 
man  es  für  schimpflich  halte.  Er  räth  ihm  geradezu  durch  ein 
Gesetz  zu  verordnen,  dafs  auch  in  Deutschland  wie  in  Italien  jeder 
vornehme  Mann  seine  Söhne  zur  Schule  schicken  solle. 

Das  geschah  nun  freilich  nicht,  und  noch  bei  Sebastian  Münster 
finden  wir  dieselbe  Klage  wiederholt.  Dagegen  aber  zeichnete  sich 
die  Geistlichkeit  unter  Heinrich  HI  durch  einen  hohen  Grad  von 
Bildung  aus.  Die  Bischöfe  und  Aebte,  auf  denen  seit  Otto  dem 
Grofsen  das  Reich  zum  grofsen  Theil  beruhte,  besafsen  jetzt  grofse 
und  reiche  Gebiete,  welche  sie  mit  aller  Sorgfalt  pflegten,  und  wohl 
mehr  wie  jemals  galt  damals  der  Spruch,  dafs  unter  dem  Krumm- 
stabe gut  wohnen  sei.  War  bei  manchen  die  Baulust  übertrieben, 
hatten  Prunkliebe  und  Wohlleben  in  manchen  Stiftern  alles  ernstere 
Streben  erdrückt,  so  waren  doch  immer  auch  andere,  in  denen  die 
Wissenschaft  eifrige  Beförderung  fand.  Die  bedeutende  politische 
Stellung  der  Kirche  aber  weckte  gerade  den  geschichtlichen  Sinn 
und  führte  mit  Nothwendigkeit  auch  zur  Beschäftigung  mit  der  Ver- 
gangenheit und  zur  Aufzeichnung  der  Begebenheiten  der  Gegenwart. 

Von  den  Fesseln  der  Schule  macht  man  sich  jetzt  frei;  die 
lateinische  Sprache  ist  nicht  mehr  eine  fremde,  mühsam  erlernte,  in 
der  man  die  vorliegenden  Muster  ängstlich  nachahmt,  sondern  sie 
ist  die  gewöhnliche  Sprache  aller  geschäftlichen  Verhandlungen,  aller 
Wissenschaft  und  Kunst,  die  Sprache  des  feineren  geselligen  Ver- 
kehrs. Es  hat  sich  eine  eigene,  den  Bedürfnissen  und  Zuständen 
der  Zeit  angemessene  Ausdrucksweise  gebildet,  in  der  man  sich  mit 
Leichtigkeit  bewegt.  Einen  sehr  bedeutenden  Einflufs  auf  diese 
Sprache  übt  natürlich  der  kirchliche  Gebrauch ; nicht  nur  finden  wir 
überall  die  Ausdrücke  der  Bibel  und  der  Kirchenväter  angewandt, 
sondern  man  erkennt  auch  nicht  selten  den  Chorgesang  wieder  in 
dem  rythmischen  Klang  der  Prosa ; häufig  sind  sogar  die  Satztheile 
mit  unvollkommenen  Endreimen  versehen,  eine  Entartung  die  schon 
im  vorigen  Zeitraum  hin  und  wieder  sich  zeigt. 

Unbestritten  war  jetzt  der  römische  Kaiser  das  weltliche  Haupt 
der  Christenheit;  er  und  seine  Räthe  hatten  fortwährend  die  mannig- 
fachsten und  entferntesten  Verhältnisse  im  Auge  zu  behalten,  und  der 


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220 


IV.  Salier.  § 1.  Allgemeines. 


gesichertere  Zustand  der  Heimath  erlaubte  es  auch  dem  Gelehrten 
in  seiner  Zelle,  den  Blick  von  den  näehstliegenden  Vorfällen  zu  er- 
heben und  nach  dem  Zusammenhänge  der  Dinge  zu  forschen.  Man 
beschränkte  sich  nicht  mehr  wie  unter  den  Ottonen  auf  einen  engen 
Gesichtskreis ; damals  hatte  man  nach  und  nach  begonnen,  den  Er- 
eignissen der  Gegenwart  den  weltgeschichtlichen  Stoff  in  der  Form 
rohester  Compilation  voranzustellen,  jetzt  aber  suchte  man  sich 
dieses  Stoffes  wirklich  zu  bemeistern.  Otto  hatte  durch  die  Her- 
stellung des  Kaiserthumes  an  die  alten  Traditionen  wieder  ange- 
knlipft,  und  man  fühlte  sich  wieder  im  Zusammenhänge  der  Welt- 
geschichte. Die  zunehmende  wissenschaftliche  Ausbildung  aber  und 
der  gröfsere  Reichthum  an  Büchern  gaben  zugleich  die  Möglichkeit 
ein  klareres  Bild  der  Vorzeit  zu  gestalten,  und  so  entstanden  jetzt 
die  grofsen  Weltchroniken,  in  denen  man  zunächst  chronologisch 
eine  wirkliche  Uebersicht  der  Begebenheiten  zu  gewinnen  strebte 
und  dadurch  der  Folgezeit  die  Lehrbücher  gab,  auf  denen  fufsend 
nun  Männer  wie  Otto  von  Freising  den  Versuch  wagen  konnten,  auch 
philosophisch  des  ganzen  Stoffes  Herr  zu  werden. 

Zugleich  erweiterte  Bich  auch  in  räumlicher  Beziehung  der  Ge- 
sichtskreis der  Chronisten.  Selbst  die  Localgeschichte  wurde  überall 
berührt  von  dem  alles  durchdringenden  Einflüsse  des  römischen 
Papstes,  von  seinem  wechselnden  Verhältnifs  zum  Kaiser;  wer  aber 
die  Geschichte  in  gröfserem  Zusammenhänge  betrachtete,  der  konnte 
unmöglich  sich  ferner  auf  den  eigenen  Stamm  beschränken,  denn 
die  ganze  Christenheit  erschien  jetzt  als  ein  organisch  verbundenes 
Ganzes;  in  den  Kreuzzügen  kam  dieses  am  deutlichsten  zur  Erschei- 
nung, und  diese  Kreuzzüge  trugen  wieder  ungemein  viel  dazu  bei, 
den  Blick  zu  erweitern.  Kaiser  und  Papst  erschienen  als  die  beiden 
Häupter  der  Christenheit,  die  Landesgeschichte  trat  dagegen  zurück, 
und  diese  Auffassung  gab  der  Geschichtschreibung  ihren  Gesichts- 
punkt. 

Aber  als  der  Kreuzesruf  die  ganze  christliche  Welt  in  Bewegung 
brachte,  waren  jene  beiden  Häupter  bereits  in  Zwietracht  gerathen. 
Es  trat  der  lange  und  unheilvolle  Kampf  ein,  der  namentlich  auf 
Deutschland,  wo  auf  dem  einträchtigen  Wirken  des  Kaisers  und  der 
von  ihm  gesetzten  Bischöfe  die  ganze  Organisation  des  Reiches  ruhte, 
im  höchsten  Grade  erschütternd  und  zerstörend  wirkte.  Jetzt,  klagt 
Gozechin,  Scholaster  in  Mainz,  gilt  nur  noch  Geld  und  Gewalt,  die 
Wissenschaft  führt  zu  nichts  und  mufs  in  den  Schenken  betteln 
gehen.  Durch  die  Folgen  dieses  Kampfes  verlor  Deutschland  seinen 
Vorsprung  vor  Frankreich  und  Italien.  Nichts  war  jetzt  mehr  ge- 


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Folgen  des  Investiturstreites.  Einfluß  Frankreichs.  221 

schätzt  als  kanonistische  Gelehrsamkeit  tmd  dialektische  Gewandheit, 
und  für  diese  Seite  der  Ausbildung  hatte  Frankreich  immer  die  beste 
Schule  dargeboten.  Schon  unter  Heinrich  HI  lassen  sich  Klagen 
über  das  Eindringen  französischer  Moden  vernehmen1).  Schon  von 
Bischof  Heribert  von  Eichstedt  (1021  — 1042)  wird  gesagt,  dafs  er 
seinen  Scholaster  Gunderam  flir  nichts  geachtet  habe,  weil  er  in 
der  Heimath  erzogen  war  und  nicht  am  Rhein  oder  in  Frankreich 
seine  Studien  gemacht  hatte  a) , und  Heriberts  Vetter  Williram  be- 
zeugt, dafs  damals  zahlreiche  Schüler  aus  diesen  Gegenden  den  Lan- 
frank  im  Kloster  Bec  aufsuchten. 

Die  Lothringer  besuchten  von  jeher  französische  Schulen,  wie 
Olbert,  von  1012  bis  1048  Abt  von  Gembloux,  der  in  S.  Gennain, 
Troyes  und  Chartres  studirt  hatte,  und  zu  ihnen,  besonders  nach 
Lüttich  kam  zahlreich  die  lernbegierige  Jugend  aus  dem  ganzen 
Reiche. 

Gegen  das  Ende  des  elften  Jahrhunderts  hörte  Friderieh  von 
Ortenburg  (1100 — 1131  Erzbischof  von  Köln)  in  Frankreich  den 
Gerhard,  später  (1101)  Bischof  von  Angouleme,  welcher  damals  in 
Angouleme,  Bourges  und  auf  dem  Lande  Schule  hielt3).  Im  An- 
fänge des  folgenden  Jahrhunderts  ging  Eberhard,  später  (1147)  Erz- 
bischof von  Salzburg,  von  Bamberg  aus,  Otto  von  Freising,  Gebhard, 
1122  Bischof  von  Wirzburg4),  nach  Frankreich,  und  Vicelin,  der 
schon  Scholasticus  in  Bremen  war,  verliefs  sein  Amt  um  ebenfalls 
in  diesem  Lande  sich  weiter  auszubilden6).  Von  der  Kölner  Schule 
eilte  Godschalk,  später  Abt  von  Selau  in  Böhmen,  nach  Paris  und 
studirte  dort,  bis  er  1135  in  das  Kloster  Steinfeld  eintrat 6).  Auch 
Bruno,  der  Bruder  des  Grafen  Adolf  von  Berg,  befand  sich  der 
Studien  halber  in  Paris,  als  die  Kölner  Erzbischofswahl  ihn  1131 
zur  raschen  Heimkehr  veranlafste 7).  Adalbert  von  Saarbrücken  be- 
gab sich  von  der  Hildesheimer  Schule  nach  Reims  und  Paris,  und 
hörte  1137  noch  die  gelehrten  Aerzte  zu  Montpellier,  worauf  er  im 

*)  Sigifrldi  Gorziensis  epistola,  zuerst  angeführt  von  Ruehs,  Uistor.  Entwicke- 
lung des  Einflusses  Frankreichs  u.  der  Franzosen  auf  Deutschland  u.  die  Deutschen. 
1815;  jetzt  vollständig  bei  Gicsebrecht,  Gesch.  d.  Kaiserzeit  II,  617.  Im  12.  Jahrh. 
hielten  schon  die  vornehmen  Herren  französische  Hofmeister  für  ihre  Kinder.  Ger- 
vinus  I,  246. 

s)  Anon.  Haserensis,  Mon.  SS.  VII,  261.  Auch  die  Briefe  in  Sudendorfs  Re- 
gistr.  III , 1 — 3 zeigen  eine  lebhafte  Verbindung  mit  Frankreich  um  die  Mitte  des 
elften  Jahrhunderts;  die  zugesetzten  Namen  aber  sind  schwerlich  richtig. 

3)  Gesta  Pontif.  Engolism.  bei  Labbe  Nova  Bibi  II,  259,  angeführt  von  Stein, 
De  Friderico  archiep.  Col  Monast.  1855.  8. 

4)  in  Franciam  causa  studii  iveram,  Tengn.  Mon.  p.  374. 

6)  Helmold.  I,  45.  73.  — «)  Gerl,  ad  a.  1184. 

7)  Balderici  Gesta  Alberonis  cap.  11.  Mon.  SS.  VIII,  249. 


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222  IV.  Salier.  § 1.  Allgemeines.  § 2.  Konrad  II.  Wipo. 

folgenden  Jahre  Erzbischof  von  Mainz  wurde1).  Albero  von  Trier 
(1131 — 1152)  war  selbst  ein  Franzose  und  holte  sich  auch  von  dort 
seinen  Scholasticus  Balderich.  In  Böhmen  spricht  schon  Cosmas 
von  den  jungen  Philosophen,  die  voll  von  Franciens  Schätzen  heim- 
kehrten, und  Bischof  Daniel  von  Prag  (1148 — 1167)  hatte  in  Paris 
studirt,  Lucas  von  Gran  dort  den  Girardus  Puella  gehört“).  Immer 
entschiedener  wurde  Frankreich  das  Hauptland  der  Kirche,  der  Sitz 
aller  theologischen  Gelehrsamkeit,  wie  auch  von  dort  die  neuen 
Mönchsorden  ihren  Ursprung  nahmen,  und  Deutschland  konnte  seine 
frühere  Geltung  den  Nachbaren  gegenüber  nicht  mehr  behaupten. 

Die  Geschichte  Deutschlands  erklärt  es  zur  Genüge,  dafs  die 
aller  Orten  so  reich  und  kräftig  erblühenden  Studien  nur  in  wenigen 
glücklichen  Fällen  den  Sturm  überdauern  konnten;  gerade  die  geist- 
lichen Stifter,  die  Sitze  der  Bildung,  wurden  von  der  unheilvollen 
Spaltung  in  ihrem  innersten  Kerne  ergriffen  und  zerrissen,  und  in 
Deutschland  blieb  alles  stumm,  wenn  der  Klerus  schwieg. 

Diese  traurigen  Folgen  traten  aber  erst  später  ans  Licht;  als 
der  Kampf  zuerst  ausbrach,  brachte  er  vielmehr  neues  Leben  und 
neue  Bewegung  in  die  Litteratur.  Man  kämpfte  nicht  minder  mit 
der  Feder  wie  mit  dem  Schwerte,  und  es  erwuchs  in  kurzer  Zeit 
eine  reiche  Fülle  von  Streitschriften,  die  zum  Theil  mit  grofser  Kunst 
und  Gewandheit  verfafst  sind3).  Aus  der  Geschichte  wie  aus  dem 
eben  jetzt  mit  neuem  Eifer  ergriffenen  Studium  des  römischen  Rechts 
wurden  die  Waffen  entlehnt,  und  Stil  und  Sprache  wurden  auch  für 
diesen  Zweck  sorgfältig  geübt,  tlieils  in  den  Kanzleien  der  geist- 
lichen und  weltlichen  Herren,  theils  in  den  jetzt  in  Italien  und 
Frankreich  entstehenden  eigenen  Schulen  zur  Erlernung  des  Ge- 
schäftstils4). 

Versuchen  wir  es  nun,  das  umfangreiche  geschichtliche  Material 
dieser  Periode  zu  überblicken.  Die  geographische.  Eintheilung,  wel- 
cher wir  bisher  folgten,  läfst  sich  hier  nicht  mehr  allein  festhalten, 
weil  der  Verkehr  und  die  gegenseitige  Einwirkung  Bich  zu  sehr  ge- 
steigert haben:  wir  werden  uns  von  den  Hauptwerken  leiten  lassen 
und  diesen  die  übrigen  gruppenweise  anreihen. 

*)  Jaffe  de  Arte  medica  Saec.  XII,  p.  17. 

*)  Cosm.  III,  59.  Gerl,  ad  a.  1167.  Gualt.  Map.  Sitzungsberichte  d.  Wiener 
Akad.  X,  331. 

3)  s.  darüber  Stenzei,  fränk.  Kaiser  I,  496  ff.  Floto , Heinrich  der  Vierte  II, 
283 — 303.  Helfenstein,  Gregors  VII  Bestrebungen  nach  den  Streitschriften  seiner 
Zeit.  Frankf.  1856.  8. 

4)  S.  über  diese  Dictatorenschulen  Wattenbach  im  Archiv  für  Kunde  österr. 
G.  Q.  XIV,  29  — 94. 


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Konrads  II  Kaplan  Wipo. 


223 


§2.  KonradH.  Wipo. 

Wiponis  Opera  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  XI , 243  — 275.  Separater  Abdruck.  ITan.  1853.  8. 
Pertz,  lieber  Wipo’s  Leben  und  Schriften,  in  den  Abhandlungen  der  Berl.  Ak.  1851. 
Stenzei  II,  20.  41  — 49.  Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  II,  104.  W.  Giesebrecht, 
Kaiserzeit  II,  521.  576.  582.  589. 

Ueber  Wipos  Herkunft  und  Leben  ist  uns  nichts  bekannt,  als 
was  aus  seinen  Schriften  hervorgeht.  Er  war  Priester  und  Kaplan 
Konrads  II,  bei  dessen  Wahl  er  zugegen  gewesen  ist.  Seine  Kränk- 
lichkeit verhinderte  ihn  aber  häufig,  dem  kaiserlichen  Hoflager  zu 
folgen,  und  er  scheint  dann  in  seiner  Heimath  zurückgeblieben  zu 
sein,  nämlich  in  Burgund,  denn  die  specielle  Berücksichtigung  dieses 
Landes  in  seinen  Schriften  und  die  Berufung  auf  den  Bischof  von 
Lausanne  als  seinen  Gewährsmann  lassen  kaum  daran  zweifeln,  dafs 
er  dort  zu  Hause  war.  In  besonders  nahem  Verhältnifs  stand  er 
schon  bei  Kaiser  Konrads  Lebzeiten  zu  dessen  Sohne  und  Nach- 
folger Heinrich,  an  dessen  Hofe  er  dann  in  gleicher  Stellung  blieb, 
und  dem  er  1048  oder  1049  die  Lebensbeschreibung  seines  Vaters 
überreichte.  Es  ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln,  dafs  er  auch  an  der 
Erziehung  Heinrichs  Antheil  gehabt  hat. 

Wir  wissen  nicht,  wo  Wipo  seine  Bildung  erhalten  hat;  er  war 
offenbar  mit  der  classischen  Litteratur  vertraut  und  behandelte  die 
Sprache  der  damaligen  Zeit  mit  grofser  Leichtigkeit  und  Sicherheit1). 
Eine  besondere  Vorliebe  hatte  er  für  rythmische  gereimte  Dich- 
tung, und  auch  darin  zeigt  er  Geschmack  und  Gewandheit.  Manches 
davon  ist  verloren;  erhalten  sind  seine  1027  oder  1028  für  Hein- 
rich III  verfafsten  Denksprüche,  Proverbia,  in  ihrer  Art  vortrefflich 2), 
und  der  1041  Heinrich  zu  Ehren  verfafste  Tetralogus,  in  fliefsenden 
Hexametern,  die  nach  damaligem  Geschmacke  gereimt  sind.  In  an- 
muthiger  und  geschickter  Weise  ist  hier  das  Lob  des  Königs  mit 
guten  Ermahnungen  gemischt,  und  darunter  befindet  sich  auch  der 
oben  schon  erwähnte  gute  Rath,  er  möge  doch  seine  Grofsen  dazu 
anhalten,  ihre  Söhne  in  die  Schule  zu  schicken  und  sie  Recht  und 
Gesetz  kennen  zu  lehren3).  Bei  jeder  Gelegenheit  kommt  Wipo 

l)  Einen  merkwürdigen  Beleg  für  die  gelehrten  Studien  jener  Zeit  u.  Gegend 
giebt  auch  der  Dichter  Amarcius,  vermuthlich  ein  Zürcher,  s.  Haupt  in  den 
Sitzungsberichten  der  Berl.  Ak.  1854.  S.  160 — 164. 

*)  — z.  B.  Decet  regem  discere  legem. 

Legem  servare,  hoe  est  regnare. 

Notitia  litterarum  lux  est  animarum. 

Bene  credit  qui  neminem  laedit 
a)  Tune  fac  edictum  per  terram  Teutonicorum, 

Quilibet  ut  dives  sibi  natos  instruat  omnes 
LiUerulis,  legemque  suam  persuadeat  iliis, 


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224  IV.  Salier.  § 2.  Konrad  II.  Wipo. 

darauf  zurück,  dafs  Recht  und  Gesetz  die  wahre  Grundlage  des 
Thrones  sind,  wie  er  denn  auch  jene  Ermahnungen  dem  Gesetze 
selber  in  den  Mund  legt,  und  König  Heinrich  als  ehrendsten  Bei- 
namen die  Bezeichnung  Richtschnur  der  Gerechtigkeit  (Linea 
iustitiae)  beilegt.  Besonders  schön  und  von  wahrem  Gefühl  erfüllt 
ist  endlich  die  Todtenklage  um  Kaiser  Konrads  Tod1). 

Aufser  diesen  noch  jetzt  erhaltenen  Gedichten  hat  aber  Wipo 
auch  noch  Konrads  Winterfeldzug  nach  Burgund  im  Jahre  1033  und 
seine  Heldenthaten  im  Wendenlande  1035  besungen  und  eine  gröfsere 
Dichtung  unter  dem  Titel  Gallinarius  verfafst,  die  sich  ebenfalls  auf 
Konrad  H bezog8).  Diese  Schriften  sind  uns  leider  alle  verloren; 
wir  wissen  davon  nur,  was  Wipo  Belbst  anführt,  der  mit  einiger 
Selbstgefälligkeit  ihrer  gern  gedenkt,  indem  er  mit  leichtem  Schleier 
den  Verfasser  nur  als  einen  der  Unsrigen  bezeichnet.  Mancher  ein- 
zelne Vers,  der  mitten  in  Wipos  Prosa  vorkommt,  mag  auch  wohl 
aus  diesen  Dichtungen  stammen;  seine  Vorliebe  für  solchen  Schmuck 
tritt  häufig  hervor,  sowie  er  auch  seinen  Geschmack  an  Sprüch- 
wörtem  hier  nicht  verleugnet  Andererseits  ahmt  er  auch  dem  sen- 
tenziösen  Stil  des  Sallust  nach,  und  daraus  ist  eine  etwas  seltsame 
Mischung  entstanden;  wo  er  aber  einfach  erzählt,  ist  seine  Sprache 
dem  Gegenstände  angemessen  und  frei  von  der  affectirten  Classiciüit 
anderer*). 

Ut  cum  principibus  placitandi  vencrit  usus, 

Quisque  suis  fibris  rxemplum  proferat  Ulis. 

Moribus  bis  duduin  vivebat  Roma  dercnter, 

Bis  studiis  tantos  potuit  vincire  tyrannos: 

Hoc  scrvant  Itali  post  prima  crepundia  cuncti. 

Et  studare  scholis  mandatur  tota  iuventus. 

Solis  Teutonicis  vacunm  vel  turpe  videtur, 

Ut  doceant  aliquem  nisi  clericus  accipiatur. 

*)  Otto  v.  Freising  schreibt  diese  dem  Herinan  von  Reichenau  zu  und  eben 
so  den  Rythmus  auf  den  Ungernkrieg  1044:  Vox  haec  melos  pcmgat,  welcher 
vermulhlich  auch  von  Wipo  war. 

*)  Er  führt  daraus  die  vierte  Satire  an;  Vita  Chuonr.  cap.  6. 

*)  Ueber  die  lateinische  Hof-  u.  Klosterpoesie  vgl.  Wackemagels  L.  G.  70 — 74; 
über  Volkslieder  S.  75.  Ueber  den  Cod.  Cantabrig.  Pertz  Archiv  VII,  1001  u.  über 
Wipo  p.  7.  - — Ein  lateinisches  Lied  auf  Hcriger  von  Mainz  (913  — 926)  Eccard 
Quat.  58.  Grimm  und  Schmeller  335.  Du  Meril  298.  — Leich  von  den  beiden 
Heinrichen  lat.  u.  deutsch,  Lachmann  bei  Koepke,  Otto  I,  S.  97.  — Spottlied  auf 
Adalbert  Berengars  Sohn,  aus  Landulf  von  Mailand  bei  Du  Meril  271.  Er  schlägt 
statt  Salonichina  vor  Salacina,  nach  Salacia,  der  Meeresgottheit  bei  Festus  und 
Varro.  — Andere  im  Cbron.  Salernitanum.  — Ein  Gedicht  auf  Ottos  III  Tod  und 
Heinrich  II  mit  besonderer  Beziehung  auf  Leo  von  Vercelli  und  Harduin,  bei  Denis 
Codd.  theol.  Vindobon.  I,  658  (unvollständig).  Hoefler,  Deutsche  Päpste  1,331  u. 
Archiv  f.  österr.  G.  Q.  XII,  316.  — Ruodlieb,  mit  Bezügen  auf  die  Zusammenkunft 
Heinrichs  II  mit  König  Robert  von  Frankreich,  bei  Grimm  u.  Schmeller,  Lat.  Ge- 
dichte des  10.  u.  11.  Jahrh.  vgL  oben  S.  199.  — Ecbasis  Captivi,  Lothring.  Thier- 


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Wipos  Schriften. 


225 


Das  einzige  gröfsere  Werk,  welches  wir  von  Wipo  besitzen,  ist 
sein  Leben  Konrads  II,  um  so  schätzbarer,  weil  Uber  diese  Zeit  nur 
wenig  Quellen  vorhanden  sind.  Eben  so  vereinzelt  steht  anderer- 
seits diese  Schrift  da  als  eine  der  Behr  wenigen  weltlichen  Bio- 
graphien, welche  im  Mittelalter  verfafst  sind.  Es  berührt  angenehm, 
dem  Schwalle  stereotyper  Phrasen  zu  entgehen,  die  in  keiner  Le- 
gende fehlen.  Einhard,  mit  dem  wir  Wipo  zunächst  vergleichen 
müssen,  Ubertrifft  ihn  freilich  an  Kunst  der  Darstellung  und  Reinheit 
der  Sprache,  dafür  hat  Wipo  aber  mehr  frische  Natürlichkeit,  und 
während  Einhard  in  fast  ängstlicher  Nachahmung  Suetons  auch  den 
Kategorien  desselben  folgt,  berichtet  Wipo  einfach  nach  der  Zeit- 
folge Uber  das  Leben  Konrads.  Er  selbst  sagt,  dafs  häufig  Krank- 
heit ihn  vom  Hofe  fern  hielt,  und  daher  ist  er  nicht  überall  gleich 
gut  unterrichtet.  Im  Allgemeinen  aber  schreibt  er  mit  vollständiger 
Kenntnifs  seines  Gegenstandes  und  mit  warmer  Liebe  zu  seinem 
Helden.  Doch  ist  er  weit  entfernt,  ein  blofser  Lobredner  zu  sein; 
er  berührt  auch  die  Schwächen  des  Kaisers,  wenn  auch  nur  in 
schonender  Andeutung,  wie  das  in  seinen  Verhältnissen  und  in  einem 
Werke,  das  dem  Sohne  und  Nachfolger  gewidmet  war,  nicht  anders 
sein  konnte. 

Im  Allgemeinen  können  wir  wohl  sagen,  dafs  Wipo  seine  Auf- 
gabe gut  gelöst  hat;  er  giebt  uns  freilich  keine  tiefer  gehende  ge- 
schichtliche Auffassung  der  damaligen  Weltlage,  des  Verhältnisses 
des  Kaisers  zu  den  Fürsten  und  zur  Kirche,  der  Deutschen  zu  ihren 
Nachbaren,  aber  er  giebt  uns  ein  frisches,  lebensvolles  Bild  des 
thatkräftigen,  verständigen  und  in  jeder  Beziehung  tüchtigen  Kaisers, 
der  vor  allem  rücksichtslos  das  Recht  handhabte  und  ganz  für  seinen 
hohen  Beruf  lebte,  und  das  eben  war  Wipos  Zweck  und  Absicht. 

Wiederholt  spricht  Wipo  die  Absicht  aus,  auch  Heinrichs  IH 
Geschichte  zu  schreiben;  er  sagt,  dafs  er  fortwährend  dafür  sam- 
mele: wenn  er  als  der  früher  geborene  auch  früher  sterben  werde, 
so  möge  ein  anderer  auf  dieser  Grundlage  fortbauen.  Er  beschwört 
seinen  Nachfolger,  den  Grund  welchen  er  lege  nicht  zu  verschmähen. 
Das  Leben  Konrads  ist  im  Jahre  1048  oder  1049  geschrieben,  und 

fabel  mit  polit.  Anspielungen  ib.  — Modus  Oltinc,  über  die  Lechschlacht  aber 
auch  Otto  II  und  Olto  III  feiernd,  Lachmann  im  Rhein.  Mus.  III,  432.  Soltau, 
Deutsche  hist.  Volkslieder  20.  Du  Meril  273.  — Zwei  kirchliche  Lieder  zu  Ehren 
Heinrichs  II,  Eccard.  Quat.  54.  Eberl,  Ueberlieferungen  I,  81.  Grimm  u.  Schnuller 
333.  Du  Meril  286.  Haupts  Zeitschrift  XI,  10.  — Auf  Heribert  von  Köln , zur 
kirchlichen  Feier  aus  späterer  Zeit,  Ecc.  Quat,  59.  Du  Meril  279.  Haupts  Zts. 
XI,  16.  — Zu  Ehren  Konrads  II,  Ecc.  Quat.  55.  Du  Meril  287.  Haupts  Zts.  XI,  12. 
— Zu  Heinrichs  Iil  Krönung,  Ecc.  Quat.  57,  Du  Meril  289.  Soltau  31.  Haupts 
Zts.  XI,  15.  — Lob  des  Bolcslaus  1109  im  Chron.  Polon.  III,  11. 

15 


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226 


IV.  Salier.  § 2.  Wlpo.  § 3.  Allaich  und  Hildesheim. 


gerade  bis  zum  Jahre  1048  finden  sich  bei  dem  sächsischen  Anna- 
listen, der  das  Leben  Konrads  vor  sich  hatte,  auch  Uber  Heinrich  IH 
AuszUge  aus  einer  sonst  nicht  bekannten  Quellenschrift.  Da  hat 
nun  Pertz  die  Vermuthung  aufgestellt,  dafs  Wipo  schon  bald  nach 
jenem  Zeitpunkte  gestorben  sein  möge  und  dafs  der  Annalist  seine 
Sammlung  vor  sich  hatte.  Weitergehend  hat  er  vermuthet,  dafs  wohl 
das  Hermann  dem  Lahmen  zugeschriebene  Werk  Uber  Heinrich  IU 
nichts  anderes  sein  möge,  als  Wipos  hinterlassene  und  von  Hermann 
Überarbeitete  Aufzeichnungen.  Doch  ist  es  ein  bedenklicher  Umstand, 
dafs  Hermanns  eigene  Chronik  nur  wenig  Uebereinstimmung  mit 
jenen  Nachrichten  zeigt,  während  dieselbe  Quelle  auch  dem  Chrono- 
graphns  Saxo  Vorgelegen  hat,  und  zwar  wie  bei  dem  Annalisten  in 
genauer  Verbindung  mit  den  Hildesheimer  Annalen.  Deshalb  ver- 
muthet Giesebrecht  (Gesch.  d Kaiserzeit  H,  525)  darin  vielmehr  eine 
verlorene  reichere  Form  jener  Annalen  und  nicht  das  Werk  des  Wipo. 

Wipo  erzählt,  dafs  Konrad  im  J.  1027  den  Bischof  Wernher 
von  Strafsburg  nach  Konstantinopel  sandte.  Ueber  diese  Gesand- 
schaft  finden  sich  einige,  freilich  fabelhafte  Nachrichten  in  einer 
Schrift  des  zwölften  Jahrhunderts  Uber  die  Kreuzpartikel  zu  Donau- 
wörth, welche  Wernhers  Begleiter,  Mangold  von  Werd,  damals 
soll  erworben  haben ').  Wir  finden  darin  auch  die  beliebte  Geschichte, 
dafs  der  Kaiser,  zur  Mahlzeit  geladen,  verbietet  dem  Bischof  Holz 
zu  verkaufen,  dieser  aber  die  Speisen  bei  einem  Feuer  von  Nüssen 
bereiten  läfst.  Es  ist  nicht  ohne  Interesse  zu  verfolgen,  wie  diese 
Geschichte  mit  geringen  Abänderungen  an  den  verschiedensten  Orten 
auftaucht  und  beliebig  auf  andere  Personen  übertragen  wird.  Denn 
Gleiches  erzählt  Robert  Wace  im  Roman  de  Rou  von  Herzog  Robert 
und  dem  griechischen  Kaiser,  Enenkel  von  Friderich  dem  Streit- 
baren und  Kaiser  Friderich  H,  eine  österreichische  Reimchronik  von 
den  belagerten  Wienern  und  Thomas  Ebendorfer  von  Rudolf  IV  und 
Karl  IV.  Noch  dürfen  wir  endlich  nicht  unerwähnt  lassen,  dafs  in 
einer  Briefsammlung,  welche  aus  dem  Kloster  Lorsch  stammt,  sich 
eine  Anzahl  sehr  beachtenswerther  Schreiben  erhalten  hat,  von  denen 
nur  wenige,  aber  freilich  wohl  die  wichtigsten  bekannt  geworden  sind. 
Neben  den  gewöhnlichen  Angelegenheiten  der  Geistlichkeit,  Wahl- 
sachen, Klagen  Uber  Bedrückungen,  Bitten  um  gastliche  Aufnahme,  fin- 
den sich  darin  zwei  merkwürdige  Berichte  Uber  Kaiser  Konrad  und 
seinen  Hof,  namentlich  eine  genaue  Erzählung  von  der  Absetzung  des 

*)  ilistoria  quomodo  portio  vivifice  cruris  Werdeam  pervenerit.  Oefrle  I, 
332  — 336.  Königsdorfer,  Geschichte  von  Donauwörth  I,  384  — 392.  Grandidier, 
llistoire  d’Alsace  I,  226. 


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Wemher  v.  Strafsburg.  Lorscher  Briefe.  Godehard. 


227 


Herzogs  Adalbero  von  Kärnten,  welche  uns  den  Kaiser  in  der  ganzen 
Heftigkeit  und  Schroffheit  zeigt,  die  diesem  gewaltigen  Fürsten- 
stamme  eigen  war1). 

§3.  Nieder- Altaich  und  Hildesheim.  Godehard. 

Benno  von  Osnabrück. 

Stenzel,  Geschichte  Deutschlands  unter  den  fränkischen  Kaisern  II,  50 — 55.  90 — 95* 

Um  das  Jahr  961  wurde  einem  Dienstmann  des  Klosters  Nieder- 
Altaich,  Namens  Ratmund,  ein  Sohn  geboren,  der  den  Namen  Gode- 
hard erhielt.  Wir  erwähnten  schon  früher,  dafs  die  Klosterzucht 
dort  verfallen  war  und  Kanoniker  in  freierer  Weise  an  dem  Orte 
lebten,  dafs  sie  aber  eine  Schule  von  gutem  Rufe  hielten,  welche 
von  vornehmen  jungen  Geistlichen  zahlreich  besucht  wurde.  Auch 
Godehard  erhielt  hier  seinen  ersten  Unterricht  und  bildete  sich  dann 
weiter  aus  am  Hofe  des  Erzbischofs  Friderich  von  Salzburg,  der 
mit  Nieder- Altaich  belehnt  war  und  dem  es  seinen  blühenden  Zu- 
stand verdankte.  Im  Jahre  990  aber  gab  der  Erzbischof  das  Kloster 
vollends  seiner  alten  Bestimmung  zurück,  gab  ihm  seine  Selbstän- 
digkeit wieder  und  führte  Benediktiner  -Mönche  aus  Schwaben  dahin. 
Der  Herzog  Heinrich  von  Baiern  und  Kaiser  Otto  IH  verhalfen  der 
Abtei  wieder  zu  ihren  längst  entfremdeten  Besitzungen,  und  bald 
gedieh  sie  zu  grofser  Blüthe  und  zeichnete  sich  aus  durch  einen 
hoben  Grad  wissenschaftlicher  Bildung.  Dem  ersten  Abte  Erkenbert 
folgte  996 — 1022  Godehard,  welcher  die  Regel  in  ihrer  vollen  Strenge 
durchführte  und  sich  namentlich  auch  der  Klosterschule  ernstlich 
annahm.  Wohl  schon  damals  wurden  hier  kurze  annalistische  Auf- 
zeichnungen (989 — 1038)  verfafst,  die  dann  später  (nach  1054)  ein 
Mönch  des  Klosters,  dem  die  Chronik  Hermanns  des  Lahmen,  viel- 
leicht schon  in  abgekürzter  Gestalt,  zugekommen  war,  mit  dieser 
und  den  Annalen  von  Hersfeld  und  Hildesheim  zu  einer  im  Anfänge 
sehr  mageren  Compilation  verband,  wie  wir  das  schon  häufig  ge- 
sehen haben  und  bei  Lambert  wieder  finden.  Unter  Konrad  H werden 
die  selbständigen  und  eigenthümlichen  Nachrichten  reichlicher,  und 
Heinrichs  IH  Regierung  ist  in  ausführlicher  Erzählung  dargestellt. 
Wir  finden  hier  Uber  diese  Zeiten  vortreffliche  Aufschlüsse  und  zwar 
gerade  über  die  Verhältnisse  dieser  Gegenden,  Uber  welche  es  sonst 
so  sehr  an  Quellen  mangelt,  und  Uber  Heinrichs  IH  Berührungen 
mit  Ungern  und  Böhmen.  Von  1054  an  ist  der  Verfasser  völlig  selb- 
ständig, und  Uber  die  ersten  Zeiten  Heinrichs  IV  gewährt  er  uner- 

*)  A.  Mai,  Spicilegium  Romanum  V,  147.  Mone,  Anzeiger  für  Kunde  des 
Mittelalters  1838.  S.  204.  Böhmer  im  Notizenblatt  d.  Wiener  Ak.  1855.  S.  520, 
W.  Giesebreeht,  Gesch.  d.  Kaiserzeit  II,  608.  611. 

15* 


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228  IV.  Salier.  § 3.  Altaich  u.  Hildesheim.  Godehard.  Benno. 

wartete  Blicke  in  das  Treiben  der  Fürsten;  der  sonst  so  gepriesene 
Otto  von  Nordbeim  erscheint  hier,  wo  man  ihn  näher  kannte,  in 
sehr  ungünstigem  Lichte.  Die  Art  der  Darstellung  schliefst  sich 
der  Weise  der  alten  Annalisten  an,  indem  der  Verfasser  nur  die 
Thatsachen  reden  läfst  und  es  vermeidet,  seine  eigene  Ansicht  oder 
ein  Urtheil  Uber  Personen  und  Ereignisse  auszusprechen.  So  weit 
wir  seine  Nachrichten  zu  prüfen  vermögen,  ist  er  in  hohem  Grade 
zuverlässig. 

Die  bairischen  Historiker  seit  Aventin  haben  diese  Annalen, 
welche  bis  1073  reichen,  lange  als  eine  Hauptquelle  benutzt;  dann 
sind  sie  unglücklicher  Weise  verloren  gegangen  und  lange  unbeachtet 
geblieben,  bis  Giesebrecht  zuerst  wieder  darauf  aufmerksam  machte 
und  sie  aus  den  späteren  Citaten  grofsentheils  wieder  herstellte, 
wobei  freilich  eine  völlige  Sicherheit  nicht  zu  erreichen  ist  und 
manches  problematisch  bleibt1). 

Godehard  aber  erwarb  sich  durch  seine  Amtsführung  ein  solches 
Ansehen,  dafs  ihm  bald  auch  andere  Klöster  zur  Herstellung  einer 
besseren  Zucht  anvertraut  wurden;  so  1001  Tegernsee,  1005  das 
gänzlich  verwilderte  Hersfeld a).  Es  gelang  ihm  auch  seine  Refor- 
mation mit  dauerndem  Erfolge  durchzuf Uhren;  er  selbst  entzog  sich 
nach  einigen  Jahren  wieder  dieser  Thätigkeit,  welche  ihn  zu  sehr 
von  seinem  Berufe  abzog,  aber  Mönche  aus  seiner  Schule  verbrei- 
teten sich  als  Achte  verschiedener  Klöster  bis  nach  Böhmen,  Mähren 
und  Italien s).  Er  selbst  widmete  sich  von  1012  an  allein  seinem 
eigenen  Kloster,  bis  er  im  J.  1022  zum  Bischof  von  Hildesheim 
erwählt  wurde,  wo  er  nun  bis  an  seinen  Tod  1038  eine  segensreiche 
Thätigkeit  entfaltete. 

Ungeachtet  der  Verdienste  seines  Vorgängers  Bernward  fand 
Godehard  die  Hildesheimer  Schulen  ungenügend;  sie  mochten  vicl- 

*)  Annales  Altahenses.  Eine  Quellenschrift  zur  Geschichte  des  elften  Jahr- 
hunderts, hergestellt  von  W.  Giesehrerht.  Berlin  1841.  8.  Vgl.  den  Nachtrag  in 
der  Litterar.  Zeitung  1841.  S.  687.  Kaiserzeit  II,  525.  — Rec.  v.  Wailz  G.  G.  A. 
1842  N.  38 — 41.  L.  Giesehrerht,  Wend.  Geschichten  111,309.  Die  werthlosen 
Excerpta  Altahensia,  Mon.  SS.  IV,  36  haben  keine  Beziehung  zu  diesen  Annalen. 
N.  Altaich  und  dem  elften  Jahrhundert  gehört  dem  Inhalt,  aber  schwerlich  der 
Abfassung  nach  die  nichtssagende  Vita  S.  Alrunae,  aus  dem  Hause  der  Markgrafen 
v.  Chamb,  bei  Pez,  Thes.  II,  3,  253 — 266;  der  Zeit  des  Abtes  Walther  (Waltker, 
von  1067  an,?)  die  abgeschmackte  Vita  S.  Salomae  virg.  et  Judithae  viduae,  die 
nur  durch  eine  Stelle  über  die  Grafen  von  Ortenburg  und  den  Herzog  Engelbert 
merkwürdig  und  wohl  im  13.  Jahrh.  verfafst  ist  Acta  SS.  Jun.  V,  493 — 498;  cf. 
Pez,  Thes.  II,  p.  LVII. 

2)  Gegen  die  gewöhnliche  Annahme,  dafs  er  auch  Kremsmünster  erhalten  habe, 
Biidinger,  osterr.  Gcsch.  1,  449. 

s)  Vgl.  Lackner,  Memoriale  Altachae  inferioris  S.  137,  wo  ein  Verzeiehnifs 
der  Klosterbrüder  aus  Godehards  Zeit  gedruckt  ist 


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Annales  Altahenses.  Wolfhers  Leben  Godehards. 


229 


leicht  den  bedeutend  gesteigerten  Anforderungen  dieser  Zeit  nicht 
mehr  entsprechen.  Er  sandte  deshalb  zuerst  seine  jungen  Kleriker 
nach  fremden  Schulen;  dann  aber  stiftete  er  in  Hildesheim  eine 
eigene  Schule,  die  er  nicht  nur  mit  trefflichen  Lehrern,  sondern 
auch  mit  allem,  was  zur  leiblichen  Notkdurft  erforderlich  war,  reich- 
lich ausstattete.  Unter  denen,  welche  Godehard  zuerst  anssandte, 
war  auch  Wolfher,  der  die  von  ihm  hergestellte  Schule  in  Hers- 
feld  besuchte1);  diese  leitete  damals  der  Propst  Albwin,  der  1035 
Abt  von  Nienburg  wurde.  Ein  Mitschüler  Wolfhers,  Ratmund,  Gode- 
hards Neffe,  wurde  1027  zum  Abt  von  Nieder -Altaich  berufen,  und 
Wolfher  hielt  sich  auch  hier  einige  Zeit  auf,  dann  kehrte  er  nach 
Hildesheim  zurück,  wo  er  Domherr  wurde  und  nach  Godehards  Tode 
das  Leben  desselben  zu  beschreiben  unternahm.  Ihn  befähigte  dazu 
aufser  einer  guten  grammatischen  Ausbildung  die  persönliche  Be- 
kanntschaft mit  Godehard  in  dessen  letzten  Jahren  und  der  Aufent- 
halt in  Hersfeld  und  in  Altaich,  wo  ihm  Godehards  erster  Lehrer 
Rumold  erzählt  hatte,  was  sich  bis  zu  dessen  Bischofswahl  ereignet 
hatte.  Schon  damals  hatte  ihn  Ratmund  dringend  aufgefordert,  das 
Leben  Godehards  zu  beschreiben,  und  nach  dem  Tode  des  Bischofs 
forderte  er  die  Erfüllung  des  einst  gegebenen  Versprechens.  So 
entstand  diese  gut  geschriebene  und  reichhaltige  Biographie,  die  uns 
jetzt  in  verschiedenen  Bearbeitungen  vorliegt.  Den  Anfang  macht 
ein  kleines  Fragment,  in  der  Form  einer  Fortsetzung  des  Lebens 
von  Bernward 2).  Dann  kommt  die  von  Pertz  zuerst  herausgegebene 
erste  Biographie,  die  schon  1038,  gleich  nach  Godehards  Tode,  ver- 
fafst  ist3),  später  aber,  um  das  J.  1054,  noch  einmal  vom  Verfasser 
überarbeitet  wurde  4).  In  dieser  letzten  Ausgabe  findet  sich  mehr 
über  die  ältere  Geschichte  von  Altaich  und  über  den  merkwürdigen 
Mönch  Günther,  der  als  Eremit  im  Böhmerwalde  lebte  und  1040 
Heinrichs  HI  Heer  von  dem  Untergange  rettete;  es  ist  aber  auch 
manches  Wichtige  weggelassen,  so  dafs  die  erste  Bearbeitung  von 
gröfserem  Werthe  ist.  Zugeeignet  sind  beide  dem  Albwin,  welcher 
Godehard  als  sein  Beichtvater  am  genauesten  gekannt  hatte;  als 

l)  Hier  war  Othloh  sein  Mitschüler,  Mon.  SS.  XI,  378. 

a)  Wolfherii  Continuatio  Vitae  Bernwardi,  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  XI,  165. 

3)  Vita  Godehardi  prior,  ib.  p.  167. 

4)  Vita  Godehardi  posterior,  ib.  p.  196 — 218;  dann  noch  Wunder  p.  218 — 221. 
Eine  Handschrift  nachgetragen  Archiv  XI,  304.  Vgl.  W.  Giesebrecht,  Kaiserzeit  II, 
520.  Fast  ganz  werthlos  ist  die  grofsentheils  hieraus  entlehnte,  als  Predigt  zum 
Vorlesen  verfafste  V.  Guntheri,  SS.  XI,  p.  276— 279,  und  zu  warnen  ist  vor  den 
auf  Günther  bezüglichen  falschen  Urkunden,  welche  im  13.  Jahrhundert  im  Kloster 
Brzewnow  verfafst  wurden.  — Translatio  Godehardi  (1132)  mit  Wundern,  SS. 
XII,  639  - 652. 


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230  IV.  Salier.  § 3.  Altaich  u.  Hildesheim.  Godehard.  Benno. 

Veranlassung,  wird  in  der  zweiten  Bearbeitung,  ohne  jedoch  der 
schon  vorhandenen  ersten  zu  gedenken,  nicht  mehr  Ratmunds,  son- 
dern des  Abtes  von  Michaeliskloster  zu  Hildesheim,  Adalberts,  Auf- 
forderung bezeichnet. 

Vielleicht  ist  auch  Wolfher  der  Verfasser  der  Fortsetzung  der 
Hildesheimer  Annalen1),  welche  bis  zum  J.  1041  zu  den  be- 
deutenderen Quellen  für  diese  Zeit  gehören.  Dann  aber  tritt  bis 
zum  Jahre  1101  eine  grofse  Lücke  ein,  welche  erst  später  aus  den 
Mainzer  Annalen  von  S.  Alban  ergänzt  ist s).  Mit  dem  Jahre  1101 
beginnt  dann  wieder  eine  sehr  ausführliche,  mit  entschiedener  Feind- 
schaft gegen  Heinrich  IV  geschriebene  Fortsetzung  bis  1109,  die  man 
später  in  Paderborn  weiter  geführt  hat. 

Das  Verstummen  der  Hildesheimer  Annalen  mit  dem  Jahre  1041 
ist  nicht  zufällig;  es  hängt  zusammen  mit  dem  Verfall,  der  damals 
eintrat,  weil  ein  unwissender  Däne  sich  das  Bisthum  zu  verschaffen 
gewufst  hatte.  Er  hiefs  Tymme,  auf  Deutsch  aber  nannte  man  ihn 
Thietmar;  die  Königin  Gunhild  hatte  ihn  als  Kaplan  mitgebracht 
und  so  gut  für  ihn  gesorgt3).  Die  Folgen  zeigten  sich  rasch  in  der 
Abnahme  der  wissenschaftlichen  Bildung  der  Geistlichkeit.  Der  Bio- 
graph des  Benno  behauptet  sogar,  dafs  dieser  zuerst  in  Hildesheim 
wissenschaftliche  Studien  eingeführt  habe,  bis  dahin  seien  die  Geist- 
lichen wie  die  Bauern  aufgewachsen3).  Das  ist  ohne  Zweifel  über- 
trieben, aber  freilich  brachte  auch  Benno  eine  Gelehrsamkeit  mit, 
die  wohl  damals  in  Sachsen  neu  sein  mochte,  und  von  der  anderen 
Seite  wurde  die  damals  eintretende  Veränderung  als  ein  Verfall  der 
guten  alten  Kirchenzucht  aufgefafst6). 

Benno  war  ein  geborener  Schwabe;  er  hatte  die  Schule  in 
Strafsburg  besucht,  hörte  dann  den  eben  damals  sehr  gefeierten 
Lehrer  Hermann  von  Reichenau  und  besuchte,  von  Wissensdrang 
getrieben,  noch  viele  andere  Orte  zu  seiner  weiteren  Ausbildung6). 
Auch  nach  Jerusalem  begleitete  er  1027  den  Bischof  Wernher  von 
Strafsburg.  Dann  kam  er  nach  Speier,  welches  gerade  um  diese 

*)  Mon.  SS.  III,  103—112.  Vgl.  XI,  163. 

2)  Nachgewiesen  von  VVaitz  in  den  Nachrichten  von  der  Gott.  G.  d.  W.  1857. 
S.  56.  Wailz  vermuthet,  dafs  auch  die  folgende  Fortsetzung  bis  1109  aus  der- 
selben Mainzer  Quelle  entnommen  sein  könnte.  Ueber  eine  Vermuthung  von  Giese- 
brecht  s.  oben  S.  226. 

3)  Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  II,  290  nach  Adam  Br.  II,  75  u.  Vita 
Godeh.  posterior  e.  33.  Er  starb  am  14.  Nov.  1044. 

4)  Aehnlich  spricht  sich  Hettel  selbst  in  Betreff  der  Klosterzucht  aus,  die  er 
durch  seinen  Neffen  Chuno  aus  der  Bamberger  Schule  reformiren  wollte,  aber  mit 
sehr  schlechtem  Erfolge.  Sudendorf  II,  26 — 31. 

5)  Annalista  Saxo  ad  a.  1044. 

6)  per  alia  quoque  loca  studentium  more  aliquante  tempore  vagatus.  Vita  c.  3. 


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Hildesheimer  Annalen.  Benno  von  Osnabrück. 


231 


Zeit  durch  die  Gunst  der  Salier  aus  tiefem  Verfall  zum  höchsten 
Glanze  erhoben  wurde  und  die  strebsamsten  Lehrer  und  Schüler  an 
sich  zog l).  Hier  trat  er  nun  selbst  als  Lehrer  auf  und  erwarb  sich 
durch  seinen  Unterricht  grofse  IteichthUmer,  ein  bedeutsames  Zeichen 
für  den  hoch  gesteigerten  Trieb  nach  Kenntnissen  in  der  damaligen 
Zeit,  nach  der  man  bald  nachher  sehnsüchtig  als  nach  dem  goldenen 
Zeitalter  zurücksah. 

Als  darauf  Heinrich  HI  seine  Lieblingsstiftung  in  Goslar  auf 
alle  Weise  emporzubringen  suchte,  folgte  ihm  Benno  dahin,  und  von 
hier  nun  berief  ihn  Azelin,  früher  königlicher  Kaplan,  jetzt  (1044 
bis  1054)  Bischof  von  Hildesheim,  zum  Vorsteher  der  Domschule. 
Aber  Benno  war  zu  reich  für  alle  Verhältnisse  des  Lebens  von  der 
Natur  begabt  und  durch  seine  Studien  vorgebildet,  als  dafs  er  lange 
in  dieser  bescheidenen  Stellung  hätte  verbleiben  können.  Die  Bischöfe 
der  damaligen  Zeit  hatten,  da  sie  Landesherren  geworden  waren 
und  den  ersten  Platz  im  Rathe  des  Königs  einnahmen,  die  mannig- 
fachsten Aufgaben  zu  erfüllen  und  bedurften  dazu  aller  Kräfte, 
welche  sich  ihnen  nur  irgend  darboten.  So  begleitete  denn  auch 
Benno  im  J.  1052  den  Bischof  Azelin  auf  dem  ungrischen  Feldzuge 
des  Kaisers  und  bewies  hier  eine  so  ausgezeichnete  Befähigung  für 
die  Besorgung  der  weltlichen  Angelegenheiten,  dafs  er  bald  nachher 
zum  Dompropst  befördert  wurde.  Gegen  die  Armen  war  er  über- 
aus mild  und  freigebig,  sein  Grundsatz  war,  dafs  cs  besser  sei, 
einen  Armen  zu  sättigen,  als  selbst  den  ganzen  Tag  mit  leerem 
Magen  zu  gehen;  wo  er  aber  bösen  Willen  sah,  trieb  er  die  Ein- 
künfte des  Stiftes  mit  Strenge  ein.  Auch  in  Goslar,  wo  er  längere 
Zeit  als  Erzpriester  und  zugleich  als  königlicher  Amtmann  schaltete, 
bewährte  er  sich  durch  Umsicht  und  Festigkeit. 

Besondere  Sorgfalt  verwandte  er  auf  den  Feldbau  und  die 
Gärtnerei,  und  darin  soll  er  eine  ganz  besondere  Kenntnifs  an  den 
Tag  gelegt  haben,  die  er  nur  aus  Büchern  geschöpft  hatte.  Vor 
allem  aber  war  er  erfahren  in  der  Baukunst;  viel  wurde  in  Hildes- 
heim unter  Bischof  Hettilo  (1054 — 1079)  nach  seinen  Angaben  ge- 
baut; aufserdem  war  aber  auch  er  es,  der  Heinrichs  IV  Burgen  in 
Sachsen  bauen  liefs.  Ganz  besonders  jedoch  gewann  er  grofsen 
Ruhm  durch  einen  sehr  schwierigen  und  kunstreichen  Wasserbau, 
welcher  den  Dom  zu  Speier  gegen  die  Fluthen  des  Rheins  sicherte. 

Im  J.  1067  wurde  Benno  Bischof  von  Osnabrück,  und  in  den 
schwierigen  und  stürmischen  Zeiten,  welche  nun  folgten,  zeichnete 

')  eo  quod  Studium  etiam  litcrarum  inibi  ardentissimum  florere  coepisset, 
Vita  c.  4. 


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232  IV.  Salier.  § 3.  Altaich  u.  Ilildesheira.  Godehard.  Benno. 

er  sich  durch  unerschütterliche  Treue  gegen  den  König,  zugleich 
aber  durch  Friedensliebe  und  durch  eine  vorsichtige  Klugheit  aus, 
welche  ihn  mit  keiner  Partei  ganz  zerfallen  liefs.  Auf  seinen  und 
des  ebenso  eifrig  kaiserlichen  Erzbischofs  Liemar  von  Bremen  Wunsch 
schrieb  Wido,  der  ihm  1092  als  Bischof  folgte,  ein  Werk  Uber 
Heinrichs  IV  Streit  mit  Hildebrand  *),  in  welchem  Gregors  Verfahren 
scharf  getadelt  wird.  Dennoch  aber  blieb  auch  Anno  von  Köln,  der 
ihm  eine  Zeit  lang  die  ganze  weltliche  Verwaltung  seines  Sprengels 
übertrug,  immer  mit  Benno  befreundet,  und  auch  mit  den  eifrigen 
Mönchen  von  Siegburg  und  S.  Pantaleon  hielt  er  Freundschaft  So 
gelang  es  ihm,  sein  Bisthum,  obgleich  er  es  zeitweise  verlassen 
mufste,  bis  an  seinen  Tod  1088  vor  Verwüstung  zu  schützen.  In 
Beinen  letzten  Jahren  beschäftigte  ihn  ganz  besonders  die  Stiftung 
des  Klosters  Iburg,  und  dieser  Stiftung  verdanken  wir  seine  Bio- 
graphie, eines  der  besten  Werke  dieser  Art.  Der  Verfasser  erklärt 
es  geradezu  für  sündlich,  wenn  Andere  ihre  Helden  als  ganz  voll- 
kommen und  fehlerfrei  schildern;  er  will  Benno  darstellen,  wie  er 
war,  und  wirklich  trägt  auch  seine  einfache  und  ungesuchte  Schil- 
derung das  Gepräge  der  Wahrheit  Es  war  der  Abt  Nortbert, 
der  zwischen  den  Jahren  1090  und  1100  dem  Stifter  seines  Klosters 
dieses  schöne  Denkmal  setzte,  ein  geborener  Brabanter,  der  von 
Kindheit  an  bei  dem  Domscholaster  zu  Köln,  seinem  Verwandten, 
erzogen  war,  dann  Domherr  in  Bamberg,  endlich  Mönch  in  Siegburg 
und  1084  Abt  von  Iburg  wurde.  Sehr  merkwürdig  ist,  dafs  un- 
geachtet der  nahen  Beziehungen  zu  den  von  Anno  von  Köln  gegrün- 
deten streng  gregorianischen  Klöstern  doch  die  damals  in  Iburg  ge- 
schriebenen Annalen  sowohl,  wie  die  Biographie  des  Benno*)  kaiser- 
liche Gesinnung  zeigen.  Clemens  HI  galt  hier  für  den  rechtmäfsigen 
Papst  Dergleichen  Werke  sind  später  mehr  wie  andere  der  Zer- 
störung ausgesetzt  gewesen;  nur  in  vereinzelten  Exemplaren,  in 
späteren  Abschriften  haben  sie  sich  erhalten,  und  gewifs  sind  viele 
ganz  zu  Grunde  gegangen.  Von  Bennos  Leben  bewahrte  man  in 
Iburg  die  Urschrift,  welche  erst  im  vorigen  Jahrhundert  verschwunden 
ist,  nachdem  Abschriften  davon  genommen  waren  und  Eccard  (Corp. 
1,2161 — 2194)  die  erste  Ausgabe  publicirt  hatte.  Die  Annalen 
benutzte  der  fleifsige  sächsische  Annalist  und  um  das  Jahr  1500  der 
Liesbomer  Benediktiner  Bernhard  Witte;  in  neuerer  Zeit  war  ihre 
Existenz  unbekannt,  bis  Julius  Ficker  in  Münster  zwei  Blätter  davon 

*)  Es  ist  nur  in  einem  Auszuge  erhalten,  bei  Eccard,  Corp.  II,  183.  Vgl. 
Helfenslein  S.  80.  118.  168. 

*)  V.  Bennonis  auct.  Nortberto  ed.  Wilmans.  Mon.  SS.  XII,  58 — 84. 


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Iburg.  Hildesheimer  Schule  uud  Chronik. 


233 


entdeckte,  welche  die  Jahre  816 — 841  und  1073 — 1085  enthalten. 
Der  Anfang  ist  aus  den  Annalen  von  Fulda  entnommen,  mit  einigen 
Zusätzen;  aus  dem  elften  Jahrhundert  waren  oifenbar  gleichzeitige 
Aufzeichnungen  vorhanden,  die  gemäfsigt  gehalten,  aber  doch  mehr 
in  sächsischem  als  in  königlichem  Sinne  geschrieben  sind.  Diese  sind 
später1)  durch  Einschaltungen  aus  Bennos  Leben  ergänzt  und,  wie 
es  scheint,  bis  zur  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts  fortgeführt3). 

Die  neumodische  französisch  - süddeutsche  Gelehrsamkeit,  welche 
durch  Benno  und  Hettel  in  die  Hildesheimer  Schule  eingeführt 
wurde,  läfst  sich  einigermafsen  erkennen  in  der  Briefsammlung, 
welche  von  Sudendorf  durch  die  drei  Bände  seines  Registrum  ver- 
theilt ist  und  mit  Hülfe  der  Einleitung  zum  dritten  Bande  wieder 
zusammengebracht  werden  kann 3).  Sie  sind  in  der  Ausgabe  mit 
gröfster  Willkür  bestimmten  Personen  zugetheilt  und  auf  politische 
Ereignisse  bezogen;  dadurch  darf  man  sich  nicht  irre  machen  lassen. 
Deutlich  tritt  uns  in  Hettels  Briefe  H,  28  die  lebhafte  Beschäftigung 
mit  den  römischen  Dichtern,  besonders  Virgil  entgegen1),  und  auch 
Cicero  wurde  eifrig  gelesen.  Auswärtige  Schüler  hielten  sich  der 
Studien  wegen  in  Hildesheim  auf  und  erhielten  nach  Godehards 
Anordnungen  bestimmte  Praebenden  zum  Unterhalt.  Während  einer 
längeren  Abwesenheit  des  Bischofs  litten  die  Schüler  unter  der  Härte 
und  dem  Geize  seiner  Beamten;  mehrere  entflohen  bis  nach  Köln, 
darunter  Hettels  Neffe  Meginhard.  Das  war  jedoch  nur  ein  vorüber- 
gehendes Unglück;  die  schweren  Zeiten  des  Krieges  werden  aber 
auch  hier  wohl  die  wissenschaftliche  Thätigkeit  gehemmt  und  unter- 
brochen haben.  Die  alten  Annalen  blieben,  wie  erwähnt,  ohne 
Fortsetzung.  Dafür  aber  verfafste  man  im  Jahre  1079  eine  Bis- 
thumschronik, welche  in  gedrängter  Uebersicht  die  Geschichte 
des  Hochstiftes,  die  Thätigkeit  der  einzelnen  Bischöfe  behandelt, 
und  von  dieser  Zeit  an  bis  zum  Ausgange  des  Mittelalters  fortge- 
setzt wurde  5).  Mit  dem  neuen  Jahrhundert  nahm  man  auch  die 
Annalen  wieder  vor;  bald  darauf  kam  der  Baier  Gerhoh  hierher, 

*)  1083:  rirographura  quod  actenus  servatur. 

*)  Zuerst  erwähnt  von  Wilmans,  Mon.  SS.  XII,  59  n.  21,  der  auf  eine  aus 
Wittes  Historia  Westphaliae  ergänzte  Ausgabe  Hoffnung  macht.  — Annalium  Ibur- 
gensium  Fragments.  Nach  einer  Handschrift  des  12.  Jahrh.  zum  ersten  Male  her- 
ausgegeben  von  Ludwig  Perger.  Aus  der  Zeitschr.  f.  vaterl.  Gesch.  u.  Alterthums- 
kunde, 18.  Band,  bes.  abgedruckt.  Münster  1857.  8. 

*)  Eine  andere  Briefsammlung,  welche  vieles  über  die  Hildesheimer  Schule, 
doch,  wie  es  scheint,  aus  dem  12.  Jahrh.  enthält,  befindet  sich  in  Leipzig.  Archiv 
XI,  352. 

4)  Der  adadidumeus  auf  S.  29  ist  jedoch  der  Adad  Idumaeus  aus  dem  Alten 
Testament. 

5)  Chronicon  episcoporum  Hildesheimensium  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  VII,  850-873. 


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234  IV.  Salier.  § 3.  Hildesheim.  § 4.  Paderborn. 

um  die  Schule  zu  besuchen,  nachdem  er  bereits  in  Freising  und 
Mosburg  eifrige  Studien  gemacht  hatte,  und  Adalbert  von  Saarbrücken 
(1138 — 1141  Erzbischof  von  Mainz)  erhielt  hier  seinen  Unterricht, 
bevor  er  nach  Frankreich  ging.  Die  Schule  mufs  also  damals  wieder 
einen  bedeutenden  Ruf  gehabt  haben.  Sehr  gerühmt  wird  in  der 
Chronik  der  Scholasticus  Bernhard,  welcher  1130  Bischof  wurde. 

§4.  Paderborn.  Meinwerk. 

Noch  zu  den  älteren  Zöglingen  der  Hildesheimer  Schule  gehörte 
der  Bischof  Meinwerk  von  Paderborn l).  Er  stammte  aus  dem  alten 
und  vornehmen  Hause  der  Immedinger,  dem  auch  die  Königin  Ma- 
thilde angehört  hatte,  und  war  eine  tüchtige,  derbe  Sachsennatur 
durch  und  durch.  Als  Kind  wurde  er  in  Halberstadt  der  Kirche 
dargebracht,  dann  besuchte  er  die  Schule  zu  Hildesheim,  wohl  noch 
unter  Thangmar.  Kaiser  Heinrich  H soll  hier  Bein  Mitschüler  ge- 
wesen sein.  Das  Lernen  aber  war  Beine  Sache  nicht ; durch  Gelehr- 
samkeit hat  er  sich  niemals  ausgezeichnet,  und  er  mufste  deshalb 
manche  Anfechtung  erleiden.  Als  er  schon  Bischof  war,  liefs  Hein- 
rich H ihm  einmal  in  der  Missa  pro  defunctis  aus  den  Worten  fa- 
mulis  et  famulabus  die  erste  Silbe  fa  ausradiren,  und  Meinwerk  sang 
wirklich  pro  mulis  et  mulabus  tuis.  Er  nahm  das  sehr  übel 
und  liefs  den  königlichen  Kaplan,  der  es  gethan  hatte,  tüchtig  durch- 
prügeln;  dann  aber  beschenkte  er  ihn  zum  Tröste  mit  einer  neuen 
Kleidung.  So  war  sein  ganzes  Wesen,  nicht  eben  fein,  oft  hart, 
aber  im  Grunde  doch  sehr  wohlwollend  und  gutmüthig. 

Von  Hildesheim  zurückgekehrt,  wurde  Meinwerk  Domherr  in 
Halberstadt  und  kam  dann  unter  Otto  HI  als  Kaplan  an  den  Hof. 
Als  im  J.  1009  der  Bischof  Ratheri  von  Paderborn  starb,  überreichte 
Otto  IH  ihm  seinen  Handschuh  als  Symbol  dieses  Bisthums.  Ver- 
wundert fragte  Meinwerk,  was  er  denn  damit  anfangen  solle:  so  ein 
Bisthum  könne  er  ja  aus  eigenen  Mitteln  stiften.  Dann  aber  ent- 
schlofs  er  sich  doch  es  anzunehmen,  und  machte  dieses  arme  Bis- 
thum, dem  er  30  Jahre  Vorstand,  nun  zu  einem  reichen,  theils  durch 
eigene  Schenkungen  und  andere,  die  er  veranlafste,  besonders  aber 
durch  Königsgut,  welches  er  im  reichsten  Mafse  durch  Bitten  und 
Drängen,  durch  List  und  Scherz  zu  erlangen  wufste,  wie  das  in 
seiner  Lebensbeschreibung  gar  anmuthig  geschildert  ist.  Heinrich  H 

*)  Vita  Meinwerci  ed.  PerU,  Mon.  SS.  XI,  104 — 161.  Vgl.  W.  Giesebrecht. 
Gesch.  der  Kaiserzeit  II,  86.  538  und  über  Meinwerks  böse  Mutter,  die  Gräfin 
Adels  S.  133  f. 


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Meinwerk  von  Paderborn. 


235 


erlaubte  sich  dagegen  manchen  derben  Scherz  mit  dem  ungestümen 
Dränger,  mufste  aber  dafür  zuletzt  immer  mit  neuer  Gabe  büfsen. 

Ueberhaupt  sorgte  Meinwerk  für  sein  Stift  in  jeder  Weise,  wie 
uns  das  sein  Biograph  durch  viele  kleine,  sehr  charakteristische, 
traditionell  bewahrte  Züge  anschaulich  macht.  Er  sorgte  dafür,  dafs 
seine  Liten  und  seine  Mönche  ordentlich  zu  essen  bekämen  und 
nahm  sich  sehr  ernstlich  der  Wirthschaft  auf  seinen  Höfen  an,  z.  B. 
der  Hühnerzucht  und  des  Gemüsebaues.  Als  er  einmal  einen  Garten 
voll  Nesseln,  die  Meierin  aber  in  schönen  Kleidern  findet,  läfst  er 
diese  von  Beinen  Leuten  ergreifen  und  so  lange  darüber  hin  und 
her  ziehen,  bis  alles  Unkraut  niedergelegt  ist.  Im  nächsten  Jahre 
fand  er  hier  die  schönsten  Gemüse. 

Mit  Schlägen,  die  in  Sachsen  landüblich  waren,  war  er  gleich 
bei  der  Hand,  aber  die  Gezüchtigten  pflegte  er  nachher  durch  Ge- 
schenke zu  versöhnen.  Häufig  ging  er  verkleidet  umher,  um  den 
Zustand  seiner  Untergebenen,  die  Mängel  der  Verwaltung  auszu- 
kundschaften; seine  Feinde  nannten  ihn  deshalb  den  Gaukler  (iocu- 
lator). 

Auch  bauen  liefs  er  viel;  seine  Stadt  umgab  er  mit  Mauern, 
und  eine  Kirche  liefs  er  von  griechischen  Werkleuten  aufftihren. 

Obgleich  wenig  gelehrt,  hob  doch  Meinwerk  auch  die  Schulen 
zu  bedeutendem  Ansehen ; neben  seinem  Neffen,  dem  späteren  Bischof 
Immed  (1052 — 1076)  studirten  da  Anno  von  Köln  (1056 — 1075)  und 
Friderich  von  Münster  (1062 — 1084);  auch  Altmann  von  Passau 
(1065 — 1091)  und  vielleicht  mit  ihm  Gebhard  vou  Salzburg  und 
Adalbero  von  Wirzburg.  Altmann  hat  auch  lange  Zeit  als  Scholaster 
hier  gewirkt;  am  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts  fand  Vicelin 
hier  eine  blühende  Schule  unter  dem  Meister  Hartmann,  und  auf 
diesen  folgte  Mangold,  der  mit  Wibald  in  Correspondenz  stand. 

Im  Jahre  1015  stiftete  Meinwerk  das  Kloster  Abdinghofen,  wo- 
hin er  aus  Cluny  den  Abt  Sigehard  und  zwei  Brüder  berief;  er 
sorgte  väterlich  dafür,  dafs  sie  nicht  gar  zu  schlechte  Kost  erhielten, 
und  als  er  einst  in  der  Küche  ausgekundschaftet  hatte,  dafs  die 
Speisen  übermäfsig  mager  waren,  weil  es  an  Oel  fehlte,  schickte  er 
ihnen  Speck,  indem  er  verständiger  Weise  einsah,  dafs  die  Vor- 
schriften der  Regel  der  Natur  des  Landes  angepafst  werden  müfsten. 
In  diesem  Kloster  scheint  sich  denn  auch  der  Geist  des  Stifters 
noch  lange  Zeit  erhalten  zu  haben,  da  man  dort  mit  so  grofsem 
Behagen  alle  die  kleinen  Geschichten  von  ihm  aufbewahrte  und  ein 
Jahrhundert  später  schriftlich  aufzeichnete.  Erst  gegen  das  Jahr 
1155  ist  nämlich  diese  Biographie  verfafst  worden;  eine  sehr  fleifsige 


236  IV.  Salier.  § 4.  Paderborn.  Meinwerk.  § 5.  Hermann  v.  Reichenau. 

Arbeit,  deren  Verfasser,  ein  unbekannter  Mönch  von  Abdinghofen, 
mit  grofser  Sorgfalt  die  Hildesheimer  Annalen  und  andere  Schriften, 
besonders  auch  die  zahlreichen  Urkunden  des  Klosters  benutzte. 
Das  Beste  aber  gab  ihm  die  lebendige  mündliche  Ueberlieferung, 
welcher  gerade  Meinwerks  eigentümliche  Persönlichkeit  reichen  Stoff 
geboten  hatte.  Natürlicher  Weise  war  es  besonders  die  specielle 
häusliche  Thätigkeit  Meinwerks,  von  der  man  sich  noch  erzählte,  und 
die  allgemeine  Geschichte  ist  daher  von  dem  Verfasser  gar  nicht 
berührt;  nur  der  grofsen  Anzahl  trefflicher  Bischöfe  gedenkt  er, 
welche  damals  den  deutschen  Kirchen  vorstanden. 

Und  gerade  als  bei  einem  rechten  Vertreter  dieser  alten  Reichs- 
geistlichkeit vor  den  Zeiten  des  Investiturstreites  haben  wir  uns  bei 
diesem  wackeren  Manne  etwas  länger  aufgehalten.  Vom  Kaiser  auf 
alle  Weise  gehoben  und  begünstigt,  grofsentheils  in  seiner  Kanzlei 
gebildet,  vertraten  damals  die  Bischöfe  das  Interesse  des  Reiches  den 
weltlichen  Machthabern  gegenüber.  Daneben  und  wenn  nicht  gerade 
der  Reichsdienst  sie  in  Anspruch  nahm,  widmeten  sie  sich  ganz  und 
gar  der  Fürsorge  für  ihre  Sprengel,  für  ihr  rasch  angewachsenes 
und  herrlich  erblühendes  Gebiet.  Sie  hatten  keine  Zeit  weder  für 
dogmatische  Controversen , noch  auch  für  schriftstellerische  Thätig- 
keit, aber  sie  riefen  diese  hervor  durch  ihre  Sorge  für  die  Schulen, 
durch  die  Stiftung  von  Klöstern,  endlich  durch  den  Stoff,  welchen 
ihr  eigenes  Wirken  der  Geschichtschreibung  gab.  Darum  beschäftigen 
sie  uns  auch  hier.  Ihre  Biographien  sind  wichtige  Quellen,  um  das 
besondere  Leben  in  den  einzelnen  Landschaften  kennen  zu  lernen; 
die  allgemeine  Geschichte  wird  nur  gelegentlich  berührt,  und  nament- 
lich in  Sachsen  ist  der  Unterschied  von  dem  vorhergehenden  Ab- 
schnitte auffallend.  Von  Natur  zur  provinziellen  Absonderung  ge- 
neigt, waren  die  Sachsen  nur  durch  die  hervorragende  Stellung  ihres 
eigenen  Fürstenhauses  zu  lebhafterer  Theilnahme  an  der  Welt- 
geschichte herangezogen;  jetzt  verschwindet  dieselbe  fast  ganz,  bis 
der  Widerstand  gegen  Heinrich  IV,  die  Verbindung  mit  dem  römischen 
Hofe  und  die  Erhebung  ihres  Herzogs  Lothar  sie  aus  ihrer  Abson- 
derung etwas  herausreifsen.  Da  nahm  man  die  alten  Hildes- 
heimer Annalen  wieder  vor,  und  ein  Exemplar  derselben  fand  in 
Paderborn  eine  weitere  Fortsetzung  von  1109 — 1137  (Mon.  SS.  HI, 
112 — 116).  Der  Verfasser  war  gut  unterrichtet,  auch  Uber  die  Vor- 
gänge in  Italien,  aber  er  begnügt  sich  grofsentheils  mit  Andeutungen 
und  scheut  sich  offenbar,  Uber  die  Vorfälle,  deren  er  gedenkt,  sich 
eingehend  auszusprechen. 

Es  ist  uns  noch  ein  Werk  erhalten,  welches  um  diese  Zeit 


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Paderborn.  Translatio  S.  Modoaldi.  Reichenau.  237 

(zwischen  1107  und  1112)  in  Helmershausen,  einem  Kloster  des 
Paderborner  Sprengels  entstand,  die  Uebertragung  des  h.  Modoal- 
du  s *).  Das  Kloster  wollte  nicht  recht  gedeihen , weil  es  ihm  an 
einem  ordentlichen  Heiligen  fehlte,  und  deshalb  bemühte  sich  der 
Abt  Thietmar  mit  Erfolg,  aus  Trier,  wo  dergleichen-  Schatze  in  Menge 
vorhanden  waren,  Reliquien  zu  erhalten.  Im  J.  1107  gelang  es  ihm, 
den  Leib  des  h.  Modoald  heimzubringen,  der  nun  seine  gebührenden 
Wunder  that  und  dem  Kloster  zu  gröfserem  Ansehen  verhalf.  Die 
weitschweifige  Erzählung  davon  enthält  einige  Nachrichten  Uber  das 
Concil  von  Guastalla,  sowie  Uber  Trier  und  andere  lothringische 
Klöster,  welche  der  Abt  zu  diesem  Zwecke  besuchte.  Verbunden 
sind  damit  die  zwischen  1121  und  1124  geschriebenen  Wunder  des 
h.  Aegidius;  ihr  Schauplatz  ist  S.  Gilles  im  südlichen  Frankreich, 
ein  viel  besuchter  Wallfahrtsort:  Pilger  aus  Schleswig  und  Stettin 
begegnen  uns  unter  den  Verehrern  des  Heiligen. 

§ 5.  Hermann  von  Reichenau. 

Stenzei  1, 186.  W.  Giesebr$cht,  Kaiserzeit  II , 523.  Pertz,  Mon.  SS.  V,  67  ff. 

Lebensnachrichten  Uber  einen  bedeutenden  Mann  zusammenzu- 
stellen,  die  Geschichte  eines  Bisthums  oder  Klosters  darzustellen, 
das  erforderte  keine  umfangreichen  Studien  und  konnte  allenfalls 
allein  nach  mündlicher  Ueberlieferung  gelingen.  Allein  das  Bedürf- 
nifs,  welches  sich  immer  fühlbarer  machen  mufste,  die  ganze  Welt- 
geschichte zu  Überblicken,  blieb  unbefriedigt,  wenn  es  nicht  gelang, 
aus  zahlreichen  verschiedenartigen  Schriften  ein  zusammenhängendes 
Resultat  zu  gewinnen;  ohne  eine  reiche  Bibliothek  war  hieran  gar 
nicht  zu  denken,  und  wenn  auch  der  reichste  Stoff  vorlag,  erforderte 
doch  die  Bearbeitung  ganz  ungewöhnliche  Fähigkeiten.  Wir  haben 
gesehen,  wie  man  sich  im  vorigen  Zeiträume  mit  dürftigen  Zusammen- 
stellungen aus  älteren  Annalen  zu  helfen  suchte;  aber  diese  unzu- 
sammenhängenden Skelette  konnten  niemandem  genügen.  Der  vor- 
geschrittenen Bildung  dieser  Periode  war  es  Vorbehalten,  durch 
verschiedene  Versuche  dem  Ziele  näher  zu  kommen. 

Reichenau  ist  uns  als  einer  der  Hauptsitze  gelehrter  Bil- 
dung bereits  bekannt.  Der  Abt  Bern  (1008 — 1048),  dessen  Ein- 
setzung schon  oben  (S.  196)  erwähnt  wurde,  stand  dem  Kloster 
vierzig  Jahre  lang  vor  und  zeichnete  sich  nicht  minder  durch  seine 
gute  Verwaltung  wie  durch  seine  Gelehrsamkeit  aus.  Er  ist  bekannt 
als  Schriftsteller  Uber  Gegenstände  der  Theologie  und  Liturgik,  vor- 

l)  Translatio  S.  Modoaldi,  Miracula  S.  Modoaldi,  Transl.  S.  Auctoris,  Miracula 
S.  Acgidii,  ed.  Jaffe.  Mon.  SS.  XU,  284—323. 


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238 


IV.  Salier.  § 5.  Hermann  von  Reichenau. 


zUglich  auch  Uber  Musik;  aufserdem  Überarbeitete  er  das  Leben 
Ulrichs  von  Augsburg1)  und  schrieb  das  Leben  des  h.  Meginrad*), 
welches  aber  fast  keinen  geschichtlichen  Werth  hat. 

Unter  ihm  erwuchs  im  Kloster  Hermann,  genannt  der  Lahme 
(Contractus),  denn  er  war  von  früh  an  gichtbrUehig;  er  safs  in  einem 
Tragstuhl  und  konnte  ohne  Hülfe  nicht  einmal  seine  Lage  ändern; 
ja  er  konnte  nur  mit  Mühe  verständlich  sprechen.  Seine  Eltern, 
der  schwäbische  Graf  Wolverad  und  dessen  Gemahlin  Hiltrude,  hatten 
ihn  in  seinem  siebenten  Jahre  (1020)  den  Wissenschaften  übergeben3); 
im  dreifsigsten  Jahre  nahm  Bemo  ihn  unter  die  Zahl  der  Mönche 
auf,  und  von  da  an  hat  er  Reichenau  nie  verlassen.  Dennoch  er- 
streckte sich  seine  Wirksamkeit  in  weite  Feme,  denn  zahlreiche 
Schüler  strömten  ihm  von  allen  Seiten  zu,  angezogen  durch  den 
Ruf  seiner  Gelehrsamkeit,  und  seine  Milde,  seine  liebevolle  Freund- 
lichkeit gewannen  ihm  allgemeine  Verehrung  und  die  zärtlichste  An- 
hänglichkeit seiner  Schüler  bis  an  seinen  Tod  am  24.  Sept.  1054. 
Es  scheint,  dafs  Hermann  sogar  Arabisch  verstand;  Kenntnifs  des 
Griechischen  war  in  Reichenau  gar  nicht  selten.  Besonders  aber 
zeichneten  ihn  mathematische  und  astronomische  Kenntnisse  aus, 
von  denen  verschiedene  seiner  Werke  Zeugnifs  geben.  Nicht  minder 
geschätzt  war  er  als  Musiker  und  als  Dichter  und  eine  ziemlich 
umfangreiche  Dichtung  von  ihm,  welche  uns  erhalten  ist,  der  Wett- 
kampf des  Lammes  und  des  Flachses 4),  ist  sowohl  durch  Inhalt  und 
Gedanken,  wie  durch  die  Reinheit  und  Anmuth  der  Form  sehr  an- 
sprechend; Die  mannigfache  Nutzbarkeit  des  Schafes  und  seiner 
Produkte  und  des  Flachses  wird  darin  mit  einander  verglichen,  und 
es  wird  dabei  über  Gewerbe  und  Manufaktur  jener  Zeit  mancherlei 
Nachricht  gegeben. 

Das  Hauptwerk  Hermanns  aber  ist  seine  Chronik6),  welche 
mit  Christi  Geburt  beginnt  und  von  den  grofsen  Weltchroniken 
dieser  Zeit  die  erste  ist.  Aus  vielen  Quellen  mosaikartig  zusammen- 


’)  Später  ist  es  auch  zu  einem  deutschen  Gedichte  verarbeitet,  herausgegeben 
von  Schmeller,  München  1844. 

2)  Mab.  IV,  2,  63.  Vgl.  oben  S.  151.  Briefe  von  Bemo  bei  Pez,  Thcs.  VI, 
1,  199-222. 

*)  Litteri»  traditu»,  sagt  er  selbst.  Ob  er  gleich  damals  nach  Reichenau 
kam,  ist  nicht  bekannt,  aber  wahrscheinlich,  weil  sonst  wohl  Berthold  etwas  über 
die  Veränderung  seines  Aufenthaltes  gesagt  hätte.  Auch  war  schon  ein  Verwandter 
seiner  Mutter,  der  oben  erwähnte  Rudpert,  Mönch  in  Reichenau. 

*)  Conßidus  ovis  et  Uni,  bei  Dumeril,  Poesies  populaires  p.  379,  am  Ende 
unvollständig.  Eine  vollständige  Ausgabe  ist  in  Haupts  Zeitschritt  zu  erwarten. 

6)  Herimanni  Augiensis  Chronicon  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  V,  67 — 133.  Ueber- 
setzung  von  Nobbe.  1851.  8. 


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Chronik  Hermanns  des  Lahmen. 


239 


gesetzt,  ist  sie  ein  Denkmal  seines  grofsen  Fleifses,  seiner  aufser- 
ordentlichen  Belesenheit  und  seiner  sorgfältigen  Genauigkeit.  'ln 
der  chronologischen  Anordnung  der  Ereignisse  besteht  ihr  Haupt- 
verdienst ; deshalb  besonders  wurde  sie  von  den  Zeitgenossen  so  sehr 
geschätzt  und  darauf  war  auch  Hermanns  Augenmerk  gerichtet. 
Eine  zusammenhängende  Darstellung,  ein  Eingehen  auf  die  geschicht- 
liche Verbindung  der  Ereignisse,  ihre  Ursachen  und  Folgen  lag 
aufserhalb  seines  Planes.  Von  den  früheren  roh  zusammengestellten 
Annalen  unterscheidet  ihn  theils  die  gröfeere  Sorgfalt  und  Genauig- 
keit der  Arbeit,  theils  die  gröfsere  Vollständigkeit  und  die  verständige 
Auswahl  dessen,  was  er  aufgenommen  hat.  Wo  er  sich  seiner  eige- 
nen Zeit  nähert,  wird  er  ausführlicher  und  erhebt  sich  vom  J.  1039 
an  zu  einer  Quelle  ersten  Banges  Uber  die  Zeitgeschichte  bis  zum 
J.  1054,  seinem  Todesjahre,  denn  bis  dahin  hat  er  die  erst  in  den 
letzten  Jahren  seines  Lebens  begonnene  Chronik  fortgeführt.  Das 
Ebenmafs  seines  Werkes  wird  dadurch  freilich  gestört,  wie  er  denn 
auch  nicht  selten  unbedeutende  und  nur  ihm  persönlich  wichtige 
Vorfälle  den  Weltbegebenheiten  eingereiht  hat.  Uebrigens  bleibt 
auch  in  diesem  letzten  Theile  die  ruhige,  auf  gedrängte  Mittheilung 
der  Thatsachen  beschränkte  Natur  der  Chronik,  dem  Stile  der  alten 
Annalen,  welche  er  vor  sich  hatte,  entsprechend.  Ob  Hermanns 
historische  Begabung  Uber  das  sorgsame  Sammeln  von  Nachrichten 
und  ihre  chronologische  Anordnung  hinausging,  würden  wir  vielleicht 
beurtheilen  können,  wenn  uns  sein  zweites  GeBchichtswerk , die 
Thaten  Konrads  und  Heinrichs,  vorläge.  Doch  hat  Pertz  nicht  ohne 
Grund  die  Vermuthung  aufgestellt,  dafs  hierunter  die  von  Wipo 
hinterlassene  Schrift  zu  verstehen  ist,  an  welche  Hermann  wohl  nur 
die  letzte  Hand  gelegt  hat.  Otto  von  Freising  hat  dieselbe  noch 
gekannt  und  benutzt1). 

Frühzeitig  ist  Hermanns  Chronik  in  einen  Auszug2)  gebracht, 
der  ohne  allen  geschichtlichen  Sinn  gemacht  ist  und  mit  seinen  ab- 
gerissenen Notizen  kaum  von  Nutzen  sein  konnte.  Dennoch  fand  er 
grofse  Verbreitung,  wurde  mit  Zusätzen  versehen  und  diente  später 
zur  Grundlage  anderer  Annalen,  wie  der  Melker  und  Salzburger; 
besonders  aber  beruht  darauf  die  sogenannte  Wirzburger  Chronik, 
auf  welche  wir  später  zurückkommen  werden. 

*)  lieber  die  von  Waitz  und  Pertz  hierher  gezogenen  Fragmente  beim  Anna- 
listen und  Chronographus  Saxo  s.  oben  S.  225. 

*)  Oie  sog.  Epitome  Sangaüensis,  zuerst  von  Sichard  1529  als  Hermanns 
Chronik  herausgegeben.  Die  Zusätze  finden  sich  in  der  Ausgabe  von  Pertz  unter 
dem  Texte. 


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240 


IV.  Salier.  § 6.  Die  Klöster  des  Schwarzwaldes. 


§ 6.  Die  Klöster  des  Schwarzwaldes. 

Hermann  der  Lahme  erlebte  nicht  mehr  die  Zeiten  der  Ver- 
wirrung; er  war  noch  nicht  gezwungen,  die  schwere  Wahl  zwischen 
Kaiser  und  Papst  zu  treffen.  In  der  Regel  stellten  sich  diese  ehren- 
wertlien  alten  Benediktiner  Stifter  auf  die  Seite  des  Kaisers,  und 
das  Eindringen  des  neuen  mönchischen  Geistes  hatte  Reichenau 
glücklich  abgewehrt;  Hermanns  Schüler  aber  wurden  davon  ergriffen. 

Die  Richtung  und  Entwickelung  der  Kirche,  welche  mit  GregorVII 
zur  Herrschaft  kam,  ging  vornehmlich  von  Cluny  aus,  und  einer 
ihrer  stärksten  Vorposten,  in  engster  Verbindung  mit  Cluny,  waren 
die  Klöster  des  Schwarzwaldes.  Hier  verkehrten  die  Legaten  und 
Gegenkönige,  hier  feierten  sie  ihre  Feste,  hier  suchten  sie  und  ihre 
Anhänger  Zuflucht  in  Zeiten  der  Noth.  Die  Mönche  von  Ebersheim 
im  EIsafB  haben  Rudolf  von  Reinfelden  sogar  seine  Krone  geschmie- 
det. Es  war  nicht  wie  bei  den  Sachsen  eine  zufällige  Ueberein- 
stimmung  in  der  Opposition  gegen  das  Reich,  welche  diese  Mönche 
mit  Gregor  zusammenführte,  sondern  der  reine  dogmatische  Eifer. 
Sie  lebten  in  der  Vorstellung  von  der  päpstlichen  Allgewalt  und 
konnten  einen  anderen  Standpunkt  gar  nicht  begreifen. 

In  Verbindung  mit  Cluny  standen  diese  Klöster  wohl  schon 
lange.  Ein  rocht  lebendiges  und  festes  Band  aber  knüpfte  sich  erst 
durch  Wilhelm  von  Hirschau.  Dieser  führte  auf  den  Rath  des 
bekannten  päpstlichen  Legaten  Bernhard,  Abt  von  S.  Viktor,  der  sich 
1077  ein  ganzes  Jahr  lang  bei  ihm  aufhielt,  die  Cluniacenser  Regel 
in  seinem  Kloster  ein,  und  von  hier  aus  verbreitete  sich  nun  der 
Hirschauer  Orden  nach  allen  Seiten;  neue  Klöster  wurden  gestiftet 
und  alte  nach  der  neuen  Weise  reformirt.  Hirschauer  Mönche  kamen 
nach  Reichenbach  und  S.  Georgen  im  Schwarzwald,  nach  Schaff- 
hausen *),  Petershausen  und  Pfävers,  nach  Weilheim  (später  auf  den 
Petersberg  bei  Freiburg  verlegt)  und  Zwifalten,  Blaubeuern  und 
Isny,  Wiblingen  und  Ochsenhausen,  nach  Komburg  in  Franken,  nach 
Fischbachau  und  Scheiem,  Prüfling  und  Ensdorf  in  Baiern,  nach  dem 
Petersberg  bei  Erfurt,  Reinhardsbrunn,  Goseck,  Hasungen  und  Magde- 
burg, nach  Admunt  in  Steiermark,  S.  Paul  in  Kärnten.  Otto  von 
Bamberg  führte  in  allen  seinen  Klöstern  die  Hirschauer  Regel  ein. 
Derselben  Richtung  gehörte  S.  Blasien  im  Schwarzwalde  an.  Hier 

■)  Die  Griindungsgeschichte  (1052)  im  Buch  der  Stifter,  Mones  Quellensamm- 
lung S.  80 — 98,  welches  aufser  der  urkundlichen  Relatio  Burcardi  comitis  (Mones 
Anzeiger  1837  S.  3 ff.)  eine  spätere  deutsche  Lebensbeschreibung  des  Stifters,  Grafen 
Eberhard  von  Nellenbure,  mit  Fortführung  bis  c.  1106  enthalt.  Das  Thatsächliche 
enthalten  die  Relatio  und  Bernold. 


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Leben  Wilhelms  von  Hirschau,  Ulrichs  von  Zell. 


241 


wurde  Hartmann,  früher  Propst  von  S.  Nikola  bei  Passau,  des  Gegen- 
königs Rudolf  Kaplan,  Mönch  und  Prior;  dann  aber  1091  Abt  von 
Götweich,  wohin  er  eine  Colonie  aus  S.  Blasien  führte  und  bald 
wurden  ihm  auch  8.  Lambert  in  Steiermark,  Kempten,  8.  Ulrich  und 
Afra  in  Augsburg  anvertraut.  Nach  Kremsmünster  kamen  Mönche 
aus  Gottesau,  einer  Hirschauer  Colonie  im  Sprengel  von  Speier. 
Bischof  Burchard  von  Basel  aber  unterwarf  1105,  eingedenk  der 
alten  Freundschaft  und  innigen  Verbindung,  das  von  ihm  gestiftete 
Kloster  S.  Alban  bei  Basel  unmittelbar  dem  Abte  von  Cluny. 

Diese  merkwürdige  und  folgenreiche  Entfaltung  des  neuen 
Mönchthums  verdiente  wohl  eine  eigene  Untersuchung1);  zahlreiche 
Quellen  bieten  einzelne  Züge  dazu,  wir  können  hier  nur  einige 
nennen,  welche  unmittelbar  diesen  Gegenstand  berühren.  Dahin 
gehört  das  Leben  des  Abtes  Wilhelm  von  Hirschau3)  (1069 — 1091). 
Es  soll  bald  nach  seinem  Tode  von  dem  Prior  Haimo  verfafst,  später 
aber  überarbeitet  sein.  Völlig  im  Legendenstil  geschrieben,  gerade 
die  wichtigsten  Gegenstände  kaum  berührend,  ist  es  nur  von  sehr 
geringem  Nutzen.  Ungleich  bedeutender  ist  das  Hirsehauer  Buch3), 
welches  die  zuverlässigsten  Nachrichten  Uber  die  Ausbreitung  des 
Ordens  gewährt;  es  hat  aber  einen  halb  urkundlichen  Charakter, 
nicht  die  Form  eines  Geschichtswerkes. 

Lehrreicher  als  das  Leben  Wilhelms  ist  das  Leben  des  Priors 
Udalrich  von  Zell4),  einem  Cluniacenser  Priorat  im  Selrwarz- 
walde,  der  wie  Wilhelm  aus  Regensburg  stammte,  von  klein  auf  mit 
ihm  befreundet  war  und  in  Cluny,  wo  er  Mönch  geworden,  auf 
Wilhelms  Wunsch  die  dortigen  Gewohnheiten  aufschrieb  und  nach 
Hirschau  schickte.  Auch  seine  Biographie  ist  uns  aber  in  ihrer 
ursprünglichen  Gestalt  nur  fragmentarisch  erhalten;  eine  wenig 
spätere  Ueberarbeitung  hat  bereits  manchen  geschichtlich  wichtigen 


')  Einiges  hat  Stalin  znsammengestellt,  Wirt.  Gesch.  II,  685  ff.  Vgl.  auch  den 
Codex  epistolaris  von  Reinhardsbrunn  im  Archiv  £ Kunde  österr.  G.  Q.  V,  1 — 66. 

*)  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XII,  209 — 225. 

3)  Codex  Hirsaugiensis , im  ersten  Bande  der  Bibi,  des  Lilter.  Vereins  in 
Stuttgart.  Die  dem  Traditionsbuche  vorausgeschickte  Abtgeschichte  ist  aus  dem 
Ende  des  zwölften  Jahrhunderts,  mit  einem  Zusatz,  der  bis  1205  reicht.  Dem 
Gegenstände  nach  gehören  hierher  auch  die  Casus  monasterii  Petrishusen  und  die 
Zwifalter  Quellen. 

4)  Vita  Udalrici  Cellensis,  Mab.  VI,  2,  781,  Acta  SS.  Jul.  III,  152  die  zweite 
Bearbeitung;  Mon.  SS.  XII,  249 — 267  die  Fragmente  der  ersten  und  Excerpte  der 
zweiten  von  Wilmans  herausgegeben.  Nach  dem  Anon.  Meli.  c.  110  schrieb  Udal- 
rich  ein  Leben  Hermanns  von  Zeringen,  der  als  Mönch  in  Cluny  starb, 
Bischof  Gebhards  von  Konstanz  Bruder.  Vgl.  Ficbler,  Berhtold  der  Bärtige, 
Mannh.  1856. 

16 


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242  IV.  Salier.  § 6.  Hirschau.  § 7.  Bernold  u.  Berthold. 

Zug  verwischt  und  dafür  die  Masse  der  Wunder  ansehnlich  ver- 
mehrt, wie  wir  das  bei  fast  allen  Heiligenleben  beobachten  können. 

Beachtenswerth  ist  neben  dem  überschwänglichen  Lobe  eine 
entgegengesetzte  Stimme,  die  sich  aus  dem  Kloster  Lorsch  verneh- 
men liefs,  als  auch  hier  Hirschauer  Mönche  gewaltsam  eingefiihrt 
wurden,  eine  Klage  der  alten  Mönche  in  Versen,  worin  den  neuen 
Mönchen  alles  Ueble  nachgesagt  wird1). 

§ 7.  Bernold  und  Berthold. 

Die  Mönche  der  neuen  Richtung,  welche  sich  vorzüglich  in  der 
zweiten  Hälfte  des  elften  Jahrhunderts  in  Deutschland  ausbreiteten 
und  theils  unmittelbar,  theils  auf  verschiedenen  Umwegen  von  Cluny 
ausgegangen  waren,  kämpften  für  das  Haupt  ihrer  Partei,  für  Hilde- 
brand, mit  allen  Waffen  deren  sie  fähig  waren,  und  vor  allem  mit 
der  Feder.  Mit  zahlreichen  Streitschriften  traten  sie  den  Schrift- 
stellern der  kaiserlichen  Partei  entgegen 2),  und  auch  die  Geschicht- 
schreibung mufste  sich  an  dem  Kampfe  betheiligen;  es  war  nicht 
länger  möglich,  die  unparteiische  Ruhe  und  würdevolle  Haltung  der 
alten  Annalen  zu  bewahren. 

Im  eifrigsten  gregorianischen  Sinne  schrieb  Bernold  seine 
Chronik 3) , wie  er  denn  auch  so  recht  mitten  unter  den  Gegnern 
Heinrichs  IV  lebte.  Er  hatte  die  Schule  in  Konstanz  besucht , war 
dann  in  S.  Blasien  Mönch  geworden  und  später  in  das  Kloster  Schaf- 
hausen eingetreten.  Otto  von  Ostia,  der  päpstliche  Legat,  weihte 
ihn  1084  zum  Priester,  und  bald  darauf  zog  er  mit  dem  Gegenkönig 
Hermann  in  den  Krieg  und  war  zugegen  in  der  Schlacht  bei  Bleich- 
feld 1086.  Ihm  ist  Heinrich  IV  Antiochus,  seine  Gegner  sind  die 
Makkabäer,  und  was  diese  mit  den  Waffen  vollfuhren,  das  verkündet 
er  den  Gläubigen  und  Getreuen  zum  Preise  und  zur  Ehre  Gottes4). 
Seine  Auffassung  ist  dadurch  natürlich  einseitig  und  gefärbt,  doch 
läfst  er  sich  nicht  wie  Bruno  und  andere  durch  parteiischen  Eifer 
zu  Lügen  und  Fabeln  fortreifsen;  er  strebt  nach  Wahrheit  und  be- 
richtet, was  er  erfährt  und  für  wahr  hält.  Dabei  aber  beurtheilt 
er  die  Menschen  von  seinem  Standpunkte  aus;  es  ist  wieder  mehr 
Wärme  in  die  Geschichtschreibung  gekommen,  und  wenn  auch  die 

*)  Carmen  Laureshamcnsium  monachorum  expnlsorwn  ad  Heinricum  V contra 
Hirsaugienses  a.  1111,  gedruckt  in  Goldasts  Apologia  pro  Heinrico  IV  p.  233. 

2)  s.  Stenzei  I,  496  ff.  Helfenstein  153. 

3)  Bernoldi  Chroniron  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  V,  385 — 467.  Vgl.  Stenzei  11,  100. 
Stälin  II,  7. 

4)  ad  laudem  et  gloriam  dei  fidelibus  annunciare  curavi,  über  die  Schlacht 
bei  Bleichfeid. 


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Bernolds  Chronik.  Berthold  von  Reichenau.  243 

Gefahr  parteiischer  Darstellung  gröfser  ist,  so  wird  doch  dadurch 
auch  Veranlassung  gegeben,  Uber  das  blofse  Niederschreiben  der 
Thatsachen  hinauszugehen,  Ursachen  und  Motive  ins  Auge  zu  fassen. 

Bernolds  noch  jetzt  erhaltene  Urschrift  zeigt  uns,  dafs  er  sein 
Werk  1073  begann  und  es  dann  nach  und  nach  den  Ereignissen 
gleichzeitig  fortsetzte  bis  zum  3.  Aug.  1100;  am  16.  Sept.  desselben 
Jahres  starb  er.  Auch  er  gab  seiner  Chronik  die  Form  einer  Welt- 
geschichte, aber  sie  hat  fUr  die  früheren  Zeiten  keinen  selbständigen 
Werth.  Er  beginnt  mit  der  kurzen  Chronik  des  Beda,  verbindet 
damit  eine  Ueberarbeitung  von  Hermanns  Chronik,  die  er  bis  1072 
mit  einer  ziemlich  dürftigen  Fortsetzung  versah,  und  von  da  an 
trägt  er  nun  mit  grofser  Ausführlichkeit  alles  ein,  was  ihm  zu 
Ohren  kommt.  Wir  sehen  in  seiner  Handschrift  mit  der  gröfsten 
Deutlichkeit,  wie  er  die  einzelnen  Sätze  in  Zwischenräumen  eintrug, 
und  je  nachdem  er  Uber  frühere  Ereignisse  bessere  Nachrichten  er- 
hielt, auch  hier  noch  änderte  und  zusetzte.  Von  einer  eigentlichen 
Form  der  Darstellung  kann  dabei  kaum  die  Rede  sein;  um  so  gröfser 
und  schätzbarer  aber  ist  die  Zuverlässigkeit  und  namentlich  die 
chronologische  Sicherheit  dieser  völlig  gleichzeitigen  Eintragungen. 

Bernold  zur  Seite  steht  ein  anderer  Fortsetzer  des  Hermann, 
Berthold,  der  ganz  derselben  Richtung  angehörte.  Er  war  ein 
Mönch  von  Reichenau,  Hermanns  Schüler  und  vertrauter  Freund. 
Als  sein  Lehrer  und  Meister  auf  dem  Todtenbette  lag,  rief  er  Ber- 
thold noch  einmal  zu  sich,  sagte  ihm,  dafs  er  sein  Ende  nahen  fühle, 
und  ermahnte  ihn,  seine  (Hermanns)  angefangene  Schrift  de  vitiis 
zu  vollenden.  Später,  jedoch  erst  im  J.  1076,  unternahm  Berthold 
auch  die  Fortsetzung  der  Chronik.  Er  fügte  zu  derselben  ein  kurzes 
aber  mit  Wärme  und  Liebe  gezeichnetes  Lebensbild  seines  Lehrers 
hinzu  und  knüpfte  daran  eine  Fortsetzung,  zu  welcher  er  bereits 
Bernolds  Chronik  benutzte.  Seine  eigenen  Zusätze  aber  werden 
immer  bedeutender,  und  1074  beginnt  eine  völlig  selbständige,  sehr 
ausführliche  Darstellung,  die  uns  leider  nur  bis  zum  Jahre  1080 
erhalten  ist.  Gestorben  ist  Berthold  am  12.  März  1088  in  hohem 
Alter ').  Auch  er  gehörte  zu  den  eifrigsten  Gegnern  Heinrichs  IV ; 
was  Gregor  VH  in  seinen  Briefen  sagt,  benutzt  er  ohne  Weiteres  als 
Geschichte,  und  wir  erfahren  von  ihm  die  Ereignisse  eben  nur,  wie 
sie  von  seiner  Partei  betrachtet  und  dargestellt  wurden.  Aber  auch 
er  berichtet  von  seinem  Standpunkte  aus  mit  Wahrheitsliebe,  sehr 

')  Bertholdus,  doctor  egregius,  in  sacris  litteris  adprime  cruditus,  in  senectule 
bona  plenus  dierum  migravit  ad  Dominum  4.  Idus  Martü.  Bernoldi  Chronicon  ad 
a.  1088. 

16  * 


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244  IV.  Salier.  § 7.  Berthold.  § 8.  Konstanz.  Augsburg. 

umständlich  und  sorgsam.  Sein  Werk  ist  für  uns  deshalb  vom 
gröfsten  Werthe,  und  es  ist  sehr  zu  bedauern,  dafs  ihm  nicht  nur 
das  Ende  fehlt,  sondern  auch  der  frühere  Theil  nur  unvollständig 
erhalten  ist.  Wir  kennen  es  nur  aus  einer  grofsen  Compilation, 
welche  Auszüge  aus  Bernolds  und  Bertholds  Chroniken  mit  einander 
verbindet;  Bernolds  eigene  Handschrift  gab  Pertz  ein  sicheres  Mittel, 
das  auszuscheiden,  was  diesem  angehört  und  den  Rest  als  Bertholds 
Werk  herauszugeben1). 

§8.  Konstanz.  Augsburg. 

Von  den  Klöstern  des  Konstanzer  Sprengels  hat  uns  Reichenau 
bereits  beschäftigt;  in  S.  Gallen  wurden  die  Annalen  noch  bis  zum 
J.  1044  in  ausführlicher  Weise  fortgesetzt,  und  nähern  sich  in  diesem 
Abschnitte  am  meisten  einer  Reichsgeschichte.  Dann  aber  verstum- 
men sie;  das  Stift  wurde  bald  darauf  in  die  politischen  Wirren 
hineingezogen;  als  Zankapfel  zwischen  beiden  Parteien  gerieth  es 
in  tiefen  Verfall,  und  die  Feder  ruhte.  Aus  Pfävers  liegt  eine 
kurze,  doch  nicht  unwichtige  Erzählung  vor,  die  aber  erst  dem  Ende 
dieser  Periode  angehört  und  von  der  glücklichen  Vertheidigung  der 
Unabhängigkeit  des  Klosters  gegen  die  Bischöfe  von  Konstanz  Zeug- 
nifs  giebt2). 

Konstanz  selbst  war  eifrig  päpstlich;  hier  wirkte  als  Vor- 
steher der  Schule  Bernhard,  der  Lehrer  Bernolds,  welcher  auch  in 
Hildesheim  und  in  Korvei  gelehrt  hat  und  1088  starb;  ein  anderer 
Bernhard,  aus  dem  Kloster  Hirschau,  leitete  die  Schule  des  Klosters 
Petershausen , jenseit  des  Rheines.  Bekannt  ist  der  Name  des 
Bischofs  Gebhard  U (1084 — 1110)  als  eines  der  eifrigsten  und 
thätigsten  Vorkämpfer  der  päpstlichen  Ansprüche.  Auch  er  war  ein 
Mönch  des  Klosters  Hirschau,  ein  Sohn  Bertholfs  von  Zäringen;  sein 
Bruder,  der  Markgraf  Herrmann,  starb  als  Mönch  in  Cluny.  Im  J. 
1084  wurde  Gebhard  zugleich  mit  Bernold  vom  Cardinal  Otto  von 
Ostia  geweiht  zum  Priester  und  Bischof,  und  wenn  die  Kaiserlichen 
die  Ueberhand  gewannen,  fand  er  in  Hirschau  und  S.  Blasien  seine 
Zuflucht.  Es  ist  eine  Biographie  von  ihm  vorhanden  gewesen,  aber 
leider  spurlos  verloren’).  Sein  zweiter  Nachfolger  Ulrich  H (1127 

’)  Bertholdi  Annales  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  V,  2G4 — 326.  Giesebrecht,  Kaiser- 
zeit II,  524  bezeichnet  die  Sichardsche  Handschrift,  3 bei  Pertz,  als  diejenige,  welche 
allein  die  ursprüngliche  Gestalt  erkennen  läfst  Waitz  in  den  Nachrichten  von  d. 
Gott.  Univ.  1857  S.  62  bezweifelt  die  Benutzung  Bernolds  bei  Berthold. 

2)  Narratio  de  libertate  ecclesiae  Fabariensis  ed.  Bethmann.  Mon.  SS.  XII, 
410—414. 

8)  cuiud  vita  eximia  luculento  sermone  descripta  /uibetur.  Cod.  Hirsaug.  p.  21. 


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S.  Gallen.  Konstanz.  Augsburg. 


245 


bis  1139)  veranlafste  die  Lebensbeschreibung  des  alten  Bischofs 
Konrad  von  Konstanz,  deren  Verfasser  Udalschalk  sogleich  zu  er- 
wähnen sein  wird. 

In  Augsburg  machte  der  Bischof  Emmerich  oder  Embrico 
(1063 — 1077)  früher  Propst  zu  Mainz,  sich  verdient  um  die  Dom- 
bibliothek, indem  er  viele  Bücher  abschreiben  liefs1).  Bald  nach 
seinem  Tode  aber  wurde  auch  dieses  Bisthum  von  dem  grofsen  Zwie- 
spalt der  höchsten  Gewalten  ergriffen.  Es  standen  sich  hier  beide 
Parteien  mit  der  leidenschaftlichsten  Erbitterung  gegenüber.  Der 
kaiserliche  Bischof  Hermann  (1096 — 1132)  wird  von  den  Gegnern 
mit  den  schwärzesten  Farben  geschildert,  und  doch  ist  er  es  ge- 
wesen, welcher  Gerhoh  von  Reichersberg  als  Scholaster  anstellte. 
Im  Domkapitel  wurden  ziemlich  ausführliche  Annalen2)  verfafst,  die 
im  kaiserlichen  Sinne  geschrieben  sind  und  bis  1104  reichen;  sie 
sind  schätzbar  und  willkommen  als  eine  der  wenigen  Stimmen  von 
dieser  Seite,  aber  an  Reiehtlium  des  Inhaltes  stehen  sie  hinter  Ber- 
nold weit  zurück. 

Weniger  entschieden  in  ihrer  Gesinnung,  aber  doch  auch  Hein- 
rich IV  günstig  sind  die  kurzen  Annalen  von  Ottenbeuern  bei 
Memmingen  bis  1113,  die  sich  einem  Auszuge  aus  den  Hersfelder 
Annalen  bis  1039  anschliefsen3). 

Zu  den  unerschütterlichsten  Anhängern  der  Gegenpartei  gehörte 
dagegen  der  Abt  Egino  von  S.  Ulrich  und  Afra  (1109  — 1120). 

Schon  als  Mönch  war  er  aus  dem  Kloster  entwichen,  weil  der 
Abt  Sigehard  dem  Kaiser  anhing;  er  hatte  damals  in  S.  Blasien  eine 
Zuflucht  gefunden,  bis  Bischof  Gebhard  von  Konstanz  ihn  in  seine 
Kapelle  aufnahm  und  ihn  mehrfach  zu  gefahrvollen  Sendungen  an 
Paschalis  H verwendete.  Nach  der  Herstellung  des  Friedens  be- 
riefen ihn  die  Mönche  von  S.  Ulrich  und  Afra  1109  aus  S.  Blasien 
zum  Abte.  Aber  bald  trat  neue  Feindschaft  mit  dem  Bischof  Her- 
mann ein,  und  als  dieser  dem  von  Heinrich  V eingesetzten  Papste 
Burdinus  anhing,  verliefs  Egino  sein  Kloster.  Ihn  begleitete  Udal- 
schalk und  folgte  ihm  auch  1120  nach  Rom,  wo  er  eine  Schrift 
Uber  die  jüngst  vergangenen  Ereignisse  verfafste,  zum  Preise  seines 

*)  Archiv  VII,  118.  Verzeichnifs  in  Steicheles  Archiv  für  die  Geschichte  von 
Augsburg  1,  13. 

2)  Annales  Angustani,  Mon.  SS.  III,  123  — 136.  Vgl.  Stalin  II,  9.  Waitz, 
Nachrichten  von  der  Gott  Univ.  1857  S.  58  hat  nachgewiesen,  dafs  die  Jahre 
1000 — 1054  mit  wenigen  Zusätzen  aus  Herrn.  Contr.  excerpirt  sind. 

*)  Annales  Ottenburani,  zum  ersten  Male  gedruckt  von  Pertz,  Mon.  SS.  V, 
1 — 9.  Ueber  die  Klosterchronik  s.  unten  V,  14. 


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246  IV.  Salier.  § 8.  Konstanz.  Augsburg.  § 9.  Regensburg. 

Abtes  und  voll  bitteren  Tadels  seiner  Gegner1).  Es  ist  nicht  zu 
verwundern,  dafs  sie  einseitig  und  leidenschaftlich  ausgefallen  ist, 
auch  ist  die  Sprache  häufig  schwülstig,  aber  der  Inhalt  ist  um  so 
werthvoller,  da  die  Actenstücke  Uber  diese  Gegenstände  vollständig 
aufgenommen  sind.  Leider  reicht  die  Erzählung  nur  bis  zum  Jahre 
1118,  entweder  weil  das  Ende  verloren  ist,  oder  weil  Udalschalk 
selbst  an  ihrer  Vollendung  verhindert  wurde  durch  den  Tod  des 
Abtes,  welcher  am  15.  Juli  desselben  Jahres  1120  auf  der  Rückreise 
in  Pisa  starb.  Udalschalk  verfafste  über  diesen  Trauerfall  ein  aus- 
führliches Schreiben  und  ein  Gedicht;  dann  suchte  er  eine  Zuflucht 
in  Konstanz,  wo  ihn  der  Bischof  Ulrich,  welcher  seinen  Vorgänger 
Konrad  zum  Heiligen  erhoben  zu  sehen  wünschte,  veranlafste,  das 
Leben  desselben  zu  schreiben.  Geschichtliche  Nachrichten  darüber 
standen  wenig  zu  Gebote;  Udalschalk  mufste  sich  auf  einige  münd- 
lich erzählte  Geschichtchen,  die  üblichen  Phrasen  der  Legende  und, 
was  die  Hauptsache  war,  die  Wunder  an  seinem  Grabe  beschrän- 
ken2), und  mit  diesem  Werke  begab  er  sich  1123  nach  Rom,  wo  er 
die  Heiligsprechung  auch  glücklich  auswirkte.  Noch  in  demselben 
Jahre  fand  die  feierliche  Erhebung  der  Gebeine  statt,  mit  welcher 
die  Lebensbeschreibung  beschlossen  wurde.  Im  folgenden  Jahre 
wurde  Udalschalk  selbst  zum  Abte  seines  Klosters  geweiht;  er  lebte 
noch  bis  gegen  das  Jahr  1150  und  schrieb  verschiedene  Legenden 
und  Kirchengesänge,  welche  unserer  Aufgabe  fern  liegen3).  Auch 
das  auf  den  Wunsch  des  Bischofs  Walther  von  Augsburg  (1133-1150) 
verfafste  Leben  seines  Vorgängers  Adalbero  (887 — 910)  kann  nicht 
zu  den  Geschichtsquellen  gerechnet  werden,  da  es  ihm  an  allem 
historischen  Inhalte  fehlt4). 

§ 9.  Regensburg. 

Indem  wir  uns  nach  dem  nahen  Baierlande  wenden,  müssen 
wir  wieder  zum  Anfang  dieser  Periode  zurückkehren.  Damals  lebte 
im  Kloster  S.  Emmeram  Arnold,  aus  dem  Hause  der  Markgrafen 
von  Vohburg,  ein  lernbegieriger  Jüngling,  der  sich  eifrig  dem  Stu- 
dium der  alten  Klassiker  hingab.  Aber  bald  ergriffen  ihn  Gewissens- 
zweifel Uber  diese  Vorliebe  für  die  heidnischen  Schriftsteller,  und 
er  wandte  sich  ab  von  diesen  Fallstricken  des  Teufels.  Doch  hatte 
er  sein  Gefühl  für  Sprache  und  Darstellung  so  verfeinert,  dafs  er 

0 Fodalscalcus  de  Eginone  et  Herimanno,  ed.  Jaffa',  Mon.  SS.  XII,  429 — 448. 

2)  Vita  Chuonradi  Constantiensis  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  436 — 445. 

s)  Sein  Registrum  tonorum  ist  abgedruckt  in  Steicbeles  Archiv  f.  d.  Gesch. 
d.  Bisth.  Augsburg  II,  68  — 78. 

4)  Die  Vorrede  allein  Mon.  SS.  IV,  383. 


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Udalschalk.  Arnold  von  Vohburg.  Otbloh. 


247 


das  alte,  vom  Bischof  Arbo  von  Freising  verfafste  Leben  des  h.  Em- 
meram zu  unvollkommen  fand  und  es  umzuarbeiten  gedachte.  Da 
erhoben  sich  die  Mönche  des  Klosters  gegen  dieses  Unterfangen, 
welches  ihnen  wie  ein  Sacrilegium  erschien;  sie  trieben  ihn  fort, 
und  er  begab  sich  nun  nach  Magdeburg,  wo  er  sich  mit  Meginfrid, 
dem  Vorsteher  der  Domschule  befreundete.  Dieser  unternahm  auf 
Arnolds  Bitte  eine  Erneuung  jener  Legende  von  S.  Emmeram , und 
später  hat  Arnold,  als  er  zurlickgekehrt  war,  sein  altes  Vorhaben 
doch  auch  noch  selbst  ausgeführt  und  ein  Buch  Uber  die  Wunder 
des  Heiligen  hinzugefügt.  Darauf  aber  verfafste  er  zwischen  den 
Jahren  1035  und  1037  ein  anderes,  für  uns  wichtigeres  Werk  Uber 
den  h.  Emmeram1),  eine  seltsam  geschmacklose  Schrift  in  Form 
eines  Dialoges  zwischen  Ammonicius  und  Collecticius.  Lange  Be- 
trachtungen und  Auslassungen  moralisirender  Art  sind  darin  ge- 
mischt mit  geschichtlichen  Nachrichten  Uber  die  ältere  Geschichte 
des  Klosters,  und  diese  haben  für  uns  nicht  geringen  Werth  als  die 
frühesten  einheimischen  Aufzeichnungen  Uber  die  Anfänge  der  Re- 
gensburger Kirche.  Leider  war  die  Kenntnifs  von  jenen  weit  ent- 
legenen Zeiten  bei  dem  Mangel  an  schriftlichen  Quellen  nur  unvoll- 
kommen, und  Arnold  verschweigt  aufserdem  einiges,  das  er  nur  in 
Andeutungen  berührt,  aus  Rücksicht  auf  noch  lebende  Nachkommen 
der  Feinde  S.  Emmerams.  Ueber  die  späteren  Schicksale  Regens- 
burgs  finden  sich  gelegentlich  erwünschte  Notizen  bei  ihm. 

Ein  jüngerer  Zeitgenosse  Arnolds  war  Othlon  oder  Otloh,  ein 
geborener  Freisinger ; als  Knabe  wurde  er  nach  Tegernsee  geschickt, 
um  die  Kunst  des  Schreibens  zu  lernen,  durch  welche  er  sich  in 
hohem  Grade  hervorthat.  Von  da  kam  er  nach  Uersfeld,  wo  er 
mit  Wolfher  zusammentraf.  Wie  Arnold  zog  auch  ihn  die  profane 
Litteratur  besonders  an,  für  Lucan  schwärmte  er,  aber  auch  er 
wandte  sich  dann  so  sehr  von  ihr  ab,  dafs  er  sogar  die  Fabeln  deB 
Avian  und  die  Catonischen  Sittensprüche  aus  dem  Jugendunterricht 
zu  verdrängen  suchte.  Bischof  Meginhard  (1018 — 1034)  berief  ihn 
wegen  seiner  Geschicklickeit  im  Schreiben  nach  Wirzburg,  1032  aber 
begab  er  sich  nach  S.  Emmeram,  wo  er  Mönch  wurde  und  die  Lei- 
tung der  Schule  erhielt,  welcher  er  lange  Zeit  Vorstand.  Es  herrschte 
dort  der  Geist  des  strengen  Mönchthums;  von  dort  wurde  Wilhelm 
1069  zum  Abt  von  Hirschau  berufen.  Der  Domschule  stand  der 

l)  De  Saneto  Emmeramino  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  IV,  543 — 574,  mit  Weglassung 
der  moralischen  Betrachtungen.  Vgl.  ßlumberger  im  Archiv  f.  österr.  G.  Q.  X,  364. 
Die  Annahme,  dafs  Emmeram  erst  im  achten  Jahrhundert  nach  Baiern  gekommen 
sei,  hält  jedoch  Merkel  nach  seinen  Untersuchungen  über  die  Lex  Baioariorum 
für  falsch. 


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248  IV.  Salier.  § 9.  Regensburg.  § 10.  Salzburg.  Passau. 

Meister  Gerald  vor,  welcher  1063  mit  Udalrich  nach  Cluny  ging, 
hier  Mönch  und  bald  darauf  Kardinal  und  Bischof  von  Ostia  wurde. 
Der  Bischof  Otto  aber  (1060 — 1089)  war  kaiserlich  gesinnt;  er  be- 
drängte das  Kloster  und  deshalb  entwich  Othloh  1062  nach  Fulda, 
wo  er  im  Archive  die  Briefe  des  Bonifaz  fand,  und  zu  einer  neuen 
und  umfassenden  Biographie  des  Heiligen  benutzte l).  Nachdem  er  sich 
dann  auch  noch  in  Ammerbach  aufgehalten  hatte,  kehrte  er  endlich 
1067  nach  S.  Emmeram  zurück,  wo  er  sich  von  nun  an  unablässig 
mit  schriftstellerischen  Arbeiten  beschäftigte  s).  Schon  ehe  er  nach 
Fulda  ging,  hatte  er  die  Legenden  von  S.  Nikolaus,  Altoa)  und  Wolf- 
gang geschrieben;  nach  seiner  Rückkehr  überarbeitete  er  auch  noch 
die  Legende  vom  h.  Magnus  auf  die  dringende  Bitte  des  Adalhalm, 
welcher,  um  zu  lernen,  von  Füfsen  nach  S.  Emmeram  gekommen 
war.  Geschichtliche  Bedeutung  hat  davon  nur  das  Leben  des  Bischöfe 
Wolfgang  (972 — 994),  welches  einige  schätzbare  Nachrichten  ent- 
hält4); es  ist  aber  auch  aufserdem  bemerkenswerth  durch  das  Streben 
des  Verfassers  nach  geschichtlicher  Wahrheit  und  die  von  ihm  geübte 
historische  Kritik,  wie  er  ja  auch  im  Leben  des  Bonifaz  auf  die 
sichere  Grundlage  der  Urkunden  zurückging.  Ueber  Wolfgangs  Leben 
lagen  ihm  zwei  ältere  Bearbeitungen  vor,  nämlich  die  oben  erwähnte 
Schrift  Arnolds  von  Vohburg  und  ein  älteres,  in  Franken  verfafetes 
Leben,  an  dem  er  nicht  nur  die  fehlerhafte  Sprache,  sondern  auch 
verschiedene  Widersprüche  mit  Arnolds  Angaben  und  der  münd- 
lichen Ueberlieferung  zu  tadeln  fand.  Abweichend  von  der  Sucht 
anderer  Legendenschreiber,  ihren  Heiligen  ungebührlich  zu  preisen, 
verwarf  er  z.  B.  die  Erzählung,  dafe  Wolfgang  den  König  der  Ungern 
getauft  habe.  Er  verband  nun  also  den  Stoff,  welcher  in  Arnolds 
formlosem  Werke  enthalten  ist,  mit  dem,  was  er  aus  jener  anderen 
Biographie  brauchbar  fand,  und  einigen  Zügen  aus  der  Tradition. 
Freilich  machte  er  sich  die  Sache  etwas  zu  leicht,  indem  er  die 
Worte  seiner  Vorgänger  so  wenig  verändert,  dafe  er  an  zwei  Stellen 
selbst  als  Zeitgenosse  Wolfgangs  spricht,  den  er  doch  nicht  mehr 
gesehen  hatte. 

l)  Mab.  III,  2,  28.  Da  die  Briefe  selbst  erhalten  und  bekannt  sind,  wurde  in 
die  Mon.  SS.  II,  357  nur  wenig  aufgenommen.  Retlberg  I,  331. 

*)  s.  darüber  seine  eigenen  Angaben  Mon.  SS.  XI,  391,  und  die  Vorrede  von 
Wilmans. 

3)  Vielleicht  die  Acta  SS.  Feb.  II,  359,  Mab.  III,  2,  218  gedruckte,  welche  vor 
der  Verlegung  des  Klosters  nach  Altorf  ( 1047)  doch  dem  Anschein  nach  in  Alten- 
münster  verfafst  ist.  Alto,  der  Gründer  von  Altenmünster  soll  ein  Schotte  aus 
der  Zeit  des  Bonifaz  gewesen  sein;  über  ihn  giebt  die  Legende  nur  eine  unsichere 
Tradition  und  über  die  Herstellung  des  Klosters  durch  Welf  sehr  wenig. 

4)  Othloni  Vita  S.  Wolfkangi  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  521—542. 


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Olhloh.  Benediktbeuern.  Tegernsee. 


249 


Aufiser  diesen  Legenden  verfafste  Othloh  auch  noch  verschiedene 
Werke  erbaulichen  Inhaltes,  und  darunter  zwei,  die  Bücher  der  Ver- 
suchungen und  der  Visionen1),  in  denen  er  viel  aus  seinem  Leben 
und  von  allerhand  anderen  Dingen  in  loser, Verknüpfung  ähnlich  wie 
Arnold  erzählt. 

Mit  der  Aufzeichnung  der  Zeitgeschichte  scheint  man  sich  in 
Regensburg  kaum  beschäftigt  zu  haben;  wenigstens  haben  sich  von 
dort  enstandenen  Annalen  nur  geringe  Spuren  erhalten.  Der  wich- 
tigen, leider  nur  fragmentarisch  erhaltenen  Altaicher  Annalen  ge- 
dachten wir  schon  oben;  auch  diese  reichen  aber  nur  bis  zum  Jahre 
1073,  denn  auch  dieses  Kloster  gerieth  durch  die  Bedrängnisse  jener 
rechtlosen  Zeit  nach  kurzer  Blüthe  wieder  in  Armuth  und  Verfall. 
Von  Altaich  aus  war  Tegernsee  reformirt,  und  von  hier  aus  kamen 
1031  Mönche  mit  dem  Abt  Ellinger,  den  im  folgenden  Jahre  Gothelm 
ablöste,  nach  Benediktbeuern,  wo  sie  eine  lebhafte  litterarische 
Thätigkeit  weckten.  Einige  Aufzeichnungen  Uber  die  Geschichte 
des  Klosters  und  eine  bis  1139  reichende  Hauschronik  geben  uns 
davon  Kunde*).  Tegernsee  selbst  entartete  bald  wieder,  erhielt  um 
die  Mitte  des  Jahrhunderts  auf  Heinrichs  IH  Befehl  Egbert  aus  Hers- 
feld,  dann  als  auch  dieser  wieder  entsetzt  war,  Seifried  aus  der 
Lütticher  Schule  zum  Abt;  es  scheinen  hier  mancherlei  Studien  be- 
trieben zu  sein  und  in  der  Kunstgeschichte  tritt  Tegernsee  bedeutend 
hervor,  aber  die  Geschichtschreibung  blühte  hier  nicht;  nur  die 
fabelhafte  Gründungsgeschichte  gehört  vielleicht  schon  diesem  Zeit- 
raum an,  und  der  Anfang  der  dürftigen  Klosterchronik  mag  aus  dem 
Beginn  des  zwölften  Jahrhunderts  stammen. 

Was  sonst  noch  vielleicht  an  geschichtlichen  Aufzeichnungen 
in  Baiern  um  diese  Zeit  entstanden  ist,  ging  uns  verloren,  denn  Uber 
den  bairischen  Handschriften  hat  leider  ein  Unstern  gewaltet.  So 
benutzte  noch  Aventin  den  Othochus,  einen  Freisinger  Historiker 
aus  Heinrichs  IV  Zeit,  der  nicht  unbedeutend  gewesen  zu  sein  scheint, 
von  dem  aber  sonst  keine  Spur  zu  finden  ist3). 

§ 10.  Salzburg  und  Passau. 

Im  südöstlichen  Vorlande  rief  erst  der  grofse  Zwiespalt  dieser 
Zeit  litterarische  Thätigkeit  hervor;  er  wirkte  befruchtend  durch  die 

*)  Libri  Temptationum  et  Visionum,  auszugsweise  herausgegeben  von  Wil- 
mans,  SS.  XI,  376—393. 

*)  Chron.  Benedictoburanum  ed.  Wattenbarh,  Mon.  SS.  IX,  210 — 238. 

3)  Vgl.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII,  252  n.  12.  Gicsebr. , Gesch.  d.  Kaiserzeit  II,  583. 
Waitz  erklärte  G.  G.  A.  1842  S.  398  den  Namen  Othochus  für  eine  Verdrehung  von 
Othloh,  meint  aber  ib.  1856  S.  1899,  dafs  an  Othloh  ja  wohl  nicht  zu  denken  sei. 


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250 


IV.  Salier.  § 10.  Salzburg  und  Passau. 


enge  Verbindung  mit  der  schwäbischen  und  sächsichen  Geistlichkeit, 
welche  die  Gemeinschaft  harten  Kampfes  mit  sich  brachte.  Wir  ge- 
dachten schon  oben  der  Beziehungen  des  Klosters  Hirschau  und  der 
S.  Blasianer  zu  diesen  Qegenden,  die  auch  in  der  deutschen  Litte- 
ratur  sehr  merklich  sich  kundgeben1). 

Auf  dem  Salzburger  Stuhle  eröffnete  Gebhard  (1060 — 1088) 
früher  königlicher  Kanzler,  die  Reihe  eifriger  Vorkämpfer  der  gre- 
gorianischen Grundsätze;  ihm  folgte  Thiemo  bis  1101,  Konrad  bis 
1147.  Lange  Zeit  waren  sie  unglücklich  im  Kampfe,  mufsten  ver- 
trieben aus  ihrem  Sprengel  weichen  und  harte  Verfolgung  ertragen, 
zuletzt  aber  behaupteten  sie  dennoch  das  Feld. 

Gebhard  führte  zuerst  (1074)  schwäbische  Mönche  aus  S.  Bla- 
sien ins  Land,  nach  Admunt,  das  später  unter  Thiemo  noch  einmal 
durch  Hirschauer  nach  fast  gänzlicher  Verödung  neu  gegründet 
wurde.  Gebhard  fand,  als  er  in  Salzburg  sich  nicht  länger  halten 
konnte,  eine  Zuflucht  bei  den  Sachsen  und  ist  aus  der  Geschichte 
als  ihr  Wortführer  bekannt.  WTir  besitzen  von  ihm  ein  Schreiben 
an  den  Bischof  Hermann  von  Metz  oder  vielmehr  eine  an  diesen 
gerichtete  Abhandlung,  in  welcher  er  die  gregorianischen  Grundsätze 
und  das  Verfahren  des  Papstes  vertheidigt3). 

Thiemo,  der  lange  vertrieben  in  Hirschau  weilte,  schlofs  sich 
zuletzt  der  unglücklichen  Kreuzfahrt  des  Herzogs  Welf  an  und  fand 
auf  derselben  seinen  Tod.  Vergeblich  verlangte  seine  verwaiste 
Heerde  nach  einem  Berichte  Uber  das  Ende  des  geliebten  Hirten, 
niemand  wufste  davon  zu  sagen;  aber  wie  es  so  häufig  erging, 
machte  sich  bald  jemand  diese  Lage  der  Dinge  zu  Nutze,  behauptete 
bei  seinem  Leiden  und  Sterben  zugegen  gewesen  zu  sein,  und  er- 
zählte entsetzliche  Greuel,  für  die  er  gläubige  Hörer  fand. 

Schon  Otto  von  Freising  widerlegt  seine  Fabeln;  uns  ist  aber 
diese  Schrift  eines  vorgeblichen  Augenzeugen  nicht  mehr  erhalten, 
sondern  nur  zwei  verschiedene  Bearbeitungen,  welchen  sie  zu  Grunde 
liegt.  Die  eine  ist  aus  Admunt.  Man  besafs  hier  eine  kurze  metrische 
Uebersicht  der  Folge  der  Salzburger  Erzbischöfe  bis  auf  diese  Zeit, 
welche  später  nach  und  nach  bis  ins  fünfzehnte  Jahrhundert  fort- 
gesetzt ist*).  An  diese  knüpfte  man  nun  im  Anfänge  des  zwölften 
Jahrhunderts  einige  kurze  Nachrichten  Uber  den  ersten  Stifter,  den 

>)  Diemer  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Ak.  VI,  334. 

s)  Zuerst  gedruckt  bei  Tengnagel,  Monumenta  adversus  schismaticos.  1612. 
Vgl.  Ilelfenstein  S.  111.  149. 

3)  Catalogus  praesulum  Salisburgensium,  Mon.  SS.  XI,  19 — 25.  Die  hier  be- 
rührten Schriften  sind  als  Gesta  Archiepiscoporum  Salisburgensium  zusammen 
berausgegeben  von  Wattenbach,  SS.  XI,  1 — 103. 


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Leben  des  Gebhard,  Thiemo,  Allmann,  Adalbero.  251 

Erzbischof  Gebhard,  und  fügte  dann,  wieder  zur  Poesie  übergehend, 
das  Leben  und  Sterben  seines  Nachfolgers  Thiemo  hinzu1).  Bei 
weitem  den  gröfsten  Theil  davon  füllt  das  Martyrium  desselben, 
welches  geschichtlich  werthlos  ist  und  nur  eine  recht  gute  Probe 
von  der  Formgewandheit  giebt,  die  man  in  der  Admunter  Schule 
sich  damals  erwerben  konnte.  Lehrreicher  ist  ein  zweites  Leben 
des  Thiemo,  welches  die  Zeiten  vor  dem  Kreuzzuge  ausführlicher 
behandelt,  jedoch  erst  um  die  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts  ver- 
fafst  und  daher  auch  Uber  jene  schon  ziemlich  fern  liegenden  Ereig- 
nisse nicht  frei  von  Fehlern  ist3).  Die  weitere  Fortbildung  dieser 
Litteratur  gehört  den  späteren  Epochen  der  kirchlichen  Kämpfe  an, 
und  wir  werden  dann  darauf  zurückkommen. 

Mit  Gebhard  im  Kampfe  eng  verbündet  waren  seine  beiden 
Jugendfreunde  und  Schulgenossen  Altmann  und  Adalbero. 

Altmann,  Domherr  und  Schulvorsteher  in  Paderborn,  von  wo 
er  herstammte,  dann  Propst  zu  Aachen  und  Kaplan  der  Kaiserin 
Agnes,  war  als  Bischof  von  Passau  (1065 — 1091)  einer  der  eifrigsten 
Betreiber  des  Coelibats  der  Geistlichen  und  eine  Hauptstütze  Gre- 
gors. Er  stiftete  das  Kloster  Götweih,  wohin  er  Hirschauer  Mönche 
führte,  und  hier  ist  auch,  jedoch  erst  lange  nach  seinem  Tode, 
(nach  1125)  sein  Leben  beschrieben  worden.  Der  Verfasser  ist  uns 
nicht  bekannt;  er  war  ein  fremder  Geistlicher,  der  sich  als  Gast  im 
Kloster  aufhielt  und  aufzeichnete,  was  ihm  dort  erzählt  wurde.  Es 
ist  daher  sehr  natürlich,  dafs  fast  nur  die  besondere  Geschichte 
dieser  Gegend  und  des  Klosters  darin  berücksichtigt  ist;  darüber 
giebt  die  Schrift  Aufklärungen,  die  bei  dem  Mangel  anderer  Nach- 
richten um  so  schätzbarer  sind,  aber  die  so  sehr  einflufsreiehe  und 
bedeutende  Thätigkeit  Altmanns,  welche  sich  weit  Uber  die  Grenzen 
seines  Sprengels  erstreckte,  erhält  dadurch  nur  wenig  Licht3). 

Dasselbe  gilt  in  noch  höherem  Grade  von  dem  Leben  des  Adal- 
bero von  Wirzburg  (1045 — 1090),  welches  erst  im  Anfänge  des 
dreizehnten  Jahrhunderts  verfafst  ist  und  ihn  nur  als  Stifter  des 
des  Klosters  Lambach  darstellt.  Er  war  der  letzte  Sprofs  des  mäch- 
tigen Hauses  der  Grafen  von  Wels  und  Lambach,  und  die  Nach- 
richten des  Biographen  über  diese  Familie  so  wie  über  die  Anfänge 
des  Klosters  sind  dankenswerth4). 

*)  Vita  Gebehardi  p.  25 — 28.  Passio  Thiemonis  metrica  p.  28 — 33. 

a)  Passio  Thiemonis  archiepiscopi  p.  51 — 62. 

3)  Vila  Altmanni  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XII,  226 — 243.  lieber  die  in  das 
Ende  dieser  Periode  fallenden  Anfänge  annalistischer  Aufzeichnungen  in  Oesterreich 
und  die  Passio  Cholomanni  s.  unten  V,  7. 

4)  Vita  Adalberonis  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XII,  127 — 147. 


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252  IV.  Salier.  § 10.  Salzburg  u.  Pasaau.  § II.  Adam  v.  Bremen. 

Alle  diese  Schriften  sind  nur  unbedeutend  ira  Verhältnifs  zu 
den  gewaltigen  Kämpfen  dieser  Zeit,  welche  sie  berühren,  aber  nicht 
darstellen.  Sie  führen  uns  aber  einzelne  Züge  daraus  vor,  durch 
deren  Zusammenstellung  ein  lebendiges  Bild  der  Zeit  zu  gewinnen 
ist.  Sie  zeigen  uns  auf  dem  engen  Schauplatze  der  einzelnen  Sprengel 
und  Stifter,  wie  der  grofse  Streit  hier  überall  eingriff,  wie  überall 
die  Vorkämpfer  der  neuen  mönchischen , französisch  - römischen 
Kirchenzucht  den  Anhängern  der  alten  Gewohnheit  entgegentraten; 
manche  Blüthe  entsprofs  der  sittlichen  Kraft  dieser  strengen  Mönche, 
aber  viel  Gutes  und  Schönes  ging  darüber  zu  Grunde,  und  jene  viel 
verheifsende  gleichmäfsige  Entwickelung  aus  der  Zeit  Heinrichs  HI 
wurde  unwiederbringlich  geknickt. 

§ 11.  Sachsen.  Adam  von  Bremen. 

M.  Adami  Gesta  Pontificum  Hammenburgensium  ed.  Lappenberg,  Mon.  SS.  VTI,  267 — 389 
und  besonderer  Abdruck  in  8.  1846.  Abhandlung  Lappenbergs  im  Archiv  VI,  766  — 892. 
Uebersetzung  von  Laurent  mit  Einleitung  von  Lappenberg  1850.  Stenzei  II,  95  — 99. 
L.  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten  111,317.  W&itz  in  Schmidts  Zeitschrift  II, 
104.  W.  Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  I,  752.  Waitz,  Gott.  Gel.  Anz.  1856 
S.  1906  rögt  seltsamer  Weise  Mangel  der  Ausgabe,  welche  längst  durch  einen  Carton 
beseitigt  sind. 

Wir  haben  schon  oben  gesehen,  wie  Sachsen  sich  unter  der 
Herrschaft  der  Salier  von  der  Reichsgeschichte  wiederum  abwandte. 
Noch  war  freilich  der  Verband  des  Reiches  fest  genug,  um  sich  in 
jeder  Lokalgeschichte  und  Biographie  fühlbar  zu  machen,  aber  in 
der  Darstellung  tritt  doch  diese  Seite  überall  zurück  und  auch  in  dem 
Kampfe  gegen  Heinrich  IV  Uberwog  durchaus  der  provinzielle  Ge- 
sichtspunkt: jener  hingebende  Eifer  der  schwäbischen  Mönche,  welche 
in  Heinrich  IV  ohne  jede  andere  Rücksicht  den  neuen  Antiochus 
verfolgten,  ist  bei  den  Sachsen  nicht  zu  finden,  so  eifrig  Bie  auch 
die  Bundesgenossenschaft  des  heiligen  Peter  ergriffen. 

So  hatte  denn  auch  der  hervorragendste  Mann  unter  den  Sachsen 
dieser  Zeit,  der  Erzbischof  Adalbert  von  Bremen,  sein  Augen- 
merk weniger  auf  die  allgemeinen  Verhältnisse  gerichtet  als  auf 
seine  besonderen  Pläne.  Sein  Ehrgeiz  ging  nicht  dahin,  Papst  zu 
werden,  was  er  vielleicht  hätte  erreichen  können:  er  strebte  nach 
Macht  im  Reiche,  aber  nicht  wie  Anno  von  Köln,  um  seine  Grundsätze 
und  Ansichten  zur  Herrschaft  zu  bringen,  sondern  um  seine  Kirche 
grofs  und  mächtig  zu  machen,  und  als  er  seine  Pläne  scheitern  sah, 
wandte  er  seine  letzten  Kräfte  auf  die  Bekämpfung  seiner  bittersten 
Feinde,  der  Billunger. 

Adalbert,  aus  dem  Hause  der  Pfalzgrafen  von  Sachsen,  war 
Erzbischof  von  Bremen  von  1045 — 1072.  Er  nahm  die  Thätigkeit 


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Adalbert  von  Bremen.  Adam. 


253 


Anskars  im  gröfstem  Mafsstabe  wieder  auf;  den  ganzen  Norden  nm- 
fafste  seine  Thätigkeit,  und  er  gedachte  hier  ein  Patriarchat  zu 
errichten,  welches  dem  römischen  mit  gleichem  Rechte  und  gleicher 
Macht  an  die  Seite  treten  könnte.  Eine  Zeit  lang  ging  ihm  alles 
nach  Wunsch,  und  man  scheute  sich  nicht,  Bremen  mit  Rom  zu  ver- 
gleichen: es  erschien  als  ein  kaum  minder  hochgeehrter  und  viel- 
besuchter Mittelpunkt  für  weite  Länderstrecken,  welche  zum  Theil 
erst  jetzt  vom  Christenthum  erreicht  und  dadurch  auch  der  Kennt- 
nifs  ,der  Zeitgenossen  erschlossen  wurden.  Nie  bot  sich  eine  gün- 
stigere Gelegenheit  zu  einer  Beschreibung  dieser  noch  so  wenig  ge- 
kannten nördlichen  Lande,  und  schon  war  auch  der  Mann  nach 
Bremen  gekommen,  welcher  diese  Aufgabe  zu  erfüllen  unternahm, 
und  ihr  vollkommen  gewachsen  war. 

In  den  Jahren  960  und  961  hatte  der  Bremer  Domschule  Thia- 
delm,  ein  Schüler  des  berühmten  Magdeburger  Scholasters  Otrich, 
vorgestanden  (Ad.  II,  10),  aber  von  einer  hervorragenden  Wirksamkeit 
der  Schule  ist  nichts  bekannt.  Adalbert  wandte  auch  ihr  seine 
Sorgfalt  zu  als  der  nothwendigsten  Grundlage  für  sein  Missionswerk. 
Er  bemühte  sich,  ausgezeichnete  Männer  nach  Bremen  zu  ziehen, 
wie  den  Waldo,  welcher  Anskars  Leben  von  Rimbert  in  Hexa- 
metern bearbeitete  und  dem  Erzbischof  als  Kanzler  zur  Seite  stand '). 
Im  Jahre  1068  kam  auch  der  Meister  Adam,  der,  wie  es  scheint, 
im  oberen  Sachsen  zu  Hause  war  und  wohl  der  Magdeburger  Schule 
seine  Bildung  verdankte.  Ob  der  Erzbischof  ihn  berufen  hat,  wissen 
wir  nicht,  aber  er  nahm  ihn  sogleich  unter  die  Zahl  der  Bremer 
Domherren  auf,  und  im  folgenden  Jahre  wird  Adam  urkundlich  als 
Domschoiaster  genannt;  weiter  aber  ist  über  sein  Leben  nichts  be- 
kannt, nur  geht  aus  seinem  Buche  hervor,  dafs  er  dem  Erzbischof 
nahe  gestanden  hat.  Die  Geschichte  des  Nordens  zu  erforschen, 
mufs  er  sich  von  Anfang  an  zur  besonaeren  Aufgabe  gemacht  haben, 
denn  schon  bald  nach  seiner  Ankunft  in  Bremen  begab  er  Bich  zu 
dem  Dänenkönig  Sven  Estrithson,  „der  die  ganze  Geschichte  der 
Barbaren  in  seinem  Gedächtnisse  wie  in  einem  geschriebenen  Buche 
verwahrte“  (II,  41),  und  liefs  sich  von  ihm  so  viel  und  so  genau 
erzählen,  dafs  uns  diese  Nachrichten  in  dem  ganzen  Werke  Adams 
überall  als  eine  Hauptquelle  begegnen.  Daneben  aber  benutzte  er 
auch  jede  andere  Gelegenheit,  um  Nachrichten  Uber  die  Länder  des 
Nordens  und  ihre  Geschichte  zu  sammeln.  Zugleich  versäumte  er 
nicht,  die  reiche  Bibliothek  der  Bremer  Kirche  fleifsig  zu  durch- 

*)  herausgegeben  von  Lambecius,  Rerum  Hamburg.  1 , 243.  Acta  SS.  Febr. 
I,  427.  Mab.  IV,  2,  1 15. 


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254 


IV.  Salier.  § 11.  Sachsen.  Adam  von  Bremen. 


forschen.  Er  fand  hier  aufser  den  damals  gangbaren  alten  Autoren 
das  Leben  Karls  des  Grofsen  von  Einhard,  die  Uebertragung  des 
h.  Alexander  nach  Sachsen  von  dem  fuldischen  Mönche  Meginhard, 
den  er  mit  Einhard  oder  Eginhard  verwechselte  *),  die  Annalen  von 
Fulda,  vielleicht  in  einer  bis  zum  Tode  Ludwigs  des  Kindes  fort- 
gesetzten Bearbeitung,  und  wohl  auch  noch  ein  anderes,  uns  unbe- 
kanntes Werk,  welches  er  als  die  Geschichte  der  Franken  bezeich- 
net; ferner  eine  ebenfalls  nicht  mehr  vorhandene  angelsächsische 
Chronik,  die  Annalen  von  Korvei,  die  Lebensbeschreibungen  des 
Bonifaz,  des  Willibrord,  des  Willehad,  Liudger,  des  Anskar  und 
Rimbert,  endlich  die  nur  durch  Adams  Erwähnung  bekannte  Schrift 
des  Abtes  Bovo  von  Korvei  Uber  die  Geschichte  seiner  Zeit.  Unter 
den  alten  Schriftstellern,  in  denen  er  sehr  bewandert  war,  boten 
ihm  besonders  Orosius,  Solinus,  Marcianus  Capelia  einige  Angaben, 
welche  er  zu  seinem  Werke  benutzte.  Vorzüglich  aber  zog  er  das 
Archiv  der  Hamburg -Bremer  Kirche  zu  Rathe  mit  seinen  Urkunden 
und  Briefen. 

Gewifs  hatte  Adam  schon  längere  Zeit  für  seine  Zwecke  ge- 
sammelt und  geforscht,  als  er  bald  nach  Adalberts  Tode  die  Aus- 
arbeitung der  Hamburger  Kirchengeschichte  begann:  denn  Hamburg 
galt  noch  immer  als  der  eigentliche  Sitz  des  Erzbisthums,  obgleich 
die  stete  Gefährdung  dieses  Ortes  durch  Wenden  und  Normannen, 
die  wiederholten  Zerstörungen  die  Erzbischöfe  veranlafsten,  Bremen 
zu  ihrem  bleibenden  Aufenthalte  zu  machen.  Seinen  Stil  hatte  Adam 
durch  fleilsiges  Lesen  der  Alten  gebildet;  Virgil,  Horaz,  Lucan  sind 
ihm  geläufig,  und  er  bezieht  sich  mit  Vorliebe  auf  Verse  und  ein- 
zelne Wendungen  von  ihnen.  Sein  Vorbild  aber  ist  besonders  Sallust, 
der  in  den  Schulen  vorzugsweise  gelesen  wurde  und  darum  auch 
einen  Ubergrofsen  Einflufs  auf  den  Stil  der  Zeit  übte ; seine  gesuchte 
Kürze,  die  eingestreuten  Sentenzen  findet  man  überall  wieder  und 
mufs  bedauern,  dafs  die  Ausbildung  einer  einfachen,  ungesuchten 
Ausdrueksweise  dadurch  gehindert  wurde.  Auch  bei  Adam  finden 
wir  häufig  Sallustische  Ausdrücke,  doch  hat  auf  ihn  viel  mehr  wie 
aufWidukind  die  Sprache  der  kirchlichen  Schriftsteller  und  Legen- 
den eingewirkt,  welche  sich  mit  den  klassischen  Reminiscenzen  zu 
einer  ungleichartigen  Mischung  verbindet.  Auch  von  Fehlem  und 
Germanismen  ist  er  nicht  frei. 

Ein  grofser  Thcil  von  Adams  Werk  ist  eine  Frucht  seiner  ge- 
lehrten Forschung  und  mit  Fleifs  und  Sorgfalt  aus  den  oben  berühr- 

*)  Die  dagegen  überflüssiger  Weise  erhobenen  Zweifel  widerlegte  neuerdings 
Waitz  in  den  Nachrichten  von  der  Gült.  Univ.  1857  S.  42 — 46. 


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Adam  von  Bremen.  Bremer  Bisrhofsrhronik. 


255 


ten  Quellen,  die  er  stets  gewissenhaft  anfiihrt,  zusammengesetzt, 
doch  nicht  etwa,  wie  es  so  häufig  geschah,  durch  rein  äufserliche 
Verknüpfung,  sondern  er  hat  sie  mit  gutem  Erfolge  zu  einer  zu- 
sammenhängenden Erzählung  verarbeitet.  Je  mehr  er  sich  dann 
Beiner  eigenen  Zeit  nähert,  desto  reicher  werden  seine  Mittheilnngen 
aus  mündlicher  Ueberlieferung,  zuletzt  aus  eigener  Erfahrung  und 
Kenntnifs.  Das  ganze  dritte  Buch  schildert  allein  die  Wirksamkeit 
und  die  wechselnden  Schicksale  des  Erzbischofs  Adalbert,  dem  er 
trotz  aller  seiner  Fehler  doch  eine  liebevolle  Anhänglichkeit  bewahrte, 
ohne  sich  dadurch  verblenden  oder  zum  Verdecken  der  Schwächen 
des  Mannes  verleiten  zu  lassen  l).  Seine  Darstellung  ist  hier  voll 
Wärme  und  Leben  und  die  Wahrhaftigkeit  derselben  unbezweifelt. 
Für  die  Geschichte  Heinrichs  IV  gewinnen  wir  dadurch  eine  reich- 
haltige und  überaus  werthvolle  Quelle,  während  die  Bremer  Missions- 
thätigkeit  zugleich  die  Geschichte  des  Nordens  erschliefst.  Das  vierte 
Buch  endlich  ist  der  Beschreibung  dieser  Nordlande  gewidmet  (De- 
scriptio  insularum  Aquilonis).  Durch  diese  Nachrichten  hat  er  das 
grofse  Verdienst,  zuerst  eine  sichere  Grundlage  für  die  Geschichte 
der  baltischen  Lande  gelegt  zu  haben,  die  sich  immer  von  neuem 
als  Prüfstein  für  andere  unbestimmtere  Ueberlieferungen , für  den 
Inhalt  der  nordischen  Heldenlieder  und  Sagen  bewährt  hat.  Jede 
gewissenhafte  Forschung  geht  auf  ihn  zurück,  und  seine  Autorität 
stand  von  Anfang  an  mit  Recht  in  hohem  Ansehen.  Die  Hand- 
schriften seines  Werkes  sind  bereits  mit  Randbemerkungen  versehen, 
welche  zum  Theil  noch  von  seiner  eigenen  Hand,  zum  Tlieil  von 
späteren  Bremer  Domherren  herrühren;  dann  haben  die  norddeutschen, 
dänischen,  isländischen  Chronisten  ihn  allgemein  für  ihre  Zwecke 
benutzt,  und  sein  Werk  blieb  ohne  Unterbrechung  ein  Grundpfeiler 
für  die  Geschichte  dieser  Gegenden. 

Bis  auf  Adalberts  Tod  reicht  auch  eine  sehr  kurze  Bremer 
Bischofschronik,  eigentlich  nur  ein  Verzeichnis  der  Bischöfe 
und  Erzbischöfe  mit  einigen  Bemerkungen2).  Mit  dem  Glanze  des 
Erzstiftes  war  es  aber  jetzt  für  lange  Zeit  vorbei;  auch  die  Schule 
wurde  von  dem  raschen  Verfall  ergriffen,  sic  war  in  traurigem  Zu- 
stande, als  im  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts  Vicelin  ihre  Lei- 
tung übernahm,  ein  frommer  Mann,  Schüler  des  Magister  Hartmann 

*)  Vgl.  III,  64.  Ehen  quam  veilem  meliora  scribere  de  tanto  viro  qui  et  me 
düexit  et  tarn  clarus  in  vila  sua  fuit.  Verum  limeo  quia  scriptum  est:  Vae  Ulis 
qui  malum  bonum  dicunt,  et  pereant  qui  nigrum  in  cimdidum  vertunt.  Diese 
feisten  Worte  sind  halb  aus  Jesaja  5,  20  und  halb  aus  Juvenal  111,  30  genommen. 

2)  Chronicon  breve  Bremense,  bei  Lappenberg,  Bremer  Geschichtsquellen  S.  VIII 
und  1 — 6. 


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256  IV.  Salier.  § 12.  Das  östliche  Sachsen.  Bruno. 

in  Paderborn,  der  aber  so  Ubermäfsig  strenge  war,  dafs  viele  Schüler 
aus  Bremen  entflohen. 

Bis  zum  vierzehnten  Jahrhundert  scheint  man  hier  nicht  wieder 
an  geschichtliche  Aufzeichnungen  gedacht  zu  haben. 

§ 12.  Das  östliche  Sachsen.  Bruns  Sachsenkrieg. 

Die  Ottonischen  Pflanzungen  an  der  nordöstlichen  Grenze  des 
Reiches  waren  nach  dem  Tode  des  grofBen  Kaisers  und  besonders 
nach  der  Niederlage  seines  Sohnes  (982)  theils  verloren,  theils  be- 
droht. Man  machte  wenig  Fortschritte  mehr  gegen  die  Wenden, 
und  unter  solchen  Umständen  konnte  auch  keine  litterarische  Thä- 
tigkeit  gedeihen.  Ueberdies  aber  hat  auch  spätere  Verwahrlosung 
noch  verkommen  lassen,  was  hier  und  da  aufgezeichnet  wurde.  Das 
Ende  der  Quedlinburger  Annalen  von  1025  an  ist  verloren,  nachdem 
es  vielleicht  noch  dem  sächsischen  Annalisten  und  Chronographen 
Vorgelegen  hatte,  und  dieselben  Schriftsteller  haben  auch  Reste  von 
Magdeburger  und  Halberstädter  Aufzeichnungen  erhalten.  Nament- 
lich hatte  der  Bischof  Herr  and  oder  Stephan  von  Halberstadt 
(1090 — 1102)  eine  Schrift  Uber  den  gewaltsamen  Tod  seines  Vor- 
gängers Burchard  verfafst,  des  Vorkämpfers  der  Papisten  der  am 
7.  April  1088  in  Goslar  erschlagen  wurde.  Diese  findet  sich  grofsen- 
theils  beim  sächsischen  Annalisten  zum  Jahre  1088  aufgenomme.n 
und  übersetzt  in  Winnigstädts  Halberstädter  Chronik  aus  dem  sech- 
zehnten Jahrhundert1). 

Dieser  Herrand  war  nicht  weniger  eifrig  papistisch  wie  sein 
Vorgänger  und  schrieb  im  Namen  des  Landgrafen  von  Thüringen 
eine  Entgegnung  gegen  ein  Sendschreiben  des  kaiserlich  gesinnten 
Bischofs  Walraban  oderWalram  von  Naumburg a),  eines  wackeren 
und  gelehrten  Mannes,  der  als  eifriger  Anhänger  Heinrichs  IV  mit 
mehreren  gut  geschriebenen  Abhandlungen  und  offenen  Briefen  den 
Behauptungen  Hildebrands  und  seiner  Partei  nachdrücklich  entgegen 
trat®).  In  früherer  Zeit  war  Herrand  Abt  zu  S.  Burchard  in  Wirz- 
burg gewesen  und  hatte  dann  in  Ilsenburg  die  Cluniacenser  Regel 
eingeführt.  Durch  einen  kaiserlichen  Gegenbischof  verdrängt,  suchte 

*)  in  Caspar  Abels  Sammlung  alter  Chroniken  S.  289. 

*)  Beide  sind  u.  a.  in  den  älteren  Ausgaben  des  Marianus  Scottus  gedruckt. 
Eine  Vita  Bennonis  ep.  Misn.  (1066— 1 106)  soll  auch  existirt  haben,  ist  aber 
von  Waitz  vergeblich  gesucht.  G.  G.  A.  1856  S.  1898. 

8)  s.  über  diese  Schriften  Fabricius  s.  v.  Walramus.  Den  Liber  de  unitate 
ecclesiae  conservanda  gab  Ulrich  von  Ilutten  1520  heraus.  Wieder  gedruckt  u.  a. 
bei  Freher  ed.  Struv.  1,  244  und  in  Goldasts  Apologia.  Vgl.  Helfenstein  S.  106. 
162.  Lepsius,  Gesch.  d.  Bischöfe  v.  Naumburg  S.  29  — 33.  Walram  war  Mönch 
in  üersfeld,  bis  ihn  Heinrich  IV  1089  zum  Bischof  erhob. 


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Halberstadt,  Ilsenburg,  Rosenfeld.  VValram.  Brun.  257 

er  hier  eine  Zuflucht,  aber  im  J.  1101  wurden  auch  die  Mönche  zur 
Flucht  genöthigt  und  zogen  sich  nach  Rosenfeld  oder  Harsefeld  un- 
weit Stade  zurück,  wo  eben  jetzt  die  Markgrafen  von  Stade  eine 
früher  von  ihnen  gestiftete  Propstei  auf  Herrands  Rath  zur  Clunia- 
censer  Abtei  umgestalteten.  Auf  diesem  Wege  gelangten  die  alten 
Wirzburger  Annalen  bis  1099  nach  Rosenfeld,  wo  sie  bis  1164  fort- 
gesetzt wurden  l). 

Aus  Magdeburg  ist  uns  durch  Arnold  von  S.  Emmeram  der 
Domscholaster  Meginfrid  als  ein  gefeierter  Lehrer  bekannt.  Als  der 
Kampf  des  Kaiserthums  mit  dem  Papstthum  ausbrach,  war  hier 
Werner  Erzbischof,  der  Bruder  des  Erzbischofs  Anno  von  Köln,  ein 
geborener  Schwabe.  Er  theilte  die  Richtung  seines  Bruders  und 
gehörte  bald  zu  den  entschiedensten  Feinden  des  jungen  Königs 
mit  seinem  Nachbaren,  dem  Thüringer  Werner  von  Merseburg.  In 
dieser  Umgebung  lebte  Brun  oder  Bruno,  anfangs  am  Hofe  Werners 
von  Magdeburg,  der  ihn  wohl  in  seiner  Kanzlei  verwendet  haben 
mag,  dann  nach  dessen  Tode  (1078)  bei  dem  Bischof  von  Merse- 
burg3). Diesem  widmete  er  1082,  als  eben  der  neue  Gegenkönig 
Hermann  gesalbt,  war,  ein  Werk  Uber  den  Sachsenkrieg3).  Dafs  dies 
nur  eine  Parteischrift  sein  konnte,  versteht  sich  von  selbst,  der 
Verfasser  stellt  sich  eben  so  entschieden  wie  Bernold  als  Heinrichs 
Feind  hin.  Aber  damit  endet  auch  die  Aehnlichkeit  zwischen  beiden. 
Auch  Brun  steht  auf  Seiten  Hildebrands  gegen  den  König,  aber  weit 
überwiegend  ist  doch  in  ihm  die  sächsisch -provinzielle  Auffassung. 
Der  Papst  ist  ihm  fast  nur  ein  Bundesgenosse  der  Sachsen,  der  hart 
getadelt  wird,  wenn  er  nicht  nach  ihrem  Gefallen  handelt.  Dann 
heifst  es  wohl,  dafs  die  Sachsen  nur  dem  h.  Peter  zu  Liebe  die 
Waffen  ergriffen  hätten,  aber  Bruns  eigenes  Werk  zeigt  deutlich 

*)  Ann.  Rosenveldcnses,  erhalten  von  1057 — 1130,  Mon.  SS.  XIH,  99,  zuerst 
von  Wedekind,  Noten  I,  349—367  als  Chronographi  Saxonis  fragmentum  publicirt; 
vgl.  die  Abhandlung  von  Jaffe  im  Archiv  XI,  850 — 867,  wo  die  Restitution  der 
Jahre  1141  — 1164  versucht  ist  aus  dem  Chronogr.  Saxo  und  Albert  v.  Stade, 
welche  wie  auch  der  Annalista  Saxo  daraus  schöpften.  Bis  1110  zeigt  sich  auch 
wörtliche  Uebereinstimmung  mit  den  Ann.  S.  Dysibodi,  und  es  ist  zweifelhaft,  ob 
dieser  Theil  ganz  in  Rosenfeld  verfafst  ist.  Eine  spätere  ums  J.  1575  compilirle 
Rosenfelder  Chronik  bei  Vogt,  Mon.  inedila  rer.  Brem.  I. 

a)  Ueber  diesen  besitzen  wir  eine  unbedeutende  Biographie,  die  erst  gegen 
die  Milte  des  zwölften  Jahrhunderts  geschrieben  zu  sein  scheint,  ed.  Wilmans, 
Mon.  SS.  XII,  244-248. 

3)  Brunonis  de  bello  Saxonico  Über  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  V,  327 — 384.  Separat- 
Abdruck  1843.  8.  Uebersetzung  von  Wattenbach  1853.  Stenzei  11, 55— 67.  Ranke, 
Zur  Kritik  fränkisch -deutscher  Reirhsannaüsten  S.  436— 440  (24 — 28).  Smolka, 
De  Brunonis  bello  Saxonico,  Wrat.  1856.  8.  bestreitet  die  Echtheit  der  darin  ent- 
haltenen Artenstücke,  ohne  zu  bemerken,  dafs  der  Annalista  Saxo  sie  bereits  eben 
so  las  wie  wir. 

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258  IV.  Salier.  § 12.  Brun.  § 13.  Die  Lobredner  Heinrichs  IV  u.  V. 

genug  den  sehr  weltlichen  Ursprung  des  Krieges.  Ferner  schreibt 
Bernold  unmittelbar  unter  dem  Eindruck  der  Ereignisse,  vollkommen 
gleichzeitig,  und  ist  daher  chronologisch  völlig  zuverlässig;  Brun 
aber  im  Rückblick  auf  einen  ziemlich  langen  Zeitraum  und  ist  von 
der  Genauigkeit  Bernolds  weit  entfernt.  Und  endlich  ist  leider  seine 
Wahrhaftigkeit,  wenn  er  diese  Eigenschaft  überhaupt  besafs,  völlig 
verblendet  durch  die  Leidenschaft  der  politischen  Parteiung;  man 
hat  in  Bezug  auf  ihn  zu  wählen  zwischen  dem  Vorwurf  bewufster 
Lüge  und  grenzenloser  Leichtgläubigkeit.  Ranke  hat  neuerdings 
darauf  aufmerksam  gemacht,  dafs  die  neueren  Historiker  viel  zu  viel 
Gebrauch  von  Bruns  Erzählungen  machen,  dafs  auch  Stenzei  davon 
nicht  frei  ist,  obgleich  er  selbst  die  geringe  Glaubwürdigkeit  der- 
selben nachwies.  Ranke  nennt  ihn  Uber  den  Verlauf  des  sächsischen 
Krieges  wohl  unterrichtet:  ich  kann  auch  das  nicht  zugeben.  Er 
übergeht  die  wichtigsten  Dinge  gänzlich,  entstellt  andere,  und  von 
den  verborgenen  Fäden,  von  den  geheimen  Verhandlungen  und  den 
wahren  Absichten  der  Fürsten  scheint  er  wirklich  wenig  oder  nichts 
zu  wissen.  Die  beiden  Werner  scheinen  ihn  nicht  in  ihr  Vertrauen 
gezogen  zu  haben,  wenn  ihm  auch  einige  Briefe  und  Actenstücke 
mitgetlieilt  wurden,  deren  unverkürzte  Aufnahme  seinem  Werke 
höheren  Werth  verleiht.  Aber  verarbeitet  hat  er  diese  Documente 
nicht  im  mindesten,  rein  äufserlich  sind  sie  seinem  Buche  an  un- 
passender Stelle  eingefügt.  Als  Historiker  steht  Bruno  auf  der 
niedrigsten  Stufe,  nur  mit  gröfster  Vorsicht  läfst  sich  sein  Werk 
überhaupt  benutzen,  um  Thatsachen  daraus  zu  gewinnen,  deren  er 
freilich  einige  von  grofser  Wichtigkeit  mittheilt.  So  zeigt  er  sich 
ungewöhnlich  gut  unterrichtet  Uber  die  Wahlen  der  Gegenkönige, 
Ereignisse,  die  natürlicher  Weise  bei  der  ganzen  Partei  die  lebhaf- 
teste Aufmerksamkeit  auf  sich  zogen,  und  besonders  in  Sachsen,  wo 
man  lieber  den  Herzog  Otto  von  Nordheim  zum  König  gehabt  hätte. 
Im  Allgemeinen  aber  können  wir  diese  Schrift  nur  betrachten  und 
schätzen  als  eine  Stimme  aus  Sachsen,  die  uns  zeigt,  was  man  sich 
dort  von  Heinrich  IV,  von  seinen  Anhängern  und  von  den  Vorfällen 
des  Krieges  erzählte.  Die  Zeit  spiegelt  sich  darin  wieder,  und  bei 
der  Ausführlichkeit  der  Erzählung  läfst  sich  manches  Uber  die  Zu- 
stände und  Verhältnisse  Sachsens  daraus  entnehmen. 

§ 13.  Die  Lobredner  Heinrichs  IV  und  Heinrichs  V. 

Dem  Werke  eines  der  erbittertsten  Gegner  Heinrichs  IV  stellen 
wir  die  Schriften  zweier  von  seinen  eifrigsten  Anhängern  gegenüber, 


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Bruns  Sachsenkrieg.  Das  Epos  Uber  denselben. 


259 


deren  Herkunft  ungewifs  ist,  weil  sich  zu  wenig  locale  Beziehungen 
bei  ihnen  vorfinden.  Das  erste  dieser  Werke,  welche  von  der  anderen 
Seite  nicht  minder  parteiisch  sind  wie  Bruno,  ist  das  Epos  vom 
Sachsenkriege1).  Unmittelbar  nach  dem  Siege  des  Königs  Uber 
die  Sachsen  bei  Hohenburg  am  9.  Juni  1075  hat  hier  ein  unbekannter 
Dichter  von  guter  classischer  Bildung  es  unternommen,  den  Krieg 
von  seinem  Ursprünge  an  in  entschieden  royalistischer  Auffassung 
zu  schildern,  und  er  hat  diese  Aufgabe  mit  vielem  Geschick  durch- 
geführt. Hexameter  von  bemerkenswerther  Reinheit,  wenn  gleich 
mit  manchen  damals  üblichen  Freiheiten  und  hSufig  leoninisch  ge- 
reimt, fliefsen  ihm  mit  Leichtigkeit,  und  die  Darstellung  ist  so  leben- 
dig und  spannend,  dafs  man  ihr  mit  Vergnügen  bis  ans  Ende  folgt. 
Natürlich  haben  hier  die  Sachsen  in  allen  Stücken  Unrecht.  Nur 
die  Gerechtigkeit  des  Königs  hat  sie  zum  Aufstand  getrieben,  da  er 
die  unrechtmäfsig  in  Besitz  genommenen  Güter  den  rechten  Erben, 
Fremden  und  Waisen  zurückgab.  Unerhört  finden  es  die  Sachsen, 
dafs  diese,  welche  sonst  überall  Unrecht  leiden,  bei  ihnen  Ansprüche 
durchsetzen,  welche  sie  geradezu  als  Raub  bezeichnen.  Gewifs  ist 
auch  diese  Auffassung  einseitig,  aber  eben  so  wenig  ist  auch  Bruns 
und  Lamberts  Darstellung  unparteiisch,  und  die  Sache  der  Sachsen 
durchaus  nicht  so  rein,  wie  sie  in  ihren  eigenen  Parteischriften  er- 
scheint. Der  Verfasser  schildert  dann  die  Ereignisse  des  Krieges 
mit  grofser  Anschaulichkeit,  und  so  wenig  er  sich  auch  in  der  Dar- 
stellung als  zuverlässig  erweist,  bereichert  er  doch  unsere  Kenntnifs 
der  Zustände  und  Ereignisse  mit  manchem  nicht  unwichtigen  Zuge; 
namentlich  läfst  er  in  dem  Ausfall  der  Bürger  von  Goslar  die  auf- 
strebende Wehrhaftigkeit  der  städtischen  Bevölkerung  deutlich  er- 
kennen, wie  sie  um  dieselbe  Zeit  auch  in  Worms,  Köln  und  anderen 
Orten  sichtbar  wird.  Eingehend  wird  besonders  die  Belagerung  und 
Vertheidigung  der  Burgen  geschildert,  die  Flucht  des  Königs  von 
der  Harzburg  dagegen  ganz  verschwiegen.  Lehrreich  ist  auch  die 
Musterung  des  königlichen  Kriegsheeres;  Herzog  Welf  erscheint  darin 
in  lateinischer  Uebersetzung  als  Catulus,  was  wir  wenig  später  auch 
in  dem  Leben  Thiemos  von  Salzburg  finden:  eine  gelehrte  Spielerei, 
die  damals  sehr  beliebt  war  und  hier  noch  um  einen  Schritt  weiter 
geführt  ist,  indem  der  neue  Catulus  mit  dem  alten  römischen  Ge- 
schlechte  dieses  Namens  in  Verbindung  gebracht  wird.  Mit  einer 
Aufforderung  zur  Milde  gegen  die  Besiegten  schliefst  das  Gedicht. 

Im  Jahre  1848  hat  Pertz  dasselbe,  zunächst  veranlafst  durch 

*)  Gesta  Heinrici  imperatoris  metrice,  zuerst  1508  in  Strafsburg,  dann  in 
der  Sammlung  von  Reuber  und  in  Goldasts  Apologia  pro  Heinrico  IV  gedruckt. 

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260  IV.  Salier.  § 13.  Die  Lobredner  Heinrichs  IV  u.  Heinrichs  V. 

den  Mangel  einer  alten  Handschrift,  für  unecht  erklärt  ‘)  und  in  die- 
selbe Kategorie  mit  dem  vermuthlich  von  Celtes  verfafsten  Ligurinus 
gesetzt;  deshalb  fehlt  es  in  der  Sammlung  der  Monumenta.  Dagegen 
trat  Floto  in  seiner  Geschichte  Heinrichs  IV  (II,  427 — 432)  auf,  ohne 
jedoch  seinen  Widerspruch  ausreichend  zu  begründen.  Darauf  hat 
Waitz,  nachdem  er  früher  seine  Zustimmung  zu  der  Abhandlung  von 
Pertz  ausgesprochen  hatte,  die  Sache  von  neuem  vorgenommen2)  und 
die  Echtheit  des  Gedichtes  überzeugend  dargethan. 

Ganz  in  demselben  Geiste  geschrieben  ist  das  Leben  Hein- 
richs IV,  aber  noch  merkwürdiger,  weil  es  nach  dem  Tode  des 
alten  Kaisers  verfafst  ist  und  uns  ein  schönes  Zeugnifs  bietet  von 
der  aufrichtigsten  Treue  und  Hingebung,  welche  dieser  vielgeschmähte 
Mann  bei  wenigen  Auserwählten  bis  Uber  das  Grab  hiftaus  gefunden 
hat3).  Dazu  kommt  nun,  dafs  diese  kleine  Schrift  fast  alle  Werke 
des  Mittelalters  durch  die  Reinheit  und  Schönheit  der  Sprache  und 
die  aufserordentliche  Kunst  der  historischen  Darstellung  Ubertrifft. 
Die  ganze  lange  und  wechselvolle  Regierung  Heinrichs  IV  ist  hier 
in  einen  engen  Rahmen  zusammengedrängt  und  liegt  klar  und  über- 
sichtlich vor  uns.  Isaac  Casaubonus  sprach  die  gröfste  Bewunderung 
für  den  Verfasser  aus  und  verglich  sein  Werk  mit  dem  Agricola 
des  Tacitus. 

Das  dürfen  wir  freilich  dabei  nicht  verschweigen,  dafs  in  Bezug 
auf  die  Thatsachen  manche  Unrichtigkeit  vorkommt,  wie  es  auch 
kaum  anders  möglich  war,  da  der  Verfasser  nur  aus  dem  Gedächt- 
nisse schrieb,  und  dafs  er  in  seinem  Lobe  einseitig  ist  wie  die 
Gegner  in  ihrem  Tadel.  Den  gröfsten  Werth  hat  die  Darstellung 
der  letzten  Jahre,  und  hier  werden  namentlich  die  Motive  der  Gegner 
mit  der  gröfsten  Schärfe  und  wohl  auch  der  Wahrheit  gemäfs  auf- 
gedeckt. 

Geschrieben  ist  diese  rührende  Todtenklage  gleich  nach  dem 
Tode  des  Kaisers  in  der  Form  eines  Sendschreibens  an  einen  gleich- 
gesinnten  Freund,  vermuthlich  in  Regensburg,  wo  sich  im  Emmerams- 
kloster  die  einzige  Handschrift  davon  erhalten  hat.  Der  Verfasser 
ist  unbekannt.  Goldast  zuerst  hat  die  Vermuthung  ausgesprochen, 
dafs  die  Schrift  von  Otbert  von  Lüttich  herrühren  möge,  welcher 

‘)  Archiv  X,  75  — 86. 

*)  Nachrichten  von  der  Gotting.  Univers.  1857  S.  13 — 38;  vgl.  G.  G.  A.  1856 
S.  1882. 

3)  Vita  Heinrici  IV  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XII,  268  — 283  und  in  beson- 
derem Abdruck,  zum  ersten  Male  seit  der  siebenmal  wiederholten  Ausgabe  Aven- 
tins nach  der  jetzt  in  München  befindlichen  Handschrift  besorgt.  Uebersetzung 
von  Jaffe,  Berl.  1858. 


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Das  Leben  Heinrichs  IV.  Der  Schotte  David.  26 1 

dem  von  seinem  Sohne  verfolgten  Kaiser  in  Lüttich  eine  Zuflucht 
zu  gewähren  wagte  und  als  sein  treuester  Anhänger  bekannt  ist, 
und  diese  Vermuthung  hat  ziemlich  allgemeine  Zustimmung  gefunden. 
Jetzt  aber  hat  Jaffö  die  Sache  nochmals  genauer  geprüft  und  nicht 
nur  verschiedene  Bedenken  gegen  die  Autorschaft  Otberts  angeregt, 
sondern  auch  eine  andere  Spur  hervorgehoben,  welche  nach  Mainz 
leitet,  einer  Stadt,  deren  bürgerliche  Bevölkerung  sowohl  wie  der 
Clerus  bis  ans  Ende  kaiserlich  gesinnt  waren.  Er  hat  darauf  hin- 
gewiesen, dafs  nach  den  Hildesheimer  Annalen  im  J.  1105  der  Abt 
Dietrich  von  S.  Alban  eine  Botschaft  Heinrichs  IV  an  dessen  Sohn 
nach  Speier  Uberbrachte,  und  bemerkt,  dafs  möglicher  Weise  dieser 
der  Verfasser  sein  könne.  Doch  legt  er  selbst  auf  diese  Vermuthung 
wenig  Gewicht,  und  verweist  mit  Beziehung  auf  die  oben  (S.  218) 
abgedruckte  Stelle  aus  Ekkehard  auf  den  zahlreichen  Kreis  gelehrter 
Männer,  welche  Heinrich  IV  um  sich  zu  versammeln  pflegte.  Es  ist 
bemerkenswerth,  dafs  auch  die  Sendschreiben  Heinrichs  aus  der 
letzten  Zeit  seiner  Regierung  besonders  gut  geschrieben  sind  und  es 
ihm  also  auch  damalB  nicht  an  geschickten  Schreibern  in  seiner 
Umgebung  fehlte. 

Beide,  der  Verfasser  jenes  Epos  sowohl  wie  der  Biograph,  ge- 
hören offenbar  zu  der  Schule  der  alten  grammatisch  - classischen 
Bildung,  welche  unter  Heinrich  III  so  eifrig  betrieben  wurde  und 
den  Cluniacensern  ein  Greuel  war.  Deshalb  stehen  die  Vertreter 
derselben  gewöhnlich  auf  der  Seite  des  Kaisers;  ihre  Werke  aber 
sind  nach  dem  Siege  der  Gegenpartei  vernichtet  worden,  und  es  ist 
immer  als  ein  besonderes  Glück  zu  betrachten,  wenn  sich  eine 
Schrift  dieser  Richtung  in  irgend  einer  vereinzelten  Abschrift  erhalten 
hat,  da  ja  selbst  so  manche  gut  gesinnte  Schrift  völlig  verloren  ist. 
Daher  ist  es  denn  auch  nicht  zu  verwundern,  dafs  von  dem  Gedicht 
über  die  Thaten  Heinrichs  nur  eine  Abschrift  des  16.  Jahrhunderts 
übrig  geblieben  ist,  während  von  der  Biographie  eine  ziemlich  gleich- 
zeitige Handschrift  im  Kloster  8.  Emmeram  aufbewahrt  wurde. 

Völlig  verloren  bis  auf  geringe  Fragmente  ist  uns  das  Werk 
des  Schotten  David.  Wilhelm  von  Malmesbury  nennt  ihn  einen 
Bischof  von  Bangor ; er  war  noch  nicht  Mönch,  als  er  nach  Deutsch- 
land kam,  und  soll  lange  Zeit  als  Scholaster  in  Wirzbtfrg  thätig  ge- 
wesen sein.  Dann  nahm  Heinrich  V ihn  als  Kaplan  an  seinen  Hof 
und  führte  ihn  1110  auf  seinem  Römerzuge  mit  sich  nach  Italien 
mit  dem  ausdrücklichen  Aufträge,  die  Geschichte  dieser  denkwürdi- 
gen Heerfahrt  zu  schreiben,  welchen  David  auch  ausführte.  Nach 


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262  IV.  Salier.  § 13.  Die  Lobredner  Heinrichs  IV  u.  V.  § 14.  Lambert 

Heinrichs  V Tode  soll  er  in  seinem  hohen  Alter  noch  Mönch  ge- 
worden sein  im  Schottenkloster  zu  Wirzburg  unter  dem  Abte  Ma- 
charius  ’). 

David  bewährte  sein  Geschick  zur  officiellen  Historiographie  in 
glänzender  Weise  durch  den  von  ihm  erfundenen  Vergleich  der 
Gefangennahme  des  Papstes  Paschalis  H mit  jenem  Ringen  des  Pa- 
triarchen Jacob  mit  dem  Engel  des  Herrn,  den  er  nicht  lassen  wollte, 
er  segne  ihn  denn.  Es  ist  sehr  zu  bedauern,  dafs  dieses  Werk,  von 
dem  wir  nur  durch  Ekkehard  und  Wilhelm  von  Malmesbury  Kunde 
erhalten,  verloren  ist. 

Jener  berühmte  Vergleich  ist  übrigens  mehr  spitzfindig  als 
treffend;  er  schliefst  ein  richtiges  Erfassen  des  wahren  Verhältnisses 
zwischen  Kaiser  und  Papst  aus,  aber  es  ist  in  hohem  Grade  merk- 
würdig, dafs  man  überhaupt  wieder  an  eine  officielle  Reichsgeschichte 
dachte.  Das  letzte  Beispiel  der  Art,  welches  wir  anzuführen  hatten, 
war  Liudprands  Schrift  Uber  die  Absetzung  Johanns  XH  und  Bene- 
dikts V ; wiederum  sind  es  jetzt  die  Kämpfe  mit  dem  Papstthum, 
welche  das  Bedürfhifs  hervorrufen,  auf  die  öffentliche  Meinung  ein- 
zuwirken. Das  versuchten  schon  zu  Heinrichs  IV  Zeit  beide  Parteien 
durch  Flugschriften  und  Manifeste,  und  Lambert  sagt  ausdrücklich, 
dafs  die  Kaiser  Verkündiger  ihrer  Thaten  mit  sich  führen4),  welche 
durch  die  Erzählung  der  ihnen  bekannten  wahren  Begebenheiten  die 
Irrthümer  aus  dem  Wege  räumen.  Ob  man  darin  eine  bestimmte 
Beziehung  auf  amtliche  Darstellungen  von  Heinrichs  IV  Regierung 
suchen  darf,  ist  zweifelhaft.  Lobschriften  wie  die  oben  erwähnten 
sind  doch  davon  noch  zu  unterscheiden.  Von  Heinrich  V aber  ist 
es  nicht  zweifelhaft;  er  veranlafste  auch  Ekkehard,  eine  Geschichte 
der  Franken  und  ihres  Reiches  zu  schreiben,  und  wir  werden  sehen, 
dafs  von  nun  an  deutlichere  Spuren  solcher  Bestrebungen  hervor- 
treten. 

Zuvor  aber  müssen  wir  nach  dieser  Abschweifung  zurückkehren 
zu  einem  Hauptschriftsteller  Uber  den  früheren  Theil  von  Hein- 
richs IV  Regierung,  der  mehr  wie  irgend  ein  anderer  das  Urtheil 
der  Nachwelt  geleitet  hat,  zu  Lambert  von  Hersfeld. 

*)  Nach  Trithemius  der  Abt  dieses  Klosters  war.  Uebrigens  s.  Waitz  zum 
Ekkeh.  Mon.  SS.  VI,  11.  243  und  X,  479. 

2)  Kam  imperatores  suorum  secum  habent  praecones  meritorum,  experientia 
ut  ita  dicam  vernacula  eis  scribenda  dictante  et  falsas  opiniones  veritate  astipulante 
longius  propellente.  Hist.  Herveld.  Mou.  SS.  V,  140. 


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Amtliche  Geschichtschreibung.  Lambert  von  Hersfeld.  263 


§ 14.  Lambert  von  Hersfeld. 

Lamberti  HersfeldensU  Annales  ei  Hesse,  Mon.  SS.  III,  22 — 29.  SS— 69.  90 — 102.  V, 
134 — 263.  Separat- Abdruck  1843.  8.  Uebersetzung  von  Hesse.  1855.  Ranke,  Zur 
Kritik  fränkisch  - deutscher  Reichsannalisten  S.  436-458  (24 — 46).  Stenzei  11,  101-106. 
Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  II,  105.  Nach  W.  Giescbrecht,  Gesell,  d.  Kaiserz.  II,  597 
hat  er  auch  das  Chron.  Wirziburgense  benutzt. 

Hersfeld,  das  altbertihmte  Kloster,  war  gegen  das  Ende  des 
zehnten  Jahrhunderts  in  ärgerlichen  Verfall  gerathen  und  dann  im 
Jahre  1005  durch  Godehard  reformirt.  Seitdem  hielt  es  fest  an  der 
guten  und  ehrenwerthen  Weise  dieser  Benediktiner  alten  Schlages, 
die  vom  praktischen  Leben  als  bedeutende  Grundbesitzer  vielfach 
in  Anspruch  genommen,  nicht  Zeit  hatten,  auf  die  modernen  asce- 
tischen  Kasteiungen  zu  verfallen,  und  mit  dem  kaiserlichen  Hofe 
durch  vielerlei  Fäden  verknüpft,  sich  mit  dem  Gedanken  nicht  be- 
freunden konnten,  dafs  der  Kaiser  des  Papstes  Dienstmann  sein 
solle  und  dafs  gegen  ein  Wort  von  Rom  alle  alten  Ordnungen  der 
deutschen  Kirche  nichts  bedeuteten.  Die  Klöster  nach  der  neuen 
Art  der  Hirschaner  nahmen . Laienbrüder  an,  welche  die  Hand- 
arbeiten verrichteten,  damit  die  Mönche  ansschliefslich  dem  Gebet, 
den  Studien,  dem  Dienst  der  Kirche  sich  hingeben  konnten  l);  in 
den  alten  Stiftern  aber  hatte  man  gewaltig  viel  zu  thun,  man  mufste 
Land  urbar  machen,  Kirchen  bauen  und  ausschmücken,  ein  grofses 
und  zerstreutes  Gebiet  bewirthschaften  und  verwalten.  Der  Abt 
mufste  beständig  auf  seiner  Hut  sein,  dafs  seine  eigenen  Vasallen 
und  Dienstleute  ihm  nicht  über  den  Kopf  wuchsen,  und  nur  am 
Kaiser  konnte  er  dagegen  einen  Schutz  und  Halt  finden.  Leicht 
gewann  diese  weltliche  Seite  des  Berufes  die  Oberhand  und  Uber- 
grofser  Reichthum  wurde  zur  gefährlichsten  Klippe.  In  Hersfeld 
aber  hielt  man  auf  eine  tüchtige  Schule,  die  unter  dem  Propste  Al- 
buin sich  eines  guten  Rufes  erfreute,  bis  dieser  1034  Abt  von  Nien- 
burg wurde.  Kurz  vorher  war  freilich  unter  dem  Abte  Arnold  das 
Kloster  durch  inneren  Zwiespalt  zerrüttet  worden,  und  Rudolf,  bis 
dahin  Propst  in  Stablo,  hatte  auf  des  Kaisers  Befehl  1031  schon 
wieder  reformiren  müssen.  Ihm  folgte,  als  er  1035  Bischof  von 
Paderborn  wurde,  Meginher,  ein  Mann  von  frommem  und  strengem 
Wandel,  welcher  die  Klosterschule  erneute  und  zu  bedeutendem  An- 
sehen brachte,  so  dafs  sie  von  allen  Seiten  zahlreiche  Zöglinge  an- 
zog. Vielleicht  führten  diese  Bestrebungen  Meginhers  auch  Lambert 
nach  Hersfeld,  wo  er  im  J.  1058  das  Mönchskleid  empfing. 

*)  In  der  Wirklichkeit  kam  dies  jedoch  nicht  immer  zur  Ausführung,  und  oft 
war  nur  wenig  Unterschied  zwischen  den  Klöstern  alter  und  neuer  Regel. 


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264  IV.  Salier.  § 14.  Lambert  von  Hersfeld. 

Leider  wissen  wir  gar  nichts  über  Lamberts  Herkunft  und 
Bildungsgang.  Dafs  er  eine  ausgezeichnete  Schulbildung  erhalten 
hat,  zeigen  seine  Schriften;  er  war  offenbar  ein  vermögender  Mann 
und  ohne  Zweifel  zum  Geistlichen,  aber  nicht  zum  Mönche  erzogen ; 
er  mag  wohl  wie  Benno  verschiedene  Lehrer  aufgesucht  und  sich 
in  der  Welt  umgesehen  haben,  bevor  er,  wie  so  manche  ältere  Welt- 
geistliche jener  Zeit,  den  Entschlufs  fafste,  in  ein  Kloster  einzutreten. 
Denn  Lambert  war  damals  schon  längst  erwachsen  und  mindestens 
dreifsig  Jahre  alt,  da  ihn  im  Herbste  desselben  Jahres  der  Erzbischof 
von  Mainz  in  Aschaffenburg  zum  Priester  weihte.  Auch  konnte  er 
sich  noch  nicht  sogleich  an  die  engen  Schranken  seines  neuen 
Standes  gewöhnen,  denn  unmittelbar  nach  seiner  Priesterweihe  unter- 
nahm er,  ohne  seinen  Abt  zu  fragen,  eine  Pilgerfahrt  nach  Jerusa- 
lem, von  welcher  er  im  folgenden  Jahre  1059  glücklich  heimkehrte. 
Zu  seiner  grofsen  Beruhigung  fand  er  den  Abt  Meginher  noch  am 
Leben  und  erhielt  von  ihm  Verzeihung  für  sein  so  bald  verletztes 
Gelübde.  Von  da  an  scheint  er  sich  ganz  seinem  Kloster  und  Be- 
rufe hingegeben  zu  haben;  vermuthlich  gehörte  er  dieser  Gegend 
auch  durch  seine  Geburt  an,  wenigstens  macht  sein  Werk  den  Ein- 
druck, dafs  der  Verfasser  wohl  ein  geborener  Thüringer  gewesen 
sein  müsse,  und  es  ist  kein  Umstand  vorhanden,  der  auf  eine  andere 
Spur  führen  könnte. 

Im  Jahre  1071  schickte  der  Abt  Ruthard,  Meginhers  Nachfolger, 
Lambert  aus,  um  die  Klöster  Siegburg  und  Saalfeld  kennen  zu  lernen, 
wo  die  vom  Erzbischof  Anno  aus  Fructuaria  mitgebrachten  Mönche 
nach  ihrer  strengen  Regel  lebten,  vom  Erzbischof  selber  und  vom 
Volke,  wie  Lambert  sagt,  nicht  wie  Menschen,  sondern  wie  Engel 
verehrt  und  bewundert.  Die  Mönche  der  älteren  Art  kamen  durch 
diese  neuen  Regeln,  welche  sich  rasch  verbreiteten,  mehr  und  mehr 
in  Mifsachtung  beim  Volke  und  bei  den  Grofsen  und  sahen  sich  da- 
durch manchen  Gefahren  ausgesetzt.  Lambert  hielt  sich  längere 
Zeit  in  jenen  Klöstern  auf,  wo  die  aufserordentliche  Strenge  der 
Zucht,  die  gänzliche  Hingebung  der  Mönche  grofsen  Eindruck  auf 
ihn  machten.  Dennoch  fiel  sein  Gutachten  nicht  günstig  aus,  die 
Zuthaten  zu  der  alten  Regel  gefielen  ihm  nicht,  und  er  erklärte  diese 
für  völlig  ausreichend,  wenn  man  sie  nur  genau  befolgen  wolle.  Er 
beklagt,  dafs  dieses  nicht  geschehe ; warum  es  aber  immer  und  trotz 
aller  Reformen  immer  wieder  nicht  geschah,  das  ist  ihm  nicht  klar 
geworden. 

Wir  haben  diesen  Gegenstand  schon  oft  genug  zu  berühren  ge- 
habt, und  immer  von  neuem  tritt  es  uns  entgegen,  dafs  Klöster, 


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Lambert  von  Hersfeld. 


265 


welche  noch  vor  kurzem  blühende  Stätten  eines  regen  Geisteslebens 
waren,  verfallen,  dafs  andere  an  ihre  Stelle  treten  und  daher  diese 
Entwickelung  durchaus  keine  Stetigkeit  hat,  sondern  mit  aufser- 
ordentlichem  Kraftaufwande  immer  wieder  von  neuem  begonnen 
werden  mufs. 

Der  Grund  dieser  Erscheinung  liegt  wohl  ganz  einfach  darin, 
dafs  das  ganze  Mönchswesen  der  menschlichen  Natur  zuwider  ist 
und  ihr  widerstrebt.  In  seiner  Reinheit  und  Strenge  kann  es  nur 
durchgeführt  werden  vermittelst  einer  aufsergewöhnlichen  Anstren- 
gung, mit  Hülfe  einer  Begeisterung,  einer  Hingebung  an  die  Ver- 
wirklichung einer  unerreichbaren  Idee,  die  naturgemäfs  nicht  dauernd 
sein  kann.  Darum  macht  sich  immer  wieder  die  menschliche  Natur 
geltend,  nur  ein  erneuter  Aufschwung  vermag  wieder  auf  die  frühere 
Bahn  zu  führen,  und  wo  dieser  fehlt,  ist  die  Ausartung  unvermeid- 
lich. In  Hersfeld  nahm  man  die  neue  Richtung  nicht  an  und  ver- 
fiel damit  dem  allgemeinen  Geschick  der  älteren  Klöster,  nachdem 
der  durch  Godehard  gegebene  Anstofs  aufgehört  hatte  zu  wirken. 
Der  rechtlose  Zustand  des  Reiches,  die  ungezügelte  Raubsucht  der 
Klostervögte  beschleunigte  freilich  den  Verfall,  aber  die  Kloster- 
geschichten zeigen  uns,  dafs  in  der  Regel  eifrige  und  reformatorische 
Aebte  in  ihrem  geistigen  Uebergewicht  auch  gegen  solche  Gefahren 
Schutz  zu  finden  wufsten.  Die  innere  und  die  äufserliche  Biüthe 
der  Klöster  pflegen  immer  Hand  in  Hand  zu  gehen. 

Lamberts  erstes  Werk  war  ein  Epos  über  die  Geschichte  seiner 
Zeit,  welches  gänzlich  verloben  ist.  Noch  mehr  zu  bedauern  ist  der 
Verlust  seiner  Geschichte  des  Klosters  Hersfeld,  die  er  um  das  Jahr 
1074  voll  bitteren  Kummers  über  den  tiefen  Verfall  desselben  ver- 
fafste;  nur  geringe  Fragmente  davon  sind  uns  erhalten1).  Einige 
Jahre  später  begann  er  die  Ausarbeitung  seines  Hauptwerkes,  der 
Annalen.  Die  Geschichte  seiner  Zeit  zu  schreiben,  war  sein  Zweck, 
aber  nach  dem  herrschenden  Gebrauche  fing  er  dennoch  mit  der 
Schöpfung  an,  indem  er  einen  ganz  kurzen  chronologischen  Abrifs 

*)  Mon  SS.  V,  136  — 141.  Rudolf  von  S.  Tron  rühmt  jedoch  den  Zustand 
Hersfelds  unter  dem  Abte  Friderich,  gegen  das  Ende  des  Jahrhunderts,  sowohl 
wegen  des  grofsen  Reichlhums,  als  wegen  der  wissenschaftlichen  Bildung.  Mon. 
SS.  X,  232.  — W.  Giesebrecht  bezieht  die  Worte  141,  41  nicht  auf  Anno  von  Köln, 
sondern  auf  den  Abt  Hartwich,  bei  dessen  Lebzeiten  also  Lambert  das  Werk  ver- 
fafst  hätte.  Danach  kann  es  auch  später  geschrieben  sein,  doch  endigen  die  Ex- 
cerpte  mit  1074,  und  nach  dem  Prolog  ist  cs  vor  den  Annalen  verfafst.  Ermuthigt 
wurde  Lambert,  wie  er  sagt,  zu  diesem  Unternehmen  durch  eine  wohl  gelungene 
Geschichte  des  Klosters  Fulda:  ad  audendum  perpulit  lecta  (so  schreibe  ich  für 
laeta)  cuiusdam  Fiddensis  abbatiae  (so  verbessert  Giesebrecht  für  abbatis)  historia 
subtiliter  memoriae  commendata. 


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266 


IV.  Salier.  § 14.  Lambert  von  Hersfeld. 


der  Weltgeschichte  seinem  eigentlichen  Werke  voranstellte.  Sorgfalt 
hat  er  darauf  nicht  verwendet,  sondern  nur  die  alten  bis  zum  Jahre 
1040  fortgefilhrten  Hersfelder  Annalen  in  oberflächlicher  Weise  ex- 
cerpirt.  Es  ist  schwer  zu  begreifen,  wie  ein  Mann  von  so  ausge- 
bildetem Sinn  flir  die  Form  der  Darstellung  seine  Geschichte  auf 
eine  so  häfsliche  Weise  entstellen  konnte;  an  einem  eigentlichen 
Anfänge  fehlt  es  derselben  ganz,  denn  jene  mageren  Excerpte  kann 
man  noch  gar  nicht  zu  dem  Werke  selbst  rechnen,  wie  sie  denn 
auch  Pertz  in  den  Monumenten  ganz  davon  getrennt  hat.  Für  eine 
genauere  Erforschung  der  älteren  Geschichte  aber  hatte  Lambert 
überhaupt  wenig  Sinn;  das  zeigen  uns  auch  die  Fragmente  seiner 
Klosterchronik,  bei  der  ihm  gar  nicht  der  Gedanke  gekommen  ist, 
was  doch  andere  bei  ähnlichen  Aufgaben  so  fleifsig  versuchten,  mit 
Hülfe  des  reichen  Hersfelder  Archivs  die  Lücken  der  Ueberlieferung 
zu  ergänzen.  Er  beschränkte  sich  vielmehr  auch  hier  ganz  auf  die 
ungenügenden  Notizen  der  Annalen  und  eilte  rasch  weiter  zu  der 
neueren  Zeit,  für  die  ihm  anfangs  die  vorhandenen  Aufzeichnungen, 
dann  mündliche  Mittheilungen  und  eigene  Erlebnisse  reicheren  Stoff 
darboten. 

Von  1040  an  beginnen  allmählich  Lamberts  Annalen  reichhaltiger 
zu  werden;  anfänglich  sind  die  mitgetheilten  Nachrichten  noch  ver- 
einzelt und  unverbunden,  aber  seit  dem  Anfänge  der  Regierung  Hein- 
richs IV  wird  die  Erzählung  immer  vollständiger;  wenn  er  auch  im 
Ganzen  die  annalistische  Form  beibehält,  so  bindet  er  sich  doch  nicht 
strenge  daran  und  bei  der  Fülle  der  Ereignisse  und  der  Ausführlich- 
keit der  Darstellung  macht  sich  diese  Form  kaum  noch  bemerklich. 
Auch  fafst  er  zuweilen,  um  die  Erzählung  nicht  zu  zerstückeln,  die 
Begebenheiten  eines  längeren  Zeitraums  an  einer  Stelle  zusammen, 
wo  man  sich  dann  durch  die  Einreihung  unter  ein  bestimmtes  Jahr 
nicht  zu  irrthtimlicher  Auffassung  verführen  lassen  darf. 

Bis  zur  Wahl  Rudolfs  im  Jahre  1077  setzte  Lambert  sein  Werk 
fort,  dann  legte  er,  ermattet,  wie  er  sagt,  von  der  unermefslichen 
Masse  des  Stoffs,  die  Feder  nieder  und  überliefs  einer  anderen  Hand 
die  Fortsetzung : die  Wahl  Rudolfs  werde  dazu  einen  passenden  An- 
fang gewähren.  Allein  es  hat  sich  niemand  gefunden,  der  dieser 
Aufforderung  nachgekommen  wäre. 

Zu  allen  Zeiten  hat  Lamberts  Werk  lebhafte  Anerkennung  ge- 
funden und  man  hat  ihm  fast  unbedingt  vertraut.  Es  fehlte  ihm 
nicht  an  Gelegenheit,  sich  gute  Nachrichten  zu  verschaffen,  da  sein 
Kloster,  in  der  Mitte  der  kämpfenden  Parteien  gelegen,  zu  beiden  in 
Beziehung  stand.  Heinrich  IV  selbst  kam  mehr  als  einmal  nach 


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Lamberts  Annalen. 


267 


Hersfeld  und  der  Abt  suchte  eine  vermittelnde  Stellung  einzuneh- 
men, während  man  doch  im  Ganzen  den  Gegnern  geneigter  war  und 
vom  römischen  Hofe  Mittheilungen  empfing.  Thüringen  war  der 
Schauplatz  der  Entscheidungskämpfe  sowohl  wie  der  Friedensver- 
handlungen und  des  Zehntenstreites,  der  auch  Hersfeld  so  nahe  be- 
rührte. Von  den  Ereignissen  im  südlichen  Deutschland  und  Italien 
ist  freilich  Bernold,  von  dem  entfernteren  Norden  Adam  besser  unter- 
richtet. 

Lamberts  Schreibart  ist  durchaus  geeignet,  ihm  eine  grofse 
Autorität  zu  sichern.  Von  der  Leidenschaftlichkeit  eines  Bruno  und 
Bernold  ist  er  weit  entfernt;  wie  er  sich  in  der  Form  den  alten 
Annalen  anschliefst,  so  gleicht  er  ihnen  auch  in  der  ruhigen  gleich-  „ 
mäfsigen  Darstellung,  in  der  Sicherheit  und  Bestimmtheit  seiner  An- 
gaben. Die  Sprache  selbst  ist  klar  und  deutlich,  gebildet  nach  dem 
Muster  der  alten  heidnischen  und  kirchlichen  Schriftsteller,  aber 
frei  von  der  affectirten  Gelehrsamkeit,  welche  überall  mit  fremden 
Brocken  prunkt.  Es  ist  die  Sprache,  welche  sich  durch  fortgesetzte 
schriftstellerische  Uebung  nach  und  nach  ausgebildet  hat,  in  welcher 
man  jetzt  gelernt  hat,  sich  mit  Leichtigkeit  und  freier  Bewegung 
auszudrUcken. 

In  Bezug  auf  die  Zeitfolge  der  Ereignisse  und  ihre  einzelnen 
Umstände  ist  Lambert  mit  wenigen  Ausnahmen  so  zuverlässig,  dafs 
es  billig  in  Erstaunen  setzt,  wenn  man  bedenkt,  wie  lange  nachher 
er  sein  Werk  verfafste.  Denn  auf  eine  allmähliche  Entstehung  des- 
selben weist  keine  Spur ; man  kann  aber  wohl  annehmen,  dafs  Lam- 
bert, dem  auch  in  der  Geschichte  von  Hersfeld  die  Zeitgeschichte  die 
Hauptsache  war,  der  noch  früher  dieselbe  episch  behandelt  hatte, 
sich  wie  Wipo  bei  Zeiten  den  Stoff  sammelte,  den  er  später  ver- 
arbeitete. Wenn  er  daher  auch  nicht  so  unmittelbar  wie  Bernold 
unter  dem  Eindruck  der  Ereignisse  schrieb,  so  läfst  er  doch  die 
Vorzüge  einer  solchen  Methode  nicht  vermissen,  während  ihn  zu- 
gleich der  BUckblick  auf  einen  längeren  Zeitraum  in  den  Stand  setzt, 
die  Einzelheiten  in  Verbindung  zu  bringen  und  die  Ursachen  und 
Folgen  der  Ereignisse  zu  entwickeln.  Sein  Werk  erhebt  sieh  da- 
durch über  die  Chronik;  es  wird  zur  wirklichen  Geschichte,  aber  es 
nimmt  natürlicher  Weise  auch  weit  mehr  von  der  Persönlichkeit  des 
Verfassers  an,  und  indem  dieser  die  Dinge  aus  einem  bestimmten 
Gesichtspunkte  darstellt,  erscheint  er  nicht  mehr  als  ein  unbefangener 
Zeuge:  wir  haben  seine  Darstellung  um  so  sorgfältiger  zu  prüfen, 
je  mehr  sie  durch  die  Mäfsigung  und  Würde  des  Ausdrucks,  durch 


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268 


IV.  Salier.  § 14.  Lambert  § 15.  Mariamis  Scottus. 


die  Schönheit  der  Form  und  die  Folgerichtigkeit  der  Verknüpfung 
geeignet  ist,  unser  Urtheil  zu  bestechen. 

Diese  sorgfältige  Prüfung  aber  ist  bisher  fast  ganz  versäumt 
worden.  Es  war  Ranke  Vorbehalten,  in  seiner  schon  erwähnten  Ab- 
handlung näher  auf  diesen  Gegenstand  einzugehen.  Er  hat  darin 
nachgewiesen,  dafs  doch  nicht  immer  Lambert  wirklich  so  genau 
unterrichtet  war,  wie  man  nach  dem  Anscheine  glauben  sollte;  dafs 
bei  mehreren  nicht  unwichtigen  Anlässen  seine  Erzählung,  wie  sich 
mit  Bestimmheit  nachweisen  läfst,  irre  leitet.  Er  tischt  uns  aller- 
dings nicht  solche  Mährchen  auf  wie  Bruno,  er  bemüht  sich  offenbar, 
unparteiisch  zu  erscheinen,  und  strebt  auch  wirklich  danach,  es  zu 
sein.  Allein  ganz  unmöglich  war  es  doch,  dafs  er  in  dem  grofsen 
Zwiespalt  der  Zeit  allein  sich  hätte  unberührt  erhalten  können,  und 
es  ist  nicht  schwer  zu  erkennen,  dafs  er  zu  den  Gegnern  Heinrichs 
gehört.  Er  ist  nicht  so  unbedingt  und  eifrig  hildebrandisch,  wie  die 
Hirschauer  und  S.  Blasianer,  aber  er  gehört  doch  auch  zu  ihnen,  und 
die  sehr  ungünstige  Beurtheilung,  welche  Heinrich  IV  beinahe  durch- 
gängig in  der  Geschichte  erfahren  hat,  rührt  fast  ganz  von  Lambert 
her.  Was  sich  auch  für  ihn  und  noch  mehr  für  die  Ansprüche  der 
Krone,  welche  er  zu  vertreten  hatte,  sagen  liefs,  das  lag  Lamberts 
Auffassung  ferne.  Eine  genauere  Beschäftigung  mit  der  älteren  Ge- 
schichte würde  ihn  vielleicht,  wie  Sigebert  und  Ekkehard,  zu  einer 
richtigeren  Beurtheilung  des  Kampfes  zwischen  Königthum  und 
Priesterthum  geführt  haben. 

Vor  den  blofsen  Wortführern  der  einen  oder  der  andern  Partei 
zeichnet  sich  Lambert  in  hohem  Grade  dadurch  aus,  dafs  er  auch 
die  Gegner  nicht  unbedingt  verwirft  und  eben  so  wenig  die  Wider- 
sacher Heinrichs  unbedingt  lobt,  sondern  auch  ihre  Fehler  und 
Schwächen  nicht  verschweigt.  Wie  Ranke  mit  Recht  bemerkt,  ist 
er  der  städtischen  Erhebung,  die  ihm  als  Auflehnung  gegen  die 
Obrigkeit  erscheint,  abgeneigt,  und  doch  hat  er  sie  vortrefflich  ge- 
schildert.. „Kein  Anhänger  des  Städtewesens  hätte  es  besser  in  die 
Geschichte  einführen  können.  “ So  verschweigt  er  auch  bei  Gelegen- 
heit des  Kölner  Aufstandes  und  bei  anderen  Anlässen  nicht  die  Fehler 
des  Erzbischofs  Anno,  so  sehr  er  sonst  zu  seinen  Bewunderern  ge- 
hört, und  hier  können  wir  ihm  das  Beispiel  einer  bewufsten  und 
absichtlichen  Parteilichkeit  unmittelbar  gegenüber  stellen.  Um  das 
Jahr  1100  nämlich  schrieb  ein  Mönch  des  Klosters  Siegburg  eine 
Lebensbeschreibung  deB  Stifters.  Man  hatte  in  Köln  noch  nicht  die 
Härte  und  Grausamkeit  desselben  vergessen,  und  seine  Heiligkeit, 


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Lambert.  V.  Annoms,  Heimeradi.  Mainz. 


269 


seine  Wunder  wurden  vielfach  nicht  anerkannt.  Die  Stimmen  der 
Zweifler  wollten  nicht  verstummen.  Da  schrieb  denn  jener  Mönch 
das  Leben  des  h.  Anno1),  um  alle  Widersacher  zum  Schweigen 
zu  bringen;  seine  Hauptquelle  ist  Lambert,  aber  jeden  Tadel,  den 
dieser  geäufsert  hatte,  jede  Thatsache,  die  ein  ungünstiges  Licht  auf 
Anno  werfen  konnte,  liefs  er  weg2).  Der  geschichtliche  Werth  dieses 
umfangreichen  Werkes  ist  deshalb  sehr  gering  und  beschränkt  sich 
auf  einige  Nachrichten  von  örtlicher  Natur. 

Lambert  gedenkt  zum  Jahre  1072  des  grofsen  Zulaufes  zu  den 
Gräbern  des  h.  Sebald  in  Nürnberg  und  des  h.  Heimerad  in 
Hasungen.  Letzterer  war  ein  alberner  beschränkter  Fanatiker  aus 
Schwaben,  dessen  gröfstes  Vergnügen  es  war,  wenn  man  ihn  mit 
Schlägen  tractirte.  Meinwerk  von  Paderborn  fragte,  als  er  den  zer- 
lumpten und  schmutzigen  Kerl  Bah,  wo  doch  dieser  Teufel  herkäme, 
und  liefs  ihm  nach  seiner  Gewohnheit  eine  Tracht  Schläge  ertheilen; 
dasselbe  soll  sogar  die  fromme  Kaiserin  Kunigunde  gethan  haben 
und  auch  der  Abt  Arnold  von  Hersfeld.  Das  Volk  lief  ihm  aber 
haufenweise  zu,  als  er  sich  am  Berge  Hasungen  ansiedelte,  Wunder 
blieben  nicht  aus,  und  endlich  gründete  Sigefrid  von  Mainz  an  sei- 
nem Grabe  ein  Kloster  Hirschauer  Mönche.  Die  Hersfelder  nahmen 
sich  nun  die  Schläge  zu  Herzen,  welche  Heimerad  einst  von  ihrem 
Abte  erhalten  hatte,  und  auf  Befehl  des  Abtes  Hartwich  schrieb  um 
das  Jahr  1080  Ekkebert  ein  Leben  des  h.  Heimerad,  welches  in 
schwülstigen  Phrasen  seine  sinnlosen  Kasteiungen  verherrlicht,  dabei 
aber  einige  geschichtliche  Nachrichten  enthält*). 

§.  15.  Mainz.  Marianus  Scottus. 

In  Mainz  hat  die  Litteratur  nie  recht  gedeihen  wollen,  obgleich 
Willegis  (975 — 1011)  und  seine  Nachfolger  hinter  ihren  Zeitgenossen 
nicht  zurückstanden.  Von  Erchenbald  (1011 — 1020),  der  vorher  Abt 
von  Fulda  gewesen  war,  hatte  man  Predigten  *) ; ihm  folgte  von  1020 
bis  1031  der  königliche  Kaplan  Aribo,  ein  stolzer  Mann  aus  dem 

‘)  Vita  S.  Annonis  ed.  Kocpke,  Mon.  SS.  XI,  462 — 515.  Am  Schlüsse  folgt 
die  Translation  von  1183,  welche  nicht  unwichtig  ist.  In  den  noch  ungedruckten 
Wundern,  die  nach  jener  feierlichen  Erhebung  der  Gebeine  in  Siegburg  verfafst 
wurden,  tritt  die  sehr  verbreitete  Opposition  gegen  Annos  Heiligkeit  noch  deutlicher 
hervor.  Vgl.  über  die  Vita  Janssen  in  den  Annalen  des  niederrhein.  hist.  Vereins 
1,88,  auch  Uber  das  deutsche  Annolied.  Mafsmann,  Kaiserchronik  III,  263 — 278 
behauptet  das  höhere  Alter  der  Kaiserchronik. 

2)  Anno  konnte  keinen  schlechteren  Biographen  finden.  Giesebrecht,  Kaiser- 
zeit II,  538. 

*)  Ekkeberti  Vita  S.  Ilaimeradi  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  X,  595 — 607. 

*)  Sermones  Erchanbaldi  archiepiscopi  in  Augsburg.  Steichele,  Archiv  f.  d. 
Geschichte  von  Augsb.  S.  14. 


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270  IV-  Salier.  § 15.  Mainz.  Marianus  Scottus. 

Hause  der  Pfalzgrafen  von  Baiern l).  Um  diese  Zeit,  bis  gegen 
das  Jahr  1036,  wirkte  in  Mainz  als  Scholaster  der  8.  Galler  Ekke- 
hard, der  Verfasser  der  oben  erwähnten  Fortsetzung  der  Kloster- 
geschichte. Damals  ist  auch  in  Mainz  ein  Leben  des  h.  Bonifaz 
verfafst 2) , in  welchem  zu  Willibalds  Nachrichten  einige  ZUge  aus 
der  Ueberlieferung  hinzugefügt  sind,  welche  Othlon  bereits  wieder 
in  seinem  Werke  benutzt  hat. 

Auf  Aribo  folgte  im  Jahre  1031  als  Erzbischof  Bardo,  Abt 
von  Hersfeld,  der  in  Fulda  unter  Erchanbald  die  Schule  besucht 
hatte  und  sich  ebenfalls  durch  seine  kirchliche  Beredsamkeit  aus- 
zeichnete. Auf  Fasten  und  dergleichen  Uebungen  gab  er  wenig, 
desto  mehr  aber  erwarb  er  sich  durch  seine  grofse  Mildthätigkeit 
und  Barmherzigkeit  allgemeine  Liebe  und  Verehrung,  und  diesen 
Tugenden  verdankte  er  es  auch,  dafs  er  nach  seinem  Tode  als  Hei- ' 
liger  verehrt  wurde.  Immer  sah  man  ihn  heiter  und  freundlich,  und 
nie  pflegte  er,  wenn  die  Leute  zu  ihm  kamen,  zu  brummen  und  zu 
grunzen  wie  die  heiligen  Einsiedler5).  Sein  Nachfolger  Liupold 
(1051 — 1059),  ein  Bamberger  Kleriker,  liebte  die  Wissenschaften 
und  veranlafste  auch  seinen  Kaplan  Vulculd,  das  Leben  des  Bardo 
zu  beschreiben,  welchen  dieser  noch  gekannt  hatte.  Vulculd  führte 
diesen  Auftrag  in  recht  hübscher  Weise  nur  mit  gar  zu  gedrängter 
Kürze  aus*),  und  darin  liegt  vielleicht  die  Ursache,  weshalb  einige 
Zeit  nachher  ein  zweites  Leben  des  h.  Bardo  geschrieben  wurde6). 
Die  Verehrung  hatte  zugenommen,  und  man  verlangte  nach  den  Lob- 
preisungen, welche  in  Legenden  nicht  fehlen  durften.  Thatsaehen, 
welche  Vulculd  berichtet,  fehlen  hier ; dafür  ist  freilich  anderes  neu 
hinzugekommen,  namentlich  seine  Erhebung  zum  Erzbischöfe  aus- 
führlicher erzählt,  aber  gerade  hier  zeigt  der  Verfasser  sich  gar  zu 
sehr  als  blofser  Lobpreisen  Denn  die  Zeitgenossen  sahen  in  der 
Gunst  der  Kaiserin  Gisela  den  Hauptgrund  von  Bardos  rascher  Be- 

M Einige  Briefe  von  ihm  s.  bei  Gicsebreeht,  Gesch.  d.  Kaiserzeit  H,  604  f. 

*)  Acta  SS.  Jun.  I,  475.  Mon.  SS.  II,  353—357. 

•)  Vitiis  iriunavit  et  necessitati  manducavit,  et  Omnibus  egentibus  panis  sui 
bueellam  communicaviL  Immunis  fuit  eorum  qui  ad  hominum  intuitum  runeantes 
sive  grunnientes  sibi  tantum  varant  solilarii.  Vitae  maj.  rap.  22. 

4)  Vita  S.  Bardonis  auct.  Vulculdo  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  317—321; 
ed.  Böhmer,  Font.  111,  247 — 254.  Hier  heifst  der  Verfasser  Vulcald;  die  ZUge  der 
einzigen  Handschrift  zeigt  das  Facsimile  auf  Tab.  IV.  Die  von  Böhmer  erwähnte 
Darmsiädter  Handschrift  ist  aus  der  Wirzburger  abgeschrieben.  Dafs  Waitz  das 
prewii/  318,  31  unverständlich  ist  (G.  G.  A.  1856  S.  1896)  erklärt  sich  nur  durch 
lange  Entfremdung  von  den  Classikern;  andere  dürften  die  von  ihm  daselbst  ge- 
billigten Lesarten  unverständlich  finden. 

6)  Vita  Bardonis  maior,  Mon.  SS.  XI,  321 — 342.  Fontes  III,  217 — 247.  Vgl. 
W.  Gicsebreeht,  Gesch.  d.  Kaiserzeit  II,  527. 


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Bardo  von  Main/.  Gozechin.  Marian. 


271 


förderung,  und  auf  jeden  Fall  ist  die  Darstellung  des  Biographen 
nachweisbar  falsch.  Von  Bardos  Stellung  im  Reiche,  dem  bedeuten- 
den Einflufs,  welchen  ein  Erzbischof  von  Mainz  während  einer 
zwanzigjährigen  Amtsführung  auf  die  öffentlichen  Angelegenheiten 
ausllben  mufste,  erfahren  wir  leider  gar  nichts.  Dafür  sollte  ein 
zweites  Buch  von  seinen  Wundern  berichten,  ein  drittes  seine  Pre- 
digten enthalten,  aber  diese  sind  beide  verloren. 

Liupold  sorgte  auch  für  die  Mainzer  Schule  durch  die  Be- 
rufung des  Lütticher  Seholasters  Gozechin.  Wir  besitzen  einen 
Brief  von  diesem  Manne  an  einem  gewissen  Walcher1),  voll  bitteren 
Unmuths  über  den  Verfall  aller  Wissenschaft  und  die  Nichtachtung 
derselben  seit  dem  Tode  Liupolds  und  des  Kaisers  Heinrichs  IH. 
Gaukler  und  Schauspieler,  sagt  er,  gelten  jetzt  mehr  als  alle  freien 
Künste,  und  nur  Geld  und  Gewalt  geben  Ansehen  in  der  Welt  Er 
ist  voll  Sehnsucht  nach  seinem  alten  Lüttich,  fort  aus  diesem  gol- 
denen Haupt  des  Reiches  (aureum  caput  regni).  Freilich  scheint 
Gozechin  ein  alter  grämlicher  Schultyrann  gewesen  zu  sein;  die 
strengste  Zucht,  den  Stock  verehrt  er  Uber  alles,  und  die  Aufleh- 
nung der  Schule  von  Tours  gegen  die  Autorität,  die  Keckheit  des 
Berengar,  dieses  Apostels  des  Satans,  empört  ihn  Uber  alle  Mafsen. 

Sigefrid  war  damals  (1059 — 1084)  Erzbischof,  der  bald  allen 
weltlichen  Leidenschaften  sich  hingab,  bald  voll  Angst  in  klöster- 
licher Abgeschiedenheit  Ruhe  suchte;  ihn  besonders  treffen  jene  Vor- 
würfe Gozechins.  Es  wird  daher  auch  nicht  die  Liebe  zur  Wissen- 
schaft, sondern  eine  abergläubische  Frömmigkeit  gewesen  sein,  welche 
den  Erzbischof  bewog,  im  Jahre  1069  einen  wunderlichen  Heiligen 
nach  Mainz  bringen  zu  lassen,  den  Schotten  Marianus  nämlich, 
den  er.  noch  als  Abt  von  Fulda  vor  zehn  Jahren  eingemauert  hatte. 

Dieser  Marian  war  1028  in  Irland  geboren  und  dort  mit  24  Jahren 
Mönch  geworden.  Als  seinen  Lehrer  nennt  er  den  Tigernach,  wohl 
ohne  Zweifel  den  ersten  irländischen  Annalisten,  der  diesen  Namen 
führte  und  damals  lebte.  Im  Jahre  1086  verliefs  Marian,  wie  so 
viele  seiner  Landsleute,  die  Heimath  und  wanderte  nach  dem  Con- 
tinent,  wo  er  zuerst  ins  Schottenkloster  Grofs  S.  Martin  zu  Köln 
eintrat,  dann  aber  weiter  nach  Fulda  pilgerte  zum  h.  Bonifacius, 
den  er  auch  einen  Schotten  nennt.  Hier  liefs  er  sich,  wie  es  da- 
mals und  besonders  bei  diesen  Schotten  häufig  war,  als  Klausner 
einmauern  in  der  Zelle  des  eben  zuvor  verstorbenen  Schotten 
Animchad  auf  dessen  Grabe;  sein  eigenes  Grab  grub  er  sich  da- 
neben. Aber  wider  Willen  mufste  er  seinen  Ort  noch  einmal  ver- 

*)  Gozechini  epislola  ad  Walcherum  bei  Mabillon  Anal.  p.  437. 


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272  IV.  Salier.  § 15.  Mainz.  Marianns  Scottus.  § 16.  Lothringen. 

ändern,  da  der  Erzbischof  Sigefrid  ihn,  wie  gesagt,  1069  nach 
Mainz  bringen  liefs  und  hier  im  Martinskloster  von  neuem  ein- 
mauerte. Da  ist  er  1082  oder  1083  gestorben. 

Gewifs  konnte  keine  Lage  weniger  geeignet  für  einen  Historiker 
sein,  und  wenn  er  dennoch  den  Namen  eines  solchen  erlangte  und 
sogar  einen  bedeutenden  Ruhm  sich  erwarb,  so  verdankt  er  das 
nicht  Beinen  selbständigen  Mittheilungen  Uber  die  Geschichte  seiner 
Zeit,  sondern  vielmehr  seinen  chronologischen  Studien.  Aehnlich 
wie  Hermann  erforschte  er  mit  dem  gröfsten  Eifer  die  Vergangen- 
heit, und  zwar  hauptsächlich  zu  dem  Zwecke,  die  Zeitfolge  der  Be- 
gebenheiten festzustellen  *).  Astronomische  und  mathematische  Stu- 
dien waren  in  den  irländischen  Klöstern  seit  uralter  Zeit  mit  Vorliebe 
betrieben  worden,  und  hierauf  wandte  auch  Marian  vornehmlich  seine 
Aufmerksamkeit.  Er  kam  zu  dem  Resultat,  dafs  Dionysius  sich  in 
seiner  Zeitrechnung  um  22  Jahre  geirrt  habe,  und  ordnete  nun  seine 
Weltchronik,  die  übrigens  nur  aus  mageren  Auszügen  besteht,  in 
der  Weise , dafs  er  das  nach  seiner  Meinung  richtige  Jahr  voran- 
stellte und  an  das  andere  Ende  der  Zeile  die  gewöhnliche,  um  22 
kleinere  Jahreszahl  setzt. 

Er  theilte  seine  Chronik  in  drei  Bücher,  von  denen  das  erste 
die  alte  Geschichte,  das  zweite  das  Leben  Christi  und  seiner  Jünger, 
das  dritte  die  neuere  Geschichte  enthält,  anfangs  nur  bis  zum  Jahre 
1074,  dann  aber  fortgesetzt  bis  1082.  Nur  dieses  letzte  Buch  ist 
nach  der  im  Vatikan  erhaltenen  Original -Handschrift  abgedruckt  in 
den  Monumenten a),  während  bis  dahin  nur  interpolirte  Texte  bekannt 
waren.  Als  Geschichtsquelle  ist  sein  Werk  fast  ohne  Bedeutung. 
Marian  hat  nur  wenige  der  hauptsächlichsten  und  allgemein  bekann- 
ten Thatsachen  kurz  verzeichnet  und  ohne  Betrachtungen  angemerkt; 
merkwürdig  sind  nur  seine  Nachrichten  Uber  Irland  und  Uber  die 
Schottenmönche  in  Deutschland,  sowie  einige  Notizen  zur  Geschichte 
der  Erzbischöfe  von  Mainz.  Auffallend  ist,  wie  roh  und  fehlerhaft 
trotz  seiner  Gelehrsamkeit  Marians  Sprache  und  Orthographie  sind, 
was  auch  bei  anderen  Aufzeichnungen  dieser  Schottenmönche  auf- 
fällt. 

Die  Zeitgenossen  Marians  schätzten  sein  Werk  sehr  wegen  der 
chronologischen  Untersuchungen,  so  namentlich  Sigebert  von  Gem- 
bloux.  Besonders  aber  fand  es  in  England  Verbreitung  und  Fort- 

*)  Ueber  einige  von  ihm  benutzte  Handschriften  s.  Giesebrecht  in  Schmidts 
Zeitschrift  f.  Gesch.  VII,  564. 

*)  Mariani  Scotti  Chronicon  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  V,  481 — 568;  cf.  X,  476,  wo 
eine  Stelle  Wilhelms  von  Malmesbury  Uber  ihn  nachgetragen  ist 


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Marian.  Annalen  von  S.  Alban.  Lothringen.  273 

Setzungen,  vorzüglich  von  Florentius  von  Worcester,  aus  welcher 
Waitz  Auszüge  bis  zum  J.  1117  mit  seiner  Ausgabe  verbunden  hat. 
In  Deutschland  entstanden  aus  einer  Vermischung  von  Auszügen 
aus  Marians  Werk  und  den  Annalen  von  S.  Alban  nebst  anderen 
Zuthaten  die  Disibodenberger  Annalen,  welche  lange  Zeit  irriger 
Weise  als  die  echte  Chronik  des  Marian  betrachtet  worden  sind. 
Jene  Annalen  von  S.  Alban1)  aber  sind  wiederum  nichts  als  ein 
Auszug  aus  der  Wirzburger  Chronik,  der  im  Albanskloster  zu  Mainz 
mit  einigen  Auszügen  aus  Marian  Uber  die  Folge  der  Mainzer  Erz- 
bischöfe und  wenigen  eigentümlichen  localen  Nachrichten  verbunden 
wurde.  Vom  J.  1057  an  fehlt  uns  die  Quelle  für  diese  Compilation, 
aber  sowohl  die  Vergleichung  mit  Ekkehard,  den  Rosenfelder  und 
Elwanger  Annalen,  als  auch  die  Beziehungen  auf  Wirzburg  zeigen, 
dafs  auch  in  diesem  Theile  von  1059  bis  1101  die  Wirzburger  Quelle 
noch  vorlag  und  die  eigenthümlichen  Zusätze  nur  gering  sind.  Dafs 
aus  diesen  Annalen  die  Fortsetzung  der  Hildesheimer  Annalen  ent- 
nommen ist,  wurde  schon  oben  erwähnt. 

Dafs  auch  die  schöne  Todtenklage  Uber  Heinrichs  IV  Tod  viel- 
leicht nach  Mainz  gehört,  vielleicht  von  dem  Abte  Dietrich  zu  8.  Alban 
verfa&t  sein  könnte,  ist  ebenfalls  bereits  auf  8.  261  bemerkt  worden. 

§ 16.  Lothringen.  Trier. 

Lothringen  war  die  Brücke  zwischen  Frankreich  und  Deutsch- 
land; wie  von  allen  Seiten  lernbegierige  Schüler  nach  Lüttich  eilten, 
so  besuchten  die  Lothringer  die  französischen  Schulen  zu  Reims, 
Chartres,  Pont  - k - Mouzon.  Ebenso  standen  die  Vorkämpfer  der 
strengen  Klosterzucht  hier  in  genauester  Verbindung  mit  Cluny, 
Dijon  und  anderen  französischen  Klöstern,  und  sie  entsandten  wieder 
Mönche  nach  Deutschland,  um  dort  zu  reformiren. 

Das  litterarische  Leben  hatte  sich  in  diesen  gesegneten  Landen 
Behr  reich  entwickelt,  und  so  wie  hier  frühzeitig  die  einzelnen  Terri- 
torien zur  Selbständigkeit  gelangten,  so  entstand  auch  eine  zahl- 
reiche Litteratur  von  Lokalgeschichten.  Wir  besitzen  Bisthums- 
geschichten von  Trier,  Verdun,  Toul,  Lüttich,  Cambray,  Kloster- 
chroniken von  Moyenmoutier,  Chaumouzey,  S.  Mihiel,  S.  Lorenz 
bei  Lüttich,  Gembloux,  S.  Tron,  Cäteau-Cambresis  und  dazu  eine 
Fülle  von  Biographien,  welche  uns  das  Leben  und  Treiben  in  diesen 
Gegenden  lebendiger  vor  Augen  bringen  wie  irgendwo  sonst. 

Trier  selbst,  die  Metropole,  scheint  mit  den  Lebensströmungen 

')  Als  Annales  Wirziburgenses  gedr.  Mon.  SS.  II,  238 — 247;  vgl.  Waitz,  die 
Annales  S.  Albani,  in  den  Nachrichten  von  der  Gott  Univ.  1857  S.  55. 

18 


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274  IV.  Salier.  § 16.  Lothringen.  Trier. 

der  Zeit  nur  wenig  in  Verbindung  gestanden  zu  haben.  Man  ver- 
tiefte sich  hier  ganz  und  gar  in  die  Zeiten  des  Alterthums  und  be- 
strebte sich,  diese  möglichst  auszuschmlicken ; man  suchte  sehr 
fleifsig  alle  Nachrichten  zusammen  und  half  mit  Erfindungen  und 
Fabeln  nach,  wo  die  Ueberlieferung  zu  ungenügend  war.  Die  ge- 
schichtlich werthlosen  Legenden,  welche  hier  im  elften  Jahrhundert 
verfafst  wurden,  liegen  unserem  Zwecke  fern;  Waitz  hat  in  der  Ein- 
leitung zu  den  Geatis  Trevirorum  ihre  allmähliche  Entstehung  und 
Erweiterung  untersucht.  Eine  Hauptwerkstatt  war  das  Mathiaskloster; 
hier  schrieb  auch  im  Anfang  des  elften  Jahrhunderts  der  Mönch  Diet- 
rich seine  Schrift  Uber  die  Auffindung  und  Wunder  des  h.  Celsus, 
welche  er  seinem  Abte  Richard  widmete.  Sie  enthält  einige  ge- 
schichtliche Nachrichten  Uber  den  Erzbischof  Egbert  (977 — 993)  den 
Hersteller  des  Klosters,  unter  dem  jene  Gebeine  erhoben  wurden  ‘). 

Im  Martinskloster  überarbeitete  etwas  später  der  Abt  Eber- 
win  eine  alte  Legende  vom  h.  Magnericus,  dem  Stifter  des 
Klosters,  und  derselbe  beschrieb  auch  das  Leben  und  die  Wunder 
des  Mönches  Symeon  vom  Berge  Sinai,  der  mit  dem  Abt  Richard 
von  Verdun  aus  dem  h.  Lande  gekommen  war  und  bis  an  seinen 
Tod  im  J.  1035  in  Trier  lebte*). 

Im  Jahre  1066  vermehrte  ein  neuer  Märtyrer  die  Zahl  der 
Trierschen  Heiligen,  Kuno  oder  Konrad  von  Pfullingen,  Dom- 
propst zu  Köln  und  Neffe  des  Erzbischofs  Anno,  der  ihn  der  Trierer 
Kirche  gegen  ihren  Willen  aufdrängen  wollte.  Er  büfste  dafür  mit 
dem  Tode,  indem  der  Stiftsvogt  Dietrich  ihn  auf  grausame  Weise 
umbringen  liefs.  Bischof  Dietrich  von  Verdun  bestattete  ihn  im 
Kloster  Tholey,  wo  natürlich  die  Wunder  an  seinem  Grabe  nicht 
ausblieben.  Auf  den  Wunsch  der  Mönche  schrieb  etwas  später  ein 
fremder  Gast,  der  erst  nach  dieser  Zeit  in  ihr  Kloster  aufgenommen 
war,  ein  Büchlein  über  das  Leben  Konrads  und  die  Wunder  an 
seinem  Grabe.  Von  seinem  Leben  wufste  er  aber  fast  nichts  und 
half  sich  wie  gewöhnlich  mit  schwülstigen  Phrasen*).  Der  Bischof 
Dietrich  von  Verdun  war  ein  treuer  Anhänger  des  Königs,  und 
daraus  erklärt  sich  eine  heftige  Feindschaft  des  Verfassers  gegen 
Gregor  VHl * * 4).  Wir  besitzen  noch  ein  besonders  merkwürdiges 

l)  Ex  Translatione  S.  Celsi,  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VIII,  204 — 208. 

*)  Excerpte  aus  beiden  a.  a.  0.  208 — 211. 

“)  Vita  et  Passio  Conr.  archiep.  auet.  Theoderico  ed.  Waitz,  ib.  212 — 219. 

4)  Sed  statim  eodem  anno  eodemque  tempore  sancta  ecclesia  tanto  dissensio- 
num  et  perturbationum  coepit  agitari  turbine,  ut  diutina  bellorum  per  civile  bellum 
fluetuatione,  quid  sit  pax  videatur  ignorare.  Statim  enim  ....  vita  decessit  sedis 
apostolicae  venerabilis  pontifex  Alexander,  cui  succedens  Hildebrandus  pestifer  in 


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Gesta  Treverorum.  Dietrich  von  Verdun. 


275 


Schreiben,  welches  im  Namen  eben  dieses  Bischofs  von  dem  Trierer 
Scholasticus  Wen  rieh  verfafst  und  an  Gregor  VII  gerichtet  ist;  der 
Verfasser  entwickelt  darin,  warum  es  ihm,  obgleich  mit  den  wesent- 
lichsten Grundsätzen  Gregors  einverstanden,  doch  unmöglich  ist, 
sein  Verfahren  zu  billigen  und  seinen  Geboten  zu  folgen1). 

Der  Trierische  Sagenkreis  erhielt  einen  erheblichen  Zuwachs 
im  J.  1072  durch  die  Auffindung  zahlreicher  Reliquien  in  der  Kirche 
des  h.  Paulinus,  mit  denen  eine  Bleitafel  mit  einer  Inschrift  zum 
Vorschein  kam.  Mit  neuem  Eifer  wurde  nun  die  Vorzeit  Triers  be- 
handelt, Uber  die  man  die  Gegenwart  sowohl  wie  die  näher  liegende 
Vergangenheit  vergafs,  bis  endlich  im  Mathiasstift,  wie  es  scheint, 
bald  nach  dem  Anfang  des  zwölften  Jahrhunderts  die  Vorgeschichte 
mit  der  Gegenwart  in  Verbindung  gebracht  wurde.  Es  war  ein 
löbliches  Unternehmen,  nur  waren  die  Hlllfsmittel  des  Verfassers 
aufserordentlich  gering.  Sie  beschränkten  sich  vom  neunten  Jahr- 
hundert an  fast  ganz  auf  die  Chronik  des  Regino  nebst  einer  dürfti- 
gen und  unsicheren  Ueberlieferung J).  Dieses  Werk  nun,  welches 
bis  1101  reicht,  bildet  die  Grundlage  der  bis  in  die  neuere  Zeit 
fortgesetzten  Bisthumsgeschichte,  die  sich  bald  zu  einer  bedeu- 
tenden Geschichtsquelle  entwickelte.  Sowohl  im  Mathiasstift  als 
aufserhalb  desselben  wurde  der  sagenhafte  Anfang  immer  von  neuem 
Überarbeitet  und  vermehrt;  einer  dieser  Bearbeiter,  vielleicht  ein 
Mitglied  der  Domgeistlichkeit,  setzte  an  die  Stelle  der  Ubermäfsig 
dttrftigen  Nachrichten  Uber  das  elfte  Jahrhundert  eine  ganz  selb- 
ständige Fortsetzung  von  1015  bis  1132,  die  anfangs  freilich  wenig 
zuverlässig,  später  voll  Feindseligkeit  gegen  Heinrich  IV  ist.  Zuletzt 
berichtet  er  selbst  Erlebtes  mit  dankenswerther  Ausführlichkeit3). 
Unabhängig  davon  findet  sich  in  einer  anderen  Handschrift  eine  Ge- 
schichte des  Erzbischofs  Godefrid  (1124 — 1127) 4),  und  ein  Mönch 
von  S.  Mathias  verband  mit  einer  neuen  Ueberarbeitung  eine  Fort- 
setzung bis  1152,  die  grofeentheils  dem  Leben  des  Erzbischofs  Adal- 
bero (1131 — 1152)  entnommen  ist5). 

diebus  officii  sui  calicem  irae  Dei  nniverso  propinavit  orbi,  cuius  amarissiino  sapore 
adhuc  et  in  posterum  dentes  filiorum  obstupescere  habent,  nisi  tribuat  miserendi 
tempus,  cuius  etc.  p.  217. 

4)  Marlene  Thes.  I,  214,  vgl.  Stenzei  I,  498.  Helfenstein  S.  51.  115.  167. 
Ueber  die  bis  jetzt  ungedruckte  Entgegnung  Mangolds  von  Lautenbach  s.  Wilmans 
Mon.  SS.  XU,  148  n.  3;  über  Mangold  selbst  üssernrann  z.  Bern.  a.  1094.  Man. V, 459. 

*)  Gesta  Treverorum  ed.  Waitz,  die  erste  kritische  Ausgabe,  Mon.  SS.  VIH, 
111 — 174.  Ueber  Handschriften  der  Fortsetzungen  Archiv  XI,  356 — 376.391. — 
Kurze  Annales  S.  Eucharii  Trev.  (des  Mathiasstifts)  von  1015 — 1092,  SS.  V,  10. 

*)  Continuatio  I 1. 1.  p.  175 — 200. 

4)  Gesta  Godefridi,  zum  ersten  Male  publicirt  1.  c.  p.  200 — 204. 

»)  p.  234  — 260. 

18* 


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276  IV.  Salier.  § 16.  Trier.  § 17.  Mete.  § 18.  Toul. 

In  dem  Kloster  Epternach  machte  der  Abt  Theofrid  (t  1110) 
sich  durch  einige  Legenden  bekannt , von  denen  seine  Bearbeitung 
des  Lebens  8.  Willibrords  schon  früher  erwähnt  wurde. 

§17.  Metz. 

In  Metz  dauerte  auch  in  diesem  Zeiträume  die  litterarische 
Thätigkeit  fort,  doch  ist  uns  nur  wenig  erhalten;  verloren  ist  die 
von  Hugo  von  Flavigny  erwähnte  Lebensbeschreibung  des  Bischofs 
Dietrich  H (1005  — 1047)  und  vermuthlich  noch  manches  andere. 
Von  Sigifrid,  dem  Abte  des  nahen  Klosters  Gorze,  haben  wir 
Briefe,  in  denen  er  voll  kanonistischen  Eifers  alles  aufbietet,  um  die 
Ehe  Heinrichs  HI  mit  Agnes  von  Poitiers  wegen  zu  naher  Verwand- 
schaft zu  hintertreiben,  und  es  ist  ein  merkwürdiges  Zeichen  für  die 
Rücksichten,  welche  auch  damals  Schriftsteller  zu  nehmen  hatten, 
dafs  sich  dieser  Umstand  sonst  gar  nicht  erwähnt  findet.  Aufserdem 
ist  auch  Sigifrid  wohl  der  erste,  welcher  Uber  das  Eindringen  fran- 
zösischer Moden  in  Deutschland  klagt1). 

Die  Lütticher  Schule  mufs  sehr  stark  auf  Metz  eingewirkt  haben, 
da  Sigebert  von  Gembloux  von  1048 — 1072  Scholaster  von  S.  Vin- 
cenz  war,  und  1073  der  Lütticher  Dompropst  Hermann  Bischof 
wurde  (bis  1090).  Dieser  Hermann  war  in  früherer  Zeit  befreundet 
mit  Berengar2);  bekannt  sind  die  Schreiben  von  Gregor  VH  an  ihn, 
in  welchen  der  Papst  seine  Zweifel  an  der  Rechtmäfsigkeit  des  Bannes 
gegen  den  König  zu  widerlegen  sucht,  und  das  Schreiben  Gebhards 
von  Salzburg  an  Hermann  Uber  denselben  Gegenstand. 

Als  zu  Heinrichs  V Zeit  der  Investiturstreit  mit  neuer  Heftigkeit 
entbrannte,  erwählten  1117  die  Gegner  des  Bischofs  Adalbero,  be- 
sonders der  Archidiakonus  Adalbero,  der  später  Erzbischof  von  Trier 
wurde,  zum  Gegenbischof  den  Abt  von  S.  Georgen  im  Schwarzwalde, 
Theoger  oder  Dietger. 

Dietger  war  ein  Schüler  des  weitberühmten  Lehrers  Mangold 
von  Lutenbach  im  Elsafs,  der  zu  den  Vorkämpfern  Gregors  VH  ge- 
hörte; er  erwarb  sich  unter  seiner  Leitung  bedeutende  Kenntnisse, 
namentlich  in  der  Musik,  Uber  welche  er  auch  ein  Werk  verfafst 
hat.  Er  wurde  Kanonikus  von  S.  Cyriak  bei  Mainz  und  stand  hier 
der  Schule  vor;  als  er  abjr  einmal  eines  Geschäftes  halber  nach 
Hirschau  kam  und  hier  den  Abt  Wilhelm  predigen  hörte,  entschlofs 
er  sich  plötzlich,  Mönch  zu  werden.  Bald  wurde  er  Prior  von 

')  Diese  zwei  Briefe  sind  jetzt  abgedruckt  in  W.  Giesel) rechts  Geschichte  der 
Kaiserzeit  II,  613  — 619. 

2)  Ein  Brief  an  ihn  bei  Sudendorf,  Berengarius  Turonensis  S.  176. 


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Metz.  Vita  Theogeri.  Toul. 


277 


Reichenbach,  dann  1088  Abt  von  8.  Georgen , wo  er  dreifsig  Jahre 
lang  eine  sehr  bedeutende  Wirksamkeit  übte,  nicht  blos  in  seinem 
eigenen  Kloster,  sondern  auch  auf  andere  ihm  untergebene,  zum 
Theil  von  ihm  gegründete.  Als  nun  1117  der  Kardinal  Kuno  von 
Präneste  als  Legat  nach  Frankreich  kam,  wurde  auf  seine  Veran- 
lassung Dietger  wie  gesagt  zum  Bischof  von  Metz  erwählt  und  gegen 
seinen  Willen  gezwungen,  die  Weihe  anzunehmen.  Er  gelangte  je- 
doch nie  zum  Besitze  des  Bisthums  und  starb  schon  1120  in  Cluny. 
Sein  genauester  Freund  und  unzertrennlicher  Begleiter  schon  in 
8.  Georgen  war  Erbo,  der  1121  Abt  von  Prüfling  bei  Regensburg 
wurde  (bis  1162),  und  dieser  veranlafste  zwischen  1138  und  1146 
einen  Mönch  seines  Klosters  das  Leben  Theogers  nach  seinen  Mit- 
theilungen zu  beschreiben.  Bibelsprüche,  seltsam  gemischt  mit  ein- 
zelnen Versen  Virgils  und  sallustischen  Ausdrücken,  Schilderungen 
mönchischer  Kasteiungen  und  Wundergeschichten  sind  darin  reich- 
lich vorhanden;  es  ist  der  Geist  jener  Klöster  des  Schwarzwaldes, 
welchen  diese  Schrift  recht  lebendig  darstellt;  der  Verfasser  schildert 
die  Blüthezeit  dieser  Hirschauer,  welche,  als  er  schrieb,  bereits  vorbei 
war.  Damals,  sagt  er,  waren  diese  Mönche  so  verehrt  vom  Volke, 
dafs  niemand  zu  seinem  Schutze  ein  besseres  Geleit  haben  konnte, 
als  einen  von  ihnen.  Jetzt  aber  sind  wir  zum  Fluche  worden  und 
ein  Schauspiel  der  Welt  und  den  Engeln  und  den  Menschen.  Die 
Krone  unseres  Hauptes  ist  abgefallen.  0 wehe,  dafs  wir  so  gesün- 
digt haben. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  aber  ist  das  zweite  Buch,  welches 
sehr  genaue  Nachrichten  Uber  Kuno  von  Präneste  und  seine  Lega- 
tion enthält.  Leider  ist  diese  Schrift  uns  nicht  ganz  vollständig  er- 
halten; Trithemius  hatte  noch  ein  unversehrtes  Exemplar,  und  seine 
Auszüge  dienen  zur  Ergänzung  der  Lücken1). 

§18.  Toul. 

Das  Bisthum  Toul  wurde  besonders  verherrlicht  durch  die  Er- 
hebung des  Bischofs  Bruno  auf  den  päpstlichen  Stuhl;  einige  Jahre 
lang  (1049 — 1051)  vereinigte  er  beide  Würden,  und  im  J.  1050  bei 
seiner  Anwesenheit  in  Toul  nahm  er  seinen  Vorgänger  Gerhard 
(963 — 994)  in  die  Zahl  der  Heiligen  auf  und  liefs  seine  Gebeine 
feierlichst  erheben.  Das  Leben  dieses  Bischofs  zu  beschreiben,  hatte 
er  schon  früher  den  Abt  von  S.  Evre,  Wide  rieh,  veranlafst,  der 
mit  grofsem  Eifer  die  von  Wilhelm  von  Dijon  ausgehende  Reform 
auf  die  Klöster  dieses  Sprengels  übertrug.  Die  Schreibart  ist  daher 
»)  Vita  S.  Theogeri  ed.  Jaffe,  Mon.  SS.  XU,  449  — 479. 


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2?8  IV.  Salier.  § 18.  Toul.  § 19.  Verdun. 

die  gewöhnliche  dieser  frommen  Fakire,  um  so  mehr  da  er  fast 
nichts  Thatsächliches  über  den  Mann  wufste.  Später  fügte  er  noch 
ein  zweites  Buch  über  die  Kanonisation  Gerhards,  die  Erhebung 
seiner  Gebeine  und  die  Wunder  an  seinem  Grabe  hinzu1). 

Das  eigene  Leben  des  Erzbischofs  Bruno  (Leos  IX)  beschrieb 
Wibert,  Archidiakonus  der  Tuller  Kirche,  panegyrisch  natürlich, 
aber  durch  gute  Nachrichten  schätzbar4).  Ein  Leben  seines  Nach- 
folgers Udo  (1051 — 1069)  unter  Bischof  Pibo  (1069 — 1107)  verfafst, 
ist  leider  verloren*). 

Zu  Anfang  des  zwölften  Jahrhunderts  wurde  auch  eine  Bis- 
thumsgeschichte  von  Toul  verfafst,  die  bis  1107  reicht,  aber 
nicht  sehr  reichhaltig  und  wenig  belehrend  ist  *).  Schon  früher, 
noch  zu  Leos  IX  Zeit  hatte  ein  ebenfalls  ungenannter  Mönch  die 
Geschichte  des  Klosters  Moyenmoutier  beschrieben,  war  aber 
nur  bis  zum  Jahre  1020  gekommen.  Auch  diese  Schrift  ist  nur 
von  geringem  Werthe*). 

Bei  weitem  merkwürdiger  und  lehrreicher  ist  die  Gründungs- 
geschichte von  Chaumouzey,  um  das  Jahr  1109  von  dem  ersten 
Abte  Seher  verfafst6).  Derselbe  Trieb,  der  in  die  Klöster  des 
Schwarzwaldes  solche  Schaaren  trieb,  dafs  immer  neue  gebaut  werden 
mnfsten,  wirkte  auch  hier.  Um  einen  frommen  Einsiedler  bei  Re- 
miremont  sammeln  sich  Männer,  die  der  Welt  müde  sind,  und  nach 
des  Eremiten  Tode  wählen  sie  aus  ihrer  Mitte  den  Seher  zum  Vor- 
steher. Die  neu  begründete  Kirche  des  heiligen  Leo  IX  wird  ihnen 
tibergeben  (1091),  und  ein  kinderloses  Ehepaar  schenkt  ihnen  das 
Gut  Chaumouzey.  Sogleich  beginnen  auch  die  Sorgen.  Sie  müssen 
sich  zu  einer  bestimmten  Regel  bekennen  und  bilden  sich  nun  erst 
aus  zu  regulirten  Chorherren,  deren  Orden  im  Anfänge  des  zwölften 
Jahrhunderts  grofse  Ausbreitung  gewann.  Andererseits  haben  sie 
nun  ihren  neuen  Besitz  zu  vertheidigen  gegen  die  armen,  aber  raub- 
lustigen Vettern  der  Stifter  und  gegen  die  Ansprüche  der  reichen 
Aebtissin  von  Remiremont.  Jene  greifen  mit  Gewalt  zu,  diese  macht 

*)  Vita  S.  Gerardi  Tulleasis  auct.  Widrico  abb.  S.  Apri,  ed.  Waitz,  Mon.  SS. 
IV,  485  — 509. 

*)  Vita  S.  Leonis  IX  auct.  Wiberto,  Acta  SS.  Apr.  II,  648.  Mab.  VI , 2,  49. 
Eccard  Origg.  Ilabsb.  Probatt.  p.  171.  Murat.  III,  282 — 299.  Vgl  W.  Giesebreeht, 
Geschichte  der  Kaiserzeit  II,  528. 

3)  Mon.  SS.  VIII,  631.  Von  der  Erhebung  des  königlichen  Kanzlers  Pibo  zum 
Bischof  handelt  ein  merkwürdiger  Brief  in  Sudendorfs  Registrum  I,  6. 

4)  Gesta  episcoporum  Tuuensium  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VIII,  631 — 648. 

5)  Liber  de  S.  Ilildulfi  succcssoribus  in  Mediano  Monasterio  ed.  Waitz,  Mon. 
SS.  IV,  86—92. 

6)  Seheri  Primordia  Calmosiacensia  ed.  Jaffc,  Mon.  SS.  XII,  324 — 347. 


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Localgeschichten  der  Sprengel  von  Toni  und  Verdun.  279 

durch  ihr  Geld  jeden  Rechtspruch  unwirksam.  Der  Abt  Seher  hat 
das  alles  beschrieben,  um  seinen  Nachfolgern  zur  Anweisung  und 
Nachricht  bei  ähnlichen  Anfechtungen  zu  dienen:  daher  finden  wir 
hier  einmal  keine  Phrasen,  sondern  eine  klare  und  bestimmte  Dar- 
stellung mit  Urkunden.  Wir  sehen  deutlich,  wie  die  weltliche  Justiz 
des  Herzogs  gar  keinen  Schutz  gewährt,  die  bischöfliche  bei  gutem 
Willen  wenig  ausrichten  kann  und  allein  die  päpstliche  zwar  lang- 
sam und  mit  grofser  Weitläufigkeit,  zuletzt  aber  doch  wirklich  Hülfe 
schafft.  Ausreichend  jedoch  ist  auch  diese  nicht;  das  Ende  ist  zu- 
letzt immer  ein  Vergleich,  und  namentlich  die  hungrigen  Vettern 
wissen  sich  für  ihre  räuberischen  Anfälle  schliefslich  in  allen  Fällen 
dieser  Art  noch  ein  gutes  Stück  Geld  zu  verschaffen. 

Besonderes  Interesse  gewährt  aber  diese  Schrift  noch  dadurch, 
dafs  gerade  der  Legat  Richard  von  Albano  1105  um  Hülfe  ange- 
sprochen wird  und  von  Heinrich  V Schutzbriefe  erwirkt,  welche 
seiner  damaligen  Lage  gemäfs  von  Devotion  gegen  die  Mutter  Kirche 
überströmen.  Sehr  merkwürdig  ist  auch  die  Verhandlung  vor  Pa- 
schalis  H zu  Langres  im  J.  1107,  als  noch  das  Verbot  jeder  Verfü- 
gung über  Kirchen  von  weltlicher  Hand  aufrecht  erhalten  wurde, 
ein  Princip,  welches  auch  den  Besitzstand  der  Klöster  gefährdete. 

In  eigenthümlicher  Weise  behandelte  den  Investiturstreit  Hugo 
Metellus  aus  Toul,  ein  Schüler  des  hochberühmten  Meisters  Anselm 
von  Laon,  indem  er  nicht  ohne  Geschick  und  sprachliche  Gewand- 
heit  Papst  und  Kaiser  ihre  Gründe  in  Hexametern  dialogisch  vor- 
tragen liefs1). 

§ 19.  Verdun.  Der  Abt  Richard  und  seine  Schüler. 

Hugo  von  Flavigny. 

Aus  dem  Sprengel  von  Verdun  besitzen  wir  eine  recht  gute 
Localgeschichte  des  Klosters  S.  Mihiel  an  der  Maas,  die  bis  zum 
Jahre  1034  reicht2),  und  die  von  Berthar  begonnene  Bisthums- 
geschichte führte  ein  Mönch  von  S.  Vannes  weiter  bis  1047 3). 

Wir  haben  oben  gesehen,  wie  jene  Miliz  Gregors  VH,  die  Mönche 
der  neuen  von  Cluny  ausgegangenen  strengen  Richtung,  im  südlichen 
Deutschland  besonders  durch  Wilhelm  von  Hirschau  festen  Fufs 

')  Hugonis  Metelli  Certamen  papae  et  regis.  Der  Anfang  davon  ist  gedruckt 
bei  Du  Meril,  Poesies  populaires  Lat.  p.  405. 

*)  Chronicon  S.  Michaelis  in  pago  Virdunensi  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  78 — 86. 
und  nach  der  wiedergefundenen  Handschrift  zuerst  ganz  voüsländig  von  L.  Trols. 
Hamm  1857.  4. 

3)  ßesta  episcoporum  Virdunensium.  Continua tio  auctore  monacbo  S.  Vitoni 
a.  925—1047  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  45-51. 


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280  IV.  Salier.  § 19.  Verdun.  Abt  Richard.  Hugo  von  Flavigny. 

fafsten.  In  ähnlicher  Weise  wirkte  in  Verdun  schon  früher  der  Abt 
Richard*).  Er  war  in  Reims  zum  Weltgeistlichen  erzogen,  aber 
von  dem  damals  so  gewaltigen  Mönchsgeiste  erfafst,  trat  er  ein  in 
das  Kloster  8.  Vannes  (8.  Vitoni)  zu  Verdun,  wo  unter  dem  Abte 
Fingen  sieben  Schottenmönche  von  lockerem  Wandel  (parum  lauda- 
bilis  vitae)  hausten.  Vergeblich  suchte  er  hier  mit  seinen  Ideen 
durchzudringen,  und  er  begab  sich  deshalb  nach  Cluny  zu  dem  Abte 
Odilo.  Dieser  jedoch  sandte  ihn  nach  einiger  Zeit  zurück  in  sein 
Kloster;  nach  Fingens  Tode  1004  erhielt  er  selbst  die  Abtei,  und 
nun  reformirte  er  zuerst  diese,  dann  aber  nach  und  nach  noch 
zwanzig  andere  Klöster  in  Lothringen  und  in  Frankreich,  die  ihm 
untergeben  wurden.  Bis  an  seinen  Tod  1046  stand  er  ln  grofsem 
Ansehen;  Kaiser  Heinrich  HI,  der  sich  selbst  eifrig  der  Kloster- 
reform annahm,  verehrte  ihn  sehr  und  nicht  minder  der  König  von 
Frankreich.  Es  ist  leicht  einzusehen,  dafs  ein  so  angesehener  Mann 
auch  eine  bedeutende  politische  Wirksamkeit  ausüben  mufste;  wie 
auf  der  vornehmsten  Bühne  die  Aebte  von  Cluny  zwischen  Papst 
und  Kaiser  vermittelten,  so  gelang  es  diesen,  mehr  durch  ihr  per- 
sönliches Ansehen  wie  durch  äufsere  Mittel  mächtigen  Aebten  häufig 
die  Erhaltung  oder  Herstellung  des  Landfriedens  zu  bewirken  und 
alte  Fehden  beizulegen ; ja  der  Abt  Poppo  von  Stablo  brachte  1032 
den  Frieden  zwischen  Kaiser  Konrad  und  König  Heinrich  von  Frank- 
reich zu  Stande,  nachdem  andere  Vermittler  vergeblich  daran  ge- 
arbeitet hatten. 

Die  Lebensnachrichten  Uber  den  Abt  Richard  finden  sich  theils 
bei  Hugo  von  Flavigny,  theils  bei  seinem  Biographen,  einem  Mönche 
von  8.  Vannes,  der  aber  erst  im  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts 
mit  Benutzung  der  Bisthumsgeschichte  und  der  mündlichen  Ueber- 
lieferung  seine  nicht  sehr  reichhaltige  Schrift  verfafste.  Bedeutender 
ist  das  Leben  des  Abtes  Poppo  von  Stablo  (1020 — 1048),  von 
einem  Schüler  und  Freunde  desselben,  dem  Abte  Ev  er  heim  von 
Hautmont,  damals  Abt  von  Blandigny  bei  Gent  verfafst’). 

Poppo  begann  sein  Leben  als  Ritter,  ein  Stand,  der  sich  damals 
vom  Räuber  wenig  unterschieden  zu  haben  scheint,  und  ihm  wie 
vielen  anderen  fiel  bald  der  Antheil  an  schlimmen  Gewaltthaten 
schwer  aufs  Gewissen.  Er  wallfahrtete  nach  Jerusalem  und  Rom; 
verlobte  sich  dann,  liefs  aber  plötzlich  seine  Braut  im  Stiche  und 

*)  Vita  Richardi  abb.  Vird.  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  280  — 290.  Zu 
berichtigen  ist,  was  dort  über  die  Benutzung  der  Vita  Theoderici  II  ep.  Met.  ge- 
sagt ist;  der  Vf.  benutzte  nicht  diese,  sondern  die  Vita  Theoderici  abb.  Andagi- 
nensis.  Ueber  die  lothr.  Klosterreform  vgl.  Giesebrecht,  Gesch.  d.  Kaiserz.  II,  80  f. 

3)  Vita  Popponis  abb.  Stabulensis  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  291 — 316. 


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Richard  von  Verdun.  Poppo  von  Stablo.  S.  Hubert. 


281 


wurde  Mönch  in  8.  Thierry.  Dort  lernte  der  Abt  Richard  ihn 
kennen  und  nahm  ihn  mit  sich  nach  Verdun.  Diesem  stand  er  nun 
zur  Seite,  bis  ihn  1020  Heinrich  II  zum  Abte  von  Stablo  ernannte, 
wo  er  gegen  grofses  Widerstreben  seine  Reform  durchsetzte.  Bald 
wurden  ihm,  wie  Richard,  viele  andere  Klöster  zu  gleichem  Zwecke 
untergeben,  in  die  er  seine  Schiller  aussandte,  so  S.  Maximin,  Epter- 
nach,  Weifsenburg,  S.  Gallen  und  manche  andere.  Er  trat  auf 
diese  Weise  ganz  in  die  Stellung  Richards  ein,  den  er  aber  nur  kurze 
Zeit  überlebte. 

Ein  anderer  Schüler  Richards  war  Dietrich,  von  1055  bis  1087 
Abt  von  S.  Hubert  in  den  Ardennen.  Er  wirkte  lange  Zeit  als 
Vorsteher  der  Schule  und  berühmter  Lehrer  in  verschiedenen  Klöstern, 
in  Stablo,  Verdun,  Pont  - ä - Mouzon.  Eben  wollte  ihn  Heinrich  in 
nach  Fulda  ziehen,  da  erwählte  der  Bischof  Dietwin  von  Lüttich 
ihn  zum  Abt  von  S.  Hubert.  Mitten  im  Winter,  bei  grofser  Kälte, 
zog  er  barfufs  durch  den  tiefen  Schnee  in  sein  Kloster  ein,  und 
strenge,  wie  er  gegen  sich  selbst  war,  trat  er  auch  gegen  seine 
Mönche  auf,  denen  er  mit  grofser  Mühe  seine  Reform  aufhöthigte. 
Nachdem  er  aber  durchgedrungen  war,  nahm  das  Kloster  den  gröfsten 
Aufschwung,  und  er  behauptete  als  Abt  eine  sehr  ansehnliche  Stel- 
lung. Die  Uebergriffe  der  Herzoge  und  Bischöfe  wies  er  mit  grofser 
Kraft  und  Entschiedenheit  zurück.  Er  war  befreundet  mit  dem 
Erzbischof  Anno  von  Köln ; in  Rom  1074  stellte  die  Gräfin  Mathilde 
ihn  Gregor  VII  vor,  der  ihn  sehr  freundlich  aufnahm  und  ihm  ein 
Privileg  zum  Schutz  gegen  die  Lütticher  Bischöfe  mitgab.  Sein 
Leben  beschrieb  bald  nach  seinem  Tode  ein  Mönch,  wie  es  scheint, 
aus  dem  Kloster  Lobbes  *).  Wichtiger  aber  als  diese  in  der  gewöhn- 
lichen panegyrischen  Weise  geschriebene  Biographie  ist  die  Kloster- 
chronik von  S.  Hubert,  aus  dem  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts’), 
welche  weiter  gehend  auch  den  Verfall  des  blühenden  Klosters  unter 
dem  eifrigen  Abte  Dietrich  H schildert. 

Spät  erst,  nach  dem  Tode  des  alten  Abtes,  nachdem  1091  auf 
Heinrich  den  Friedfertigen  Otbert  als  Bischof  von  Lüttich  gefolgt 
war,  drang  auch  hier  der  Zwiespalt  ein,  welcher  fast  keine  Kirche 
verschonte.  Otbert  war  kaiserlich,  Dietrich  H einer  der  eifrigsten 
Gregorianer,  und  so  entbrannte  denn  bald  der  Kampf,  welcher  der 
Blüthe  des  Klosters  ein  Ende  machte  und  der  hier  mit  grofser  An- 
ti Vita  Theoderici  abb.  Aodaginensis  ed.  Wattenbacb,  Mon.  SS.  XII,  36 — 57. 
Verloren  ist  leider  das  Leben  des  Abtes  Tbeoderich  II  von  Heribrand,  Abt  von 
S.  Lorenz  in  Lüttich.  Reiner,  de  Gestis  abb.  S.  Laur.  I,  7. 

*)  Unter  dem  seltsamen  Titel  Cantatorinm  S.  Huberti,  ed.  Bethmann  et  Watten- 
bach,  Mon.  SS.  VIII,  568-630. 


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282 


IV.  Salier.  § 19.  Verdun.  § 20.  Köln. 


schaulichkeit  geschildert  ist.  Aller  Orten  finden  wir  diesen  ver- 
derblichen Kampf  wieder,  auch  ohne  Beziehung  auf  den  Kaiser,  in 
dem  die  Neuerer  in  ihrem  Eifer,  angefeuert  von  Gregor,  rücksichts- 
los vorgehen,  das  Volk  aufregen  und  jede  Gewaltthat  für  gottgefällig 
halten,  sobald  sie  gegen  die  Anhänger  der  alten  kirchlichen  Ord- 
nungen oder  gar  alter  Mifsbräuche  gerichtet  ist.  Auf  kleinem  Schau- 
platze zeigt  uns  dies  die  Chronik  von  Watten  bei  S.  Omer1),  andere 
Beispiele  werden  wir  noch  zu  berühren  haben. 

So  recht  mitten  in  diesem  Kampfe  stand  der  Abt  Hugo  von 
Flavigny,  dessen  Leben  und  Schriften  deshalb  für  diese  Verhält- 
nisse Behr  lehrreich  sind’).  Er  war  Mönch  von  S.  Vannes,  welches 
nicht  minder  wie  die  übrigen  Klöster  von  diesem  Ungewitter  er- 
griffen wurde.  Der  Bischof  Dietrich  von  Verdun  hing,  wie  schon 
oben  erwähnt  wurde,  dem  Kaiser  und  seinem  Papste  Clemens  an, 
und  deshalb  verliefs  der  Abt  Rudolf  1085  sein  Kloster;  der  21jährige 
Hugo  folgte  ihm  nach  Dijon  zu  dem  Abte  Jarento,  einem  persön- 
lichen Freunde  und  eifrigen  Anhänger  Gregors  VH.  Zu  ihm  und 
besonders  auch  zu  dem  Erzbischof  Hugo  von  Lyon  trat  Hugo  in  ein 
nahes  und  vertrautes  Verhältnils;  bald  nahm  Jarento  ihn  mit  sich 
auf  einer  Reise  nach  England.  Hier  zuerst  wurden  Hugo  die  Augen 
etwas  geöffnet;  er  sah  Dinge,  wovon  man  in  den  engen  Kloster- 
mauem  wenig  hörte,  er  lernte  die  vornehmen  englischen  Prälaten 
kennen,  voll  Eifers  für  jene  Partei,  welche  den  strengsten  mönchi- 
schen Grundsätzen  die  ganze  Kirche  unterwerfen  wollte,  und  doch 
selbst  in  allem  Ueberflusse  des  Reichthums  üppigem  Wohlleben  er- 
geben. 

Im  J.  1096  wurde  Hugo  Abt  von  Flavigny,  im  Sprengel  von 
Autun,  gerieth  aber  bald  in  Streitigkeiten  und  mufste  endlich  seine 
Abtei  verlassen ; es  waren  seine  eigenen  Parteigenossen,  deren  Thaten 
er  hier  in  einer  Weise  kennen  lernte,  welche  ihren  zur  Schau  ge- 
tragenen Grundsätzen  durchaus  nicht  entsprach,  und  namentlich  über 
die  Habsucht  und  Bestechlichkeit  der  päpstlichen  Kurie  und  der 
Legaten  machte  er  Erfahrungen,  die  ihn  zuletzt  bewogen,  seine 
Partei  ganz  zu  verlassen  und  sich  zu  ihren  Gegnern  zu  gesellen. 

Seit  dem  J.  1090  schrieb  Hugo  an  einer  grofsen  Weltchronik, 
die  er  bis  1102  fortführte.  Lothringen  ist  darin  vorzugsweise  berück- 
sichtigt und  mit  umfassender  Gelehrsamkeit  alles  benutzt,  was  ihm 

')  Chronicon  Watinense,  Martene  Thes.  III,  797 — 830. 

a)  Koepke,  die  Quellen  der  Chronik  des  Hugo  von  Flavigny.  Archiv  IX, 
240 — 292.  Hugonis  Chronicon  ed.  Pertz,  Mon.  VIII,  288  — 502.  Vgl.  über  die 
S.  314  mitgetheilte  Völkergenealogie  Waitz  in  den  G.  G.  A.  1856  S.  1905. 


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Hugo  von  Flavigoy.  Köln.  Qladbach. 


283 


Nachrichten  darüber  gewähren  konnte.  Die  annalistische  Form,  die 
er  äufserlieh  annahm,  tritt  hier  gänzlich  zurück  gegen  die  ausführ- 
liche Erzählung,  welche  sogar  ganze  Biographien  in  sich  aufnimmt, 
wie  z.  B.  des  Abtes  Richard;  dazu  viele  vollständige  Actenstticke, 
die  für  uns  von  nicht  geringem  Werthe  sind.  Von  Beherrschung 
des  massenhaften  Stoffes  ist  keine  Rede;  er  trug  eben  nur  zusammen, 
was  er  in  zahlreichen  Büchern  und  Archiven  fand;  vieles  ist  uns 
aus  den  Quellen  selbst  bekannt,  andere  aber  jetzt  verloren,  und  dazu 
kommen  seine  eigenen  Erlebnisse  und  was  er  durch  mündliche  Ueber- 
lieferung  erfahren  hatte. 

Ueber  sein  späteres  Leben  wissen  wir  nichts;  die  Hauptquelle 
Uber  ihn  ist  seine  eigene  Chronik,  und  wo  diese  aufhört , verlieren 
wir  seine  Spur.  Von  dieser  aber  ist  uns  glücklicher  Weise  die  ur- 
sprüngliche Handschrift  noch  erhalten,  und  danach  von  Pertz  eine 
vielfach  berichtigte  Ausgabe  bearbeitet. 

§20.  Köln. 

In  Köln  war  so  wenig  wie  in  Mainz  ein  Boden  für  litterarisehe 
Thätigkeit.  Dem  Erzbischof  Heribert  (999 — 1021)  verschaffte  die 
Stiftung  des  Klosters  Deutz  eine  Art  von  Biographie  oder  vielmehr 
eine  Lobpreisung  und  Wundergeschichte,  welche  um  die  Mitte  des 
elften  Jahrhunderts  im  Namen  der  Kölner  Kirche  ausging,  um  seinen 
Ruhm  zu  erhöhen  und  seine  Verehrung  zu  verbreiten.  Der  Ver- 
fasser ist  Lantbert  oder  Lambert,  damals  noch  Mönch  zu  Deutz, 
der  1060  Abt  des  Lütticher  Lorenzklosters  wurde.  Später  hat  noch 
auf  den  Wunsch  des  Abtes  Markward  Rupert,  der  ihm  1117  als  Abt 
von  Deutz  folgte,  diese  Schrift  überarbeitet1). 

Die  Lobpreisung  des  Anno  (1056 — 1075)  erwähnten  wir  schon 
oben  (S.  269);  ihr  geschichtlicher  Gehalt  ist  sehr  unbedeutend,  am 
merkwürdigsten  sind  einige  Angaben  über  den  Bau  der  Gereons- 
kirche. 

In  Gladbach  schrieb  nach  den  Mittheilungen  des  Abtes  Hein- 
rich (f  1066)  und  seines  Neffen  Wolf  heim,  des  Abtes  von  Brauweiler 
(1065 — 1091)  ein  ungenannter  Mönch  die  schon  sagenhaft  gewordene, 
doch  nicht  ganz  unwichtige  Geschichte  der  Gründung  des  Klosters5) 

*)  Vita  Heriberti  archiep.  Col.  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  739 — 753.  »Von  der 
Bedeutung  Heriberts  für  die  Reicbsgescbichte  bat  er  keine  Ahnung.  Gerade  das 
Leben  dieses  politisch  so  einflufsreicben  Mannes  war  der  unpassendste  Stoff  für 
einen  solchen  Biographen.«  W.  Giesebrecht,  Kaiserzeit  II,  527. 

*)  Chron.  Gladbacense  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  74 — 77.  Böhmer,  Fontes  III, 
349 — 357.  Ueber  die  Fahnesche  Chronik  von  Gladbach  s.  Eckertz  in  den  Annalen 
des  hist.  Vereins  t d.  Niederrhein  I,  266—275. 


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284 


IV.  Salier.  § 20.  Köln.  § 21.  LUttich. 


um  974.  Die  sehr  kurze  Chronik  des  Schottenklosters  Grofa  S. 
Martin  reicht  bis  1021,  scheint  aber  nur  ein  Bruchstück  zu  sein1). 

In  Köln  geschriebene  Annalen  bis  zum  J.  1028  sind  unbe- 
deutend2), und  grofs  ist  auch  die  Ausbeute  nicht,  welche  die  Anna- 
len von  Brauweiler  bis  1179  gewähren3).  Diesem  Kloster  ver- 
danken wir  aber  noch  zwei  Schriften,  welche  nicht  ohne  Werth 
sind.  Die  erste,  in  den  Jahren  1076  bis  1079  verfafst,  behandelt 
die  Gründungsgeschichte  des  Klosters4)  und  giebt  bei  dieser  Veran- 
lassung einige  Nachrichten  über  die  Familie  des  Stifters,  des  Pfalz- 
grafen Ezo,  der  mit  Ottos  II  Tochter  Mathilde  vermählt  war.  Nach 
der  sagenhaften  Erzählung  gewann  er  dem  Kaiser  die  Tochter  im 
Brettspiel  ab;  es  ist  auffallend,  dafs  die  Verbindung  mit  dem  Sohne 
des  Pfalzgrafen  so  entschieden  als  Mifsheirath  betrachtet  wurde,  dafs 
man  sie  auf  solche  Weise  zu  erklären  suchte.  Aufser  den  Nach- 
richten über  diese  wichtige  Familie  ist  aber  auch  die  Erzählung 
von  dem  Streite  Uber  das  Gut  Klotten  merkwürdig,  welches  der  Erz- 
bischof Anno  dem  Kloster  zu  entziehen  suchte.  Um  diesen  Streit 
richtig  beuttlieilen  zu  können,  müfste  man  die  grofsentheils  unechten 
Urkunden,  welche  sich  darauf  beziehen,  einer  genaueren  Untersuchung 
unterwerfen.  Derselbe  Streit  wird  auch  ausführlich  behandelt  in  dem 
Leben  des  Abtes  Wolfhelm3)  (1065 — 1091),  der  ihn  endlich  glücklich 
zu  Ende  führte.  Der  Verfasser  war  ein  Mönch  von  Brauweiler, 
Namens  Konrad,  der  zwischen  1110  und  1123  schrieb.  Er  rühmt 
seinen  Helden  natürlich  auf  alle  Weise,  auch  als  Widersacher  des 
Berengar  von  Tours,  hütet  sich  aber  wohl  zu  erwähnen,  dafs  er  dem 
Gegenpapste  Clemens  anhing. 

Die  Habsucht,  Anmafsung  und  Härte  des  Anno,  welche  sonst 
durch  seine  Heiligkeit  verdeckt  werden,  zeigen  sich  uns  unverhttllt 
nicht  nur  in  den  Denkmalen  von  Brauweiler,  sondern  noch  viel  deut- 
licher und  greller  in  seinem  Kampfe  mit  den  Mönchen  von  Stablo, 
deren  Zwillingskloster  Malm6dy  er  sich  gegen  alles  Recht  von 
Heinrich  IV  oder  vielmehr,  da  dieser  noch  minderjährig  war,  von 

*)  Chron.  S.  Martini  Col.  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  11,214.  215.  Böhmer,  Fontes  III, 
344 — 347.  An  beiden  Orten  ist  der  Name  des  angeblichen  zweiten  Stifters  Olger 
(Holger  Dansbe)  mit  Unrecht  in  Otger  verwandelt. 

a)  Annales  Coionienses,  Mon.  SS.  I,  97. 

3)  Annales  Brnnwilarenses  SS.  I,  99— 101.  II,  216.  Bedeutend  verbessertaus 
der  Vatikanischen  Handschrift  in  Böhmers  Fontes  III,  382 — 388. 

4)  Fundatio  Brunwilarensis  coenobii  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  XI,  394 — 408,  sonst 
als  Vita  Gzonis  palalini  bekannt.  Böhmer,  Fontes  III,  362  — 382,  wiederholt  den 
alten  fehlerhaften  Text. 

s)  Vita  Wolfhelmi  abb.  Brunwilar.  auct.  Conrado  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII, 
180 — 195.  Wolfhelms  Schwester  Berthrade  kommt  vor  in  der  Vita  Adelheidis 
primae  abb.  Vilicensis,  Acta  SS.  Feb.  V,  714. 


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Brauweiler.  Triumphus  S.  Remacli.  Lüttich.  285 

Adalbert  von  Bremen  hatte  schenken  lassen.  Lambert  giebt  sehr 
gute  Nachrichten  Uber  die  muthige  Gegenwehr  der  Mönche  gegen 
diese  Schenkungen;  in  der  Chronik  von  Lorsch  ist  der  Widerstand 
dieses  Klosters  gegen  Adalbert  lebendig  geschildert.  Am  besten 
und  ausführlichsten  ist  der  Kampf  um  Malm6dy  dargestellt  in  dem 
Berichte  der  Brüder  von  Stablo.  Sieben  Jahre  lang  dauerte  er,  und 
alle  Hülfsmittel  wurden  gegen  den  starren  Heiligen  vergeblich  ver- 
sucht, bis  endlich  nach  belgischer  Sitte  die  Mönche,  als  der  König 
1071  das  Osterfest  in  Lüttich  feierte,  den  Leib  ihres  Stifters,  des 
h.  Remaklus  erhoben,  damit  nach  Lüttich  zogen  und  die  Bahre  mitten 
auf  den  Tisch  des  Königs  setzten.  Eine  Fülle  von  Wundern  brach 
endlich  den  Widerstand  des  Erzbischofs,  und  S.  Remaklus  erhielt 
sein  Eigenthum  zurück.  Dieser  Tag,  der  7.  Mai,  wurde  zum  ewigen 
Angedenken  feierlich  begangen,  und  auB  Stablo  sandte  man  zunächst 
an  das  Kloster  Fosse,  dann  aber  allgemein  an  die  ganze  Kirche  ein 
Sendschreiben,  worin  dieser  Triumph  ihres  Heiligen  geschildert  war, 
um  sie  zu  gleicher  Feier  aufzufordern  l).  Etwas  später,  als  Hein- 
rich IV  schon  zum  Kaiser  gekrönt  war,  wurde  zu  dieser  Schrift  noch 
ein  Buch  hinzugefügt,  in  welchem  der  ganze  Ursprung  des  Streites 
und  alle  die  vorhergegangenen  vergeblichen  Bemühungen  der  Mönche 
klar  und  einfach  dargestellt  sind.  Das  Ganze  ist  sehr  gut  geschrie- 
ben und  gehört  zu  den  lehrreichsten  Denkmälern  dieser  Zeit. 

§21.  Lüttich. 

Die  Lütticher  Schule,  welche  schon  in  dem  vorigen  Zeiträume 
sich  zu  bedeutendem  Ansehen  erhob,  erreichte  in  dem  gegenwärtigen 
ihren  Höhepunkt;  sie  war  der  Leben  ausströmende  Mittelpunkt  nicht 
für  Lothringen  allein,  Uber  ganz  Deutschland  und  bis  nach  England 
erstreckte  sich  ihre  Wirksamkeit,  auch  wohl  nach  Frankreich;  doch 
läfst  sich  im  Ganzen  der  Satz  aufstellen,  dafs  Lothringen  vom 
Westen  empfängt  und  nach  Osten  giebt.  Es  würde  sehr  erspriefs- 
lich  sein,  die  Wirksamkeit  der  lothringischen  und  speciell  der  Lüt- 
ticher Schulen  erschöpfend  zu  behandeln,  die  zahlreichen  vereinzel- 
ten Nachrichten  zusammenzustellen;  hier  aber  müssen  wir  uns  auf 
einige  Andeutungen  beschränken.  Ich  erinnere  nur  an  den  Erz- 
bischof Günther  von  Salzburg3)  (1024 — 1025),  den  Abt  Seifrid  von 

*)  Triumphus  S.  Remacli  de  Malmundariensi  coenobio  ed.  Wattenbach,  Jlon. 
SS.  XI,  433-461. 

2)  Bruder  des  Markgrafen  Ekkehard,  seit  1008  königlicher  Kanzler,  ein  Schüler 
Notkers.  Ans.  c.  29. 


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286 


IV.  Salier.  § 21.  Lüttich. 


Tegernsee *)  (1046 — 1068),  den  Böhmen  Kosmas,  an  Leofric,  Bischof 
von  Exeter2),  die  hier  ihre  Bildung  erhalten  hatten.  Von  den  Lüt- 
ticher Lehrern  ging  Gozechin  nach  Mainz;  Adelmann  wurde  1048 
Bischof  von  Brescia,  Alger  dagegen  lehnte  einen  Kuf  nach  Deutsch- 
land ab.  Der  Propst  Hermann  wurde  1073  Bischof  von  Metz.  Der 
bedeutenden  Einwirkung  des  Abtes  Poppo  von  Stablo  gedachten  wir 
schon.  Nicht  leicht  aber  werden  wir  finden,  dafs  Lothringer  der 
Studien  halber  sich  nach  Deutschland  begeben  hätten;  Olbert  ging 
nach  S.  Germain,  Troyes  und  Chartres,  hierhin  zu  Fulbert  auch 
Adelmann,  und  andere  Beispiele  wurden  schon  früher  erwähnt. 

Die  schwerfällige  gesuchte  Gelehrsamkeit,  welche  im  Anfänge 
die  Erzeugnisse  der  Lütticher  Schule  entstellte,  verliert  sich  in 
diesem  Zeiträume  hier  wie  an  anderen  Orten.  Man  bewegt  sich 
freier,  schreibt  leichter  und  prunkt  weniger  mit  einer  Bildung,  die 
nicht  mehr  selten  ist. 

Hauptquelle  für  die  glänzendste  Zeit  von  Lüttich  ist  Anselms 
Fortsetzung  der  von  Heriger  begonnenen  Bisthumschronik3), 
aber  auch  zahlreiche  andere  Schriften  geben  davon  Kunde,  und 
namentlich  die  zum  Theil  schon  erwähnten,  zum  Theil  noch  anzu- 
führenden Hausgeschichten  lothringischer  Klöster  und  die  Biogra- 
phien ihrer  Aebte. 

Der  Bischof  BalderichH  (1008 — 1018),  früher  Vizthum  der 
Regensburger  Kirche,  gründete  das  Kloster  S.  Jakob,  wo  um  die 
Mitte  des  Jahrhunderts  sein  Leben  von  einem  Schüler  Olberts  be- 
schrieben wurde4).  Ihm  folgte  bis  1021  Wolbodo,  früher  Scholaster 
zu  Utrecht,  dann  von  Heinrich  H erhoben  Durand,  von  geringer 
Herkunft,  denn  er  war  der  Sohn  eines  Knechtes,  aber  von  hohen 
Geistesgaben3).  Ihm  folgte  bis  1036  Reginald,  Propst  zu  Bonn, 
dann  bis  1041  dessen  Neffe  Nithard  und  endlich  bis  1048  Wazo, 
der  Stolz  der  Lütticher  Schule,  von  dem  es  hiefs,  dafs  eher  die 
Welt  untergehen,  als  ein  zweiter  Wazo  kommen  werde 6).  Doch 

2)  Quicquid  enim  praecipui  iluentis  Leodiccnsibus  disccndi  aestibus  flagrans 
hausi.  Pcz,  Thes.  VI,  241. 

*)  Um  1050,  apud  Lotharingos  doctus  et  altus.  Will.  Malmesb.  de  Gestis 
Pontificum  bei  Savile  fol.  145. 

3)  Ansclmi  Gesta  epp.  Leodicnsium  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  VII,  189 — 234. 
Vgl.  die  Vorrede  p.  134  ss.  und  Hirsch  de  Sigeberto. 

4)  Vita  Balderici  ep.  Leod.  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  IV,  724 — 738. 

E)  Admodum  pollens  nobilitate  ingenii,  sagt  Anselm  von  ihm.  Seine  Grab- 
schrift  erwähnt  seiner  wunderbaren  Erhebung: 

Quos  tulerat  dominos,  hisdem  famulantibus  usus. 

In  tbeatro  mundi  fabula  quanta  fuit! 

6)  Ante  ruet  mundus  quam  surget  Wazo  secundus. 


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Die  Lütticher  Schule.  Anselms  Chronik. 


287 


hielten  noch  Dietwin  bis  1075  und  Heinrich  der  Friedenstifter1)  bis 
1091  den  Glanz  der  Lütticher  Kirche  aufrecht;  unter  Otbert  aber 
brachen  die  Streitigkeiten  aus,  welche  dieser  schönen  Blüthezeit  ein 
Ende  machten. 

Der  Bischof  Wazo  wird  vor  allen  gefeiert  in  Anselms  Geschichte; 
er  hatte  vorher  lange  Zeit  der  Schule  vorgestanden,  und  neben  ihm 
wirkte  in  gleichem  Geiste  sein  vertrauter  Freund  Olbert,  von  1012 
bis  1048  Abt  von  Gembloux.  Dieser  war  ursprünglich  ein  Mönch 
des  Klosters  Lobbes,  ein  Schüler  Herigers;  Balderich  sandte  ihn, 
nachdem  er  sich  in  Frankreich  weiter  ausgebildet  hatte,  an  Bur- 
chard,  als  dieser  im  Jahre  1000  noch  in  jungen  Jahren  zum  Bischof 
von  Worms  erhoben  war  und  sich  einen  tüchtigen  Lehrer  ausbat4). 
Von  dort  zurtickgekehrt,  erhielt  Olbert  nicht  nur  die  Abtei  Gem- 
bloux, Bondern  auch  das  neu  gegründete  Jakobskloster  und  stand 
beiden  vor,  bis  ihn  sieben  Tage  nach  seinem  Freunde  Wazo  der 
Tod  abrief.  In  der  Leitung  der  Schule  folgte  auf  Wazo,  nachdem 
dieser  zum  Dechanten  befördert  war,  Franko,  dessen  Sigebert  zum 
J.  1047  gedenkt,  der  Lehrer  des  Kosmas  von  Prag,  und  Adelmann, 
der  1048  Bischof  von  Brescia  wurde8),  ein  Schüler  Fulberts  von 
Chartres  und  Gegner  Berengars;  ferner  jener  Gozechin,  den  Erz- 
bischof Liutpold  (1051 — 1059)  nach  Mainz  berief,  und  nach  ihm  sein 
Schüler  Walcher.  Grofsen  Ruhm  erwarb  sich  etwas  später  Alger, 
bis  1101  Scholaster  zu  S.  Bartholomä,  den  dann  Otbert  an  die  Dom- 
kirche nahm  und  zu  seinem  Schreiber  erwählte.  Zwanzig  Jahre 
lang,  bis  an  den  Tod  des  Bischofs  Friderich  (1119 — 1121),  blieb 
er  in  dieser  wichtigen  Stellung  und  verfafste  im  Dienst  der  Kirche 
und  ihren  Angelegenheiten  zahlreiche  Briefe,  die  man  sorgfältig 
sammelte  und  als  Musterschriften  benutzte.  Verschiedene  deutsche 
Bischöfe  bemühten  sich  vergeblich,  ihn  als  Scholaster  zu  gewinnen. 
Er  verfafste  mehrere  theologische  Schriften  und  zog  sich  zuletzt 
ganz  aus  dem  weltlichen  Treiben  zurück  in  das  Kloster  Cluny,  wo 
er  noch  lebte,  als  der  Lütticher  Domherr  Nikolaus  ein  Vorwort 
zu  seinen  Schriften  verfafste,  in  welchem  er  diese  Nachrichten  über 
ihn  mittheilt4). 

*)  Die  von  ihm  1082  aufgerichtete  Pax  Leodiensis  bei  Bouquet  XIII,  606. 

s)  Nach  Sigebert  Gesta  abb.  Gemblac.  c.  27  hatte  Olbert  grofsen  Antheil  an 
Burchards  berühmter  Kanonensammlung  (Olberto  dictante  et  magistrante  magnum 
illud  canonum  Volumen  centonizavit). 

*)  Von  ihm  Rythmi  de  viris  illustribus  sui  temporis,  bei  MabiDon,  Anal.  I, 
420;  ed.  II  p.  382.  Vgl.  Sudendorfs  Berengar  S.  8.  Gedichtet  hat  er  sic  in 
Speier. 

4)  Praefatio  domni  Nicolai  Leodiensis  in  libros  magistri  Algeri,  Mabillon, 
Anal.  ed.  II  p.  129—131. 


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288 


IV.  Salier.  § 21.  Lüttich. 


Bis  zum  Tode  des  Bischofs  Wazo  (1048)  reicht  die  schon  er- 
wähnte Geschichte  des  Domherrn  Anselm,  welche  er  als  Fortsetzung 
des  von  Heriger  unvollendet  hinterlassenen  Werkes  um  das  J.  1052 
verfafste.  Er  hat  sich  ganz  freigehalten  von  der  gezierten  Schreib- 
art Herigers  und  einfach  in  würdiger  Sprache  die  Geschichte  des 
Bisthums  beschrieben,  besonders  aber  das  Leben  des  Wazo,  auf 
den  er  wie  die  ganze  Lütticher  Kirche  mit  Recht  stolz  war,  dem 
er  die  wärmste  Anhänglichkeit  bewahrte.  Gewidmet  ist  das  Werk 
dem  Erzbischof  Anno:  der  Mutterkirche,  sagt  er,  dürften  die  Zierden 
ihrer  Tochter  nicht  unbekannt  bleiben. 

Einen  Fortsetzer  fand  Anselms  ausgezeichnetes  Werk  leider  erst 
um  die  Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  an  Aegidius  von  Orval; 
doch  liegen  uns  noch  fast  alle  die  Schriften  vor,  aus  welchen  dieser 
seine  Nachrichten  über  die  Zwischenzeit  schöpfte. 

Im  Ganzen  war  die  Lütticher  Schule  eifrig  kirchlich  gesinnt, 
Wazo  selbst  ein  unerschrockener  Vertheidiger  der  Unabhängigkeit 
der  Kirche  vom  Staate,  aber  den  hierarchischen  Tendenzen  Gre- 
gors VII  gab  man  sich  doch  keineswegs  unbedingt  hin,  und  noch 
weniger  billigte  man  die  von  ihm  angewandten  Mittel,  die  Bekäm- 
pfung der  Gegner  durch  gewaltsame  Volksaufstände.  Daher  waren, 
als  es  zum  Kampfe  kam,  die  Lütticher  auf  kaiserlicher  Seite;  am 
entschiedensten  Otbert,  der  treueste  Anhänger  Heinrichs  IV,  und 
da  mehrere  Klöster  seines  Sprengels  eifrig,  ja  fanatisch  gregorianisch 
waren  und  von  keiner  Mäfsigung  wissen  wollten,  entspann  sich  der  er- 
bittertste Kampf,  wie  ihn  die  Klosterchroniken  uns  schildern.  Otbert 
wird  darin  mit  den  schwärzesten  Farben  gemalt,  wie  ein  ganz  ver- 
worfener Mensch,  aber  auf  der  anderen  Seite  wird  er  nicht  minder 
hochgestellt,  wie  das  in  dieser  leidenschaftlich  aufgeregten  Zeit  ge- 
wöhnlich war  und  wir  es  z.  B.  auch  in  Augsburg  sahen.  Aufser- 
ordentlich  gerühmt  wird  Otbert  in  einer  kleinen,  neuerdings  von 
Quich6rat  entdeckten  Reimchronik  von  1117  bis  1119,  welche  ein 
Lütticher  Domherr  um  diese  Zeit  verfafste ').  Wir  müfsten  in  Otbert 
auch  einen  der  am  besten  und  gründlichsten  durch  das  Studium  der 
alten  Classiker  ausgebildeten  Schriftsteller  erkennen,  wenn  die  Ver- 
muthung  Goldasts  richtig  wäre,  dafs  von  ihm  jenes  oben  (S.  260) 
besprochene  Leben  Heinrichs  IV  herrührt.  Allein  nach  den  von 
Jafifö  dagegen  geltend  gemachten  Gründen  müssen  wir  das  Lob 
Otberts  wohl  auf  seine  praktische  Tüchtigkeit  beschränken,  durch 

*)  Wieder  herausgegeben  von  Wattenbach  , Mon.  SS.  XII,  415 — 421.  Auf 
einige  Biographien  Lütticher  Bischöfe  dieser  Zeit,  von  Reiner,  kommen  wir  im 
folgenden  Zeitraum. 


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Otbert  u.  Friderich  von  Lüttich.  S.  Trond.  289 

welche  er  wenigstens  in  Lüttich  selbst  dem  Aufkommen  der  Gegen- 
partei kräftig  entgegentrat. 

So  lange  Otbert  lebte,  hielt  er  mit  starker  Hand  die  bischöf- 
lichen Rechte  aufrecht,  und  so  sehr  er  auch  angefeindet  wurde, 
stellte  man  ihm  doch  keinen  Gegenbischof  entgegen.  Als  aber  nach 
seinem  Tode  (1119)  gegen  den  rechtmäfsig  gewählten  und  belehnten 
Bischof  Alexander  Friderich  von  Namur  vom  Erzbischof  von  Köln 
aufgestellt  wurde  und  sich  durch  seine  Hausmacht  behauptete,  da 
wüthete  überall  Feuer  und  Schwert,  und  der  ganze  Sprengel  wurde 
von  Kriegslärm  erfüllt.  Friderich  starb  schon  1121  und  zwar  nach 
der  Behauptung  Beines  Biographen  an  Gift,  wovon  jedoch  in  der 
Chronik  von  S.  Trond,  obgleich  der  Abt  Rudolf  sein  eifriger  An- 
hänger war,  kein  Wort  zu  finden  ist.  Bald  erzählte  man  sich  von 
Wundern  an  seinem  Grabe,  und  etwa  zwanzig  Jahre  später  beschrieb 
ein  ungenannter  Verfasser,  der  aber  alles  noch  selbst  mit  erlebt  zu 
haben  behauptet,  sein  Leben  und  Ende  im  gewöhnlichen  Legenden- 
Stil  »). 

Ungleich  mehr  Licht  als  diese  dürftige  Lobpreisung  wirft  auf 
jene  Zeiten  die  Klostergeschichte  von  S.  Trond2),  deren  erste 
sieben  Bücher  der  Abt  Rudolf  selbst  verfafst  hat.  Sie  reichen  von 
628  bis  zu  seiner  Wahl  im  J.  1108.  Schon  als  Scholaster  und  als 
Prior  hatte  er  sich  rastlos  bemüht,  der  grofsen  Verwilderung  der 
Mönche  zu  steuern,  und  endlich  die  Annahme  der  Ordnungen  von 
Cluny  durchgesetzt.  Nach  vielfachen  Kämpfen,  die  er  für  sein 
Kloster  zu  bestehen  hatte,  wurde  er  1119  als  Anhänger  Friderichs 
von  Namur  auch  in  die  Stürme  dieses  Schisma  hineingezogen,  und 
nach  unsäglichen  Leiden  und  Mühen  gelangte  er  erst  spät  zu  einer 
gesicherten  Stellung,  in  welcher  er  den  Wohlstand  des  Klosters  her- 
stellte. Davon  giebt  uns  die  noch  vor  seinem  Tode  (1138)  von 
einem  vertrauten  Freunde  Rudolfs  geschriebene  Fortsetzung  bis  zum 
J.  1136  ausführliche  Nachricht.  Von  geringerem  Werthe  ist  die 
zweite  Fortsetzung  bis  1183. 

Zuletzt  fügte  am  Ende  des  vierzehnten  Jahrhunderts  ein  anderer 
Mönch  von  S.  Trond  nicht  nur  eine  weitere  Fortsetzung  bis  1366 
hinzu,  sondern  er  überarbeitete  auch  mit  einem  grofsen  Aufwand 
von  Gelehrsamkeit  den  ersten  Theil,  die  älteste  Geschichte  des 

*)  Vita  Friderici  ep.  Leod.  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XII,  501 — 508. 

2)  Gesta  abbatum  Trudonensium  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  X,  213 — 448.  Jakob 
von  Guise  citirt  eine  umfangreiche  Reimcbronik  von  Wilhelm,  Abt  von  S.  Tron. 
Sie  scheint  dem  elften  Jahrhundert  anzugehören,  aber  ein  Abt  Wilhelm  war  erst 
1248  -1272.  Archiv  IX,  358. 

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IV.  Salier.  § 21.  LUttich.  § 22.  Gembloux. 


Klosters,  welche  der  Abt  Rudolf,  da  es  ihm  darüber  fast  ganz  an 
Nachrichten  fehlte,  nur  obenhin  und  kurz  berührt  hatte. 

Dieses  Werk  also,  welches  uns  die  Schicksale  eines  bedeuten- 
den Klosters  während  eines  langen  Zeitraumes  und  gerade  in  der 
wichtigsten  Periode  mit  grofser  Ausführlichkeit  und  völlig  zuverlässig 
vor  Augen  führt,  ist,  auch  abgesehen  von  den  vielen  werthvollen 
Beiträgen  zur  allgemeinen  und  Landesgeschichte,  aufserordentlich 
lehrreich.  Wir  sehen  das  Kloster  in  gutem  Zustande,  durch  den 
Ruf  strenger  Zucht  angesehen;  dann  erregen  gegen  den  Rath  und 
Wunsch  der  besseren  Mönche  Wunder  ihrer  Reliquien  einen  grofBen 
Zulauf,  der  Reichthum  wächst  und  damit  reifst  üeppigkeit,  bald  auch 
Zwietracht  ein  — doch  wir  dürfen  uns  nicht  dabei  auf  halten,  die 
wechselnden  Geschicke  des  Klosters  zu  verfolgen,  und  müssen  uns 
begnügen,  diese  Chronik  als  einen  rechten  Spiegel  des  Klosterlebens 
dem  Leser  zu  empfehlen,  um  so  mehr,  da  jetzt  die  Ausgabe  von 
Koepke,  nach  dem  Original  gearbeitet,  einen  völlig  zuverlässigen 
und  treuen  Text  darbietet. 

Unter  den  Klöstern  der  Stadt  LUttich  zeichnete  sich  beson- 
ders S.  Lorenz  aus,  schon  von  Everaklus  begonnen,  aber  erst 
60  Jahre  später  (1034)  von  Reginard  vollendet.  Eine  ganze  Reihe 
ausgezeichneter  Männer  hat  ihm  angehört,  Uber  welche  später  Reiner 
ein  eigenes  Büchlein  verfafste.  Der  bekannteste  aus  dem  vorliegen- 
den Zeiträume  ist  Rupert  von  Deutz,  ein  Schüler  Heribrands, 
der  1115  ( — 1130)  Abt  des  Klosters  wurde.  Das  Mönchskleid  em- 
pfing er  von  Heribrands  berühmtem  Vorgänger  Berengar  (1076-1115), 
dessen  streng  liildebrandischer  Gesinnung  er  sich  völlig  anscklofs. 
Schon  früh  machte  er  sich  als  theologischer  Schriftsteller  bekannt, 
so  dafs  sogar  um  seinetwillen  Wibald  mit  seinem  Lehrer  von  Stablo 
nach  LUttich  kam.  Litterarische  Fehden  mit  den  damals  hochge- 
feierten Lehrern  Wilhelm  von  Champeaux,  Bischof  von  (Jliälons  und 
Anselm  von  Laon  erregten  so  heftige  Feindschaft  gegen  ihn,  dafs 
Berengar  ihn  sterbend  nach  Siegburg  zum  Abt  Kuno  sandte ; er  hatte 
dann  in  LUttich  eine  förmliche  Anklage  zu  bestehen,  rechtfertigte 
sich  aber  erfolgreich  und  ritt  1117  auf  seinem  Esel  kühnes  Muthes 
nach  Frankreich,  um  seine  Gegner  im  eigenen  Lager  zu  bekämpfen. 
Auch  Norbert  gehörte  dazu.  Die  Wahl  des  Bischofs  Friderich  von 
LUttich  führte  ihn  nach  Köln,  von  wo  der  Erzbischof  Friderich  ihn 
wieder  zum  Abt  Kuno  nach  Siegburg  schickte,  und  nach  dem  Tode 
des  Abtes  Markward  von  Deutz,  der  hier  die  Siegburger  Regel  ein- 
geflihrt  hatte,  im  J.  1119  oder  1120  zum  Abt  von  Deutz  erhob.  Im 
Jahre  1124  reiste  er  nach  Rom,  wo  er  der  Weihe  des  Papstes 


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S.  Lorenz.  Rupert  von  Deutz.  Gembloux.  291 

Honorius  II  beiwohnte,  dem  er  später  eine  seiner  Schriften  widmete. 
Am  4.  März  1129  oder  1130  ist  er  gestorben. 

Die  von  Rupert  verfafste  neue  Bearbeitung  des  Lebens  Heriberts 
erwähnten  wir  schon ; eine  sehr  genaue  und  besonders  auch  durch 
geschichtliche  Nachrichten  aus  der  früheren  Zeit  nicht  unwichtige 
Beschreibung  der  grofsen  Feuersbrunst,  welche  Deutz  im  Jahre  1128 
verzehrte,  hat  Jaffö,  Mon.  SS.  XII,  624 — 638,  neu  herausgegeben  und 
in  der  Einleitung  die  Nachrichten  Uber  Ruperts  Leben  und  Schriften 
zusammengestellt  und  kritisch  gesichtet1). 

Den  gröfsten  Ruhm  jedoch  erntete  Rupert  durch  seine  umfang- 
reichen theologischen  Schriften,  deren  Handschriften  alle  Biblio- 
theken erfüllen.  Fast  vergessen  dagegen  und  in  keiner  Handschrift 
erhalten  ist  eins  seiner  frühesten  Werke,  die  Geschichte  des  Lorenz- 
klosters bis  1095,  welche  nur  in  fragmentarischer  und  interpolirter 
Gestalt  auf  uns  gekommen  ist5).  Doch  auch  so  verdient  es  Beach- 
tung, theils  wegen  der  Nachrichten  Uber  die  älteren  Lütticher 
Bischöfe,  welche  schon  der  Sagenbildung  anheim  gefallen  sind,  theils 
wegen  des  umständlichen  Berichtes  Uber  die  Verfolgungen,  welche 
der  Abt  Berengar  von  den  Bischöfen  Wolbodo  und  Otbert  zu  er- 
leiden hatte.  In  dieser  Geschichte  ist  aufser  Anselms  Bisthums- 
chronik auch  schon  Sigeberts  Chronik  benutzt,  ferner  eine  kleine 
Schrift  des  Mönches  Ludwig  Uber  die  Uebertragung  von  Reliquien 
des  h.  Lorenz  aus  Rom  nach  Lüttich,  im  J.  1056,  welche  noch  vor- 
handen ist8). 

§ 22.  Gembloux. 

Nirgends  vielleicht  hatte  sich  das  Klosterleben  so  reich  ent- 
faltet wie  in  Belgien  und  ganz  vorzüglich  im  Lütticher  Sprengel. 
Der  Klöster  Stablo4),  S.  Hubert,  S.  Trond,  welche  ebenfalls  hierher 
gehören,  wurde  schon  oben  gedacht.  Eine  eingehendere  Betrach- 
tung aber  gebührt  dem  Kloster  Gembloux  wegen  seines  welt- 
berühmten Chronisten,  des  Sigebert5). 

Gembloux  ist  eine  Stiftung  des  Wicbert,  eines  Mannes  von 
sehr  angesehener  Familie,  welcher  die  Ritterwaffen  mit  dem  Müncbs- 

')  Nachzutragen  ist  die  Bekehrung  des  Kölner  Juden  Judas,  s.  unten  V,  3. 

5)  Ruperti  Chronicon  S.  Laurentii  Leodiensis  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  VIII, 
261—279. 

3)  De  adventu  reliquiarum  S.  Laurentii  prosa  Ludowici  senioris.  Pez  Thes. 
IV,  3 p.  1-4. 

4)  Annales  Stabulenses  bis  1087,  nicht  reichhaltig,  aber  mit  einigen  nützlichen 
Notizen,  bei  Reiffenberg,  Monuments  de  Namur  etc.  VII,  195. 

6)  Vgl.  S.  Hirsch,  De  Vita  et  Scriptis  Sigiberti,  Berlin  1841.  8.  und  Belh- 
manns  Vorrede  zu  Sigeberts  Chronik,  SS.  VI,  268  IT. 

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IV.  Salier.  § 22.  Gembloux. 


kleide  vertauschte  und  auf  seinem  Erbgute  das  Kloster  gründete, 
welches  er  dem  Erluin  Ubergab.  Er  selbst  zog  sich  in  das  Kloster 
Gorze  zurück,  welches  eben  damals  in  hohem  Ruhme  stand  und 
dessen  Ordnungen  auch  in  Gembloux  eingeführt  wurden.  Verschie- 
dene Anfechtungen  bewogen  Wicbert  946,  eine  Bestätigung  der 
Gründung  von  Otto  I auszuwirken,  doch  hörten  darum  die  Angriffe 
der  Verwandten,  von  denen  alle  Klosterchroniken  zu  berichten  haben, 
nicht  auf,  Erluin  wurde  sogar  957  geblendet.  Wicbert  war  kühn 
genug,  den  Ungern  auf  ihrem  Raubzuge  durch  Lothringen  954  das 
Evangelium  zu  predigen,  und  soll  sogar  einige  von  ihnen  bekehrt 
haben.  Am  23.  Mai  962  starb  er,  987  Erluin.  Dieser  fand  schon 
bald  nachher  einen  Biographen  an  dem  Mönch  Richarius,  welcher 
in  recht  fliefsenden  Versen  sein  Leben  beschrieb  und  sein  Werk  dem 
Bischof  Notger  (972 — 1008)  widmete. 

Auf  Erluin  folgte  bis  991  sein  Bruder  Heriward  und  dann  bis 
1012  sein  Vetter  Erluin  II,  unter  dem  das  Kloster  bereits  innerlich 
wie  äufserlich  zerfiel.  Darauf  aber  gab  ihm  Bischof  Balderich  den 
schon  oben  erwähnten  Olbert  zum  Abt,  welcher  mit  grofser  Kraft 
die  Zucht  herstellte,  die  äufseren  Güter  wieder  herbeibrachte  und 
ordnete  und  besonders  auch  der  Schule  sich  annahm.  Wie  ein 
zweiter  Pliiladelphus,  sagt  Sigebert,  sorgte  er  für  die  Bibliothek  und 
brachte  100  Bände  geistlichen,  50  Bände  weltlichen  Inhaltes  zu- 
sammen. Dabei  verschmähte  er  nicht,  selbst  an  der  Handarbeit 
Theil  zu  nehmen,  welche  damals  noch  nach  der  ursprünglichen  Regel 
den  Mönchen  oblag;  er  selbst  half  die  Fischteiche  graben,  welche 
für  alle  Klöster  so  wichtig  waren.  Wir  sahen  schon,  dafs  Balderich 
ihm  auch  das  neu  gestiftete  Jakobskloster  übergab;  es  waren  be- 
sonders Mönche  aus  der  Zucht  des  Abtes  Richard,  die  er  hierher 
zog,  wie  auch  sein  eigener  Nachfolger  in  Gembloux,  Mysach  oder 
Mazelin,  ein  Schüler  Richards  war. 

Unter  diesem  Olbert  nun  wurde  Sigebert,  um  das  Jahr  1030 
geboren,  ein  romanischer  Belgier,  Mönch  von  Gembloux  und  erhielt 
hier  die  ausgezeichnete  Schulbildung,  von  welcher  alle  seine  Schriften 
Zeugnifs  geben1).  .Er  war  noch  sehr  jung,  als  Mazelins  Bruder  Ful- 
kuin,  Abt  von  S.  Vincenz  zu  Metz , ihn  nach  seinem  Kloster  berief, 
um  die  Leitung  der  Schule  zu  übernehmen,  welcher  er  eine  lange 
Reihe  von  Jahren  mit  so  gutem  Erfolge  Vorstand,  dafs  zahlreiche 
Schüler  von  allen  Seiten  ihm  zuströmten.  Um  das  J.  1070  kehrte 
er  nach  Gembloux  zurück  und  wirkte  hier  noch  über  40  Jahre  als 

1)  Sigeberls  Schüler  Godeschalk  sagt  von  ihm,  er  habe  lange  mit  dem  Abte 
Olbert  (f  1048)  gelebt,  Gesta  abb.  Gembl.  e.  64. 


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Stiftung  von  Gembloux.  Olbert.  Sigebert. 


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Lehrer  und  Schriftsteller,  allgemein  verehrt  und  bewundert;  aller 
Ehrgeiz  lag  ihm  fern,  und  wie  er  nie  nach  einer  höheren  Stellung 
verlangte,  so  vermied  er  auch  jede  Berührung  mit  dem  weltlichen 
Treiben, -welches  so  viele  Mönche  ihrem  eigentlichen  Berufe  mehr 
oder  weniger  entfremdete.  Seinem  Kloster  war  er  mit  der  innigsten 
Liebe  zugetban  und  ein  besonderer  Verehrer  des  Stifters  Wicbert, 
dessen  Leben  er  auch  beschrieb.  Gegen  das  Ende  des  elften  Jahr- 
hunderts verbreitete  sich  der  Ruf  von  Wundern  am  Grabe  Wicberts, 
und  auch  in  der  Ferne  wurde  er  schon  mit  gutem  Erfolge  ange- 
rufen. Da  bemühte  sich  nun  Sigebert  mit  dem  gröfsten  Eifer,  ihn 
zur  vollen  Anerkennung  als  Heiligen  zu  bringen;  es  gelang  ihm, 
von  Otbert  die  Erlaubnifs  zur  feierlichen  Erhebung  der  Gebeine  zu 
erlangen,  die  am  23.  Sept.  1110  geschah1);  er  verfafste  noch  selbst 
die  Antiphonen  und  Lectionen  zur  kirchlichen  Feier  des  neuen 
Festes,  dann  starb  er  am  5.  Oct.  1112. 

Sigebert  hat  sowohl  als  Lehrer  wie  durch  das  grofse  Gewicht, 
welches  seine  Meinungen  und  Ansichten  auch  bei  den  Häuptern  der 
Lütticher  Kirche  hatten,  eine  bedeutende  Wirksamkeit  ausgeübt  und 
nicht  wenig  dazu  beigetragen,  dafs  im  Gegensatz  zu  einigen  eifrig 
gregorianischen  Aebten  diese  Kirche  in  ihrer  Mehrzahl  der  kaiser- 
lichen Sache  treu  blieb.  Auch  Sigebert  war  ein  echter  Mönch,  er 
erfüllte  mit  der  gröfsten  Gewissenhaftigkeit  alle  Pflichten  seines 
Berufes,  beschäftigte  sich  eifrig  mit  theologischen  Studien  und  schrieb 
verschiedene  Werke  über  kirchliche  Gegenstände,  aber  er  war  der 
übertriebenen  Ascetik  abgeneigt,  und  sein  ganzes  Wesen  war  erfüllt 
von  Wohlwollen  und  milder  Freundlichkeit.  So  aufrichtig  er  selbst 
dem  Klosterleben  zugethan  war,  so  wenig  billigte  er  die  damals 
herrschende  Richtung,  welche  der  ganzen  Kirche  das  Joch  des 
Mönchsthums  aufzwingen  wollte,  und  noch  weniger  billigte  er  die 
Gewaltsamkeit,  mit  welcher  Hildebrand  seine  Prineipien  durchsetzte, 
und  die  Mifsachtung  der  geschichtlich  und  rechtlich  begründeten 
kaiserlichen  Autorität.  Diese  Ansichten  sprach  er  furchtlos  aus  in 
Abhandlungen,  die  in  Briefform  erschienen  und  bedeutenden  Ein- 
druck machten.  Er  trat  gewissermafsen  als  das  Organ  der  Lütticher 
Kirche  auf,  und  der  Archidiakon  Heinrich,  sein  vertrauter  Freund, 
war  es,  auf  dessen  Wunsch  er  diese  Schriften  verfafste.  Zuerst 

*)  Davon  handelt  die  Ilistoria  Elevationis  S.  Wicberti,  SS.  X,  516 — 518,  nach 
Sigeberts  Tode  geschrieben.  An  diese  schließen  sich  die  Wunder  p.  518  — 523 
mit  einem  Prolog  von  Sigebert,  aber  auch  nach  seinem  Tode  verfallt.  Sie  sind 
gut  geschrieben  und  reichhaltiger  wie  andere  Schriften  der  Art. 


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IV.  Salier.  § 22.  Gembloux. 


schrieb  er  eine  Widerlegung  des  berühmten  Briefes  Gregors  VU  an 
Hermann  von  Metz,  über  die  Berechtigung  des  Papstes,  den  König 
in  den  Bann  zu  thun  und  den  Eid  der  Treue  aufzuheben  ’),  auf  den 
auch  Waltram  von  Naumburg  und  Wenrich  im  Namen  Dietrichs  von 
Verdun  antworteten.  Dann  verfafste  er  eine  Widerlegung  der  Be- 
hauptung, dafs  die  Messen  verheiratheter  Priester  ungültig  wären3). 
Er  greift  darin  nicht  sowohl  die  Forderung  des  Coelibats  an,  als 
die  Aufreizung  der  Laien,  der  Masse  des  Volkes  zur  gewaltsamen 
Erhebung  gegen  die  Priester,  ein  Verfahren,  welches  vorzüglich 
überall  zu  den  ärgsten  Gewaltthaten  geführt  und  den  bis  dahin  so 
blühenden  Zustand  der  Kirche  aufs  Traurigste  verwüstet  hatte. 
Diese  schlimmen  Folgen  der  neuen  Lehren  stellt  er  in  der  eindring- 
lichsten Weise  dar. 

Zuletzt  veranlafste  ihn  derselbe  Archidiakonus  Heinrich  noch 
einmal  zu  einer  ähnlichen  Schrift  im  Namen  der  ganzen  Lütticher 
Kirche,  als  nämlich  Paschalis  H im  J.  1102  oder  1103  den  Grafen 
Robert  von  Flandern  zu  einem  förmlichen  Kreuzzuge  gegen  dieselbe 
aufgerufen  hatte , weil  sie  nicht  von  ihrem  Kaiser  lassen  wollte 3). 
In  diesem  Sendschreiben  entwickelt  Sigebert  mit  besonderer  Ein- 
dringlichkeit das  Schriftwidrige  dieses  Verfahrens  und  wies  die  ent- 
gegengesetzten Aussprüche  und  Beispiele  früherer  Päpste,  besonders 
Gregors  des  Grofsen,  und  anderer  Kirchenväter  nach.  Es  spricht 
sich  eine  treffliche,  edle  Gesinnung  darin  aus,  und  die  treffende, 
wohl  durchdachte  Beweisführung  verdient  nicht  geringere  Anerken- 
nung. Die  Sprache  aber  ist  nicht  frei  von  Verstöfsen  gegen  die 
Grammatik  und  leidet  namentlich  an  dem  so  häufigen  Fehler  ge- 
reimter Satztheile:  einem  Fehler,  der  nicht  Sigebert,  sondern  seiner 
Zeit  und  besonders  der  Lütticher  Schule  eigen  ist.  Nach  dem  Ge- 
schmack und  Urtheil  seiner  Zeitgenossen  schrieb  Sigebert  schön,  war 
er  ein  vortrefflicher  Stilist,  und  er  wandte  in  üblicher  Weise  diese 
Kunst  zur  Bearbeitung  älterer  Legenden , wie  z.  B.  des  h.  Lambert, 

!)  Betlimann  glaubte  dieses  Schreiben  zu  erkennen  in  der  Schrift:  Dicta 
cuiusdam  de.  discordia  papae  et  regia  priorum  reprehensa  exemplis,  zu  welcher 
am  Rande  bemerkt  ist:  nimirum  Sigeberti;  jetzt  gedruckt  bei  Floto  Heinrich  IV, 
I,  437.  Es  ist  dieses  eine  sehr  heftige  Parteischrifl,  geschrieben  nach  der  Ein- 
setzung G uiberts  und  Hrinrichs  Kaiserkrönung,  welche  ganz  mit  Heinrichs  IV  Ab- 
sagebrief an  Gregor  übereinstimmt.  Sie  handelt  von  Nikolaus  II  Wahlordnung  und 
fuhrt  die  Beispiele  an  von  Kaisern,  welche  Papste  abgesetzt  haben.  Heinrichs  Ent- 
setzung und  der  gegen  ihn  ausgesprochene  Bann  dagegen  werden  nicht  erwähnt. 
Es  scheint  daher  kaum  wahrscheinlich,  dafs  dieses  jene  von  Sigebert  erwähnte 
Schrift  ist.  — 3)  Martene  Thes.  1,  230.  cf.  Hirsch  p.  203  ff. 

3)  Gedr.  in  den  Sammlungen  der  Concilien  und  sonst  häufig.  Eccard.  II,  238. 


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Sigeberts  Sendschreiben.  Vita  Deoderiei,  Wicberti.  295 

an,  dessen  Geschichte  er  einmal  in  dem  gesuchten  und  überladenen 
Stil  damaliger  Schönrednerei  und  einmal  in  einfacherer  Weise  be- 
handelte. Er  selbst  sagt,  dafs  viele  diese  letztere  vorzögen. 

Zu  seinen  frühesten  Werken  gehört  das  Leben  des  Bischofs 
Dietrich  von  Metz1)  (965 — 984),  welches  er  während  seines 
Aufenthaltes  im  Vincenzkloster  verfafste,  um  den  Stifter  dieses  Klo- 
sters zu  verherrlichen.  Es  ist  bei  einer  Jugendarbeit  nicht  zu  ver- 
wundern, dafs  eine  gesuchte  Zierlichkeit  des  Ausdruckes  und  zur 
Schau  getragene  Gelehrsamkeit  darin  am  meisten  hervortreten.  Da- 
neben bemerkt  man  aber  auch  schon  die  fleifsige  Benutzung  der 
Quellen,  welche  ihm  zu  Gebote  standen,  Paulus  Diakonus  Geschichte 
der  Bischöfe  von  Metz,  Widukind,  Ruotgers  Leben  des  Bruno  von 
Köln,  ein  gleichzeitiger  Bericht  Uber  die  von  Bischof  Dietrich  mit- 
gebrachten Reliquien,  Konstantins  Leben  des  Adalbero  von  Metz, 
dazu  die  Urkunden  und  die  mündliche  Ueberlieferung  von  S.  Vin- 
cenz.  Dafs  die  Stiftung  dieses  Klosterä  besonders  hervorgehoben 
wird,  ist  natürlich,  und  begreiflich  ist  es  auch,  dafs  die  Fehler  des 
Bischofs,  namentlich  seine  Untreue  gegen  Otto  III,  verschwiegen 
werden,  wie  das  in  Schriften  dieser  Art  regelmäfsig  geschah,  aber 
loben  kann  man  es  nicht,  und  Sigebert  selbst  hat  später  in  seiner 
Chronik  anders  Uber  Dietrich  gesprochen. 

Nach  Gembloux  zurückgekehrt,  feierte  Sigebert,  damals  44  Jahre 
alt,  in  einem  gröfserem  Heldengedichte  das  Martyrium  der  thebäischen 
Legion,  wie  es  in  der  gangbaren  Legende  beschrieben  war2).  An 
der  Wahrheit  derselben  zu  zweifeln,  mochte  ihm  wohl  fern  liegen; 
die  Art  aber,  wie  er  zur  Belebung  und  Bereicherung  seines  Stoffes 
den  geschichtlichen  Hintergrund  behandelt,  zeigt  eine  vollkommene 
Vertrautheit  mit  der  Geschichte  jener  Zeiten,  während  zugleich  die 
Beherrschung  der  Sprache  und  die  Gewandheit  im  Versbau  alles 
Lob  verdienen,  und  sowohl  die  Anordnung  des  Ganzen  als  auch 
einzelne  Schilderungen  beweisen,  dafs  es  Sigebert  nicht  an  dichte- 
rischer Begabung  fehlte. 

Um  dieselbe  Zeit,  noch  vor  dem  Tode  des  Abtes  Mazelin 
(11.  Nov.  1071),  verfafste  Sigebert  auch  das  Leben  Wicberts, 
des  Stifters  von  Gembloux,  und  die  Geschichte  des  Klosters, 
die  er  jedoch  nur  bis  zum  Tode  Oiberts  (1048),  zum  Beginn  der 
Regierung  des  damals  noch  lebenden  Abtes  fortführte3).  Im  Kloster 

!)  Vita  Deoderiei  Met.  auct.  Sigeberto  ed.  Perlz,  Mon.  SS.  IV,  461 — 483. 

*)  Perlz,  Ueber  Sigeberts  drei  Bücher  De  passione  Sanctorum  Thebaeoruin, 
im  Archiv  XI,  1 — 17. 

8)  Vita  Wicberti  et  Gesta  abbalum  Gemblaccnsium  auctoribus  Sigeberto  et 
Godescalco,  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  VIII,  504  — 564,  nach  der  Original  - Handschrift; 


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296 


IV.  Salier,  § 22.  Gembloux. 


selbst  hatte  nur  Richarius  das  Leben  Erluins  behandelt,  aber 
auch  diese  Schrift  war  fast  verloren  und  nur  noch  in  Bruchstücken 
erhalten;  eins  davon  hat  Sigebert  in  sein  Werk  aufgenommen.  Fol- 
kuin  in  seiner  Geschichte  von  Lobbes  hatte  Erluins  gedacht,  aber 
in  unvorteilhafter  Weise,  und  Sigebert  tritt  seiner  Darstellung  ent- 
gegen. Hauptsächlich  war  es  also  die  mündliche  Ueberlieferung, 
auf  welche  dieser  angewiesen  war,  für  die  er  aber  durch  die  von 
ihm  vollständig  aufgenommenen  Urkunden  einen  festeren  Halt  ge- 
wann, während  die  genaue  Kenntnifs  der  lothringischen  Geschichte 
ihn  in  den  Stand  setzte,  eine  Darstellung  zu  geben,  welche  auch 
für  die  Zeit  Ottos  des  Grofsen  lehrreich  ist ; mit  besonderer  Vorliebe 
wird  sodann  die  Wirksamkeit  Olberts  geschildert,  den  er  noch  per- 
sönlich gekannt  hat  und  dessen  Andenken  im  Kloster  fortlebte. 
Gegen  die  Mitte  des  folgenden  Jahrhunderts  Betzte  Sigeberts  Schüler 
Godeschalk  diese  Klostergeschichte  weiter  fort,  bis  zum  Tode  des 
Abtes  Anselm  (1136).  Auch  diese  Fortsetzung  enthält  gute  Nach- 
richten, namentlich  über  Sigebert.  Ueber  seine  Schriften  aber  hat 
Sigebert  selbst  uns  die  vollständigste  Angabe  hinterlassen  in  dem 
letzten  Capitel  seines  Werkes  über  die  kirchlichen  Schriftsteller '), 
welches  übrigens  sehr  nachlässig  gearbeitet  und  von  geringem 
Werthe  ist.  -e  w 

Das  Hauptwerk  Sigeberts,  dasjenige,  auf  welchem  besonders 
sein  hoher  Ruhm  bei  den  Zeitgenossen  und  bei  der  Nachwelt  be- 
ruht, ist  seine  Chronik.  Lange  Zeit  galt  sie  für  eine  der  mäch- 
tigsten Autoritäten,  und  bis  auf  die  neueste  Zeit  findet  man  sie 
überall  vielfach  angeführt.  Erst  jetzt  beginnt  ihr  Ansehen  zu 
schwinden , da  nur  für  einen  geringen  Theil  die  ursprünglichen 
Quellen  nicht  bekannt  sind  und  da  die  Ungenauigkeit  seiner  An- 
gaben nachgewiesen  ist.  Bethmann,  welcher  zuerst  nach  der  von 
ihm  entdeckten  Original  - Handschrift  den  reinen  und  unverfälschten 
Text a)  herausgegeben , die  Chronologie  geprüft  und  überall  die 
Quellen  nachgewiesen  hat,  gesteht  dem  ersten  Theile  des  Werkes 
gar  keinen  Nutzen  zu  und  stellt  auch  den  folgenden  nicht  hoch. 

früher  waren  nur  sehr  mangelhafte  Auszüge  bekannt.  Den  Schlufs  bildet  ein  Be- 
richt über  die  Verbrennung  und  Plünderung  von  Gembloux  im  J,  1185,  von  dem 
Mönch  Guibert,  einem  Augenzeugen. 

l)  De  Scriptoribus  eedesiasticis,  am  besten  in  A.  Miraei  Bibliotheca  ecdesiastica 
ed.  II.  cur.  J.  A.  Fabricio.  Vgl.  Hirsch  p.  330  — 337. 

J)  Auch  ohne  den  Zusatz  über  die  Päpstin  Johanna,  deren  Erfindung  man 
früher  Sigebert  Schuld  gab.  Die  Ausgabe  steht  Mon.  SS.  VI,  300 — 374,  wo  sich 
die  verschiedenen  Fortsetzungen  anschliefsen.  Ueber  den  abweichenden  und  erwei- 
terten Text  in  den  Annales  Hannoniae  des  Jacques  de  Guise,  Wilmans  Archiv 
IX,  343  — 347. 


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Oesta  abb.  Gfmblacensinm.  Sigfberts  Chronik.  297 

Zum  Theil  rührt  dieses  von  denselben  Eigenschaften  her,  die  ihn 
als  Schriftsteller  auszeichnen,  indem  er  immer  nur  seinen  eigent- 
lichen Zweck,  eine  chronologische  Uebersicht  der  Weltgeschichte, 
im  Auge  hatte  und  deshalb  weder  locale  Nachrichten  aufnahm,  noch 
auch  wie  Hermann  von  Reichenau  und  Ekkehard  die  Geschichte 
seiner  eigenen  Zeit  unverhältnifsmSfsig  ausführlich  behandelt  hat. 

Erst  im  letzten  Jahrzehnt  seines  Lebens,  also  schon  in  hohem 
Alter,  scheint  Sigebert  die  Ausarbeitung  dieser  Chronik  begonnen 
zu  haben,  und  sein  Hauptziel  dabei  war  die  Feststellung  der  Chrono- 
logie: eine  Aufgabe,  welche  jedem,  der  sich  damals  mit  geschicht- 
licher Forschung  beschäftigte,  als  die  allerdringendste  erscheinen 
mufste  und  deren  Lösung  mit  den  gröfsten  Schwierigkeiten  verbun- 
den war.  Das  Werk  des  Marian  war  Sigebert  bekannt  geworden, 
und  er  stellte  es  sehr  hoch,  obgleich  es  ihn  nicht  befriedigte.  Es 
kam  der  damaligen  Welt  vor  allem  darauf  an,  für  die  zahllosen 
Legenden  eine  sichere  historische  Anknüpfung  zu  gewinnen:  man 
hatte  einerseits  überaus  magere  Annalen,  andererseits  die  so  sehr 
werth  gehaltenen  Heiligengeschichten,  denen  es  meistens  an  bestimm- 
ten Zeitangaben  fehlte.  Daher  wiederholt  sich  immer  das  Bestreben, 
die  Legenden  dem  annalistischen  Rahmen  einzufligen,  und  dies 
mufste  um  so  mehr  zu  Irrthümern  führen,  da  die  älteren  Legenden 
meistens  untergeschoben  und  im  Widerspruch  mit  der  richtigen 
Chronologie  waren.  Unsägliche  Mühe  hat  dieser  Umstand  den  Ge- 
lehrten des  Mittelalters  verursacht,  und  man  kann  es  Sigebert  nicht 
zum  Vorwurf  machen,  dafs  er,  obwohl  nicht  ganz  ohne  Sinn  für 
historische  Kritik,  doch  viele  Fabeln  gläubig  annahm,  an  denen  zu 
zweifeln  nicht  leicht  jemand  sich  beikommen  liefs. 

Sigeberts  Fleifs  und  seine  aufserordentliche  Belesenheit  verdie- 
nen die  gröfste  Anerkennung,  auch  ist  die  Auswahl  der  aufgenom- 
menen Nachrichten  verständig  und  seinem  Zwecke  angemessen,  aber 
an  Genauigkeit  in  der  chronologischen  Anordnung  fehlt  es  ihm  mehr, 
als  man  erwarten  sollte,  auch  da  wo  nicht  gerade  die  Mangelhaftig- 
keit seiner  HUlfsmittel  ihn  entschuldigt.  Sein  Werk  schliefst  sich 
unmittelbar  an  die  Chronik  des  Hieronymus  und  Prosper  an  und 
beginnt  deshalb  erst  mit  dem  J.  381 , nach  einer  kurzen  Einleitung 
Uber  den  Ursprung  der  verschiedenen  Reiche,  deren  Regenten  er 
synchronistisch  mit  den  Jahren  der  christlichen  Zeitrechnung  ver- 
bindet. In  der  Behandlung  der  neueren  Geschichte  zeigt  Sigebert 
dieselbe  verständige  Mäfsigung,  welche  seinem  ganzen  Wesen  eigen 
ist;  er  schliefst  sich  keiner  Partei  an  und  ist  sehr  vorsichtig  in  » 
seinem  Urtheil,  verhehlt  aber  doch  auch  hier  nicht  seine  Mifsbilli- 


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298  IV.  Salier.  § 22.  Gembloux.  § 23.  Cambray  und  Toumay. 

gung  des  neuen  und  unerhörten  Verfahrens  Gregors  VII,  die  Ge- 
meinde gegen  die  Priester  und  die  Völker  gegen  die  Könige  zu  den 
Waffen  zu  rufen. 

Schon  vor  dem  Jahre  1106  hat  Sigebert  seine  Chronik  ausge- 
geben, und  bald  darauf  wurde  sie  von  Ekkehard  zu  einer  neuen 
Bearbeitung  seines  Werkes  benutzt;  der  Verfasser  fuhr  jedoch  fort 
daran  zu  arbeiten  und  überschritt  hier  ein  wenig  das  Mafs  seiner 
früheren  Darstellung.  Zum  Jahre  1105  nahm  er  ein  sehr  schätz- 
bares Schreiben  Uber  die  Einsetzung  des  Gegenpapstes  Maginulf  auf, 
und  1106  den  auch  sonst  bekannten  Brief  Heinrichs  IV  an  den 
König  Philipp  von  Frankreich.  Auch  in  Beziehung  auf  den  In- 
vestiturstreit mifsbilligte  Sigebert  die  aller  Geschichte  widerstreitende 
und  in  der  Durchführung  unmögliche  Forderung  der  damaligen 
Päpste,  welche  das  alte  Band  zwischen  Staat  und  Kirche  ganz 
zerreifsen  wollten;  sein  Werk  beschliefst  Heinrichs  V Vertrag  mit 
Paschalis  vom  13.  April  1111.  Bei  den  vielen  widersprechenden 
Nachrichten  Uber  diese  Vorgänge  begnügte  er  sich  mit  der  Dar- 
stellung derselben,  welche  des  Kaisers  Rundschreiben  enthielt,  und 
theilte  die  Actenstücke  vollständig  mit. 

In  demselben  Jahre,  am  fünften  October,  starb  Sigebert.  Seine 
Chronik  war  schon  damals  in  Abschriften  weit  verbreitet  und  wurde 
bald  die  vorzüglichste  Grundlage  aller  Geschichtskenntnifs  in  den 
Kirchen  und  Klöstern  Belgiens  und  des  nördlichen  Frankreich.  Zu- 
gleich aber  hatte  man  auch  an  diesen  Handschriften  eine  sehr  be- 
queme Form,  um  Zusätze  über  die  frühere  Zeit  einzuschieben  und 
Aufzeichnungen  über  die  Zeitgeschichte  nachzutragen.  Beides  ge- 
schah zunächst  im  Kloster  Gembloux  selbst,  wo  der  Abt  Anselm 
eine  ausführliche  Fortsetzung  bis  zum  J.  1135  hinzufügte,  die  von 
anderen  bis  1148  fortgeführt  wurde.  Es  ist  Bethmanns  Verdienst, 
alle  diese  Zusätze  der  33  von  ihm  benutzten  Handschriften  sorg- 
fältig gesondert,  ihrer  Zeit  und  ihrem  Werthe  nach  bestimmt  und 
in  zuverlässigem  Abdruck  mit  seiner  Ausgabe  des  Sigebert  verbun- 
den zu  haben.  Am  werthvollsten  für  die  Geschichte  des  zwölften 
Jahrhunderts  sind  die  Zusätze  und  besonders  die  Fortsetzung  (1149 
bis  1237)  aus  dem  Kloster  Anchin  im  Artois1);  sehr  bedeutend, 
aber  vorzüglich  für  die  normannisch -englische  Geschichte,  ist  die 
auf  Sigeberts  Werk  begründete  Chronik  des  Robert  von  Mont 
S.  Michel,  welche  Bethmann  ebenfalls  aus  der  eigenen  Handschrift 

‘)  Auctarium  Aauicinense  SS.  VI,  392  — 398;  Continuatio  Aquicinctina  p.  405 
bis  438.  Ueber  die  hierin  benutzten  Ann.  Aquicinenses  vgl.  auch  Wilmans  Arch. 
IX,  348. 


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Sigeberts  Chronik  und  Fortsetzer.  Cambray.  299 

des  Verfassers  in  einem  vielfach  berichtigten  Abdruck  mitgetheilt 
hat  ‘). 


§ 23.  Cambray  und  Tournay.  Mastricht, 

Zu  den  besten  und  bedeutendsten  Bisthumsgcschichten  gehört 
die  Chronik  der  Bischöfe  von  Cambray,  welche  bis  auf  Beth- 
manns  Ausgabe  auf  den  Namen  eines  gewissen  Balderich  von 
Noyon  ging,  obgleich  die  verdächtige  Natur  der  Documente,  auf 
welche  allein  diese  Annahme  sich  stützte,  schon  früher  bemerkt 
worden  war.  Der  Verfasser,  auf  dessen  Namen  wir  verzichten 
müssen,  war  vielmehr  Domherr  zu  Cambray,  wo  er  auch  heimisch 
war  oder  doch  seit  langer  Zeit  der  Kirche  angehörte,  und  stand  in 
nahem  persönlichen  Verhältnifs  zu  dem  Bischof  Gerhard,  der  von 
1012  bis  1049  der  Kirche  Vorstand , welche  Heinrich  H ihm  anver- 
traut hatte.  Dieser  Gerhard  war  ein  vornehmer  Mann  und  Ver- 
wandter des  Erzbischofs  Adalbero  von  Reims,  der  ihn  unter  seinen 
Augen  hatte  erziehen  und  ausbilden  lassen,  bis  er  in  die  kaiserliche 
Kapelle  eintrat.  Die  filtere  Geschichte  seines  Sprengels  lag  ihm 
sehr  am  Herzen;  schon  bei  Gelegenheit  der  Translation  von  1015 
bewog  er  den  Fulbert,  das  Leben  des  alten  Bischofs  Autbert  von 
Cambray  (633 — 669?)  zu  beschreiben3),  und  später  gab  er  dem  er- 
wähnten Domherrn,  welcher  sich  bereits  an  einer  Ueberarbeitung 
der  Legende  von  dem  noch  älteren  Bischof  Gaugericus  versucht 
hatte5),  den  Auftrag  die  ganze  Geschichte  des  Bisthums  zu  bearbei- 
ten. Zwischen  1041  und  1043  hat  dieser  seine  Aufgabe  gelöst,  in- 
dem er  im  ersten  Buch  die  Nachrichten  Uber  die  ältere  Zeit  zu- 
sammenstellte, im  zweiten  von  allen  Klöstern  des  Sprengels  Auskunft 
gab  und  endlich  im  dritten  Buche  die  Regierung  des  Bischofs  Ger- 
hard sehr  ausführlich  behandelte.  Die  letzten  Capitel  (35 — 60)  hat 
er  etwas  später  zugesetzt  und  damals  auch  Zusätze  zu  den  früheren 

*)  Roberti  de  Monte  Chronica  a.  1100 — 1186,  p.  480  — 535.  Vgl.  darüber 
Pauli,  Engl.  Gesch.  III,  858.  Von  nicht  unbedeutendem  Werthe  scheint  die  versi- 
ficirte  Geschichte  der  Kaiserin  Mathilde  gewesen  zu  sein,  welche  unter  dem  Namen 
Draco  Normannicus  nach  Brials  Vermuthung  von  Stephan  von  Rouen,  Mönch 
im  Kloster  llec,  verfalsl  war,  Deutschland  jedoch  kaum  berührte,  ausgenommen  im 
dritten  Buche,  wo  das  Schisma  unter  Alexander  III  ausführlich  behandelt  war. 
Fragmente  der  Vorrede  und  Inhaltsverzeichnifs  der  Capitel  bei  Brial,  Notices  et 
Extraits  de  Manuscrits  VIII,  297. 

3)  Liber  quem  Fulberlus  doctor  karissimus  (al.  clarissimus)  de  vita  S.  Aut- 
berti  iubente  domno  ep.  Gerardo  inseripsit.  Gesta  ep.  Cam.  I,  78.  Man  hält  ihn 
gewöhnlich  für  den  Bischof  Fulbert  von  Chartres  (1017 — 1028).  Dagegen  hist, 
fit.  de  la  France  VII,  277.  Gedr.  ap.  Sur.  Dec.  13. 

*)  Die  älteren  Acta  desselben  Acta  SS.  II,  670.  Acta  SS.  Belgii  ed.  Ghes- 
quiere  II,  273. 


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300  IV.  Salier.  § 23.  Cambray  und  Toumay.  Mastricht 

Theilen  seines  Werkes  gemacht,  wie  das  aus  seiner  noch  jetzt,  aber 
leider  unvollständig  erhaltenen  Urschrift  zu  ersehen  ist;  doch  gehen 
weder  die  Fortsetzung  noch  die  Zusätze  Uber  das  Jahr  1044  hinaus. 
Sehr  fleifsig  und  gewissenhaft  hat  der  Verfasser  alle  Quellen  benutzt, 
welche  ihm  zugänglich  waren,  nämlich  aufser  den  Heiligenleben  aus 
dieser  Gegend  den  Gregor  von  Tours  und  die  Gesta  Francorum, 
Flodoards  Geschichte  von  Reims  und  Hinkmars  Briefe,  die  Annalen 
Einhards  und  die  von  S.  Vaast,  ferner  die  jetzt  verlorenen,  aber 
auch  von  Jacob  von  Guise  benutzten  Annalen  von  8.  Ghislain  *)  und 
Renaix2).  Damit  verband  er  die  Urkunden  seiner  Kirche,  von  denen 
er  die  wichtigsten  vollständig  aufnahm,  und  was  ihm  noch  aus  der 
lebendigen  Ueberlieferung  zukam  und  glaubwürdig  erschien.  Denn 
er  strebte  durchaus  nach  Wahrheit  und  hütete  sich  vor  Fabeln ; aus- 
drücklich spricht  er  den  Grundsatz  aus,  lieber  zu  schweigen  und 
seine  Unwissenheit  zu  bekennen,  als  sein  Werk  mit  unzuverlässigen 
und  erdichteten  Angaben  zu  schmücken.  So  ist  es  ihm  denn  ge- 
lungen, eine  Geschichte  zu  schreiben,  welche  vom  zehnten  Jahr- 
hundert an  nicht  nur  die  Verhältnisse  dieses  Bisthums  in  helles 
Licht  setzt,  sondern  auch  für  die  allgemeinere  Geschichte  von  Be- 
deutung ist.  Schon  Uber  den  Einfall  der  Ungern  953,  dann  Uber 
Otto  II,  Uber  seinen  Zug  gegen  Paris  und  die  lothringischen  Ver- 
hältnisse, aber  auch  Uber  seine  Niederlage  in  Kalabrien,  über  die 
unruhigen  Zeiten  der  Regentschaft  und  die  folgenden  Kaiser  hat  er 
werthvolle  Nachrichten  aufbewahrt.  Die  Sprache  ist  ohne  Anspruch 
auf  Zierlichkeit,  aber  doch  frei  von  Ueberladung;  auch  scheut  der 
Verfasser  sich  nicht,  gerade  die  im  gewöhnlichen  Leben  üblichen 
Ausdrücke  anzuwenden,  was  natürlich  in  romanischen  Ländern  weit 
leichter  und  häufiger  vorkommt,  wie  in  Deuu,lLIand. 

Etwa  dreifsig  Jahre  nach  der  Vollendung  dieses  Werkes  wurde 
eine  Fortsetzung  über  die  Regierung  des  Bischofs  Lietbert  (1051  bis 
1076)  hinzugefügt,  welche  später  ein  Mönch  zum  Heiligen  Grabe 
in  Cambray,  Namens  Rudolf,  zu  einem  eigenen  Leben  Lietberts 
umarbeitete.  Auch  die  Zeit  Gerhards  H (1076 — 1092)  wurde  bald 
nach  dessen  Tode  in  ähnlicher  Weise  behandelt  und  vermuthlich 
ebenso  die  Regierung  der  folgenden  Bischöfe,  aber  leider  ist  uns 
der  weitere  Text  nicht  mehr  erhalten.  Nur  Auszüge  liegen  vor 
von  einem  Mönche  von  S.  G6ry  aus  dem  J.  1180,  der  aber  auch 
nur  bis  1095  erhalten  ist,  und  aus  dem  J.  1191  von  einem  Dom- 
herrn, der  den  letzten  Theil  dieses  Abschnittes  selbständig  verfafst 

*)  Ann.  S.  Gisleni,  s.  Wilmans  im  Archiv  IX,  356. 

a)  Chronica  Rothnacensis  ib.  363. 


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Gesta  epp.  Cameracensium.  Tomellus  n.  a. 


301 


zu  haben  scheint.  Die  weitere  Fortsetzung  ist  wiederum  verloren. 
Für  den  früheren  Theil  bis  1135  aber  besitzen  wir  noch  ein  HUlfs- 
mittel  an  einer  französischen  Uebersetzung  vom  Ende  des  dreizehn- 
ten Jahrhunderts,  deren  Ende  ebenfalls  fehlt.  Auch  einem  abkür- 
zenden  Ueberarbeiter  des  siebzehnten  Jahrhunderts  lag  sie  nur  noch 
bis  1151  vor.  Ungeachtet  so  mancher  Einbufse  hat  sich  doch  immer 
noch  genug  erhalten,  um  dieser  Bisthumschronik  auch  noch  für  das 
zwölfte  Jahrhundert  ihren  Rang  unter  den  bedeutendsten  und  lehr- 
reichsten Quellenschriften  anzuweisen. 

Im  Mittelalter  wurde  sie  aufser  von  Sigebert  nur  von  den  Local- 
schriftstellern  dieser  Gegenden  benutzt;  1615  erschien  die  erste  Aus- 
gabe von  Colvener,  Bouquet  vertheilte  sie  in  den  8.  10.  und  11.  Band 
seiner  Sammlung,  worauf  Dom  Brial  im  13.  die  Fortsetzungen  von 
1076  an  zum  ersten  Male  publicirte.  Le  Glay  bereicherte  1834  seine 
neue  Ausgabe  mit  einem  ausführlichen  und  lehrreichen  Commentar, 
und  endlich  begründete  Bethmann  die  seinige  durch  eine  genaue 
nnd  sorgfältige  Benutzung  aller  erreichbaren  Hülfsmittel  und  son- 
derte zugleich  die  einzelnen  Theile  des  Werkes  mit  schärferer  Kritik 
als  bis  dahin  versucht  worden  war1). 

Zunächst  an  diese  Bisthumschronik  schliefst  sich,  in  manchen 
Stücken  dieselbe  ergänzend,  die  Chronik  des  Andreasklosters  zu 
Cäteau  Cambresis,  welche  wichtige  Nachrichten  Uber  Heinrich  IH 
enthält.  Le  Glay  war  es,  welcher  zuerst  das  dritte  Buch  derselben 
in  seiner  Ausgabe  des  sogenannten  Baldericus  veröffentlichte  und 
dann  das  ganze  Werk  Bethmann  zur  Publication  Uberliefs3).  Hier- 
her gehört  ferner  des  Tomellus  Gründungsgeschichte  des  Klosters 
Hasnon3),  die  unvollendete  Chronik  von  Afflighem  aus  dem 
zwölften  Jahrhundv..  ^ , und  aus  dem  benachbarten  Sprengel  von 
Toumay  Gisleberts  Gedicht,  wenn  man  es  so  nennen  will,  Uber 
den  Brand  des  Klosters  S.  Am  and  1066,  welches  Bethmann  zuerst 
herausgegeben  hat 6).  Merkwürdig  ist  darin  der  Bericht  Uber  die 

*)  Gesta  episcoporum  Cameracensiuin,  Mon.  SS.  VII,  393 — 525  und  Addcnda. 
Ueber  die  von  Jakob  von  Guise  benutzte  Ilistoria  Cameracensis  und  den  Catalogus 
episcoporum  Cam.  Wilmans  im  Archiv  IX,  349  u.  Bethmann  p.  491.  Vgl.  W.  Gie- 
sebrecht,  Gesch.  d.  Kaiserzcit  II,  526. 

s)  Chronicon  S.  Andreae  in  Castro  Cameraeesii  (1001  — 1133)  SS.  VII,  526-550. 

*)  Tomelli  Ilistoria  monasterii  Hasnoniensis  (1070)  Martene  Thes.  III,  777-796. 

*)  Chronicon  Affligemense  (1083 — 1109)  ed.  Bethmann,  Mon.  SS.  IX,  407-417. 

5)  Gisleberti  Elnonensis  carmen  de  incendio  S.  Amandi,  Mon.  SS.  XI,  409-432. 
Annalen  von  S.  Amand  sind  als  Ann.  Elnonenses  maiores  542  — 1224,  minores 
533 — 1061  Mon.  SS.  V,  10 — 20,  als  Breve  Cliron.  Ein.  bei  De  Smet,  Recueil  des 
Chroniques  de  Flandre  II,  1 — 26  gedruckt.  Vgl.  auch  Wilmans  über  Jacques  de 
Guise,  Archiv  IX,  345—348.  352. 


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302  IV.  Salier.  § 23.  Tournay.  Mastricht.  § 24.  Albert  v.  Achen. 

Bittfahrt,  welche  die  Mönche  nach  dem  Brande  mit  den  Reliquien 
ihres  Heiligen  unternehmen,  nach  Cambray,  Laon  u.  s.  w.  Von  dem 
Ertrag  wird  dann  der  Neubau  unternommen.  Der  Verfasser  hält  ( 

sich  aber  besonders  bei  den  Wundem  auf,  an  die  er  lange  und 
schwülstige  moralische  Betrachtungen  ankntlpft. 

Eine  Chronik  des  Klosters  Aldenburg  bis  zum  Jahre  1081  ist 
von  Malou  1840  in  Quart  herausgegeben,  der  Abt  Hermann  von  dem 
Kloster  S.  Martin  zu  Tournay  schrieb  die  Geschichte  der  Her- 
stellung dieses  Klosters,  welche  von  anderen  von  1127  bis  1160  fort- 
gesetzt wurde1). 

Kaum  zu  den  Geschichtsquellen  zu  rechnen  ist  das  wunderliche 
Werk  eines  Franzosen,  Namens  Jocundus,  über  die  Wunder 
des  h.  Servatius  von  Mastricht2).  Seit  der  Verlegung  des  Bis- 
thums nach  Lüttich  hatte  man  in  Mastricht  nichts  mehr  als  den 
h.  Servatius  und  am  alten  Ruhme  zehrend,  widmete  man  sich  ganz 
seiner  Verherrlichung.  Es  gab  ein  altes  Buch  Uber  seine  Wunder, 
welches  schon  Gregor  von  Tours  gekannt  hat,  das  aber  jetzt  ver- 
loren ist.  Den  Mastrichtem  genügte  es  nicht  und  namentlich  ver- 
mifsten  sie  jede  nähere  Nachricht  über  seine  Person,  seine  Herkunft.  < 

Das  machte  sich  ein  griechischer  Mönch  zu  Nutze,  wie  denn  auch 
sonst  die  unverschämtesten  Fabeln  auf  Griechen  zurückgeführt  wer- 
den; er  gerieth  am  Grabe  des  Heiligen  in  Verzückung  und  erklärte 
ihn  dann  zufolge  höherer  Offenbarung  für  einen  leiblichen  Neffen 
Johannes  des  Täufers.  Dafs  man  in  Mastricht  an  den  Jahrhunderten, 
welche  dazwischen  lagen,  keinen  Anstofs  nahm,  ist  leicht  zu  begrei- 
fen, aber  dafs  auch  Sigebert  (z.  J.  399)  das  Märchen  gläubig  erzählt, 
ist  arg.  Natürlich  mehrten  sich  die  Wunder,  allein  die  Mastrichter 
wurden  nicht  einmal  dadurch  bis  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit 
begeistert.  Da  kam  ihnen  nun  jener  Jocundus  zu  Hülfe,  ein  Frem- 
der, der  von  dem  römischen  Reiche  immer  als  von  einem  fremden 
spricht,  der  also  wohl  ohne  Zweifel  ein  Franzose  gewesen  ist. 

Dieser  verfafste  um  das  Jahr  1088  sein  Werk,  in  dem  er  die  un- 
glaublichsten Wundergeschichten  mit  grofsem  Wortschwall  häufte: 
eine  gewaltige  Masse  Spreu,  aus  der  es  schwer  ist,  einige  brauch- 
bare Körner  zu  gewinnen.  Doch  ist  es  immer  bemerkenswerth,  dafs 
auch  er  mit  grofser  Verehrung  von  Heinrich  HI,  von  Heinrich  IV 
aber  ebenfalls  mit  lebhafter  Anerkennung  schreibt,  dafs  auch  er  den 
Verfall  der  Kirche  und  der  Frömmigkeit,  den  er  beklagt,  nicht 

*)  Herimanni  abbatis  narratio  de  restauratione  S.  Martini  Tornacensis,  D'Achery 
Spicileg.  XII,  358  und  ed.  II.  II,  888. 

*)  Jocundi  Translalio  S.  Servatii  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  XII,  85 — 126. 


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Translatio  S.  Servatii.  KreuzzUge. 


303 


Heinrich  IY,  sondern  seinen  Gegnern  zuschreibt.  Sodann  ist  es 
auch  der  Mühe  werth  zu  sehen,  wie  die  Sagenbildung  in  die  Ge- 
schichte eindringt.  Jocundus  weifs  Karl  den  Grofsen  nicht  mehr 
von  Karl  Martell  zu  unterscheiden,  und  in  der  gänzlich  verwirrten 
Auffassung  der  lothringischen  Verhältnisse  ist  er  schon  weit  Uber 
Kicher  hinaus  gekommen ; ja  man  findet  bei  ihm  schon  einen  kleinen 
Anfang  jener  auffallenden  Fabeln  Uber  Heinrichs  HI  Kindheit,  die 
bei  Gotfried  von  Viterbo  zu  einem  vollständigen  Roman  ausgespon- 
nen sind.  Die  Verehrung  des  h.  Servatius  in  Deutschland  ist  es, 
welche  Jocundus  weit  von  Mastricht  abfuhrt;  Quedlinburg  war  ihm 
gewidmet;  auch  Pöhlde,  was  freilich  Jocundus  nicht  erwähnt,  was 
aber  vielleicht  die  grofse  Verehrung  Heinrichs  IH  für  ihn  erklärt, 
von  der  Jocundus  so  viel  zu  erzählen  weifs.  Es  fehlt  seinen  Be- 
richten nicht  ganz  an  geschichtlicher  Grundlage,  aber  sie  verschwin- 
det beinahe  unter  der  Zuthat  von  Fabeln  und  Uebertreibungen. 

§ 24.  Albert  von  Achen. 

Es  hat  sich  uns  bisher  noch  keine  Gelegenheit  dargeboten,  einen 
eigenen,  nicht  unbedeutenden  Zweig  der  historischen  Litteratur  zu 
berühren,  nämlich  die  Geschichtschreiber  der  KreuzzUge.  Sie  ge- 
hören meistens  Frankreich  an,  wo  diese  ganze  Bewegung  ihren  Ur- 
sprung genommen  hatte  und  von  wo  namentlich  der  erste  Kreuzzug 
hauptsächlich  ausging.  Doch  wurde  auch  Lothringen  lebhaft  davon 
ergriffen,  und  einer  der  Hauptschriftsteller  ist  Albert,  Kanonikus 
von  Achen,  dessen  Werk  in  zwölf  Büchern  bis  1121  reicht1).  Ueber 
seine  Person  wissen  wir  nichts,  und  es  ist  sogar  zweifelhaft,  ob  er 
nicht  der  Kirche  von  Aix  in  der  Provence  angehörte. 

Die  KreuzzUge  haben  aufserordentlich  viel  dazu  beigetragen, 
die  Phantasie  aufzuregen  und  das  Wunderbarste  glaublich  erscheinen 
zu  lassen.  Heimkehrende  Kreuzfahrer  liebten  es,  die  unerhörtesten 
Märchen  zu  erzählen,  und  sie  fanden  dafür  überall  gläubige  Hörer; 
ein  Beispiel  sahen  wir  schon  oben  an  dem  lügenhaften  Berichte  Uber 
den  Tod  des  Erzbischofs  Thiemo  von  Salzburg.  Die  ganze  Litte- 
ratur über  die  KreuzzUge  ist  von  diesem  Geiste  erfüllt,  und  sie  hat 
vielen  Schaden  angerichtet,  indem  sie  den  Sinn  für  nüchterne  und 
ernsthafte  Erforschung  der  wirklichen  Geschichte  verdrängte.  Jenes 
Werk  Alberts  nun  trägt  in  vollem  Mafse  denselben  Charakter.  Mit 
glühender  Begeisterung  für  den  Gegenstand,  ganz  erfüllt  von  der 

*)  Alberti  sive  Alberici  Chronicon  Hierosolymilanmn  de  bello  sacro,  bei  Bon- 
gars,  Gesta  Dei  per  Francos  I,  184 — 381.  Ausführlich  handelt  über  ihn  v.  Sybel, 
Gesch.  des  ersten  Kreuzzuges  S.  72  ff. 


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304  IV.  Salier.  § 24.  Albert  von  Acben.  § 25.  Franken. 

Herrlichkeit  jener  Thaten  der  Christen  im  fernen  Osten,  deren  Ruhm 
die  Welt  erfüllte,  greift  Albert  begierig  alles  auf,  was  ihm  erzählt 
wird,  und  schreibt  es  nieder.  Ob  die  einzelnen  Berichte  und  Schil- 
derungen sich  widersprechen,  das  kümmert  ihn  nicht.  Kritik  liegt 
ihm  völlig  fern.  Er  ist  nur  aufs  Eifrigste  bemüht,  alles  was  er  er- 
fahren hat,  in  möglichst  glänzender  Darstellung  wieder  zu  erzählen, 
und  darin  zeigt  er  sich  nicht  ungeschickt:  der  volle  Glanz  des  idea- 
lischen  Ritterthums  strahlt  aus  seinem  Buche  wieder,  und  es  ist 
nicht  zu  verwundern,  dafs  solche  Schriften  einen  bezaubernden  Ein- 
flufs  auf  die  Hörer  übten,  dafs  immer  neue  Schaaren,  von  unwider- 
stehlicher Sehnsucht  getrieben,  nach  dem  Heiligen  Lande  auf  brachen. 
Eigentliche  Geschichte  ist  es  aber  nicht,  was  Albert  schrieb;  die 
finden  wir  in  anderen  einfacheren  Berichten,  welche  wenig  von 
jenem  märchenhaften  Schimmer  an  sich  haben  und  daher  auch  bei 
der  Menge  weit  weniger  Eingang  fanden. 

Die  phantastische  Kreuzzugslitteratur  wurde  in  Deutschland 
wohl  gelesen,  aber  ihre  Werke  gehören  fast  ganz  den  Franzosen  an, 
und  wir  können  uns  deshalb  auf  diese  kurze  Erwähnung  beschränken. 

§ 25.  Franken. 

Die  letzte  grofse  Weltchronik  führt  uns  zurück  in  die  Mitte 
von  Deutschland,  nach  Franken. 

Wirz  bürg  war  schon  unter  den  Ottonen  durch  gelehrte  Stu- 
dien ausgezeichnet.  Bischof  Meinhard  (1019 — 1034)  berief  den 
Othloh  wegen  seiner  Geschicklichkeit  im  Schreiben  nach  Wirzburg; 
um  dieselbe  Zeit  war  dort  ein  Magister  Pernolf  hochberühmt1),  zur 
Zeit  des  Bischofs  Heribert  von  Eichstedt  (1021 — 1042),  der  in  Wirz- 
burg  erzogen  und  unterrichtet  war  und  eine  besonders  feine  Bildung 
sich  erworben  hatte;  vorzüglich  rühmte  man  ihn  als  Dichter,  ebenso 
wie  seinen  Vetter,  den  Abt  Williram  von  Ebersberg,  welcher  die 
Grabschrift  Heriberts  verfafste2).  Der  Eichstedter  Schule  stand 
unter  ihm  Gunderam  vor,  der  keine  rechte  Anerkennung  fand,  weil 
er  nur  in  der  Heimath  studirt  hatte.  Höchst  ausgezeichnet  war 
Heriberts  Nachfolger  Gebchard,  einer  der  bedeutendsten  Staats- 
männer am  Hofe  Heinrichs  HI , dem  dieser  das  gröfste  Vertrauen 
schenkte  und  den  er  nur  ungern  im  J.  1055  von  sich  liefs,  um  als 
Viktor  II  den  päpstlichen  Thron  zu  besteigen.  Auf  ihn  folgte  (1057 

*)  Famosus  ille  Wirzeburgensium  magister  Pcrnolfus.  Anon.  Ilaser.  cap.  28 
pag.  261. 

a)  bekannt  durch  seine  Auslegung  des  Hohen  Liedes;  egregiun  ille  versifi- 
cator  beim  Anon.  Haser.  c.  32.  Die  Aufschrift  der  Vorrede  nennt  ihn  Scholasticus 
Babinbergensis  et  monachus  Fuldensis. 


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Albert  von  Acben.  Wirzburg,  Eichstedt,  Herrieden.  305 

bis  1075)  Gundecharll,  ebenfalls  ein  vortrefflicher  Bischof  der 
alten  Schule,  welcher  wahrhaft  väterlich  für  sein  Bisthum  sorgte 
und  ein  gesegnetes  Andenken  hinterliefs.  Er  liefe  ein  prächtiges 
Buch  anlegen,  zunächst  zu  liturgischen  Zwecken  bestimmt,  welches 
aber  auch  einige  geschichtliche  Angaben,  besonders  die  Folge  der 
Eichstedter  Bischöfe,  enthält  ‘).  Inhaltreicher  ist  das  Werk  eines 
Mönches  von  Herrieden,  von  welchem  sich  leider  nur  ein  Bruch- 
stück erhalten  hat1);  vielleicht  würde  sein  Werk  besser  in  Ehren 
gehalten  sein,  wenn  er  nicht  auch  zu  den  Gegnern  Hildebrands  ge- 
hört hätte,  wie  alle  jene  Männer,  die  mit  Liebe  an  dem  alten  blü- 
henden Zustande  der  Kirche  unter  Heinrich  III  hingen.  Erhalten 
sind  uns  Nachrichten  Uber  die  Eichstedter  Bischöfe  bis  zum  J.  1058; 
es  ist  kein  eigentliches  Geschichtswerk,  sondern  in  loser  Form  wird 
eine  grofse  Fülle  einzelner  Geschichten  mitgetheilt;  Mazelin  oder 
Meinhard  von  Wirzburg  spielt  darin  eine  grofse  Holle.  Es  ist  die 
harmlose  Zeit  des  Friedens  und  der  schönsten  Entwickelung  der 
bischöflichen  Territorien,  die  uns  hier  wie  auch  in  dem  Leben  Mein- 
werks von  Paderborn  sehr  anschaulich  geschildert  wird,  gut  erzählt 
und  belebt  durch  viele  charakteristische  Züge,  so  dafs  für  die  Phy- 
sionomie  jener  Zeit  und  die  Sittengeschichte  viel  daraus  zu  ler- 
nen ist. 

Die  Kämpfe  der  weltlichen  und  geistlichen  Macht  traten  dann 
auch  hier  verheerend  ein;  einer  der  schlimmsten  Eiferer,  Adalbero 
von  Lambach,  wurde  Bischof  von  Wirzburg  und  machte  es  zum 
Schauplatz  der  erbittertsten  Kämpfe.  Wir  gedachten  seiner  schon 
oben,  in  Verbindung  mit  seinen  Genossen  Gebhard  von  Salzburg 
und  Altmann  von  Passau3). 

Bamberg  hatte  das  besondere  Glück,  an  dem  Bischof  Otto 
(1103 — 1139)  einen  Vorsteher  zu  erhalten,  der  zwar  der  strengeren 
kirchlichen  Richtung  zugethan  war,  aber  doch  stets  den  offenen 
Bruch  mit  dem  Kaiser  zu  vermeiden  wufste.  Er  verband  mit  seinem 
frommen  Eifer  viel  weltliche  Klugheit  und  sorgte  nicht  nur  aufs 
Beste  für  sein  Bisthum,  sondern  bekehrte  auch  die  Pommern,  wo- 
durch er  sich  besonders  ein  dauerndes  Andenken  gestiftet  hat. 

*)  Gundechari  Liber  Pontificalis  Eichstetensis  ed.  Bethmann,  Mon.  SS.  VII, 
239 — 253.  Später,  von  1297  an,  sind  in  dieses  Buch  auch  Biographien  der  Bi- 
schöfe eingetragen,  die  bis  jetzt  nur  auszugsweise  publicirt  sind. 

2)  Vollständig  zuerst  von  Bclhmarin  herausgegeben,  Anonymus  Ilascrensis  de 
episcopis  Eichstetensibus,  Mon.  SS.  VII,  253  — 267.  Einige  Geschichlchen  von 
Meinhard  von  Wirzburg  daraus  bei  W.  Giesebrecht,  Gesell,  d.  Kaiserz.  II,  71.  85. 

3)  Ueber  das  spätere  Wirzburger  Schisma  unter  Heinrich  V (1122)  ist  beson- 
ders lehrreich  der  Brief  des  Bischofs  Gebhard  bei  Tengnagcl,  Mon.  p.  374. 

20 


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306  IV.  Salier.  § 25.  Franken.  § 26.  Ekkehard. 

Unter  seinen  Vorfahren  ist  besonders  der  prachtliebende  Bischof 
Günther  denkwürdig;  er  fand  seinen  Tod  auf  der  Pilgerfahrt  nach 
Jerusalem  (23.  Juli  1065),  von  der  Lambert  und  Marian  berichten, 
und  auch  der  Biograph  Altmanns  von  Passau,  der  ihn  begleitete. 
Auch  der  Scholasticus  Ezzo  nahm  Theil  daran,  ein  deutscher  geist- 
licher Dichter '),  der  auf  Günthers  Wunsch  ein  Lied  von  so  grofser 
Wirkung  verfafste,  dafs  wer  es  hörte,  eilte  sich  zu  münchen.  Damals 
war  die  Bamberger  Kirche  durch  Frömmigkeit  und  durch  wissen- 
schaftlichen Eifer  vor  allen  ausgezeichnet;  von  Anfang  an  hatte 
Heinrich  II  für  einen  tüchtigen  Lehrer  an  seiner  neuen  Stiftung  ge- 
sorgt und  aus  der  Lütticher  Schule  den  Durand  berufen,  den  er 
1021  zum  Bischof  von  Lüttich  erhob.  Später  hat  Williram  hier  ge- 
lehrt und  Anno,  1056  zum  Erzbischof  von  Köln  erhoben,  die  von 
seinem  Biographen  sehr  gerühmte  Schule2)  erst  besucht  und  dann 
geleitet. 

Die  übel  berüchtigten  Bischöfe  Hermann  (1065  — 1075)  und 
Robert  (1075 — 1102),  die  wenigstens  von  den  Gegnern  Heinrichs  IV 
arg  bezüchtigt  werden,  mögen  schädlich  gewirkt  haben,  aber  Otto 
führte  wieder  eine  neue  Blüthezeit  herbei.  Ein  merkwürdiges  Denk- 
mal aus  seiner  Zeit  ist  die  Sammlung  des  Bamberger  Klerikers 
Udalrich3),  im  J.  1125  dem  Bischof  Gebhard  von  Wirzburg  ge- 
widmet, bestimmt  zur  Ausbildung  von  Kanzlern  und  Staatsmännern. 
Die  Form  der  Briefe  und  öffentlichen  Actenstücke  wird  darin  an 
Beispielen  gelehrt,  und  als  Vorbild,  aber  nicht  allein  zur  Ausbildung 
in  der  Form,  sondern  auch  des  Inhalts  wegen,  eine  grofse  Menge 
der  wichtigsten  Schreiben  und  Urkunden  aus  jener  Zeit  mitgetheilt. 
Uns  ist  darin  sehr  reichhaltiges  Material  zur  Geschichte  des  Ver- 
hältnisses zwischen  den  Kaisern  und  Päpsten  erhalten;  zugleich  er- 
sehen wir  daraus  die  gründliche  und  tüchtige  Weise,  in  der  sich 
damals  die  Geschäftsmänner  an  den  bischöflichen  Höfen  und  häufig 
auch  die  Bischöfe  selbst  ausbildeten. 

Ottos  Persönlichkeit  sowohl  wie  die  aufsergewöhnlichen  Um- 
stände seiner  Missionsreisen  nach  Pommern,  und  der  glänzende  Er- 
folg derselben  regten  frühzeitig  zu  schriftlichen  Aufzeichuungen  Uber 
ihn  an,  denen  der  Reichthum  des  vorliegenden  Stoffes  mehr  Inhalt 
und  Werth  verlieh,  als  der  Mehrzahl  anderer  Legenden.  In  seiner 

*)  Schade,  Geistliche  Gedichte  des  14.  15.  Jahrhunderts.  Hann.  1854  p.  XXIII 
bis  XL.  Vgl.  Gervinus  1, 108. 

2)  scola  Babinbergensium,  qui  tune  temporis  disciplinae,  religionis  ac  studii 
fervore  cunrtis  in  Germania  praepollebant.  V.  Ann.  c.  1.  Vgl.  oben  S.  230. 

3)  Codex  Udairici  Babenbergensis,  gedruckt  in  Ekkards  Corpus  Hist.  Medii 
Aevi  II,  1 — 374. 


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Bamberg.  Bischof  Otto. 


307 


Stiftung  Michelsherg  bei  Bamberg1)  beschrieb  zuerst  Ebbo  sein 
Leben  nach  persönlicher  Bekanntschaft  und  nach  den  Mittheilungen 
seiner  Begleiter,  besonders  des  Priesters  Udalrich,  der  dem  Bischof 
sehr  nahe  gestanden  und  an  seiner  zweiten  Reise  nach  Pommern 
Theil  genommen  hatte.  Diese  Biographie  stand  in  grofsem  Ansehen 
und  wurde  bei  der  Kanonisation  im  J.  1189  für  authentisch  erklärt. 
Sie  mufs  schon  zwischen  1147  und  1157  verfafst  sein.  Um  dieselbe 
Zeit  schrieb  auch  der  Scholasticus  Her bord  in  demselben  Stifte  ein 
Leben  des  Bischofs  Otto  nach  den  Berichten  der  Zeitgenossen. 
Während  Ebbo  ohne  grofses  Geschick  und  ohne  höhere  Bildung  in 
einfacher  Sprache  berichtet,  trat  Herbord,  im  Besitze  einer  gründ- 
lichen grammatischen  Bildung,  anspruchsvoller  auf ; er  kleidete  sein 
Werk  in  das  Gewand  eines  Dialogs,  in  welchem  er,  der  erst  nach 
Ottos  Tode  nach  Bamberg  gekommen  war,  sich  von  zwei  Zeit- 
genossen des  Bischofs,  Thiemo  und  Sefrid,  über  diesen  berichten 
läfst.  Aber  nicht  nur  in  der  formalen  Bildung  war  er  Ebbo  über- 
legen, sondern  er  Ubertraf  ihn  auch  an  geschichtlicher  Einsicht,  und 
deshalb  sind  seine  Nachrichten,  obgleich  er  nicht  mehr  aus  eigener 
Anschauung  schrieb,  doch  häufig  denen  des  Ebbo  vorzuziehen,  wäh- 
rend an  anderen  Stellen  Ebbo  sich  als  genauer  bewährt. 

Endlich  hat  auch  noch  ein  jüngerer  Zeitgenosse  des  Bischofs, 
vermuthlich  ein  Prüflinger  Mönch,  gleichfalls  noch  vor  dem  Jahre 
1158  eine  Biographie  desselben  verfafst;  er  kannte  aber  bereits  die 
Schriften  des  Ebbo  und  des  Herbord,  verband  beide  mit  einander 
und  fügte  einige  Züge  aus  mündlicher  Ueberlieferung  hinzu,  die 
bereits  einen  sagenhaften  Charakter  annehmen.  Nur  diese  letzte 
Biographie  ist  uns  in  unverkürzter  Gestalt  erhalten  und  von  End- 
licher in  einer  Heiligenkreuzer  Handschrift  entdeckt  worden,  die  an- 
deren beiden  dagegen  haben  sich  nur  in  Ueberarbeitungen,  nament- 
lich in  den  grofsen  Compilationen  des  Abtes  Andreas  vom  Michels- 
berg (1483 — 1502)  erhalten11). 


§ 26.  Ekkehard. 

Ekkehardi  Uraugiensis  Chronica  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VI,  1—267.  Archiv  VII,  469 — 509. 
Vgl.  Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  II,  106. 

Der  Bischof  Otto  von  Bamberg  zeigte  sich  besonders  eifrig  in 
der  Stiftung  neuer  Klöster  und  in  der  Erneuerung  und  Reform  älterer 

l)  Unbedeutende  Annales  S.  Michaelis  Bab.  (1066 — 1160),  Mon.  SS.  V,  9.  10. 
a)  Nach  der  vortrefflichen  Untersuchung  von  Klempin,  Baltische  Studien  IX, 
1 ff.  hat  jetzt  R.  Koepke  die  verschiedenen  Texte,  so  weit  es  möglich  war,  her- 
gestellt  und  herausgegeben,  Mon.  SS.  XII,  721 — 919.  Geringen  Werth  hat  die 
erst  1281  mit  Benutzung  des  Lebens  Ottos  von  Bamberg  geschriebene  Biographie 

20’ 


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308 


IV.  Salier.  § 26.  Ekkehard. 


Stiftungen,  theils  nach  der  Hirschauer  Regel  des  Abtes  Wilhelm, 
theils  nach  der  damals  neu  entstandenen  und  rasch  verbreiteten 
Regel  der  Cisterzienser. 

Im  J.  1108  stiftete  er  nach  Hirschauer  Regel  das  Kloster  Aurach 
und  setzte  hier  als  Abt  den  Ekkehard  ein,  welcher  sein  besonderes 
Vertrauen  genofs.  Zu  seiner  Chronik  hat  Ekkehard,  wie  Waitz  nach- 
gewiesen hat , besonders  Handschriften  des  Bamberger  Klosters 
Michelsberg  benutzt,  und  es  ist  daher  sehr  wahrscheinlich,  dafs  er 
diesem  vorher  angehört  hatte ; er  hat  sich  aber  auch  in  Korvei  auf- 
gehalten und  1101  an  einer  Pilgerfahrt  nach  Jerusalem  Theil  ge- 
nommen. Von  hier  kehrte  er  Uber  Rom  zurück;  im  J.  1106  war 
er  anwesend  auf  dem  Concil  zu  Guastalla,  und  es  scheint,  dafs  er 
in  nahen  Beziehungen  zu  Heinrich  V gestanden  hat.  Nicht  minder 
stand  er  auch  dem  Bischof  Otto  nahe  und  wurde  von  diesem,  wie 
gesagt,  im  J.  1108  dem  Kloster  Aurach  an  der  fränkischen  Saale 
als  Abt  vorgesetzt;  hier  ist  er  dann  nach  dem  J.  1125  gestorben. 

Schon  gegen  das  Ende  des  elften  Jahrhunderts  war  Ekkehard 
mit  der  Ausarbeitung  einer  grofsen  Weltchronik  beschäftigt.  Den 
nächsten  Anlafs  dazu  gab  ihm,  wie  es  scheint,  ein  vermuthlich  in 
Wirzburg  entstandenes  Werk  ähnlicher  Art1),  eine  Ueberarbeitung  des 
früher  schon  erwähnten  S.  Galler  Auszuges  aus  der  Chronik  Hermanns 
von  Reichenau,  bereichert  durch  Excerpte  aus  anderen  Quellen  und 
Wirzburger  Localnachrichten ; besonders  die  Folge  der  Bischöfe  von 
Wirzburg  ist  überall  mit  grofser  Genauigkeit  eingetragen,  aber  auch 
manche  andere  Notiz,  welche  den  Ursprung  des  Werkes  selbst  in 
Wirzburg  suchen  läfst,  vielleicht  im  Burchardskloster,  von  wo  Her- 
rand ein  Exemplar  oder  einen  Auszug  mit  nach  Rosenfeld  brachte 
(8.  257) , in  welchem  auch  die  Namen  der  Aebte  von  S.  Burchard 
verzeichnet  waren.  Das  einzige  uns  erhaltene  Exemplar  dieser 
Chronik  reicht  nur  bis  zum  J.  1057,  und  nur  für  die  drei  letzten 
Jahre  lassen  sich  darin  die  Quellen  nicht  nachweisen.  Da  sich  aber 
in  den  Annalen  von  8.  Alban  *) , von  Eiwangen  und  von  Rosenfeld, 
die  daraus  abgeleitet  sind  und  bei  Ekkehard  übereinstimmende  und 
zum  Theil  auch  Wirzburg  betreffende  Nachrichten  bis  zum  J.  1100 
finden,  welche  eine  gemeinschaftliche  Grundlage  voraussetzen  lassen, 

des  ersten  Altes  von  Prüfling:  Vita  Erminoldi  abb.  Pruveningensis,  ed.  Jaffe, 
Mod.  SS.  XII,  480-500. 

*)  Chronicon  VVirziburgense,  ed.  IVaitz,  Mon.  SS.  VI,  17 — 31,  cf.  p.  7.  8. 
Nachrichten  von  der  Gotting.  Univers.  1857,  S.  55 — 58.  Jaffe  im  Archiv  XI, 
850-867. 

*)  s.  oben  S.  273.  Aus  ihnen  schöpften  wieder  die  Annalen  von  Ilildesheim 
Und  Disibodenberg. 


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Ekkehard.  Die  Wirzburger  Chronik. 


309 


so  mufs  man  annehmen,  dafs  eine  weitere  Fortsetzung  jener  Chronik 
verloren  ist.  Auch  ist  in  der  uns  erhaltenen  Abschrift  die  Chronik 
verbunden  mit  einem  Exemplar  der  Ekkehardisclien  Chronik,  das 
mit  dem  J.  1057  beginnt,  und  da  diese  ausführlicher  war,  lag  kein 
Grund  vor,  auch  den  zweiten  Theil  des  Werkes  abzuschreiben. 
Sachlich  wird  uns  dadurch  schwerlich  etwas  entgangen  sein,  aber 
für  die  Kritik  der  abgeleiteten  Werke  wäre  es  wünschenswerth,  das 
gemeinsame  Substrat  kennen  zu  lernen. 

In  der  Zeitrechnung  bedient  sich  der  Wirzburger  Chronist  wie 
Ekkehard  der  Regierungsjahre  der  Kaiser,  indem  er  mit  Regino 
schon  bei  Karl  Märtel  zu  den  Franken  übergeht. 

Diese  Chronik  also  lernte  Ekkehard  kennen,  und  er  hat  sie  in 
so  umfassender  Weise  benutzt,  dafs  Waitz  anfangs  ihn  selbst  für 
den  Verfasser  hielt;  später  nahm  er  jedoch  diese  Ansicht  zurück. 
So  brauchbar  offenbar  Ekkehard  diese  Unterlage  gefunden  hat,  so 
wenig  genügte  ihm  doch  ein  solcher  chronologischer  Leitfaden;  er 
steckte  sich  ein  höheres  Ziel,  indem  er  auch  stofflich  das  ihm  zu- 
gängliche geschichtliche  Material  nicht  nur  ordnen,  sondern  in  ge- 
drängter Kürze  so  viel  wie  möglich  aufnehmen  wollte,  um  eine 
förmliche  annalistische  Weltgeschichte  herzustellen.  Für  die  ältere 
Geschichte  war  er  mit  Hülfsmitteln  gut  versehen  und  hat  dieselben 
mit  dem  gröfsten  Fleifse  verarbeitet.  Die  Chronik  des  Hieronymus 
mit  der  Fortsetzung  des  Prosper  bildet  natürlich  die  Grundlage;  zur 
weiteren  Ausführung  benutzte  er  besonders  Isidor,  Beda,  Orosius, 
Jordanis,  den  Josephus  und  die  Historia  miscella,  die  Langobarden- 
geschichte des  Paulus  und  die  Gesta  Francorum,  Einhard,  Widukind 
nebst  den  weniger  bekannten  Werken  von  Liudprand  und  Richer, 
das  Leben  Udalrichs  von  Augsburg  und  einige  andere  Werke;  von 
da  an  aber  gebrach  es  ihm  an  Quellen,  und  er  mufste  sich  be- 
gnügen, die  Wirzburger  Chronik  auszuschreiben  bis  zu  der  Zeit,  wo 
mündliche  Ueberlieferung  und  seine  eigene  Kenntnifs  ergänzend  ein- 
traten. Um  so  begieriger  benutzte  er  später,  schon  bald  nach  1106, 
die  Gelegenheit,  sein  Werk  zu  bereichern  durch  die  mittlerweile 
erschienene  Chronik  des  Sigebert,  welcher  ihm  an  umfassender  Be- 
lesenheit überlegen  war,  da  ihm  die  seit  langer  Zeit  gesammelten 
Schätze  der  Lütticher  Bibliotheken  zu  Gebote  gestanden  hatten, 
während  er  an  Genauigkeit  hinter  Ekkehard  zurückbleibt. 

Im  J.  1099  hatte  Ekkehard  bereits  zum  ersten  Male  das  von 
ihm  zusammengebrachte  Material  zu  einer  grofsen  Weltehronik  (A) 
verarbeitet;  den  Schlufs  bildete  die  Geschichte  des  ersten  Kreuz- 


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310 


IV.  Salier.  § 26.  Ekkehard. 


zugcs.  Als  er  dann  aber  von  seiner  eigenen  Pilgerfahrt  znrück- 
kehrte,  fand  er  manches  ungenügend;  er  arbeitete  die  Geschichte 
des  Kreuzzuges  ganz  um  und  änderte  auch  sonst  viel;  zugleich 
führte  er  die  Geschichte  weiter  bis  zum  J.  1106  (B).  Früher  kaiser- 
lich gesinnt,  war  er  jetzt  der  siegreichen  päpstlichen  Partei  ganz 
ergeben  und  setzte  grofse  Hoffnungen  auf  Heinrich  V ; in  der  aus- 
führlichen Geschichte  des  letzten  Jahres  zeigt  er  sich  sehr  feind- 
selig gegen  den  alten  Kaiser. 

Sehr  bald  nachher  hat  er  das  Werk  noch  einmal  überarbeitet 
und  vor  dem  J.  1106  mit  einer  Anrede  an  den  neuen  König  ver- 
sehen, welche  diesem  das  höchste  Lob  zollt.  In  dieser  Bearbeitung  (D) 
finden  sich  schon  zahlreiche  Einschaltungen  aus  Sigeberts  Chronik; 
eine  Fortsetzung  bis  1125  kann  erst  später  liinzugefügt  sein. 

Nach  seiner  Kaiserkrönung  forderte  nun  Heinrich  V Ekkehard 
auf,  eine  Geschichte  des  römisch -fränkischen  Reiches  seit  Karl  dem 
Grofsen  zu  verfassen  (p.  8).  Dieser  aber  fand  es  passender,  vom 
Ursprung  der  Franken  zu  beginnen  (C).  Die  Hauptmasse  des  In- 
halts ist  hier  aus  seiner  Weltchronik  herüber  genommen,  doch  hat 
er  wiederum  vieles  geändert. 

Endlich  hat  dann  Ekkehard  seine  ganze  Weltchronik  noch  ein- 
mal umgearbeitet  (E);  er  theilte  sie  jetzt  in  fünf  Bücher  und  wid- 
mete sie  dem  Abte  Erkenbert  von  Korvei  *).  Davon  enthält  das 
erste  Buch  die  alte  Geschichte  von  der  Schöpfung  bis  zur  Erbauung 
Roms,  das  zweite  geht  bis  zur  Geburt  Christi,  das  dritte  bis  auf 
Karl  den  Grofsen , das  vierte  bis  auf  Heinrich  V,  und  das  fünfte 
endlich  enthält  die  Regierung  dieses  Kaisers,  die  in  unseren  Hand- 
schriften bis  zum  J.  1125  geführt  ist,  anfänglich  aber  schon  früher 
absclilofs. 

Ekkehards  Weltchronik  ist  die  umfassendste  von  allen.  Er  hat 
mit  dem  unermüdlichsten  Fleifse  den  Stoff  dazu  zusammengebracht 
und  verarbeitet.  Man  erkennt  darin  allerdings  die  Quellen,  aus 
denen  er  schöpfte  und  denen  er  gewissenhaft  folgt,  aber  nirgends 
hat  er  in  mechanischer,  geistloser  Weise  compilirt,  sondern  alles 
der  Form  seines  Werkes  angepafst,  und  in  der  Auswahl  wie  in  der 
Anordnung  zeigt  sich  überall  ein  verständiger  Sinn  und  Beherrschung 
des  Stoffes.  Die  Chronologie  steht  natürlich  auch  ihm  sehr  hoch, 
und  das  Streben  nach  Genauigkeit  in  dieser  Beziehung  führte  ihn 
schon  zu  kritischen  Untersuchungen,  wie  z.  B.  Uber  die  ersten  Päpste 

t)  p.  10.  Dieser  veranlagte  auch  Rupert  von  Deutz  zu  einem  Commentar  zu 
den  sechs  letzten  Propheten,  Mon.  SS.  XII,  628. 


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Ekkehards  Chronik. 


311 


(p.  99),  welche  zu  den  besten  Erwartungen  berechtigten,  wenn  die 
Folgezeit  diesen  Weg  der  Forschung  nicht  verlassen  hätte.  Aber 
die  chronologische  Anordnung  ist  doch  Ekkehard  nicht  so  sehr  die 
Hauptsache  wie  Marian  und  Sigebert;  er  giebt  auch  den  Stoff  in 
reichster  Fülle  und  verläfst  deshalb  die  hergebrachte  Form,  die  ihm 
zu  enge  Schranken  zog.  Anstatt  wie  Hugo  von  Flavigny  das  anna- 
listische  Gerüste  Uber  alles  Mafs  vollzupfropfen,  sondert  er  vielmehr 
die  beiden  Bestandteile  und  weifs  die  Uebersichtlichkeit  der  Anna- 
len mit  einer  zusammenhängenden  Darstellung  zu  verbinden.  Im 
Allgemeinen  folgt  er  der  herrschenden  Vorstellung  von  den  sechs 
Weltaltern  und  den  grofsen  Monarchien,  welche  eine  passende  Glie- 
derung des  Stoffes  gewährt;  in  diesen  Rahmen  schiebt  er  aber  epi- 
sodisch in  ausführlicher  Erzählung  die  Geschichte  Alexanders  des 
Grofsen  in  der  seit  alter  Zeit  verbreiteten  und  geglaubten  fabel- 
haften Gestalt,  sowie  die  Volksgeschichten  der  Gothen,  Hunnen, 
Franken,  Langobarden  und  Sachsen  ein.  Später  jedoch  erschien 
ihm  selbst  diese  Anordnung  für  die  Einheit  seines  Werkes  unzweck- 
mäfsig;  er  liefs  daher  diese  Einschaltungen  bei  der  letzten  Bearbei- 
tung wieder  fort  und  stellte  sie  in  einem  besonderen  Buche  mit  dem 
Leben  der  Königin  Mathilde  zusammen '),  so  wie  er  gleichfalls  die 
Geschichte  des  ersten  Kreuzzuges  aussonderte  und  abgesondert  unter 
dem  Namen  des  Hierosolymita  herausgab,  ein  Werk,  welches  sich 
durch  strenge  Wahrheitsliebe  und  Nüchternheit  vortheilhaft  vor  den 
früher  erwähnten  phantastischen  Kreuzzugsgeschichten  auszeichnet2). 

Aufserdem  aber  fafst  Ekkehard  auch  bei  jedem  Kaiser  die  Be- 
gebenheiten seiner  Zeit  in  einer  übersichtlichen  Darstellung  zusam- 
men und  läfst  dann  erst  die  kurze  Anordnung  derselben  nach  den 
Regierungsjahren  folgen.  Bis  zu  Karls  Kaiserkrönung  behält  er  die 
Jahre  der  griechischen  Kaiser  bei,  verbindet  aber  damit  seit  Pippin 
dem  älteren  die  Jahre  der  Hausmeier  und  Könige  aus  dessen  Ge- 
schlechte. 

Besonders  ausführlich  behandelt  er  die  Geschichte  Karls  des 
Grofsen,  die  wieder  zu  einer  eigenen  Episode  angewachsen  ist:  auch 
hier  folgt  er  nur  den  echten,  zuverlässigen  Quellen,  und  den  damals 
schon  immer  mehr  überhand  nehmenden  Fabeln  tritt  er  ausdrücklich 
entgegen.  Bei  dieser  Behandlung  der  ganzen  Geschichte,  welche 
nur  bei  Otto  H,  Otto  HI  und  Heinrich  HI  aus  Mangel  an  Quellen 
dürftig  wird,  ist  es  auch  nicht  wie  bei  Hermann  und  Lambert  un- 
verhältnifsmäfsig,  wenn  er  die  Geschichte  seiner  eigenen  Zeit  aus- 

i)  S.  Archiv  VII,  486. 

*)  Sybel,  Der  erste  Kreuzzug  S.  63  — 67. 


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312 


IV.  Salier.  § 26.  Ekkehard.  § 27.  Böhmen,  Polen,  Ungern. 


flihrlicli  erzählt,  besonders  die  Geschichte  Heinrichs  V,  für  welche 
er  unsere  Hauptquelle  ist1). 

Dieser  letzte  Theil  seines  Werkes  erfuhr  bei  den  wiederholten 
Bearbeitungen  die  gröfsten  Umänderungen.  Zuerst  erscheint  Ekke- 
hard entschieden  kaiserlich  gesinnt,  wie  ja  auch  Franken  am  feste- 
sten an  Heinrich  IV  hielt.  Aber  der  Kreuzzug  und  der  Aufenthalt 
in  Rom  änderten  Ekkehards  Ansicht.  Er  nahm  jetzt  eifrig  Partei 
für  Heinrich  V,  die  Vorwürfe  gegen  die  Päpste  verschwinden  aus 
seinem  Werke,  und  dagegen  wird  jetzt  Heinrich  IV  heftig  getadelt. 
Als  er  dann  1114  für  Heinrich  V selbst  seine  Geschichte  der  Franken 
schrieb,  nahm  er  eine  mehr  objective  Haltung  an;  er  liefs  die  ver- 
letzenden Aeufserungen  nach  beiden  Richtungen  fort,  preist  aber 
den  Kaiser  noch  sehr  in  der  Widmung;  auf  seine  Auffassung  der 
Vorgänge  in  Rom  scheint  die  Darstellung  des  Hofhistoriographen 
David  grofsen  Einflufs  gehabt  zu  haben.  Zuletzt  aber  als  der  Kampf 
des  Kaisers  mit  dem  Papstthum  von  neuem  entbrennt,  wendet  er 
sich  ganz  von  ihm  ab,  und  nach  seinem  Tode  beschliefst  er  seine 
Chronik  mit  einem  harten  Urtlieil  Uber  Heinrich  V. 

Man  kann  diese  Wandelungen  verschieden  ansehen;  sie  gehen 
parallel  mit  dem  Ueberwiegen  der  einen  und  der  anderen  Richtung 
in  der  Wirklichkeit,  und  es  wird  schwer  sein  nachzuweisen,  dafs 
Ekkehard  sich  nicht  durch  äufsere  Gründe  bestimmen  liefs.  Noth- 
wendig  ist  aber  eine  solche  Annahme  nicht,  und  Ekkehard  zeigt  in 
dem  übrigen  Theile  seines  Werkes  ein  so  redliches  Streben  nach 
Wahrheit,  dafs  man  sich  wohl  hüten  mufs,  ihm  Unrecht  zu  thun. 
Denn  wir  können  auch  eben  so  gut  in  den  Schwankungen  seiner 
Auffassung  einen  Beweis  und  ein  Beispiel  davon  erblicken,  wie 
schwer  es  in  der  damaligen  so  aufserordentlich  verwirrten  Lage  der 
Dinge  werden  mufste,  eine  entschiedene  Ansicht  zu  gewinnen  und 
dieselbe  festzuhalten. 

Ekkehards  Weltchronik  dürfen  wir  wohl  unbedingt  für  das 
vollendetste  Werk  dieser  Art  erklären.  Die  Sprache  ist  rein  und 
einfach,  die  Erzählung  klar  und  übersichtlich,  die  Auffassung  ver- 
ständig und  gemäfsigt.  Dem  Bedürfnifs  nach  dieser  Form  der  Dar- 
stellung war  nun  vollständig  genügt;  niemand  konnte  sich  versucht 
fühlen,  noch  eine  Chronik  dieser  Art  zu  schreiben.  Dagegen  trat 
jetzt,  nachdem  der  gesammte  Stoff  der  Weltgeschichte  geläutert  und 
übersichtlich  vorlag,  die  weitere  Aufgabe  ein,  dieselbe  auch  inner- 

*)  Er  benutzt«  für  dieselbe  aufser  dem  S.  261  erwähnten  Werk  des  Schotten 
David  auch  die  sehr  wichtige  Schrift  des  llesso,  eines  französischen  Scholasters. 
Uber  das  Reimser  Concil  von  1119  (ed.  Waltenbach,  Mon.  SS.  XU,  422 — 428). 


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Ekkehards  Chronik.  Böhmen. 


313 


lieh  zu  durchdringen  und  philosophisch  durchzuarbeiten.  Daran 
versuchte  sich  Otto  von  Freising.  Andererseits  bedurfte  man  kür- 
zerer Compendien  für  den  Handgebrauch,  oder  auch  einer  noch 
gröfseren  Fülle  des  Stoffes;  es  entstanden  massenhafte  Compilationen, 
in  denen  auf  jede  künstlerische  Beherrschung,  sowie  auf  kritische 
Sichtung  des  Stoffes  verzichtet  wurde,  und  daneben  Handbücher, 
unter  denen  endlich  das  Werk  Martins  von  Troppau  fast  allein  den 
Platz  behauptete. 

Noch  zu  Ekkehards  Lebzeiten  wurde  sein  Werk  in  zahlreichen 
Handschriften  verbreitet1);  es  bildete  lange  Zeit  für  einen  grofsen 
Theil,  namentlich  für  den  Norden  Deutschlands  die  Grundlage  aller 
geschichtlichen  Kenntnifs,  wie  Sigebert  für  den  Nordwesten  und 
Hermann  der  Lahme  für  den  Süden.  Auch  an  sein  Werk  schlossen 
sich  Fortsetzungen  an,  die  Erfurter  und  Wirzburger  Annalen,  die 
Ursperger  Chronik.  Andere,  wie  der  sächsische  Annalist,  der  Poehlder 
und  Magdeburger  Chronograph,  Albert  von  Stade,  der  Chronist  von 
S.  Pantaleon,  überarbeiteten  auch  Ekkehards  Werk  und  führten  es 
dann  weiter. 

Ueber  diesen  Verhüllungen  vergafs  man  allmählich  des  ursprüng- 
lichen Werkes,  und  namentlich  hat  man  lange  Zeit  die  Ursperger 
Chronik,  nachdem  sie  schon  1515  gedruckt  war,  benutzt,  ohne  zu 
beachten,  dafs  der  ganze  ältere  Theil  ein  anderes  selbständiges  Werk 
war.  Es  ist  das  Verdienst  von  Waitz,  dieses  Verhältnifs  zuerst  ge- 
hörig ins  Licht  gestellt,  die  Werke  Ekkehards  genau  geprüft  und 
endlich  nach  den  zahlreich  vorhandenen  Handschriften  die  erste 
kritische  Ausgabe  seiner  Chronik  mit  den  Varianten  der  verschie- 
denen Bearbeitungen  gegeben  zu  haben. 

§ 27.  Böhmen.  Polen.  Ungern. 

Die  Nachbarländer  des  deutschen  Reiches  gegen  Osten  kommen 
bis  auf  die  Zeit  der  fränkischen  Kaiser  nur  als  Objecte  der  Mission 
und  der  Bekämpfung  mit  den  Waffen  in  Betracht.  Nach  und  nach 
aber  werden  sie  hineingezogen  in  den  Kreis  der  Kirche  und  der 
gelehrten  Bildung  und  beginnen  auch  an  der  geschichtlichen  Litte- 
ratur  selbstthätig  Theil  zu  nehmen.  Am  frühesten  kam  Böhmen 
in  Verbindung  mit  dem  Reiche  und  der  Kirche.  Die  schon  erwähn- 
ten Legenden  vom  Herzog  Wenzel,  dem  ersten  böhmischen  Märtyrer, 
vom  Bischof  Adalbert,  von  Günther,  dem  Eremiten  im  Nordwalde, 

*)  Darunter  hat  sich  ein  Autographon  von  B in  Jena  erhalten.  Dieses  sowohl 
wie  die  Handschrift  von  C in  Cambridge  enthalten  Zeichnungen,  von  denen  die 
SchrifUafeln  bei  der  Ausgabe  eine  Vorstellung  geben. 


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314  IV.  Salier.  § 27.  Böhmen,  Polen,  Ungern. 

berühren  Böhmen,  aber  sie  sind  von  Fremden  anfgezeichnet.  Im 
Lande  selbst  konnte  die  lateinisch -kirchliche  Litteratur  erst  später 
Wurzel  schlagen.  Aus  dem  mährischen  Reiche  war  einst  auch  hier- 
her die  slavisehe  Liturgie  gedrungen,  und  wiewohl  sie  frühzeitig 
von  den  fränkischen  Missionaren  unterdrückt  und  endlich  vertilgt 
wurde,  hatten  sich  doch,  wie  es  scheint,  auch  hier  schon  Anfänge 
einer  Legenden -Litteratur  in  der  Landessprache  entwickelt.  Das 
lehrt  uns  die  von  Wostokow  entdeckte  und  1827  publicirte  Legende 
vom  heiligen  Wenzel  in  der  altslavischen  Kirchensprache,  welche 
nach  der  Ansicht  der  böhmischen  Gelehrten  durch  die  Eigenthüm- 
lichkeiten  der  Sprache  ihren  böhmischen  Ursprung  noch  deutlich 
anzeigt.  Ist  es  nun  gleich  nicht  völlig  unzweifelhaft,  dafs  die  Le- 
gende ursprünglich  in  slavischer  Sprache  verfallt  ist,  dafs  uns  nicht 
eine  Uebersetzung  vorliegt,  so  sprechen  doch  für  die  erstere  An- 
nahme gewichtige  Gründe,  und  es  erklärt  sich  daraus  am  einfach- 
sten, weshalb  diese  Legende  sich  gerade  in  russischen  Legendarien 
erhielt,  während  sie  in  Böhmen  selbst  durch  Gumpolds  Werk  ver- 
drängt wurde;  es  finden  sich  jedoch  Spuren  von  ihr  auch  in  den 
späteren  böhmischen  Legenden.  Geschrieben  ist  sie  nicht  lange 
nach  dem  Tode  des  Heiligen  und  vielleicht  durch  die  Translation 
von  938  veranlafst  *). 

Kosmas  erzählt  zum  Jahre  894  die  Taufe  des  Herzogs  Boriwoy 
durch  Methodius,  lehnt  es  aber  ab,  umständlicher  davon  zu  berich- 
ten, weil  darüber  schon  an  anderen  Orten  ausreichendes  zu  finden 
sei,  in  dem  Privilegium  Moraviensis  ecclesiae,  im  Epüogus  eiusdem 
terrae  atque  Bohemiae  und  in  der  Legende  vom  heiligen  Wenzel. 
Nun  enthält  jedoch  diese  letztere,  wie  sie  uns  vorliegt,  gar  nichts 
davon;  von  den  beiden  anderen  Schriften  ist  uns  sonst  nichts  be- 
kannt. Es  ist  daher  unmöglich,  Uber  ihre  Beschaffenheit  und  Glaub- 
würdigkeit ein  begründetes  Urtheil  zu  gewinnen1 2). 

Vielleicht  im  elften  Jahrhundert  begann  man  auch  an  der 
Prager  Kirche  Annalen  zu  schreiben,  welche  vom  Jahre  997  an 

1)  Böhm.  Uebersetzung  von  llanka  im  Casopis  Ceskeho  Museum  IV,  453-462. 
Urtext  mit  lat.  Uebers.  nebst  einer  zweiten  kürzeren  Legende,  von  Miklosich,  Slav. 
Bibliothek  II,  270 — 281.  Anmerkungen  sollen  später  folgen.  Deutsche  Uebers.  bei 
Wattenbach,  Die  slav.  Liturgie  in  Böhmen,  Abhandlungen  der  phil.  hist.  Gesellsch. 
in  Breslau  I,  203 — 240.  Besonderer  Abdruck  Breslau  1858.  Vgl.  auch  Büdinger, 
Zur  Kritik  altböhm.  Geschichte,  Zeitschrift  f.  d.  österr.  Gymnasien  1857.  Heft  VII. 
Besonderer  Abdruck  Wien  1857. 

2)  Ganz  verwerfend  äufsert  sich  E.  Dümmler,  De  Bohemiae  Condicione  Carolis 
imperantibus,  Lips.  1854.  8.  p.  19.  Zeleny,  De  religioois  christianae  in  Bohemia 
principiis,  im  Progr.  des  Prager  Staatsgymnasiums,  1855.  4.  p.  5 vertheidigt  sie 
dagegen. 


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Wenzel -Legende.  Prager  Annalen.  Kosmas. 


315 


zuverlässig,  wenn  auch  nicht  frei  von  Fehlern  Bind;  die  wenigen 
Zahlen  aus  der  früheren  böhmischen  Geschichte  von  894  bis  968 
wurden  nach  einer  trügerischen  Berechnung  ergänzt  und  sind  ohne 
Ausnahme  falsch.  Auch  weiterhin  sind  sie  ziemlich  unbedeutend 
und  nicht  gerade  immer  gleichzeitig  aufgezeichnet.  Fortgesetzt  bis 
1193  und  am  Anfang  vermischt  mit  Notizen,  die  sich  übereinstim- 
mend in  den  Annalen  von  Korvei  und  Hildesheim  finden,  wurden 
diese  Annalen  eingetragen  in  eine  Handschrift,  welche  von  älterer 
Hand  kurze  Annalen  des  italienischen  Klosters  La  Cava  enthält, 
und  nur  in  dieser  Gestalt  haben  sie  sich  erhalten1). 

Im  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts  aber  erhielt  Böhmen 
eine  eigene  Landesgeschichte  von  einem  Eingeborenen,  dem  Kosmas, 
einem  Slaven,  wie  es  scheint  von  polnischer  Abkunft,  denn  er  war 
nach  seiner  eigenen  Angabe  der  Urenkel  eines  Priesters,  der  1039 
mit  anderen  edlen  Polen  gefangen  nach  Prag  geführt  wurde.  We- 
nige Jahre  später  mufs  Kosmas  geboren  sein,  da  er,  der  im  J.  1125 
gestorben  ist,  sich  selbst  einmal  einen  achtzigjährigen  Greis  nennt. 
Zum  Geistlichen  bestimmt,  erhielt  er  seine  Unterweisung  anfangs  auf 
der  Prager  Schule , welche  er,  obgleich  schon  nahe  an  30  Jahre  alt 
noch  im  J.  1074  besuchte.  Dann3)  begab  er  sich  aber  nach  Lüttich 
und  bildete  sich  hier  weiter  aus  unter  der  Anleitung  des  Franko, 
dem  er  noch  in  seinem  hohen  Alter  ein  dankbares  Andenken  be- 
wahrte. Die  damals  gangbaren  Classiker  studirte  er  fleifsig,  und 
sein  Werk  zeigt,  dafs  er  in  ihren  Schriften  wohl  belesen  war.  Zu- 
gleich hat  er  aber  den  etwas  gesuchten  und  pretiösen  Stil  der  älteren 
Lütticher  Schule  angenommen;  er  theilt  auch  in  hohem  Grade  die 
damals  häufige  Liebhaberei,  einzelne  Verse  einzumischen  und  die 
Prosa  selbst  durch  ähnlich  auslautenden  Schlufs  der  Satztheile  ge- 
reimter Dichtung  ähnlich  zu  machen.  Nach  seiner  Rückkehr  trat 
Kosmas,  der  von  ansehnlicher  Familie  gewesen  sein  mufs,  in  nähere 
Beziehungen  zu  den  Prager  Bischöfen  und  wurde  auch  zu  öffent- 
lichen Geschäften  gebraucht;  verschiedene  Reisen  gaben  ihm  Gele- 
genheit, seine  Kenntnisse  und  Anschauungen  zu  erweitern.  So  be- 
gleitete er  im  J.  1086  den  Bischof  Gebhard  zu  der  Mainzer  Synode, 

*)  Annales  Pragenses,  Mon.  SS.  III,  1 1 9 — -121 ; vgl.  KoepkeIX,  10,  der  sie 
für  Excerpte  aus  Cosmas  u.  a.  hält , Wattenbach  a.  a.  0.  S.  223.  Unbedeutende 
Ann.  Prag.  725 — 1163,  die  aber  mehr  Excerpte  als  wirkliche  Annalen  sind,  ed. 
Stumpf  in  Miklosich  Slav.  Bibi.  II,  301. 

3)  oder  vielleicht  schon  vorher;  es  fehlt  ganz  an  festen  Haltepunkten  für  die 
Zeit  seines  Lütticher  Aufenthaltes.  Auch  nach  Prag  war  schon  früh  ein  Lüt- 
ticher Lehrer,  der  berühmte  Hubald,  gekommen  (S.  191)  unter  B.  Baldericb  (1008 
bis  1018). 


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316 


IV.  Salier.  § 27.  Böhmen,  Polen,  Ungern. 


auf  welcher  Heinrich  IV  den  Herzog  Wratislaw  zum  König  von 
Böhmen  erhob;  1092  war  er  mit  den  Bischöfen  Kosmas  von  Prag 
und  Andreas  von  OlmUz  in  Italien  und  1094  mit  denselben  in 
Mainz;  1097  begleitete  er  den  Bischof  Hermann  nach  Gran,  wo 
beide  von  dem  Erzbischof  Seraphim  zu  Priestern  geweiht  wurden. 
In  Böhmen  hatten  die  Decrete  gegen  die  Priesterehe  keinen  Eingang 
gefunden,  und  Kosmas  war,  was  er  in  seiner  Chronik  ganz  unbe- 
fangen erwähnt , verheirathet  und  Familienvater  *) ; seiner  Frau 
widmet  er  einen  treuen  und  zärtlichen  Nachruf.  Er  starb  als  Decan 
der  Prager  Kirche  am  21.  Oct.  1125. 

Erst  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  begann  Kosmas  die 
Ausarbeitung  des  Werkes,  welches  ihm  als  dem  Vater  der  böhmischen 
Geschichte  einen  unsterblichen  Namen  gesichert  hat.  Es  ist  eine 
rechte  Volksgeschichte  nach  der  Art  des  Paulus  und  des  Widukind. 
Auch  er  schöpft  für  die  ältere  Zeit  aus  Sagen  und  Märchen,  und 
wenn  man  auch  schon  früh  die  augenscheinlichsten  Fabeln  verworfen 
hat,  so  ist  doch  noch  bis  auf  die  neueste  Zeit  seine  Auffassung  und 
Darstellung  der  böhmischen  Vorzeit  herrschend  geblieben,  obgleich 
sie  der  wahren  Geschichte  so  wenig  entspricht,  wie  die  meisten 
Darstellungen,  welche  auf  ähnlichem  Grunde  beruhen*).  Dafs  es 
ihm  an  schriftlichen  HUlfsmitteln  gebrach,  sagt  Kosmas  selbst;  er 
habe  keine  Chronik  finden  können,  darum  gebe  er  die  Erzählungen 
des  Volkes,  wie  er  sie  gehört  habe  und  ohne  Zeitbestimmung:  erst 
von  894  an  tritt  er  zuversichtlicher  auf  und  giebt  Jahreszahlen  an, 
aber  auch  hier  noch  so  unrichtig  und  fehlerhaft,  dafs  man  den 
Mangel  brauchbarer  Annalen  fUr  die  ältere  Zeit  deutlich  genug  er- 
kennt8). Nur  einzelne  eben  so  dürftige  wie  ungenaue  Anmerkungen, 
die  mit  den  Prager  Annalen  Ubereinstimmen,  scheinen  ihm  Vorge- 
legen zu  haben;  für  das  elfte  Jahrhundert  standen  ihm  wohl  schon 
etwas  bessere  Hlilfsmittel  zu  Gebote. 

Hätte  aber  Kosmas  sich  schon  in  Lüttich  ernstlich  mit  der 
böhmischen  Geschichte  beschäftigt,  so  hätte  er  dort  bessere  Hülfs- 
mittel  für  die  Zeiten  des  neunten  und  zehnten  Jahrhunderts  finden 
können ; Thietmars  Chronik,  die  in  Lüttich  gefehlt  zu  haben  scheint, 

*)  Palacky  Dejiny  Ceske  1,2,9  hat  nachgewiesen , dafs  sein  Sohn  Heinrich 
der  später  berühmte  Bischof  Heinrich  Zdik  von  Olmüz  (1 126— 1150)  gewesen  ist; 
vgl.  Koepke  n.  22. 

a)  Das  hat  neuerdings  Dümmler  naebgewiesen:  De  Bohemiae  condicione  Ca- 
rolis  imperantibus.  Lips.  1854.  8. 

8)  Sowohl  die  Zahl  894  für  die  Taufe  Borivois  als  929  für  den  Tod  Wen- 
zels, beide  falsch,  stimmen  mit  den  Prager  Annalen  Uberein : die  Zahl  929  hat  auch 
die  altslavischc  Legende. 


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Kosmas  von  Prag. 


317 


und  gewifs  noch  manche  andere  brauchbare  Quelle  hätte  er  in  den 
benachbarten  obersächsischen  Bisthümern  einselien  können,  was  ihm 
freilich  durch  die  politischen  Verhältnisse  erschwert  wurde.  Aber 
ernste  und  mühevolle  Forschung  war  überhaupt  weniger  seine  Sache, 
als  vielmehr  die  behagliche  und  breite  Erzählung;  auch  die  wenigen 
Bücher,  welche  er  zur  Iland  hatte,  wie  die  Legenden  von  Wenzel, 
Adalbert,  Udalrich,  benutzte  er  wenig,  und  obgleich  er  einige  Ur- 
kunden in  seine  Chronik  aufgenommen  hat,  so  ist  doch  nicht  zu 
bezweifeln,  dafs  bei  genauerer  Untersuchung  das  Archiv  der  Prager 
Kirche  ihm  einen  festeren  chronologischen  Anhalt  und  reichlichere 
Ausbeute  gewährt  haben  mülste.  Es  machte  ihm  offenbar  mehr 
Vergnügen,  selber  nach  den  Regeln  der  Kunst  schöne  Reden  zu  ver- 
fertigen, mit  welchen  man  so  gern  nach  Sallusts  Vorbilde  die  Ge- 
schichtsbücher schmückte;  und  was  schon  von  anderen  mit  dem 
Schmuck  der  Rede  versehen  war,  wie  die  Geschichten  von  Wenzel 
und  Adalbert,  das  lehnte  er  ausdrücklich  ab,  noch  einmal  zu  be- 
handeln. Am  meisten  hat  er  die  Chronik  des  Regino  und  deren 
Fortsetzung  benutzt  und  daraus  einige  Nachrichten  in  annalistischer 
Form  ausgeschrieben,  wie  er  denn  überhaupt  in  seltsamer  Weise 
schwankt  zwischen  dieser  Form  und  der  ungefesselten  Erzählung, 
welche  doch  immer  gleich  wieder  die  Oberhand  gewinnt.  Ganze 
Reihen  von  Jahreszahlen  unterbrechen  hin  und  wieder  den  Text, 
ohne  dafs  etwas  dazu  angemerkt  wäre;  dann  folgt  wieder  ein  län- 
gerer Abschnitt,  der  nicht  immer  zu  der  Jahreszahl  gehört,  bei 
welcher  er  steht.  Die  erste  Anlage  des  Werkes  von  894  an  war 
offenbar  streng  annalistisch;  er  mag,  wie  das  z.  B.  in  der  Reicher- 
sperger  Chronik  deutlich  vor  Augen  liegt,  eine  geräumig  eingerichtete 
Handschrift  mit  den  Jahreszahlen  in  fortlaufender  Reihe  und  ein- 
zelnen Eintragungen  zu  Grunde  gelegt  und  dazu  andere  kurze  No- 
tizen nachgetragen  haben.  Dann  aber  fügte  er  seine  umständliche- 
ren Erzählungen  ein,  wo  sich  ein  Anlafs  bot,  oder  auch  nur  wo  der 
Raum  dazu  einlud.  Vielleicht  erst  die  Abschreiber  machten  hieraus 
ein  scheinbar  zusammenhängendes  Werk,  in  dem  nun  die  leeren 
Jahreszahlen  als  störende  Unterbrechung  erscheinen. 

Bis  zum  Jahre  1038,  zur  Regierung  des  Herzogs  Bracizlaus, 
der  dem  böhmischen  Staate  neuen  Glanz  verlieh,  reicht  das  erste 
Buch,  welches  Kosmas  dem  Erzpriester  Gervasius  widmete.  Von 
hier  an  beruft  er  sich  ausdrücklich  schon  auf  seine  eigene  Erfahrung 
und  die  Mittheilungen  von  Augenzeugen.  Das  zweite  Buch,  dem 
Abte  Clemens  von  Brzewnow  gewidmet,  reicht  bis  auf  Bracizlaus  II 


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318  IV.  Salier.  §27.  Böhmen,  Polen,  Ungern. 

bia  1092  und  enthält  eine  grofse  Fülle  unschätzbarer  Mittheilungen. 
An  Genauigkeit  fehlt  es  auch  hier  und  wie  überhaupt  der  Verfasser 
gern  sich  gehen  läfst,  so  tritt  hier  Parteilichkeit  für  die  Prager 
Bischöfe  und  Abneigung  gegen  die  Deutschen  lebhaft  hervor. 

Eine  ganz  unbefangene  Erzählung  wird  man  von  einem  Manne 
in  Kosmas  Stellung,  denn  er  war  mittlerweile  Decan  geworden, 
nicht  erwarten.  Er  hatte  vielerlei  Rücksichten  zu  nehmen,  was  sich 
noch  viel  stärker  in  dem  dritten  Buche  bemerkbar  macht.  Dieses 
führte  er  bis  zum  Jahre  seines  Todes  und  übersandte  es  mit  den 
beiden  vorhergehenden  Büchern  dem  Propste  Severus  von  Melnik. 
Er  bittet  diesen  freilich,  die  Gabe,  von  der  er  sehr  bescheiden 
spricht,  ganz  allein  für  sich  zu  behalten,  allein  das  war  nur  eine 
nicht  seltene  Redeweise,  die  man  nicht  buchstäblich  nehmen  darf. 
Es  blieb  im  Mittelalter  so  wenig  wie  jetzt  verborgen,  wenn  ein  an- 
gesehener Mann  die  Geschichte  seiner  Zeit  schrieb;  Abschriften 
waren  sehr  gesucht  und  verbreiteten  sich  rasch,  die  Grofsen  des 
Landes  aber  achteten  mit  ängstlicher  Eifersucht  darauf,  was  Uber 
sie  geschrieben  wurde.  Kosmas  gedenkt  dieser  Gefahren  mehr  als 
einmal  und  hat  im  letzten  Buche  so  viel  zu  verschweigen,  dafs  seine 
Geschichte  hier  fast  mager  wird  und  die  anmuthige  Fülle  der  frü- 
heren Abschnitte  verliert.  Zugleich  beweist  er  aber  eben  dadurch, 
dafs  er  schweigt,  wo  er  nicht  offen  reden  darf  oder  mag,  seine 
Wahrheitsliebe,  und  absichtliche  Entstellung  liegt  ihm  fern.  Man 
gewinnt  den  alten  Herrn  mit  seiner  etwas  pedantischen  Gelehrsam- 
keit, seiner  Geschwätzigkeit  und  Vorsicht  lieb,  wenn  man  sein  Werk 
liest,  man  mufs  seine  wackere  und  wohlwollende  Gesinnung  achten 
und  fühlt  sich  so  wenig  wie  bei  Widukind  berechtigt,  den  Vater 
der  böhmischen  Geschichte  nach  den  strengen  Regeln  höherer  histo- 
rischer Kunst  zu  beurtheilen. 

Von  Anfang  an  wurde  das  Werk  des  Kosmas  sehr  hoch  ge- 
achtet; es  bildete  die  unveränderliche  Grundlage  für  alle  späteren 
Chronisten.  Ein  Wissehrader  Domherr  fügte  eine  Fortsetzung  bis 
zum  Jahre  1142  hinzu,  ein  Mönch  von  Sazawa  bereicherte  auch  die 
Chronik  des  Kosmas  mit  Zusätzen  aus  den  Hersfelder  Annalen  und 
mündlicher  Ueberlieferung  und  setzte  sie  fort  bis  1162.  Andere 
knüpften  weitere  Fortsetzungen  an.  Um  die  kritische  Bearbeitung 
der  Texte  haben  sich  besonders  in  Böhmen  Pelzei  und  Dobrowsky 
verdient  gemacht,  dann  Palacky  in  seiner  Würdigung  der  alten  böh- 
mischen Geschichtschreiber.  Prag  1830.  8.  Zuletzt  hat  R.  Koepke 
mit  umfassendster  Benutzung  aller  vorhandenen  Hülfsmittel  die  ur- 


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Kosmas.  Martinas  GaUus.  Krakauer  Annalen.  319 

sprüngliche  Chronik  nebst  den  Fortsetzungen  bis  1283  heraus- 
gegeben l). 

In  das  Ende  dieses  Zeitraumes  fallen  auch  die  Anfänge  der 
Hradischer  Annalen,  von  welchen  im  folgenden  Abschnitte  die  Rede 
8 ein  wird. 

Schon  etwas  früher  als  die  Böhmen  erhielten  auch  die  Polen 
ihre  erste  Chronik,  die  aber  von  einem  Fremden  gesclirieben  ist. 
Man  nannte  ihn  früher  Martinus  Gallus,  aber  ohne  hinreichen- 
den Grund,  und  er  scheint  eher  ein  Italiener  gewesen  zu  sein,  der 
am  Hofe  Boleslaus  III  lebte,  vermutlich  dessen  Kaplan  war.  Diesen 
Boleslaus,  einen  tapferen  und  kühnen  Kriegshelden  zu  feiern,  ist 
seine  Absicht,  und  wenn  er  auch  im  ersten  Buche  die  Vorgeschichte 
der  Polen  nach  den  Erzählungen,  die  er  gehört  hatte,  mittheilt,  so 
fafst  er  sich  hier  doch  ziemlich  kurz  und  widmet  dagegen  dem  Leben 
des  Boleslaus  bis  zu  dessen  28  sten  Jahre  allein  zwei  Bücher,  welche 
er  bis  zum  J.  1113  fortführte.  Dafs  er  kein  unbefangener  Zeuge  ist 
und  die  dunkleren  Seiten  im  Leben  seines  Helden  nur  leicht  be- 
rührt, bedarf  wohl  kaum  einer  Erwähnung.  Seine  Sprache  ist  in  ho- 
hem Grade  schwülstig  und  fast  durchgehende  rythmijch  gereimt2). 

Schon  früher  hatte  man  in  Krakau  mit  der  Aufzeichnung  kurzer 
Annalen  begonnen,  welche  erst  kürzlich  aus  der  Urschrift  bekannt 
gemacht  sind*).  Wir  erkennen  darin  die  Grundlage  aller  späteren 
Krakauer,  Gnesener,  Posener,  Breslauer  Annalen,  in  denen  ein- 
heimische Notizen  des  zwölften  und  der  folgenden  Jahrhunderte 
mit  jenen  vermischt  Bind.  Die  Sichtung  dieser  theils  incorrect  ge- 
druckten theils  nur  handschriftlich  vorhandenen  Materialien  erfordert 
eine  sorgfältige  Untersuchung,  mit  welcher  jetzt  A.  Bielowski  in 
Lemberg  beschäftigt  ist. 

Das  Leben  des  Bischofs  Stanislaus  von  Krakau,  der  1079 
von  Boleslaus  II  erschlagen  wurde,  ist  erst  bei  Gelegenheit  seiner 
Kanonisation  1253  verfafst,  enthält  aber  einige  eigentümliche  Nach- 
richten4). 

*)  Cosmae  Chronica  Boemorum  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  IX,  1—209.  Vgl.  die 
Lesarten  der  Budweifser  Handschrift  p.  843  — 846.  L.  Giesebrecht,  Wendische 
Geschichten  III,  327  ff. 

*)  Chronicae  Polonorum,  edd.  Szlachtowski  et  Koepke,  Mon.  SS.  IX,  418-478. 
L.  Giesebrecht,  Wend.  Gesch.  III,  325  ff. 

3)  von  Lftowski  im  Katalog  Biskupow  Krakowskich,  Tom.  IV.  Krakow.  1853. 
8.  Darauf  beruhen  zunächst  die  in  der  Danziger  Ausgabe  des  Martinus  Gallus 
v.  Lengnirh  und  bei  Sommersberg  gedruckten  Annalen.  Vgl.  Linde- Ossolinski 
p.  283  ff.  u.  über  die  mit  1238  beginnenden  sehlesischen  Annalen  die  Ausgabe  der 
Annales  Grussavienses  von  Roepell  in  der  Zeitschr.  d.  hist.  Vereins  1,  200. 

4)  Gedr.  in  Martini  Galli  Chronicon  ree.  Bandtkie,  Vars.  1824.  8. 


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320 


IV.  Salier.  § 27.  Ungern.  § 28.  Frankreich. 


Ungern  erhielt  auch  jetzt  noch  keine  Chronik.  Der  König  Ste- 
phan rief  eine  Menge  fremder  Geistlicher  ins  Land,  die  einige  Keime 
der  Bildung  legten,  aber  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit  doch  noch 
nicht  Mufse  fanden,  auch  wohl  dem  Volke  und  seiner  heidnischen 
Vorzeit  noch  zu  fern  und  feindlich  waren,  um  an  die  Aufzeichnung 
der  Geschichte  zu  denken.  Der  Bischof  Maurus  von  FUnfkirehen 
schrieb  die  Legende  der  Einsiedler  Zoerard  oder  Andreas  und 
Benedikt,  die  aber  kaum  einen  geschichtlichen  Werth  hat1). 
Vielleicht  der  ausgezeichnetste  und  bedeutendste  unter  den  Männern, 
welche  König  Stephan  bei  der  Christianisirung  seines  Landes  zur 
Seite  standen,  war  der  Bischof  Gerhard  von  Cs  an  ad,  ein  gebo- 
rener Italiener,  der  1046  bei  dem  Siege  des  Heidenthums  als  Mär- 
tyrer starb,  der  Verfasser  jener  merkwürdigen  Unterweisung,  welche 
König  Stephan  für  seinen  Sohn  Emerich  verfassen  liefs.  Wir  haben 
Uber  diesen  Mann  eine  ausführliche  Legende a)  mit  sehr  anschau- 
lichen und  lebendigen  Schilderungen  und  Erzählungen  aus  jener 
ersten  Zeit  des  Christenthums  und  der  Kämpfe  mit  dem  noch  ein- 
mal sich  ermannenden  Heidenthum,  aber  sie  ist  erst  nach  dem  Jahre 
1381  geschrieben,  und  so  auffallend  auch  die  reiche  Fülle  des  Stoffes 
und  die  sehr  individuelle  Auffassung  nach  so  langer  Zeit  erscheint, 
läfst  sich  doch  keine  ältere  schriftliche  Quelle  nachweisen  mit  Aus- 
nahme der  kurzen  Lectionen  aus  dem  Officium  des  Heiligen8). 

Authentischer  aber  dürftiger  sind  die  Legenden  vom  h.  Ste- 
phan4), die  jedoch  auch  erst  lange  nach  dem  Tode  des  Königs 
verfafst  wurden.  Im  J.  1083  nämlich,  als  sich  in  Ungern  Salomo, 
Heinrichs  IV  Schwager  und  Verbündeter,  und  Ladislaus  bekämpften, 
und  von  Rom  aus  alles  aufgeboten  wurde,  um  die  kirchliche  Gesin- 
nung im  Lande  zu  stärken,  da  verordnete  Gregor  auch  die  feier- 
liche Erhebung  der  ersten  GlaubenBboten  und  Blutzeugen,  und  erst 
durch  diese  Erhebung  wurde  die  Abfassung  der  Legenden  veranlafst 
Beide  sind  namenlos  und  unabhängig  von  einander.  Die  eine  klei- 
nere ist  einfacher  und  hat  ein  ursprünglicheres  Ansehen,  während 

*)  Acta  SS.  Zoerardi  et  Benedict!  ed.  G.  Cuper.  Acta  SS.  Jul.  IV,  336.  End- 
licher, Rerum  Ilungaricarum  Monumenta  Arpadiana  p.  134 — 138. 

s)  Endlicher  ib.  p.  205 — 234.  Erste  Ausgabe  in  der  Ilist.  epp.  Phanadensium 
von  Batthyany.  1790.  4.  Biidinger  Oest.  Gescn.  I,  424  weist  eine  Menge  von  ge- 
schichtlichen Verstüfsen  und  anderen  Spuren  später  Abfassung  nach. 

8)  Endlicher  p.  202.  Mab.  VI,  1,  550  ed.  Ven.  Acta  SS.  Sept.  VI,  722,  und 
andere  ib.  p.  726. 

4)  Vita  Stephani  regis  Ungariac  ed.  Waltenbach,  Mon.  SS.  XI,  222  — 242. 
Auch  bei  Endlicher,  Mon.  Arp.  p.  139 — 192.  Die  ursprünglichen  Legenden  gab 
zuerst  1781  Mancini  heraus;  Hartwigs  Werk  Stilting,  Acta  SS.  Sept.  I,  456  und 
Podhradczky  1836  mit  Commrntar. 


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Gerhard  von  Csanad.  Vita  S.  Stephani.  Belae  Notarius.  32 1 

in  der  gröfseren  die  Phrase  schon  mehr  Raum  gewinnt.  Beide  hat 
auf  König  Kolomanns  Wunsch  ein  Bischof  Hartwich,  vielleicht 
von  Regensburg  (1105 — 1126),  mit  einander  verbunden,  ein  arger 
Plagiator,  wenn  nicht  vielleicht  er  selbst  auch  der  Verfasser  jener 
gröfseren  Legende  gewesen  ist,  mit  welcher  er  nun  die  kleinere  ver- 
schmolz. Unter  den  wenigen  anderen  Zuthaten  ist  besonders  die 
Stelle  über  die  vom  Papst  Silvester  gesandte  Krone  bemerkenswert!!, 
welche  später  von  dem  Kroaten  Levakowitsch  zur  Verfertigung  einer 
angeblichen  Bulle  dieses  Papstes  benutzt  wurde. 

Späteren  Ursprunges,  vermuthlich  aus  der  zweiten  Hälfte  des 
zwölften  Jahrhunderts,  wenn  nicht  erst  aus  dem  dreizehnten,  ist  die 
Chronik  eines  ungenannten  Verfassers,  der  sich  als  des  Königs 
Bela  Notar  bezeichnet1),  Uber  die  früheste  Geschichte  der  Ungern, 
ihre  Einwanderung  und  die  Zeit  der  ersten  Kriege  mit  dem  Abend- 
lande bis  auf  König  Stephan.  Dieser  Bericht,  zum  Theil  mit  Be- 
nutzung der  Chronik  des  Regino  nebst  ihrer  Fortsetzung  verfafst, 
ist  nicht  nur  ganz  fabelhaft,  sondern  auch  absichtlich  entstellt,  um 
der  einfachen  Thatsache  der  Eroberung  eine  vorgebliche  rechtlich 
begründete  Besitznahme  des  Landes  unterzuschieben  und  aufserdem 
die  Magyaren  Uber  alle  Gebühr  zu  verherrlichen. 

§ 28.  Frankreich. 

Frankreich  Übte,  wie  schon  erwähnt,  in  dieser  Periode  einen 
ganz  aufserordentlichen  Einflufs,  der  sich  in  der  Folgezeit  noch 
steigerte.  Die  ganze  neue  Richtung,  der  neue  Geist  in  der  Kirche, 
welcher  allmählich  bis  zur  völligen  Herrschaft  durchdrang,  ging  von 
Cluny  aus,  und  als  hier  das  Feuer  nach  und  nach  erkaltete,  erwuchs 
im  Cisterzienser  Orden  eine  neue  Macht,  die  sich  noch  rascher  auch 
Uber  Deutschland  ausbreitete.  Ebenso  war  andererseits  auch  Frank- 
reich die  Heimath  der  entgegengesetzten  Schule  des  Berengar  von 
Tours,  und  die  ganze  scholastische  Philosophie  entwickelte  sich  hier. 
Theologie,  kanonisches  Recht  und  Philosophie,  Grammatik  und 
Poesie  wurden  in  den  französischen  Schulen  eifrig  betrieben  und 
zogen  immer  zahlreichere  Schüler  an.  Aber  die  Geschichte  wurde 
dabei  vernachlässigt,  und  es  geschah  wenig  dafür.  Sowohl  an  Zahl 

‘)  Anonymi  Belae  regis  notarii  de  gestis  Hungarorum  über.  Textum  ad 
fidem  cod.  Vindob.  ree.  Endlicher  1827.  8.  u.  Mon.  Arpad.  p.  1—54.  Vgl.  Dümm- 
ler  de  Arnulfo  p.  180.  Büdinger,  der  Oesterr.  Gesch.  I,  209  ff.  die  Niederlassung 
der  Ungern  behandelt,  verspricht  eine  besondere  Abhandlung  über  dieses  Werk. — 
Nicht  unwichtig,  obgleich  in  den  Jahreszahlen  fehlerhaft,  sind  die  kurzen  Annalen 
aus  einer  Prefslmrger  Handschrift  von  997 — 1203,  welche  zuletzt  EndUrher  p.  55 
als  Chronicon  Posoniense  herausgegeben  hat. 

21 


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322 


IV.  Salier.  § 28.  Frankreich. 


wie  an  innerem  Gehalt  der  Werke  stand  Frankreich  gegen  Deutsch- 
land weit  zurück.  Zu  den  schon  im  vorhergehenden  Abschnitte  er- 
wähnten Schriften  aus  dem  Anfänge  des  elften  Jahrhunderts  traten 
im  Laufe  desselben  nur  sehr  wenige  hinzu,  die  hier  zu  erwähnen 
wären. 

Ademar  von  Chabannais,  der  im  Kloster  des  h.  Martialis  zu 
Limoges  unterrichtet  war  und  später  als  Priester  in  Angouleme 
lebte,  schrieb  eine  Geschichte  der  Franken1),  die  bis  1028  reicht 
und  am  meisten  Uber  Aquitanien,  aber  auch  vielerlei  Uber  aller 
Herren  Länder  enthält;  und  Rodulfus  Glaber,  d.  i.  der  Kahlkopf 
genannt,  ein  Mönch  von  Cluny,  der  vorher  in  vielen  anderen  Klö- 
stern gewesen  und  namentlich  in  Dijon  dem  reformatorischen  Abte 
Wilhelm  nahe  getreten  war,  schrieb  das  Leben  dieses  Abtes2)  und 
aufserdem  ein  gröfseres  Werk  Uber  die  Begebenheiten,  welche  sich 
um  das  Jahr  1000  zugetragen  hatten3),  fortgeführt  bis  zum  Jahre 
1044;  ein  Werk  voll  merkwürdiger  Dinge  und  mannigfach  belehrend, 
aber  wie  Ademars  Chronik  ohne  festen  Plan  und  chronologische 
Ordnung;  beide  erinnern  an  die  Schriften  eines  Alpert,  Arnold  von 
S.  Emmeram,  Othloh. 

Eine  festere  Grundlage  für  die  Geschichtschreibung  gaben  erst 
die  grofsen  Chroniken  aus  dem  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts, 
von  denen  Sigeberts  Werk  im  nördlichen  Frankreich  weit  verbreitet 
war  und  auch  Fortsetzer  fand,  während  im  Süden  ein  einheimischer 
Chronist  dem  Sigebert  und  Ekkehard  zur  Seite  trat,  im  Kloster 
Fleury,  welches  schon  vor  einem  Jahrhundert  durch  Aimoins  Werke 
bekannt  geworden  war  und  sich  durch  litterarische  Thätigkeit  aus- 
zeichnete4). Hugo  von  S.  Maria,  so  benannt  von  einem  Dorfe, 

*)  Ademari  Hisloriarum  libri  III  ed.  Waitz , Mon.  SS.  IV,  106 — 148.  Das 
zweite  Buch  wurde  zuerst  von  Pithou  besonders  herausgegeben  und  ist  ab  Mo- 
nachus  Engolismenei«  de  vita  Karoli  Magni  bekannt ; es  enthält  nur  die  Lorscher 
Annalen  mit  einigen  Zusätzen. 

a)  Vita  S.  Willelmi  Divionensis,  Acta  SS.  I,  58.  Mab.  VI,  1,  322.  Excerpta 
ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IV,  655-658. 

8)  Rodulli  Glabri  historiarum  libri  V,  Duchesne  IV,  1.  Bouquet  X,  1.  Excerpta 
ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VII,  48 — 72.  Vgl.  W.  Giesebrecht,  Kaiserzeit  II,  529  Aus 
der  grofsen  Klosterchronik  vom  S.  Benignuskloster  zu  Dijon,  die  um  1053 
geschrieben  ist  (D’Ache'ry,  Spicil.  I,  353.  ed.  2.  11,357)  giebt  Waitz  Bruchstücke, 
besonders  über  llalinard  von  Lyon,  Mon.  SS.  VII,  235 — 238.  Annales  S.  Ben. 
Divion.  um  1125  compilirt  und  bis  1285  fortgesetzt,  SS.  V,  37 — 50.  Daraus 
schöpften  die  Amt.  Besuenses  und  wurden  1119 — 1174  selbständig  im  Kloster 
Blaise  fortgesetzt.  Mon.  II,  247 — 250. 

4)  Ilugonis  Floriacensis  Opera  hislorica.  Accedunt  aliae  Francotum  historiae. 
Ed.  Waitz,  Mon.  SS.  IX,  337 — 406.  Waitz  hat  hier  zuerst  Licht  in  die  grofse 
Verwirrung  gebracht,  welche  bis  dahin  über  diese  Werke  und  ihre  Verfasser  ver- 
breitet war. 


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Ademar,  Rodulfus  Glaber,  Hugo  von  Flrury. 


323 


das  seinem  Vater  gehörte,  Mönch  zu  Fleury,  trat  zuerst  auf  mit 
einem  Werke  Uber  den  Investitnrstreit,  in  welchem  er  mit  bemer- 
kenswerther  Kühnheit  und  Klarheit  der  priesterlichen  Ueberhebung 
gegenüber  die  Berechtigung  der  königlichen  Autorität  vertrat  und 
in  Uebereinstimmung  mit  seinem  Freunde  Ivo  von  Chartres  auf 
die  Scheidung  und  Versöhnung  der  beiderseitigen  Ansprüche  aus- 
ging. Die  Grundsätze,  welche  er  hier  vor  dem  König  Heinrich  von 
England,  dem  das  Buch  gewidmet  ist,  entwickelt,  sind  im  Wesent- 
lichen dieselben,  welche  später  in  den  Verträgen,  die  den  Investitur- 
streit beendigten,  zur  Geltung  kamen’). 

Im  J.  1109  verfafste  Hugo  eine  Kirchengeschichte  bis  auf  Kaiser 
Karls  Tod,  die  er  im  folgenden  Jahre,  nachdem  er  die  Historia  tri- 
partita  kennen  gelernt  hatte,  neu  bearbeitete  und  bis  855  fortführte. 
Er  widmete  sie  der  Gräfin  Adela  von  Blois.  Dieses  Werk  ist  ein 
Denkmal  seiner  Gelehrsamkeit  und  seines  Fleifses,  hat  aber,  da  die 
Quellen  bekannt  sind,  keinen  eigenthümlicben  Werth8).  Von  gröfse- 
rer  Bedeutung,  ist  seine  neuere  Geschichte  der  Franken  von  Karl 
dem  Kahlen  bis  auf  Ludwig  VII,  die  er  der  Kaiserin  Mathilde,  Hein- 
richs V Gemahlin,  der  Tochter  Heinrichs  I von  Englapd,  widmete, 
und  von  der  er  auch  eine  zweite  kürzere  Bearbeitung  verfafst  hat4). 
Er  benutzte  dazu  die  Bertinianischen  Annalen,  Flodoard,  die  in 
Sens  verfafste  Geschichte  der  Franken,  Aimoin,  Hugo  von  Flavigny, 
die  Geschichte  des  ersten  Kreuzzuges  und  normannische  Quellen. 
Weder  an  Kenntnifs  der  Vergangenheit  noch  an  Genauigkeit  kommt 
er  dem  Ekkehard  gleich,  und  die  Geschichte  seiner  Zeit  behandelt 
er  nur  kurz  und  dürftig,  aber  bei  dem  Mangel  anderer  Schriftsteller 
ist  sein  Werk  doch  schätzbar;  es  ist  von  Waitz  zum  ersten  Mal  in 
seiner  ursprünglichen  Gestalt  herausgegeben.  Denn  die  Werke  deB 
Hugo  wurden  schon  frühzeitig  überarbeitet,  interpolirt  und  fortge- 
setzt; mehr  jedoch  die  Kirchengeschichte  als  die  neuere  Geschichte. 
Dieser  trat  noch  ein  anderes  Werk  zur  Seite,  eine  kurze  Geschichte 
der  Franken  aus  dem  Kloster  S.  Denys,  welche  schon  reichlich  mit 
Fabeln  ausgestattet  ist  und  dadurch  Beifall  fand5). 

0 dem  man  auch  mit  Unrecht  die  Kirchengeschirhte  des  Hugo  beigelegt  hat. 

a)  Hugo  Floriacensis  de  regia  potestate  et  sacerdotali  dignitate,  zwischen  1100 
und  1106  verfafst,  in  Baluzii  Mise.  ed.  Mansi  II,  186;  vgl.  Stenzei  I,  689.  Waitz 
a.  a.  0.  S.  345. 

3)  Ausg.  v.  Roltendorf,  Münster  1636.  4.  Die  Vorreden  der  einzelnen  Bücher 
und  der  letzte  Theil  bei  Waitz  S.  349 — 364, 

4)  Hugonis  über,  qui  Modernorum  Regum  Francorum  continet  Actus,  ib. 
p.  376  — 395. 

5)  Historia  Regum  Francorum  Monasterii  S.  Dionysii,  p.  395  — 406.  Einige 
nicht  unwichtige  Nachrichten  besonders  über  Heinrich  V enthält:  Orderici  Vi- 

21* 


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324 


IV.  Salier.  § 28.  Frankreich.  § 29.  Italien.  Farfa. 


Die  weitere  Entwickelung  der  historischen  Litteratur  in  Frank- 
reich, welche  sich  im  zwölften  Jahrhundert  reicher  entfaltete,  aber 
auch  immer  mehr  aufser  aller  Verbindung  mit  Deutschland  trat,  ge- 
hört nicht  hierher  und  würde  uns  zu  weit  von  unserem  Gegenstände 
abführen. 

Kurz  zu  erwähnen  ist  noch,  dafs  die  Schriften  des  Engländers 
Wilhelm  von  Malmesbury  Uber  den  Streit  zwischen  Heinrich  V 
und  PaschalisH  gute  Nachrichten  enthalten;  ihm  war  auch  das  Werk 
des  Schotten  David  bekannt  geworden1). 

§29.  Italien.  Farfa. 

So  redlich  sich  auch  die  Kaiser  bemühten,  in  Rom  eine  bessere 
Zucht  einzuf Uhren,  es  konnte  alles  nur  wenig  helfen,  so  lange  die 
Grundlagen  unverändert  blieben.  Mit  einem  noch  so  wohlgesinnten 
Papste  war  wenig  gewonnen;  von  oben  herab  läfst  sich  wohl  ein 
einzelnes  Kloster,  aber  nicht  die  ganze  Kirche  reformiren.  Eine 
durchgreifende  und  dauernde  Aenderung  konnte  daher  erst  eintreten, 
als  die  von  Cluny  ausgegangene  Bewegung,  nachdem  sie  ein  Jahr- 
hundert lang  gewachsen  und  erstarkt  war,  zur  Herrschaft  kam  und 
sich  auch  der  höchsten  Kirchengewalt  bemächtigte,  die  nun  ihre 
feste  Basis  hatte  in  den  zahllosen  Klöstern  dieser  Richtung.  Jetzt 
erst  tritt  das  Papstthum  wieder  in  lebendige  Verbindung  mit  der 
Kirche;  die  Regesten  von  JaffiS  zeigen,  wie  schwach  dieses  Band 
bis  gegen  die  Mitte  des  elften  Jahrhunderts  war.  An  geschicht- 
lichen Nachrichten  aus  Rom  selbst  fehlt  es  bis  dahin  ganz.  Manche 
Belehrung  Uber  die  dortigen  Zustände  und  Vorgänge  erhalten  wir 
aber  aus  dem  nahen  Kloster  Farfa,  dessen  Litteratur  erst  neuer- 
dings durch  Bethmann  kritisch  untersucht  und  zugänglicher  gewor- 
den ist 2). 

Dem  Büchlein  von  der  Gründung  des  Klosters  Farfa,  dessen 
wir  früher  gedachten,  schliefsen  sich  die  Schriften  des  Abtes  Hugo 
an.  Dieser  hatte  im  Jahre  997  die  Abtei  vom  Papste  Gregor  V für 
Geld  zu  erlangen  gesucht,  wurde  aber  deshalb  vom  Kaiser  Otto  HI 
verjagt.  Die  Mönche  baten  jedoch  für  ihn,  er  erlangte  seine  Würde 
wieder  und  empfand  so  lebhafte  Reue  Uber  sein  früheres  Vergehen, 

talis  Angligenae  Ulicensis  monaehi  Historicae  ecclesiaslicae  libri  XIII.  ed.  Aug.  Le 
Prevost.  Paris.  1838 — 1855.  8.  5 Bände. 

l)  Sein  Werk  De  rebus  gestis  regum  Anglorum  bis  1127  und  die  Historia 
novella  1127 — 1143  hat  Hardy  berausgegeben  London  1840.  2 Bände  8.  Excerpta 
ed.  Waitz,  Mon.  SS.  X,  449-485. 

a)  liistoriae  Farfenses  ed.  Bethmann,  Mon.  SS.  XI,  519 — 590.  Vgl.  W.  Gie- 
sebreeht,  Gesch.  der  Kaiserzeit  I,  753. 


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Wilhelm  von  Malmesbury.  Farfa.  325 

dafs  er  wiederholt  freiwillig  abdankte.  Zuletzt  wurde  er  1036  doch 
wieder  Abt  und  blieb  es  bis  an  Beinen  Tod  1039.  Seine  Schrift 
über  die  Zerstörung  des  Klosters  *)  schildert  uns  die  traurigen  Schick- 
sale desselben  während  des  Verfalles  und  gänzlichen  Mangels  jeder 
festen  obrigkeitlichen  Gewalt  in  Italien.  Als  kaiserliches  Stift  theilte 
Farfa  alle  Wechselfälle  der  Kaiserherrschaft  und  verfiel  immer  zu- 
gleich mit  dieser.  Um  das  Jahr  900  wurde  es  von  den  Sarrazenen 
zerstört,  und  nachdem  es  wieder  hergestellt  war,  gerieth  es  abermals 
in  die  schlechtesten  Hände.  Zwei  bis  drei  Aebte  bekämpften  sich 
unter  einander;  einer  von  ihnen,  Campo,  bahnte  sich  den  Weg  durch 
Vergiftung  seines  Vorgängers  und  verwandte  die  Besitzungen  des 
Klosters  zur  Ausstattung  seiner  zehn  Kinder.  Um  die  Herstellung 
einer  besseren  Zucht  machte  sich  dann  besonders  Alberich  verdient, 
der  hier  in  weit  besserem  Lichte  erscheint,  wie  z.  B.  in  der  Chronik 
von  8.  Andrea.  Wir  sehen  ihn  in  genauer  Verbindung  mit  Odo  von 
Cluny,  der  auf  seine  Einladung  nach  Rom  kommt  (947)  und  auch 
in  dem  Mutterkloster  Montecasino  einen  besseren  Zustand  herstellt: 
ein  Verdienst,  dessen  man  in  Montecasino  selbst  entweder  bald 
gänzlich  vergafs  oder  von  dem  man  absichtlich  nichts  wissen  wollte. 
In  Farfa  hatte  die  Reform  nur  kurzen  Bestand,  dann  schaffte  Otto 
der  Grofse  auch  hier  Ordnung,  und  der  Abt  Hugo  führte  von  neuem 
die  Gewohnheiten  von  Cluny  in  Farfa  ein.  Aber  auch  jetzt  noch 
empfand  man  hier  jede  Schwächung  der  kaiserlichen  Gewalt,  und 
Hugo  hatte  1026  wieder  Anlafs,  eine  Schrift  über  die  Abnahme  des 
Klosters  *)  zu  verfassen  uud  eine  Klage  an  den  Kaiser 3)  einzu- 
reichen. 

Unter  Heinrich  IV  war  Farfa  eifrig  kaiserlich , um  so  mehr  da 
die  Päpste  danach  strebten,  es  unter  ihre  unmittelbare  Herrschaft 
zu  bringen,  was  ihnen  zuletzt  auch  gelang.  Natürlich  hatte  man 
bei  dem  rechtlosen  Zustande  wieder  viel  zu  leiden  von  Gewalttaten 
der  Nachbaren  und  von  bösen  Aebten.  Hier  wie  fast  überall  erwies 
sich  nichts  verderblicher  als  die  so  eifrig  geforderte  freie  Wahl  der 
Aebte;  sie  zerrüttete  das  Kloster  durch  Parteiungen  und  brachte 
durch  schlechte  Mittel  die  unwürdigsten  Personen  an  die  Spitze. 
Diese  Zeiten  schildert  uns  Gregor  von  Catina,  der  mit  staunens- 
wertem Fleifse  unter  mancherlei  Hindernissen  vom  Jahre  1092  an 
sein  Riesenwerk  vollendete,  alle  Urkunden  des  Stiftes  in  ungeheuren 

’)  Destrnctio  Farfensis  p.  532 — 539.  Vgl.  W.  Giesebrecht,  Gcsch.  d.  Kaiscrz, 
1,331.  Uebcr  Alberich  S.  351. 

a)  De  diminutione  monasterii  p.  539  — 543. 

*)  Querimonium  ad  imperatorem  p.  543. 


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326  IV.  Salier.  § 29.  Italien.  Farfa.  § 30.  Die  Papstgeschichte. 

Folianten  zu  copiren,  und  dazu  die  Geschichte  der  Aebte  bis  1125 
schrieb ').  Aufserdem  verfafste  er  auch  eine  Vertheidigung  der 
kaiserlichen  Rechte®),  welche  bis  jetzt  noch  ungedruckt  ist. 


§30.  Die  Papstgeschichte. 

In  Rom  selbst  war  an  keine  Litteratur  zu  denken,  so  lange 
hier  der  Zustand  der  äufsersten  Unwissenheit  und  Barbarei  fort- 
dauerte, welcher  der  Christenheit  immer  von  neuem  Anstofs  und 
Aergernifs  gab.  Jener  alte,  seit  den  frühesten  Zeiten  fortgeführte 
Papstkatalog,  der  im  neunten  Jahrhundert  zu  förmlichen  Lebens- 
beschreibungen erweitert  war,  erhielt  freilich  auch  jetzt  noch  Fort- 
setzungen, aber  sie  beschränken  sich  lange  Zeit  fast  ganz  auf  die 
Namen,  Herkunft  und  Regierungsdauer  der  Päpste 3).  Einige  Aen- 
derung  tritt  erst  mit  dem  reformatorischen  Eingreifen  Heinrichs  HI 
ein;  von  da  an  werden  die  hinzugefügten  Nachrichten  reichlicher, 
wenn  auch  ihre  Form  noch  lange  Zeit  von  dem  niedrigen  Bildungs- 
stande der  Römer  Zeugnifs  giebt. 

Es  scheint  sogar,  dafs  von  jener  Zeit  an  zweierlei  verschiedene 
Fortsetzungen  des  Pontificale  entstanden  sind.  Die  eine  ist  von  An- 
hängern der  kaiserlichen  Partei  geschrieben  und  fafst  die  Ereignisse 
ganz  von  diesem  Standpunkte  auf;  es  ist  begreiflich,  dafs  ein  solches 
Werk  später  in  Rom  verschmäht  wurde,  und  es  haben  sich  nur 
Bruchstücke  daraus  erhalten,  welche  später  mit  urkundlichen  Auf- 
zeichnungen aus  den  päpstlichen  Regesten  zu  den  sogenannten  Rö- 
mischen Annalen  (1044 — 1183)  verschmolzen  sind*). 

Eine  andere  Fortsetzung  wurde  in  der  Kurie  selbst  verfaftt  und 
spiegelt  den  Geist  derselben,  aber  sie  bleibt  lange  Zeit  kurz  und 
dürftig,  bis  unter  Paschalis  H einer  seiner  vertrautesten  Räthe,  der 
Kardinal  Peter  von  Pisa,  sich  des  vernachlässigten  Werkes  an- 
nimmt; er  trägt  einiges  nach  zu  den  schon  vorhandenen  Nachrichten 
seit  Leo  IX  und  fügt  Biographien  von  Gregor  VH,  Viktor  IH,  Ur- 
ban H,  Paschalis  U hinzu,  ganz  in  der  einfach  urkundlichen  Weise, 
in  welcher  nun  einmal  das  Pontificale  angelegt  war,  ohne  den 

*)  1. 1.  p.  548 — 587.  Daran  schliefst  sich  noch  ein  Abtkatalog  und  unbedeu- 
tende Annalen  bis  1228.  — 3)  Orthodoxa  Defensio  Imperalis. 

3)  s.  die  auf  handschriftliche  Studien  begründete  Darstellung  W.  Giesebrcchts 
in  der  Allg.  Monatschrift,  April  1852,  welcher  das  Folgende  entnommen  ist. 

*)  herausgegeben  nach  einer  Abschrift  von  Zaccagni  von  A.  Mai  im  Spicilegium 
Rom.  VI,  und  nach  der  Handschrift  selbst  von  Pertz,  Mon.  SS.  V,  468  — 489. 
Vgl.  W.  Giesebrecht  a.  a.  0.  u.  Gesch.  der  Kaiserzeit  II,  533.  Bethmann  über  den 
Cod.  Vat.  1984.  Archiv  XI,  841-849. 


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Rom.  Gesta  Pontißeum,  Bonizo,  Petrus  Damiani.  327 

Phrasenschmuck  der  Legenden  oder  die  Ausführlichkeit  anderer  selb- 
ständiger Lebensbeschreibungen. 

Eine  weitere  Fortsetzung  verfafste  bald  nach  dem  Jahre  1130 
der  Kardinal  Pandulf;  er  fügte  Nachrichten  Uber  Gelasius  II,  Ka- 
li xt  II,  Honorius  II  hinzu1).  Es  ist  die  Stellung  der  Verfasser  und 
der  amtliche  Charakter,  welcher  diesen  Aufzeichnungen  ihren  gröfsten 
Werth  verleiht;  auf  schriftstellerische  Schönheit  machen  sic  keinen 
Anspruch,  doch  ist  ein  grofser  Fortschritt  gegen  die  frühere  Zeit 
augenscheinlich,  wie  denn  mit  dem  Durchbruch  und  Sieg  der  Clunia- 
censer  der  päpstliche  Hof  eine  ganz  andere  Gestalt  gewonnen  hatte. 

Aus  der  Zeit  Gregors  VH  sind  nun  auch  noch  verschiedene 
andere  Schriften  zu  erwähnen,  welche  über  die  Papstgeschichte 
Licht  verbreiten. 

Eine  Hauptquelle  Uber  die  Zustände  vor  Heinrichs  HI  Zeit  und 
seine  Reform  ist  das  Buch  des  Bischofs  Bonizo  von  Sutri,  der 
am  14.  Juli  1091  gestorben  ist,  über  die  Verfolgung  der  Kirche2). 
Ein  unbedingter  Anhänger  Gregors  VH,  stellt  er  alle  Bedrückungen 
der  Kirche  durch  die  weltlichen  Mächte  zusammen;  in  Bezug  auf 
die  ältere  Zeit  sehr  unwissend  und  mit  vielen  Fehlern,  dann  aber 
gerade  über  eine  Zeit,  von  der  wir  sonst  fast  keine  Nachrichten 
haben,  überaus  lehrreich.  Irrthümer  und  Ungenauigkeiten  fehlen 
freilich  auch  hier  nicht,  aber  von  absichtlicher  Entstellung  hält  er 
sich  frei.  Auch  das  Werk  des  Desiderius  von  Montecasino, 
der  nach  Gregor  als  Viktor  HI  Papst  wurde,  Uber  die  Wunder  des 
Benedikt  enthält  gute  Nachrichten  Uber  diese  Zeit3),  und  von  der 
höchsten  Wichtigkeit  Uber  die  ersten  Zeiten  Heinrichs  IV  und  der 
Regentschaft  sind  die  Schriften  des  eifrigen  Petrus  Damiani,  die 
jedoch  nicht  zur  Historiographie  gerechnet  werden  können  mit  Aus- 
nahme des  schon  früher  erwähnten  Lebens  S.  Romualds4). 

Einem  römischen  Papste  war  es  seit  Gregor  dem  Grofsen  nicht 
zu  Theil  geworden,  dafs  sein  Leben  in  der  Weise  beschrieben  wäre, 
wie  es  bei  einfachen  Bischöfen  so  häufig  geschah.  Erst  jetzt  kommen 
einzelne  Beispiele  davon  vor,  aber  es  ist  auch  eben  nur  die  ultra- 
montane Einwirkung,  welche  dazu  Anlafs  giebt.  Es  war  kein  Römer, 

*)  Beste  Ausgabe  von  Papebroch  im  Propylaeum  Maii. 

2)  Bonizonis  über  ad  amicum  sive  de  persecutione  ecclesiae  bei  Oefele  II,  794. 
Vgl.  Stenzei  II,  67.  Giesebrecht,  im  Anhänge  zu  den  Annales  Altahenses  u.  Gesch. 
der  Kaiserzeit  II,  534. 

8)  Desiderii  libri  IV  Dialogorum  de  Miraculis  S.  Benedicti.  Mab.  IV,  2. 

4)  Opera  ed.  Const.  Cajetanus  1783.  4.  in  vier  Bänden.  S.  über  ihn  beson- 
ders Giesebrecht  zu  den  Ann.  Altahenses  S.  168.  Eine  kurze  Darstellung  seines 
Lebens  giebt  0.  Vogel,  Peter  Damiani.  Jena  1856.  Vgl  auch  Helfenstein  S.  58.  139. 


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328 


IV.  Salier.  § 30.  Die  Papstgeschichte. 


sondern  der  Archidiakonus  Wibert  von  Toul,  welcher  das  Leben  des 
Papstes  L e o IX  beschrieb , in  der  Weise  der  besseren  Biographen 
deutscher  Bischöfe  (s.  oben  S.  278).  Unbedeutend  ist  ein  anderes 
in  Predigtform  verfafstes  Leben  Leo  IX  von  dem  Bischof  Bruno  von 
Segni  *). 

Gregor  VII  selbst  fand  ebenfalls  einen  Biographen  an  einem 
deutschen  Mönche,  Paul  von  Bernried2),  der  zuerst  Domherr  der 
Regensburger  Kirche  gewesen  und  dort  von  Heinrich  IV  vertrieben 
war.  Von  Bernried  aus  ging  er  später  nach  Rom  und  lebte  hier  am 
päpstlichen  Hofe,  wo  er  erst  im  Jahre  1128  das  Leben  Gregors 
hauptsächlich  nach  schriftlichen  Quellen  verfafste.  Allein  Gregors 
Persönlichkeit  war  für  eine  solche  Darstellung  zu  grofs,  und  wenn 
auch  hier  und  mehr  noch  in  anderen  Schriften  werthvolle  Nach- 
richten uns  überliefert  sind,  so  erhalten  wir  ein  wahres  und  volles 
Bild  des  Mannes  doch  nur  aus  seinem  Registrum,  der  Sammlung 
seiner  Briefe8),  welche  uns  zugleich  zeigt,  wie  gut  man  schon  wieder 
in  Rom  gelernt  hatte  zu  schreiben  und  welche  Richtung  dort  die 
fähigsten  Geister  nahmen:  die  kirchlich  - politische  Thätigkeit  der 
Curie  nahm  alle  Kräfte  in  Anspruch. 

Zu  Gregors  treuesten  und  eifrigsten  Anhängern  gehörte  An- 
selm von  Lucca,  der  Nachfolger  und  Neffe  Alexanders  H (1073 
bis  1086),  der  freilich  das  Bisthum  von  des  Königs  Hand  annahm, 
und  auf  Gregors  Befehl  behielt,  dann  aber  zur  Beruhigung  seines 
Gewissens  um  so  lauter  gegen  diesen  Mifsbrauch  eiferte.  Er  war 

*)  Bibliotheca  Maxima  Patrum  XX,  1730.  Murat  111,2,346 — 355.  Eine 
dritte  Biographie,  50  Jahre  nach  seinem  Tode  verfafst  bei  Borgia,  Memorie  di  Be- 
nevento  II,  299.  Eine  Schrift  de  obitu  Leonis  bei  Mab.  VI,  2,  81.  Vgl.  W.  Giese- 
brerht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  II,  534.  594.  — Wichtiger  ist  eine  Schrift  des 
Mönches  Anselm  von  S.  Remv  über  die  Einweihung  seiner  Kirche  durch  Leo  IX 
am  2.  Oct.  1049,  wobei  Leos  Reise  und  das  Concil  von  Reims  genau  beschrieben 
werden,  daher  als  Itinerarium  Leonis  IX  bekannt,  bei  Marlot  Metrop.  Rem.  II,  88-104, 
Mab.  VI,  1,  624 — 638  ed.  Ven.  und  unvollständig  bei  Baronius  und  bei  Mansi  XIX, 
727 — 745.  Den  Verfasser  nennt  Sigebert  de  SS.  eccl.  c.  152. 

2)  Pauli  Bernriedensis  Vita  Gregor»  VII  bei  Mabill.  und  Muratori  1. 1.  Seine 
Quellen  waren  nach  Giesebrecht  das  Registrum,  einzelne  Urkunden,  Bernold,  Doni- 
zonis  V.  Mathildis  u.  die  V.  Anselmi.  Eigen  sind  ihm  fast  nur  Wundeigeschichten. 

a)  Die  Echtheit  des  Registrum  ist  mehrfach  angezweifclt  worden,  zuletzt  von 
G.  Cassander,  Das  Zeitalter  Gregors  VII.  Darmstadt  1842.  S.  167.  Dagegen  hat 
W.  Giesebrecht,  gestützt  auf  die  Urschrift  im  Vat.  Archiv,  dargethan  in  Jaffes  Re- 
gesten p.  403—405,  dafs  das  Reg.  eine  gleich  nach  Gregors  Tode  angelegte  Brief- 
sammlung ist,  die  nicht  in  11,  sondern  in  8 Bücher  vertheilt  war.  Bei  den  ersten 
7 Büchern  lag  dem  Sammler  das  offizielle  Reg.  des  Papstes  vor;  das  achte  Buch 
umfafst  Briefe,  die  ihm  von  anderen  Seiten  zuhamen.  Ein  zehntes  Buch,  das  fehlen 
soll,  hat  es  nie  gegeben.  Ueber  die  kritische  Beschaffenheit  des  Textes  handelt 
W.  Giesebrecht,  De  Gregorii  VII  Registro  emendando,  Regiomonti  1858.  8.,  wo 
zahlreiche  und  wichtige  Verbesserungen  mitgetheilt  sind. 


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V.  Leoni»  IX,  Gregorii  VII,  Anselmi.  Benzo  und  Benno.  329 

der  besondere  Beistand  und  Rathgeber  der  Gräfin  Mathilde,  und 
diese  sorgte  auch  dafür,  dafs  sowohl  sein  Leben,  wie  auch  die 
Wunder  an  seinem  Grabe  sogleich  von  ihren  Kaplänen  aufgezeichnet 
wurden.  Der  Verfasser  der  Biographie  ist  der  Priester  Bardo  von 
Lucca,  ein  treuer  Diener  seines  Herrn  ').  Anselms  dritter  Nach- 
folger Rangerius  hat  das  alles  in  Verse  gebracht  und  auch  wieder 
über  den  Investiturstreit  geschrieben,  aber  seine  Werke  sind  verloren. 

Gegen  Heinrich  IV  und  die  Investitur  von  Laienhand  schrieb 
auch  noch  Placidus,  Prior  von  Nonantula,  sein  Werk  über  die 
Ehre  der  Kirche“). 

Die  Lage  der  Dinge  in  Italien  unterschied  sich  von  den  Ver- 
hältnissen jenseits  der  Alpen  sehr  wesentlich  dadurch,  dafs  dort  das 
Uebergewicht  der  Bildung  sowohl  wie  der  festen  sittlichen  Haltung 
unleugbar  bei  den  Gregorianern  war.  Gehen  auch  diese  in  ihren 
Schriften  zu  weit,  indem  sie  ungerecht  gegen  ihre  Widersacher 
werden,  sowie  auch  ihre  Handlungsweise  der  Mäfsigung  entbehrte, 
so  überschreitet  dagegen  auf  der  anderen  Seite  die  Leidenschaft  und 
Lügenhaftigkeit  alle  Schranken.  So  ist  namentlich  des  Bischofs 
Benzo  von  Alba  Lobschrift  auf  Heinrich  IV  in  gereimter  und  ryth- 
mischer  Prosa  voll  der  unverschämtesten  Schmeichelei  gegen  den 
Kaiser  und  der  gemeinsten  Schimpfreden  gegen  die  Gregorianer,  und 
sie  wimmelt  dermafsen  von  Lügen  und  Fabeln,  dafs  man  nur  mit  der 
äufsersten  Vorsicht  einigen  Nutzen  für  die  Geschichte  daraus  ziehen 
kann3).  Derselben  Art  ist  des  Kardinals  Benno  sogenanntes  Leben 
Gregors  VH,  eine  leidenschaftliche  Schmähschrift  nicht  nur  gegen 
Gregor,  sondern  auch  gegen  die  früheren  Päpste  und  Urban  II,  den 
er  und  seine  Genossen  immer  nur  Turbanus  nennen4). 

Anderer  Art  sind  zwei  erst  kürzlich  bekannt  gewordene  Schrif- 
ten dieser  Zeit,  welche  mit  grofsem  Aufwande  von  Gelehrsamkeit 
die  Sache  des  Kaisers  zu  unterstützen  bestimmt  waren.  Die  eine 
davon  ist  von  einem  sonst  nicht  bekannten  Petrus  Crassus  ver- 

*)  Vita  Anselmi  ep.  Lue.  auctore  Bardone  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII,  1 — 35, 
mit  Auszügen  aus  Anselms  Schriften.  VgL  Helfenstein  64.  144. 

“)  Placidi  Nonantulani  Über  de  honore  ecclesiae,  Pez  Thes.  11,2,75.  Vgl. 
Helfenstein  S.  75. 

3)  Benzonis  ep.  Alkensis  ad  Heinricum  IV  Übri  VII  ed.  Kar.  Pertz , Mon.  SS. 
XI,  591 — 681.  Vgl.  Stcnzel  II,  80 — 90.  Giesebrecht,  Ann.  Allah.  S.  213  ff.  und 
Gesch.  d.  Kaiserzeit  II,  535  gegen  die  Schrift  von  Will:  Benzos  Panegyricus  auf 
Heinrich  IV,  mit  besonderer  Rücksicht  auf  den  Kirchenstreit  zwischen  Alexander  II 
und  Honorius  II  und  das  Concil  zu  Mantua  kritisch  behandelt,  Marburg  1856.  8. 
Helfenstein  S.  162. 

4)  Gedruckt  in  Goldasts  Apologia  Heinrici  IV.  Vgl.  Archiv  VII,  872  über  die 
Brüsseler  Handschrift,  aus  welcher  in  Sudendorfs  Registrum  I merkwürdige  Stücke 
leider  sehr  incorrect  abgedruckt  sind.  Stenzei  U,  18. 


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330  IV.  Salier.  §30.  Die  Papstgeschichte.  §31.  Unleritalien. 

fafst  und  Heinrich  IV  vor  dem  Concil  zu  Brixen  1080  zugeschickt, 
um  hier  Gebrauch  davon  zu  machen 5).  Den  Behauptungen  der 
Gegner  werden  darin  besonders  die  Sätze  des  Römischen  Rechtes 
entgegengestellt,  und  es  ist  dies  das  erste  Beispiel  dieser  Art,  das 
erste  Erscheinen  dieser  Waffe,  welche  später  Heinrich  V und  den 
Hohenstaufen  so  gute  Dienste  leistete.  Die  zweite  ist  auf  den 
Wunsch  des  Gegenpapstes  Clemens  nach  Jaffe  bei  Gelegenheit  der 
Synode  von  1089  verfafst,  um  sein  und  des  Kaisers  Recht  aller 
Welt  darzulegen.  Der  Verfasser  Wido,  damals  Bischof  von  Fer- 
rara, war  selbst  früher  auf  Gregors  Seite  gewesen  und  erst  bei 
der  Spaltung  dieser  Partei  nach  dem  Tode  ihres  Hauptes  zu  den 
Gegnern  Ubergegangen.  Es  entspricht  dieser  Laufbahn,  dafs  er  im 
ersten  Buche  Gregors  Sache  mit  grofsem  Aufwand  von  kanonistischer 
Gelehrsamkeit  unterstützt,  im  zweiten  aber  für  Clemens  auftritt  und 
seine  eigene  Argumentation  siegreich  widerlegt.  Diese  Schrift,  welche 
auch  an  geschichtlichen  Nachrichten  reich  ist,  hat  Wilmans  jetzt 
zum  ersten  Male  herausgegebenl 2). 

§ 31.  Unteritalien. 

Kurze  Annalen  aus  Bari3),  Benevent4 * 6),  Montecasino  *)  und  La 
Cava*)  geben  uns  Nachricht  Uber  die  wichtigen  und  namentlich  für 
die  Berührungen  zwischen  Kaiser  und  Papst  so  bedeutenden  Ver- 
hältnisse Unteritaliens. 

Hervorragend  in  jeder  Beziehung,  einflufsreich  und  namentlich 
auch  mit  Deutschland  in  mannigfacher  Verbindung  ist  das  Kloster 
Montecasino,  das  wie  Farfa  in  kaiserlichem  Schutze  stand  und 
b§i  dem  Verfall  der  kaiserlichen  Macht  viel  zu  leiden  hatte.  Abt 
Aligem  (949 — 985)  hatte  es  nach  der  Zerstörung  durch  die  Sarrazenen 
und  dem  Capuanischen  Exil  wieder  hergestellt,  aber  Kaiser  Konrad 
mufste  es  1038  wieder  aus  schwerer  Bedrängnife  durch  die  Fürsten 

l)  Sudendorfs  Registrum  I,  22. 

*)  Wido  ep.  Ferrar.  de  seismate  Hildebrandi,  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII, 
148—179.  Vgli  Giesebrecht,  Geschichte  der  Kaiserzeit  II,  585. 

3)  Annales  Barenses  a.  605 — 1043,  Mon.  SS.  V,  51 — 56.  Ann.  Lupi  Proto- 
spatharii  a.  855  — 1102  ib.  52 — 63.  Anonymus  — 1115  bei  Murat.  V,  147 — 156. 

4)  Ann.  Benev.  a.  788 — 1130  SS.  Ill,  173 — 185.  Chronicon  ducum  Bene- 

venti  etc.  p.  211 — 213.  Zu  vergleichen  sind  über  die  hier  so  gefährlichen  Pratil- 
lischen  Fälschungen  Pertz  u.  Koepke  im  Archiv  IX,  1 — 239. 

6)  Ann.  Casin.  a.  914 — 1042  SS.  III,  172.  Spätere,  von  1000  an,  von  denen 
eine  Handschrift  bis  1152,  eine  andere  bis  1200  geht,  bei  Gallula,  Accessiones  ad 
Hist.  Cas.  und  zuletzt  , doch  ohne  Benutzung  der  Handschriften,  bei  Del  Re,  Cro- 
nisti  Napoletani  I,  457 — 488,  565 — 569. 

*)  Ann.  Cavenses  a.  569—1315,  Mon.  SS.  III,  185 — 197,  nicht  zu  verwech- 
seln mit  dem  unechten  Chronicon  Cavense. 


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Petrus  Crassus.  Wido  von  Ferrara.  Monteeasino.  331 

von  Capua  erretten ; nnter  seinem  Schutze  wurde  Richer,  ein  Mönch 
von  Nieder -Altaich,  damals  Abt  von  Leno  bei  Brescia,  zum  Abt 
erwählt  und  erat  mit  diesem  beginnt  ein  besserer  Zustand  und  ein 
lebhaftes  wissenschaftliches  Leben,  das  unter  dem  Abte  Desiderius 
(1058 — 1087)  seinen  Höhepunkt  erreichte1). 

Zn  den  vielen  ausgezeichneten  Mönchen,  an  welchen  damals 
das  KloBter  reich  war,  gehörte  auch  Leo,  aus  dem  Hause  der  Mar- 
sicaner  Grafen,  den  Desiderius  bald  nach  seiner  Wahl  als  14jährigen 
Knaben  ins  Kloster  aufnahm,  wo  Aldemar,  früher  Notar  des  Fürsten 
Richard  von  Capua,  später  Kardinal  der  Römischen  Kirche,  sein 
Lehrer  wurde.  Der  Kreis  gelehrter  und  bedeutender  Männer,  der 
sich  um  Desiderius  versammelt  hatte,  sah  mit  Hoffnung  nnd  Wohl- 
gefallen auf  den  talentvollen  Jüngling;  Alfanus,  des  Erzbischofs  von 
Salerno,  Verse  zeugen  davon.  Auch  Desiderius  hielt  viel  von  ihm, 
und  weil  Leo  diesem  so  nahe  gestanden  hatte,  gab  sein  Nachfolger 
Oderisius  ihm  den  Auftrag,  das  Leben  dieses  Abtes  zu  beschreiben, 
dem  das  Kloster  viel  verdankte  und  dessen  Erhebung  auf  den  päpst- 
lichen Stuhl,  den  auch  schon  sein  Vorgänger  Friderich  als  Stephan  IX 
bestiegen  hatte,  den  Casinesen  grofsen  Ruhm  brachte.  Leo  fand 
indessen  keine  Mufse,  den  Auftrag  auszuführen,  er  wurde  Biblio- 
thekar und  Archivar  des  Stiftes,  und  wie  es  bei  solcher  Stellung  zu 
gehen  pflegt,  nahmen  ihn  die  äufseren  Sorgen,  die  vielen  Rechts- 
händel des  Klosters  gänzlich  in  Anspruch. 

Zuletzt  aber  (nach  1098)  entband  ihn  Oderisius,  wie  es  scheint, 
von  diesen  Geschäften,  indem  er  ihm  nun  zugleich  auftrug,  die  ganze 
Geschichte  des  Klosters  zu  schreiben.  Daran  machte  sich  Leo  jetzt 
wirklich  mit  gröfstem  Fleifse,  und  auch  seine  Erhebung  zum  Kar- 
dinalbischof von  Ostia  im  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts  scheint 
die  Arbeit  noch  nicht  unterbrochen  zu  haben.  Doch  nahmen  ihn, 
namentlich  nachdem  der  Streit  zwischen  Heinrich  V und  Paschalis  H 
ausgebrochen  war,  die  Weltbegebenheiten  wohl  zu  sehr  in  Anspruch, 
als  dafs  er  viel  Mufse  zum  Schreiben  hätte  finden  können;  er  ge- 
hörte zu  den  eifrigen  Gegnern  des  Kaisers,  welche  von  keinem 
Frieden  wissen  wollten.  Gestorben  ist  er  in  den  Jahren  1115,  1116 
oder  1117  am  22.  Mai. 

Unschätzbar  würde  seine  Chronik  sein,  wenn  er  sie  bis  zu  den 
Zeiten  Heinrichs  V fortgeführt  hätte;  leider  reicht  sie  aber  nur  bis 

1)  s.  darüber  Giesebrecht  de  litlerarum  studiis  apud  Kalos , Berlin  1844.  4. 
Alfani  versus  de  situ,  construclione  et  renovatione  monasterii  Casinensis  bei  Ozanam 
Documents  inedits  p.  261 — 268.  Leonis  Marsicani  et  Petri  Diaconi  Chronica  Mo- 
nasterii Casinensis  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  VII,  551—844. 


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332 


IV.  Salier.  §31.  Unteritalien. 


1075,  wo  sic  mitten  in  der  Beschreibung  der  von  Desiderius  neu 
erbauten  und  eben  damals  geweihten  Klosterkirche  abbricht.  Des- 
halb ist  ihre  Bedeutung  für  die  allgemeine  Geschichte  nur  gering, 
und  selbst  für  die  unteritalischen  Verhältnisse  und  die  frühere  Ge- 
schichte des  Klosters  nicht  so  gar  grofs,  weil  uns  die  von  Leo  be- 
nutzten Quellen  und  die  Casineser  Urkunden,  aus  denen  er  mit  dem 
mühsamsten  Fleifse  schöpfte,  noch  jetzt  vorliegen.  Es  war  ihm  aus- 
drücklich aufgetragen,  die  verschiedenen  Erwerbungen  des  Klosters 
genau  zu  verzeichnen  und  die  Rechtstitel  nachzuweisen;  dieses  und 
die  übrige  Klostergeschichte  ist  ihm  die  Hauptsache,  und  als  Schrift- 
steller kann  man  ihn  nur  loben,  weil  er  überall  sorgfältig  das  rich- 
tige Maafs  beobachtet  und  von  den  ferner  liegenden  Ereignissen, 
von  Kaisern  und  Päpsten  nicht  mehr  berichtet,  als  für  seinen  Zweck 
nöthig  war.  Für  die  Hausgeschichte  des  Klosters  hat  er  einige 
eigenthtimliche  Nachrichten  schon  aus  der  älteren  Zeit;  im  zehnten 
Jahrhundert  werden  sie  reichlicher,  und  je  weiter  die  Erzählung 
fortschreitet,  desto  klarer  und  vollständiger  liegt  die  Geschichte  des 
Klosters  vor  uns;  im  dritten  Buche  ist  das  Leben  und  Wirken  des 
Desiderius  mit  eben  so  viel  Wärme  und  Liebe  wie  genauer  Kenntnifil 
dargestellt.  Der  Ausdruck  ist  einfach  und  der  Sache  angemessen; 
die  verschiedenen  Handschriften,  deren  älteste  von  Leos  eigner  Hand 
ist  und  nur  bis  1057  reicht,  zeigen  uns  deutlich,  wie  er  fortwährend 
an  der  Form  änderte  und  nachbesserte,  während  er  sachlich  ein- 
schaltete,  was  er  neues  in  Urkunden  und  anderen  Schriften  fand; 
namentlich  hat  er  die  Geschichte  der  Normannen  von  Amatus  erst 
bei  der  letzten  Bearbeitung  seines  Werkes  benutzt.  Es  giebt  wohl 
keine  andere  Klostergeschichte,  welche  mit  gleicher  Kunst  und  Sorg- 
falt gearbeitet  ist.  Zuverlässig  ist  sie  in  hohem  Grade  und  in  der 
Beurtheilung  des  Geschehenen  spricht  sich  überall  ein  gerechter  und 
leidenschaftsloser  Sinn  aus. 

Diese  guten  Eigenschaften  des  Leo  von  Ostia  treten  um  so  besser 
hervor,  da  sein  Fortsetzer  ganz  das  Widerspiel  von  ihm  war. 

Petrus  Diakonus,  aus  dem  vornehmen  Hause  der  Grafen 
von  Tusculum,  die  ihr  Geschlecht  von  den  Juliem  herleiteten,  wurde 
1115  als  Knabe  dem  Kloster  übergeben  und  genofs  hier  besonders 
den  Unterricht  des  Guido,  welcher  die  Vision  des  Albericns  aufge- 
schrieben und  aufserdem  eine  leider  verlorene  Geschichte  Kaiser 
Heinrichs  IV  verfafst  hat.  Auch  schreibt  Petrus  ihm  eine  Fort- 
setzung der  Casineser  Chronik  zu,  die  er  selbst  vielleicht  benutzt 
haben  mag.  Ihm  wurde  wie  Leo  das  Archiv  des  Klosters  über- 
geben, und  hier  hat  er  sich  verdient  gemacht  durch  die  Anfertigung 


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Leo  von  Ostia.  Petrus  Diaconus. 


333 


seines  Registrum,  -welches  die  zahlreichen  Urkunden  des  Klosters  in 
Abschriften  enthält,  wie  es  denn  überhaupt  Petrus  an  Fleifs  nicht 
fehlte.  Wäre  nur  seine  Wahrheitsliebe  eben  so  grofs  gewesen!  Aber 
der  Hauptzug  seines  Wesens  war  Eitelkeit,  Eitelkeit  auf  seine  Per- 
son, auf  Beine  Abkunft  und  auf  sein  Kloster.  Die  ehrwürdige  Ver- 
gangenheit von  Montecasino  genügte  ihm  nicht,  der  h.  Benedikt  sel- 
ber mufste  ein  Vetter  des  Kaisers  Justinian  gewesen  sein,  und  eine 
Reihe  abgeschmackter  Briefe  und  Urkunden,  welche  sich  daran 
knüpften,  fand  ihren  Platz  theils  im  Registrum,  theils  in  einem  an- 
deren Werke  über  den  h.  Placidus,  Benedikts  Schüler.  Denn  dieser 
mufste  sich  ganz  besonders  zum  Träger  des  Fabelgebäudes  hergeben 
in  einer  Legende,  die  Petrus  dem  Gordian,  einem  Genossen  des  Pla- 
cidus, unterschob  und  aus  dem  Griechischen  übersetzt  haben  wollte, 
wahrscheinlich  aber  selbst  erfunden  hat.  Und  obgleich  er  die  wahre 
Geschichte  des  Klosters  von  Leo  nicht  zu  verfälschen  wagte,  so  ist 
er  doch  wahrscheinlich  der  Verfertiger  einer  falschen  Urgeschichte 
von  Montecasino  unter  dem  Namen  des  Anastasius1).  Noch  vieles  an- 
dere hat  er  geschrieben,  Heiligenleben  und  Bücher  Uber  die  frommen 
und  gelehrten  Casineser  Mönche2);  diese  haben  etwas  mehr  Werth, 
aber  nachlässig  und  unzuverlässig  ist  alles,  was  von  Petrus  stammt. 
Das  mindert  denn  auch  sehr  den  Nutzen  seiner  Fortsetzung  der 
Casineser  Chronik,  welche  er  auf  Antrieb  des  Abtes  um  das  Jahr 
1140  verfaßte.  Sie  ist  sehr  ungleich  geschrieben,  bald  sehr  aus- 
führlich, bald  kurz  über  wichtige  Dinge,  enthält  aber  doch  manche 
dankenswerthe  Nachricht  Uber  diese  Zeiten,  wo  der  Abt  Desiderius 
unter  den  schwierigsten  Verhältnissen  Gregors  VH  Nachfolger  wurde 
und  später  das  Kloster  auf  Seiten  Anaklets  stand.  Am  ausführlich- 
sten ist  die  Anwesenheit  Lothars  (1137)  behandelt,  und  die  vor  ihm 
und  Innocenz  H geführten  Verhandlungen  über  das  Verhältnis  des 
Klosters  zu  Kaiser  und  Papst;  Petrus  selber  war  es,  der  hier  mit 
seinen  echten  und  falschen  Privilegien  auftrat  und  siegreich  die 
Freiheiten  der  Abtei  vertrat.  Der  alte  Kaiser  fafste  eine  besondere 
Zuneigung  zu  ihm  und  ehrte  ihn  durch  allerlei  Titel,  wenn  wir 
Petrus  glauben  dürfen.  Denn  das  ist  eben  das  Mifsliehe  bei  diesen 
Nachrichten,  dafs  wir  sie  nur  von  Petrus  haben  und  diesem  kein 
Wort  mit  Zuversicht  zu  glauben  ist. 

Die  Nachrichten  des  Leo  und  des  Petrus  Uber  die  Anfänge  der 
normannischen  Herrschaft  in  Apulien  haben  an  Werth  für  uns  ver- 

l)  Anastasii  Chronicon  Casinense  bei  Muratori  II,  249. 

a)  Liber  illustrium  virornm  Casinensis  archislerii,  gedr.  u.  a.  in  der  Bibliotheca 
eeel.  von  Fabricius  u.  bei  Muratori  SS.  VI,  9.  Ortus  et  vita  Iustorum  Casinensis 
monasteiii  bei  A.  Mai,  Nova  Collectio  Vl,b  245. 


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334  IV.  Salier.  § 31.  Unteritalien.  § 32.  Die  Lombardei. 

loren,  seitdem  die  Hauptquelle  derselben  wieder  zum  Vorschein  ge- 
kommen ist,  nämlich  die  vortreffliche  Normannengeschichte  des 
Amatus,  der  Bischof  von  Nusca  und  Mönch  von  Montecasino  zur 
Zeit  des  Desiderius  war.  Nachdem  man  dieses  wichtige  Werk  lange 
Zeit  für  verloren  gehalten  hatte,  ist  es  von  Champollion-Pigeac  in 
altfranzösischer  Uebersetzung  aufgefunden  und  (leider  sehr  mangel- 
haft) herausgegeben ').  Ein  zweiter  wichtiger  Schriftsteller  über  die 
Normannengeschichte  ist  von  Wilmans  nachgewiesen  worden  als  ge- 
meinschaftliche Quelle  für  die  Alexias  der  Anna  Komnena  und  das 
Heldengedicht  des  Wilhelm  von  Apulien,  nämlich  ein  Priester  des 
Erzbischofs  von  Bari,  der  Robert  Wiskard  auf  dem  Feldzuge  ins 
griechische  Reich  begleitete.  Anna  nennt  ihn  Latinus,  was  schwer- 
lich ein  Eigenname  ist;  Wilmans  vermutket  in  ihm  den  Archidiakonus 
Johannes  von  Bari,  welcher  auch  die  Auffindung  des  h.  Sabinns  be- 
schrieben hat3).  Sein  Werk  ist  verloren,  aber  die  Nachrichten  jener 
beiden  epischen  Gedichte  erhalten  durch  diese  Annahme  eine  festere 
Begründung.  Das  Heldengedicht  des  Wilhelm  von  Apulien 
zeichnet  sich  durch  guten  Versbau  und  Reinheit  der  Sprache  aus; 
gerichtet  ist  es  an  den  Herzog  Roger,  Robert  Wiskards  Sohn,  und 
Papst  Urban  II  wird  als  derjenige  genannt,  dessen  Wunsch  den  Ver- 
fasser besonders  veranlafst  habe,  diese  Arbeit  zu  übernehmen;  weiter 
ist  uns  aber  Uber  den  Verfasser  nichts  bekannt3). 

Zu  den  wichtigsten  Quellen  über  Unteritalien  im  Anfang  des 
zwölften  Jahrhunderts  gehört  die  Chronik  des  Falko,  Richters  zu 
Benevent  (1102 — 1140),  die  namentlich  über  alles,  was  Benevent 
betrifft,  Behr  genau  und  ausführlich  ist4). 

§32.  Die  Lombardei. 

An  die  alten  Klosterchroniken,  in  barbarischem  Latein  von 
unwissenden  Mönchen  mit  beschränktem  Gesichtskreis  geschrieben, 
schliefst  sich  in  diesem  Zeitraum  noch  die  Chronik  des  Klosters 
Novalese  im  Thal  von  Susa  bis  zum  Jahre  1048.  Sie  ist  fast 

l)  L’ystoire  de  li  Normant  et  la  chronique  de  Robert  Viscart  par  Alme  moine 
du  Mont  - Cassin,  publiees  pour  la  premiere  fois  par  M.  Champollion  - Figeac  k Paris 
1835.  8.  Vgl.  Wilmans:  Ist  Amatus  von  Monte  Cassino  der  Verfasser  der  Chro- 
nica Roberti  Biscardi?  im  Archiv  X,  122 — 130.  W.  Giesebrecht,  Kaiserzeit  II,  531. 

3)  Wilmans  Über  die  Quellen  der  Gesta  Roberti  Wiscardi  des  Guillermus  Apu- 
liensis,  im  Archiv  X,  87 — 121. 

3)  Guillermi  Apulicnsis  Gesta  Roberti  Wiscardi  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  IX, 
239 — 298.  Ferner  steht  uns  die  Geschichte  Siciliens  von  Gaufredus  Malatcrra, 
Murat.  SS.  V,  537-602. 

4)  Falconis  Beneventani  Chronicon  bei  Muratori  SS.  Rer.  Ital.  V,  82 — 133. 
Del  Re,  Cronisti  Napoletani  p.  5.  Unter  Innocenz  II  war  der  Vf.  Scriba  Sacri  Pa- 
latii,  dann  Judex  Benevenlanus. 


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Amatus.  Wilhelm  von  Apulien.  Novalese.  Mailand.  335 

nur  von  localer  Bedeutung,  wichtig  besonders  für  die  Geschichte 
der  Grafen  von  Turin,  deren  Hause  der  Markgraf  Arduin,  der  letzte 
nationale  König  der  Lombardei,  den  das  Aufstreben  des  Ritterstandes 
auf  den  Thron  brachte,  eine  besondere  Bedeutung  verleiht.  Merk- 
würdig sind  auf8erdem  im  ersten  Theile  die  Ueberbleibsel  einhei- 
mischer Sage  aus  den  letzten  Tagen  des  langobardischen  Reiches 
und  grofse  Fragmente  aus  dem  Liede  von  Walther  und  Hildegund 
nebst  einigen  Spuren  karolingischer  Sage  l).  Die  Original  - Hand- 
schrift, eine  lange  Rolle,  ist  nicht  vollständig  erhalten;  einige  Frag- 
mente der  verlorenen  Stücke  liefsen  sich  aus  anderen  Quellen  ge- 
winnen. Mit  sorgsamem  Fleifse  hat  daraus  Bethmann,  so  weit  es 
möglich  war,  den  Text  hergestellt  und  erläutert2). 

Derselben  Gegend,  aber  schon  etwas  späterer  Zeit,  gehört  daB 
Leben  des  Abtes  Benedikt  von  Clusa*)  (fl091).  Dem  Inhalt 
aber  nicht  der  Abfassung  nach  stammt  noch  aus  der  Ottonischen 
Zeit  die  wenig  zuverlässige  Legende  vom  h.  Bovo  von  Voghera, 
welcher  die  Sarrazencn  aus  Fraxinetum  vertrieben  haben  soll,  aber 
in  keiner  anderen  Quelle  genannt  wird*). 

Von  grofser  Bedeutung  einerseits  für  die  Verfassungsgeschichte, 
namentlich  für  die  städtische  Entwickelung,  andererseits  für  das  Ein- 
greifen Hildebrands  in  die  lombardischen  Verhältnisse,  sind  die  beiden 
Mailänder  Schriftsteller  Arnulf  und  Landulf6),  beide  Geistliche 
der  alten  Schule  und  Gegner  Hildebrands,  von  denen  aber  Arnulf,  ein 
besonnener  wahrheitsliebender  Mann , zuletzt  sich  der  römischen 
Autorität  fügt,  Landulf  in  leidenschaftlicher  Feindschaft  beharrt  und 
in  blinder  Wuth  allen  Sinn  für  geschichtliche  Wahrheit  verliert 

Einige  Ergänzungen  zu  diesen  Nachrichten  bietet  das  Leben 
Arialds,  des  Urhebers  der  Partei  der  Pataria,  mit  deren  Hülfe 
Hildebrand  den  Widerstand  der  lombardischen  hohen  Geistlichkeit 
bekämpfte,  der  als  Märtyrer  in  diesem  Streite  fiel  und  der  Pataria 
durch  seinen  Tod  zum  Siege  verhalf,  beschrieben  von  seinem  Schüler 
und  eifrigen  Anhänger  Andreas,  Abt  von  Vallombrosa6).  Den  wei- 

*)  Ueber  die  frühe  Verbreitung  der  Chansons  de  geste  in  Italien  s.  Ozanam, 
Documcnts  inedits  p.  142.  Oonizo  beginnt  sein  Werk  mit  dem  Verse:  Francorum 
prosa  (d.  i.  rylhmische,  gereimte  Poesie)  sunt  edita  belta  sonora. 

2)  Chronicon  Novaliciense  ed.  Bethmann,  Mon.  SS.  VII,  73 — 133,  u.  1846.  8. 
Vorher  hatte  sich  Combetti  durch  seine  Ausgabe  Turin  1843.  8.  und  Monumenta 
Historiae  Patriae  V verdient  gemacht. 

*)  Vita  Benedicti  Clusensis  ed.  Bethmann,  Mon.  SS.  XH,  196 — 208. 

*)  Vita  Bobonis  de  Viqueria  ed.  God.  Hensrhen.  Acta  SS.  Mai  V,  185. 

6)  Arnulfi  Gesta  archicpiscoporum  Mediolancnsium  925 — 1077  edd.  Bethmann 
et  Wattenbach,  Mon.  SS.  VIII , 6 — 31.  Landulfi  historia  Mediolanensis  — 1085 
ib.  32 — 100.  Vgl.  W.  Giesebrecht,  Kaiserzeit  II,  534. 

*}  Andreae  Vita  S.  Arialdi,  Acta  SS.  Junii  V,  281 — 303. 


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336 


IV.  Salier.  § 32.  Die  Lombardei. 


tcren  Verlauf  der  Dinge,  anhaltende  innere  Kämpfe,  die  zu  dem 
gänzlichen  Verfall  der  noch  vor  kurzem  bo  glänzenden  Mailänder 
Kirche  führten,  schildert  der  jüngere  Landulf  von  S.  Paul1). 

Gregors  Freundin  und  unerschütterliche  Bundesgenossin,  die 
Gräfin  Mathilde,  feierte  mit  mehr  Eifer  als  Geschick  in  einem 
grofsen  Heldengedichte  Uber  sie  und  ihre  Vorfahren  der  Priester 
Donizo  oder  Dionysius,  ein  Mönch  in  dem  von  ihr  gestifteten 
Kloster  zu  Canossa.  Das  Werk  -war  für  Mathilde  selbst  bestimmt 
und  wurde  mit  Gemälden  geschmückt,  um  ihr  überreicht  zu  werden, 
aber  ehe  es  vollendet  war,  starb  die  Gräfin  am  24.  Juli  1115,  worauf 
der  Verfasser  noch  eine  Klage  Uber  ihren  Tod  hinzufügte2). 

Ein  Bewohner  von  Como  besang  mit  mehr  Patriotismus,  als 
poetischer  Begabung  und  grammatischer  Ausbildung  in  einem  langen 
Heldengedichte  den  Krieg  seiner  Vaterstadt  mit  den  übermächtigen 
Mailändern  (1118 — 1127),  welcher  nach  heldenmüthiger  Gegenwehr 
mit  der  Unterjochung  der  schwächeren  Stadt  endigte8).  Völlig  ent- 
gegengesetzter Art,  voll  Selbstbewustsein  und  Siegesfreude,  sind  da- 
gegen die  Aufzeichnungen  aus  der  Stadt  Pisa,  welche  damals  die 
Höhe  ihrer  Macht  erreichte.  Schon  i.  J.  1088  unternahmen  die  Pisaner 
auf  Antrieb  des  Papstes  Viktor  HI  iro  Verein  mit  Genuesem,  Römern 
Amalfitanem  einen  Kriegszug  zur  See  gegen  die  Sarrazenen  in  Afrika 
mit  dem  glänzendsten  Erfolge,  und  diese  Grofsthat  feierte  ein  patrio- 
tischer Pisaner  in  einem  rythmischen  gereimten  Gedichte  von  73  acht- 
zeiligen  Stanzen,  noch  ziemlich  roh  in  der  Form,  aber  voll  von  Leben 
und  Begeisterung4).  Nicht  lange  nachher  verherrlichte  der  DiaconuS 
Laurentius  die  Eroberung  von  Majorca  (1114, 1115)  in  einem  Helden- 
gedichte von  sieben  Büchern,  welches  nicht  ohne  dichterischen  Schwung 
ist  und  eine  bedeutend  fortgeschrittene  Herrschaft  Uber  die  poetische 
Form  bekundet,  nach  dem  Muster  des  Virgil.  Wenig  später  schilderte 
wieder  ein  Ungenannter  kurz  und  gedrängt,  aber  mit  gleichem  Selbst- 
gefühl in  Prosa  die  Grofsthaten  der  Bürger  von  der  Einnahme  Jerusa- 
lems unter  dem  Erzbischof  Daibert  an  bis  zum  Siege  Uber  die  Ge- 
nueser im  J.  11205). 

*)  Landulfus  Junior  de  S.  Paulo  bei  Muratori  SS.  V,  459 — 520. 

s)  Donizonis  Vita  Mathildis  ed.  ßelhmann,  Mon.  SS.  XII,  348  — 409  mit  den 
Bildern  aus  dem  noch  erhaltenen  Original. 

3)  Anonymi  poema  de  hello  et  excidio  urbis  Comensis,  Murat.  V,  413 — 456. 

4)  Entdeckt  von  Perlz,  Archiv  VII,  539.  Gcdr.  Du  Meril  p.  239.  Reiffenberg 
im  Bull,  de  l’Acad.  de  Brux.  X,  1,  524. 

E)  Gesta  Triumphalia  Pisanorum,  Mur.  VI,  100 — IOC.  Laurentii  Vemensis 
de  hello  Maioricano  libri  VII,  ib.  112 — 162.  Die  p.  107  und  167  gedr.  Chroniken 
sind  durch  die  Ausgabe  des  Bern.  Marangonis  anüquirt 


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Y.  WELFEN  UND  WEIBLINGEK. 

Von  Heinrichs  V Tod  bis  zur  Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts. 


§ 1.  Allgemeines. 

Die  salisclien  Kaiser,  eine  Reihe  kraftvoller  und  willensstarker 
Männer,  beherrschten  trotz  alles  Widerstrebens  der  Fürsten,  unge- 
achtet ihres  Zerfaliens  mit  der  römischen  Kirche,  so  gewaltig  ihre 
Zeit,  dafs  ihre  Person  den  Mittelpunkt  der  Geschichte  bildet:  es  gab 
noch  eine  Reichsgeschichte,  oder  vielmehr  es  hatte  sich  eben  von 
neuem  eine  gebildet,  die  in  einer  Anzahl  ausgezeichneter  Werke  be- 
handelt wurde,  während  zugleich  in  jeder  Specialgeschiclito  die  all- 
gemeine sich  abspiegelt.  Der  Zusammenhang  mit  den  beiden  Mittel- 
punkten der  christlichen  Welt  war  zu  keiner  Zeit  lebhafter  als 
während  des  Investiturstreites,  dessen  Phasen  in  jedem  Kirchsprengel 
empfunden  wurden. 

Heinrich  V war  bald  in  die  Fufstapfen  seines  Vaters  getreten; 
nach  seinem  Tode  kam  die  Opposition  zum  ersten  Male  wirklich 
zur  Herrschaft.  Anstatt  der  Staufer,  welche  allgemein  als  Erben 
und  Nachfolger  der  Heinriche  betrachtet  wurden,  ward  Lothar  der 
Sachse,  das  Haupt  des  particulären  Widerstandes,  gewählt  mit  aus- 
drücklichem und  bewufstem  Widerspruch  gegen  die  erbliche  Folge, 
welche  die  kirchlichen  Vorkämpfer  der  eigenen  freien  Wahl  wie 
eine  Art  von  Simonio  ansahem  Lothar  begann  damit,  das  Recht  der 
Krone  an  den  Bisthümem,  welches  noch  das  Wormser  Concordat 
gewahrt  hatte,  Preis  zu  geben.  Es  war  die  erste  grofse  Niederlage 
des  deutschen  Kaiserthums,  und  als  man  nach  Lothars  Tode  das- 
selbe Spiel  fortsetzte,  drohte  schon  das  ganze  Reich  aus  seinen 
Fugen  zu  gehen. 

Da  erfafste  aber  Friderich  I noch  einmal  mit  starker  Hand  die 
Zügel,  und  diese  Zeit  erscheint  auch  in  der  historischen  Litteratur 
vertreten  durch  Otto  von  Freising  und  seine  Fortsetzer;  noch  Fride- 
richs  II  erste  Herrscherjahre  sind  durch  ein  neues  Aufleben  der 

22 


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338 


V.  Staufer.  § 1.  Allgemeines. 


ReicliBgeschichte  bezeichnet,  dann  aber  nimmt  auch  in  den  Geschichts- 
quellen das  Besondere  Uberhand,  und  immer  seltener  erscheint  in 
ihnen  die  Beziehung  auf  einen  Mittelpunkt,  denn  es  hatte  wohl  ge- 
lingen können,  die  kaiserliche  Macht  zu  zerstören,  aber  die  päpst- 
liche Herrschaft  an  ihre  Stelle  zu  setzen,  das  Schwert  des  Kaisers 
zum  Werkzeug  derselben  zu  machen,  das  war  mifslungen.  Damit 
verlieren  nun  aber  auch  die  Einzelgeschichten  viel  von  ihrer  Bedeu- 
tung; Uber  die  wichtigsten  Begebenheiten  finden  wir  bald  nirgends 
mehr  irgend  genügende  Nachrichten,  bis  es  allmählich  so  weit  kam, 
dafs  das  wichtigste  Reichsgesetz,  Karls  IV  goldene  Bulle,  in  keiner 
einzigen  Chronik  erwähnt  wurde.  Schon  für  die  Zeit  Friderichs  II 
tritt  die  Bedeutung  der  Chronisten  sehr  zurück  gegen  die  Briefe 
und  Urkunden,  welche  in  zunehmender  Fülle  vorhanden  sind1). 

In  der  auffallendsten  Weise  verschwindet  ferner  vom  zwölften 
Jahrhundert  an  der  Sinn  für  historische  Forschung,  für  jene  sorg- 
same und  vorsichtige  Erkundung  der  Vorzeit,  welche  noch  eben 
vorher  so  eifrig  und  gewissenhaft  betrieben  wurde.  Wenn  sich  noch 
jemand  mit  den  Werken  der  Alten  beschäftigte,  sagt  Johann  von 
Salisbury,  so  lachten  alle  ihn  aus  und  hielten  ihn  für  stumpfsinniger 
als  einen  Esel,  ja  als  einen  Stein2).  Wir  haben  ähnliche  Klagen 
bereits  aus  den  Tagen  Ludwigs  des  Frommen  und  Heinrichs  IV  ge- 
hört, es  ist  die  natürliche  Wirkung  einer  unruhigen  Zeit,  die  von 
Kampf  und  Streit  erfüllt  war,  aber  verschiedene  andere  Ursachen 
traten  hinzu,  welche  namentlich  die  Beschäftigung  mit  ernstlichen 
geschichtlichen  Studien  verhinderten,  während  eine  gewisse  formale 
Bildung,  die  Kenntnifs  des  Lateinischen,  bis  zur  Mitte  des  dreizehnten 
Jahrhunderts  selbst  unter  den  Laien  sehr  verbreitet  war  und  auch 
die  Kaiser  dieses  Zeitraums  auszeichnete3).  Zu  diesen  Ursachen 
gehört  die  Herrschaft  der  scholastischen  Philosophie,  welche  sich 
von  Paris  aus  Uber  die  Welt  verbreitete,  und  von  der  Lombardei 
aus  das  Eindringen  des  Römischen  Rechtes,  dessen  Studium  von  der 

• 

1)  Ueber  diese,  welche  hier  zu  berühren  nicht  möglich  ist,  orientiren  Böhmers 
Regesla  Imperii  von  1198 — 1254.  Stuttg.  1849.  4.  Gesammelt  sind  sie  jetzt  in 
dem  Codex  diplomaticus  et  epistolaris  Friderici  II  von  Huillard  - Breholles,  bis 
jetzt  8 Bände. 

2)  Johannes  Saresber.  Metalog.  I,  3 : Si  quis  incumbebat  laboribus  anliquorum, 
notabatur  et  non  modo  asello  Arcadiae  tardior,  sed  obtusior  plumbo  vel  lapide 
otnnibus  erat  in  risum. 

3)  Bemerkenswert!!  ist  für  die  Bildung  der  Frauen  in  dieser  Zeit  die  Aenfse- 
rung  des  Vincenlius  Pragensis  ad  a.  1153  über  des  Landgrafen  Ludwig  von  Thü- 
ringen Tochter  Jutta,  die  Gemahlin  des  Königs  Wladislaus  v.  Böhmen.  Er  nennt 
sie : litteris  et  latino  optime  cruditam  eloquio,  quod  maxime  domizellarum  nobilium 
exornat  decorem. 


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Wundersucht  und  Fanatismus.  Ketzer. 


339 


Erforschung  der  eigenen  Vorzeit  gänzlich  ablenkte.  In  der  Kirche 
nahm  zu  derselben  Zeit,  während  die  wissenschaftliche  Bildung  ab- 
nahm, Fanatismus  und  Wundersucht  immer  mehr  überhand;  die 
Kreuzzilge  namentlich  trugen  dazu  bei,  aber  mehr  noch  der  Kampf 
gegen  die  weltliche  Gewalt  und  vom  dreizehnten  Jahrhundert  an 
der  Einflufs  der  Bettelorden.  Immer  häufiger  werden  die  feierlichen 
Erhebungen  und  Uebertragungen  der  Heiligengebeine  mit  den  grofsen 
Pilgerfahrten,  welche  sich  daran  knüpfen,  und  den  lügenhaften  Le- 
genden, die  dadurch  veranlafst  werden  ’).  Findet  irgendwo  ein  grofser 
Zulauf  statt,  so  pflegen  sich  bald  auch  benachbarte  Kirchen  zu 
rühren,  um  ihren  Theil  an  der  reichen  Ernte  an  sich  zu  ziehen. 
Guibert  von  Nogent,  am  Anfänge  des  zwölften  Jahrhunderts,  rügt 
dieses  Treiben  mit  dem  schärfsten  Tadel  und  deckt  mit  bemerkens- 
werther  Offenheit  die  Kunstgriffe  auf,  deren  man  sich  bediente.  Im 
Wundermachen  erlangte  man  eine  grofse  Fertigkeit,  und  Schrift- 
steller der  Zeit  klagen  Uber  die  vielen  betrüglichen  Wunder’)  und 
dafs  sich  auch  die  Ketzer  darauf  so  gut  verstanden’).  Denn  wäh- 
rend die  Kirche  die  Herrschaft  über  die  Gemüther  verlor,  während 
sie  begann,  in  Unwissenheit  und  Fanatismus  zu  versinken,  mehrten 
sich  auch  die  Klagen  Uber  die  zahllosen  Ketzer,  die"  man  dann  mit 
Feuer  und  Schwert  verfolgte4).  Bekannt  sind  die  Edikte  gegen  die 

*)  1107  Transl.  S.  Modoaldi  nach  Helmershausen.  1112  ff.  Miracula  S.  Ma- 
riae Laudunensis.  1123  Elevatio  Chunradi  ep.  Conslantiensis.  1131  Inventio 
S.  Malhiae  in  Trier.  1133  Elevatio  S.  Godehardi.  1142  S.  Legontii  in  Metz. 
1147  S.  Vitoni.  1154  Inventio  SS.  Adelarii  et  Eobani  in  Erfurt,  Ann.  S.  Petri, 
Nicol,  de  Syghen  p.  335.  1156  Barthol.  et  Paulini  in  Wirzb.  SS.  XVI,  9.  1160 
Miracula  S.  Nicolai  in  Brauweiler.  1164  Translatio  Trium  Regum.  1165  Elevatio 
et  canonizatio  Karoli  Magni.  1166  Translatio  SS.  Cassii  et  Florenlii  in  Bonn. 
1172  Elevatio  S.  Thomae  Cantuariensis.  1181  Miracula  Sanctorum  Iuvavensium, 
des  Vitalis  in  S.  Peter,  Valentin  und  Pilgrim  in  Passau,  Adalbero  in  Lambach. 
1183  Translatio  S.  Annonis  in  Siegburg,  Udalrici  in  Augsburg.  1189  Canonisatio 
Ott  Bambergensis.  1191  Inventio  Sanguinis  Domini  in  Erfurt.  Ann.  Reinhardsbr. 
p.  56.  Nicol,  de  Syghen  p.  335  zu  1190.  1192  Elevatio  S.  Ladislai  in  Ungern. 

1194  S.  Bcrnwardi  in  Hildesheim.  1199  Hoslienwunder  in  Augsburg.  Ann.  Ar- 
genlin.  1201  Transl.  SS.  Ileinrici  et  Cunigundis  in  Bamberg.  1205  Translatio 
S.  Corbiniani  in  Freising  u.  s.  w. 

2)  So  schon  Wolfhcr  in  Vita  Godeh.  II  c.  34,  Mon.  SS.  XI,  216. 

’)  Hisdem  temporibus  tanta  portenta  falsorum  signoruni  per  hcreticos  facta 
sunt,  ut  plurimis  obstupescentibus  iam  omnino  inslarc  perditi  hominis  adventus 
apud  plerosque  fidelcs  creditum  sit.  Ann.  Bruwillar.  1 144.  Vgl.  Ann.  August, 
min.  1146.  Scheftlar  1147.  Gerhoh.  Reichersperg.  1 147  über  die  aus  dem  Morgen- 
lande heimkehrenden  Betrüger.  Caesarii  Dial.  V,  18.  Walther  Map  spottet  sogar 
über  die  vorgeblichen  Wunder  des  h.  Bernhard,  und  Abälard  über  Norbert,  Mon. 
SS.  XII,  666  n.  24  — 26.  — 1147  Wunder  und  Zulauf  in  Wirzburg  gegen  den 
Willen  des  Bischofs,  SS.  XVI,  4. 

4)  Um  1112  Tanchelin  in  Antwerpen,  dessen  Anhänger  sich  nach  Köln  ver- 
breiteten, s.  H.  C.  Stein  de  Friderico  archiep.  Colon,  p.  38.  V.  Norberti,  Mon.  SS. 

22* 


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340  V.  Staufer.  § 1.  Allgemeines.  § 2.  Lothar  u.  Konrad. 

Ketzer,  welche  Friderich  II  erlassen  mufste,  um  seine  Rechtgläubig- 
keit zu  beweisen.  Um  dieselbe  Zeit  wird  Leopold  der  Glorreiche 
von  Oesterreich  besonders  gerühmt,  weil  er  Ketzer  braten  und  sieden 
liefs ') , und  dasselbe  that  schon  König  Heinrich  n von  England. 
Seit  100  Jahren  begannen  die  Ketzer  in  England  sich  zu  verbreiten, 
wie  Walther  Map  erzählt,  der  von  ihren  Schlechtigkeiten  Unglaub- 
liches berichtet 2).  Böhmen  war  schon  im  dreizehnten  Jahrhundert 
voll  von  Ketzern,  und  der  König  erwarb  sich  durch  Verfolgungen 
das  Lob  des  Papstes3).  Die  Waldenser  und  Albigenser  und  Konrad 
von  Marburg  brauche  ich  nur  zu  nennen.  Nur  zu  bekannt  sind 
ferner  die  Judenverfolgungen,  zu  welchen  die  Kreuzzüge  den  ersten 
Anstofs  gaben,  und  der  Bischof  von  Beauvais  verbrannte  auch  schon 
Hexen 4). 

Je  mehr  aber  das  Volk  sich  der  Kirche  entfremdete,  desto  eifri- 
ger achtete  man  auf  Visionen  und  Träume,  wie  die  der  Hildegard 
von  Bingen  und  der  Elisabeth  von  Schönau,  deren  Bruder  Ekbert 
die  Katharer  in  Köln  bekämpfte.  Sie  selber  sah  in  Visionen  dio 
ganze  Geschichte  der  11000  Jungfrauen6).  Ueberhaupt  wurden  immer 
fabelhaftere  Legenden  verbreitet,  um  den  Zulauf  zu  den  Wallfahrts- 
orten zu  vermehren,  und  sie  beschränkten  sich  nicht  mehr  auf  die 
ferne  Vergangenheit,  sondern  besudelten  auch  die  näher  liegende, 
völlig  geschichtliche  Zeit.  Schon  1122  beglaubigte  Papst  Kalixt  II 
die  vielleicht  von  ihm  selbst  verfafste  lügenhafte  Chronik  des  falschen 
Turpin6),  und  die  Legende  vom  heiligen  Karl  nahm  den  Kreuzzug 
des  Kaisers  als  Thatsache  auf;  aus  dem  thatkräftigen  Heinrich  II 
machte  die  Bamberger  Kirche  einen  Betbruder.  Nicht  besser  ging 
es  dem  König  Stephan  von  Ungern.  Welches  Fabelgewebe  sich  an 
die  Trierer  Reliquienfunde  anschlofs,  ist  in  neuerer  Zeit  genugsam 
erörtert  worden.  Zu  den  unverschämtesten  Erfindungen  gehört  ferner 

XII,  691.  Eberwini  abb.  Stcinfeldensis  epistola  ad  S.  Bernhardum  de  hereticis 
iuxla  Coloniam  repertis  et  combustis,  Mab.  Anal.  p.  473  und  Opera  S.  Beruh,  ed. 
Mab.  I,  1490  mit  den  beiden  Predigten  Bernhards,  welche  sich  darauf  beziehen. 
Godefridus  Colon,  et  Ann.  Aquenses  1163.  Caesarii  Dial.  V,  19.  In  Strafsburg 
Ann  Argentin.  1215  u.  1231.  Caesar.  III,  17.  Heinrich  Minnekes  Verbrennung  in 
Hildesheim  1225,  s.  Sudendorfs  Registrum  II,  160.  Verschiedene  Kel/.ergeschichten 
bei  Caesar.  III,  16.  V,  20-25.  IX,  12. 

*)  Wrlscher  Gast  194*.  — *)  De  nugis  curialium  I,  30. 

3)  Notizenblatt  der  Wiener  Akademie  I,  384. 

4)  Walther  Map  de  nugis  curialium  IV,  6.  Auch  in  Soest,  Caesarii  Dialog. 
IV,  99. 

“)  s.  Rettberg  I,  116.  Ueber  die  rasche  Verbreitung  der  Visio  Tundali  von 
1149  Gervinus  I,  174. 

°)  Vgl.  Gervinus,  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  I,  236. 


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Visionen,  Fabeln.  Verfall  der  Geschichtschreibung.  341 

die  Regensburger  Schrift  über  ihren  angeblichen  h.  Dionysius  ’). 
Wohl  sträubten  sich  viele  gegen  diese  Fabeleien,  in  den  Stiftern 
selbst  fanden  sich  Spötter,  und  die  Polemik  gegen  diesen  Unglauben 
ist  ein  beachtenswerther  Zug,  z.  B.  in  den  Salzburger  Wunder- 
geschichten, in  den  Wundern  des  h.  Anno.  Gerhoh  von  Reichers- 
perg  eifert  nachdrücklich  gegen  die  Profanen,  welche  von  Legenden 
nichts  hören  mögen  und  lieber  im  Cicero,  Virgil,  Ovid  lesen2).  Aber 
die  Wundergeschichten  gewannen  die  Ueberhand,  und  von  der  an- 
deren Seite  gesellten  sich  zu  ihnen  die  Dichtungen  des  karolingi- 
schen Sagenkreises.  So  verliert  sich  allmählich  der  Sinn  für  histo- 
rische Wahrheit;  die  Vorzeit  wird  mit  Fabeln  und  absichtlichen 
Erdichtungen  ausgefüllt,  und  die  bis  dahin  so  sorgsam  benutzten 
echten  Quellen,  für  die  daneben  kein  Platz  bleibt,  werden  gänzlich 
verdrängt.  Da  konnte  es  nicht  ausbleiben,  dafs  auf  den  Höhepunkt 
der  mittelalterlichen  Historiographie  ein  rascher  Verfall  folgte,  dessen 
Verlauf  wir  hier  nicht  weiter  verfolgen  werden. 

Auch  in  den  romanischen  Ländern  hört  mit  dem  dreizehnten 
Jahrhundert  die  Kirche  auf,  die  Hüterin  der  Geschichte  zu  sein, 
aber  hier  hat  mittlerweile  die  Laischaft  bereits  einen  solchen  Grad 
der  Bildung  gewonnen,  dafs  sie  in  vollkommen  ebenbürtiger  Weise 
die  Aufgabe  übernehmen  kann;  es  tritt  hier  eine  wissenschaftliche 
Entwickelung  ein,  gegen  welche  Deutschland  weit  zurückbleibt.  Nur 
langsam  und  vereinzelt  entstehen  in  den  deutschen  Städten  Chro- 
niken, noch  später  Landesgeschichten,  und  auch  diese  werden  zum 
Theil  von  Geistlichen  geschrieben;  der  künstlerischen  Form  ent- 
behren sie  fast  ohne  Ausnahme.  Zwischen  dem  Verfall  der  kirch- 
lichen Geschichtschreibung  aber  und  dem  Beginn  der  weltlichen  und 
particularistischen  liegt  ein  Zwischenraum  grofser  Oede,  welcher 
mit  dem  unseligen  Zwischenreich,  der  Periode  allgemeiner  Zerrüttung 
und  Erschöpfung  zusammenfällt  und  unsere  Aufgabe  begrenzt. 

§2.  Die  Zeit  Lothars  und  Konrads. 

Mit  dem  Tode  Heinrichs  V legte  Ekkehard  die  Feder  nieder. 
Ueber  die  Wahl  Lothars  hat  einer  der  anwesenden  Prälaten  einen 

*)  Translatio  S.  Dionysii  Ariopagitae  ed.  Kocpke,  Mod.  SS.  XI,  343  — 375. 
Bemerkenswerth  sind  darin  die  viel  benutzten  und  mifsbrauchten  topographischen 
Angaben  über  Regensburg  im  Prolog,  sowie  einige  Reste  alter  Sage  von  Iring. 

2)  Qui  gesta  Sanctorum  non  solum  legere  dedignantur  sed  nec  audire  quidein 
dignantur,  sed  solent  ea  odisse  et  fastidisse,  magis  diligentes  commenta  Maronis, 
scripta  Ciceronis,  nenias  Nasonis,  quam  signa  Nicolai,  virtutes  Egidii  et  aliorum 
Christi  amicorum.  Prologus  Vitae  Wirntoms  bei  Pez,  Thes.  I,  3,  399. 


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342  V.  Staufer.  § 2.  Die  Zeit  Lothars  und  Konrads. 

Bericht  abgefafst,  der  uns  noch  erhalten  ist1);  hoch  erfreut  Uber 
den  Sieg  seiner  Partei  sieht  der  Verfasser  in  allem,  was  geschah, 
das  Wirken  des  Heiligen  Geistes.  So  dankbar  wir  ihm  nun  auch 
sein  müssen  für  die  Nachrichten,  welche  er  uns  aufbewahrt  hat,  so 
vermissen  wir  doch  ungern  genauere  Nachrichten  Uber  die  Motive 
dieser  so  wichtigen  Wahl  und  die  Mittel,  durch  welche  sie  zu  Stande 
gebracht  wurde.  Denn  was  in  jener  Erzählung  gesagt  wird,  be- 
schränkt sich  auf  das  Aeufserlicbste,  und  der  Verfasser  war  entweder 
wenig  eingeweiht,  oder  er  sagt  weniger  als  er  wufste. 

Wie  es  aber  zu  geschehen  pflegt,  wenn  das  Haupt  der  Oppo- 
sition zur  Regierung  kommt,  Lothar  lenkte  bald  auf  die  Bahn  seines 
Vorgängers  ein;  es  fehlte  nicht  viel,  dafs  auch  er  mit  dem  Papste 
zerfallen  wäre,  und  die  Reichsgewalt  hielt  er  kräftig  aufrecht.  Da 
sehen  wir  denn  auch  unter  ihm  noch  die  Reichsgeschichte, 
welche  unter  Heinrich  V sich  entwickelt  hatte,  fortdauern.  Einem 
Exemplar  der  Chronik  des  Ekkehard,  das  mit  Auszügen  aus  Lam- 
bert bereichert  ist,  sind  Annalen  angefügt,  die  in  kurzer  gedrängter 
Weise  Uber  Lothars  Regierung  Bericht  erstatten;  der  Kaiser  steht 
durchaus  im  Vordergründe,  und  die  ganze  Fassung  erinnert  an  die 
Reichsannalen.  Ueber  den  Verfasser  ist  nichts  bekannt,  er  war 
aber  gut  unterrichtet  und  scheint  1133  den  Römerzug  mitgemacht 
zu  haben.  Pertz,  der  diese  Annalen  zuerst  in  ihrer  ursprünglichen 
Gestalt  bekannt  machte,  hielt  ihn  für  einen  Mönch  von  8.  Peter  in 
Erfurt;  gewifs  schrieb  er  in  Thüringen2).  Für  Konradä  Regierung 
giebt  es  nichts  der  Art;  der  rasche  Wechsel  der  herrschenden  Fa- 
milien erschütterte  das  Reich  zu  sehr,  und  es  fand  sich  keine  Feder 
für  die  Reichsgeschichte. 

Eine  nicht  unwichtige  Quelle  für  Lothars  Auftreten  in  Italien, 
die  Casineser  Chronik  des  Petrus  Diakonus,  wurde  schon  früher  er- 
wähnt; eine  andere,  welche  bis  in  den  Anfang  der  Regierung  Kon- 
rads (1139)  reicht,  ist  die  in  Sachsen  verfafste  Chronik  eines  un- 
bekannten Verfassers,  den  man  den  Sächsischen  Annalisten  zu 
nennen  pflegt 3).  Sein  Werk  ist  aber  leider  nicht  vollständig  er- 

*)  gcdr.  u.  a.  bei  Per,  SS.  Rer.  Aust.  I,  570.  Böhmers  Fontes  111,  570 — 574. 
Mon.  SS.  XII,  509 — 512  ed.  Wattenbach.  Vgl.  Jaffe,  die  Geschichte  des  deutschen 
Reiches  unter  Lothar  dem  Sachsen  S.  24  ff.,  wo  die  Stelle  der  Vita  Chunr.  Salisb. 
c.  21  nachzutragen  ist. 

s)  Annales  Erphesfurdenses  1125 — 1137,  Mon.  SS.  VI,  536 — 541.  Böhmer, 
Fontes  III,  574 — 581,  nennt  sie  Annales  Lothariani  und  hält  sie  für  ein  Stück  der 
Bosauer  (Pegauer)  Annalen,  ln  diese  gingen  sie  aber  mit  den  Erfurter  Annalen 
bis  1149  über. 

3)  Annalista  Saxo  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VI,  542  — 777.  Vgl.  L.  Giesebrecht, 
Wendische  Geschichten  111,  333  ff.  u.  unten  § 18. 


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Electio  Lotharii.  Annalista  Saxo. 


343 


halten;  geschrieben  hat  er  es  erst  gegen  die  Mitte  des  zwölften 
Jahrhunderts,  vielleicht  in  Halberstadt.  Es  ist  eine  grofse  Reichs- 
geschichte in  Annalenform  vom  J.  741  an,  mit  besonderer  Rücksicht 
auf  Sachsen.  Der  Fleifs  und  die  Gelehrsamkeit  des  Verfassers  sind 
bewnnderungswerth,  namentlich  die  ganze  sächsische  Litteratur  war  ' 
ihm  bekannt  und  dazu  die  Chronik  Ekkehards,  die  er  in  amfassen- 
der Weise  ausgeschrieben  hat.  Er  hat  nämlich  diese  Quellen  fast 
gar  nicht  verarbeitet,  sondern  mehr  oder  weniger  vollständig  abge- 
schrieben und  auf  diese  Weise  eine  ungeheuere  Compilation  zu  Stande 
gebracht,  die  wenig  schriftstellerischen  Werth  hat,  aber  vor  der 
späteren  Litteratur  sich  sehr  vortheilhaft  auszeichnet  durch  die 
Sorgsamkeit  der  Arbeit  und  die  Zuverlässigkeit  der  Angaben,  da  er 
durchgehends  die  besten  Quellen  benutzte  und  noch  frei  ist  von  der 
Fabelsucht  der  Späteren.  Seine  Bedeutung  für  die  Gegenwart  be- 
ruht grofsentheils  auf  dem  zufälligen  Umstande,  wie  weit  seine 
Gewährsmänner  uns  noch  erhalten  sind.  So  haben  seine  Auszüge 
aus  Regino,  Widukind,  Thietmar,  Adam,  Bruno,  Cosmas  u.  a. 
wenig  Werth  für  uns,  aber  er  hat  die  Quedlinburger,  die  Rosen- 
felder und  vielleicht  auch  die  Hildesheimer  Annalen  vollständiger 
besessen,  als  sie  uns  jetzt  vorliegen  und  dadurch  einige  schätzbare 
Bruchstücke  erhalten1). 

Ueber  die  sächsischen  Klöster  hat  er  viel  gesammelt,  was  ihm 
eigenthümlich  ist,  und  aus  Nienburg  an  der  Saale  vielleicht  eine 
eigene  Chronik  zur  Benutzung  gehabt;  ebenso  scheinen  ihm  Magde- 
burger und  Halberstädter  Bisthumsehroniken  Vorgelegen  zu  haben3). 
Die  Geschichte  der  Bischöfe  von  Halberstadt  berücksichtigt  er  mit 
solcher  Vorliebe,  dafs  Waitz  deshalb  vermuthet,  er  selbst  habe  dieser 
Barche  angehört8).  Besonderen  Fleifs  hat  er  auch  auf  die  Genealogie 

r)  s.  oben  S.  226.  Grofsentheils  auf  denselben  Quellen  beruht  der  unten  zu 
erwähnende  Chronographus  Saxo. 

*)  .Waitz  a.  a.  0.  p.  545.  Zu  seinen  Quellen  gehört  auch  ein  Fapslkatalog 
mit  den  gewöhnlichen  Nachrichten  über  die  Constitutionen  der  einzelnen  Päpste 
bis  auf  Formosus,  dessen  Geschichte  aus  Liudprand  abgeschrieben  ist,  weshalb 
Flacius  das  ganze  Werk  dem  Liudprand  zusebrieb  und  Busaeus,  obgleich  er  die 
Wahrheit  erkannte  und  in  der  Vorrede  nachwies,  cs  unter  dem  Titel:  Luitprandi 
Ticinensis  diac.  opus  de  vitis  Romanorum  pontificum,  Mog.  1602  in  quarto  heraus- 
gab. Eine  in  den  Text  bei  Hadrian  II  gerathene  Glosse  über  die  sächsischen  Zehn- 
ten scheint  auf  Uersfeld,  als  die  Heimath  der  Handschrift,  zu  führen,  und  die  we- 
nigen eigeuthümlichen  Zusätze  betreffen  Sachsen.  — Die  irrthümlich  für  alt  gehaltene 
Narratio  de  fundatione  quarundam  Saxoniae  ecclesiarum  weist  Waitz  in  den  Nach- 
richten v.  d.  Gött.  Univ.  1857  S.  63  als  sehr  spät  entstanden  nach. 

3)  Namentlich  auch  wegen  der  in  seiner  Originalhandschrift  auf  dem  Rande 
eingetragenen  Briefe  und  Urkunden,  die  sich  fast  alle  auf  Halberstadt  beziehen. 
Sie  sind  in  der  Ausgabe  fortgelassen  und  finden  sich  meistens  bei  Martcne  ColL 
Ampi.  I. 


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344 


V.  Staufer.  § 2.  Die  Zeit  Lothars  und  Konrads. 


der  bedeutenderen  sächsischen  Familien  verwandt,  und  diese  aus 
mündlicher  Mittheilung  geschöpften  Nachrichten  sind  für  uns  von 
grofsem  Werthe.  Es  scheint,  dafs  der  Verfasser  einen  grofsen  Theil 
von  Sachsen  durchreist  hat,  um  seine  Nachrichten  zu  sammeln ; von 
der  Mühe  und  Sorgfalt,  die  er  auf  sein  Werk  verwandte,  zeugt  auch 
die  noch  erhaltene  Original  - Handschrift  mit  ihren  zahlreichen  Ver- 
besserungen und  Nachträgen. 

Am  längsten  konnte  der  Verfasser  von  den  Hildesheimer  und 
Rosenfelder  Annalen  Gebrauch  machen,  aber  in  der  letzten  Zeit 
überwiegen  immer  mehr  seine  eigenen  Zuthaten,  und  die  Geschichte 
Lothars  wird  fast  ganz  selbständig  von  ihm  erzählt,  sei  es  nun,  dafs 
er  hier  andere,  uns  unbekannte  Quellen  vor  sich  hatte,  oder  dafs  er 
bereits  aus  eigenen  früheren  Erlebnissen  und  Notaten  nebst  den 
Erzählungen  der  Zeitgenossen,  wie  einst  Lambert,  die  Geschichte 
zusammenstellte,  mit  derselben  Sorgfalt  und  Zuverlässigkeit,  mit  der 
er  bis  dahin  seine  Quellen  ausschrieb.  Als  Sachse  und  als  Geist- 
licher wendet  er  natürlich  diesem  Kaiser  besondere  Vorliebe  zu. 
Wie  weit  sein  Werk  sich  erstreckt  hat,  ist  unbekannt  und  auch  aus 
den  späteren  Schriftstellern,  die  es  benutzt  haben,  nicht  zu  ersehen; 
man  erkennt  es  in  der  Lauterberger,  der  sogenannten  Repgowischen 
und  der  Magdeburger  Chronik,  und  auch  der  Chronist  von  S.  Pan- 
taleon in  Köln  hat  es  benutzt.  In  neuerer  Zeit  wurde  es  zuerst 
durch  die  Ausgabe  von  Eckhart  (1723)  bekannt  und  ungebührlich 
viel  benutzt;  nachdem  nun  Waitz  die  mühsame  Arbeit  ausgeführt 
hat,  überall  die  ursprünglichen  Quellen  nachzuweisen,  und  die  daraus 
entlehnten  Stellen  in  der  Ausgabe  auch  durch  kleineren  Druck  kennt- 
lich gemacht  hat,  so  läfst  sich  wohl  erwarten,  dafs  man  die  echten 
Quellen  vorziehen  und  den  Annalisten  nur  für  diejenigen  Nach- 
richten anführen  werde,  welche  ihm  eigenthümlich  sind. 

Einen  anderen  Weg  wie  der  sächsische  Annalist  schlug  Ho- 
norius  von  Au  tun  ein,  ein  Schriftsteller,  der  insofern  räthselliaft 
ist,  weil  er  sich  selbst  einen  Priester  und  Scholaster  der  Kirche 
von  Autun  nennt1),  während  doch  in  seinen  Schriften  nichts  auf 
Frankreich  deutet;  die  Handschriften  derselben  finden  sich  beson- 
ders häufig  im  südöstlichen  Deutschland.  Er  schrieb  zahlreiche 
theologische  Werke,  eine  Schrift  Uber  den  Vorzug  des  Priesterthums 
vor  dem  Königthum2),  eine  andere  Uber  die  kirchlichen  Schriftsteller,  • 
in  welcher  auch  seine  eigenen  Werke  aufgczählt  sind3). 

l)  wenn  nämlich  das  letzte  Kapitel  seines  Buches  de  luminaribus  ecclesiae 
wirklich  von  ihm  ist.  — 2|  Summa  gloria  de  Apostolico  et  Augusto,  Pez  Thes.  II,  179. 

a)  Liber  de  luminaribus  ecclesiae,  s.  oben  S.  55. 


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Annalista  Saxo.  Honorius  von  Alltun.  Kaiserchronik.  345 

Unter  diesen  befindet  sich  auch  ein  Handbuch  der  Weltgeschichte, 
Summa  genannt,  verfafst  zum  Frommen  derjenigen,  welche  bisher 
den  Mangel  an  Büchern  vorschützten , wenn  sie  in  Unwissenheit 
blieben.  Und  compendiös  genug  ist  auch  die  Geschichte,  aber  zu- 
gleich so  mager  und  geistlos,  dafs  der  Leser  nicht  gar  viel  dadurch 
gewann.  Gedruckt  ist  nur  der  letzte  Theil  von  726 — 1133  in  der 
Ausgabe  von  Wilmans '),  nachdem  das  Werk  lange  verborgen  geblie- 
ben war.  Die  beiden  letzten  Abschnitte  Uber  Heinrich  V und  Lothar 
sind  dem  Verfasser,  der  bis  dahin  vorzüglich  die  Wirzburger  Chronik 
ausschreibt,  eigenthümlich,  haben  aber  auch  nur  sehr  geringen  Werth. 

Viel  verbreiteter  als  diese  Summa  war  ein  noch  viel  umfassen- 
deres und  compendiöseres  Werk  des  Honorius,  eine  Beschreibung 
der  ganzen  Welt,  welche  auch  eine  kurze  Chronik  enthält,  die  in 
einen  Kaiserkatalog  ausläuft3). 

Gleichzeitig  entstand  auch  in  Oesterreich  das  erste  deutsch  ge- 
schriebene Geschichtswerk,  wenn  man  es  so  nennen  darf,  die  Kais  er - 
chronik3),  1137,  nach  anderen  1146  zuerst  verfafst  und  später  mit 
Fortsetzungen  versehen  bis  auf  Rudolf  von  Habsburg.  Sie  ist  in 
Versen  geschrieben  und  behandelt  ausführlich  nur  die  alte  Geschichte 
in  durchaus  sagenhafter  Weise.  Die  Kaisergeschichte  seit  Karl  dem 
Grolsen  ist  nicht  nur  ganz  dürftig,  sondern  auch  völlig  entstellt  und 
märchenhaft;  merkwürdig  ist  dabei  die  sehr  geringe  Rücksicht  auf 
die  Päpste,  welche  kaum  erwähnt  werden.  In  dem  Abschnitt  Uber 
Lothar  den  Sachsen,  wo  der  Verfasser  auf  die  Gegenwart  kommt, 
wird  seine  Darstellung  ausführlicher  und  beachtenswerth ; die  wei- 
teren Fortsetzungen  sind  nicht  ganz  unwichtig,  doch  besteht  die 
Wichtigkeit  des  Werkes  für  unsere  Aufgabe  hauptsächlich  darin, 
dafs  sich  in  ihm  zuerst  das  massenhafte  Einströmen  der  Fabel  in 
die  Geschichte  zeigt,  welches  in  den  gelehrten  lateinisch  geschrie- 
benen Werken  erst  etwas  später  beginnt  und  durch  die  viel  gelesene 
Kaiserchronik  nicht  wenig  befördert  wurde. 

*)  Ex  Ilonorii  Augustodunensis  Summa  totius  et  Imagine  Mundi,  ed.  Wil- 
mans, Mon.  SS.  X,  125 — 134.  Man  möchte  vermuthen,  dafs  in  der  Handschrift 
der  Summa  die  Zahlen  der  Regierungsjahre  fortgelassen  sind. 

a)  Der  frühere  Theil  dieser  Chronik  findet  sich  auch  zusammen  gearbeitet 
mit  Salzburger  Annalen  unter  dem  Titel  Cronica  Honorii.  Die  Imago  Mundi  ist 
häufig  gedruckt,  auch  in  der  Bibliotheca  Patrum  Colon.  XII.  Lugd.  XX. 

3)  Ausgaben  von  Mafsmann  u.  von  Diemer;  vgl.  Gervinus  1,  178  ft  Wacker- 
nagcl  S.  172.  Ccntralbl.  1854  S.  801.  S.  über  dieses  Eindringen  der  Sagen  in 
die  Geschichte  auch  Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  IV,  99  ft 


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346  V.  Staufer,  § 3.  Die  Prämonstralenser.  Albero  v.  Trier.  Wibald. 

§ 3.  Die  Prämonstratenser.  Albero  von  Trier.  Wibald. 

Außerordentlich  grofs  ist  der  Einflufs,  welchen  die  verschiede- 
nen Mönchsorden  geübt  haben,  die  mit  der  erstaunlichsten  Schnellig- 
keit sich  bis  in  die  gröfste  Ferne  verbreiteten.  Frankreich,  im 
elften  und  zwölften  Jahrhundert  die  eigentliche  Heimath  der  römisch- 
katholischen  Kirche,  das  Land,  wo  sie  am  festesten  wurzelte,  brachte 
auch  diese  mächtigen  Keime  neuer  Entwickelungen  hervor.  Wir 
haben  oben  der  Ausbreitung  der  Cluniacenser  gedacht  und  des 
grofsen  Einflusses,  den  die  Aebte  von  Cluny  auf  ihre  Zeit  aus- 
übten. Jetzt  wurde  Lothar  von  Norbert  beherrscht,  Konrad  von 
Bernhard  von  Clairvaux,  der  ihn  wider  Willen  zum  Kreuzzuge 
zwang.  Die  Werke  S.  Bernhards,  namentlich  seine  Briefe,  und  seine 
Biographien  enthalten  viel  Wichtiges  für  die  Geschichte  der  Zeit, 
aber  seine  Wirksamkeit  gehörte  doch  vorzugsweise  Frankreich  an '). 
Näher  steht  uns  Norbert,  der  von  Geburt  ein  Deutscher  war  und 
als  Erzbischof  von  Magdeburg  gestorben  ist. 

Norbert  war  ein  Weltgeistlicher  von  vornehmer  Abkunft,  ge- 
boren in  Xanten,  der  in  angesehener  Stellung  am  Hofe  lebte.  Plötz- 
lich aber  entschlofs  er  sich  (1115)  der  Welt  zu  entsagen,  ein  Blitz- 
strahl, der  ihn  schreckte,  bestärkte  ihn  in  seinem  Vorsatz,  und  er 
nahm  zu  Siegburg  von  dem  strengen  Abte  Kuno  das  Mönchskleid 
an,  ohne  doch  eigentlich  in  den  Orden  einzutreten.  Vielmehr  ging 
er  umher  und  predigte,  wozu  er  1118  in  S.  Gilles  vom  Papste  Ge- 
lasius  sich  förmlich  autorisiren  liefs;  besonders  liefs  er  es  sich  an- 
gelegen sein,  die  zahllosen  Fehden,  welche  damals  Frankreich  wie 
Deutschland  erfüllten,  beizulegen  und  Frieden  zu  stiften.  Im  fol- 
genden J.  1119  aber  liefs  er  sich  von  seinem  Freunde,  dem  Bischof 
Bartholomäus  von  Laon  bewegen,  dauernd  in  dessen  Sprengel  sich 
niederzulassen;  in  unwirklicher,  sumpfiger  Gegend  gründete  er  das 
Kloster  Premontrö  nach  der  Regel  des  h.  Augustinus,  die  er  durch 
strengere  Bestimmungen  schärfte;  unterscheidend  war  besonders,  wie 
bei  den  neueren  Benediktiner  Orden,  die  Unterordnung  der  Tochter- 
klöster unter  den  Abt  des  Mutterklosters.  Die  Erwerbung  von 
Kappenberg  für  den  Orden  führte  Norbert  wieder  häufiger  nach 
Deutschland;  mit  Erzbischof  Friderich  von  Köln,  der  ihn  zum 
Priester  geweiht  hatte,  war  er  nahe  befreundet.  Er  gewann  bald 

*)  Opera  S.  Bemardi,  ed.  Mabillon.  Heber  die  Kehrseite  der  Cisterzienser 
s.  Walther  Map  de  nugis  Curialium  und  den  Reinardus , der  vorzüglich  gegen  sie 
gerichtet  ist. 


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Prämonstratenser.  Norbert  Godfrid  v.  Kappenberg.  347 

auch  einen  sehr  grofsen  Einflufs  auf  Lothar,  der  1126  seine  Wahl 
zum  Erzbischof  der  sehr  verwilderten  und  verwahrlosten  Magde- 
burger Kirche1)  bewirkte,  eine  Stellung,  zu  der  seine  übertriebene 
mönchische  Askese  ihn  keineswegs  geeignet  machte;  er  erfuhr  dort 
den  hartnäckigsten  Widerstand  und  konnte  zu  keiner  bedeutenden 
Wirksamkeit  gelangen.  Erst  nach  seinem  Tode  (1134)  hat  der 
Orden  der  PrämonstratenBer  in  diesen  Gegenden  sich  weiter  ausge- 
breitet und  für  den  Anbau  und  die  Germanisirung  der  Blavischen 
Lande  vieles  geleistet. 

Als  Erzbischof  von  Magdeburg  nahm  Norbert  auch  an  Lothars 
Römerzuge  Theil  und  fungirte  nach  dem  Tode  des  Erzbischofs  von 
Köln  als  Kanzler  für  Italien.  Seine  Stimme  war  entscheidend  für 
die  endgültige  Verwerfung  Anaklets  2);  weit  wichtiger  aber,  denn 
Innocenz  II  war  bereits  von  der  französischen  Kirche  und  auch  von 
Lothar  anerkannt,  war  Norberts  Auftreten  gegen  die  Investitur  von 
Laienhand.  Lothar  forderte  die  Rechte  des  Reiches,  welche  er  bei 
seiner  Wahl  aufgegeben  hatte,  bei  der  Kaiserkrönung  zurück,  Inno- 
cenz schwankte,  aber  Norbert  trat  ihm  mit  seinem  vollen  mön- 
chischen Fanatismus  entgegen,  und  Lothar  fügte  sich  gehorsam. 

Diese  wichtige  Thatsache  ist  erst  jetzt  bekannt  geworden  aus 
der  von  Wilmans  entdeckten  und  herausgegebenen  Biographie  Nor- 
berts, die  von  einem  seiner  ersten  Schüler  geschrieben  ist  und  zu 
den  bedeutendsten  Quellen  dieser  Zeit  gehört;  bisher  kannte  man 
nur  eine  wenig  spätere  Ueberarbeitung,  in  der  aber  bereits  die  ge- 
schichtlich wichtigen  Züge  verwischt  sind3). 

Sehr  lehrreich  ist  auch  die  Lebensbeschreibung  des  Grafen 
Godfrid  von  Kappenberg  (t  1126),  welche  bald  nach  1150  von 
einem  Prämonstratenser  in  seiner  Stiftung  Kappenberg  verfafst  ist4). 
Dieser  Godfrid  nämlich,  ein  sehr  vornehmer  und  reicher  Graf  in 
Westfalen,  gab  sich  selbst  mit  seinem  ganzen  Vermögen  völlig  dem 
Norbert  und  seinem  neuen  Orden  hin  und  beredete  auch  seinen 
Bruder  Otto  und  seine  Gemahlin  Jutta,  der  Welt  zu  entsagen.  Aus 
seinen  drei  Burgen  Kappenberg,  Varlar  und  Ilbenstadt  machte  er 
drei  Klöster. 

l)  Vgl.  Tengnagels  Monum.  p.  372. 

a)  Ueber  Innocenz  und  Anaklet  s.  auch  Arnulfi  archidiaconi  Sagiensis  in  Gi- 
rardum  Engolismcnsem  invectiva,  Mon.  SS.  XII,  707 — 720. 

3)  Vita  Norberti  archiepiscopi  Magd.  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII,  663 — 706. 
Hierher  gehören  auch  die  Excerpta  ex  Herimanni  libro  de  Miracuiis  S.  Mariae  Lau- 
dunensis  ed.  Wilmans  ib.  p.  653 — 660  über  den  Bischof  Bartholomäus  und  Nor- 
bert, und  aus  desselben  Hermanns  Historia  restaurationis  S.  Martini  Tornacensis 

p.  660-662. 

*)  Vita  Godefridi  com.  Capenbergensis  ed.  Jafle,  Mon.  SS.  XII,  513 — 530. 


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348  V.  Staufer.  § 3.  Die  Prämonstrateaser.  Alhero.  Wibald. 

Den  heftigsten  Widerstand  erfahr  Godfrid  hierbei  von  seinem 
Schwiegervater,  dem  Grafen  Friderich  von  Arnsberg,  und  begreiflich 
ist  der  Unwille  der  Verwandten,  wenn  so  reiches  Erbe  und  die 
alten  Stammburgen  in  Pfaffenhände  kamen.  Um  aber  diese  Erschei- 
nung, welche  so  häufig  vorkommt,  zu  würdigen,  mufs  man  die  Schil- 
derungen der  Zeitgenossen  lesen,  nach  welchen  fast  ohne  Ausnahme 
eine  Ritterburg  der  Fluch  der  Umgegend  und  ein  ritterliches  Leben 
nicht  möglich  war,  ohne  an  den  ärgsten  Gewaltthaten  Theil  zu 
nehmen.  Godfrid  freilich  hatte  seinen  Leuten  schon  früher  in  einer 
Fehde  mit  dem  Bischof  von  Münster  untersagt,  den  Villanen  das 
Vieh  wegzutreiben,  abör  es  war  vorauszusehen,  dafs  spätere  Herren 
der  Burgen  minder  gutherzig  sein  würden.  Die  Burg  des  Grafen 
von  Arnsberg  war  ganz  voll  von  unglücklichen  Gefangenen,  die  hier 
gepeinigt  wurden,  um  ihnen  Geld  abzupressen,  und  das  scheint  ein 
ganz  gewöhnlicher  Zustand  gewesen  zu  sein.  Die  Rohheit  des 
Ritterthums  und  die  in  ihrer  Art  grofsartige  Selbstverleugnung  der 
mönchischen  Askese  treten  Bich  hier  in  merkwürdiger  Weise  ge- 
genüber. 

Unter  den  ersten  Brüdern  des  Klosters  Kappenberg  befand  sich 
auch  ein  getaufter  Jude,  Hermann,  früher  Judas  geheifsen,  ein 
Kölner,  den  Rupert  von  Deutz  und  Eckebert,  Bischof  von  Münster, 
bekehrt  hatten  und  der  uns  eine  höchst  eigenthümliche  Schrift  über 
diese  seine  Bekehrung  hinterlassen  hat1). 

Eine  ganz  ähnliche  Erscheinung,  wie  die  Umwandelung  der 
Burgen  Godfrids  von  Kappenberg  in  Prämonstratenser  Klöster  und 
zugleich  ein  Beispiel  von  der  weiteren  Ausbreitung  dieses  Ordens 
finden  wir  anschaulich  geschildert  in  dem  Leben  des  Grafen  Lud- 
wig von  Arnstein  (t  1185) 2). 

Ein  völlig  entgegengesetztes  Bild  zeigt  uns  das  Leben  des  Erz- 
bischofs Albero  von  Trier  (1131 — 1152).  Es  ist  kein  Heiligen- 
leben, wir  lesen  nichts  darin  von  Kasteiungen,  aber  desto  mehr  von 
weltlicher  Pracht  und  Herrlichkeit,  von  Krieg  und  Waffenlärm.  Wenn 
uns  nicht  Balderich  sagte,  dafs  Albero  ein  sehr  gelehrter  Herr  war 
und  so  subtil  zu  predigen  pflegte,  dafs  man  ihm  kaum  zu  folgen 
vermochte,  man  sollte  glauben,  dafs  er  sich  besser  darauf  verstan- 
den hätte,  ein  Heer  zu  ordnen  und  zur  Schlacht  zu  führen,  Burgen 
zu  stürmen  und  seiner  Feinde  Herr  zu  werden.  Und  doch  war  er 
ein  Hauptheld  der  Kirche,  und  auch  er  begleitete  Kaiser  Lothar 

*)  Ilerimanni  opusculum  de  conversione  sua,  gedr.  von  Carpzow  hinter  dem 
Pugio  fidei  Raymundi  Martini  ed.  Lips.  1687.  fol. 

2)  Vita  Ludewici  comitis  de  Arnstein,  in  Böhmers  Fontes  111,  326—339. 


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Ludwig  von  Arnstein.  Albero  von  Trier.  Briefsammlungen.  349 

nach  Italien  und  stand  hoch  in  Gunst  bei  ihm.  In  früheren  Jahren 
als  Archidiakonus  von  Metz  hatte  er  unermüdlich  und  unerschrocken 
gegen  die  Investitur  von  Laienhand  gekämpft,  er  besonders  war  es, 
der  jenen  Abt  Diegger  zum  Bischof  von  Metz  wählte,  aber  er  selbst 
ging  nicht  die  Wege  dieser  frommen  Betbrüder,  sondern  ihn  lockte 
die  Gefahr,  und  sein  Vergnügen  war,  sich  verkleidet  in  die  Mitte 
seiner  Feinde  zu  begeben,  ihre  Pläne  auszukundschaften  und  ihnen 
Trotz  zu  bieten.  Als  Erzbischof  hat  er  mannhaft  alle  Feinde  der 
Trierer  Kirche  bekämpft  und  diese  zu  einer  Höhe  der  Macht,  des 
Reichthums  und  des  Ansehens  im  Reiche  erhoben,  welche  um  so 
blendender  war,  da  noch  eben  zuvor  der  Kirchenvogt  Graf  Ludwig 
den  Erzbischof  Meinher,  seinen  Vorgänger,  in  gänzlicher  Abhängig- 
keit und  Dürftigkeit  gehalten  hatte.  Die  Wahl  König  Konrads  war 
hauptsächlich  sein  Werk  und  er  auch  seine  Hauptstütze  gegen  den 
Herzog  Heinrich. 

Selbst  ein  geborener  Franzose,  von  Montreuil,  brachte  Albero, 
als  er  1147  zum  Concil  des  Papstes  Eugen  nach  Paris  gereist  war, 
von  dort  den  Balderich  mit  sich  nach  Trier,  gebürtig  aus  Flo- 
rinnes  im  Lütticher  Sprengel,  der  damals  Sachwalter  am  päpstlichen 
Hofe  war,  und  übergab  ihm  die  Leitung  der  Domschule.  Dieser 
Balderich,  der  Albero  bis  an  dessen  Tod  sehr  nahe  stand,  hat  uns 
ein  prächtiges  Bild  von  ihm  hinterlassen,  das  im  Anfänge  der  Re- 
gierung seines  Nachfolgers  Hillin  geschrieben  ist,  eine  warme  lebens- 
volle Schilderung,  die  uns  den  Mann  zeigt,  als  ob  er  vor  uns  stünde, 
gänzlich  frei  von  allem  mönchischen  Geiste  und  daher  ein  höchst 
merkwürdiges  Seitenstück  zu  dem  Leben  Norberts1). 

Im  Ganzen  sind  aber  doch  die  Quellen  für  Lothars  und  Kon- 
rads Zeit  wenig  genügend,  und  um  so  mehr  verlangt  uns  nach  Er- 
gänzung dessen,  was  die  Schriftsteller  uns  bieten,  aus  Urkunden  und 
Briefen.  Die  früher  erwähnte  Sammlung  des  Udalrich  von  Bam- 
berg reicht  nur  bis  1125.  Auf  Lothars  Zeit  schien  ein  unerwartetes 
Licht  zu  fallen  aus  einigen  von  Kortüm  zuerst  publicirten  Briefen, 
allein  bei  näherer  Prüfung  hat  sich  ergeben,  dafs  es  nur  Muster 
arbeiten  sind  aus  einer  lombardischen  Schule  für  Notare  und  Dicta- 
toren,  wie  man  sie  damals  nannte,  nicht  unbrauchbar  um  die  Ver- 
hältnisse der  Zeit  kennen  zu  lernen,  und  für  Sittengeschichte  inter- 
essant, aber  .nicht  als  authentische  Documente  zu  betrachten !).  Für 

l)  Gesta  Alberonis  auct.  Balderico,  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  VIII,  243  — 260. 
Ziemlich  verunglückt  ist  ein  Lobgedicht  auf  Albero,  das  noch  bei  seinen  Lebzeiten 
geschrieben  ist,  in  schlechten  Hexametern  und  fehlerhafter  Sprache,  ib.  236 — 242. 

*)  s.  Waltenbach,  lter  Austriacum,  im  Archiv  für  Kunde  Österreich.  Gesch. 
Quellen  XIV,  wo  auch  andere  verwandte  Sammlungen  besprochen  sind. 


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350  V.  Stanfer.  § 3.  Albero.  Wibald.  § 4.  Otto  von  Freising. 

Konrads  Zeit  dagegen  besitzen  wir  einen  grofsen  Schatz  an  dem  in 
der  Urschrift  erhaltenen  Conceptbueh  des  Abtes  Wibald  von  Stablo 
und  Korvei,  eines  höchst  ausgezeichneten  Mannes  aus  der  Lütticher 
Schule,  der  Lothars,  Konrads  und  eine  Zeit  lang  auch  Friderichs 
Minister  war  und  während  des  Kreuzzuges  die  Regentschaft  für  den 
unmündigen  König  Heinrich  führte  ').  Man  erkennt  seine  Einwir- 
kung auch  in  der  vortrefflichen  und  ausführlichen  Fortsetzung, 
welche  die  früher  in  magerer  Weise  fortgeführten,  1117  abgebroche- 
nen Annalen  von  Korvei  nun  (1145)  plötzlich  erhalten.  Leider  ist 
nur  ein  Fragment  davon  bis  1147  erhalten3). 

§4.  Otto  von  Freising  und  seine  Fortsetzer. 

Ed.  princeps  von  Cuspinian,  Sfcrafsbnrg  1515  f.  In  Pithoei  SS.  Rer.  Germ.  1569  f.  Ur- 
stisii  Tom.  I.  Muratori  SS.  Tom.  III.  Vgl.  L.  Giesebrecht,  Wendische  Geschichten 
III,  338.  Waitz  in  Schmidts  Zeitschr.  II,  110.  Stflin,  Wirt.  Gesch.  II,  12.  Huber, 
Otto  von  Freising.  München  1847.  Wilmans,  Ueber  die  Chronik  Ottos  von  Freising, 
Archiv  X,  131  — 173.  Zur  Geschichte  der  Handschriften  derselben  ib.  XI,  18  — 64. 
Verhflltnifs  zu  den  Wittelsbachern  65  — 76;  vgl.  Wattenbach  im  Archiv  für  Kunde 
Österr.  Geschichtsquellen  XIV,  58.  Angaben  über  sein  Leben  in  den  Klosterneuburger 
Annalen,  Mon.  SS.  IX,  610  und  Gesta  Friderici  IV,  11,  von  Ragewin.  Aaszuscheiden 
ist,  was  Hanthaler  dazu  gef&lscht  hat. 

Otto,  Bischof  von  Freising,  war  ein  Sohn  des  Markgrafen  Leo- 
pold des  Frommen  von  Oesterreich  und  seiner  Gemahlin  Agnes,  der 
Tochter  Kaiser  Heinrichs  IV,  Wittwe  Friderichs  von  Staufen.  Sein 
Vater  bestimmte  ihn  zum  Propste  des  von  ihm  neu  begründeten 
Chorherrnstiftes  Klosterneuburg,  schickte  ihn  aber,  bevor  er  diese 
Würde  wirklich  übernahm,  der  Studien  halber  nach  Paris,  was  um 
diese  Zeit  bei  den  vornehmen  und  reichen  jungen  Klerikern  üblich 
zu  werden  anfing.  Hier  in  Paris  blieb  Otto  mehrere  Jahre;  als  er 
endlich  seine  Heimkehr  angetreten  hatte,  kam  er  auf  der  Reise  mit 
einem  Gefolge  von  fünfzehn  ausgesuchten  (electissimis)  Klerikern 
zur  Abtei  Morimund,  wo  sie  übernachteten.  Da  machte  nun  der 
Orden  der  Cisterzienser,  welcher  damals  noch  in  seiner  ersten, 
frischesten  Entwickelung  und  vollen  Reinheit  sich  befand,  einen  so 
überwältigenden  Eindruck  auf  Otto  und  seine  Begleiter,  dafs  sie  alle 
das  weifse  Kleid  des  neuen  Ordens  annahmen,  ein  grofser  Entschlufs, 
da  noch  die  Strenge  desselben  ungemildert  und  der  Unterschied 
zwischen  einem  Cisterzienser  Mönch  und  einem  vornehmen  Welt- 
geistlichen  aufscrordentlich  grofs  war.  Nach  einiger  Zeit  wurde 
Otto  in  Morimund  zum  Abt  erwählt,  und  diese  Würde  soll  er  sieben 
Jahre  lang  bekleidet  haben,  bis  ihn  gegen  das  Ende  des  Jahres 

*)  Martene  C-oll.  II,  153 — 621.  Vgl.  Janssen,  Wibald  von  Slablo  u.  Korvey. 
Münster  1854.  8. 

3)  Annales  Corbeienses,  Mon,  SS.  III,  8 — 18. 


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Wibald.  Otto  von  Freising. 


351 


1137  die  Freisinger  Kirche  zum  Bischof  wählte.  Dieses  Amt  ver- 
waltete er  von  nun  an  bis  zu  seinem  Tode  zwanzig  Jahre  lang  mit 
der  gröfsten  Gewissenhaftigkeit  und  Sorgfalt.  Er  fand  die  Kirche 
in  tiefem  Verfall,  innerlich  und  äufserlich  zerrüttet  durch  die  Folgen 
des  unseligen  Investiturstreites;  die  Güter  waren  verschleudert,  die 
Geistlichkeit  verwildert.  Da  war  nun  Otto  unablässig  und  mit  gutem 
Erfolge  bemüht,  den  alten  Glanz . der  Kirche  herzustellen;  er  machte 
ihre  Rechte  wieder  geltend  und  liefs  sich  durch  keinen  Widerstand 
des  Adels,  welcher  die  Besitzungen  an  sich  gerissen  hatte,  ein- 
schüchtem.  Besonders  von  den  Wittelsbachern,  vom  Pfalzgrafen 
Otto,  dem  Schirmvogt  des  Stiftes,  erfuhr  er  erbitterte  Feindselig- 
keiten, die  bis  zu  Mifshandlungen  führten;  seine  Chronik  (VI,  20) 
vergilt  es  ihnen,  und  zwar  in  einer  Weise,  die  bei  seiner  sonst 
überall  sich  gleich  bleibenden  ruhigen  Mäfsigung  sehr  auffallend  ist: 
man  sieht  daran,  mit  welcher  Erbitterung  der  Kampf  geführt  wurde. 
Als  später  die  Wittelsbacher  in  Baiern  zur  Herrschaft  kamen,  wurde 
die  anstöfeige  Stelle  in  mehreren  Handschriften  geändert;  unseren 
Ausgaben  aber  liegt  eine  andere  Handschrift  zu  Grunde,  welche  von 
keiner  Wittelsbachischen  Hand  berührt  war.  Doch  ist  sie  darum 
eben  so  wenig  frei  von  späteren  Aenderungen;  auch  die  Welfen 
nahmen  an  mehreren  Stellen  der  Chronik  Anstofs  und  ihnen  zu 
Liebe  waren  diese  schon  früher  verfälscht  worden,  wie  das  von 
Wilmans  nachgewiesen  worden  ist. 

Neben  der  Sorge  für  den  äufseren  Bestand  seiner  Kirche  liefs 
sieh  Otto  auch  ihre  innerliche  Erneuung  ernstlich  angelegen  sein; 
er  reformirte  die  Klöster  und  stellte  überall  Zucht  und  Ordnung  her, 
vornehmlich  aber  brachte  er  die  Freisinger  Schule  zu  hohem  Ansehen. 
Es  war  die  aristotelische  Philosophie,  welche  er  hier  vorzüglich 
lehrte  und  lehren  liefs  als  einer  der  ersten  in  Deutschland.  Die 
Disputationen  der  Pariser  Scholastiker  wurden  durch  ihn  auch  in 
Freising  heimisch,  wie  es  sein  Schüler  Ragewin  in  seiner  Todten- 
klage  beschreibt1). 

Aufserdem  war  natürlich  Otto  als  Bischof  und  Fürst  des  Reiches, 
besonders  aber  als  Halbbruder  des  Königs  Konrad  und  Oheim 
Friderichs,  welche  ihm  beide  das  gröfste  Vertrauen  bewiesen,  voll- 
ständig eingeweiht  in  die  wichtigsten  Verhältnisse  des  Reiches  und 
der  Regierung,  er  nahm  an  allen  bedeutenden  Verhandlungen  Theil 
und  wirkte  wo  er  konnte  vermittelnd  und  versöhnend.  Im  Jahre  1158 

*)  Huius  io  te  Studio  Studium  vigebat. 

Graia  disceptatio  plures  acuebat ..... 

Ipse  dcdit  strtpere  logicum  tumultum. 


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352  V.  Staufer.  § 4.  Otto  von  Freising  und  seine  Fortsetzer. 

begleitete  er  seinen  Neffen  nach  Italien,  erbat  aber,  da  er  sich  krank 
fühlte,  die  Erlaubnils  zur  Heimkehr.  Auf  dieser  Heimreise  besuchte 
er  sein  Kloster  Morimund,  und  hier  starb  er  am  21.  Sept.  1158, 
nachdem  er  noch  vorher  sein  letztes  Werk  den  Brüdern  übergeben 
hatte  mit  der  Bitte  darin  zu  ändern,  was  vielleicht  in  seinen  Aeufse- 
rungen  über  die  Lehre  des  Gilbert  von  Poitiers  jemanden  Anstofs 
geben  könnte. 

Wir  müssen  es  als  ein  besonderes  Glück  betrachten,  dafs  ein 
Mann  in  solcher  Stellung,  der  zugleich  so  vollständig  im  Besitze 
der  damals  erreichbaren  Bildung  war,  es  unternahm  Geschichte 
zu  schreiben.  Zwischen  den  Jahren  1143  und  1146  hat  er  seine 
Chronik  verfafst,  die  er  seinem  Freunde  Isingrim  widmete.  Sie 
unterscheidet  sich  wesentlich  von  allen  Werken,  die  wir  bisher  zu 
betrachten  gehabt  haben,  durch  die  vollständige  Beherrschung  des 
Stoffes  und  die  Verarbeitung  desselben  nach  bestimmten  Gesichts- 
punkten. Nur  auf  der  Grundlage  der  grofsen  chronologischen  Ar- 
beiten der  vorigen  Periode,  namentlich  des  Ekkehard,  den  er  am 
meisten  benutzt  hat,  war  ein  solches  Werk  überhaupt  möglich.  Man 
nennt  es  gewöhnlich  seine  Chronik,  allein  es  ist  keine  Chronik  und 
er  selbst  nennt  es  auch  nicht  so,  sondern  das  Buch  von  den  zwei 
Reichen  (De  duabus  civitatibus).  Seine  ganze  Richtung  ist  weniger 
historisch  als  vielmehr  philosophisch,  was  sich  aus  seinem  Bildungs- 
gänge hinlänglich  erklärt.  Er  schliefst  sich  unmittelbar  an  Augustin 
und  Orosius  an,  deren  Idee  er  wieder  aufnahm.  Seine  Absicht  ist, 
das  Elend  dieser  Welt,  der  Babel,  und  die  Herrlichkeit  des  Reiches 
Gottes,  des  himmlischen  Jerusalem,  zu  schildern.  Er  will  sie  dar- 
stellen in  ihrer  irdischen  Vermischung,  davon  handeln  die  ersten 
sieben  Bücher,  und  das  achte  berichtet  dann  vom  Weltuntergang, 
von  der  Scheidung  beider  Welten  nach  der  Auferstehung,  und  von 
dem  entgegengesetzten  Ausgang  beider. 

Otto  verfafste  dieses  Werk  zuerst  in  der  Zeit  vor  dem  Kreuzzug 
Konrads,  als  die  Zerrüttung  des  Reiches  durch  die  lange  dauernden 
und  entscheidungslosen  Parteikämpfe  auf  das  Aeufserste  gestiegen 
war,  als  alles  von  Krieg  und  Fehden,  von  Raub  und  Brand  erfüllt 
war.  Dabei  fühlte  sich  Otto  auch  in  seiner  Betrachtung  der  Ge- 
schichte beengt  durch  seine  doppelte  Stellung,  einerseits  als  Mönch 
und  Bischof,  andererseits  als  Fürst  des  Reiches  und  erster  Rath  des 
Königs.  Auf  allen  Seiten  sah  er  nur  Gutes  und  Böses  unheilbar 
vermengt  und  den  Untergang  der  Welt  nahe  bevorstehend:  nur  die 
Frömmigkeit  und  die  Gebete  der  Mönche,  meinte  er,  gewähren  noch 
ein  Gegengewicht  gegen  die  Schlechtigkeit  der  Menschen. 


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Die  Chronik  Ottos  von  Freisiog. 


353 


Diese  Auffassung  beherrscht  das  ganze  Werk,  und  die  philo- 
sophisch-theologische Behandlung  des  Stoffes  ist  durchaus  als  die 
Hauptsache  zu  betrachten,  nicht  die  historische  Forschung,  wenn 
auch  uns  der  letzte  Theil  des  Werkes  nicht  unwichtige  Nachrichten 
darbietet,  und  Otto  keinesweges  ohne  historische  Kritik  verfuhr.  So 
erwähnten  wir  schon,  dafs  er  die  Lügenhaftigkeit  der  Leidens- 
geschichte des  Erzbischofs  Thiemo  von  Salzburg  nachgewiesen  hat; 
ebenso  widerlegt  er  die  Fabeln  im  Leben  des  Papstes  Silvester  (VI,  1) 
und  verhehlt  nicht  seine  Bedenken  gegen  die  berüchtigte  Schenkung 
Konstantins  (IV,  3).  Auffallend  aber  ist  seine  Unsicherheit  in  Bezug 
auf  die  wichtigsten  staatsrechtlichen  Fragen  der  Zeit.  Sein  Bericht 
über  das  Wormser  Concordat  von  1122  ist  durchaus  ungenau,  und 
er  scheint  die  Ansicht  zu  theilen,  dafs  nach  einem  besonderen  Vor- 
recht im  Römischen  Reiche  die  Krone  nicht  vom  Vater  auf  den  Sohn 
übergehe.  Es  ist  das  ein  einzelnes  Beispiel  unter  vielen  von  den 
schädlichen  Folgen  der  grenzenlosen  Nachlässigkeit,  mit  welcher  man 
das  Reichsrecht  der  Vergessenheit  anheim  fallen  liefs,  und  auch  die 
wichtigsten  Beschlüsse  und  Gesetze  in  keiner  authentischen  Samm- 
lung aufbewahrte,  während  die  Kirche  nicht  nur  ihre  Rechte,  sondern 
auch  ihre  Ansprüche  in  den  Sammlungen  des  canonischen  Rechtes 
jedem  ihrer  Mitglieder  als  die  unabänderliche  Basis  ihrer  Stellung 
stets  gegenwärtig  erhielt. 

Diese  Chronik  Ottos,  welche  er  nach  dem  unglücklichen  Kreuz- 
zuge neu  überarbeitete,  verbreitete  sich  rasch,  besonders  im  südöst- 
lichen Deutschland.  Sie  wurde  viel  gelesen,  von  Compilatoren  benutzt 
und  ausgeschrieben,  und  hatte  grofsen  Einflufs  auf  die  Auffassung 
der  Geschichte.  In  dieser  berührte  sich  Otto  mit  den  alten  Chronisten 
der  merowingischen  Zeit;  er  selbst  aber  blieb  nicht  dabei  stehen, 
sondern  wandte  sich  davon  ab,  als  mit  Friderichs  Auftreten  alles 
eine  andere  Gestalt  gewann.  Im  Jahre  1156  übersandte  Otto  seinem 
Neffen,  dem  Kaiser,  die  Chronik  auf  dessen  Wunsch  durch  seinen 
Notar  Ragewin,  aber  er  schrieb  dabei,  dafs  er  sie  in  der  Bitterkeit 
seiner  Seele  verfafst  habe,  verleitet  durch  die  trübe  Zeit,  welche 
Friderichs  Regierung  vorhergegangen  sei  *).  Jetzt  aber,  da  der  Friede 
hergestellt  sei,  da  eine  bessere  Zeit  begonnen  habe,  sei  er  bereit, 
auch  diese  zu  beschreiben,  wenn  der  Kaiser  es  wünsche,  und  wenn 
er  ihm  durch  seine  Notare  das  Material  dazu  schicken  wolle.  Und 
Friderich  ging  hierauf  wirklich  ein;  wir  besitzen  noch  seinen  Brief 
vom  Sept.  1156,  in  welchem  er  einen  gedrängten  Ueberblick  seiner 

*)  ex  amaritudine  animae,  nubilosi  temporis  quod  ante  vos  fuit  turbulentia 
inductus. 

23 


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354  V.  Staufer.  § 4.  Otto  von  Freislng  u.  seine  Fortsetzer. 

Thaten  an  Otto  sendet,  um  diesen  in  seiner  Geschichte  weiter  auszu- 
fiihren.  Wir  können  diesen  Brief  gewissermafsen  als  den  Text  be- 
trachten, den  Otto  seinem  neuen  Werke  zu  Grunde  legte,  dem  Buche 
von  den  Thaten  des  Kaisers  Friderich. 

In  diesem  Werke  nun,  welches  als  Geschichtsquelle  vom  höchsten 
Werthe  ist,  giebt  Otto  im  ersten  Buche  eine  Uebersieht  der  Zeit  seit 
dem  Beginn  des  Kampfes  zwischen  Kaiser  und  Papst  mit  besonderer 
Rücksicht  auf  das  Geschlecht  der  Staufer.  Dann  berichtet  er  in 
chronologischer  Folge  sehr  genau  und  ausführlich  Uber  die  ersten 
Jahre  Friderichs,  mit  vollständiger  Aufnahme  wichtiger  Actenstücke. 
Das  tliut  er  um  so  lieber,  da  auch  hier  schon  wieder  Reibungen  mit 
der  päpstlichen  Curie  zu  berühren  waren,  und  in  solchen  Fällen  Otto 
es  sorgfältig  vermeidet,  eine  entschiedene  eigene  Meinung  auszu- 
sprechen. An  genauer  Kenntnifs  des  Gegenstandes  konnte  es  Otto 
aber  um  so  weniger  fehlen,  da  er  ja  selbst  an  vielen  Dingen  Antheil 
gehabt  hatte,  und  bei  dem  wichtigsten  Gegenstände  von  allen,  die 
er  zu  berichten  hatte,  bei  der  Beilegung  des  Zwistes  mit  Heinrich 
dem  Löwen  durch  die  Stiftung  des  Herzogthums  Oesterreich  *),  welche 
die  Grundlage  von  Friderichs  Regierung  bildete,  war  gerade  Otto 
der  Vermittler  gewesen. 

Nur  die  Geschichte  dieses  Jahres  1156  vollendete  Otto  noch; 
er  nahm  diese  beiden  ersten  Bücher  mit  sich  nach  Morimund  und 
übergab  sie  hier  bei  seinem  Tode  zur  weiteren  Fortsetzung  seinem 
Schüler  und  Notar  Ragewin  (in  den  Ausgaben  fälschlich  Rade- 
vicus  genannt),  dem  er  den  Anfang  dictirt  hatte  und  der  das  volle 
Vertrauen  seines  Herren  und  Lehrers  genofs.  Vorgearbeitet  aber 
hatte  Otto  bereits;  er  hatte  viele  Actenstücke  gesammelt  und  wohl 
auch  Aufzeichnungen  hinterlassen,  die  Ragewin  nur  verarbeitete. 
Dann  aber  führte  dieser  die  Geschichte  selbständig  weiter  bis  zum 
J.  1160.  Der  Kaiser  selbst,  dem  an  dem  Werke  otfenbar  sehr  viel 
gelegen  war,  hatte  Ragewins  Wahl  zum  Fortsetzer  gebilligt,  und 
sein  Kanzler  und  Notar,  denen  Ragewin  sein  Werk  widmet,  scheinen 
ihn  mit  Nachrichten  und  Urkunden  versehen  zu  haben. 

An  Gelehrsamkeit  mag  Otto  den  Ragewin  Ubertroffen  haben, 
aber  keineswegs  an  den  Eigenschaften,  welche  dem  Geschichtschreiber 
am  nöthigsten  waren;  vielmehr  ist  Ragewin  darin  seinem  Meister 

*)  Wegen  der  Wichtigkeit  des  Gegenstandes  bemerke  ich  hier,  dafs  die  Un- 
erhtheit  des  vielbenutzten  Privilegium  maius  jetzt  als  vollständig  erwiesen  betrachtet 
werden  kann ; nur  über  den  Urheber  und  die  Zeit  der  Fälschung  sind  noch  ver- 
schiedene Ansichten.  Wattenbach,  die  üsterr.  Freiheitsbriefe,  im  Archiv  f.  österr. 
Gesch.  Quellen  VIII,  77 — 120,  handelt  auch  von  der  Unerhlheit  der  von  Ilanthaler 
fabricirten  Chronisten,  namentlich  des  Pernold. 


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Gesta  Friderlcl.  Ragewio.  OUo  von  S.  Blasion.  355 

vorzuziehen , dafs  er  sich  nicht  durch  philosophisch  - theologische 
Gesichtspunkte  leiten  läfst,  sondern  seine  volle  Aufmerksamkeit  der 
Geschichte  unbefangen  zuwendet,  und  kein  anderes  Ziel  erstrebt,  als 
diese  der  Nachwelt  zu  überliefern.  In  der  Meisterschaft  der  Sprache 
und  der  Darstellung  aber  ist  kaum  ein  Unterschied  zu  bemerken. 
Als  gleichzeitiger  Bericht  über  die  Geschichte  der  Gegenwart  ist  das 
Werk  liagewins  schwerlich  Ubertroffen. 

In  der  Ausgabe  des  Urstisius  schliefst  sich  dem  vierten  und 
letzten  Buche  der  Thaten  Friderichs  noch  ein  Appendix  an  bis 
1171,  der  vielleicht  noch  von  Ragewin  herrlihrt  und  in  jedem  Falle 
gute  und  zuverlässige  Nachrichten  in  kurzer  Uebersicht  gewährt. 

Auch  die  Chronik  Ottos  fand  einen  würdigen  Fortsetzer  an 
Otto  von  S.  Blasien,  der  sie  in  annalistischer  Form  bis  1209 
weiter  führte1).  Doch  läfst  er  sich  durch  diese  Form  nicht  fesseln, 
sondern  bewegt  sich  frei  und  leicht  in  seiner  Darstellung  und  fafst 
das  Gleichartige  zusammen.  Er  schliefst  sich  völlig  an  Ottos  Weise 
an,  und  kommt  wie  dieser  im  Ausdruck  den  antiken  Schriftstellern 
ziemlich  nahe;  es  ist  nicht  die  ungeschickte  Nachahmung,  die  Auf- 
nahme einzelner  entlehnter  Redeweisen  wie  bei  den  älteren  Chronisten, 
sondern  ein  durchgebildeter  Stil,  welcher  eine  gründliche  und  sorg- 
fältige Beschäftigung  mit  dem  römischen  Alterthum  erkennen  läfst. 
Es  ist  aber  keinesweges  zufällig  und  blos  äufserlich,  wenn  die  Schrift- 
steller dieser  Zeit,  so  weit  es  ihnen  möglich  ist,  von  den  Kaisern 
in  der  Weise  der  alten  Autoren  berichten,  und  die  Kaiser  selbst  in 
ihren  Erlassen  die  Formeln  Justinians  wieder  zur  Anwendung  bringen: 
es  hängt  das  vielmehr  innig  zusammen  mit  der  damals  gerade  be- 
sonders lebhaft  wieder  hervortretenden  Vorstellung,  dafs  das  römische 
Reich  deutscher  Nation  sich  unmittelbar  der  Herrschaft  der  alten 
Cäsaren  anschliefse,  einer  Idee,  die  vorzüglich  von  der  Juristenschule 
Italiens  genährt  wurde  und  die  Chronisten  ohne  Ausnahme  erfüllte. 
Uebrigens  versteht  Otto  von  S.  Blasien  es  vortrefflich,  die  Ereignisse 
kurz  und  übersichtlich  zusammen  zu  fassen,  das  Wesentliche  überall 
hervorzuheben ; er  bewahrt  dabei  eine  ruhige  und  parteilose  Objecti- 
vität,  aus  der  er  nur  Belten  heraustritt.  Dies  konnte  ihm  um  so 
eher  gelingen,  da  er  den  Ereignissen,  welche  er  beschreibt,  schon 
ziemlich  fern  stand,  denn  er  hat  sein  Werk  erst  nach  1209  im  Zu- 
sammenhang verfafst.  Deshalb  ist  er  auch  im  Einzelnen,  namentlich 
in  der  Chronologie,  nicht  selten  ungenau.  Die  geistliche  Auffassung 

*)  Gedruckt  bei  Urstisius  I,  197 — 227,  Muratori  VI,  865 — 910,  Ussermann 
Prodromus  Germ.  Sarraell,453 — 514.  Böhmer,  Fontes  111,582  — 640.  Vgl. 
Stalin  II,  9. 

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356  V.  Staufer.  § 4.  Otto  v.  Freising.  § 5.  Gotfrid  v.  Viterho. 

fehlt  natürlich  auch  bei  ihm  nicht  ganz,  aber  von  dem  zelotischen 
Geiste  der  alten  Sanct  Blasianer  ist  nichts  mehr  bei  ihm  zu  bemerken ; 
auch  er  ist  wie  Otto  durchdrungen  von  der  Nichtigkeit  alles  Irdischen, 
beschränkt  sich  aber  mehr  wie  dieser  auf  die  einfache  Darstellung 
der  Tliatsachen.  Das  Kaiserthum  steht  ihm  überall  im  Vordergrund, 
die  Geschichte  des  Kaiserthums  ist  eben  sein  Gegenstand,  und  selbst 
das  Papstthum  tritt  bei  ihm  dagegen  in  auffallender  Weise  in  den 
Hintergrund.  Obgleich  unverkennbar  staufisch  gesinnt,  achtet  er  doch 
auch  in  Otto  schon  den  künftigen  Kaiser,  und  nachdem  dieser  nach 
Philipps  Tod  von  den  Fürsten  anerkannt  ist  und  sich  mit  den 
Staufern  ausgesöhnt  hat,  berichtet  er  auch  von  ihm  in  gleicher  Weise 
wie  von  seinen  Vorgängern.  Bei  Ottos  IV.  Kaiserkrönung  aber  endigt 
seine  Chronik,  sei  es  dafs  er  an  der  Vollendung  verhindert  wurde, 
oder  dafs  er  die  neuen  Verwickelungen  und  Wirren  darzustellen  sich 
scheute.  Denn  gestorben  ist  er  nach  Ussermann  erst  am  23.  Juli  1223, 
nachdem  er  im  Jahre  zuvor  Abt  von  S.  Blasien  geworden  war. 

§ 5.  Gotfrid  von  Viterbo. 

Otto  von  Freising,  Ragewin,  Otto  von  S.  Blasien  bezeichnen  den 
Höhepunkt  mittelalterlicher  Historiographie;  wir  finden  bei  ihnen 
eine  durchgebildete,  den  Fesseln  der  Schule  entwachsene  Sprache, 
freie  Beherrschung  und  Anordnung  des  Stoffes  nach  höheren  Gesichts- 
punkten und  die  Grundlage  einer  umfassenden  gelehrten  Bildung, 
welche  ihrer  Auffassung  Sicherheit  und  Bestimmtheit  verleiht,  und 
mit  eigener  reicher  Erfahrung  verbunden  sie  befähigt,  sich  weit  Uber 
das  Gebiet  der  blofsen  Compilation  und  Berichterstattung  zu  er- 
heben. Wir  werden  noch  einige  Werke  zu  nennen  haben,  welche 
sich  diesen  anreihen,  aber  während  dann  in  Frankreich  und  Italien 
eine  fortschreitende  Entwickelung  sowohl  der  Historiographie  als  der 
gelehrten  Bildung  überhaupt  zu  beobachten  ist,  finden  wir  in  Deutsch- 
land einen  unverkennbaren  Rückschritt.  Die  Kunst  der  Darstellung 
und  die  historische  Kritik  verschwinden  faBt  ganz,  und  wenn  auch 
hin  und  wieder  recht  gute  Aufzeichnungen  der  Zeitgeschichte  zum 
Vorschein  kommen,  so  fehlt  ihnen  doch,  was  bei  der  Zerstückelung 
des  Reiches  nicht  ausbleiben  konnte,  die  Uebersicht  der  allgemeinen 
Geschichte,  sie  sinken  zu  blofsen  Localchroniken  herab  und  sind  doch 
andererseits  auch  auf  diesem  Gebiete  mit  den  ähnlichen  Leistungen 
der  Italiener  nicht  zu  vergleichen. 

Einen  aufserordentlichen  Contrast  bildet  sogleich  Gotfrid  von 
Viterbo  zu  Otto  von  Freising,  dem  er  sich  zunächst  anschliefst, 
und  dem  wir  ihn  deshalb  auch  hier  anreihen  wollen. 


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Otto  von  S.  Blasien.  Gotfrid  von  Viterbo. 


357 


Gotfrid  war  ein  geborener  Deutscher,  vermuthlich  ein  Sachse, 
denn  die  Sachsen  lobt  er  vor  allen  anderen  und  ganz  besonders  den 
Erzbischof  Wichmann  von  Magdeburg;  seine  grammatische  Bildung 
aber  empfing  er  in  Bamberg.  Frühzeitig  (um  1 156)  kam  er  an  den 
Hbf  und  lebte  hier  als  Kaplan  und  Notar  Konrads,  Friderichs  und 
Heinrichs  VI,  dessen  Erzieher  er  gewesen  zu  sein  scheint.  Denn 
Friderich  liefs  alle  seine  Kinder  mit  der  gröfsten  Sorgfalt  erziehen 
und  unterrichten1).  Dem  Wanderleben  des  Hofes  folgend  war  Got- 
frid 1160  mit  dem  Kaiser  in  Italien,  1162  in  Bürgend ; 1167  nahm 
er  wieder  Theil  an  dem  anfangs  so  glänzenden  italienischen  Feldzug, 
dem  durch  die  furchtbare  Pest  dieses  Jahres  ein  trauriges  Ende  be- 
reitet wurde ; Gotfrid  selbst  gerieth  in  die  Gefangenschaft  des  Mark- 
grafen von  Montferrat.  Auch  in  den  Jahren  1174  bis  1177  ist  er 
wieder  in  Italien  gewesen;  er  war  Canonikus  zu  Verona,  und  hatte 
auch  eine  Stellung  in  Viterbo  an  der  Kirche  der  dortigen  Kaiser- 
pfalz. Hier  hat  er  sich  dauernd  aufgehalten  und  auch  seine  Schriften 
verfafst;  er  lobt  den  Ort  sehr  wegen  seiner  angenehmen  und  ge- 
sunden Lage,  den  alten  Dienern  des  Kaisers  diene  er  zur  Erholung 
von  ihren  Anstrengungen,  aber  er  klagt  zugleich,  dafs  nicht  besser 
für  sie  gesorgt  werde“).  Bald  nach  1190  scheint  Gotfrid  gestorben 
zu  sein. 

Erst  in  seinen  alten  Tagen  als  pensionirter  Kaplan  an  der  Hof- 
kirche zu  Viterbo  scheint  Gotfrid  sich  der  Schriftstellerei  ergeben 
zu  haben ; das  früheste  Werk,  welches  wir  von  ihm  besitzen,  ist  aus 
dem  Jahre  1181,  freilich  erwähnt  er  darin  (v.  1095)  schon  eine 
früher  geschriebene  Chronik.  Jenes  Werk  nun  ist  ein  Gedicht  von 
1221  Versen  Uber  die  Thaten  des  Kaiser  Friderich  in  Ita- 
lien’), dessen  Bekanntmachung  durch  Ficker  um  so  erfreulicher  ist, 
da  Gotfrid  in  seinem  Pantheon  mit  Beziehung  darauf  gerade  Uber 
diese  Ereignisse  rasch  hinweg  geht.  Gotfrid  konnte  aber  als  Augen- 
zeuge besonders  über  den  Feldzug  von  1167  schätzbare  Mittheilungen 
machen  und  hat  es  auch  gethan;  vorzüglich  der  eilige,  in  völlige 
Flucht  übergehende  Rückzug  und  die  Verheerungen  der  Pest  sind 
mit  anschaulicher  Lebendigkeit  geschildert.  Diese  Beschreibung  ist 
aber  auch  fast  das  einzige  historisch  brauchbare  in  Gotfrids  Schriften, 

*)  liboros  suos  omnes  litteris  apprime  erudiri  fecit.  Otto  de  S.  Blasio  21. 

3)  Gesla  Friderici  v.  145  — 165.  Mehr  Nachrichten  über  sein  Leben  enthält 
eine  Handschrift  in  Montpellier,  Archiv  VII,  565. 

8)  Godefridi  Viterbiensis  Carmen  de  Gestis  Friderici  I in  Italia,  cd.  Ficker. 
Innsbruck  1853.  8.  Verbesserungen  des  Textes  im  Literar.  Cenlralblatt  1855. 
S.  136.  — Docen  bat  es  zuerst  entdeckt  und  im  Archiv  IV,  352  Nachricht  davon 
gegeben. 


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358  V.  Staufer.  § 5.  Gotfrid  von  Viterbo.  § 6.  Salzburger  Quellen. 

so  weit  sie  bis  jetzt  bekannt  sind.  Im  J.  1185  verfafate  er  ein  um- 
fassendes Werk  unter  dem  Titel  Memoria  Saeculorum,  welches 
er  Heinrich  VI  widmete,  in  derselben  geschmacklosen  Form,  nämlich 
je  2 Hexameter  mit  einem  Pentameter  verbunden.  Einen  Auszug 
daraus,  welcher  aber  nur  bis  auf  den  Tod  Karls  des  Grofsen  geht 
und  Spiegel  der  Könige  betitelt  ist,  sandte  der  Verfasser  eben- 
falls an  Heinrich  VI  und  empfahl  ihn  in  den  Schulen  lesen  zu  lassen. 
Zu  diesem  Zwecke  ist  dem  poetischen  Text  ein  prosaischer  Com- 
mentar  beigegeben.  Andererseits  verband  er  auch  denselben  nur 
zum  Theil  umgearbeiteten  Text  mit  prosaischen  Einschiebungen  ge- 
schichtlichen Inhalts,  die  grofsen  Theils  aus  Otto  von  Freising  ent- 
nommen sind.  Dieses  Werk  nannte  er  Pantheon  und  widmete  es 
1186  dem  Papst  Urban  III;  eine  zweite  1190  beendigte  Ausgabe 
ist  dem  Papst  Gregor  VIII  und  Kaiser  Heinrich  VI  gewidmet  ‘). 

Der  geschichtliche  Werth  dieser  Werke  ist,  wie  gesagt,  äufserst 
gering;  am  ausführlichsten  ist,  wie  in  der  Kaiserchronik,  die  alte 
Geschichte  behandelt.  Wichtig  aber  ist  das  Pantheon  deshalb,  weil 
hier  zuerst  die  ganze  Fülle  der  Fabeln  auch  in  die  gelehrte  Geschicht- 
schreibung einströmt  und  weil  Gotfrid  dadurch  einen  sehr  schädlichen 
Einflufs  auf  die  späteren  Chronisten  ausgeübt  hat.  Hier  finden  wir 
den  Kreuzzug  Karls,  allerlei  Fabeln  Uber  die  Ottonen,  hier  auch 
schon  jenes  wunderliche  Märchen  Uber  Heinrichs  HI  Abkunft  und 
Geburt  und  anderes  der  Art,  und  zwar  steht  dieses  in  den  Versen 
Gotfrids,  mitten  zwischen  Fragmenten  der  geschichtlich  wahren,  von 
Otto  von  Freising  entlehnten  Darstellung2). 

Rechnen  wir  dazu  noch  die  fehlerhaften  Verse,  die  in  jeder 
Hinsicht  geschmacklose  Art  der  Erzählung,  die  überall  herrschende 
Verwirrung  und  Unordnung,  so  können  wir  nicht  anstehen,  diese 
Werke  für  ein  trauriges  Beispiel  rascher  Entartung  der  Historio- 
graphie zu  erklären. 

§ 6.  Salzburger  Quellen. 

In  der  vorigen  Periode  (S.  249  ff.)  haben  wir  gesehen,  wie  im 
Sprengel  von  Salzburg  mit  der  Kirchenspaltung  litterarisches  Leben 
erwachte;  die  schon  oben  erwähnten  Werke  sind  zum  Theil  erst  in 
dieser  Zeit  geschrieben.  Die  Erzbischöfe  waren  der  strengsten 
kirchlichen  Richtung  zugethan,  und  sic  verstärkten  diese  Partei 
durch  die  Einführung  von  Hirschauer  Mönchen  aus  Schwaben.  Im 

*)  s.  darüber  Archiv  VII,  559 — 59G.  XI,  322 — 338.  Das  Pantheon  ist  gedr. 
bei  Pistorius  II,  1 und  Muratori  VII,  347. 

2)  Vgl.  darüber  auch  Waitz  in  Schmidts  Zeitschrift  IV,  103. 


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Gotfrid  von  Viterbo.  Leben  Konrads  von  Salzburg.  359 

Jahre  1106  empfing  auf  dem  Concil  zu  Guastalla  Konrad,  aus  der 
vornehmen  bairischen  Familie  der  Grafen  von  Abenberg,  die  Weihe 
zum  Erzbischof,  ein  Mann  von  unerschütterlicher  Festigkeit,  den  die 
schärfsten  Verfolgungen  Heinrichs  V und  seiner  Anhänger  nicht 
wankend  zu  machen  vermochten  in  seiner  Ueberzeugung.  Sein 
Biograph  rühmt  von  ihm,  dafs  er  nach  Heinrichs  Tode  nicht  wenig 
dazu  beigetragen  habe,  gegen  die  Stimmen  fast  aller  Fürsten  Lothar 
auf  den  Thron  zu  erheben,  weil  dieser  immer  auf  päpstlicher  Seite 
gestanden  hatte.  Segensreicher  war  Konrads  spätere  Wirksamkeit, 
da  er  nach  hergestelltem  Frieden  mit  eben  so  viel  Eifer  als  Erfolg 
bestrebt  war,  seinen  weiten  Sprengel  zu  sichern  und  einen  blühen- 
den Zustand  herbeizuführen.  Er  zuerst  brachte  durch  seine  Festig- 
keit und  sein  persönliches  Ansehen  einen  dauernden  Frieden  mit 
den  Ungern  zu  Stande,  und  die  noch  wenig  bewohnten  Grenzlande 
konnten  sich  nun  mit  Colonisten  bevölkern;  Klöster  erblühten  in 
den  steirischen  Alpen,  und  der  Anbau  des  Landes  machte  die 
gröfsten  Fortschritte.  Wir  besitzen  Uber  diesen  Konrad  eine  recht 
gute  Lebensbeschreibung1),  verfafst  von  einem  Geistlichen,  der  ihn 
persönlich  gekannt  hatte  und  von  ihm  unter  anderem  zu  einer  Ge- 
sandschaft  an  den  König  von  Ungern  verwandt  war;  geschrieben 
hat  er  jedoch  erst  bedeutend  später,  zwischen  1170  und  1177,  und 
sein  Werk  ist  daher  im  Einzelnen  nicht  sehr  genau,  obgleich  er 
seinen  Gegenstand  mit  Geschick  und  Kenntnifs  behandelt  und  auch 
sehr  werthvolle  Nachrichten  aufbewahrt  hat.  Doch  beschränkt  er 
sich  wie  die  meisten  Biographen  fast  ganz  auf  die  Thätigkeit  Kon- 
rads innerhalb  seines  Sprengels  und  weifs  von  der  Reichsgeschichte 
nur  wenig  zu  berichten. 

Konrad  führte  in  seinem  Sprengel  besonders  den  Orden  der 
regulirten  Chorherren  ein,  welche  nicht  minder  eifrig  papistisch 
waren,  wie  die  übrigen  neuen  Orden.  Er  hatte  sie  zuerst  kennen 
gelernt,  als  er  aus  Salzburg  vertrieben  in  Magdeburg  eine  Zuflucht 
fand,  und  von  dort  holte  er  die  ersten  nach  Salzburg;  später  konnte 
er  selbst  wieder  andere  nach  Neu  werk  bei  Halle  senden5).  Aus 
seiner  Zucht  stammte  auch  Hartmann,  der  zuerst  Propst  von 
Chiemsee  war  und  dann  der  neu  begründeten  Stiftung  Klosterneuburg 

')  Vita  Chunradi  archiep.  Salisb.  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  62 — 77.  Die 
liier  übersehene  Wiener  Handschrift  Sal.  8”,  jetzt  289,  giebt  keine  bedeutende  Ver- 
besserung und  bricht  an  derselben  Stelle  wie  Sal.  79  ab.  Das  Ende  ist  verloren. 

a)  s.  darüber  Vita  Lamberti  primi  praepositi  Novi  Operis  bei  Schannat,  Vin- 
demiae  II,  68. 


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360 


V.  Staufer.  § 6.  Salzburger  Quellen. 


vorgesetzt  wurde,  zuletzt  1142 — 1165  Bischof  von  Br  ixen  wurde. 
Ein  Chorherr  von  Klosterneuburg,  der  ihn  jedoch  nicht  mehr  per- 
sönlich gekannt  hatte,  hat  sein  Leben  beschrieben1).  Es  ist  arm 
an  geschichtlichem  Inhalt,  aber  desto  reicher  an  Phrasen  und  Wunder- 
geschichten. 

Lehrreicher  ist  das  Leben  Bertholds,  des  ersten  Abtes  von 
Garsten’).  Der  Markgraf  Otakar  von  Steier  hatte  hier  auf  seinem 
Erbgute  eine  Stiftung  für  Kleriker  gemacht,  aber  wie  das  so  häufig 
vorkommt,  diese  wollten  nicht  gut  thun.  Der  Markgraf  entschlofs 
sich  daher  (1107)  Mönche  aus  Götweih  dort  einzuftibren;  den 
fremden  Klerikern  erlaubte  er  abzuziehen,  aber  wer  darunter  zu 
seinen  eigenen  Leuten  gehörte,  mnfste  Mönch  werden.  Einer  weigerte 
sich  hartnäckig,  aber  der  Markgraf  liefs  ihn  so  lange  prligeln,  bis 
er  einwilligte.  Dieser  soll  dann  von  Stund  an  sich  durch  besondere 
Frömmigkeit  ausgezeichnet  haben.  Zuerst  stand  dem  neuen  Kloster 
der  Götweiher  Prior  Wimt  vor;  als  dieser  bald  darauf  Abt  von 
Formbach  wurde , folgte  ihm  Bertliold , der  nach  Götweih  aus 
S.  Blasien  gekommen  war  und  den  Mönchen  in  Garsten  bis  an 
seinen  Tod  am  27.  Juli  1142  Vorstand. 

Konrads  Nachfolger  Eberhard  (1147 — 1164)  war  derselben 
Richtung  ergeben.  Er  hatte  in  Paris  studirt,  und  es  konnte  daher 
nicht  fehlen,  dafs  er  in  dem  neuen  Schisma  auf  Alexanders  Seite 
trat;  denn  er  war  von  Paris  her  mit  einem  grofsen  Thcile  der 
Männer  befreundet,  welche  die  Hauptstützen  und  Führer  dieser 
Partei  waren.  Mit  der  gröfsten  Zähigkeit  und  Klugheit  behauptete 
er  seinen  Standpunkt,  und  als  alles  sich  vor  Barbarossa  beugte,  blie- 
ben nur  die  Salzburger  Berge  Alexanders  feste  Burg  in  Deutschland, 
eine  Burg,  die  um  so  wichtiger  war,  da  sie  den  Weg  nach  Ungern  öff- 
nete und  auch  der  Patriarch  von  Aquileja  von  Eberhard  gewonnen 
wurde.  Alle  diese  Verhältnisse  liegen  offen  vor  uns  durch  die  noch 
erhaltenen  Correspondenzen;  wir  besitzen  Eberhards  eigenes  Con- 
ceptbuch,  in  welches  er  die  erhaltenen  und  abgesandten  Briefe 
eintragen  liefs3),  und  diese  werden  ergänzt  durch  eine  Anzahl  an- 
derer von  Sudendorf  mitgetheilter  Briefe,  unter  denen  des  kaiser- 
lichen Notars  Burchard  Bericht  Uber  seine  Sendung  an  Eberhard 

M Vita  Ilartmanni  ep.  Brixinensis  ed.  Pez,  SS.  Austr.  I,  495. 

’)  Vita  Berhtoldi  abb.  Garst,  ed.  Pez,  SS.  Austr.  II,  86. 

3)  Gröfstentheils  gedruckt  in  Tengnagels  Mon.  adv.  Schismaticos;  vgl.  Archiv 
X,  491.  Viele  finden  sieh  auch  bei  Ragewin,  aber  seine  Correspondenz  mit  Alexan- 
der und  dessen  Anhängern  in  Frankreich,  Italien  und  Ungern  blieb  dem  Kaiser 
verborgen. 


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V.  Hartmanni,  Bertholdi,  Eberhardi.  Wunder.  Annalen.  361 

am  wichtigsten  ist  ‘).  Vergeblich  suchen  wir  dagegen  Auskunft  in 
den  beiden  vorhandenen  Biographien  Eberhards,  welche  höchst  un- 
bedeutend sind*).  Doch  enthält  die  ältere,  von  einem  seiner  Schüler 
verfafst,  wenigstens  gute  Nachrichten  über  seine  persönlichen  Ver- 
hältnisse und  seine  bischöfliche  Wirksamkeit. 

Eberhards  Nachfolger  Konr  ad  II  (1164 — 1168)  hat  keinen  Bio- 
graphen gefunden,  so  wenig  wie  sein  Bruder,  der  Bischof  Otto  von 
Freising.  Konrad,  bis  dahin  Bischof  von  Passau,  blieb  eben  so  fest 
wie  Eberhard  auf  Alexanders  Seite;  Friderich  aber  gab  nun  die 
bisher  beobachtete  Mäfsigung  auf  und  liefs  die  Wittelsbacher  und 
und  die  Grafen  von  Plain  wie  eine  hungrige  Meute  gegen  Salzburg 
los.  Einen  Theil  des  Unheils,  welches  in  Folge  dieses  Kampfes  die 
Kirche  betraf,  schildert  uns  das  ausführliche  Schreiben  des  Ar  eh  i- 
diakonus  Heinrich  an  den  nach  Konrads  Tode  erwählten,  aber 
bald  vertriebenen  Erzbischof  Adalbert  von  Böhmen5). 

Als  dann  nach  dem  Frieden  von  Venedig  Konrad  von  Mainz 
Salzburg  erhielt,  mufste  man  darauf  bedacht  sein,  die  erlittenen 
Schäden  wieder  zu  heilen,  und  im  J.  1181  sehen  wir  plötzlich  den 
alten  Bischof  Virgil,  die  Erzbischöfe  Hartwich  und  Eberhard  in  der 
Domkirche  grofse  Wunder  wirken,  worauf  Vitalis  in  S.  Peter,  Va- 
lentin und  Pilgrim  in  Passau  sich  alsbald  zu  gleicher  Thätigkeit 
bereit  finden  lassen.  Die  Passauer  waren  selbst  dadurch  nicht  zu 
bewegen,  sich  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit  anzustrengen;  in 
Salzburg  aber  wurden  neue  Legenden  Uber  jene  Heiligen  verfafst, 
die  freilich  jedes  geschichtlichen  Werthes  entbehren.  Dagegen  ent- 
halten die  Wundergeschichten  manchen  culturhistorisch  beachtungs- 
werthen  Zugl * * 4). 

Damit  versiegt  nun  aber  auch  die  Thätigkeit  der  Salzburger 
und  äufsert  sich  nur  noch  in  den  Annalen.  Es  scheint,  dafs  man 
in  Salzburg  etwa  um  das  Jahr  1180  eine  annalistische  Compilation 
verfafste,  die  wir  im  Original  nicht  mehr  besitzen,  zusammengesetzt 
aus  der  Historia  Miscella,  den  Gestis  Francorum  und  Fredegar,  der 
Geschichte  der  Langobarden  von  Paulus  Diakonus,  dem  Leben  des 
h.  Bonifaeius,  dem  sogenannten  Anastasius,  den  Annalen  von  Fulda, 
Regino  und  dessen  Fortsetzer  nebst  älteren  einheimischen  Auf- 

l)  Registr.  U,  134.  Von  demselben  Burchard  besitzen  wir  die  Epistola  de 
Victoria  imperatoris  et  excidio  Mediolanensi  (1162),  welche  ebenso  wie  jener 
Bericht  an  den  Abt  Nikolaus  von  Siegburg  gerichtet  ist.  Freher  ed.  Struv.  I,  330. 

Murat.  VI,  915.  — *)  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  77— 84.  97—103. 

8)  Historia  calaniitatum  ecclesiae  Salisburgensis,  Pez  Thes.  II,  3,  199. 

4)  Vitae  et  Miracula  Sanctorum  luvavensium  ed.  Wattenbach , Mon.  SS.  XI, 
84 — 103.  Mir.  S.  Vitalis  bei  Canis.  III,  2,  358.  Acta  SS.  Oct.  VIII,  913. 


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362  V.  Staufer.  § 6.  Salzburg.  § 7.  Gerhoh.  Oesterr.  Annalen. 

Zeichnungen  und  den  Resultaten  gelehrter  Combination  für  die  älteste 
Zeit.  Wir  erkennen  diese  gemeinschaftliche  Quelle  in  den  vielfach 
übereinstimmenden  Nachrichten , welche  in  Verbindung  mit  den 
Melker  Annalen  Salzburger , Admunter , Garstener  und  Vorauer 
Handschriften  uns  darbieten. 

In  Garsten  beginnt  mit  dem  J.  1182  eine  selbständige  Fort- 
setzung. Die  Jahre  von  1199  bis  1213  sind  nachträglich  aus  den 
Melker  und  Admunter  Annalen  ergänzt;  dann  schliefst  Bich  wieder 
eine  anfangs  kurze  und  dürftige,  von  1241  bis  1256  aber  ausführ- 
liche und  schätzbare  Fortsetzung  an,  eine  der  wichtigsten  Quellen 
für  die  österreichische  Geschichte  in  dieser  Zeit '). 

In  Admunt  verband  man  einige  der  schon  erwähnten  Nach- 
richten mit  einem  Auszuge  der  Melker  Annalen  bis  1136  und  fügte 
auch  Excerpte  aus  Ekkehard  und  Otto  von  Freising  hinzu;  die  Fort- 
setzung bis  1186  zeigt  noch  vielfach  Uebereinstimmung  mit  den 
Annalen  von  Salzburg  und  Garsten  und  erstreckt  sich  dann  selb- 
ständig bis  1250.  Sie  ist  nicht  gerade  sehr  reichhaltig,  aber  zuver- 
lässig und  bat  uns  manche  eigenthümliehe  Nachrichten  aufbewahrt, 
die  um  so  werthvoller  sind,  da  aus  diesen  Gegenden  sonst  nur  wenig 
überliefert  ist2).  Dafs  in  Admunt  auch  ein  kurzer  Abrifs  von  dem 
Leben  des  Stifters,  Erzbischof  Gebehard,  aufgeschrieben  und  das 
Martyrium  seines  Nachfolgers  Thiemo  verherrlicht  wurde,  ist  bereits 
(S.  251)  erwähnt.  Gegen  das  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  wurden 
diese  kurzen  Nachrichten  erweitert  und  die  Geschichte  des  Klosters, 
verbunden  mit  einigen  Angaben  über  die  Erzbischöfe  von  Salzburg, 
bis  1177  fortgeführt.  Später  fügte  man  hierzu  noch  ein  Excerpt 
aus  den  Admunter  Annalen  bis  1231  und  führte  die  Klosterchronik 
von  da  bis  1259  fort3). 

Die  Salzburger  Annalen  endlich  scheinen  weniger  auf  denen 
von  Melk  als  auf  gemeinschaftlicher  Grundlage  mit  ihnen  zu  be- 
ruhen, zeigen  dann  Verwandtschaft  mit  den  Admunter  und  Garstener 
Annalen  bis  1186  und  sind  von  Salzburger  Domherren,  hin  und 
wieder  auch  abweichend  in  einem  anderen  Exemplare  von  Mönchen 
bei  S.  Peter,  mit  immer  zunehmender  Ausführlichkeit  fortgesetzt  bis 
1286.  Namentlich  über  Rudolfs  zweiten  Krieg  gegen  Otakar  ist 
eine  vortreffliche  und  umständliche  Darstellung  aufgenommen.  Dann 

*)  Annalium  Mellicensium  Auctarium  Garstense,  Mon.  SS.  IX,  561 — 569. 
Das  Stück  von  1140 — 1188  als  Nebenform  der  Ann.  Admunt.  p.  580  — 586. 
Continuatio  Garstensis  p.  594  — 600. 

a)  Annales  Admuntenses  ib.  569  —593. 

3)  Vita  Gebehardi,  Thiemonis,  Chunradi,  Eberhard!,  Chunradi  11  archiepisco- 
porum  cum  Chronico  Admuntensi  ed.  Wattenbach,  Mon.  SS.  XI,  33 — 50. 


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Salzburger  Annalen.  Gurk.  Grrhoh  v.  Reichersberg.  363 

trat  eine  längere  Unterbrechung  ein,  worauf  um  1307  Weichard  von 
Polhaim  die  LUcke  fast  ganz  wörtlich  aus  Eberhard  von  Altaich 
ausfüllte  und  mit  neuem  Eifer  bis  1327  fortgefahren  wurde1). 

Zu  den  Quellen  des  zwölften  Jahrhunderts  aber  gehört  aufser 
den  erwähnten  Annalen  noch  eine  kleine  Chronik  des  Bisthums 
Gurk,  welcho  leider  nur  bis  1180  reicht“),  und  die  Reichersberger 
Chronik  nebst  den  Annalen  verschiedener  österreichischer  Klöster, 
zu  welchen  wir  jetzt  Ubergehen  wollen. 

§ 7.  Gerhoh  von  Reichersberg.  Oesterreichische 

Annalen. 

Gerhoh  von  Reichersberg  zeichnete  sich  schon  frühzeitig 
aus  während  seiner  Studien  in  verschiedenen  Stiftern  Baiems,  seiner 
Heimath,  und  in  Hildesheim,  wohin  ihn  der  Ruhm  der  dortigen 
Schule  führte.  Jener  kaiserlich  gesinnte  Bischof  Hermann  von 
Augsburg,  den  seine  Widersacher  so  arg  verleumdet  haben,  stellte 
ihn  als  Scholaster  an;  damals  war  Gerhoh  ebenfalls  dieser  Partei 
völlig  ergeben.  Dann  aber  wandte  er  sich  zum  entgegengesetzten 
Extrem  und  zog  sich  in  das  Kloster  Raitenbuch  zurück.  Von  hier 
berief  ihn  Kuno,  früher  Abt  zu  Siegburg,  jetzt  Bischof  von  Regens- 
burg, zu  sich;  als  dieser  1132  starb,  begab  sich  Gerhoh  zu  Kon- 
rad  von  Salzburg,  der  ihn  zum  Propst  von  Reichersberg  erhob,  wo 
er  bis  an  sein  Ende  (1132 — 1169)  blieb. 

Gerhoh  gehörte  der  strengsten  mönchischen  Richtung  an,  die 
darauf  ausging,  alle  Geistliche  zu  Mönchen  zu  machen  und  ihre 
Verflechtung  in  weltliche  Angelegenheiten  als  ein  Unglück  betrachtete: 
dieselbe  Richtung,  der  einst  Petrus  Damiani  angehörte,  die  Paschalis 
vergeblich  versucht  hatte  durchzuführen. 

Mäfsigung  kannte  Gerhoh  nicht,  und  daher  hatte  er  auch  mit 
seinen  eigenen  Parteigenossen  vielerlei  Händel  zu  bestehen;  natür- 
lich war  er  ein  eifriger  Anhänger  Alexanders.  Er  schrieb  eine 
Menge  von  Briefen  und  polemischen  Schriften,  die  für  die  Kenntnifs 

*)  Annales  S.  Rudberti  ed.  Waltenbach,  Mon.  SS.  IX,  757 — 823,  wo  sich  die 
Matseer  Annalen  von  1305 — 1395  und  eine  Fortsetzung  aus  dem  Kloster  S.  Peter 
von  1375 — 1398  anschliefsen.  Ueber  den  aus  irgend  einer  Chronik  der  Kaiser 
und  Päpste  entnommenen  Anfang  der  Ann.  Mats.  s.  Archiv  für  Österreich.  Gesch. 
Quellen  XIV,  11—17. 

“)  Fragmentarisch  gedruckt  bei  Hansiz  in  der  Germania  Sacra  II,  300.  Vgl. 
Archiv  X,  455  und  über  die  Urkunden  des  Bisthums  Gurk  Archiv  für  Österreich. 
Gesch.  Quellen  XIV,  19  ff. 


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364  V.  Staufer.  § 7.  Gerhoh  v.  Reichersberg.  Oesterreichische  Annalen. 

dieser  Zeit  wichtig  sind  *).  Aufserdem  verfafste  er  eine  Lebens- 
beschreibung des  Abtes  Wirnt  von  Formbach  (1108 — 1127),  die 
aber  fast  nur  von  Kasteiungen  und  Wundem  berichtet;  merkwürdig 
ist  darin  nur  die  Polemik  gegen  diejenigen,  welche  lieber  heidnische 
Autoren  lesen  als  Legenden  und  die  Wundergeschichten  nicht  glauben 
wollen 2). 

Verloren  ist  eine  merkwürdige  Schrift  von  Gerhoh  über  den 
Antichrist,  welche  Tengnagel  und  Gretser  bekannt  war,  die  aber 
Bedenken  trugen,  sie  vollständig  bekannt  zu  machen;  seitdem  ist 
sie  in  dem  Brande  des  Klosters  Reichersberg  zu  Grunde  gegangen. 
Vermuthlich  sind  uns  jedoch  die  wichtigsten  geschichtlichen  Nach- 
richten daraus  erhalten.  Indem  er  sich  nämlich  darin  Uber  die 
Schlechtigkeit  der  Menschen  und  die  Zeichen  des  nahenden  Endes 
verbreitet,  theilt  er  alles  mit,  was  man  sich  in  seinen  Kreisen  von 
Heinrich  IV  erzählte,  die  abscheulichsten  Verleumdungen,  gegen 
welche  alle  anderen  Schriften  der  Art  noch  milde  erscheinen“). 
Wichtiger  aber  ist  eine  andere  Stelle,  in  welcher  er  ausführlich 
über  den  Kreuzzug  von  1147  berichtet4),  der  für  die  ganze  Christen- 
heit ein  so  grofses  Aergemifs  war,  thöricht  unternommen,  mit  äufser- 
stem  Leichtsinn  ausgeführt  und  jämmerlich  geendet,  nachdem  die 
gröfsten  Erwartungen  dadurch  erregt  waren.  Das  Scheitern  der 
ganzen  Unternehmung  betrachtet  Gerhoh  als  eine  gerechte  Strafe 
für  die  Sünden  der  Theilnehmer;  vorzüglich  aber  sieht  und  be- 
klagt er  die  Macht  der  Dämonen  in  den  theils  betrügliehen,  theils 
nach  seiner  Meinung  wirklichen  Wundern,  mit  denen  vom  Kreuzzug 
heimkehrende  Vagabunden  das  Volk  verführten. 

Stücke  aus  Gerhohs  Schriften  und  reiche  Nachrichten  über  sein 
Leben  finden  wir  in  den  verschiedenen  Handschriften  der  Reichers-' 
berger  Chronik,  deren  Anfänge  noch  in  seine  Zeit  fallen.  Es 
sind  Annalen,  die  in  ihrer  einfachsten  Form6)  nur  bis  1167  reichen 
und  vielleicht  von  einem  anderen  Kloster  Übernommen  sind,  dann 
aber  in  Reichersberg  mit  allerlei  Lesefrüchten  Uber  die  ältere  Zeit, 
mit  Urkunden  und  Klosternachrichten  vermehrt  wurden  und  nament- 
lich sehr  schätzbare  Nachträge  und  Fortsetzungen  Uber  die  Zeit- 
geschichte, besonders  die  Schicksale  des  Salzburger  Sprengels  er- 

1)  Handschrift  in  Admunt,  Archiv  X,  640;  gröfstentheils  gedruckt  bei  Fe* 
Thes.  VI.  Vgl.  auch  die  Abhandlung  über  Gerhoh  von  Stülz  in  den  Abhand- 
lungen der  Wiener  Akademie  I,  113. 

2)  Gerhohi  Vita  Wirntonis,  Pez  Thes.  I,  3,  399  — 422. 

“)  bei  Tengnagel  n.  415.  Gretseri  Opera  VI,  243. 

4)  Gretseri  Opera  III,  111 — 114.  — “)  bei  Caois.  111,2,219. 


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Gerhoh.  Die  Reichersberger  Chronik.  Melker  Annalen. 


365 


hielten.  In  der  Bearbeitung  des  Priesters  Magnus  reichen  sie  bis 
1195'),  in  einer  anderen  bis  1279.  Die  Vorauer  Handschrift  läfst 
die  Reichersberger  Hausnachrichten  weg  und  setzt  an  deren  Stelle 
die  Grtindungsgeschichte  von  Seckau,  ein  besonders  deutliches  Bei- 
spiel der  Art,  wie  dergleichen  Werke  von  einem  Stifte  zum  anderen 
übergingen  und  wie  unsicher  der  Schlufs  von  einigen  localen  Nach- 
richten auf  die  Herkunft  einer  Chronik  ist. 

Solche  Annalen  wurden  jetzt  wie  in  den  früheren  Zeiten  in 
vielen  Klöstern,  seltener  in  Domstiftern,  geschrieben,  aber  nur 
selten  kennen  wir  den  Namen  des  Verfassers  und  oft  zeigt  auch 
die  immer  wechselnde  Handschrift,  dafs  gar  kein  bestimmter  Ver- 
fasser vorhanden  war.  Ebenso  sehr  fehlt  es  dann  natürlich  an  einer 
überlegten  Anlage  und  gleichmäfsiger  Durchführung:  bald  sind  einige 
Jahre  ausführlich  behandelt,  bald  beschränkt  man  sich  wieder  auf 
wenige  Angaben  Uber  weltkundige  Ereignisse  und  den  Wechsel  der 
Aebte.  War  mehrere  Jahre  lang  nichts  geschrieben  worden,  so  ent- 
lehnte man  die  Chronik  eines  benachbarten  Klosters,  um  die  Lücke 
auszufüllen.  Häufig  benutzte  man  aber  auch  nachträglich  ältere 
Werke,  um  der  Lückenhaftigkeit  und  Armuth  der  Jahrbücher  nach- 
zuhelfen, wie  z.  B.  jener  Priester  Magnus  that  und  wie  wir  in  den 
Admunter  Annalen  Stücke  aus  Otto  von  Freising,  in  denen  von 
Zwettel  lange  Stellen  aus  Wipo  und  den  ganzen  Anhang  zum  Rage- 
win  finden. 

Oesterreich  ist  in  dieser  Zeit  reich  an  solchen  vielgestaltigen 
Annalen2);  zuerst  legten  die  Mönche  von  Melk  ein  Buch  der  Art 
an  im  J.  1123,  welches  bis  ins  sechzehnte  Jahrhundert  fortgesetzt 
wurde.  Der  Anfang  ist  aus  der  abgekürzten  Chronik  Hermanns 
von  Reichenau  entnommen.  Fortsetzungen  und  Ueberarbeitungen 
finden  sich  dann  in  Zwettel,  Klosterneuburg,  Heiligenkreuz,  Wien, 
Kremsmünster,  Lambach,  S.  Florian,  Neuberg,  auch  die  Annalen  von 
Götweih,  Admunt,  Salzburg,  Garsten  sind  verwandt.  Häufig  be- 

*)  Chronicon  Rcichersbergense  ed.  Gewold,  München  1611.  4.  von  1 — 1194. 
Wiederholt  Ludewig  SS.  II,  129 — 348.  Magni  Reicherspergensis  Chronica  in  Böh- 
mers Fontes  III,  530 — 553  aus  der  Handschrift  des  Johanneums  in  Gratz  (1084 
bis  1195). 

2)  Sie  sind  kritisch  bearbeitet  und  zusammengestellt  von  Wattenbarh,  Mon. 
SS.  IX,  479 — 843.  Von  einer  dieser  annalistischen  Compilationen  (1025 — 1283), 
welche  wegen  der  darin  vorkommenden  Beziehungen  auf  die  Dominikaner  zu  Wien 
nach  diesen  benannt  ist  (p.  725  — 732)  hat  Zeibig  eine  alte  deutsche  Bearbeitung 

Jublicirt,  in  welcher  aber  jene  Beziehungen  fehlen,  Archiv  f.  österr.  Gesch.  Quellen 
X,  355 — 362,  vgl.  XIV,  9.  In  demselben  Archiv  XIX,  1.  Heft  befindet  sich  ein 
Aufsatz  von  Stoegmann  über  jene  Ausgabe  der  Ann.  Austriae  im  Verhältnifs  zu 
den  früheren  Ausgaben  von  Pez  und  Rauch,  den  ich  noch  nicht  gesehen  habe. 


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366  V.  Staufer.  § 7.  Gerhoh.  Oesterr.  Annalen.  § 8.  Böhmen. 

gegnen  übereinstimmende  Nachrichten,  ohne  dafs  eine  directe  Ent- 
lehnung wahrscheinlich  wäre,  so  dafs  man  zu  der  Vermutliung  ge- 
führt wird,  es  sei  wohl  noch  allerlei  vorhanden  gewesen,  das  uns 
nicht  mehr  erhalten  ist,  vielleicht  ausführlichere  Chroniken  Uber  das 
zwölfte  und  die  erste  Hälfte  des  dreizehnten  Jahrhunderts  in  zu- 
sammenhängender Erzählung.  Diese  Annalen  erstrecken  sich  zum 
Theil  mit  sehr  guten  und  reichhaltigen  Nachrichten  über  das  drei- 
zehnte Jahrhundert;  bei  dem  Kampfe  zwischen  Rudolf  und  Otakar 
sind  wieder  gröfsere  selbständige  Beschreibungen  aufgenommen,  und 
neue  Fortsetzungen  reichen  bis  zum  fünfzehnten  Jahrhundert. 

In  anderer  Form  besitzen  wir  aus  dem  zwölften  Jahrhundert 
nur  das  in  Götweih  geschriebene  Leben  Altmanns  von  Passau  und 
das  Leben  des  Bischofs  Hartmann  von  Brisen  von  einem  Kloster- 
neuburger Chorherrn  *)  nebst  einer  kurzen  Uebersicht  der  Geschichte 
Oesterreichs  unter  den  Babenbergern,  die  auf  den  Wunsch  des  Her- 
zogs Leopold  VI  im  J.  1194  in  Melk,  wie  II.  Pez  vermuthet,  von 
dem  Abte  Konrad  von  Wizenberg  verfafst  wurde2).  Etwas  früher 
von  dem  Abte  Erchenfrid  (1121 — 1163)  war  hier  auch  die  Lei- 
densgeschichte des  Schutzheiligen  S.  Choloman,  eines  irischen 
Pilgers  (f  1012)  mit  der  Geschichte  seiner  Uebertragung  nach  Melk 
und  den  unvermeidlichen  Wundern  beschrieben  worden.  Alte  Ueber- 
lieferung,  da  auch  Cholomans  Zeitgenosse  Thietmar  (VH,  54)  in  ähn- 
licher Weise  seines  Todes  gedenkt,  liegt  gewifs  zu  Grunde,  vielleicht 
auch  schriftliche  Aufzeichnung,  doch  ist  die  Ausschmückung  der  Ge- 
schichte schon  so  weit  fortgeschritten,  dafs  sicherlich  schon  eine 
lange  Zeit  seit  der  auch  vom  Verfasser  (§  7.)  als  sehr  entfernt  liegend 
bezeichneten  Begebenheit  verflossen  war,  bevor  auch  nur  der  erste 
Theil  derselben  aufgezeichnet  wurde,  wenn  auch  dieser  vielleicht 
schon  vor  Erchenfrids  Zeit  geschrieben  sein  mag3). 

§ 8.  Böhmen. 

In  Böhmen  wirkte  der  durch  Cosmas  gegebene  Anstofs  fort,  und 
eine  Reihe  trefflicher  Geschichtswerke  bis  Uber  die  Mitte  des  vier- 
zehnten Jahrhunderts  verbreitet  nicht  allein  Uber  die  böhmische, 
sondern  auch  Uber  die  allgemeine  Geschichte  helles  Licht.  Der  vor- 

')  Beide  schon  erwähnt  S.  251  u.  360.  — 2)  Pez  SS.  Austr.  1,  290. 

a)  Passio  Cholomanni  ed.  Pez  SS.  1,  97.  Bueus  Acta  SS.  Oct.  VI,  357. 
Waitz,  Mon.  SS.  IV,  674  — 678.  Vgl.  Biidinger,  österr.  Gesell.  1,  474.  Der  zweite 
Theil  über  die  in  Melk  geschehenen  Wunder,  welche  in  der  Admunter  Ilandscbr. 
des  zwölften,  nicht  des  elften  Jahrhunderts  fehlt,  scheint  späteren  Ursprunges  zu 
sein  und  vielleicht  bezieht  sich  darauf  die  Angabe  des  Nekrologs,  dafs  Abt  Erchen- 
frid die  historia  S.  Cholomanni  verfafst  habe. 


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Choloman.  Fortsetz.  d.  Cosmas.  Ann.  Gradicenscs.  Vincentius.  367 

trefflichen  Fortsetzung,  durch  welche  ein  Wyschehrader  Dom- 
herr das  Werk  des  Cosmas  bis  1142  fortführte , gedachten  wir 
schon  oben  (S.  318),  so  wie  der  ebenfalls  guten  Fortsetzung  des 
Mönchs  von  Sazawa  bis  1162,  welche  durch  die  Nachrichten  Uber 
8.  Prokop  und  die  durch  ihn  in  diesem  Kloster  zur  Herrschaft  ge- 
langte slavische  Liturgie  besonderen  Werth  erhält. 

Im  zwölften  Jahrhundert  wurde  auch  in  dem  1077  begründeten 
mährischen  Kloster  Hradisch  bei  Olmütz  ein  Annalen  werk  com- 
pilirt,  dessen  Anfang  aus  Cosmas  nebst  dessen  ersten  Fortsetzern, 
und  bis  999  auch  aus  Ekkehard  entnommen  ist;  doch  scheint  der 
Verfasser  wenigstens  von  1095  an  auch  eigene  Annalen  zu  Gebote 
gehabt  zu  haben,  die  er  mit  den  Auszügen  aus  Cosmas  so  mechanisch 
verband,  dafs  er  nicht  Belten  dasselbe  Ereignifs  doppelt  berichtete. 
Von  1130  an  wird  die  Fortsetzung  immer  selbständiger , 1138 
schreibt  er  offenbar  gleichzeitig,  und  1142  wollte  er  schliefsen,  fügte 
aber  noch  weitere  Nachträge  bis  1145  hinzu.  Die  Einführung  von 
Prämonstratenser  Mönchen  unterbrach  diese  Thätigkeit,  welche  aber 
in  dem  böhmischen  Benedictiner  Kloster  Opatowiz  wieder  aufge- 
nommen wurde.  Hierhin  war  das  Zeitbuch  geflüchtet ; man  trug  hier 
heimische  Nachrichten  ein  und  setzte  die  Annalen  um  das  Jahr  1163 
bis  auf  diese  Zeit  fort.  Man  findet  keine  Spur,  dafs  später  von 
diesen  Annalen  Gebrauch  gemacht  wäre,  und  erst  in  neuerer  Zeit 
wurden  sie  aus  der  glücklich  erhaltenen  Handschrift  bekannt  ge- 
macht1). 

Von  allgemeinerer  Bedeutung  ist  das  Werk  des  Vincentius 
von  Prag,  eine  Hauptquelle  Uber  Friderichs  I italienischen  Feldzug 
von  1158. 

Wie  einst  Herzog  Wratislaw  von  Heinrich  IV,  so  wurde  Wla- 
drnlaw  von  Friderich  Barbarossa  zum  König  gekrönt,  und  er  be- 
währte sich  wie  jener  als  eine  treffliche  Stütze  seiner  Macht.  Noch 
enger  schlofs  sich  Bischof  Daniel  von  Prag  an  den  Kaiser  an;  ^er 
zog  1158  mit  Wladislaw  gegen  Mailand,  blieb  aber  auch  nach  des 
Königs  Rückkehr  dort,  und  bewies  sich  besonders  eifrig  und  thätig 
für  die  Sache  des  Papstes  Victor.  Im  J.  1166  folgte  Daniel  dem 
Kaiser  wieder  nach  Italien,  wo  er  mit  dem  Bischof  Hermann  von 
Verden  als  kaiserlicher  Hofrichter  fungirte.  Im  folgenden  Jahre 

')  Es  ist  nicht  die  Urschrift  und  daher  zweifelhaft,  ob  die  Compilation  in 
Hradisch  oder  erst  in  Opatowiz  gemacht  wurde.  Ausgabe  von  Meinert  in  den 
Wiener  Jahrbüchern  Bd.  48.  Verbesserungen  von  Palacky  in  der  Würdigung  der 
böhm.  Geschichtschreiber  S.  52  ff.  305.  Auch  die  Olmützer  Bischofschronik  unter 
dem  Titel  Granum  Catalogi,  welche  bis  jetzt  nur  bruchstückweise  in  Richters  Series 
epp.  Olom.  publicirt  ist,  scheint  in  ihren  Anfängen  dieser  Periode  anzugehören. 


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368 


V.  Staufer.  § 8.  Böhmen. 


wurde  er  von  der  schrecklichen  Pest  hinweggerafft,  die  damals  den 
glänzenden  Erfolgen  Friderichs  ein  Ende  machte.  Daniels  treuer 
Begleiter  auf  diesen  Fahrten  war  Vincentius,  Notar  und  Domherr 
der  Prager  Kirche;  er  selbst  schrieb,  wie  er  berichtet,  1158  den 
kaiserlichen  Friedens-  und  Gnadenbrief  flir  die  Mailänder.  Traurig 
kehrte  er  heim  nach  dem  Tode  seines  Herrn,  und  wandte  sich  nun 
mit  der  Bitte  um  Unterstützung  nach  so  vielen  Leiden  und  Mühen 
an  die  Königin  Judith.  Hir  und  ihrem  Gemahl  zu  Ehren  verfafste 
er  seine  Chronik,  die  1140  mit  Wladislaws  Regierungsantritt  beginnt, 
und  im  Jahre  1167  plötzlich  abbricht,  offenbar  unvollendet,  wie  denn 
auch  in  der  Mitte  noch  einige  Lücken  geblieben  sind.  Das  Werk 
ist  sehr  gut  geschrieben,  treu  und  zuverlässig,  und  daher  eine  unserer 
wichtigsten  Quellen1). 

Fortgesetzt  ist  es  von  Ger  lach,  dem  ersten  Abt  des  Prämon- 
stratenserklosters  Mühlhausen  in  Böhmen.  Dieser  Gerlach  war  von 
guter  Herkunft  und  wohl,  wie  Palacky  vermuthet,  ein  naher  Ver- 
wandter des  Grafen  Georg  von  Mühlhausen.  Im  J.  1174  wurde  er 
als  neunjähriger  Knabe  nach  Wirzburg  auf  die  Schule  gebracht,  wo 
er  aber  nicht  lange  blieb,  weil  der  Abt  Gotsehalk  ihn  mit  sich  in 
das  neu  gegründete  Kloster  Selau  nahm;  bei  ihm  war  er  sieben 
Jahre  als  Caplan  bis  an  den  Tod  des  hochverehrten  Mannes  am 
17.  Feb.  1184.  Gotschalks  Erzählungen  sind  eine  Hauptquelle  für 
ihn,  und  er  verbreitet  sich  sehr  ausführlich  über  die  Einführung  der 
Prämonstratenser  in  Böhmen  aus  den  Rheinlanden  und  dem  Mutter- 
kloster Steinfeld.  Nach  dem  Tode  seines  Abtes  trat  er  in  ein  nahes 
Verhältnifs  zu  dem  Bischof  Heinrich  und  scheint  zu  dessen  Capelle 
gehört  zu  haben,  bis  er  1187  zum  ersten  Abt  des  Klosters  Mühl- 
hausen ernannt  wurde,  dem  er  bis  an  seinen  Tod  Vorstand;  noch 
1221  wird  er  als  Zeuge  einer  Urkunde  erwähnt. 

Da  Gerlach  nach  dem  Frieden  von  Venedig  schrieb,  war  er 
nicht  schismatisch  wie  Vincenz,  gehört  aber  übrigens  derselben 
Richtung  an  und  ist  vor  allen  Dingen  eben  so  gut  bischöflich  gesinnt. 

Nach  alt  ottonischer  Politik  nämlich  benutzte  Friderich  das 
Prager  Bisthum,  um  die  Ubergrofse  Selbständigkeit  Böhmens  zu 
brechen.  Der  Bischof  sollte  unmittelbarer  Reichsfürst  sein  wie  die 
übrigen  Bischöfe,  während  die  Herzoge  ihn  immer  in  Abhängigkeit 
zu  halten  suchten.  Vorzüglich  durch  seine  Nachrichten  Uber  diese 
Verhältnisse  ist  Gerlachs  Werk  auch  für  die  allgemeine  Geschichte 
wichtig.  Es  scheint,  dafs  die  hinterlassenen  Papiere  des  Vincenz  in 

*)  Fehlerhafte  Ausgabe  in  Dobners  Mon.  Hist.  Boeraiae  I,  29  — 78.  Ver- 
besserungen bei  Palacky,  Würdigung  S.  71. 


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Vincenz  von  Prag  und  Gerlach.  Contin.  Cosmae. 


369 


seine  Hände  kamen;  er  liefe  sie  geordnet  abschreibcn,  fUgte  einige 
Bemerkungen  hinzu  und  schrieb  nun  auch  selbst  seine  Erinnerungen 
auf.  Mit  der  abschliefeenden  Redaction  seines  Werkes  war  er  noch 
im  J.  1214  beschäftigt,  und  es  scheint,  dafe  ihm  damals  schon  seine 
älteren  Aufzeichnungen  nicht  mehr  vollständig  Vorlagen.  Das  Ende 
seines  Werkes  von  1198  an  ist  leider  verloren1).  Von  besonderem 
Werthe  ist  ein  von  Gerlach  vollständig  in  seine  Chronik  aufgenom- 
mener Bericht  eines  Augenzeugen,  des  Österreichischen  Klerikers 
Ansbert,  Uber  den  Kreuzzug  Friderichs  I,  eine  einfache,  genaue 
und  wahrhaftige  Erzählung2). 

Im  dreizehnten  Jahrhundert  Uberwiegt  natürlicher  Weise  auch  in 
Böhmen  immer  mehr  die  specielle  Landesgeschichte.  Zu  den  Prager 
Annalen,  welche  im  J.  1193  abgeschrieben  waren,  wurden  noch  einige 
unbedeutende  Bemerkungen  bis  1230  hinzugefügt  Wichtiger  aber 
sind  die  verschiedenen  Bestandteile,  welche  man  früher  unter  dem 
Namen  des  zweiten  Fortsetzers  des  Cosmas  zusammenfafete. 
Palacky  hat  zuerst  nachgewiesen,  dafe  hierin  die  Arbeiten  verschie- 
dener Prager  Domherren  zusammengeworfen  sind,  und  Kocpke  hat 
darauf  nicht  nur  die  Untersuchung  sorgfältig  durchgefUhrt,  sondern 
auch  in  seiner  Ausgabe  die  einzelnen  Elemente  zu  scheiden  versucht 

Aehnlich  wie  bei  den  oben  erwähnten  österreichischen  Annalen 
finden  wir  auch  hier  ausführlich  erzählende  Werke  in  den  anna- 
listischen  Rahmen  eingepafet.  Derjenige,  welcher  auf  solche  Weise 
eine  einzige  umfassende  Chronik  von  Böhmen  bis  1283  herzustellen 
suchte,  schob  nach  Koepkes  Ansicht  am  Anfang  einen  ungeschickten 
Auszug  aus  Vincenz,  der  sich  auch  schon  in  der  Raudnizer  Hand- 
schrift findet,  und  die  Prager  Annalen  von  1160  bis  1193  ein3);  von 


*)  Ausgabe  bei  DobnerI,79  — 129,  der  erste  Theil  als  Cbronographus  Si- 
loensis.  Vgl.  Palacky,  Würdigung  S.  79 — 89. 

*)  Historia  de  Expeditione  Friderici  Imperatoris  edita  a quodam  Austriensi 
Clerieo  qui  eidem  interfuit,  nomine  Ansbertus,  ed.  Dobrowsky,  Pragae  1827.  8. 
mit  dem  letzten  Theil  der  Chronik  Gerlaehs,  von  1193 — 1198.  Vgl.  Wilken, 
Geseh.  der  Kreuzzüge  IV,  Beil.  S.  91  — 106.  Aehnlich  ist  der  in  die  Reicbersberger 
Chronik  in  Gewolds  Ausgabe  aufgenommene  und  auch  bei  Freher  1,407  — 416 
besonders  abgedruckte  Bericht  des  Passauer  Decans  Tageno,  der  den  Bischof 
Dietpold  dahin  begleitete.  — Ein  Bericht  Uber  die  Flotte,  welche  aus  der  Schelde 
auslief,  von  einem  Sachsen  verfafst,  ist  in  den  Abhandlungen  der  Akademie  zu 
Turin  1840  p.  177  von  Gazzera  herausgegeben.  Dagegen  ist  ein  von  Reiffenberg 
publicirtes,  angeblich  neues  Fragment  in  der  Bibi  des  Stuttg.  Vereins  IX,  1 — 24 
nur  ein  Stück  aus  Roger  von  Hoveden.  Des  Landgrafen  Ludwig  des 
Frommen  Kreuzfahrt,  ein  Gedicht  aus  dem  Anfänge  des  vierzehnten  Jahr- 
hunderts hat  F.  H.  v.  d.  Hagen  herausgegeben,  Leipzig  1854.  8.  Vgl.  Wilken, 
a.  a.  0.  Beilage  II. 

*)  Canonicorum  Pragensium  Continuationes  Cosmae,  Mon.  SS.  IX,  162 — 166. 

24 


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370  V.  Staufer.  § 8.  Böhmen.  § 9.  Italienische  Quellen. 

diesen  hatte  er,  wie  es  scheint,  eine  etwas  vollständigere  Handschrift. 
Aus  dem  nun  folgenden  Theile  von  1196  bis  1278  hat  der  Heraus- 
geber einerseits  Annalen  des  Prager  Domkapitels,  welche  nach  Art 
anderer  Annalen  politische  Ereignisse  und  Hausnaehrichten  zu  bunter 
Mischung  verbinden  und  vorwiegend  localer  Natur  sind1),  und  anderer- 
seits gröfsere  Stllcke  ausgesondert,  deren  gänzliche  Verschiedenheit 
in  die  Augen  fällt  und  schon  lange  bemerkt  war.  Eine  vortreffliche 
und  ausführliche  Erzählung  über  das  Jahr  1249  beschäftigt  sich  mit 
den  Thaten  des  Königs  Wenzel,  Uber  dessen  erste  Regierungsjahre 
eine  kurze  Uebersicht  vorangestellt  ist;  der  Verfasser  schrieb  vor 
dem  Tode  des  Königs  (1253)  und  scheint  sein  Werk  unvollendet  ge- 
lassen zu  haben2).  Eine  Reihe  gröfserer  und  zum  Theil  sehr  aus- 
führlicher Stücke  schildert  dann  die  hauptsächlichsten  Ereignisse  aus 
der  Regierung  Otakars;  diese  sind,  zum  Theil  wenigstens,  gleich- 
zeitig geschrieben  und  von  Liebe  und  Bewunderung  für  den  König 
erfüllt.  Sie  bilden  ein  erwünschtes  Gegenstück  zu  den  entsprechen- 
den Theilen  der  österreichischen  Annalen3).  Hieran  schliefst  sich 
endlich  die  weitere  Fortsetzung  der  Prager  Annalen,  deren  erster 
Theil  von  1278  bis  1281  sich  besonders  mit  dem  Bischof  Tobias 
und  den  Erlebnissen  des  Domkapitels  beschäftigt4),  während  der 
zweite  wieder  bis  auf  das  Jahr  1279  zurückgeht  und  die  unglück- 
lichen Zustände  des  Landes  bis  1283  mit  Wärme  und  leidenschaft- 
lichem Unmuth  schildert4). 

Damit  ist  nun  dieses  grofse  Werk  abgeschlossen,  welches,  wenn 
auch  mit  bedeutenden  Lücken,  doch  die  Landesgeschichte  bis  nahe 
an  das  Ende  der  Premisliden- Herrschaft  in  einer  theilweise  ausge- 
zeichneten Darstellung  umfafst.  Wir  haben  die  Besprechung  des- 
selben von  den  Schriften  des  Vincenz  und  Gerlach  nicht  trennen 
wollen,  kehren  aber  nun  zurück  zu  der  Zeit  des  Kaisers  Fridericli, 
welche  uns  auf  jene  böhmischen  Berichterstatter  Uber  seine  Thätigkeit 
geführt  hat. 

§ 9.  Italienische  Quellen. 

Der  Erwähnung  verschiedener  Berichte  Uber  die  italienischen 
Feldzüge  Friderichs  reihen  wir  gleich  hier  die  einheimischen  Nach- 
richten Uber  dieselben  an,  bei  denen  wir  jedoch  nur  ganz  kurz  ver- 
weilen, da  Italien  jetzt  bereits  eine  so  eigenthümliche  und  selbständige 

*)  Annalium  Pragensium  Pars  I.  p.  169 — 181. 

2)  Hisloria  Wenceslai  I.  p.  167  — 169. 

3)  Annalrs  Otakariani  p.  181  — 194. 

4)  Annalium  Pragensium  Pars  II.  p.  194 — 198. 

4)  Annalium  Pragensium  Pars  111.  p.  198  — 203. 


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Fortsetzer  des  Cosmas.  Die  Lombardei. 


371 


Entwickelung  gewinnt,  dafs  ein  eigentlicher  Zusammenhang  mit  der 
deutschen  Historiographie  nicht  besteht,  und  nur  die  äufserliche  Ver- 
bindung beider  Länder  es  nothwendig  macht,  der  italienischen  Quellen 
hier  überhaupt  zu  gedenken.  Ein  sehr  wesentlicher  Unterschied  zeigt 
sich  sogleich  darin,  dafs  in  Italien,  besonders  in  der  Lombardei,  die 
Geschichtschreibung  jetzt  bereits  in  die  Hand  der  Laien  übergeht. 

So  berichten  uns  Uber  Friderichs  Kämpfe  mit  den  Mailändern 
von  entgegengesetztem  Standpunkte  der  Mailänder  Radulf  oder  Sire 
Raoul1)  und  der  kaiserliche  Pfalzrichter  zu  Lodi,  Otto  Morena, 
dessen  Werk  von  seinem  Sohne  Acerbus  Morena  fortgesetzt  wurde3). 

Ein  wichtiges  und  bedeutendes  Geschichtswerk  sind  die  Annalen 
von  Genua,  von  1100  bis  1163,  von  Caffari,  einem  der  ange- 
sehensten Staatemänner  seiner  Vaterstadt,  die  bis  1293  fortgesetzt 
wurden  auf  Veranlassung  des  Stadtratlies,  dem  Caffari  sein  Werk 
übergeben  hatte3). 

Sehr  merkwürdig  und  lehrreich,  wenn  auch  roh  in  der  Form, 
ist  des  Bernhard  Marago  oder  Marangonis  Chronik  von  Pisa 
bis  zum  J.  1175,  sowohl  über  die  alte  Geschichte  der  Stadt  und  ihre 
Kämpfe  mit  Lucca,  Genua  und  anderen  Feinden,  als  auch  Uber  ihre 
Beziehungen  zu  den  Kaisern,  da  sie  immer  gibellinisch  war.  Einiges 
ist  schon  für  Lothars  Zeit  daraus  zu  entnehmen,  mehr  für  die  Zeit 
Friderichs  I,  und  die  Papstgeschichte  während  des  Schisma4). 

Auch  ein  Bischof  von  Kremona  ist  wieder  als  Historiker  zu 
nennen,  der  aber  Beinern  Vorfahr  Liudprand  sehr  unähnlich  ist, 
Sicard,  ein  ruhiger  und  milder  Mann,  der  1186  den  Frieden 
zwischen  Kremona  und  dem  Kaiser  vermittelte,  und  in  einfacher 
Erzählung,  ziemlich  kurz,  eine  Chronik  von  Erschaffung  der  Welt 
bis  1213  verfafste6). 

Wichtiger  für  Friderichs  I Zeit  wäre  es,  wenn  es  gelänge,  das 
verlorene  Werk  des  Johannes  von  Kremona  wieder  aufzufinden, 
der  eine  Geschichte  seiner  Zeit  verfafst  hat  und  nur  aus  den  An- 
führungen derselben  in  der  Ursperger  Chronik  bekannt  ist.  Man  darf 

‘)  Sire  Raoul  de  rebus  gestis  Friderici  I 1155 — 1 177.  Muratori  SS.  VI,  1 169. 
Vgl.  über  die  vollständigere  Pariser  Handscbr.  Chron.  Placent.  ed.  Iluillard  p.  XII. 
Eine  ungedruckte  Geschichte  von  Mailand  aus  dieser  Zeit  wird  erwähnt  Archiv 
XI,  319. 

3)  Oltonis  Morenae  Judicis  Laudensis  de  rebus  gestis  Friderici  Über,  1153 
bis  1168.  ib.  p.  955. 

3)  Caffari  Annales  Genuenses  ib.  p.  247;  vgl.  Böhmer,  Regesten  v.  1198-1254 
S.  LXXIV. 

4)  Bemardi  Marangonis  Chronicon  Pisanum  im  Arrhivio  Storico  VI,  2, 1 — 71. 
1845.  Vgl.  über  die  Handschrift  Archiv  XI,  320.  Bisher  nur  von  Jaffe  in  seinen 
Regesten  der  Päpste  benutzt.  — *)  Muratori  SS.  VII,  529. 

24* 


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372 


V.  Staufer.  § 9.  Italienische  Quellen. 


nicht  daran  verzweifeln,  nachdem  in  neuester  Zeit  zwei  völlig  ver- 
schollene Placentiner  Chroniken  wieder  ans  Licht  gezogen  sind, 
eine  guelfisehe  und  eine  gibellinische,  welche  für  das  zwölfte,  vor- 
züglich aber  für  das  dreizehnte  Jahrhundert  von  grofser  Wichtigkeit 
sind1).  Die  guelfisehe  Chronik  findet  sich  in  einer  Pariser  Hand- 
schrift, verbunden  mit  der  Mailänder  Geschichte  des  Sire  Raoul  und 
der  Erzählung  von  Friderichs  I Kreuzzug2),  und  dieselben  Materialien 
finden  sich  benutzt  und  in  eifrig  gibellinischer  Gesinnung  verarbeitet 
und  verändert  bei  dem  andern  Chronisten,  dem  aber  die  einheimischen 
Quellen  seines  guelfisch  gesinnten  Collegen  selbst  Vorgelegen  haben 
müssen,  da  er  seine  Nachrichten  wesentlich  ergänzt.  Während  dann 
aber  der  Guelfe  schon  mit  dem  J.  1235  abbricht  und  um  diese  Zeit 
gelebt  haben  mufs,  schrieb  der  Gibelline  erst  nach  der  Mitte  des 
Jahrhunderts  und  führte  sein  Werk  bis  1284  mit  wachsender  Aus- 
führlichkeit und  vollständiger  Aufnahme  wichtiger  Actenstücke ; auch 
beschränkt  er  sich  keineswegs  auf  Piacenza,  sondern  berücksichtigt 
gleichmäfsig  die  Gibellinen  in  der  ganzen  Lombardei  und  in  Toscana, 
ja  auch  in  Neapel.  Für  den  Verfasser  dieser  Chronik  hält  Pertz 
den  auf  dem  letzten  Blatt  der  Handschrift  genannten  Besitzer  der- 
selben, Herrn  Mutius  von  Monza,  der  1294  Capitan  del  Popolo  in 
Piacenza  war.  Huillard  dagegen  bekämpft  diese  Annahme,  und  ist 
seinerseits  geneigt,  die  guelfisehe  Chronik  dem  Johann  Codagnello 
oder  Caputagni  zuzuschreiben,  den  er  im  Jahre  1222  urkundlich  in 
Piacenza  nachweist,  dem  Verfasser  einer  sehr  fabelhaften  Chronik 
von  der  Schöpfung  bis  zur  Uebertragung  des  Kaiserthums  auf  die 
Deutschen,  welche  sich  in  derselben  Handschrift  befindet3). 

In  Unter-Italien  schrieb  Romuald,  von  1153  bis  1181  Erz- 
bischof von  Salerno,  eine  Chronik  von  Erschaffung  der  Welt  bis 
1178,  welche  besonders  für  den  Frieden  von  Venedig  von  Wichtigkeit 
ist,  weil  Romuald  selbst  bei  diesen  Verhandlungen  thätig  gewesen 
war4).  Die  Geschichte  des  in  diesem  Zeitraum  ganz  selbständigen 


*)  Chronicon  Placcntinum  et  Chronicon  de  rebus  Ln  Italia  gestis,  ed.  J.  L.  A. 
Huillard  - Breholles.  Paris  1 856.  4.  Vgl.  Pertz : Ueber  die  ältesten  Placentiner 
Chroniken.  Abhandlungen  der  Berl.  Akad.  1853.  4. 

2)  Murat.  VI,  1193  — 1195. 

5)  Vgl.  über  diese  Chronik  ßethmaDn,  im  Archiv  X,  339  und  Anschülz, 
ib.  XI,  231. 

4)  bei  Muratori  SS.  VII,  1 — 246  und  Gius.  del  Re,  Croniste  e Scrittori  sin- 
croni  Nap.  1845.  I.  Vorherrschend  localer  Natur,  aber  für  die  Geschichte  Kaiser 
Ludwigs  II  von  Bedeutung,  ist  die  um  1182  von  Joh.  Berardi  verfal'stc  Chronik 
von  jenes  Kaisers  grofsartiger  Stiftung  Casauria,  bei  Muratori  II,  2,  768- 1018. 
Vgl.  Archiv  XI,  485  Uber  die  Handschrift. 


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Placentiner  Chroniken.  Papstgeschieh te. 


373 


normanischen  Reiches  in  Italien  gehört  nicht  hierher1);  Uber  (len 
Krieg  zwischen  Heinrich  VI  und  Tankred  verfafste  Peter  von  Ebulo 
ein  eigenes  Werk  in  Versen*).  Sehr  merkwürdig  sind  aus  dieser 
Zeit  auch  die  Visionen  und  Weissagungen  des  kaiserlich  gesinnten 
Abtes  Joachim  in  Kalabrien3). 

In  Rom  war  eine  Unterbrechung  in  der  Fortführung  des  amt- 
lichen Papstbuches  eingetreten.  Innocenz  H wurde  gegen  alles  Recht, 
gegen  die  getroffene  Verabredung,  von  einer  Minderzahl  gewählt: 
der  Zweck,  die  eigene  Partei  ans  Ruder  zu  bringen,  hatte  einmal 
wieder  die  Mittel  heiligen  müssen.  Innocenz  hatte  aber  die  franzö- 
sische Kirche,  hatte  Bernhard  und  Norbert  für  sich,  und  Anaklets 
Sache  war  daher  hoffnungslos,  auch  wenn  nicht  Lothar  ihn  im  Stich 
gelassen  hätte.  Mit  der  Mehrzahl  der  Cardinäle  gehörten  indessen 
auch  Peter  von  Pisa  und  Pandulf  zu  seiner  Partei ; Pandulf,  der  zu- 
letzt das  Pontificale  unter  seiner  Obhut  gehabt  hatte,  blieb  Anaklet 
treu  und  verlor  deshalb  Amt  und  Würde.  In  diesen  Verhältnissen 
scheint  die  Ursache  gelegen  zu  haben,  weshalb  nicht  nur  die  weitere 
Fortsetzung  unterblieb,  sondern  auch  alles,  was  Peter  und  Pandulf 
bereits  geschrieben  hatten,  später  unbeachtet  blieb.  Zur  Zeit  Alexan- 
ders III  nämlich  wurde  die  Fortführung  des  lange  vernachlässigten 
Werkes  wieder  aufgenommen  von  dem  Cardinalpriester  Boso,  einem 
Engländer,  der  zu  Eugens  HI  Zeit  nach  Rom  gekommen  war  und 
von  1149  an  als  Scriptor  der  Curie  genannt  wird.  Bei  seinem  Lands- 
mann, dem  Papst  Hadrian  IV,  wurde  er  Kämmerer,  und  bewahrte 
auch  unter  Alexander  HI  eine  angesehene  Stellung:  er  war  es  ge- 
wesen, der  vorzüglich  Alexanders  Wahl  zu  Stande  gebracht  hatte. 
Dieser  Boso  also  knüpfte  nicht  an  die  Fortsetzungen  Peters  und 
Pandulfs,  sondern  unmittelbar  an  den  alten  Papstkatalog  an;  er 
begann  wieder  mit  Stephan  V,  und  schrieb,  um  die  Lücke  zu  füllen, 
die  Werke  des  Bonizo  von  Sutri  aus,  die  Einleitung  seiner  Canonen- 
8ammlung  und  die  „Ad  amicum“  betitelte  Schrift.  Urban  H liefs  er 
aus,  indem  er  sich  für  diesen  Papst  auf  seine  frühere  an  den  Schis- 
matiker Ugo  gerichtete  Schrift  berief.  Bis  auf  Eugen  HI  giebt  er 
wenig  Einzelheiten,  und  diese  entnahm  er  aus  den  päpstlichen  Re- 
gesten; von  da  an  aber  schrieb  er  aus  eigener  Anschauung  und 

*)  Alexander  Telesinus,  libri  IV  de  Rebus  gestis  Rogerii  filii  1130 — 1152  bei 
Muratori  V,  607 — 646  und  Del  Re  I.  Hugonis  Falcandi  Historia  de  rebus  gestis 
in  Siciliae  regnoll54 — 1169.  Mur.  VII,  247.  Del  Re  I. 

*)  Petri  de  Ebulo  carmen  de  bello  inter  Heinricum  VI  et  Tancredum,  ed. 
Engel  1746.  4.  Bei  Del  Re  mit  den  Gemälden  der  Handschrift. 

3)  Interpretatio  praeclara  abb.  Joachim  in  Hieremiam  prophetam  ad  Heinri- 
cum VI.  Venet.  1525.  Colon.  1577.  Vgl.  Abel,  König  Philipp  S.  29.  312. 


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374  V.  Staufer.  § 9.  Italien.  § 10.  Welf.  u.  niederdeutsche  Litteratur. 

Kenntnifs.  Alexanders  KI  Leben  verfafste  er  zur  Zeit  des  Friedens 
von  Venedig  und  führte  es  auch  bis  zu  diesem  Zeitpunkt;  ein  Nach- 
trag reicht  bis  zur  Rückkehr  Alexanders  nach  Rom  um  Ostern  1178. 
Bald  nachher  starb  Boso,  und  die  weitere  Fortsetzung  unterblieb. 
Wir  haben  also  an  diesem  Werke  wiederum  eine  amtliche,  vom 
Standpunkte  der  damals  herrschenden  Partei  geschriebene  Darstellung 
der  Papstgeschichte  aus  einem  der  wichtigsten  und  bedeutsamsten 
Zeiträume  *). 

Doch  wir  wenden  uns  nun  nach  dieser  Abschweifung  wieder 
nach  Deutschland  zurück,  wo  neben  der  bisher  betrachteten  Litte- 
ratur, die  in  genauer  Beziehung  zum  Kaiser  und  zu  dessen  Unter- 
nehmungen stand,  andere  Werke  den  Welfen  sich  anschlossen  oder 
in  provinzieller  Absonderung  nur  von  den  nahe  liegenden  Begeben- 
heiten eines  kleineren  Kreises  berichten.  Wir  werden  hiervon  eine 
Uebersicht  zu  geben  versuchen,  und  dann  noch  einmal  zu  den  Be- 
arbeitungen der  allgemeinen  Geschichte  zurückkehren. 


§ 10.  Wölfische  und  niederdeutsche  Litteratur. 

Jede  Familie  stand  im  Mittelalter  in  Verbindung  mit  irgend 
einer  Kirche  oder  einem  Kloster,  wo  sie  ihren  Mitgliedern  ein  wür- 
diges Begräbnifs  zu  sichern  suchte,  und  durch  Schenkungen  und 
Stiftungen  für  ihre  ewige  Seligkeit  sorgte.  Männer,  die  jedes  anderen 
Stiftes  schlimmste  Feinde  waren,  pflegten  nur  um  so  sorgsamer  dieses 
ihres  eigenen  Hafens  sich  anzunehmen,  um  gewissermafsen  eine  Art 
von  Gleichgewicht  herzustellen.  Am  liebsten  trat  man  in  Beziehung 
zu  einem  Kloster,  und  wo  die  Mittel  ausreichten,  wurden  eigene 
Klöster  neu  begründet.  Frömmigkeit  und  Aberglauben  waren  nicht 
die  einzigen  Motive,  welche  dazu  veranlafsten;  man  hatte  zugleich 
an  dem  Abt  und  seinen  Mönchen  gute  Rathgeber,  und  fand  hier  die 
Schreiber,  deren  man  so  sehr  bedurfte,  oft  auch  gewandte  diploma- 

l)  Ich  folge  hierin  ganz  der  Untersuchung  W.  Giesebrechts  in  der  Allgem. 
Monatschr.  1852  S.  268  ff.  Gedruckt  ist  dieser  Theil  des  Pontificale  bei  Muratori  III 
unter  dem  Namen  des  Kardinals  von  Arragonien  und  besser,  aber  zerstiiekt,  bei 
Baronius  als  Acta  Vaticana.  — Ueber  die  äufserst  zahlreichen  und  wichtigen 
Briefe  aus  dieser  Zeit  orientiren  am  besten  die  päpstlichen  Regesten  von  Jaffe.  — 
Die  italienischen  Quellen  für  die  Zeit  Friedrichs  II,  welche  noch  weniger  Beziehung 
zu  Deutschland  haben,  dürfen  wir  hier  wohl  um  so  eher  übergehen,  da  in  Böh- 
mers Regesten  von  1198 — 1254  p.  LXXIII — LXXIX  eine  ausreichende  Uebersicht 
gegeben  ist.  Nachzutragen  ist  jetzt  aufser  dem  Chronicon  Placentinum  die  von 
Böhmer  erwähnte,  aber  damals  noch  ungedruckte  Chronica  fratris  Salimbene  Par- 
mensis  ord.  Minorum  ex  cod.  bibl.  Vat.  nunc  primum  edita,  Parmae  1857.  4.  als 
dritter  Band  der  Monumenta  historica  ad  provincias  Parmensem  et  Placentinam 
pcrlinentia. 


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Welfische  Littmtur.  Weingarten.  375 

tische  Agenten,  und  die  Stiftschronik  wurde  zugleich  zur  Familien- 
chronik. 

Forscht  man  nach  der  Geschichte  einer  Familie,  so  hat  man 
sich  zuerst  nach  ihrem  Kloster  umzusehen. 

Das  Welfische  Kloster  war  Weingarten;  hier  verfälschte 
man  zu  ihem  Vortheil  die  Chronik  des  Otto  von  Freising  (oben  8.  351), 
und  ein  ungenannter  Mönch  des  Stifts  schrieb  zu  Ende  des  zwölften 
Jahrhunderts  ein  eigenes  Werk  Uber  die  Geschichte  der  Welfen  mit 
redlichem  Fleifs  und  lobenswerther  Treue.  Er  strebt  nach  urkund- 
licher Genauigkeit  und  ist  frei  von  den  Fabeln,  mit  welchen  sonst 
Genealogen  so  gern  die  unbekannte  Vorzeit  ausfüllen;  dafs  er  die 
näher  liegenden  Ereignisse  überall  vom  welfischen  Gesichtspunkte 
auffafst  und  dazu  den  umgestalteten  Text  des  Otto  von  Freising 
verwendet,  auch  selbst  in  diesem  Bestreben  noch  weiter  geht,  kann 
man  ihm  kaum  zum  Vorwurfe  machen,  und  ist  eine  ganz  andere 
Sache,  als  wenn  man  dem  Schriftsteller  der  feindlichen  Familie  selbst 
eine  seinen  Verwandten  ungünstige  Darstellung  in  den  Mund  legt1). 
Ein  anderer  Mönch  desselben  Klosters  verband  bald  nachher  die 
Thaten  der  Welfen  mit  einer  Geschichte  der  römischen  Kaiser,  und 
führte  die  Geschichte  des  Hauses  um  30  Jahre  weiter  bis  1197;  eine 
Fortsetzung  reicht  bis  1208*). 

Aufser  Weingarten  hat  Welf  IV  Raitenbuch,  Welf  VI  1147 
Steingaden s)  gestiftet  Dieser  Welf  VI  war  ein  erbitterter  Gegner 
des  kaiserlich  gesinnten  Bischofs  Hartwig  von  Augsburg.  Er  war 
dadurch  tief  verwickelt  in  den  Kampf  der  Parteien,  und  gab  sich, 
aber  vergeblich,  viele  Mühe,  seinen  besonderen  Interessen  bei  dem 
Frieden  von  Venedig  Berücksichtigung  zu  verschaffen.  Sein  Unter- 
händler war  der  Propst  Otto  von  Raitenbuch,  der  zugleich  Propst 
von  Eberndorf  im  Jaunthal  war,  verwandt  mit  dem  Patriarchen  Udal- 
rich  von  Aquileja  und  Bruder  des  Abtes  Rupert  von  Tegernsee, 
mit  dem  er  in  lebhaftem  Briefwechsel  stand.  Aber  nicht  allein  die 
Briefe,  welche  er  an  diesen  schrieb,  sondern  seine  ganze  Correspon- 
denz,  namentlich  auch  die  Briefe  des  Herzogs  Welf,  scheinen  in 
Tegernsee  aufbewahrt  zu  sein  und  finden  sich  jetzt  in  einem  Copial- 
buch  dieses  Stiftes4). 

*)  Anonymus  Weingartensis  de  Guelfis  principibus  bis  1167  bei  Ilefs,  Mon. 
Guelf.  S.  I — 47.  Vgl.  Stalin  II,  14  und  Wilmans,  Archiv  XI,  38  ff. 

*)  Chronographus  Weingartensis,  Ilefs  Mon.  Guelf.  S.  55 — 76.  Stalin  II,  9. 

a)  und  das  Schottenkloster  zu  Memmingen,  Uber  welches  eine  gänzlich  fabel- 
hafte Gründungsgesehichte  existirt,  Origines  Guelf.  II,  431 — 452. 

4)  Sie  sind  daraus  sehr  zerstückt  gedruckt  in  Pez  Thes.  VI  und  Origines 
Guelf.  II. 


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376  V.  Staufer.  § 10.  Welfische  und  niederdeutsche  Litteratur. 

Die  Erwerbung  des  Herzogthums  Sachsen  führte  die  Welfen 
auch  nach  Norddeutschland,  und  hier  war  der  Hauptschauplatz  der 
Thätigkeit  Heinrichs  des  Löwen;  dahin  führen  auch  die  wich- 
tigsten Quellen  Uber  ihn.  Werthvolle  Nachrichten  Uber  den  letzten 
Abschnitt  seines  Lebens,  den  mindest  rühmlichen  nach  dem  Yerrath 
an  Kaiser  und  Reich,  finden  wir  in  der  Chronik  des  Klosters  Steder- 
burg  unweit  Wolfenbüttel,  geschrieben  von  dem  Propste  Gerhard 
(1163  bis  1209),  einem  Manne,  der  dem  Herzog  Heinrich  sehr  nahe 
stand  und  mehrfach  mit  wichtigen  Aufträgen  betraut  wurde.  Er  ist 
aber  leider  von  so  fanatischem  Eifer  für  das  Welfische  Haus  erfüllt, 
dafs  seine  ganze  Darstellung  dadurch  gefärbt  und  falsch  wird;  er 
entstellt  die  Begebenheiten  völlig,  hat  aber  als  Zeitgenosse  einzelne 
wichtige  Nachrichten  aufbewahrt,  und  schildert  die  KriegsereignisBe, 
durch  welche  auch  sein  Stift  hart  betroffen  wurde,  mit  grofser  Le- 
bendigkeit. Eingeflochten  sind  diese  Abschnitte  in  die  Klosterge- 
schichte, welche  sich  jedoch  fast  ausschliefslich  mit  der  Erwerbung 
der  Stiftsgüter  und  der  Sorge  für  ihre  Erhaltung  und  Rettung  be- 
schäftigt; kurze  Annalen,  die  fast  ganz  auf  denen  von  Poehlde  und 
Pegau  beruhen,  sind  wohl  von  anderer  Hand  eingeschoben1). 

Von  unvergleichlich  gröfserem  Werthe  ist  die  Wendenchronik 
Helmoldsa),  ein  ausgezeichnetes  Werk,  welches  ebenfalls  vorzugs- 
weise von  Heinrich  dem  Löwen  handelt,  dessen  Aufgabe  aber  doch 
eine  gröfsere  ist.  Helmold  wollte  darstellen,  wie  das  Christenthum 
und  die  deutsche  Herrschaft  unter  den  Wenden,  vornehmlich  in 
Wagrien,  festen  Fufs  gefafst  hatten,  ein  Gegenstand  der  ihm  be- 
sonders nahe  lag,  da  diese  Vorgänge  grofsentheils  vor  seinen  Augen 
sich  ereignet  hatten,  und  er  mit  dem  eifrigsten  Glaubensboten,  mit 
Vicelin,  persönlich  befreundet  war.  Er  war  noch  Zeuge  von  Vicelins 
Predigt  und  aufopfernder  Thätigkeit  gewesen,  und  er  hatte  auch  mit 

l)  lieber  die  Handschrift,  ein  Diplomatar  aus  dem  14.  Jahrhundert  und  die 
sehr  schlechten  Ausgaben  (Meibom  I,  427 — 436.  450 — 455.  Leibn.  SS.  ßrunsvie. 
I,  849  ff.)  s.  Waitz  im  Archiv  VII,  598.  Vgl.  Cohn,  De  rebus  inter  Henricum  VI 
et  Ilcnticum  Leonem  actis.  Vratisl.  1856.  8.  p.  13  ff.  p.  18  über  das  Verhältnifs 
zur  Braunschweiger  Reimchronik,  welche  Gerhards  Worte  amplificirt.  Neue  Aus- 
gabe von  Pertz,  Mon.  SS.  XVI,  197 — 231  als  Ann.  Sted.  auctore  Gerhardo.  Der 
Text  ist  in  der  Handschrift  ziemlich  verderbt;  pag.  199,  16  möchte  statt  vel,  ut, 
statt  imperius  p.  200,  8 und  213,  31  ipsius,  p.  222,  9 statt  exuere,  ex urere  zu 
lesen  sein. 

8)  Helmoldi  Chronicon  Slavorum,  eum  continuatione  Arnoldi  ed.  Bangert  1659. 
4.  Leibniz  SS.  Brunsvic.  II,  537.  Vgl.  Lappenberg  im  Archiv  VI,  554.  Ucber- 
setznng  von  Laurent  nach  dem  beriätigten  Text.  1852.  L.  Giesebrecht,  Wen- 
dische Geschichten  III,  355.  Daselbst  S.  356  auch  über  die  Versus  antiqui  de 
episcopo  Vicelino  bei  Lindenbrog  SS.  Septentr.  p.  118  und  Westphalen,  Mon.  Ined. 
B,  1 — 8.  — Helmolds  Werk  wurde  1378  von  Hermann  v.  Kirchberg  in  deutsche 
Verse  übertragen. 


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Gerhard  von  Stederburg.  Helmold  und  Arnold. 


377 


anselien  müssen,  wie  die  Wagner  durch  die  Habsucht  der  herzog- 
lichen Beamten  zu  immer  neuen  Kriegen  und  Aufständen  getrieben, 
endlich  ganz  unterjocht  und  grofsentheils  vertilgt  wurden;  Colonisten 
aus  Westfalen  und  Holland  traten  an  ihre  Stelle.  Ueber  diese 
Ereignisse,  doch  auch  über  die  entferntere  Wirksamkeit  Heinrichs 
des  Löwen,  Uber  seine  Kriegszüge  nach  Pommern,  giebt  uns  Helmold 
in  einfacher  anschaulicher  Erzählung  und  in  besonders  gutem  und 
fliefsendem  Latein  die  trefflichsten  Nachrichten.  Für  die  ältere  Zeit 
benutzte  er  die  Kirchengeschichte  Adams  von  Bremen,  aber  an  ge- 
lehrter Kenntnifs  der  Geschichte  ist  er  mit  diesem  nicht  zu  ver- 
gleichen, während  er  in  der  Schilderung  des  Selbsterlebten  nie- 
mandem nachsteht,  und  auch  aus  mündlicher  Ueberlieferung  über  die 
älteren  Zeiten  manches  Bemerkenswerthe  mittheilt. 

Veranlafst  wurde  Helmold  zu  seinem  Werke  durch  Gerold,  Vi- 
celins  Nachfolger  als  Bischof  von  Oldenburg,  früher  Caplan  Heinrichs 
des  Löwen,  der  ihn  aus  Schwaben  mitgebracht  hatte.  Helmold  selbst 
hatte  noch  unter  Vicelin  in  dem  Prämonstratenser  Kloster  Faldera, 
später  Neumünster,  gelebt,  und  wurde  dann  Pfarrer  zu  Bosau  am 
Plöner  See;  er  widmete  das  allein  vollendete  erste  Buch  den  Dom- 
herren zu  Lübeck,  wohin  eben  damals  das  Bisthum  verlegt  war,  da 
die  neue  deutsche  Colonie  den  Handel  und  Reichthum  des  altbe- 
rühmten  Oldenburg  oder  Stargard  rasch  an  sich  gezogen  hatte. 

Fortgesetzt  wurde  Helmolds  Werk,  dessen  angefangenes  zweites 
Buch  bis  1170  reicht,  bis  1209  von  Arnold,  dem  ersten  Abte  des 
Lübecker  Johannisklosters.  Auch  hier  steht  Heinrich  der  Löwe  im 
Vordergründe,  sein  Kreuzzug,  dann  sein  Kampf  mit  dem  Kaiser.  Die 
Belagerung  Lübecks  1181,  die  Erhebung  der  Stadt  zur  Reichsstadt 
hatte  der  Abt  selbst  mit  erlebt.  Die  Geschichte  dieser  Lande  ist 
vorzüglich  sein  Gegenstand,  aber  er  beschränkt  sich  nicht  darauf; 
schon  dadurch,  dafe  die  Bekriegung  und  Bekehrung  der  Wenden 
vollendet  war,  wird  der  Charakter  seines  Buches  verändert.  Er  nimmt 
Vieles  Uber  die  entfernteren  Begebenheiten,  die  Kriege  in  Italien, 
mit  Vorliebe  auch  Uber  die  Kreuzzüge,  auf;  wie  einst  Thietmar  giebt 
er  mehr  Denkwürdigkeiten  seiner  Zeit  als  ein  einheitliches  Geschichts- 
werk. An  guten  Nachrichten  fehlte  es  ihm' nicht,  doch  sind  begreif- 
licher Weise  seine  Angaben  hier  weniger  genau.  Bestimmte  Zeit- 
angaben findet  man  überhaupt  wenig  bei  ihm;  übrigens  aber  ist  er 
in  hohem  Grade  zuverlässig  und  wahrheitsliebend.  Obwohl  dem 
Herzog  Heinrich,  dem  Stifter  seines  Klosters,  und  dessen  Nach- 
kommen günstig  gesinnt,  läfst  er  sich  dadurch  nicht  wie  Gerhard 


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378  V.  Staufer.  § 10.  Weit  Litteratur.  § 11.  Localgeschichte.  Sachsen. 


zur  Parteilichkeit  und  zur  Ungerechtigkeit  gegen  die  Gegner  des- 
selben hinreifsen. 

Geschrieben  hat  Arnold  seine  Chronik  in  hohem  Alter  und  1212, 
also  bald  nach  ihrer  Vollendung,  ist  er  gestorben.  Er  schöpfte  seine 
Nachrichten  theils  aus  Briefen  und  Actenstiicken,  theils  und  vorzugs- 
weise aus  mündlicher  Mittheilung,  vorzüglich  vom  Bischof  Heinrich 
von  Lübeck,  der  zuvor  Abt  des  Aegidienklosters  zu  Braunschweig 
gewesen  war  und  den  Herzog  auf  seinem  Kreuzzuge  begleitet  hatte. 
Aus  Brüssel  gebürtig,  hatte  Heinrich  in  Paris  studirt  und  dann  den 
Schulen  in  Hildesheim  und  Braunschweig  vorgestanden,  bevor  er 
Mönch  wurde.  Nur  ungern  liefs  ihn  Herzog  Heinrich  1172  von  sich, 
als  die  Lübecker  Kirche  ihn  zum  Bischof  erwählt  hatte.  Anderes 
verdankt  Arnold  den  Mittheilungen  des  Kanzlers  Konrad  von  Quer- 
furt.  Diesem,  Beinern  Kaplan,  hatte  Kaiser  Friderich  nach  dem  Tode 
des  Bischofs  Heinrich  (1182)  das  Bisthum  verliehen,  dem  er  aber 
nur  kurze  Zeit  Vorstand,  weil  er  sich  mit  dem  Grafen  Adolf  von 
Holstein  nicht  vertragen  konnte.  Er  kehrte  an  den  Hof  zurück, 
wurde  kaiserlicher  Kanzler,  dann  1195  Bischof  von  Hildesheim  und 
von  da  1198  nach  Wirzburg  versetzt,  wo  ihn,  als  er  vom  König 
Philipp  abgefallen  war,  am  6.  Dec.  1202  seine  Feinde  erschlugen1). 
Arnolds  Beziehungen  zu  ihm  zeigt  aufser  anderem  der  vollständig 
aufgenommene  Brief  des  Kanzlers  aus  Apulien  an  den  Scholasticus 
Herbord  zu  Hildesheim,  ein  Brief,  der  auf  die  wunderlichste  Weise 
aus  antiken  Reminiscenzen  und  späteren  italienischen  Fabeleien  ge- 
mischt ist*).  Er  zeigt  uns  deutlich,  wie  sehr  auch  angesehene  und 
ausgezeichnete  Männer  die  Leichtgläubigkeit  ihrer  Zeitgenossen  theil- 
ten,  und  es  ist  nicht  zu  verwundern,  dafs  auch  Arnold  an  dieser 
Schwäche  leidet.  Ungeachtet  mancher  Mängel  behauptet  er  doch 
einen  sehr  ansehnlichen  Platz  unter  den  Chronisten  dieser  Zeit  und 
ist  besonders  für  die  Geschichte  des  nördlichen  Deutschlands  von 
grofaer  Wichtigkeit8). 

Helmolds  und  Arnolds  Schriften  beweisen  einen  sehr  achtbaren 
Stand  der  gelehrten  Bildung  in  diesen  Gegenden;  die  Schulen  von 

0 s.  über  ihn  Abels  K.  Philipp  S.  158 — 162.  356.  Daselbst  wird  auch  eine 
Geschichte  des  Querfurtischen  Geschlechtes  angeführt,  geschrieben  vor  1198,  gedr. 
in  Buders  Sammlung  verschiedener  Schriften.  Frankf.  1735,  S.  434  ff. 

*)  Vgl.  darüber  Mafsmann : Virgil  als  Zauberer,  in  seiner  Ausgabe  d.  Kaiser- 
chronik HI , 433  — 460. 

3)  Die  Ausgaben  s.  bei  Ilelmold.  Lappenberg,  im  Archiv  VI,  566.  Cohn, 
1. 1.  p.  10.  — Ueber  ein  niederdeutsches  Gedicht  von  den  merkwürdigsten  Begeben- 
heiten in  Holstein  1199 — 1215  s.  Waitz  in  den  Nordalbingischen  Studien  VI,  1,88. 
Gedruckt  ist  es  in  Dreyers  Anecdota  und  Slaphorsts  Hamb.  Kirchengeschichte  II. 


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Arnold  von  Lübeck.  Saxo  Gramm  aticus.  379 

Bremen,  Hildesheim,  Hameln,  Braunschweig,  deren  sie  gedenken, 
scheinen  in  gutem  Zustande  und  erfreulicher  Wirksamkeit  bestanden 
zu  haben.  Auch  drang  die  lateinische  kirchliche  Bildung  nun  schon 
über  die  Grenzen  in  die  Nordlande  ein  und  setzte  auch  hier  wirk- 
liche Geschichte  an  die  Stelle  der  unbestimmten  und  unzuverlässigen 
Sage.  Auch  in  Dennemark  war  die  Entwickelung  eingetreten, 
welche  in  allen  neu  bekehrten  Reichen  nach  einiger  Zeit  vor.  sich 
ging,  und  von  den  Päpsten  aus  Staatsklugheit  immer  begünstigt 
wurde;  es  hatte  sich  von  der  kirchlichen  Herrschaft  der  Bremer 
Kirche  los  gemacht,  in  Lund  einen  eigenen  Erzbischof  erhalten,  und 
trat  in  directe  Verbindung  mit  dem  eigentlichen  Mittelpunkte  der 
Kirche,  mit  Frankreich.  Schon  sandte  der  dänische  Adel  seine  Söhne 
nach  Paris,  um  dort  zu  studiren  (Am.  Lub.  IH,  5)  und  dorthin  hatte 
sich  auch  der  junge  Axel  oder  Absalon  begeben,  der  dann  als 
Bischof  von  Rothschild  eine  hohe  und  glänzende  Stellung  einnahm. 
An  seinem  Hofe  unter  seinen  -Schreibern  befand  sich  ein  Seeländer 
Namens  Saxo,  den  man  um  seiner  Gelehrsamkeit  willen  den  Gram- 
matiker nannte,  und  dieser  schrieb  auf  Absalons  Wunsch  die  erste 
einheimische  Geschichte  der  Dänen1).  Sie  beruht  in  ihrem  früheren 
Theile  auf  der  einheimischen  Sage;  was  uns  aber  hier  zunächst  be- 
rührt, ist  die  beredte  und  ausführliche  Schilderung  der  Thaten  Axels 
und  die  Geschichte  der  Könige  dieser  Zeit,  welche  die  deutsche  Ge- 
schichte vielfach  berührt.  Ganz  besonders  gewährt  die  Beschreibung 
der  Kriegszüge  gegen  die  Wenden,  in  Verbindung  mit  Heinrich  dem 
Löwen  unternommen,  eine  vortreffliche  Ergänzung  der  weniger  aus- 
gefUhrten  Nachrichten  Helmolds. 

§ 11.  Localgeschichte.  Sachsen. 

Wir  haben  in  den  früheren  Abschnitten  darzulegen  versucht, 
wie  sich  an  verschiedenen  Orten  eine  litterarische  Thätigkeit  ent- 
wickelte. Jedes  Denkmal  war  uns  bedeutend,  wenn  es  die  Anfänge 
und  Fortschritte  derselben  berührte.  Jetzt  nun,  nachdem  die  ersten 
Stufen  längst  überwunden  sind,  ist  es  weniger  nothwendig  jede  Er- 
scheinung dieser  Art  zu  beachten  und  hervorzuheben.  Ein  ziemlich 

*)  Saxonia  Grammatici  historia  Danica  ( — 1186)  rec.  Müller  et  Velschow, 
Ilavniae  1839.  Vgl.  Dahlmanns  Historische  Forschungen;  L.  Giesehrecht , Wen- 
dische Geschichten  111,  363  ff.,  auch  über  die  übrigen,  weniger  bedeutenden  Quellen 
der  dänischen  Geschichte.  Gegen  Giesebrecht,  über  die  Identität  von  Julin  und 
Jumne,  Schafarik,  Namen  und  Lage  der  Stadt  Wineta,  Leipzig  1846.  8.  aus  Jor- 
dans slavischen  Jahrbüchern.  — Von  dem  Leben  des  am  7.  Jan.  1131  erschlage- 
nen Knud  Laward,  von  dem  schottischen  Bischof  Robert  von  Eigin  verfafst  (Ro- 
berti  ep.  Elgensis  Vita  Kanuti  ducis  Slesvieensis)  ist  nur  ein  magerer  Auszug  von 
Hamsfort  erhalten,  Langebeck  IV,  256. 


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380 


V.  Staufer.  § 11.  Localgeschichte.  Sachsen. 


hoher  Grad  gelehrter  Bildung  hat  unter  der  Geistlichkeit  eine  weite 
Verbreitung  erlangt,  und  überall  bietet  sich  strebsamen  Klerikern 
Gelegenheit  zu  weiterer  Ausbildung.  Bis  gegen  die  Mitte  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  hält  sich  dieser  Zustand,  dann  aber  reifst  immer 
mehr  Rohheit  und  Unwissenheit  ein,  während  die  Laien  anfangen 
zu  selbständiger  Bildung  vorzudringen  und  allmählich  auch  in  der 
Litteratur  sich  geltend  machen.  Die  Rechtlosigkeit  und  Anarchie, 
welche  die  Geistlichkeit  durch  ihren  Kampf  gegen  die  weltliche  Obrig- 
keit zuwege  gebracht  hat,  trifft  in  gerechter  Vergeltung  niemanden 
schwerer,  als  die  Urheber  selbst:  die  blühendsten  Stifter  gehen  in 
den  unaufhörlichen  Kämpfen  theils  zu  Grunde,  verlieren  ihren  Besitz 
und  ihre  angesehene  Stellung,  theils  verdrängt  die  Nothwendigkeit 
kriegerischer  Gegenwehr  alle  gelehrte  Thätigkeit,  die  höhere  Bildung, 
welcher  die  Geistlichen  ihr  Uebergewicht  verdanken. 

Geschichtliche  Aufzeichnungen,  von  der  Gestalt  zufälliger  No- 
tizen an  bis  zur  sorgfältig  gearbeiteten  Klosterchronik  und  Biographie, 
kommen  während  des  vorliegenden  Zeitraums  an  vielen  Orten  vor; 
gewifs  ist  nur  ein  Theil  davon  erhalten,  manches  liegt  auch  noch 
ungedruckt.  Was  vorhanden  ist  und  nicht  bereits  erwähnt  wurde, 
werden  wir  hier  in  einer  kurzen  Uebersicht  zusammenstellen l) ; es 
ist  aber  verhältnifsmäfsig  und  im  Vergleich  mit  der  Thätigkeit  des 
elften  Jahrhunderts  nicht  viel  und  versiegt  immer  mehr  im  drei- 
zehnten Jahrhundert. 

Aus  Magdeburg  besitzen  wir  eine  Bisthumschroniks), 
welche  die  Zeiten  Norberts  und  seines  Nachfolgers  Konrad  ziemlich 
ausführlich  behandelt,  nach  Konrads  Tod  (1142)  aber  plötzlich  so 
dürftig  wird,  dafs  wir  die  Abfassung  wohl  in  diese  Zeit  setzen  dürfen; 
die  weitere  Fortsetzung  reicht  bis  1375.  Für  die  Zeit  Heinrichs  IV 
ist  das  Werk  des  Bruno  grofsentheils  aufgenommen,  vorher  vermuth- 
lich  eine  alte  verlorene  Stiftsgeschichte  benutzt,  von  der  sich  auch 
im  Chronograplms  Saxo  Spuren  finden.  Aufser  diesem  Werke,  welches 
wir  nebst  der  Chronik  von  Poehlde  als  Weltchronik  weiter  unten  zu 
erwähnen  haben,  ist  von  besonderem  Werth  die  noch  ungedruckte 
Schöppenchronik  aus  dem  fünfzehnten  Jahrhundert.  In  dieser 
ist  nach  Abel  (König  Philipp  S.  259)  für  die  Zeit  der  Erzbischöfe 
Ludolf  und  Albrecht  (1192 — 1235)  offenbar  eine  jetzt  verlorene 

4)  Für  eine  eingehendere  Behandlung  wird  nach  dem  Erscheinen  der  nächsten 
Bände  der  Mon.  Germaniae  ein  geeigneterer  Zeitpunkt  sein,  da  bis  jetzt  die  Aus- 
gaben so  sehr  ungenügend  sind  und  auch  nicht  wenig  ungedrucktes  zu  erwarten  ist. 

a)  Chronicon  Magdeburgense , Meibom.  II,  269  — 371.  Emendationen  bei 
Mencken  III,  360  — 374. 


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Magdeburg.  Merseburg.  Pegau.  381 

gleichzeitige  Quelle  benutzt,  die  auch  noch  vom  Erzbischof  Wicli- 
mann  genauere  Kunde  hatte1). 

Aua  Meraeburg  hat  eich  eine  nicht  gerade  reichhaltige  Bia- 
thumschronik*)  erhalten,  welche  aber  doch  jetzt  mit  Nutzen  zu 
gebrauchen  ist,  aeitdem  Wilraana  den  ursprünglichen  Text  hergeatellt 
und  nachgewieaen  hat,  dafa  aie  zuerst  1136  verfafat,  darauf  1320 
interpolirt  und  mit  einer  Fortsetzung  versehen  ist;  weitere  Fort- 
setzungen bis  1341,  1431,  1514  schliefaen  sich  daran. 

Etwas  später,  um  die  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts,  ist  die 
unbedeutende  Lebensbeschreibung  jenes  Bischofs  Wern  her  verfafat, 
dem  Bruno  sein  Werk  Uber  den  Sachsenkrieg  gewidmet  hatte3). 
Lehrreicher  besonders  für  die  Ausbreitung  der  neuen  Mönchsorden 
und  ihren  Zusammenhang  unter  einander  ist  das  hübsch  geschriebene 
Leben  Lamberts,  des  ersten  Propstes  der  regulirten  Chorherren 
im  Kloster  Neuwerk  bei  Halle  (S.  359). 

Unweit  von  Merseburg  liegt  das  Kloster  Pegau,  gestiftet  von 
Wipert  von  Groitsch,  Markgrafen  der  Lausitz  aus  wendischem  Ge- 
schlecht. Schon  im  Jahre  1091  war  der  Bau  begonnen  und  im  fol- 
genden Jahre  Mönche  aus  dem  fränkischen  Kloster  Schwarzach  ge- 
holt, aber  erst  unter  dem  Abte  Windolf  (1101 — 1150),  früher  Prior 
zu  Korvei,  einem  ausgezeichneten  und  gelehrten  Manne,  begann  die 
neue  Stiftung  zu  gedeihen  und  zuzunehmen.  Dieser  wird  es  auch 
wohl  gewesen  sein,  welcher  einen  Mönch  seines  Klosters  veranlafste, 
das  Leben  des  Stifters  in  Verbindung  mit  der  Geschichte  der  Grün- 
dung aufzuzeichnen  und  ihm  zugleich  aus  dem  Schatze  seiner  Erin- 
nerungen den  Stoff  dazu  gab4).  Da  aber  die  vorhandenen  schrift- 
lichen Quellen,  die  von  Schwarzach  herübergekommene  Chronik  des 
Ekkehard  und  die  Erfurter  Annalen,  über  Wiperts  Leben  (t  22.  Mai 

*)  Vgl.  Böhmers  Regesten  von  1198 — 1254  S.  XXI.  Abel  a.  a.  0.  theilt  die 
Vorrede,  Auszüge  über  Wirhmann  und  die  Jahre  1192—1208  mit.  Dem  Erz- 
bischof Albrecht  widmete  Odo  sein  Buch  vom  Herzog  Ernst  in  lateinischen  Hexa- 
metern. Auf  die  Fortsetzung  der  oben  (S.  257)  erwähnten  Annales  Rosenfeldenses 
bis  1164  kommen  wir  unten  § 18  zurück. 

*)  Chronica  episcoporum  ecclesiae  Merseburg.,  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  X, 
157  — 212.  * 

a)  Vita  Wernheri  ep.  Merseburg,  ed.  Wilmans,  Mon.  SS.  XII,  244 — 248. 

4)  Annales  Pegavienses  et  Bosovienses  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  XVI,  232— 270. 
VgL  L.  A.  Cohn,  Die  Pegauer  Annalen  mit  Benutzung  handschriftlicher  Hülfsmittel 
kritisch  untersucht.  Abgedruckt  aus  den  Mittheil.  d.  Gcschichts-  u.  Alterthums- 
forschenden Ges.  d.  Osterlandes,  Bd.  IV.  Heft  4.  S.  472  — 533.  Durch  jene  Aus- 
gabe, die  erste  nach  der  Urschrift,  werden  die  früheren  zerstückten  Drucke  als 
V.  Viperli  und  Conlin.  Chronici  Pegaviensis  unbrauchbar.  Die  Ann.  Bosovienses, 
nur  nach  dem  Fundort  der  Handschrift  im  Kloster  Posen  unweit  Zeitz  so  genannt, 
fugen  das  Stück  von  1125 — 1195  als  Fortsetzung  an  Ekkehards  Chronik  nebst 
zwei  kleinen  Notizen  von  1197  u.  1198. 


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382  V.  Staufer.  § 11.  Localgeschichte.  Sachsen. 

1124)  nur  wenig  enthielten,  so  ist  es  nicht  zu  verwundern,  dafs  die 
Biographie  besonders  in  ihrem  früheren  Theile  durchaus  sagenhaft 
und  verwirrt  ausgefallen  ist.  Geschrieben  oder  doch  vollendet  wurde 
sie  nach  Cohns  richtiger  Bemerkung  erst  nach  dem  gleich  zu  Anfang 
erwähnten  Tode  des  Pfalzgrafen  Otto  von  Baiem  (5.  Aug.  1155), 
aber  vermuthlich  vor  dem  Tode  des  am  1.  Mai  1156  verstorbenen 
Abtes  Windolf,  der  schon  1150  seine  Würde  niedergelegt  hatte.  Im 
Verlaufe  seines  Werkes  gewinnt  der  Verfasser  an  Glaubwürdigkeit, 
und  seine  ausführlichen  Nachrichten  über  die  Kämpfe  zwischen 
, Heinrich  V und  den  Sachsen  sind  sehr  schätzbar  für  die  Geschichte 
Sachsens.  In  höchst  ungeschickter  Weise  aber,  die  an  CosmaB  von 
Prag  erinnert,  sind  diese  freien  und  lebendigen  Erzählungen  durch- 
webt mit  den  buchstäblich  abgeschriebenen  Erfurter  Annalen  von 
1116  an l).  Der  Besitz  dieser  Annalen  verleitete  den  Verfasser,  nicht 
nur  gegen  die  ursprüngliche  Anlage  seines  Werkes  zu  einer  annali- 
stischen  Form  und  von  der  Klostergeschichte  zu  bunt  gemischter 
allgemeiner  und  specieller  Geschichte  überzugehen,  sondern  auch 
die  eigene  Arbeit  fast  ganz  zu  unterlassen  und  sich  auf  wenige  Zu- 
sätze zu  den  Erfurter  Annalen  zu  beschränken,  in  denen  er  auch 
die  sogenannten  Lotharianischen  Annalen  vorfand.  Mit  dem  Jahre 
1149  endigte  vermuthlich  das  ihm  mitgetheilte  Exemplar  und  des- 
halb beschlofs  auch  er  hier  seine  Arbeit.  Erst  nach  langer  Zeit 
dachte  man  an  eine  weitere  Fortsetzung,  die  bis  1176  fast  ganz  aus 
den  Magdeburger  Annalen  (Chronographus  Saxo)  entnommen  ist, 
nur  mit  der  Abweichung,  dafs  der  jetzt  zur  Anerkennung  gelangte 
Papst  Alexander  HI  hier  von  Anfang  an  als  der  rechtmäfsige  hin- 
gestellt wird,  während  die  Vorlage  kaiserliche  Gesinnung  zeigte.  Die 
weitere  Fortsetzung  bis  1181  ist  aber  eigenthümlich,  Behr  ausführlich 
und  von  grofsem  Werthe;  von  verschiedenen  Händen  und  in  ungleicher 
Weise  ist  die  Geschichte  von  da  bis  1190  weiter  geführt.  Endlich 
wurde  um  das  Jahr  1280  noch  eine  Fortsetzung  hinzugefügt,  welche 
anfänglich  bis  auf  wenige  mit  den  Bosauer  Annalen  übereinstim- 
mende Worte  aus  der  Chronik  des  Martin  von  Troppau  genommen 
ist,  aufserdem  aber  zum  Jahre  1198  und  von  1215 — 1227  ausführ- 
liche und  genaue  Nachrichten  über  den  Markgrafen  Dietrich  den 
Bedrängten  von  Meifsen  enthält.  Da  von  Pegau  hier  gar  nichts 
vorkommt,  die  spätere  Chronik  von  Altenzelle2),  einer  Stiftung  dieses 

*)  wie  Cohn  a.  a.  0.  nachgewiesen  hat ; entscheidend  ist  besonders  der  Aus- 
druck Wiffbertum  quendam  praedivitem,  der  sich  nur  so  erklären  läfst. 

*)  Annales  Veteroceüenses,  eine  um  1375  verfafste  Chronik  des  Mcifsnischcn 
Fürstenhauses  bei  Menckcn  II,  377 — 416.  Wirkliche  kurze  Annalen  v.  Altenzelle 
sind  als  Chronicon  Veterocellense  minus  von  Mencken  II,  435 — 446,  jetzt  als 


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Pegau.  Goseck.  Halberstadt.  Lauterberg. 


383 


Markgrafen,  aber  dieselben  Nachrichten  enthält,  so  ist  Cohns  Ver- 
muthung,  dafs  dieses  Stück  aus  einer  Altenzeller  Aufzeichnung  ent- 
lehnt sein  möge,  sehr  wahrscheinlich. 

Eine  wirkliche  Klosterchronik  ohne  einen  solchen  Auswuchs 
wie  die  Pegauer  ist  die  Chronik  von  Goseck1)  bei  Naumburg 
(1041 — 1135),  die  auch  um  die  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts  ge- 
schrieben ist  und  über  die  Familie  der  Stifter,  des  Erzbischofs  Adal- 
bert von  Bremen  und  seiner  Brüder,  der  Pfalzgrafen  von  Sachsen, 
zwar  willkommene  Nachrichten  gewährt,  aber  doch  auch  von  der 
mit  blos  mündlicher  Ueberlieferung  verbundenen  Verwirrung  nicht 
frei  ist.  Die  weitere  Geschichte  des  Klosters  giebt  ein  Bild  der 
schon  so  oft  berührten  gewöhnlichen  Kämpfe  und  Wechselfälle  solcher 
Stiftungen.  Auch  Goseck  war  bald  sehr  heruntergekommen  und  wurde 
neu  hergestellt  durch  den  1134  erwählten  Abt  Nenther,  welcher  die 
Hirschauer  Regel  einführte. 

In  Halberstadt  wurde  im  Anfang  des  dreizehnten  Jahrhun- 
derts eine  Bisthumschronik  *)  von  780 — 1209  verfafst,  die  anfangs  auf 
Ekkehard  und  dem  sächsischen  Annalisten  beruht,  aber  auch  locale 
Nachrichten  aus  verschiedenen  Quellen  hinzufügt;  weiterhin  berichtet 
der  Verfasser  die  Geschichte  seiner  Zeit  mit  besonderer  Beziehung 
auf  Halberstadt  und  gehört  hier  zu  den  besseren  Quellenschriften. 

Ueber  die  meifsnischen  Fürsten  und  Lande  erfahren  wir  manches 
ans  der  Chronik  des  Klosters  auf  dem  Lauterberg  oder  Petersberg 
bei  Halle3)  (1124 — 1225),  welche  einem  Priester  Konrad  zugeschrie- 
ben wird.  Die  Hausgeschichto  des  Klosters,  in  reicher  Fülle  erzählt, 
ist  anziehend  und  lehrreich;  anderes  zur  Ausfüllung  wie  der  Ver- 
fasser selbst  sagt,  dazu  gethan,  nicht  eben  von  grofsem  Wertke,  doch 
gelegentlich  brauchbar. 

Eine  jetzt  leider  verlorene  Chronik  muls  im  Stifte  Branden- 
burg verfafst  sein,  denn  bei  Gelegenheit  einer  zwiespältigen  Wahl, 

Ann.  V.  von  Pertz  mit  Unterscheidung  des  Alters  der  verschiedenen  Notizen  SS. 
XVI,  41 — 47  herausgegeben.  Sie  schliefsen  sich  Excerpten  aus  Hugo  von  Fleury, 
Ekkehard  und  den  Erfurter  Annalen  bis  1166  an  und  reichen  bis  1484,  sind 
aber  schon  im  12.  Jahrhundert  begonnen. 

l)  Chron.  Gozecense  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  X,  140 — 157.  Leider  nicht  benutzt 
ist  die  damals  noch  nicht  bekannte  älteste  Abschrift  in  der  Handschrift  der  Pegauer 
Annalen,  s.  Cohn  p.  17. 

a)  Chronicon  Halberstadense  ed.  Schatz.  1839.  4.  Vgl.  Böhmers  Regesten 
p.  LXX.  Ueber  den  Annalista  Saxo  oben  S.  343. 

3)  Chronicon  Montis  Sereni  ed.  Eckstein  1844  in  drei  Hallenser  Schulprogram- 
men und  zusammen  1856.  4.,  sonst  bei  Alencken  II,  165 — 312;  zuerst  v.  J.  Mader, 
Heimst.  1665,  herausgegeben.  Benutzt  sind  darin  die  Pegauer  Annalen. 


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384 


V.  Staufer.  §11.  Localgeschichte.  Sachsen. 


welche  sich  dort  ereignete,  heifst  es  in  der  Magdeburger  Schöppen- 
chronik : Hir  vint  man  lange  rede  af  in  der  Brandeburger  croniken  ‘). 
Gemand,  welcher  damals  Bischof  wurde  und  20  Jahre  lang  diese 
Würde  bekleidete,  war  ein  besonders  guter  Publicist,  so  dafs  seine 
Schriften  von  anderen  als  Muster  benutzt  wurden2). 

Jenseits  der  Reichsgrenze  in  Polen  entstand  am  Ende  des 
zwölften  Jahrhunderts,  als  Staat  und  Kirche  unter  Kasimir  dem  Ge- 
rechten neue  Festigkeit  gewannen,  die  Chronik,  welche  lange  Zeit 
gewissermafsen  als  die  officielle  Landeschronik  betrachtet  und  in 
Schulen  commentirt  wurde.  Der  Verfasser  ist  Bischof  Vincenz  von 
Krakau  (1208  bis  1218),  den  Dlugosch  den  Sohn  des  Kadlubek  nennt; 
er  richtet  seine  Worte  einmal  (IV,  12)  an  Herzog  Kasimir  (1177 
bis  1194)  und  scheint  also  bei  dessen  Lebzeiten  noch  als  Dompropst 
zu  Sendomir  geschrieben  zu  haben,  wie  denn  auch  sein  Werk  nur 
bis  1203  reicht.  Vorzüglich  hielt  er  sich  bei  der  fabelhaften  Ur- 
geschichte auf,  und  wenn  die  Chronik,  so  wie  sie  für  sein  Werk 
gilt8),  wirklich  von  ihm  ist,  so  liefs  er  sich  durch  seine  classischen 
Studien  zu  einer  höchst  merkwürdigen  Nachahmung  des  Cicero  ver- 
leiten, indem  er  vorgab,  als  Knabe  die  Unterhaltungen  des  Erz- 
bischofs Johann  von  Gnesen  mit  dem  Bischof  Matheus  von  Krakau 
angehört  zu  haben,  und  diese  dialogisch  wiedergab.  Dem  entsprechend 
werden  hier  aus  den  Brocken  unverdauter  Gelehrsamkeit  und  hei- 
mischer Fabeln  die  abgeschmacktesten  Erzählungen  zusammen  ge- 
sponnen. Es  ist  aber  nicht  ganz  sicher,  ob  nicht  die  Form  des 
Werkes  ursprünglich  einfacher  war  ohne  jene  dialogische  Form,  wie 
wir  es  in  der  Chronik  des  sogenannten  Dzierzwa  oder  Mierzwa  bis 
1288  finden4).  Gröfsere  Bedeutung  gewinnt  natürlich  Vincenz  im 

*)  Auch  der  sogenannte  Pulbava  halte  eine  Brandenburger  Chronik,  aus  wel- 
cher er  vieles  wörtlich  miltheilt. 

a)  Der  Vt  einer  Summa  prosarum  dirtaminis  nennt  sich:  moderni  usus  et 
magistrorum  qui  suis  temporibus  egregie  dictaverunt,  maxime  venerabilis  patris  et 
domini  Gernandi  Brandinburg.  ep.  sedulus  imitator.  Rockinger,  Ueber  Formelbiicher 
S.  47. 

8)  Vincenlii  Kadlubkonis  de  Gestis  Polonorum  libri  IV.  Dobromili  1612.  8. 
und  im  2.  Bande  von  Dlugossi  hist.  Polonica,  Lips.  1712.  f.  — Warschau  1824. 
8.  sehr  schlecht,  aber  nach  einer  besseren  Handschrift.  Vgl.  Dobrowsky,  Wiener 
Jahrbb.  27,  255.  28,201.  Linde,  Vinc.  Kadi,  aus  d.  Poln.  des  Grafen  Ossolinski. 
A.  v.  Gutschmid,  Ueber  die  Fragmente  d.  Pomp.  Trogus  und  die  Glaubwürdigkeit 
ihrer  Gewährsmänner.  Aus  dem  2.  Suppl.  B.  d.  Jahrbb.  für  dass.  Philologie  1857. 
Ders.  Kritik  d.  poln.  Urgesch.  des  Vinc.  K.  im  Archiv  f.  österr.  Gesch.  Quellen  XVII, 
295 — 326;  leider  ohne  Kenntnifs  von  Roepells  Gesch.  v.  Polen  geschrieben. 

4)  in:  Vinc.  Kadi,  et  Älartinus  Gallus  ed.  Lengnicb,  Gedani  1749  f.  wiederholt 
in  Warschau  1769  in  der  Collectio  v.  Mizlcr  u.  in  d.  Ausg.  v.  1824.  Eine  kritische 
Untersuchung  mit  Benutzung  der  Handschriften  ist  dringend  wünschenswerth. 


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Polen,  Livland.  Lüneburg.  Hildesheim.  385 

weiteren  Verlaufe  seines  Werkes;  ihm  schliefet  sich  dann  der  Posener 
Bischof  Boguphal  an,  der  1265  gestorben  ist1). 

Näher  noch  wie  diese  polnische  Geschichtschreibung  berührt 
uns,  obwohl  räumlich  weiter  entfernt,  die  Chronik  des  neu  begrün- 
deten livischen  BisthumB.  Arnold  von  Lübeck  giebt  uns  die  ersten 
Nachrichten  Uber  die  Entdeckung  und  Bekehrung  Livlands,  die  von 
der  Bremer  Kirche  ausging;  den  weiteren  Verlauf  erfahren  wir  aus 
dem  treuen  und  gut  geschriebenen  Bericht  Heinrichs,  eines  ge- 
borenen Letten,  der  vom  Bischof  Albert  erzogen  und  unterrichtet, 
dann  von  diesem  zu  mancherlei  Geschäften  verwandt  wurde  und 
eine  Geschichte  des  livischen  Bisthums  von  seiner  Gründung  bis 
z.  J.  1227  verfafete*). 

Wenden  wir  uns  nun  wieder  nach  dem  eigentlichen  Sachsen 
zurück,  so  tritt  uns  in  auffallender  Weise  die  Erscheinung  entgegen, 
dafe  alles  Leben  sich  in  die  östlichen  Grenzlande  geworfen  hat,  wo 
das  rasche  Vordringen  gegen  die  Wenden  eine  rege  Thätigkeit  weckte. 
Auch  die  noch  zu  erwähnende  Sachsenchronik  und  Albert  von  Stade 
gehören  nach  Ostfalen,  und  ebenso  die  um  1230  verfafete  Chronik 
des  Lüneburger  Michaelisklosters*). 

In  dem  einst  so  beredten  Hildesheim  wurde  aufeer  einem  Be- 
richt Uber  die  Heiligsprechung  und  feierliche  Erhebung  des  h.  Bern- 
ward4) (1194)  nur  die  Bisthumschronik  dürftig  fortgesetzt5); 
die  fähigeren  und  strebsamen  Geister  wurden  offenbar  angezogen 
durch  das  angeregtere  Leben  in  den  Marken , wie  wir  dies  an  Vice- 

*)  Boguphali  Chron.  Poloniae  bei  Sommersberg,  SS.  Rer.  Siles.  II,  18  — 65. 
Darin  werden  auch  die  leider  verlorenen 'Gesla  Pyolhrconis  erwähnt,  die  Geschichte 
jenes  in  der  schlesischen  Geschichte  bekannten  und  vielbefabelten  Grafen  Peter 
Wlast.  Ans  Schlesien  ist  das  erste  geschichtliche  Denkmal  das  vom  Abt  Petrr 
bald  nach  1250  verfafste  und  bis  1310  fortgesetzte  Griindungsbuch  von  Hein- 
richau,  rechtsgeschirhtlich  sehr  wichtig,  welches  aus  Urkunden  mit  einer  erläu- 
ternden Erzählung  besteht.  Liber  fundationis  claustri  S.  Mariae  in  Heinrirhow  ed. 
Stenzei,  Breslau  1854.  4.  Die  Hedwigslegende,  SS.  Rer.  Siles.  II,  1 — 114,  ist 
erst  am  Ende  des  Jahrhunderts  verfafst. 

*)  Herausgegeben  von  Gruber  1740;  eine  Lücke  (das  Jahr  1221)  ergänzt  in 
der  Uebersetzung  von  Arndt  1747.  S.  Kurd  v.  Schlözer,  Livland  S.  177. 

*)  Chronicon  Monasterii  S.  Michaelis  bei  Wedekind,  Noten  zu  einigen  Geschicht- 
schreibern des  Mittelalters  I,  401 — 422. 

4)  Translatio  S.  Bernwardi,  Leibn.  I,  469 — 481,  merkwürdig  durch  die  Nach- 
richten über  den  Kardinal  Cinthius  und  seine  sowie  des  Abtes  Dietrich  zu  S.  Mi- 
chael Reise  nach  Rom. 

6)  Sehr  wichtige  Actenstücke  zur  Geschichte  Friderichs  II  sind  von  dem  Bischof 
Konrad  von  Ilildesheim  (1221  — 1247)  erhalten;  s.  Böhmers  Regesten  p.  LXXI. 
Der  Hildesheimer  Domherr  Willebrand  besuchte  1211  das  heilige  Land  und 
verfafste  darüber  eine  Reisebeschreibung,  Itinerarium  Terrae  Sanctac,  ed.  Leo  Alla- 
tius,  Symmicta  p.  122.  — Ueber  die  1 155  in  Abdinghofen  verfafste  V.  Meinwerei 
s.  oben  S.  235. 

25 


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386  V.  Staufer.  §11.  Sachsen.  §12.  Thüringen. 

lin  und  anderen  Behen  können.  Andererseits  wirkte  auf  Westfalen 
aus  dem  Westen  der  neue  Orden  der  PrSmonstratenser  ein,  wie  wir 
schon  oben  (S.  346)  gesehen  haben.  Dem  dreizehnten  Jahrhundert 
gehört  noch  eine  Legende  an,  welche  von  der  Stiftung  des  Prämon- 
stratenser  Nonnenklosters  Fronnenberg  berichtet1).  Sie  beginnt 
mit  einem  hübschen  Bilde  aus  alter  Zeit:  auf  dem  Berge  Haslei  an 
der  Ruhr  steht  eine  uralte  Linde,  welche  die  Dingstatt  beschattet 
und  an  Festtagen  auf  die  Tänze  und  Spiele  des  Volkes  herabschaut. 
Aber  diese  Tänze  und  Spiele  erregten  den  zelotischen  Eifer  des 
Prämonstratensers  Berthold  in  Scheida,  der  sich  mit  einem  wunder- 
tliätigen  Marienbild  bewaffnet  dort  ansiedelte,  um  1214.  Mit  Hülfe 
verschiedener  Visionen  kommt  nach  seinem  Tode  durch  den  Erz- 
bischof Heinrich  von  Molenarken  endlich  die  Gründung  eines  Klo- 
sters an  dieser  Stelle  zu  Stande. 

Die  Anfänge  eines  anderen  Ordens  zeigt  uns  die  Grtindungs- 
geschichte  des  Dominikaner -Frauenklosters  Paradies  bei  Soest5) 
(1252  ff.)  eine  einfach  aber  lebendig  geschriebene  Erzählung  aus  der 
Feder  des  Bruders  Hinrich  von  Osthoven,  des  ersten  Priors  und 
Beichtigers  der  Schwestern.  Der  erste  frische  Eifer  der  Ordensbrüder 
unter  dem  Provinzial  Albertus  Magnus  und  der  unwiderstehliche 
Eindruck  dieser  Hingebung  auf  die  vornehmen  Laien,  welche  anfangs 
viele  Hindernisse  in  den  Weg  legen,  tritt  uns  darin  lebhaft  entgegen. 

In  dem  altbertihmten  Kloster  Fulda  schrieb  der  Abt  Mark- 
ward (1150 — 1165)  eine  Selbstbiographie,  die  zwar  nur  kurz  ist, 
aber  in  sehr  anschaulicher  und  lehrreicher  Darstellung  schildert,  wie 
ein  reiches  Kloster  durch  seine  Nachbarn  und  Dienstleute  um  sein 
Gut  kommt  und  wie  ein  guter  Abt  es  anfängt,  ihnen  den  unrecht- 
mäfsigen  Besitz  wieder  zu  entwinden.  Aber  Markward  wurde  durch 
die  Kirchenspaltung  aus  seinem  Kloster  verdrängt,  und  nun  wurde 
es  wieder  ärger  wie  zuvor3). 

§ 12.  Thüringen. 

Für  Thüringen  bildeten  natürlich  Lamberts  Jahrbücher  die  Grund- 
lage der  Geschichtschreibung ; auf  dem  Petersberg  zu  Erfurt  wurden 
sie  excerpirt,  glossirt  und  fortgesetzt.  Die  ursprünglichsten  dieser 
Aufzeichnungen  finden  sich  in  einer  Handschrift  dieses  Klosters,  die 

>)  Acta  SS.  Jim.  IV,  59  — 63. 

2)  De  institutione  Paradysi  et  humili  ingressu  sororum,  per  Fr.  Hinricum  de 
Osthoven,  bei  Seibertz,  Quellen  der  Weslfal.  Geschichte  I,  1 — 13. 

*)  Aus  dem  auf  Markwards  Veranlassung  geschriebenen  Copialbuch  neuerdings 
wieder  abgedruckt  in  Böhmers  Fontes  III,  165 — 173  als  Gesta  Marcuardi  alm. 
Fuldensis. 


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Westfalen.  Fulda.  Erfurter  Annalen. 


387 


jetzt  in  Pommersfelde  verwahrt  wird ; verschiedene  Hände  des  zwölften 
Jahrhunderts  haben  hier  zu  AuszUgen  aus  Lambert  kurze  und  dürftige 
Notizen  hinzugefügt,  welche  bis  1100  Uebereinstimmung  mit  den 
Wirzburger  Annalen  zeigen;  um  diese  Zeit  erst  fing  das  Kloster  an 
zu  gedeihen  und  gelangte  dann  bald  zu  bedeutendem  Ansehen  und 
Reichthum.  Der  Erzbischof  Sigefrid  hatte  hier  Canoniker  vorge- 
funden, und  statt  ihrer  Mönche  eingeführt  *) ; im  J.  1080  aber  war 
mit  der  ganzen  Stadt  auch  die  Kirche  auf  dem  Petersberge  verbrannt. 
Als  der  erste  Abt  wird  Giselbert  genannt,  ein  Hirschauer,  der  zuerst 
nach  Hasungen  geschickt,  von  hier  aber  vertrieben  war,  später  Rein- 
hardsbrunn und  den  Petersberg  erhielt,  wo  er  die  Hirschauer  Regel 
einführte,  dann  auch  Admunt  reformirte  und  endlich  mit  dem  Herzog 
Welf  nach  Jerusalem  pilgerte,  wo  er  gestorben  ist.  Die  Annalen 
enthalten  jedoch  über  diese  Anfänge  des  Klosters  fast  nichts  und 
sind  überhaupt  bis  zum  J.  1163  nicht  eben  reichhaltig.  Die  durch 
Rasuren  ungenügend  gewordene  älteste  Handschrift  hat  Pertz  aus 
anderen  ergänzt;  besonders  wichtig  ist  eine  Dresdener  Handschrift, 
welche  die  Annalen  nicht  an  Lambert,  sondern  an  Ekkehard  anfügt, 
und  in  diese  Fortsetzung  auch  die  Achener  Annalen  bis  1169  auf- 
genommen hat;  hier  folgt  von  1170  bis  1181  noch  eine  weitere  und 
ausführliche  Fortsetzung,  die  sich  besonders  mit  den  Kämpfen  gegen 
Heinrich  den  Löwen  beschäftigt2). 

Verloren  aber  oder  doch  bis  jetzt  noch  verborgen  ist  eine  andere 
und  wohl  die  wichtigste  Handschrift;  sie  enthielt  nach  der  Angabe 
Menckens,  der  sie  benutzte,  neben  der  S.  Peterschronik,  der  Chronica 
moderna,  Annalen  von  1078  bis  1181,  welche  er  nicht  abdruckte, 
weil  sie  mit  der  jüngeren  Chronik  fast  ganz  Ubereinstimmten ; einzelne 
abweichende  Stellen  theilt  er  mit.  Diese  Annalen  stimmen  mit  den 
Pertzischen  vielfach,  aber  nicht  immer  überein  und  waren  reicher; 
der  Anfang  war  auch  hier  aus  den  Wirzburger  Annalen  genommen. 
Bis  1149  sind  sie  vom  Pegauer  Chronisten  ausgeschrieben,  und  dadurch 
ihr  Alter  und  ihre  Ursprünglichkeit  beglaubigt.  Die  Lotharianischen 
Annalen  waren  also  darin  enthalten,  mögen  sie  nun  hier  zuerst  ge- 
schrieben, oder  von  dem  Erfurter  Schreiber  nur  entlehnt  sein.  Der 
Schlufs  stimmt  mit  den  anderen  Annalen  von  S.  Peter  überein.  Für 
die  Folgezeit  enthält  die  Peterschronik  wieder  ausführliche  Nach- 
richten, deren  Herkunft  noch  genauer  zu  untersuchen  sein  wird. 

l)  nach  Nicol  v.  Siegen  ed.  Wegele  p.  232  im  J.  1058,  aber  da  war  er  noch 
nicht  Erzbischof. 

J)  Annales  S.  Petri  Erphesfurd.  ed.  Pertz,  Mon.  SS.  XVI,  15 — 25.  Das  von 
Wiirdtwein  Nova  Subs.  11,238  herausgegebene  Chronicon  Monachi  S.  Petri  Erf. 
ist  hierin  enthalten. 

25* 


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388  V.  Staufer.  § 12.  Thüringen.  § 13.  Baiern  u.  Oesterreich. 

In  ursprünglicher  Form  und  Gestalt  besitzen  wir  dann  wieder 
Annalen  von  1220  bis  1254,  die  theilweise  recht  ausführlich  und 
von  bedeutender  Wichtigkeit  sind;  so  enthalten  sie  namentlich  sehr 
schätzbare  Nachrichten  Uber  den  Ketzerrichter  Konrad  von  Marburg. 
Der  Geist  dieser  Aufzeichnungen  und  die  freimüthige  Beurtheilung 
des  ruchlosen  Kreuzzuges  gegen  die  Stedinger  lassen  in  dem  Schreiber 
keinen  Dominikaner  vermuthen,  auf  welche  sonst  verschiedene  Er- 
wähnungen dieses  Ordens  hindeuten,  und  denen  der  letzte  Theil  der 
Annalen  angehören  könnte;  ob  der  1234  verstorbene  Canonicus  Ludwig 
von  S.  Severus  den  Anfang  geschrieben  hat,  bleibt  zweifelhaft1). 

Von  einem  Thüringer,  vielleicht  Erfurter,  Dominikaner  rührt 
endlich  noch  das  Compendium  der  Weltgeschichte  bis  1261  her, 
welches  wir  unten  noch  zu  erwähnen  haben;  ein  anderer,  Dietrich 
von  Apolda,  beschrieb  gegen  das  Ende  des  Jahrhunderts  das  Leben 
der  Landgräfin  Elisabeth’)  und  verfafste  auch  eine  Biographie  des 
Stifters  seines  Ordens. 

Aufserhalb  Erfurts  schrieb  im  Kloster  Paulinzelle  in  der 
ersten  Hälfte  des  zwölften  Jahrhunderts  ein  Mönch  Namens  Sige- 
boto  das  Leben  der  Stifterin,  der  Frau  Paulina,  Bischof  Wernhers 
von  Merseburg  Nichte,  welches  aber  nicht  mehr  vorhanden  ist3). 
Nachhaltigere  Pflege  fand  die  Geschichte  im  Kloster  Reinhards- 
brunn,  einer  Hirschauer  Colonie,  aber  auch  hier  sind  uns  nur  Frag- 
mente erhalten4).  Nach  den  Untersuchungen  von  Ficker,  Abel,  Wegele 
sind  die  Annalen,  welche  aus  einer  späteren  Compilation  in  neuester 
Zeit  wieder  ans  Licht  gezogen  wurden,  in  den  Jahren  1180  bis  1193 
von  einem  Augenzeugen  verfafst,  und  von  einem  zweiten  Reinhards- 
brunner Mönche  fortgesetzt.  Sie  sind  zum  Theil  überarbeitet,  ent- 
halten aber  sehr  werthvolle  Nachrichten.  Vermengt  damit  ist  das 
schön  geschriebene  und  geschichtlich  merkwürdige  Leben  des  Land- 
grafen Ludwig  des  Heiligen  (st.  1227),  vermuthlich  von  seinem 
Caplan  Berthold  verfafst,  eine  der  ausgezeichnetsten  Biographien 

l)  Hoc  anno  2.  Kal.  Sept.  obiit  Ludevicus  scriptor  Canon.  S.  Severi  Erpbordie. 
Gedr.  als  Ann.  Erphord.  cd.  Pertz,  Mon.  XVI,  26 — 40.  Als  Chron.  Erphord.  in  Böh- 
mers Fontes  II,  388 — 415.  — Das  Chron.  Sampctrinum  bis  1355,  in  welchem  die 
älteren  Annalen  gröfstentheils  enthalten  sind,  bei  Mencken  III,  201 — 344.  Die  Zu- 
sätze zum  Lambert  bei  Pistor.  1,425  sind  Excerpte  daraus. 

*)  Canis.  V,  143;  ed.  Basn.  IV,  113.  Es  ist  eine  Compilation,  deren  wich- 
tigste Elemente  dem  Leben  des  Landgrafen  Ludwig  entnommen  sind. 

3)  Erwähnt  in  der  Vita  Wernheri  Mers.  SS.  XII,  245.  Ein  Auszug  im  Chron. 
eccl.  Nicolai  de  Siegen  ed.  Wegele  p.  271 — 273. 

4)  Annales  Reinhardsbrunnenses  ed.  Wegele.  Thüringische  Geschichtsquellen  I. 
Jena  1854.  8.  Vgl.  Lit.  Centralbl.  1854  S.  425.  Cohn  de  Hcnrico  VI  et  Henrico 
Leone  p.  16.  Ueber  die  Handschrift  Archiv  XI,  381 — 386. 


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Erfurt.  Reinhardsbrunn.  Baiern. 


389 


des  Mittelalters,  aus  einer  Zeit,  in  welcher  dieser  Zweig  der  Lite- 
ratur schon  zu  verdorren  beginnt.  Der  Text  derselben  läfst  sich  um 
so  sicherer  hersteilen,  da  wir  auch  eine  sehr  schöne  deutsche  Ueber- 
setzung  davon  besitzen l),  welche  der  Reinhardsbrunner  Schulmeister 
Friedrich  Küdiz  von  Saalfeld  im  Anfang  des  vierzehnten  Jahrhunderts 
verfafst  hat,  ein  eben  so  ansprechendes  wie  lehrreiches  Denkmal  aus 
der  Blüthezeit  Thüringens. 

§ 13.  Baiern  und  Oesterreich. 

Die  hohe  Bedeutung  der  Salzburger  Kirche  in  dem  gewaltigen 
Kampfe  zwischen  Friderich  Barbarossa  und  Alexander  III  hat  uns 
eine  Gruppe  wichtiger  Quellenschriften  schon  früher  betrachten  lassen. 
Es  bleiben  noch  die  minder  wichtigen  Aufzeichnungen  einzelner 
Klöster  zu  erwähnen.  So  die  stark  mit  Fabeln  versetzte  Gründungs- 
geschichte des  Prämonstratenserklosters  Windberg2),  einer  Stiftung 
der  Grafen  von  Bogen  bei  Straubing;  Nachrichten  Uber  die  ersten 
Pröpste  von  1142  bis  1167  schliefsen  sich  daran. 

Unbedeutend  sind  die  von  Böhmer3)  als  Annalen  zusammen- 
gefafsten  Notizen  aus  Seldenthal  bei  Landshut,  von  1108  bis  1347. 

InNieder-Altaich  wurde  die  sehr  fabelhafte  Geschichte  zweier 
Klausnerinnen,  der  Salome  und  der  Judith,  beschrieben,  welche 
angeblich  die  Nichte  und  die  Tochter  eines  englischen  Königs  ge- 
wesen waren,  und  unter  dem  Abte  Walther  (wohl  der  1068  erwählte 
Walker)  auf  der  Heimkehr  von  Jerusalem  hier  Aufnahme  gefunden 
hatten 4). 

Im  Kloster  Sch  eiern  zeichnete  sich  der  Mönch  Konrad  durch 
Gelehrsamkeit  aus  und  erhielt  deshalb  den  Beinamen  des  Philosophen; 
die  Gründungsgeschichte  des  Klosters  und  kurze  Annalen  von  1100 
bis  1226  sind  sein  Werk5). 

Aus  Scheftlarn  sind  neuerdings  Annalen  von  1092  bis  1247, 
und  von  1215  bis  1272  herausgegeben6),  welche  für  die  erste  Hälfte 
des  dreizehnten  Jahrhunderts  ausführlich  und  nicht  unwichtig  sind. 

In  Wessobrunn  lebte  die  fleifsige  und  geschickte  Schreiberin 

*)  Das  Leben  des  h.  Ludwig,  herausgegeben  von  H.  Rückerl.  Leipz.  1851.  8. 

2)  Relatio  de  origine  mouaslerii  Windbergensis , aus  Canisius  wieder  abgedr. 
in  Böhmers  Fontes  111,  519  — 525,  mit  kurzen  Annalen  von  1218—  1392  aus 
Straubing. 

8)  Fontes  III,  526 — 529  als  Annales  Seldentalenses  aus  Mon.  Boica  XV. 

*)  Acta  SS.  Jun.  V,  493  — 498;  s.  oben  S.  228. 

5)  Chunradi  Schirensis  Fundatio  Schirensis  und  Annales  Schirenses  in  Böh- 
mers Fontes  III,  499 — 518.  — Ein  Chron.  Ebersperg.  bei  Oefcle  II,  11 — 14. 

6)  Annales  Schefllarienses  ed.  Rudhart  in:  Quellen  und  Erörterungen  zur  bai- 
rischen und  deutschen  Geschichte.  München  1856.  8.  1,365  — 404. 


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390 


V.  Staufer.  § 13.  Baiero  und  Oesterreich. 


Dimud,  zu  deren  Andenken  der  Bruder  Konrad  mit  dem  Beinamen 
Pozzo  eine  Stiftung  machte,  allen  gelehrten  Klosterbrüdern  zur  Er- 
götzung1). Ihm  schreibt  Leutner  die  Annalen  von  1195  bis  1279 
zu,  welche  im  sechzehnten  Jahrhundert  Stephan  Leopolder  in  seine 
Chronik  aufnahm2). 

In  dem  Kloster  Mondsee  unweit  Salzburg  schrieb  Liutold  ein 
Plenar  und  ein  Passionale,  dem  er  eine  Einleitung  in  recht  guten 
Hexametern  voranstellte.  Es  ist  deshalb  nicht  anzunehmen,  dafs  auch 
die  in  schlechten  leoninischen  Versen  verfafste,  sehr  geschmacklose 
Gründungsgeschichte  des  Klosters  bis  auf  die  Herstellung  desselben 
durch  Kaiser  Heinrich  II,  von  ihm  herrllhre3). 

Tegernsee  ist  uns  wichtig  durch  die  früher  erwähnte  Brief- 
samralung,  und  der  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  bekannt 
durch  den  Dichter  Werner4);  an  geschichtlichen  Denkmalen  ist  es 
aber  auffallend  arm.  Man  beschäftigte  sich  hier  gern  mit  der  fabel- 
haften Urgeschichte,  mit  Norix  des  Herkules  Sohn  und  anderen 
bairischen  Fabeln,  mit  Adalbert  und  Otker 6),  den  angeblichen  Stiftern 
des  Klosters,  und  mit  den  Wundern  des  Schutzpatrons,  des  heiligen 
Quirinus.  Zum  Preise  dieses  Heiligen  verfafste  Metellus  am 
Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  ein  umfangreiches  Gedicht,  welches 
durch  grofse  Sprachgewandtheit  überrascht,  und  auch  geschichtliche 
Nachrichten  enthält6).  Eine  mit  grofsem  Aufwand  von  rednerischem 
Schmuck  geschriebene  Gründungsgeschichte  in  Prosa7)  ist  wohl  schon 
älter,  vielleicht  noch  aus  dem  elften  Jahrhundert;  es  schliefst  sich 
daran  eine  dürftige  Chronik  des  Klosters,  die  ursprünglich  im  Anfang 
des  zwölften  Jahrhunderts  verfafst  sein  mag,  aber  nur  in  einer  späteren 
Ueberarbeitung  erhalten  ist. 

Alle  diese  verschiedenartigen  Aufzeichnungen,  die  auch  an  Um- 
fang nicht  bedeutend  sind,  gewähren  jedoch  über  die  eigentliche 

*)  ut  singnlis  annis  in  anniversario  b.  Dimudis  ....  Omnibus  litteratis  con- 
fratribus  Deo  ibidem  militantibus  honesta  consolatio  impendatur.  Leutner  Hist. 
Wessofont.  I,  253. 

2)  Bei  Leutner  1. 1.  II,  26 — 35.  — Ueber  die  Chronik  des  Propstes  Konrad 
von  Hanshofen  (1277 — 1311)  s.  Böhmer,  Fontes  III  p.  LXXII.  Stiilz  im  No- 
tizenblatt der  Wiener  Akademie  1854  S.  468. 

3)  Chronieon  Lunaelacense  p.  128.  Urkundenbuch  des  Landes  ob  der  Enns 
I,  102—108. 

4)  Ueber  ihn  Fr.  Kugler,  KI.  Schriften  I,  20  ff.  Es  wird  ihm  aber  vieles  ohne 
Grund  zugeschrieben,  nur  weil  es  in  jener  Briefsammlung  steht, 

' 6)  Vgl.  darüber  Leibn.  Ann.  Imp.  I,  83  und  über  die  bairische  Sagengeschichte 
Mafsmann,  Kaiserchronik  III,  784 — 819. 

6)  Metelli  Quirinalia  bei  Canis.  III,  2,  117.  Vgl.  Archiv  X,635.  Th.  Mayer 
im  Arrhiv  für  österr.  Gesch.  Quellen  1849.  II,  342  ff. 

7)  Pez  Thes.  III,  3,  475-496. 


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Mondsee.  Tegernsee.  Jans  der  Enenkel. 


391 


Geschichte  der  Zeit,  besonders  nach  dem  Frieden  von  Venedig, 
aufserordentlich  wenig  und  beschränken  sich  auf  die  äufserlichsten 
Ereignisse.  Mit  Recht  hebt  Böhmer  es  als  einen  Beweis  unserer 
grofsen  Armuth  an  Nachrichten  hervor,  dafs  keiner  der  uns  erhaltenen 
zeitgenössischen  Schriftsteller  auch  nur  den  Namen  Alberts  des 
Böhmen  nennt.  Denn  dieser  Albert,  der  Böhme  genannt,  aber  ein 
Baier  von  Geburt,  ein  angesehener  Sachwalter  an  der  päpstlichen 
Curie  unter  Innocenz  HI  und  Honorius  III,  erhielt  1239  als  Archi- 
diakonus  von  Passau  von  Gregor  IX  den  Auftrag,  den  Bann  gegen 
Friderich  H zur  Geltung  zu  bringen,  und  entfaltete  gerade  im  süd- 
östlichen Baiern  eine  aufserordentliche  Thätigkeit,  ging  als  Dom- 
dechant von  Passau  zum  Concil  von  Lyon,  bewirkte  1250  wesentlich 
die  Absetzung  des  Bischofs  Rüdiger,  und  kommt  zuletzt  1256  vor. 
Aber  wir  würden  gar  nichts  von  ihm  wissen,  wenn  nicht  durch 
einen  glücklichen  Zufall  sein  Notizenbuch  erhalten  wäre,  welches 
eine  Fülle  der  wichtigsten  Actenstücke  enthält1). 

Der  Annalen  aus  den  österreichischen  Klöstern,  welche 
uns  doch  auch  bis  auf  Rudolfs  Zeit  nur  Bruchstücke  bieten,  gedachten 
wir  schon  oben.  Das  Land  erhob  sich  unter  den  Babenbergern  zur 
schönsten  Blüthe,  und  seine  hohe  Bedeutung  in  der  Geschichte  der 
deutschen  Poesie  tritt  gegenwärtig  immer  heller  ans  Licht.  Dann 
aber  wirkte  das  Zwischenreich,  da  hier  gleichzeitig  1246  auch  die 
Babenberger  ausstarben,  doppelt  verderblich.  In  Wien  dichtete  um 
die  Mitte  des  Jahrhunderts  J a n s der  Enenkel  in  deutscher  Sprache 
eine  grofse  Weltchronik,  nach  der  Art  der  Kaiserchronik,  und 
daher  nicht  als  Geschichtswerk  zu  betrachten.  Etwas  mehr  geschicht- 
lichen Inhalt  hat  sein  FUrstenbuch  von  Oesterreich  und  Steier, 
in  dem  freilich  auch  die  ganz  fabelhafte  Vorgeschichte  den  gröfsten 
Raum  einnimmt,  und  selbst  die  Geschichte  des  letzten  Babenbergers, 
Friderichs  des  Streitbaren,  schon  ganz  sagenhaft  ist,  das  aber  doch 
über  diese  spätere  Zeit  manches  Geschichtliche  und  viele  charak- 
teristische Erzählungen  und  Schwänke  enthält2). 

Jene  Sagen  Uber  die  Herkunft  der  Babenberger  und  ihre  frühesten 
Zeiten  finden  sich  zum  Theil  auch  schon  in  den  Versen,  welche  im 
Kloster  Zwetl  zu  Ehren  der  Stifter,  der.Kunringer,  gedichtet 

*)  Herausgegeben  von  Höfler,  in  der  Bibliothek  des  Lit.  Vereins  XVIb,  3-153. 
Excerpte  eines  zweiten  verlorenen  Buches  bei  Oefele  I,  787 — 800.  S.  Böhmer, 
Reg.  Imp.  von  1198—1254  S.  LXVIII. 

a)  bei  Rauch  SS.  Rer.  Austr.  I,  252 — 373  und  besser  von  Megiser,  Linz  1618. 
Heber  seine  Weltchronik  Maismann,  Kaiserchronik  III,  103  — 113.  Bruchstücke 
aus  Jansen  des  Eninkels  gereimter  Weltchronik  von  Karl  Roth.  München  1854. 


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392  V.  Staufer.  § 13.  Baiern  u.  Oesterreich.  § 14.  Franken. 

wurden,  noch  unter  dem  Abt  Hadamar  H,  der  1215  nach  dem  Ge- 
lobten Lande  zog  und  dort  starb1). 

Eine  starke  Hinneigung  zum  Märchenhaften,  und  Mangel  an 
ernstlichem  Geschichtsstudium  zeigt  auch  das  zwischen  1125  und 
1141  in  Goetweih  geschriebene  Leben  Altmanns  von  Passau, 
von  dem  50  Jahre  später  eine  neue,  gänzlich  phrasenhafte  Bearbeitung 
verfafst  ist. 

In  Passau  scheinen  um  die  Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts 
zuerst  die,  später  in  Kremsmlinster  besonders  von  Bernhard  dem 
Noriker  weiter  ausgebildeten  Fabeleien  über  die  Vorzeit  des  Bis- 
thums entstanden  zu  sein,  durch  welche  eine  Bischofsreihe  des  an- 
geblichen vormaligen  Erzbisthums  Lorch  nachgewiesen  werden  sollte, 
während  die  Geschichte  der  Gegenwart  hier  gänzlich  vernachlässigt 
wurde a). 

Aus  Regensburg  haben  wir  einige  wenig  bedeutende  Auf- 
zeichnungen des  Domherrn  Hugo  von  1152  bis  1197,  denen  sich 
andere  aus  S.  Emmeram  bis  1227  anschlie&en8).  S.  Emmeram 
erwarb  sich  aufserdem  ein  zweifelhaftes  Verdienst  durch  die  schon 
oben  (S.  341)  erwähnte  lügenhafte  Erzählung  von  der  Uebertragung 
des  heiligen  Dionysius.  Der  inPrieflingum  1140  verfafsten  Lebens- 
beschreibung Theogers  von  Metz  gedachten  wir  gleichfalls  schon 
(S.  277);  auch  das  Leben  des  ersten  Abtes  Erminold  (1114 — 1121) 
wurde  hier  beschrieben1),  aber  erst  im  J.  1281.  Es  haben  sich  aus 
diesem  Kloster  auch  Annalen  erhalten,  welche  auf  älteren  Regens- 
burger Aufzeichnungen  beruhen. 

Sehr  merkwürdig  ist  die  kurz  vor  1185  verfafst«  Chronik  des 
Regensburger  Schottenklosters  zu  S.  Jakob5).  Schottenmönche 
waren  seit  den  ältesten  Zeiten  vielfach  in  Deutschland  verbreitet;  Ma- 
rians Chronik  enthält  einige  gesammelte  Nachrichten  von  ihnen,  und 
aus  Grofs  S.  Martin  in  Köln  ist  eine  Art  von  Chronik  vorhanden.  Im 
Allgemeinen  aber  scheinen  die  Schottenmönche  sich  durchaus  nicht 
mit  geschichtlichen  Aufzeichnungen  befafst  zu  haben;  Uber  ihre 

*)  Versus  a senioribus  huius  domus  scripti,  Überarbeitet  zu  Zeiten  des  Abtes 
Ebro  (1273 — 1304).  Liber  fundatiooum  monasterii  Zwetlensis  ed.  Fräst.  Fontes 
Rer.  Austriacarum  II,  3.  1851.  8. 

a)  s.  darüber  Dünimler,  Piligrim  von  Passau  S.  132  ff. 

3)  In  Böhmers  Fontes  III,  488 — 495.  Zu  erwähnen  ist  hier  auch  Rupertus 
de  vita  Cunonis  ep.  Rat.,  Mon.  SS.  XII,  637,  ein  Stück  aus  Ruperts  Commentar 
zum  Matthäus,  und  aus  Freising  die  1187  von  Conradus  sacrista  gesammelten 
Nachrichten,  von  denen  bis  jetzt  nur  Bruchstücke  bekannt  sind. 

4)  Vita  Erminoldi  abb.  Pruveningensis  ed.  Jaffe,  Mon.  SS.  XII,  480 — 500. 

■')  Vita  S.  Mariani  Scoti,  Acta  SS.  Feb.  11,365  — 372.  Vgl.  Wattenbach: 
Die  Congregation  der  Schottenklöster  in  Deutschland,  in  der  archäolog.  Zeitschrift 
von  Otte  und  Quast,  Bd.  I. 


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Regensburg.  Vita  Mariani.  Bamberg. 


393 


meisten  Klöster  wissen  wir  fast  gar  nichts  und  sogar  die  Urkunden 
sind  verloren.  Um  so  willkommener  ist  jene  Chronik  von  S.  Jakob, 
welche  uns  von  dem  Stifter,  einem  anderen  Marian,  Zeitgenossen 
des  Chronisten,  von  dem  Heranwachsen  des  Klosters  und  namentlich 
auch  von  den  aus  Regensburg  ausgegangenen  Colonien  Nachricht 
giebt.  Im  Anfang  lälst  der  Verfasser  sich  durch  den  alten  Ruhm 
seiner  Landsleute  ein  wenig  fortreifsen,  sonst  aber  erzählt  er,  abge- 
sehen von  den  unvermeidlichen  Wundem,  auffallend  nüchtern  und 
einfach.  Vielleicht  gerade  aus  diesem  Grunde  scheint  sein  Werk 
wenig  beachtet,  geschweige  denn  fortgesetzt  zu  sein:  man  bemühte 
sich  vielmehr,  durch  eine  höchst  phantastische  und  unsinnige  Le- 
gende, an  Karl  den  Grofsen  anknlipfend,  den  Ursprung  des  Klosters 
besser  zu  verherrlichen. 


§ 14.  Franken. 

In  Bamberg  gab,  wie  wir  bereits  gesehen  haben  (S.  307),  die 
bedeutende  Persönlichkeit  des  Bischofs  Otto  in  diesem  Zeitraum 
reichen  Stoff  zur  Beschäftigung.  Aufserdem  verherrlichte  man  den 
Stifter  des  Bisthums;  ein  Diaconus  Adalbert  verfafste  unter  der  Re- 
gierung Friderichs  I ein  Leben  Heinrichs  H,  welches  diesen  be- 
greiflicher Weise  fast  nur  als  Begründer  der  Bamberger  Kirche  auf- 
fafst.  Die  wichtigsten  Privilegien  derselben  sind  vollständig  aufge- 
nommen, dagegen  von  Heinrich  U fast  ausschliefslieh  die  wirklichen 
und  eingebildeten  Verdienste  um  verschiedene  Kirchen,  wie  Merse- 
burg, Cluny,  Montecasino  gepriesen.  S.  Wolfgangs  Leben,  Casineser 
Aufzeichnungen  Uber  die  angebliche  Heilung  Heinrichs  H vom  Stein 
und  Ekkehards  Chronik  waren  Adalberts  Quellen;  dazu  verfehlte  er 
nicht  das  wohl  in  Bamberg  selbst  ersonnene  Märchen  von  Kunigun- 
dens Keuschheit  und  ihrer  Rechtfertigung  durch  die  Feuerprobe  auf- 
zunehmen, nebst  dem  beliebten  Geschichtchen  von  dem  Merseburger 
Becher.  Vorzüglich  bewundert  Adalbert,  dafs  Heinrich  bei  dieser 
grofsen  Frömmigkeit  doch  so  gut  für  das  Reich  gesorgt  und  ohne 
alles  Blutvergiefsen  die  Grenzen  desselben  erweitert  habe,  was  freilich 
ausnehmend  wunderbar  sein  würde,  wenn  es  nur  wahr  wäre.  Das 
zweite  Buch  behandelt  die  Wunder  an  des  Kaisers  Grab  und  schliefst 
mit  einer  Nutzanwendung  gegen  die  Feinde  der  Geistlichkeit,  worauf 
noch  in  einigen  Versen  Heinrich  H dem  Kaiser  Friderich  als  Muster 
empfohlen  wird1).  Andere  Wunder  berichtet  ein  Merseburger  Geist- 
licher über  die  Heilungen,  welche  Heinrichs  Kelch  und  die  nach 

l)  Adalberti  Vita  Hcinrici  II,  ed.  Waitz,  Mod.  SS.  IV,  787  — 820  mit  den 
späteren  Erweiterungen. 


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394  V.  Staufer.  § 14.  Franken.  § 15.  Schwaben  u.  Elsafs. 

Merseburg  gebrachten  Reliquien  des  Kaisers  dort  bewirkten1).  Ein 
im  Anfang  des  dreizehnten  Jahrhunderts  hinzugefUgtes  drittes  Buch 
bringt  neue  Fabeln  über  das  Kaiserpaar  zu  den  alten. 

Ein  Leben  Kunigundens*)  setzt  dieses  Leben  ihres  Gemahls 
schon  als  bekannt  voraus  und  verweilt  vorzüglich  bei  ihrem  exempla- 
rischen Leben  in  dem  von  ihr  gestifteten  Kloster  Kaufungen.  Bemer- 
kenswerth ist  ein  hier  mitgetheiltes  Schreiben  von  ihr  an  den  Convent 
der  Schwestern,  welches  sie  selbst  verfafst  und  geschrieben  haben 
soll3);  auch  wird  erzählt,  dafs  sie  ihre  Nichte  Uta,  die  erste  Aeb- 
tissin  von  Kaufungen,  in  weltlicher  Wissenschaft  unterwiesen  habe4). 
Wunder  sind  hier  noch  sparsam,  obgleich  es  ihr  schon  bei  Lebzeiten 
gelungen  war,  wie  S.  Goar  ihren  Handschuh  an  einem  Sonnenstrahl 
aufzuhängen.  Jetzt  aber  nahm  sich  Bischof  Thiemo  von  Bamberg 
(1196 — 1201)  der  Sache  an;  nachdem  sein  Vorgänger  1189  den 
Bischof  Otto  hatte  canonisiren  lassen,  veranstaltete  er  1199  auch  an 
Kunigundens  Grabe  zahlreiche  Wunder,  die  sorgfältig  verzeichnet 
wurden  und  im  folgenden  Jahre  am  3.  April  die  Heiligsprechung 
erwirkten,  worauf  im  Jahre  1201  die  feierliche  Erhebung  der  Gebeine 
des  Ehepaars  erfolgte. 

Schon  ein  Freund  des  Bischofs  Otto,  ein  Schüler  Bernhards  des 
ersten  Apostels  der  Pommern,  der  auf  die  Feuerprobe  vorbereitet 
gekommen,  aber  anderen  Waffen  erlegen  war,  Heimo,  Canonicus  der 
Jakobskirche  bei  Bamberg,  verfafste  i.  J.  1135  eine  Chronographie, 
die  er  dem  Abt  Burchard  von  S.  Michael  widmete.  Die  Begeben- 
heiten des  christlichen  Zeitalters  sind  aus  Bemold  und  den  Wirz- 
burger Annalen  entnommen;  eigene  Nachrichten  zu  geben  war  sein 
Zweck  nicht,  sondern  nur  die  Chronologie  festzustellen.  Schon  früh 
aber  versah  man  sein  Werk  in  Bamberg  und  in  Augsburg  mit  einigen 
Zusätzen  und  mit  Fortsetzungen.  Die  Bamberger  Annalen  (1137  bis 
1180)  fanden  eine  weitere  Fortsetzung  in  dem  fränkischen  Kloster 
Ensdorf5). 

Wirz  bürg  hatte  in  den  Bürgerkriegen  zu  viel  gelitten,  als  dafs 

*)  Excerpta  ib.  p.  814  — 816. 

a)  Vita  S.  Cunigundis  cum  Miraculis  ib.  p.  821 — 828. 

3)  c.  3.  4.  quam  ipsa  per  se  — nara  litterarum  et  artium  aliarum,  distinguere 
auro  gemmisque  sacras  vesles,  peritissima  fuit  — composuit  et  scripsit. 

4)  c.  7.  quam  a primis  annis  educatam  omni  disciplina,  secularium  quoque 
litterarum  scientia  instruxerat. 

5)  Die  Chronographia  Heimonis  ist  nur  von  1006  an  mit  den  Augsburger  und 
Bamberger  Zusätzen  gedruckt  SS.  X,2  — 4.  Dann  Ann.  Babenb.  p.  4.  Ensdorf. 
1184 — 1322  p.  4 — 8.  Augustani  minores  (1137 — 1321)  p.  8 — 11.  Ganz  kurze 
Annalen  des  Klosters  Michelsberg  1066 — 1160,  SS.  V,  9.  Unbedeutende  Annalen 
aus  Heilsbronn  1099 — 1178,  nebst  einigen  Notizen  aus  Eberbach  SS.  XVI,  13.14. 


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V.  Cunegundis.  Heimo.  Wirzbarg.  Schwaben.  395 

die  litterarische  Thätigkeit  des  elften  Jahrhunderts  hätte  fortdauern 
können ; doch  fand  die  Chronik  Ekkehards,  wie  sie  auf  einer  Wirz- 
burger Arbeit  beruhte,  so  auch  liier  eine  Fortsetzung,  jedoch  bis 
1145  nur  in  dUrftiger  und  abgerissener  Weise,  annalistische  Notizen 
ohne  Zusammenhang.  Dann  veranlafste  der  Unwille  über  den  thörich- 
ten  Kreuzzug  von  1147  mit  seinen  Judenverfolgungen,  das  glänzende 
Product  des  clericalen  Uebergewichts  auf  seiner  Höhe,  zu  einer  aus- 
führlichen Eintragung,  welche  ganz  im  Sinne  des  Gerhoh  geschrieben 
ist.  Auch  Kaiser  Friderichs  Regierung  regte  zu  etwas  eingehenderer 
Darstellung  an,  jedoch  nur  bis  1158;  dann  folgt  sogleich  der  Bericht 
eines  Augenzeugen  über  den  vierten  Kreuzzug '). 

§ 15.  Schwaben  und  Elsafs. 

Aus  Augsburg  sind  hier  nur  die  von  Pertz  entdeckten  Annalen 
von  1137  bis  1321  zu  erwähnen*),  deren  Dürftigkeit  schon  im  drei- 
zehnten Jahrhundert  eine  tadelnde  Bemerkung  veranlafste ; ferner  die 
unter  Udalschalk  (1184 — 1202)  von  einem  Mönch  zu  S.  Ulrich  und 
Afra  verfafste  Erzählung  von  der  feierlichen  Erhebung  der  Gebeine 
S.  Ulrichs  i.  J.  1183  (Mon.  SS.  IV,  383.  427.  428)  und  des  Paul 
von  Bernried,  des  Biographen  Gregors  VH,  im  zwölften  Jahrhun- 
dert verfafste  Legende  von  der  h.  Herluea3).  Den  Propst  Burk- 
hard von  Ursperg  werden  wir  später  noch  zu  erwähnen  haben. 

Durch  etwas  regere  historische  Thätigkeit  that  sich  unter  den 
Klöstern  des  Augsburger  Sprengels  Ottenbeuern  hervor.  Der  An- 
nalen gedachten  wir  schon  (S.  245);  aufserdem  beschäftigte  man 
sich  mit  der  Localgeschichte  und  zwar  zuerst  wie  billig  mit  dem 
Schutzheiligen  S.  Alexander,  für  den  eine  fabelhafte  Translations- 
geschichte erfunden  ward,  die  zu  Karls  des  Grofsen  Zeit  spielt4). 
Nicht  besser  ist  die  mit  falschen  Urkunden  ausgestattete  Gründungs- 
geschichte  des  Klosters,  die  jedoch  wegen  einiger  brauchbarer  Nach- 
richten nicht  ganz  zu  verschmähen  ist.  Beides  entstand  wohl  erst 
im  zwölften  Jahrhundert,  als  das  Kloster  durch  den  Abt  Rupert  aus 
S.  Georgen  (1102  — 1125)  nach  einer  Zeit  des  Verfalls  zu  neuer 
Blüthe  erhoben  wurde.  Eine  Lebensbeschreibung  dieses  Abtes  wird 
erwähnt,  ist  aber  leider  verloren.  Um  die  Mitte  des  Jahrhunderts 
fing  er  an  als  Wunderthäter  zu  glänzen,  das  Volk  strömte  zahlreich 

•)  Annalcs  Herbipolenses,  zuerst  gedruckt  von  Pertz,  Mon.  SS.  XVI,  2 — 12. 

*)  Ann.  Augustani  minores,  Mon.  SS.  X,  8 — 11,  geschrieben  als  Fortsetzung 
der  Chronographia  Heimonis  presb.  Babenbergensis  bis  1135  s.  oben  S.  394. 

3)  Acta  SS.  Apr.  11,552.  Ein  Fragment  daraus,  über  die  Translation  des 
Bischofs  Wicterp,  Mon.  SS.  IV,  383.  427. 

4)  Translatio  S.  Alexandri  in  abbatiam  Otlenbur.  Acta  SS.  Jul.  III,  19—21, 


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396 


V.  Staufer.  § 15.  Schwaben  und  Elsafs. 


herbei  und  das  Kloster  stieg  rasch  an  Reichthum  und  Ansehen  vor 
den  Leuten.  Darüber  finden  wir  einige  Nachrichten  in  der  unter 
Abt  Konrad  (1194 — 1228)  verfafsten  Klosterchronik,  die  freilich 
hauptsächlich  von  dem  reichen  Gütererwerb  des  Stiftes  handelt1). 

In  Eiwangen  wurden  1146  Annalen  compilirt,  welche  sich  bis 
1100  auf  die  Wirzburger  Annalen  (S.  308)  stützen  und  bis  1237 
fortgeführt  wurden’). 

Auch  die  Mönche  des  benachbarten  Klosters  Neresheim  schrie- 
ben Annalen,  die  von  1095,  dem  Jahre  der  Gründung  des  Klosters, 
selbständige  Notizen  enthalten  und  bis  1296  reichen8). 

In  den  Klöstern  des  Konstanzer  Sprengels,  der  Schweiz  und 
des  Schwarzwaldes  zeigt  sich  auch  noch  in  diesem  Zeitraum  ein 
ziemlich  lebhafter  Sinn  für  geschichtliche  Aufzeichnungen. 

Die  Hauschronik  von  S.  Gallen  erhielt  nach  langer  Unter- 
brechung eine  ziemlich  dürftige  Fortsetzung  von  972  bis  1203,  die 
einem  Mönche  Namens  Burchard  zugeschrieben  wird,  und  eine  weitere 
reichhaltigere  von  Konrad  von  Pfävers,  die  Uber  den  König  Heinrich, 

Kaiser  Friderichs  H Sohn,  beachtenswerthe  Nachrichten  hat,  aber 
im  Einzelnen  wenig  genau  ist4).  Die  kulturgeschichtliche  Bedeutung  4 

dieses  einst  so  hervorragenden  Klosters  war  gänzlich  dahin,  aber  es 
war  nun  von  Wichtigkeit  als  ein  ansehnliches  geistliches  FUrstenthum. 

Angeregt,  wie  es  scheint  durch  das  Vorbild  von  S.  Gallen,  ver- 
fafste  auch  ein  Mönch  von  Petershausen  bei  Konstanz  1156  eine 
Klosterchronik6),  die  nicht  unwichtig  ist,  sondern  zu  den  besten 
Arbeiten  dieser  Art  gehört  und  bis  1164  fortgesetzt  wurde.  Derselbe 
Mönch  schrieb  auch  das  früher  erwähnte  Leben  des  Bischofs  Geb- 
hard von  Konstanz,  des  Stifters  von  Petershausen. 

Eine  vielbesprochene  Quellenschrift  ist  die  Gründungsgeschichte 
von  Muri,  welche  Nachrichten  Uber  die  Herkunft  und  frühere  Ge- 

9 A ehestes  Chronicon  und  Schenkungsbuch  des  Klosters  Ottenbeuren.  Iler- 
ausgegeben  und  erläutert  von  A.  Steichele,  in  dessen  Archiv  f.  d.  Gesrh.  d.  Bisth. 

Augsburg  11 , 1 — 67.  S.  35  eine  merkwürdige  gleichzeitige  Aufzeichnung  aus  den 
Jahren  1180 — 1182  über  die  Verhandlungen  wegen  der  Immunität  des  Klosters 
von  Leistungen  an  das  Reich,  die  überhaupt  in  diesen  Schriften  sehr  in  den  Vorder- 
grund tritt  und  an  die  Entstehung  der  falschen  Constitutio  de  expeditione  Romana 
in  dieser  Zeit  und  Gegend  erinnert.  Andere  Annalen  von  Ottenbeuern  und  Bene- 
diktbeuern sind  noch  ungedrurkt. 

*)  Ann.  Elwang.  von  Stalin  gefunden,  und  herausgegeben  von  0.  Abel,  Mon. 

SS.  X,  15-20. 

8)  Ann.  Neresh.  ed.  Abel  ib.  20 — 34.  Beide  sind  benutzt  in  dem  sog.  Chron. 

Elwangense,  einer  annalistisrhen  Compilation  von  1 — 1477,  ib.  p.  34 — 51. 

4)  Mon.  SS.  II,  149 — 183.  Vgl.  Stalin  II,  16.  Böhmers  Regesten  pag.  LXXI. 

6)  Casus  monasterii  l’etrishusen,  nach  der  Urschrift  neu  herausgegeben  in 
Mones  Quellensammlung  S.  114 — 174.  Stalin  II,  16. 


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Schwaben  und  die  Schweiz.  Zwifaiten. 


397 


schichte  der  Habsburger  enthält  und  nach  Fr.  Kopp  1142  geschrieben 
sein  soll,  wahrscheinlich  aber  jüngeren  Ursprungs  ist1).  In  einer 
dagegen  gerichteten  Streitschrift  gab  Rüsten  Heer  eine  Chronik  von 
Bürgeln  von  1128  bis  1160  heraus’). 

Spärliche  Jahrbücher  haben  wir  aus  Einsiedeln3),  Engel- 
berg4), S.  Georgen  im  Schwarzwald6),  Zwifaiten8),  Weingar- 
ten7). Bei  allen  diesen  Aufzeichnungen  kommt  nur  der  Inhalt,  nicht 
die  Form  in  Betracht.  Mit  etwas  gröfseren  Ansprüchen  tritt  die 
ausführliche  Gründungsgeschichte  von  Zwifaiten8)  auf,  von  Ort- 
lieb 1135  begonnen,  aber  nicht  vollendet,  da  er  1140  zum  Abt  von 
Neresheim  erwählt  wurde.  Zwifaiten  wurde  von  den  Grafen  von 
Achalm  nach  dem  Rathe  des  damals  vertrieben  in  Schwaben  wei- 
lenden Bischofs  Adalbero  von  Wirzburg  und  des  Abtes  Wilhelm  ge- 
gründet und  1089  von  einer  Hirschauer  Colonie  bezogen;  für  die 
Ausbreitung  dieser  Mönche,  deren  Verbindungen  sich  bis  nach  Böhmen 
und  Polen  erstreckten,  für  den  Geist,  der  sie  erfüllte,  so  wie  für  die 
Localgeschichte  Schwabens  ist  viel  Lehrreiches  in  Ortliebs  Werk 
enthalten.  Wenig  später,  1137  und  1138,  behandelte  Berthold, 
der  wiederholt  zum  Abt  des  Klosters  erwählt  wurde  un<i>  zuletzt 
1169  nach  elfjähriger  Amtsführung  als  achtzigjähriger  Greis  re- 
signirte,  denselben  Gegenstand  und  führte  die  Geschichte  weiter;  er 
benutzt  die  Gelegenheit  um  mit  vielem  Unverstand  auf  Heinrich  IV 
zu  schmähen,  den  Hauptinhalt  der  Schrift  bildet  aber  die  Aufzählung 
der  verschiedenen  Schenkungen  an  das  Kloster9). 

Gegen  das  Ende  des  zwölften  Jahrhunderts  wurde  auch  die 
Geschichte  des  Mutterklosters  Hirschau  verfafst,  welche,  so  kurz 
sie  ist,  doch  viel  mehr  Licht  und  Auskunft  gewährt,  als  das  wort- 

*)  Fridolin  Kopp,  Vindiciae  Actorum  Murensium.  1750.  4. 

а)  Anonymus  Murensis  denudatus  a K.  Heer.  1755.  p.  365.  cf.  Mone,  Quellen- 
sammlung S.  175. 

3)  Ann.  Einsidlenses  a.  746 — 1569,  Mon.  SS.  III,  145 — 149. 

4)  Gewöhnlich  Chronica  S.  Blasii  genannt.  Excerpta  Chronicae  S.  Blasii  398 
bis  1175  in  Ussermanns  Prodromus  Germ.  Sacrae  II,  438 — 442.  Vgl.  Stalin  II,  8. 

б)  1153  zuerst  geschrieben  und  fortgesetzt  bis  1625.  Das  Original  ist  ver- 
brannt; Auszüge  1084 — 1308  bei  Ussermann  S.  443 — 448.  Stalin  II,  8. 

c)  Annales  Zwifaltenses  aus  dem  12.  Jahrhundert  und  fortgesetzt  bis  1503, 
ed.  Abel,  Mon.  SS.  X,  51 — 64.  Stalin  II,  8. 

7)  Ann.  Weingart.  1101 — 1197  mit  Nachrichten  über  die  Welfen.  Heft,  Mon. 
Guelf.  S.  47—54.  /I—  75.  Vgl.  oben  S.  375  den  Chronogr.  Weingartensis. 

s)  Ortliebi  de  fundatione  monasterii  Zwivildensis  libri  II,  ed.  0.  Abel,  Mon.  SS. 
X,  64 — 92,  nach  der  Urschrift. 

<J)  Bertholdi  Über  de  constructione  mon.  Zwiv.  ed.  Abel,  ib.  93 — 124.  Diese 
Schrift  rnufste  aus  verschiedenen  Fragmenten  u.  Excerplen  hergestellt  werden. 


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389 


V.  Staufer.  § 15.  Schwaben  u.  Elsafs.  § 16.  Rheinland. 


reiche  Leben  des  Abtes  Wilhelm,  und  mit  werthvollen  urkundlichen 
Aufzeichnungen  verbunden  das  Hirschauer  Buch  bildet1). 

Aus  den  Klöstern  des  Elsafs  haben  wir  Annalen  von  Münster 
im  Gregorienthai4)  bis  1194  und  voft  Maurmünster 3),  814 
bis  1288. 

Eine  Schrift  über  die  Herstellung  des  Klosters  der  h.  Fides 
in  Schlettstadt  ist  beachtenswerth  wegen  einiger  Nachrichten  Uber 
die  Familie  der  Staufer*). 

Ausführlichere  Erzählung  gewähren  die  Geschichte  des  Klosters 
Ebersheimmünster6)  bei  Strafsburg,  bis  1235,  und  von  Senones 
in  den  Vogesen®).  Der  Chronist  von  Ebersheim  hat  manche  ältere 
Bestandtheile  aufgenommen;  er  giebt  weniger  eine  gleichmäfsige 
Geschichtserzählung,  als  lose  verknüpfte  Stücke,  welche  viel  inter- 
essante Einzelheiten  aus  der  Geschichte  der  Klöster  wie  auch  aus 
der  Reichsgeschichte  enthalten.  Eben  so  wenig  genau  in  der  Zeit- 
folge der  Begebenheiten  ist  Richerius,  der  Verfasser  der  Geschichte 
von  Senones,  die  bis  1263  reicht.  Er  brachte  acht  Tage  an  Fride- 
richs  II  Hof  zu  Wirzburg  zu,  im  Juli  1218,  und  erzählt  davon  und 
von  manchen  anderen  Dingen.  Eigentlich  geschichtlicher  Sinn  fehlt 
ihm  und  für  die  ältere  Zeit  ist  er  völlig  kritiklos ; darin  und  in  der 
anekdotenmäfsigen  Weise  seiner  Erzählung  stellt  er  den  Charakter 
des  dreizehnten  Jahrhunderts  dar,  der  um  diese  Zeit  immer  mehr 
überhand  nahm;  manche  ausführliche  Schilderung  aber,  wie  Uber 
den  Aufstand  gegen  Otto  IV  zu  Breisach  1212,  Uber  die  Schlacht 
von  Bovines  1214,  Uber  Friderichs  H Heerfahrt  nach  Lothringen 
1218  und  Uber  Ereignisse  in  der  Heimath,  sind  vortrefflich  und  für 
uns  von  grofsem  Werthe. 

In  Colmar  schrieb  ein  Dominikaner,  der  1221  geboren  war 
und  1239  in  den  Orden  eintrat,  Verschiedenartiges  in  der  Form  von 
Annalen  zusammen,  welche  mit  älteren  Notizen  und  Zusätzen  Anderer 
verbunden  von  1281  bis  1305  reichen  und  manches  Brauchbare  ent- 

*)  Codex  Hirsaugieasis  io  der  Bibi,  des  Stuttg.  Literar.  Vereins  I. 

4)  Ann.  Monasterienses,  Mon.  SS.  III,  152. 

s)  Ann.  Maurimonasterienses  in  Böhmers  Fontes  III,  8 — 10. 

*)  Miracula  S.  Fidis  ed.  Dorlan,  Notices  hist,  sur  l’AIsace  et  principalement 
sur  la  ville  de  Schlestadt.  Colmar  1843.  I,  48 — 53;  benutzt  in  der  Historia  Fri- 
deriei,  s.  0.  Abel  im  Archiv  XI,  112. 

6)  Historia  Novientensis  Monasterii,  Mart.  Thes.  III,  1125—1160  und  besser 
bei  Grandidier  in  den  Pieces  justificatives  zur  Histoire  d ’Alsace  II,  i 1 ff.  Auszüge 
in  Böhmers  Fontes  III,  10  — 31. 

®)  Richerii  Chronicon  Mon.  Senonensis.  D'Achery,  Spicilegium  III,  271  u.  ed. 
2.  II,  603—655.  Einige  Auszüge  in  Böhmers  Fontes  UI,  31 — 66. 


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Elsafs.  Speier.  Worms.  Lorsch. 


399 


halten1).  Weitere  Ausführungen  enthält  die  Colmarer  Chronik  bis 
1303,  welche  zu  den  wichtigeren  Quellen  über  die  Geschichte  Rudolfs 
von  Habsburg  gehört. 

Aus  Strafsburg  besitzen  wir  kurze  Annalen5)  von  637  bis 
1207;  ebenda  oder  in  benachbarten  Klöstern  sind  auch  noch  andere 
gleichzeitige  Aufzeichnungen  nachweisbar,  welche  mit  jenen  Annalen 
in  einem  gröfseren  bis  1238  reichenden  Werke  verbunden  erscheinen, 
das  wir  seines  universellen  Charakters  wegen  für  jetzt  noch  über- 
gehen. Auch  hier  haben  die  Dominikaner  schon  früh  begonnen, 
allerlei  anzumerken,  was  mit  anderem  Material  von  Gotfrid  von 
Ensmingen  zu  weiterer  Benutzung  gesammelt  wurde*). 

§ 16.  Das  Rheinland. 

Folgen  wir  dem  Rheinstrom  weiter  abwärts,  so  finden  wir  in 
Speier  nichts  als  einige  in  dem  Copialbuch  der  Kirche  enthaltene 
Notizen,  kurze  Zusammenstellungen  Uber  die  Folge  der  Kaiser,  und 
Annalen  von  1184bisl259,  alles  von  Böhmer  zuerst  bekannt  gemacht*). 

Wenn  in  der  Wormser  Kirche  geschichtliche  Aufzeichnungen 
entstanden  sind,  was  man  kaum  bezweifeln  möchte,  so  hat  sich  doch 
nichts  davon  erhalten.  Dagegen  hat  die  Bürgerschaft  von  Worms, 
wie  sie  zuerst  in  kraftvoller  Erhebung  sich  Selbständigkeit  zu  er- 
ringen wufste,  so  auch  die  ältesten  städtischen  Nachrichten  uns 
hinterlassen,  von  denen  leider  nur  noch  Bruchstücke  vorhanden  sind, 
welche  ebenfalls  Böhmer  zuerst  aufgesucht,  zusammengestellt  und 
herausgegeben  hat6).  Aus  dem  Sprengel  von  Worms  besitzen  wir 
die  Chronik  von  Lorsch6),  jenem  Kloster,  welches  sich  schon  in 
der  ältesten  Zeit  durch  seine  Jahrbücher  auszeichnete.  Im  zwölften 
Jahrhundert  sammelte  man  hier  ein  Urkundenbuch  des  Stifts,  und 
verband  mit  demselben  geschichtliche  Nachrichten  bis  1167,  bis  zur 
Vertreibung  der  alten  Mönche  durch  Hirschauer. 

•)  Les  Annales  et  la  Chronique  des  Dominicains  de  Colmar,  von  Gerard  und 
Liblin  herausgegeben,  Colmar  1854.  8.  Vgl.  die  Rec.  von  Waitz  G.  G.  A.  1856 
S.  1113 — 1120.  Früher  bei  Urstis.  II.  und  besser  aber  nicht  vollständig  in  Böh- 
mers Fontes  II,  1 — 96. 

5)  Annalcs  breves  Argeutinenses  bei  Grandidier,  Pieces  juslificatives  zu  seiner 
Histoire  d’Alsace  II,  63. 

*)  Notar  historicae  Argentinenses  1132  — 1338.  Fontes  III,  113 — 120.  Ein 
Cbronicon  Lausanensis  Chartularii  aus  dem  dreizehnten  Jahrhundert  hat  Gingins 
herausgegeben,  Mem.  et  Doe.  de  la  Suisse  Komandc  VI. 

*)  Annales  Spirenses,  Fontes  11,  147 — 158.  Mone,  Quellensammlung  I,  185. 

6)  Annales  Wormalienses  1221  — 1298.  Fontes  II,  158 — 209.  Die  Wormser 
Chronik  von  Friedr.  Zorn  aus  dem  16.  Jahrhundert  ist  jetzt  von  W.  Arnold  her- 
ausgrgeben,  Bibi,  des  Lit.  Vereins  XLUI. 

°)  Codex  Laureshamensis  ed.  Academia  Palatina.  1768.  3 Bände.  4. 


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400 


V.  Staufer.  § 16.  Das  Rheinland. 


Auch  Mainz  erscheint  jetzt  nicht  reich  an  historischer  Litteratur; 
doch  haben  die  neuesten  Entdeckungen  bedeutende  Lücken  ausge- 
füllt,  und  die  lange  Verborgenheit  dieser  wichtigen  und  merkwürdigen 
Denkmäler  läfst  es  um  so  mehr  als  wahrscheinlich  erscheinen,  dafs 
anderes  ganz  zu  Grunde  gegangen  ist,  oder  auch  durch  eine  glück- 
liche Hand  noch  ans  Licht  kommen  wird. 

Noch  ungedruckt  ist  die  von  Bethmann  entdeckte  Lebensbe- 
schreibung des  Erzbischofs  Adalbert  H (1138 — 1141),  welche  um 
das  Jahr  1150  von  Anselm,  wie  es  scheint,  dem  Propst  der  Kirche 
Marie  Stiegen  (1124  — 1151),  nach  der  damals  beliebten  Weise  in 
Versen  verfafst  ist.  Ueber  die  Geschichte  von  Deutschland  soll  nicht 
viel  Aufschlufs  daraus  zu  gewinnen  sein;  desto  merkwürdiger  aber 
und  lehrreicher  sind  die  genauen  Angaben  Uber  Adalberts  Studien- 
zeit; er  besuchte  die  Schulen  zu  Hildesheim,  Keims  und  Paris,  und 
fügte  dazu  auch  noch  medicinische  Studien  in  Montpellier.  Sein 
Biograph  scheint  ihn  dabei  begleitet  zu  haben  und  giebt  darüber 
sehr  ausführliche  Nachrichten1). 

Ein  anderes  sehr  werthvolles  Werk  des  zwölften  Jahrhunderts 
ist  ebenfalls,  wie  das  oben  (S.  270)  erwähnte  Leben  des  Bardo,  erst 
kürzlich  von  Böhmer  entdeckt  und  bekannt  gemacht  worden,  das 
Leben  des  Erzbischofs  Arnold“),  eine  sehr  bedeutende  Quelle  so- 
wohl für  die  Mainzer  Specialgeschichte  als  für  die  Reiehsgeschichte, 
deren  Werth  nur  durch  ihren  lobrednerischen  und  apologetischen 
Charakter  beeinträchtigt  wird.  y 

Im  J.  1153  wurde  der  Erzbischof  Heinrich  abgesetzt,  und  an 
seine  Stelle  trat  Arnold  von  Selenhofen,  ein  Vorgang,  der  sehr  ver- 
schieden beurtheilt  wurde  und  Uber  den  wir  nur  mangelhaft  unter- 
richtet sind.  Sicher  ist,  dafs  der  neue  Erzbischof  während  seiner 
ganzen  Amtsführung  die  heftigste  Feindschaft  der  Mainzer  zu  be- 
kämpfen hatte,  während  er  auch  mit  dem  Pfalzgrafen  Heinrich  in 
eine  Fehde  verwickelt  wurde,  an  welcher  Arnold  nach  dem  Erkenntnifs 
des  FUrstengerichts  nicht  ohne  Schuld  war.  Zuletzt  wurde  er  von 
den  wüthenden  Mainzern  am  24.  Juni  1160  auf  die  entsetzlichste 
Weise  mit  dem  Jakobskloster,  in  welches  er  sich  geflüchtet  hatte, 
verbrannt.  Die  bald  nachher  geschriebene  Biographie  ist  weit  ent- 
fernt, genügende  Auskunft  über  diese  Ereignisse  zu  geben,  sie  ist 
unbedingt  lobrednerisch  und  läfst  die  eigentlichen  Ursachen  der  er- 
bitterten Feindschaft  unklar.  Demungeachtet  enthält  sie  die  schätz- 

')  Diese  Angaben  sind  den  Mittheilungen  von  Wilmans  entnommen,  bei  Jaffe: 
De  Arte  medica  saeeuli  XII.  Berol.  1853.  p.  17. 

2)  Vita  et  Martyrium  Amoldi  archiep.  Mog.  Fontes  III,  270 — 326. 


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V.  Adalberti,  Arnoldi.  Christian  von  Mainz. 


401 


barsten  Nachrichten,  namentlich  auch  Uber  die  Berufung  des  Erz- 
bischofs zum  Concil  von  Pa  via,  das  Kriegslager  des  Kaisers  vor 
Crema  und  Arnolds  Empfang  daselbst;  dann  das  wiederholte  Ein- 
schreiten des  Kaisers  in  Mainz  und  zuletzt  die  Bestrafung  der 
Schuldigen.  Der  Verfasser  beschreibt  sehr  ausführlich  und  nicht  ohne 
Geschick,  nur  strebt  er  Ubermäfsig  nach  Wohlredenheit  und  verfehlt 
nicht  selten  das  Ziel;  aus  den  letzten  Schreckensscenen  theilt  er 
Gebete  und  Gedanken  des  Erzbischofs  mit,  die  unmöglich  einem 
Sterblichen  bekannt  sein  konnten.  Dennoch  müssen  wir  sein  Werk 
unbedenklich  zu  den  vorzüglichsten  Quellen  dieser  Zeit  rechnen  und 
die  Entdeckung  desselben  als  eine  bedeutende  Bereicherung  der  histo- 
rischen Litteratur  betrachten.  Dafs  der  Verfasser  den  Papst  Viktor 
als  rechtmäfsig  anerkennt,  hat  vielleicht  die  lange  Verborgenheit 
seiner  Schrift  veranlafst. 

Völlig  entgegengesetzt  urtheilt  Uber  den  Erzbischof  Arnold  sein 
Nachfolger  Christian  U.  Er  war  1249  erwählt,  konnte  sich  aber 
als  ein  frommer  und  friedliebender  Geistlicher  nicht  in  dieser  Stellung 
erhalten,  die  damals  einen  Kriegsmann  gebieterisch  forderte,  da  es 
darauf  ankam,  die  Pfaffenkönige  mit  gewaffneter  Hand  gegen  die 
Staufer  aufrecht  zu  halten.  Christian  mufste  1251  resigniren,  und 
schrieb  nun  in  der  Bitterkeit  seines  Herzens  eine  Wehklage  Uber 
den  Verfall  der  Mainzer  Kirche  durch  die  zerrissene  ruhelose  Zeit: 
den  Ursprung  alles  Uebels  aber  findet  er  in  der  Absetzung  des  Erz- 
bischofs Heinrich  durch  die  von  Arnold  bestochenen  Cardinäle.  Der 
päpstlichen  Politik  giebt  er  nicht  undeutlich  auch  das  folgende  Un- 
heil Schuld:  Sifrid,  sagt  er,  war  ein  Mann  nach  dem  Herzen  des 
Papstes,  weil  er  Witwen  und  Waisen  machte,  und  alles  Land  ver- 
wüstete. Das,  meint  Christian,  sei  nicht  der  Beruf  des  Priesters,  der 
nur  mit  dem  Schwert  des  Wortes  zu  kämpfen  habe. 

In  höchst  eigenthümlicher  Weise  beginnt  Christian  seine  Schrift 
mit  einer  genauen  Beschreibung  des  überreichen  Mainzer  Kirchen- 
sehatzes,  wie  er  ihn  noch  gekannt  hatte,  und  von  dem  jetzt  wenig 
mehr  übrig  war.  Er  verweilt  bei  Heinrich  und  Arnold,  und  giebt 
in  raschem  Ueberblick  eine  Uebersicht  der  folgenden  Zeiten,  mit 
Wehklagen  vermischt.  Es  ist  keine  eigentliche  Geschichtserzählung, 
sondern  eine  Darlegung  der  Verhältnisse,  welche  ihn  selbst  auf  den 
erzbischöflichen  Stuhl  gebracht  hatten  und  es  ihm  unmöglich  machten, 
sich  darauf  zu  behaupten1). 

Aufserdem  sind  nur  noch  kurze  Annalen  vorhanden s) ; es  finden 

l)  Chriäliani  Chronicon  Mogimtinnra  1152-1251.  Böhmers  Fontes  11,253-271. 

*)  Annales  Moguntini  1083 — 1309,  Böhmers  Fontes  11,  249 — 253. 

26 


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402 


V.  Staufer.  § 16.  Das  Rheinland. 


sich  aber  in  diesen,  und  auch  sonst,  Spuren  ausführlicherer  Auf- 
zeichnungen aus  dem  dreizehnten  Jahrhundert,  deren  Sammlung  wir 
von  Böhmer  zu  erwarten  haben,  wenn  es  ihm  nicht  vielleicht  noch 
gelingen  sollte,  sie  vollständig  zu  entdecken1). 

Aus  der  Nachbarschaft  von  Mainz  wurde  das  Leben  des  Grafen 
Ludwig  von  Arnstein  schon  oben  (S.  348)  erwähnt,  und  die  Fort- 
setzung des  Marian  aus  dem  Kloster  Disibodenberg  werden  wir  noch 
bei  den  Geschichtswerken  von  allgemeinerem  Inhalt  zu  berühren 
haben.  Hier  bleibt  nur  noch  die  Chronik  von  Lippoldsberg2)  zu 
erwähnen,  eine  hübsche  Erzählung  von  diesem  um  1088  nach  Schaff- 
hauser Kegel  gestifteten  Nonnenkloster,  freilich  sehr  kurz  und  un- 
genügend, aber  um  so  weniger  zu  verschmähen,  da  so  wenige 
Schriften  uns  von  Nonnenklöstern  Nachricht  geben. 

Was  bis  jetzt  über  die  Geschichtsquellen  aus  der  Diöcese  von 
Köln  bekannt  geworden  ist,  hat  neuerdings  Janssen  zusammenge- 
stellt in  den  Annalen  des  historischen  Vereins  für  den  Niederrhein, 
I,  78 — 104.  Den  früher  (S.  284)  erwähnten  Annalen  reihen  sich 
jetzt  Annalen  von  S.  Gereon3)  an,  welche  durch  den  Mangel  anderer 
Nachrichten  einigen  Werth  erhalten.  Bedeutenderes  ist  verloren,  doch 
läfst  sich  aus  späteren  Compilationen  noch  einiger  Ersatz  erwarten, 
und  auch  die  Auffindung  neuer  handschriftlicher  Mittel  ist  nicht  un- 
wahrscheinlich. Auf  ein  wichtiges,  kürzlich  erst  entdecktes  Bruch- 
stück kommen  wir  noch  zurück  bei  der  Besprechung  der  Chronik 
von  S.  Pantaleon,  welche  der  Reichsgeschichte  angehört;  andere 
ebenfalls  merkwürdige  und  nicht  unwichtige  Bruchstücke  hat  Pertz 
vor  Kurzem  entdeckt  und  bekannt  gemacht,  Fragmente  einer  ver- 
sificirten  Kölner  Chronik,  welche  den  1239  durch  den  päpstlichen 
Bannfluch  neu  entbrannten  Krieg  am  Niederrhein,  namentlich  die 
Kämpfe  des  Erzbischofs  Konrad  von  Hochstaden  mit  dem  Grafen 
von  Jülich  schildern4).  Und  kaum  war  dieses  bekannt  geworden, 
als  schon  Prof.  Deycks  zwei  neue  Blätter  dieses  Gedichts  auffand, 
welche  theils  die  frühere  Belagerung  Kölns  durch  König  Philipp, 
theils  die  späteren  Unruhen  unter  Konrad  von  Hochstaden  zum 
Gegenstände  haben8).  Es  ist  keine  gleichmäfsig  fortschreitende  Er- 
zählung, sondern  mehr  moralisirende  Betrachtungen  über  die  Ereignisse 
in  der  damals  beliebten  Form  leoninischer  Hexameter,  schon  mit  der 

l)  Fontes  H,  XXVII.  Hl,  LXXVII. 

Chronicon  Lippoldesbergense  1051 — 1151.  Fontes  III,  254 — 269. 

3)  Annales  S.  Gereonis  Colon.  1191—1202.  1227.  1240.  Fontes  III,  399.  400. 

4)  Pertz,  lieber  eine  rheinische  Chronik  des  13.  Jahrhunderts.  Aus  den  Ab- 
handlungen der  Berliner  Akademie.  1855.  4. 

8)  Gedr.  bei  Lacomblet,  Archiv  f.  d.  Gesch.  des  Niederrheins  II,  352—370. 


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Lippoldsberg.  Köln.  Achen. 


403 


ganzen  rohen  Geschmacklosigkeit,  welche  das  Absterben  der  mittel- 
alterlichen lateinischen  Litteratur  nach  der  Mitte  des  dreizehnten 
Jahrhunderts  bezeichnet. 

Ein  Katalog  der  Kölner  Erzbischöfe  mit  kurzen  geschichtlichen 
Bemerkungen,  die  nicht  ohne  Werth  sind,  scheint  aus  der  Zeit  Philipps 
von  Heinsberg  (1167 — 1191)  zu  stammen  und  wurde  von  Cäsarius 
von  Heisterbach  unter  Heinrich  von  Molenark  (1225 — 1238)  bis  auf 
seine  Zeit  fortgesetzt1). 

Dieser  Cäsarius  verfafste  auch  eine  Lebensbeschreibung  des 
1225  ermordeten  Erzbischofs  Engelbert5),  eine  der  spätesten  kirch- 
lichen Biographien,  welche  noch  geschichtlichen  Werth  haben. 

Ermordungen  von  Bischöfen  waren  nicht  selten,  seitdem  die 
Kirche  den  Kampf  mit  dem  Königthum  begonnen  hatte,  der  zu  immer 
gröfserer  Verwilderung  und  Verderbnifs,  so  wie  zur  Auflösung  aller 
gesetzlichen  Bande  führte.  Aber  Engelberts  Ermordung  war  selbst 
in  diesen  Zeiten  eine  der  entsetzlichsten  Begebenheiten  und  zugleich 
einer  der  schwersten  Unfälle  für  das  Reich,  denn  Engelbert  war 
nicht  nur  ein  ausgezeichneter  und  trefflicher  Kirchenfürst,  sondern 
er  war  auch  mit  dem  Herzog  Leopold  von  Oesterreich  Vormund  des 
jungen  Königs  Heinrich  und  Reichsverweser.  Diese  wichtige  Stel- 
lung Engelberts  und  seine  Thätigkeit  für  das  Reich  finden  wir  nun 
freilich  bei  Cäsarius  so  wenig  wie  bei  irgend  einem  anderen  Bio- 
graphen dieser  Art  gebührend  berücksichtigt,  aber  seine  Wirksamkeit 
als  Erzbischof  und  seine  persönlichen  Eigenschaften  sind  mit  guter 
Kenntnifs  und  gewandter  Feder  geschildert,  besonders  aber  ist  die 
letzte  Katastrophe  vortrefflich  erzählt,  mit  grofser  Lebendigkeit  und 
voll  warmen  Gefühls. 

Auf  den  Verfasser  werden  wir  später  noch  einmal  zurück- 
kommen. 

Hier  sind  nur  noch  die  nicht  sehr  bedeutenden  Annalen  von 
Achen*)  zu  erwähnen  und  das  viel  wichtigere,  sehr  merkwürdige 
Fragment  eines  alten  Verzeichnisses  der  Reichsguter,  welches  nun 
ebenfalls  bei  Böhmer  hinter  jenen  Annalen  zu  finden  ist.  Mit  grö- 
fserer Vorliebe  als  die  Geschichte  der  Gegenwart  pflegte  man  in 

1 ) Caesarii  Heisterbacensis  Calalogus  archiepiscoporum  Coloniensium,  Fontes 
II,  271 — 281.  Vgl.  Ficker,  Engelbert  von  Köln  S.  201.  Janssen  a.  a.  0.  S.  80  ff. 
Pertz,  eine  rheinische  Chronik  S.  136  über  eirit  ungedruckle  Fortsetzung. 

a)  Caes.  Heist  Vita  S.  Engelberti  bei  Surius  zum  7.  Novbr.  und  Fontes  II, 
294 — 329  ohne  das  dritte  Buch,  welches  die  Wunder  enthält. 

*)  Ann.  ecclesiae  regalis  Aquensis  1001 — 1196,  nach  den  ersten  sehr  fehler- 
haften Abdrücken  von  Quix  und  Ernst  besser  in  Böhmers  Fontes  III,  391  — 397. 
Dieselben  von  1125 — 1169,  vermischt  mit  den  Annalen  von  Erfurt,  Mon.  SS.  XVI, 
17 — 22.  Noch  ungedruckt  sind  die  Ann.  Rodenses  von  Klosterrath. 

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404  V.  Staufer.  § 16.  Das  Rheinland.  § 17.  Lothringen. 

Achen  das  Andenken  des  grofsen  Karl,  welches  durch  die  Canoni- 
satiou  desselben  (1165)  noch  mehr  verherrlicht  war.  Man  freute 
sich  dort,  und  freut  sich  noch  jetzt,  der  kostbaren  Reliquien,  welche 
Karl  aus  dem  Morgenlande  mitgebracht  haben  sollte,  und  deshalb 
durfte  natürlich  in  seiner  Legende  auch  der  Kreuzzug  nicht  fehlen  *). 


§ 17.  Lothringen. 

Die  Fortsetzungen  der  Trierer  Bisthumschronik  wurden  schon 
oben  erwähnt,  sowie  die  höchst  ausgezeichnete  Lebensbeschreibung 
des  Erzbischofs  Albero,  von  Balderich 3).  Ein  Brand  im  Mathiasstift 
1131  gab  zu  einer  Verherrlichung  des  Schutzpatrons  Anlafs,  der 
natürlich  Wunder  thun  mufste,  um  den  erlittenen  Schaden  zu  er- 
setzen. Die  Beschreibung  der  Feuersbrunst  ist  hübsch  geschrieben 
und  die  Wunder  enthalten  einige  Beiträge  zur  Sittengeschichte8). 
Weiter  ist  aber  aus  Trier  nichts  anzuführen  und  aus  dem  Sprengel 
nur  das  goldene  Buch  von  Epternach,  eine  Urkundensammlung, 
die  mit  geschichtlichen  Nachrichten  verbunden  ist4).  Bis  jetzt  ist 
nur  ein  Fragment  Uber  Karl  Marteil  daraus  gedruckt. 

Aus  Toul  ist  gar  nichts  bekannt.  Verdun  dagegen  wurde  von 
einem  Strahle  der  Lütticher  Gelehrsamkeit  beleuchtet.  Laurentius, 
ein  Mönch  aus  dem  dortigen  Lorenzkloster,  war  nach  Verdun  ge- 
kommen, und  diesen  veranlafste  Hugo,  ein  Mönch  des  Klosters 
S.  Vannes  zu  Verdun,  die  alte  Bisthumschronik  weiter  fortzusetzen, 
und  die  Geschichte  der  späteren  Bischöfe  sowohl  wie  der  Aebte  von 
S.  Vannes  während  des  seitdem  verflossenen  Jahrhunderts  (1047  bis 
1144)  hinzuzufügen6).  Den  Inhalt  gaben  die  Berichte  Hugos,  wie 
Laurentius  ausdrücklich  sagt,  und  er  mufs  wirklich  eine  lebendige 
Chronik  gewesen  sein,  denn  die  Erzählung,  wenn  gleich  im  Anfang 
nicht  frei  von  Fehlern,  ist  weiterhin  nicht  nur  zuverlässig,  sondern 
auch  ausführlich  und  lebendig.  Da  nach  den  langen  Kämpfen  zwischen 
Staat  und  Kirche  damals  eine  Zeit  des  Friedens  und  der  Ruhe  ein- 
getreten war,  konnte  Laurentius  auch  den  kaiserlich  gesinnten  Bi- 
schöfen mehr  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  als  in  den  Schriften, 

*)  De  sanctitate  meritorum  et  gloria  miraeulorum  beati  Caroli  magni  libri  III. 
Nachrirhten  darüber  giebt  Lambecius  Comment.  Vol.  II,  329  ff. 

а)  Die  weiteren  Fortsetzungen  Sind  wenig  bedeutend  und  gewinnen  größeren 
Werth  erst  unter  dem  Erzbischof  Balduin,  dem  Bruder  Kaiser  Heinrichs  VII. 

3)  Inventio  et  Miracula  S.  Mathiae  ed.  Waitz,  fllon.  SS.  VIII,  226— 234.  Vgl. 
Archiv  X,  634.  — 4)  Archiv  XI,  338.  Vgl.  oben  S.  80. 

б)  Laurentii  de  Leodio  Gesta  episeoporum  Virdunensium  et  abbatum  S.  Vi- 
toni  (mit  den  Fortsetzungen)  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  X,486 — 525.  Darauf  folgen 
Annales  S.  Vitoni  a.  96 — 1481.  p.  525 — 530. 


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Trier.  Verdun.  Metz.  Lüttich. 


405 


die  während  des  Streites  geschrieben  wurden,  der  Fall  ist.  Eine 
weitere  Fortsetzung  bis  1147  ist,  wie  es  scheint,  noch  von  demselben 
Verfasser;  später  haben  andere  Mönche  von  S.  Vannes  die  Geschichte 
der  Jahre  von  1156  bis  1187  und  weiter  von  da  bis  1250  hinzu- 
gefligt;  sie  erreichen  das  Werk  des  Laurentius  aber  bei  weitem  nicht. 
Dann  erlischt  auch  hier  die  Geschichtschreibung  der  Kirche. 

Ein  umgekehrtes  Verhältnifs  fand  in  Metz  statt.  Das  alte  Werk 
des  Paulus  Diakonus  über  die  Geschichte  des  Stifts  wurde  auch  hier 
um  die  Mitte  des  zwölften  Jahrhunderts  unter  dem  Bischof  Stephan 
(1120 — 1163)  wieder  aufgenommen  und  fortgeführt,  aber  in  sehr 
ungeschickter  Weise,  voll  von  Fabeln  in  der  älteren  Zeit,  und  auch 
weiterhin  dürftig  und  ungenau.  Dagegen  sind  hier  die  Fortsetzungen 
von  bedeutend  grüfserem  Werthe,  wenn  gleich  auch  sie  noch  viel  zu 
wünschen  übrig  lassen.  Der  erste  Fortsetzer  schrieb  bald  nach  1180, 
der  zweite  fügte  die  Zeit  von  1212  bis  1260,  ein  dritter  sehr  kurz 
die  folgenden  Bischöfe  bis  1296  hinzu,  und  es  fanden  sich  hier  auch 
noch  in  späterer  Zeit  Fortsetzer1). 

Lüttich  zeichnet  sich  auch  in  diesem  Zeiträume  durch  littera- 
rische  Thätigkeit  aus.  Die  Chronik  des  nahen  Klosters  S.  Tron 
wurde,  wie  schon  oben  erwähnt,  wiederholt  fortgesetzt.  In  Lüttich 
selbst  veranlafste  die  eigenthümliche  Sitte  des  Landes,  in  der  Noth  den 
Schutzheiligen  persönlich  auftreten  zu  lassen  um  seine  Sache  durch- 
zufechten, einige  Schriften,  die  sich  vergleichen  lassen  mit  jenem 
Triumph  des  h.  Remaklus,  den  die  Mönche  von  Stablo  nach  Lüttich 
führten,  um  durch  seine  Hülfe  das  ihnen  entrissene  Kloster  Malmedy 
dem  Erzbischof  Anno  zu  entwinden  (S.  284). 

Im  Jahre  1141  mufste  S.  Lambert  seine  altgewohnte  Stätte 
verlassen,  um  das  Schlofs  Bouillon  seiner  Kirche  zurück  zu  bringen. 
Die  Ankunft  der  Procession  mit  der  Bahre  des  Heiligen  unter  ge- 
waltigem Zulauf  des  Volkes  ermuthigte  das  bischöfliche  Heer  und 
schreckte  die  Gegner,  so  dafs  sie  die  Vertheidigung  aufgaben.  Dieses 
grofse  Ereignifs  wurde  in  einer  eigenen  Schrift  gefeiert a),  und  ebenso 
ein  zweiter  Triumph  des  h.  Lambert  1213  Uber  den  Herzog 
Heinrich  von  Brabant3):  ein  glänzender  Sieg,  durch  den  das  gute 
Schwert  der  Lütticher  Vasallen  und  Zünfte  und  des  Bischofs  Hugo 

>)  Gesta  episcoporum  Mettensium  ( — 1296)  ed.  Waitz,  Mon.  SS.  X,  531-551. 

2)  Triumphus  S.  Lamberti  de  Castro  ßulonico,  bei  Cbapeaville  II,  577. 

s)  Triumphus  S.  Lamberti  in  Sleppes,  Chapeaville  11,603.  Es  ist  eigentlich 
das  dritte  Buch  der  Vita  S.  Odiliae  Leodiensis  et  filii  eius  Johannis  abbatuli, 
s.  Böhmer  Reg.  Imp.  p.  LXX1I.  Ein  anderer  Bericht  von  dem  Bischof  Hugo 
selber  wurde  von  dem  späteren  Chronisten  Jean.  d’Outremeuse  benutzt,  s.  Polain, 
Ilistoire  de  Liege  I,  297. 


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406 


V.  Staufer.  § 17.  Lothringen. 


von  Pierrepont  die  Plünderung  Lüttichs  im  vergangenen  Jahre  rächte. 
Der  Bischof  hatte  sich  des  päpstlichen  Bannes  wegen  gegen  Otto  IV 
erklärt  und  dadurch  dieses  Unglück  herbeigeführt.  Deshalb  ist  jene 
Erzählung  auch  für  die  Reichsgeschichte  von  Bedeutung,  deren  Mittel- 
punkt bald  darauf  durch  die  Schlacht  von  Bovines  in  diese  Gegenden 
verlegt  wurde. 

Jener  frühere  Triumph  des  h.  Lambert  aber  über  das  Schlofs 
Bouillon  wurde  später  noch  weiter  ausgeführt  und  in  Prosa  und 
Versen  gefeiert,  von  Reiner,  einem  Mönche  in  S.  Lorenz  bei 
Lüttich  und  sehr  fruchtbarem  Schriftsteller1).  Man  schleppte  den 
guten  Lambert  so  lange  herum,  zwei  Jahre  lang,  bis  er  ganz  böse 
wurde;  eine  schreckliche  Feuersbrunst  zeugte  von  seinem  Unwillen. 
Da  brachte  man  ihn  endlich  zur  Ruhe  und  es  folgten  bessere  Zeiten, 
ein  glänzender  Sieg  wurde  Uber  den  Grafen  Heinrich  von  Namur 
erfochten. 

Reiner  beschrieb  aufserdem  das  Leben  des  alten  Bischofs  Eve- 
raklus  (959 — 971)®),  des  Wolbodo  (1018 — 1021)*),  des  Reginard 
(1024 — 1037) ‘),  der  Stifter  und  Wohlthäter  des  Klosters,  Uber  die 
er  jedoch  kaum  etwas  Neues  mitzutheilen  hatte;  er  beschrieb  im 
Jahre  1182  den  Brand  seines  Klosters  durch  einen  Blitzstrahl  am 
Tage  nach  Palmsonntag  desselben  Jahres 5)  und  die  neue  Einweihung 
der  Kirche  am  dritten  November®),  den  Brand  der  Domkirche  am 
28.  April  1188 7),  und  verfafste  endlich  ein  Werk  über  die  ausge- 
zeichneten Aebte  und  Mönche  des  Laurentiusklosters,  in  welchem  er 
auch  Nachrichten  über  sein  eigenes  Leben  giebt  und  seine  Werke 
aufzählt 8). 

Gleichzeitig  schrieb  im  Kloster  S.  Jakob  Lambert  der  Kleine 
eine  Chronik  der  Lütticher  Bischöfe  bis  1194,  welche  ein  Mönch 
desselben  Klosters,  Reiner,  bis  1230  fortsetzte.  Diese  Arbeit  Rei- 
ners  ist  besonders  wichtig  durch  Nachrichten  Uber  das  was  in  seiner 
Nähe  vorging  nicht  nur,  sondern  auch  Uber  manches  entferntere 
Ereignifs.  Er  scheint  bei  der  Krönung  Friderichs  II  in  Achen  1215 
selbst  zugegen  gewesen  zu  sein,  und  wiederholte  Reisen  nach  Rom, 

')  Reinen  Triumphale  Bullonicum  prosaice  in  5 Büchern,  Pez  Thes.  IV,  3, 129. 

*)  ib.  p.  155.  — »)  Acta  SS.  Maii  II,  857.  Mab.  VI,  1,  176. 

*)  Pez  Thes.  IV,  3,  167. 

6)  Opusrulum  cuiusdam  ad  amicum  familiärem  de  casu  fulminis,  ib.  p.  187. 

®)  Libellus  Gratiarum  aclionis  ad  b.  Laurentium  super  dedicatione  nova, 

ib.  p.  197. 

7)  Breviloquium  de  incendio  ecclesiae  S.  Lamberti,  ib.  p.  207. 

s)  De  ineptiis  cuiusdam  idiotae  libellus  ad  amicum,  ib.  p.  20,  unter  dem 
Titel:  De  gestis  abbatum  S.  Laurentii  (1027 — 1158).  Vgl.  die  Handschrift  seiner 
Werke  in  Löwen,  Archiv  VIII,  483. 


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Reiner  von  Lüttich.  Belgische  Localgeschichten.  407 

so  wie  ausgebreitete  Bekanntschaften  und  Verbindungen  liefsen  ihn 
viel  erfahren,  was  er  gleichzeitig  aufzeichnete  *). 

Ein  Leben  des  1192  ermordeten  Bischofs  Albert  ist  noch  un- 
gedruckt’); die  Chronik  des  Bischofs  Hugo  von  Pierrepont  (1200 
bis  1229)  scheint  verloren  zu  sein,  ist  aber  benutzt  in  der  gleich- 
falls noch  ungedruckten,  von  Polain  viel  benutzten  Chronik  des 
Jean  d’Outremeuse*). 

Endlich  schrieb  Gilles  d’Orval  eine  Fortsetzung  der  Bisthums- 
geschichte des  Anselm  und  machte  auch  zu  dem  früheren  Theile 
Zusätze4).  Er  hat  sehr  fleifsig  die  filteren  Werke,  welche  fast  alle 
noch  vorhanden  sind,  Urkunden  und  Inschriften  benutzt,  ist  aber  so 
sorgsam  bemüht,  von  allen  Bischöfen  nur  Gutes  und  Rühmliches  zu 
sagen,  dafs  dadurch  sein  Werk  sehr  mangelhaft  ausgefallen  ist. 

Einige  weniger  bedeutende  Werke  von  localer  Bedeutung  be- 
gnüge ich  mich  in  der  Anmerkung  anzuflihren 5). 

Diese  Gegenden  sonderten  sich  mehr  und  mehr  vom  Reiche  ab 
und  ihre  mannigfaltige  und  eigenthümliche  Litteratur  erfordert  eine 
abgesonderte  Behandlung.  Die  Heiligenleben  verlieren  mit  dem 

*)  Lamberti  Parvi  Chronicon  mit  Reinere  Fortsetzung,  Marlene  Coli.  V,  5 ff. 
Vgl.  Archiv  VII,  597.  Auszüge  aus  Reiner  in  Böhmers  Fontes  II,  372 — 387. 

»)  Archiv  VII,  597. 

3)  Polain,  Rccherches  sur  la  vie  et  les  ouvrages  de  Jean  d’Outremeuse,  in 
den  Mrlangcs  historiques  et  litteraires,  Liege  1839. 

4)  Aegidii  Leodiensis,  monachi  Aureaevallis,  Gesta  Pontificum  Leodiensium 
1048  — 1251,  bei  Chapeaville  II.  Daselbst  Fortsetzung  des  Joh.  Hocsemitis  bis 
1348  und  andere  spätere.  — Lütticher  Annalen  bis  1 192  finden  sich  als  Breve 
Chron.  Leod.  bei  Mart.  Thes.  III,  1403.  Sie  sind  von  den  S.  191  erwähnten  ver- 
schieden, enthalten  aber  nicht  viel. 

6)  Libellus  metrificatus:  Vita  Gilberti  primi  abb.  eccl.  S.  Joh.  Valencenensis 
unter  Friedr.  I.  Brucbst.  bei  Jacques  de  Guise.  Archiv  IX,  353.  Ann.  Formose- 
lenses  1 — 113G,  Mon.  SS.  V,  34— 36.  Ancienne  Chronique  de  Flandre  — 1152. 
De  Smet,  Recueil  des  Chroniques  de  Flandre,  Voi.  II,  1841.  p.  27  — 91.  Vita 
b.  Bernhardi  Penitentis  qui  ob.  1182  auct.  Joh.  mon.  S.  Bertini,  Acta  SS.  Apr.  IX, 
675-697.  Chronique  de  Guines  et  d'Ardre  par  Lambert  eure  d’Ardre  918-1203, 
publice  par  M.  le  Marquis  de  Godefroy  Menilglaise,  k Paris  1855.  8.  Annales  Eg- 
mondani  647 — 1205,  in  Kluits  Historia  Com.  Holl.  I*,  1 — 215.  Chronicon  Lae- 
tiense  c.  1215,  bruchstückweise  bei  Jacques  de  Guise,  s.  Wilmans  im  Archiv  IX, 
359  f.  Neuere  Bearbeitung  bis  1578  bei  Rciffenberg,  Mon.  de  Namur  VII,  393. 
V.  Arnulfi  conversi  Villariensis,  ob.  1228,  auct.  Goswino,  Acta  SS.  Jun.  V,  608. 
Chronicon  Walciodorense  814 — 1242,  Dacherii  Spicil.  II,  709.  Ann.  Blandinienses 
1 — 1292,  Mon.  SS.  V,  20 — 34  u.  ed.  Vandeputte  Gand.  1841.  4.  Von  gröfserer, 
jedoch  auch  localer  Bedeutung  ist  die  Chronique  de  Philippe  Mouskes  bis  1242 
ed.  Reiffenberg,  2 Bände  in  qu.  k Brux.  1836.  1838.  Andreae  Marchianensis  Chrom 
— 1248  ed.  Duaei  1633.  vgl.  Archiv  IX,  362.  Dazu  kommen  noch  die  Fortselz. 
des  Sigebert,  Mon.  SS.  IX,-  und  der  Bislhumsgeschichte  von  Cambray.  Ferner  die 
Genealogien  der  Grafen  von  Boulogne  und  Flandern,  nebst  der  Flandria  Generosa 
ed.  Betbmann,  SS.  IX,  299 — 326.  lieber  die  Quellen  für  die  Geschichte  Wilhelms 
von  Holland  s.  Böhmer  in  den  Regesten  von  1246 — 1313. 


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408  V.  Staufer.  § 17.  Lothringen.  § 18.  Die  Reichsgeschichte. 

dreizehnten  Jahrhundert  fast  allen  geschichtlichen  Werth;  von  her- 
vorragender Bedeutung  aber  sind  noch  aus  dem  Anfänge  dieses  Ab- 
schnitts die  Lebensbeschreibungen  des  Grafen  Karls  des  Guten 
von  Flandern1),  der  im  Jahre  1127  in  der  Kirche  zu  Brügge  er- 
schlagen wurde,  ein  trefflicher  Mann,  der  strenge  auf  Gerechtigkeit 
hielt  und  deshalb  seinen  zuchtlosen  Vasallen  zum  Opfer  fiel.  Diese 
schreckliche  That  machte  überall  das  gröfste  Aufsehen  und  wurde 
im  Lande  selbst  um  so  mehr  beklagt,  da  gleich  nachher  das  Auf- 
treten zweier  Prätendenten  einen  Zustand  der  äufsersten  Zerrüttung 
herbeiführte,  für  welchen  bei  der  durch  Lothars  Wahl  geschwächten 
Reichsgewalt  keine  Hülfe  zu  finden  war. 

Unmittelbar  nach  Karls  Ermordung  beschrieb  Walter,  Archi- 
diakonus  von  Therouenne,  sein  Leben  und  Ende 2)  und  etwas  später 
mitten  in  den  Bedrängnissen  der  nächstfolgenden  Zeit,  Uber  welche 
er  die  genauesten  Nachrichten  giebt,  Galbert,  ein  Kleriker  der  Kirche 
zu  Brügge3).  Eine  dritte  jüngere  Biographie  fügt  doch  noch  einige 
eigenthümliche  Nachrichten  hinzu4). 

Von  allgemeinerer  Bedeutung  ist  endlich  noch  die  Geschichte 
des  Giselbert  von  Ilasnon5),  Kanzlers  bei  dem  Grafen  Balduin  V 
von  Hennegau,  der  durch  seine  Heirath  Graf  von  Flandern,  durch 
Erbschaft  Markgraf  von  Namur  wurde,  und  also  eine  sehr  bedeutende 
und  ansehnliche  Stellung  einnahm.  Giselberts  Geschichte,  die  1086 
beginnt  und  bis  1195  reicht,  berührt  zunächst  den  Hennegau,  wird 
aber  von  1168  an  in  annalistischer  Form  immer  ausführlicher  und 
enthält  wichtige  Nachrichten  auch  über  die  Reichsgeschichte. 

§ 18.  Die  Reichsgeschichte. 

Die  Werke,  welche  wir  in  den  letzten  Abschnitten  betrachtet 
haben,  gehören  mehr  oder  weniger  alle  der  Provinzialgeschichte  an. 
Einige,  wie  die  Lebensbeschreibungen  des  Grafen  Karl  von  Flandern, 
Arnolds  von  Mainz,  Engelberts  von  Köln  u.  A.,  erheben  sich  durch 
Inhalt  und  Darstellung  zu  einer  höheren  Bedeutung,  aber  sie  haften 
doch  an  dem  Boden,  welchem  sie  zunächst  angehören.  In  den  An- 
nalen wird  freilich  vieles  aus  der  allgemeinen  Geschichte  angemerkt, 
aber  nur  für  den  Hausbedarf;  die  Verfasser  hatten  durchaus  nicht 

*)  Vita  Karoli  comitis  Flandriae  ed.  Koepke,  Mon.  SS.  XII,  531 — 623. 

* 3)  Vita  Karoli  comitis  auct.  Waltero  arrhid.  Tervanensi,  I.  I.  p.  537 — 561. 

3)  Passio  K.  c.  auct  Galberto  p.  561  — 619. 

4)  Passio  K.  c.  auct.  anonymo  p.  619—  623. 

6)  Gisleberti  Ilasnonicnsis  historia,  cd.  Du  Chasteler,  1784.  4.  Vgl.  Archiv 
IX,  365  über  den  besseren  Text  bei  Jacob  von  Guise  und  spätere  Geschichts- 
quellen des  Hennegau. 


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Karl  v.  Flandern.  Giselbert  v.  Ilasnon.  Ann.  S.  Dysibodi.  409 

den  Zweck,  eine  Reichsgeschichte  zu  schreiben,  und  es  fehlt  ihnen 
gänzlich  an  Zusammenhang  und  Vollständigkeit.  Nichts  ist  häufiger, 
als  nach  einem  ausführlichen  Bericht  von  irgend  einer  grofsen  Be- 
gebenheit eine  Reihe  von  Jahreszahlen  zu  finden,  bei  denen  nur  die 
unbedeutendsten  Notizen  eingetragen  sind.  Eine  gleichmäfsig  fort- 
laufende Darstellung  war  weder  von  den  Verfassern  beabsichtigt, 
noch  besafsen  sie  die  Mittel  dazu.  Wir  sondern  daher  von  ihnen 
diejenigen  Werke,  welche  die  deutliche  Absicht  zeigen,  nach  der 
Weise  der  grofsen  Weltchroniken  der  vorigen  Periode,  und  an  diese 
anknüpfend,  dem  Leser  die  wichtigsten  Begebenheiten  der  Reichs- 
geschichte, gewöhnlich  mit  gelegentlichen  Nachrichten  auch  von  der 
übrigen  christlichen  Welt,  übersichtlich  vorzulegen. 

In  Mainz  und  den  benachbarten  Klöstern  war  es  die  Chronik 
des  Marianus,  deren  man  sich  als  Grundlage  bediente,  die  theils 
exccrpirt,  theils  mit  Zusätzen  vermehrt  wurde.  Eine  solche  Arbeit 
besitzen  wir  aus  dem  Kloster  Disibodenberg  an  der  Nahe,  wo 
es  nach  der  Vermuthung  Böhmers  im  J.  1147  verfafst  wurde.  Denn 
nach  diesem  Jahre  ist  in  der  Handschrift  der  Rest  der  Seite  frei 
gelassen,  und  die  folgenden  Eintragungen  sind  auffallend  kurz  und 
abgerissen.  Auch  steht  vor  jener  Lücke  ein  Brief  des  Priesters 
Dudechin  zu  Lahnstein  an  den  Abt  Kuno  von  Disibodenberg  Uber 
die  Eroberung  von  Lissabon,  ohne  Verbindung  mit  dem  Texte1). 

Doch  kann  auch  der  Bearbeiter  von  1147  schon  an  ein  früheres 
Werk  angeknüpft  haben.  Marians  Chronik  ist  hier  vermehrt  mit 
Stellen  aus  Methodius,  den  Annalen  von  Fulda,  besonders  aber  aus 
den  Wirzburger  und  Rosenfelder  Annalen  bis  1110  (S.  257.  308); 
bei  dem  J.  1075  beginnen  ausführliche  Mittheilungen  Uber  die  Ge- 
schichte Heinrichs  IV,  welche  vielleicht  einer  abgesondert  vorhanden 
gewesenen  Schrift  entnommen  sind.  Sie  ist  nicht  gleichzeitig  ge- 
schrieben und  mit  blinder  Feindschaft  gegen  den  Kaiser  verfafst; 
doch  wird  auch  hier  z.  J.  1106  seine  grofse  Milde  und  Barmherzigkeit 
gerühmt.  Anfangs  ohne  Werth,  gewinnt  sie  später  an  Bedeutung. 
Ueber  Heinrich  V und  seine  Nachfolger  folgen  dann  annalistischo 
Nachrichten  von  ungleichem  Umfang  und  Werth,  die  theils  in  Disi- 
bodenberg selbst  aufgezeichnet,  theils  anderen  Quellen  entnommen 

*)  Nach  diesem  Briefe  benannte  man  früher  das  ganze  Werk  als  Dodechins 
Fortsetzung  des  Marian,  während  der  erste  Theil  irrig  als  Marians  Chronik  heraus- 
gegeben wurde.  Der  Brief  steht  vollständiger  in  Gerckens  Reisen  IV,  386 — 391. 
Vgl.  den  zum  Theil  übereinstimmenden  Brief  des  Priesters  Winand  an  Erzbischof 
Arnold  von  Köln  beim  Chronogr.  Saxo  1 149  und  besonders  abgedruckt  v.  Dümm- 
ler,  Wien  1851  und  den  Brief  des  flamändischen  Priesters  Arnulf  bei  Mart,  et 
Durand  I,  800. 


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410 


V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeschichte. 


sein  mögen.  Von  1155  bis  1164  wird  die  Erzählung  wieder  aus- 
führlicher, und  versiegt  dann  allmählich1). 

Bedeutendere  Fortsetzungen  schlossen  sich  an  Ekkehards 
Chronik  an.  Erwähnt  wurden  bereits  (S.  342)  die  Lothariani- 
schen  Annalen,  welche  ihrer  Anlage  nach  ursprünglich  dazu  be- 
stimmt zu  sein  scheinen,  Ekkehards  Kaisergeschichte  in  ensprechen- 
der  Weise  weiter  zu  führen,  wie  sie  sieh  denn  auch  mit  diesem 
Werke  verbunden  vorgefunden  haben,  obgleich  sie  sonst  auch  als 
Theil  der  Erfurter  Annalen  (8. 387)  erscheinen.  Die  weiteren  Fort- 
setzungen, welche  sich  daran  schliefsen,  halten  zum  Theil  auch  noch 
den  Charakter  einer  Reichsgeschichte  fest,  sind  aber  sehr  ungleich 
gearbeitet,  bald  ausführlich,  bald  ärmlich  und  dürftig.  Namentlich 
die  Behandlung  der  Regierung  Konrads  III  ist  mit  dem  vorhergehen- 
den Abschnitt  gar  nicht  zu  vergleichen. 

Auch  die  Wirzburger  Fortsetzung  des  Ekkehard  (8.  395)  ist 
zu  ungleich  und  unvollkommen,  um  sie  zu  den  Darstellungen  der 
Reichsgeschichte  zu  rechnen. 

Eine  ganze  Reihe  gröfserer  Werke  rief  Ekkehards  Chronik  in 
Sachsen  hervor,  umfangreiche  Chroniken,  deren  Kritik  aber  dadurch 
erschwert  wird,  dafs  offenbar  ein  Hauptwerk,  welches  den  übrigen 
als  Grundlage  diente,  verloren  ist;  der  sächsische  und  der  Poehlder 
Annalist  haben  den  ausgedehntesten  Gebrauch  davon  gemacht,  und 
ihre  theilweise  Uebereinstimmung  ist  beweisend  für  die  gemeinsame 
Grundlage.  Der  Verfasser  mufs  gegen  die  Mitte  des  zwölften  Jahr- 
hunderts geschrieben  haben,  und  zwar,  wie  es  scheint,  eine  Art  von 
Kaiserchronik,  von  den  Karolingern  an,  verweilte  aber  mit  besonderer 
Vorliebe  bei  den  Ottonen  und  allem  was  Sachsen  betraf;  bereitwillig 
nahm  er  aus  der  mündlichen  Ueberlieferung  allerlei  Fabeln  auf,  welche 
der  sächsische  Annalist,  auf  seine  besseren  Quellen  gestutzt,  nur 
selten  berücksichtigt  hat.  Ebenso  nahm  er  auch  Uber  Heinrich  IV 
wie  Bruno  die  von  den  Pfaffen  verbreiteten  Schandgeschichten  ohne 
Prüfung  auf.  Weiterhin  aber  mufs  sein  Werk  an  Zuverlässigkeit  und 
Bedeutung  gewonnen  haben,  und  die  guten  Nachrichten  der  beiden 
genannten  Chroniken  werden  grofsentheils  daher  entlehnt  sein,  da 
die  Verwandtschaft  der  Poehlder  Chronik  mit  dem  Annalisten  bis 
zum  Ende  desselben  (1139)  fortdauert.  Doch  ist  der  Annalist,  von 
dem  schon  oben  (8.  342)  die  Rede  war,  bedeutend  ausführlicher. 

Zunächst  reiht  sich  hieran  die  Poehlder  Chronik,  welche 

1 ) Die  letzten  Notizen  sind  1176.  1184.  1190.  1200.  Gedruckt  als  Marian 
und  Dodechin  von  Herold,  Basel  1559.  Pistor.  ed.  Struv.  1,448.  Von  919  au 
in  Böhmers  Fontes  111, 173 — 217  als  Annales  Disibodcnbergenses. 


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Annales  Lothariani.  Die  Poehlder  Chronik. 


411 


erst  jetzt  durch  Pertz  bekannt  geworden  ist1),  aber  noch  manche 
ungelöste  Frage  darbietet.  Die  Urschrift,  welche  vielleicht  einige 
Aufklärung  gewähren  würde,  ist  in  Cambridge,  wo  sie  früher  ver- 
wahrt wurde,  nicht  mehr  zu  finden,  nur  eine  neuere  Abschrift  in 
Göttingen  hat  sich  erhalten.  Es  scheint  ein  Vorzug  dieser  Chronik 
zu  sein,  dafs  man  hier  doch  endlich  einmal  den  Verfasser  wenigstens 
nennen  kann,  wenn  man  auch  sonst  nichts  von  ihm  weifs.  Allein 
auch  das  ist  zweifelhaft,  wenigstens  müfste  die  Vorrede  dann  von 
einem  anderen  geschrieben  sein.  Darin  heifst  es,  dafs  nach  Eusebius 
und  Hieronymus  Idacius  die  Geschichte  bis  462  geführt  habe;  dann 
folge  das  Werk  des  Theodoras;  darauf  hätten  verschiedene  Geistliche 
die  Namen  der  Päpste  und  Kaiser  angemerkt,  auch  ihre  Zeiten 
beobachtet  und  beschrieben  *).  Gehen  diese  Worte  auf  die  nach  dem 
Schlüsse  der  Chronik  folgenden  Tabellen,  so  werden  wir  allerdings 
diesen  Theodor  für  den  Verfasser  der  Hauptmasse  des  Werkes  zu 
halten  haben.  Von  ihm  heifst  es  auch  nach  dem  aus  Honorius, 
Ekkehard,  Sigebert  und  Idacius  genommenen  Anfänge:  So  weit 
Idacius;  von  hier  an  schreibt  Theodoras  seine  Annalen.  Man  würde 
danach  geneigt  sein,  irgend  einen  älteren  Autor  unter  diesem  Namen 
zu  vermuthen,  allein  der  folgende  Text  bietet  durchaus  nichts  Eigen- 
tümliches, sondern  ist  wie  der  vorhergehende  Abschnitt  aus  Ekke- 
hard und  Sigebert  mit  Zuziehung  des  Gregor  von  Tours  und  einiger 
anderer  Quellen  zusammengesetzt.  Von  814  an  kommen  Stellen  aus 
jener  verlorenen  Schrift  vor,  die  auch  der  Annalist  benutzte;  von 
Heinrich  I an  werden  sie  häufiger  und  ausführlicher. 

Die  Anlage  der  Chronik  schliefst  sich  wie  diejenige  des  säch- 
sischen Annalisten  ganz  dem  Werke  Ekkehards  an;  es  ist  eine  grofso 
Welt-  und  Kaisergeschichte  und  von  741  an  wird  nach  den  Regie- 
rungsjahren der  Kaiser  gezählt.  Bei  dem  Anfänge  jeder  Regierung 
ist  das  Jahr  der  christlichen  Zeitrechnung  bemerkt  und  allgemeine 
Bemerkungen  Uber  den  Regenten  vorangeschickt.  Verschiedene  Quellen 
sind  neben  Ekkehard  und  Sigebert  fleifsig  benutzt*),  wenn  auch  lange 

l)  Annales  Palidenses  auct  Theodoro  monacho  Perl?.,  Mon.  SS.  XVI,  48-98. 
Die  Quellen  sind  von  Koepke  und  Jaffe  aufgesucht.  Eine  andere,  mit  der  Chronik 
des  Marl.  Pol.  vermischte  Handschrift  in  Königsberg  erwähnt  Giesebrerht,  Gesch. 
der  Kaiserzeit  II,  Nachträge  Die  sächsische  Kaiserchronik  beruht  auf  der  Pöhlder 
Chronik;  Pertz  hat  die  fehlenden  Jahre  1105 — 1115  durch  die  entsprechende 
Stelle  der  Lüneburger  Chronik  ergänzt. 

J)  Postea  sequitur  opus  Theodori,  deinde  ab  ecclesiasticis  viris  pontificum  et 
regum  nomina  ingesta,  tempora  quoque  observata  et  descripta  sunt. 

*)  Darunter  die  Revelatio  facta  S.  Stephano  papar,  welche  auch  Regino  ad 
a.  753  fast  vollständig  hat;  Sur.  V,  658.  740.  Daraus  die  Clausula  de  Pippino, 
Bouqu.  V,  9.  Es  ist  eine  in  S.  Denys  untergeschobene  Bulle  des  Papstes  mit 


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V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeaehichte. 


nicht  in  der  Ausdehnung,  wie  bei  dem  Annalisten.  Für  uns  haben 
nur  die  Bruchstlicke  jener  verlorenen  Quellenschrift  Bedeutung,  welche 
freilich  für  die  ältere  Zeit  keine  Geschichte,  sondern  Fabeln  enthalten, 
uns  aber  den  Weg  zeigen,  wie  diese  Erzählungen  in  die  historische 
Litteratur  eindrangen. 

Mit  dem  Ausgehen  der  uns  bekannten  Quellen,  namentlich  der 
Hildesheimer  und  Rosenfelder  Annalen,  und  nach  dem  Ende  des 
Annalisten  wächst  die  Bedeutung  des  Werkes,  welches  nun  in  der 
ausführlich  und  gleichmäfsig  fortlaufenden  Erzählung  den  Zeitgenossen 
deutlich  erkennen  läfst.  Doch  werden  fast  nur  die  Sachsen  berüh- 
renden Ereignisse  erwähnt,  bis  der  Kreuzzug  und  dann  der  glorreiche 
Anfang  von  Friderichs  Regierung  die  Aufmerksamkeit  des  Verfassers 
auch  in  weitere  Ferne  ziehen.  Der  eigentliche  Ursprung  seiner 
Nachrichten  aber  ist  noch  unklar;  in  Poehlde  sind  sie  nur  zum 
kleineren  Theile  zuerst  verzeichnet1).  Noch  bis  zum  Jahre  1164 
findet  sich  wörtliche  üebereinstimmung  mit  dem  sächsischen  Chro- 
nographen, und  zwar  in  solcher  Weise,  dafs  wiederum  eine  gemein- 
schaftliche Quelle  für  beide  angenommen  werden  mufs.  Gerade  so 
weit  reicht  auch  die  Üebereinstimmung  mit  Albert  von  Stade;  was 
diesem  und  dem  Chronographen  gemeinsam  ist,  und  deshalb  von 
Jaff6  für  die  Rosenfelder  Annalen  in  Anspruch  genommen  wurde, 
findet  sich  auch  in  der  Poehlder  Chronik  wieder.  Nach  1164  also 
wird  diese  geschrieben  sein;  der  Verfasser  beruft  sich  zum  J.  1125 
auf  die  mündliche  Aussage  eines  Kämmerers  vom  Kaiser  Lothar 
und  1147  auf  die  Erzählungen  der  Kreuzfahrer.  Mit  dem  J.  1170 
werden  die  Aufzeichnungen  sehr  dürftig,  nehmen  von  1177  an  wieder 
zu  und  endigen  1182  mit  der  Unterwerfung  Heinrichs  des  Löwen. 
Nachträge  sind  auch  zu  früheren  Stellen  später  hinzugefügt,  beson- 
ders Visionen,  welche  der  Verfasser  sehr  liebt;  er  ist  überhaupt  aus- 
nehmend leichtgläubig  und  freut  sich  der  Offenbarungen  der  Hilde- 
gard von  Bingen  und  Elisabeth  von  Schoenau,  ohne  durch  den  ge- 
ringsten Zweifel  dabei  beunruhigt  zu  werden.  Wunder  erzählt  er 
auch  vom  Papst  Victor,  für  den  er  entschieden  Partei  nimmt;  sorg- 
fältig bemüht  er  sich  zu  zeigen,  dafs  der  Kaiser  an  dem  Schisma 
keine  Schuld  habe. 

Dieser  Chronik,  durch  deren  Publication  die  historische  Litte- 
ratur Niedersachsens  erheblich  bereichert  ist,  schliefst  sich  zunächst 

einer  unzuverlässigen  Nachricht  über  Pippins  Krönung.  Ferner  ist  das  nur  hieraus 
bekannte  ältere  Leben  der  Königin  Mahthild  vollständig  aufgenommen. 

*)  Sehr  deutlich  ist  bei  den  Worten  über  Konrads  Tod  1152,  dafs  der  ganze 
Salz  nicht  in  diesem  Zusammenhänge  geschrieben,  sondern  aus  einer  anderen  Quelle 
wörtlich  entnommen  ist. 


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Die  Poehlder  Chronik.  Chronographus  Saxo.  413 

der  sogenannte  sächsische  Chronograph  an,  der  mit  Einbufee  seines 
alten  und  bekannten  Namens,  unter  -welchem  Leibniz  ihn  zuerst 
herausgab,  jetzt  unter  dem  Namen  der  Magdeburger  Annalen 
gedruckt  ist1).  Der  Verfasser  ist  nämlich  ein  Mönch  im  Kloster 
Bergen  bei  Magdeburg  gewesen,  wie  sich  aus  seinen  Nachrichten 
Uber  dieses  Kloster  ergiebt.  Er  arbeitete  wiederum  eine  grofse 
Weltchronik  aus  in  derselben  Weise  wie  seine  Vorgänger,  indem  er 
Ekkehards  Chronik  grofsentheils  aufnahm  und  zu  diesem  Fundament 
Auszüge  aus  Hieronymus,  Regino  und  anderen  Quellen  hinzuftigte. 
Aufser  den  jetzt  noch  bekannten  Schriften  hatte  er,  wie  der  säch- 
sische Annalist,  verlorene  Halberstädter  Annalen  und  die  GrUndungs- 
geschichte  von  Magdeburg,  aus  welcher  er  nicht  unbedeutende  Stücke 
wörtlich  aufgenommen  hat,  nebst  der  oben  (S.  226)  berührten  Quellen- 
schrift über  Heinrich  III.  Die  Quedlinburger  Annalen  scheint  er 
noch  etwas  vollständiger  gehabt  zu  haben,  wie  wir;  im  zwöften 
Jahrhundert  folgt  er  den  Hildesheimer  und  Rosenfelder  Annalen, 
dann  lassen  sich  die  Quellen  nicht  mehr  nachweisen,  aber  die  Ver- 
wandtschaft mit  dem  sächsischen  Annalisten  bleibt  und  nach  dessen 
Ende  eine  grofsentheils  wörtliche  Uebereinstimmung  mit  der  Poehl- 
der Chronik  bis  1164;  doch  findet  sich  auch  hier  hin  und  wieder 
mehr,  so  dafs  eine  unmittelbare  Benutzung  kaum  anzunehmen  ist. 
Die  weitere  Fortsetzung  bis  1188  ist  nicht  gerade  reichhaltig,  und 
obgleich  der  Verfasser  die  Form  einer  Kaisergeschichte  beibehält, 
auch  die  Absicht  zeigt,  einen  allgemeinen  Standpunkt  zu  behaupten, 
so  war  es  ihm  doch  nicht  möglich,  eine  wirkliche  Reichsgeschichte 
in  gleichmäfsiger  Weise  durchzuflihren. 

Eine  Arbeit  ähnlicher  Art  ist  auch  die  Chronik  des  Albert 
von  Stade“).  Dieser  war  noch  im  zwölften  Jahrhundert  geboren 
und  wurde  vielleicht  in  Rosenfeld  Mönch,  dann  in  dem  1142  von 
hier  aus  begründeten  Marienkloster  zu  Stade  Prior  und  1232  Abt. 
Weil  aber  das  Leben  der  Mönche  in  diesem  Kloster  von  der  Ordens- 

*)  Annales  Magdeb.  ed.  Pertz,  SS.  XVI,  105 — 196.  Die  Quellen  des  Werkes 
hat  JalTe  aufgesueht.  Da  das  Stück  von  1143  — 1175  in  die  Pegauer  Annalen 
übergegangen  ist,  srheint  die  Chronik  schon  1175  vorhanden  gewesen  u.  später  fort- 
gesetzt zu  sein.  Bis  1180  bleibt  Uebereinstimmung,  doch  ist  bald  hier,  bald  dort 
mehr;  dann  ist  1181 — 1185  nichts  angemerkt.  — Das  von  Wedekind,  Noten 
I,  349  — 367  mitgetheilte  Chronographi  Saxonis  fragm.  Luneburgicum  sind  die 
Rosenfelder  Annalen. 

3)  Alberti  Stadensis  Chronicon,  ed.  Reineccius.  1587.  1608.  4.  und  in  der 
Sammlung  von  Kulpis  1685.  Jetzt  als  Annales  Stadenses  auct.  Alberto,  heraus- 
gegeben von  Lappenberg,  SS.  XVI,  271.  Vgl.  dessen  Abhandlung  im  Archiv  VI, 
326 — 356  und  357 — 363  über  die  gröfstentneils  daraus  geschöpften  Annales  Al- 
biani  oder  Hamburgenses  bis  1265  und  p.  547 — 553  über  die  bei  den  Lübecker 
Franziskanern  geschriebene  Fortsetzung  bis  1324.  — Böhmer  Reg.  Imp.  p.  LXIX. 


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V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeschichte. 


regel  abwich,  fühlte  er  sein  Gewissen  beschwert  und  versuchte  1236 
die  Cisterzienser  Regel  einzuführen.  Als  ihm  das  ungeachtet  der 
von  ihm  in  Rom  persönlich  erwirkten  päpstlichen  Vollmacht  nicht 
gelang,  trat  er  im  August  1240  in  das  Minoritenkloster  zu  Stade 
ein.  In  demselben  Jahre  begann  er  seine  Chronik,  mit  welcher  er 
auch  später  noch  fortwährend  sich  beschäftigte,  wie  sowohl  Zusätze 
als  die  Fortsetzung  zeigen.  Sie  reicht  bis  1256;  das  Todesjahr 
Alberts  ist  nicht  bekannt.  Die  Grundlage  seiner  Compilation  bildete 
ebenfalls  Ekkehards  Chronik,  nebst  Beda  für  die  vorhergehenden 
Perioden;  dazu  fügte  er  Auszüge  aus  Adam  von  Bremen,  Helmold 
und  einigen  anderen  Quellen,  wozu  vorzüglich  die  Rosenfelder  An- 
nalen und  jenes  oben  erwähnte  niedersächsische  Werk  bis  1164  ge- 
hören. Auch  ganz  fremdartige  Einschiebungen  sind  zum  J.  1152 
aufgenommen.  Weiterhin  beruft  er  sich  besonders  auf  Mittheilungen 
des  Bremer  Scholasticus  Heinrich  und  theilt  aus  eigener  Erfahrung 
mancherlei  Nachrichten  mit,  die,  obgleich  weder  ausführlich  noch 
chronologisch  genau,  doch  schätzbar  sind,  ihren  grofsen  Werth  aber, 
wie  Böhmer  sagt,  am  meisten  unserer  Armuth  an  umständlicheren 
Nachrichten  verdanken. 

Während  so  in  Sachsen  verschiedene  Werke  in  der  Form  uni- 
verseller Chroniken  auf  dem  von  Ekkehard  gelegten  Grunde  fort- 
bauten, im  Verlaufe  der  Arbeit  aber  in  Localgeschichten  ausarteten, 
entstand  in  Schwaben  erst  nach  einem  Jahrhundert  ein  ähnliches 
Werk,  welches  aber  durch  seinen  hohen  Werth  sich  besonders  aus- 
zeichnet, und  besser  den  Standpunkt  der  Reichsgeschichte  festhielt. 
Der  Verfasser  desselben  lieifst  Burchard;  er  war  in  der  zweiten 
Hälfte  des  zwölften  Jahrhunderts  in  einem  schwäbischen  oder  bai- 
rischen Biberach  geboren,  hatte  noch  den  am  15.  Dec.  1191  ver- 
storbenen letzten  Welfen  gesehen,  und  war  im  J.  1198  oder  1199 
als  junger  Laie  in  Italien.  Bald  nachher  (1202)  erhielt  er  in  Konstanz 
vom  Bischof  Diethelm  die  Priesterweihe.  Im  J.  1205  trat  er  in  das 
Prämonstratenser  Kloster  Schussenried  ein,  wo  er  1209  zum  Propst 
erwählt  wurde.  Im  J.  1211  war  er  in  Rom,  wo  er  ein  päpstliches 
Privileg  für  sein  Stift  erlangte;  1215  aber  folgte  er  einer  Berufung 
als  Propst  nach  Ursperg,  wo  er  zu  Ende  des  Jahres  1226  ge- 
storben ist. 

Wie  Lambert1)  und  andere  seiner  Vorgänger  hat  Burchard  früh- 

*)  Auf  eine  vermulhlich  von  Lambert  benutzte  Quelle  macht  mich  W.  Giese- 
brecht  aufmerksam;  es  ist  das  in  den  Ann.  Weissenb.  SS.  111,70  schwerlich  ur- 
sprüngliche Stück  von  1056 — 1075,  welches  sich  in  den  Ann.  Laub.  IV,  20  wört- 
lich wiederfindet. 


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Albert  von  Stade.  Burchard  von  Ursperg. 


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zeitig  Materialien  für  sein  Geschichtswerk  gesammelt1)  und  diese 
dann  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  verarbeitet.  Ekkehards 
Chronik  legte  er  mit  geringen  Veränderungen  zn  Grunde;  für  die 
nächste  Folgezeit,  die  Regierung  Lothars  und  Konrads,  benutzte  er 
vorzüglich  das  Werk  des  ungenannten  Weingartener  Mönches  Uber 
die  Welfen  (bis  1167),  welches  er  fast  ganz  ausgeschrieben  hat. 

Ottos  von  Freising  Chronik  kannte  er,  entnahm  aber  wenig 
daraus,  vielleicht  weil  eben  dieses  Werk  schon  im  Kloster  vorhanden 
war  und  er  es  als  bekannt  voraussetzen  konnte. 

Ganz  besonderen  Werth  erhält  aber  Burchards  Werk  durch  die 
Benutzung  sonst  unbekannter  italienischer  Quellen,  die  er  auf  seinen 
Reisen  kennen  gelernt  hatte,  wo  er  auch  wohl  manches  aus  münd- 
licher Ueberlieferung  schöpfen  mochte.  Schon  im  ersten  Theile  seines 
Werkes  finden  sich  eigentümliche  Nachrichten  solcher  Art,  und 
unter  Friderich  I tritt  immer  mehr  als  Hauptquelle  das  Werk  des 
Priesters  Johannes  von  Kremona  hervor,  aus  dem  er  sehr  viel 
entlehnt  hat.  Es  scheint  etwa  bis  zum  Frieden  von  Venedig  gereicht 
zu  haben,  denn  von  da  an  wird  Burchards  Erzählung  unsicher  und 
dürftig,  bis  ihm  Uber  den  Kreuzzug  des  Kaisers  wiederum  ein  ita- 
lienischer Bericht  besseren  Anhalt  gewährt2). 

So  weit  ist  nun  Burchard  fast  nur  Compilator;  er  hat  den  Stoff, 
obgleich  er  selbst  höhere  Anforderungen  an  einen  Historiker  stellt, 
durchaus  nicht  beherrscht  und  verarbeitet;  auch  fehlt  es  hier  nicht 
an  Fehlern  und  Irrthümern.  Abel  vermuthet  daher,  dafs  er  nicht 
mehr  zu  der  letzten  Ausarbeitung  seines  Werkes  gelangt  sei,  viel- 
leicht gehindert  durch  den  Brand  seines  Klosters  im  Jahre  1225. 
Nach  einer  Nachricht  hätte  sogar  erst  sein  Nachfolger  Konrad  die 
Chronik,  so  wie  sie  uns  vorliegt,  aus  Vorgefundenen  Bruchstücken 
zusammengesetzt. 

Mit  den  letzten  Jahren  Heinrichs  VI  beginnt  nun  das  eigene 
Werk  Burchards;  von  hier  bis  1225  berichtet  er  ganz  selbständig 
als  ein  vortrefflich  unterrichteter  Zeitgenosse,  der  durch  vielfache 
Verbindungen  sich  von  allen  Seiten  zuverlässige  Nachrichten  ver- 
schafft hat.  Seine  eigene  Gesinnung,  seine  Auffassung  der  Begeben- 
heiten verschweigt  er  nicht;  er  ist  durch  und  durch  staufisch  gesinnt 
und  spricht  Uber  die  päpstliche  Politik  die  bittersten  Urtheile  aus. 
Jene  Verblendung,  die  noch  im  zwölften  Jahrhundert  so  viele  der 
trefflichsten  Männer  in  Deutschland  zu  blinden  Werkzeugen  der 

*)  1217  sagt  er  selbst:  sicut  nos  ipsi  annotavimus. 

2)  Iirevis  historia  occupationis  et  amissionis  Terrae  Saactae  bei  Eccard.  II, 
1349—1354;  vgl  Abel  S.  97—99. 


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V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeschichte. 


römischen  Politik  machte,  war  jetzt  völlig  gewichen,  der  falsche 
Glanz  zerflossen.  Es  fehlte  der  päpstlichen  Kurie  auch  jetzt  nicht 
an  Bundesgenossen  in  Deutschland,  aber  die  einsichtigen  und  wohl- 
gesinnten Männer,  denen  das  Wohl  ihres  Vaterlandes  und  auch  das 
wahre  Wohl  der  Kirche  am  Herzen  lag,  sind  einstimmig  in  der 
Bitterkeit  gegen  die  Päpste  des  dreizehnten  Jahrhunderts. 

Ganz  in  demselhen  Sinne  schrieb  auch  Burchards  Nachfolger, 
der  Propst  Konrad  von  Lichtenau,  der  zuerst  nach  einer  schrift- 
lichen Quelle  Uber  die  Eroberung  und  den  Verlust  von  Damiette 
berichtete  und  dann  die  Geschichte  selbständig  bis  1229  fortsetzte, 
leider  nicht  weiter,  obgleich  er  erst  1240  gestorben  ist. 

Diesem  Konrad,  den  man  irrthümlich  Abt  von  Ursperg  nannte, 
wurde  lange  Zeit  das  ganze  Werk  zugeschrieben.  Nachdem  schon 
im  fünfzehnten  Jahrhundert  die  hieraus  geschöpfte  Geschichte  Fri- 
derichs  I gedruckt  war  ‘),  erschien  1515  in  Augsburg  nach  Peutingers 
Abschrift  die  erste  Ausgabe  der  Chronik  des  Abtes  von  Ursperg, 
und  1569  wurde  der  Name  Konrads  von  Lichtenau  hinzugefügt. 
Der  erste  Theil  ist  nun  als  Ekkehards  Werk  erkannt  und  heraus- 
gegeben; über  Burchards  und  Konrads  Werk  hat  Abel  eine  treffliche 
Abhandlung  verfafst,  der  das  Vorstehende  entnommen  ist1). 

Eine  andere  nicht  minder  bedeutende  Quelle  für  denselben  Zeit- 
raum ist  die  sogenannte  Königschronik  von  S.  Pantaleon  zu 
Köln.  Nach  der  Brüsseler  Handschrift  jedoch  scheint  sie  für  die 
Kanoniker  zu  Achen  von  dem  Schöffen  Otto  zu  Neufs  verfafst  zu 
sein3).  Es  wäre  dann  das  erste  Werk  der  Art  von  einem  Laien, 
oder  vielmehr  in  dieser  Art  das  einzige,  denn  es  unterscheidet  sich 
sonst  gar  nicht  von  der  kirchlichen  Litteratur  der  Zeit,  und  wir 
müssen  mit  Böhmer  billig  Bedenken  tragen,  eine  so  auffallende  That- 

*)  Ilistoria  Friderici  Imperaloris  magni,  fol.  s.  1,  ft  a. , wiederholt  1790  in  qu. 
von  Christmann , mit  Burchards  Namen.  Abel  S.  81  u.  112 — 115.  Eigentüm- 
liches findet  sich  nur  am  Anfang  über  die  Staufer  aus  den  Miraeula  S.  Fidis  nnd 
aus  dem  Kloster  Lorch. 

a)  Archiv  XI,  76 — 115.  Vgl.  auch  Stalin  II,  10.  Böhmers  Reg.  1198-1254 
S.  LXX.  Ueber  die  von  Burchard  aufgenommenen  Excerpta  Velleji  oder  ex  Gal- 
lira historia  s.  Hertz  in  Haupts  Zeitschrift  X,2.  Mafsmann,  Kaiserchronik  III, 
308  - 313. 

8)  Hoc  perfecit  opus  iustus  pius  Otto  scabinus  Nussie  precibus  nostris,  di- 
lexit  et  hie  ius.  Archiv  VII,  639.  Gedruckt  als  Godefridi  (nach  Trithemius) 
monachi  S.  Pantaleonis  Annales,  von  1162  — 1237,  in  der  Sammlung  von  Freher; 
der  Anfang  bis  1162  und  eine  deutsche  Ucbersetzung  aus  dem  14.  Jahrhundert 
920 — 1162,  in  Erkhards  Corpus  1,683  — 1006;  von  964  — 1162  aus  der  römi- 
schen Handschrift  im  Auszug  bei  Würdlwein  Nova  Subs.  XIII,  1 — 40.  Von 
1198 — 1238  in  Böhmers  Fontes  II,  329 — 372,  und  nachträglich  der  Anfang  von 
1106  an  nebst  einigen  früher  ausgelassenen  Stellen  111,408 — 480.  Vgl.  Janssen 
in  den  Annalen  des  hist.  Vereins  für  den  Niederrhein  I,  100. 


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Konrad  von  Lichtenau.  Chronik  von  S.  Pantaleon.  417 

Bache  ohne  stärkeren  Beweis  anzunehmen.  Denn  solche  Aufschriften 
sind  häufig  täuschend,  und  auch  aus  den  Worten  geht  nicht  einmal 
mit  Sicherheit  hervor,  daf3  Otto  als  Verfasser  bezeichnet  werden  soll; 
vielleicht  hat  er  nur  die  Abschrift  besorgt.  Sicherer  scheint  der 
Umstand  zu  sein,  dafs  die  Stellen,  welche  das  Pantaleonskloster  be- 
treffen, nicht  zu  dem  ursprünglichen  Werke  gehören.  Von  einer  ge- 
naueren Untersuchung  der  Handschriften  lassen  sich  weitere  Auf- 
klärungen erwarten;  einstweilen  müssen  wir  uns  begnügen  zu  sagen, 
dafs  die  Chronik  in  der  Kölner  Diöcese  entstanden  ist,  vorzüglich 
die  niederrheinischen  Ereignisse  berücksichtigt  und  aus  verschiedenen 
Bestandtheilen  zusammengesetzt  ist.  Auch  sie  beruht  auf  Ekkehards 
Werk,  aber  auf  derjenigen  Ausgabe,  welche  schon  mit  dem  J.  1106 
schliefst;  auch  ist  es  hier  stärker  verändert  und  überarbeitet.  Weiter- 
hin stimmt  vieles  mit  den  Hildesheimer  Annalen  und  mit  dem  säch- 
sischen Annalisten  überein.  Nach  dem  Jahre  1139  aber  lassen  sich 
weiter  keine  Quellen  nachweisen,  und  für  ein  volles  Jahrhundert 
haben  wir  hier  reiche  und  treffliche  Nachrichten,  mit  besonderer 
Beziehung  auf  die  Reichsgeschichte  ausgewählt.  Denn  der  Verfasser 
sagt  ausdrücklich,  dafs  er  eine  Königschronik  schreibe,  und  nichts 
aufnehmen  wolle,  was  für  diese  ungeeignet  sei1);  ein  Hauptgegen- 
stand für  ihn  sind  aber  die  Kreuzzüge  als  eine  hochwichtige  Auf- 
gabe der  ganzen  Christenheit.  Mit  grofser  Sorgfalt  hat  er  die  Nach- 
richten gesammelt,  welche  sich  darauf  beziehen,  und  benutzt  dabei 
natürlich  die  vielfach  verbreiteten  Flugblätter  und  Briefe,  welche 
sich  überall  in  den  Annalen  dieser  Zeit  finden*).  Dafs  der  übrige 
Theil  der  Chronik  gröfstentheils  auf  gleichzeitigen  Aufzeichnungen 
beruhe  ist  unzweifelhaft,  und  ein  kleines  Fragment  solcher  ausführ- 
licher kölnischer  Annalen  von  1198  bis  1205,  welches  zum  Theil 
mit  unserer  Chronik  Ubereinstimmt,  ist  kürzlich  von  Ficker  entdeckt 
und  von  Abel  herausgegeben8). 

Im  Allgemeinen  beschränkt  sich  der  Verfasser  unserer  Chronik 

*)  Nil  quod  regie  cronice  dignutn  sit  inprimi,  hoc  actum  est  itincre,  ad  a.  1148. 

*)  Dergleichen  Berichte  hatte  man  natürlich  sehr  viel.  Ein  gröfseres  Werk, 
Ilistoria  Terrae  Sanctae,  schrieb  der  Kölner  Seholasticus  Oliver,  ein  geborener 
Westfale,  später  Bischof  von  Paderborn  und  Kardinal  von  S.  Sabina,  j-  1225,  der 
in  Westfalen  und  Friesland  mit  -grofsem  Erfolge  das  Kreuz  predigte,  dann  den  Zug 
gegen  Damiette  selbst  mitmachte  und  sogar  den  Sultan  durch  Briefe  zu  bekehren 
versuchte.  Seine  Schriften  sind  nur  theilweise  und  mangelhaft  gedruckt,  als  Hist. 
Regum  Terrae  Sanctae,  Ece.  Corp.  II,  1355  u.  Hist  Damiatina,  ib.  1398.  Böhmer 
Reg.  Imp.  p.  LXXII.  Fickers  Engelbert  von  Köln  S.  251.  Ein  anderer  Bericht 
über  den  Zug  gegen  Damiette  im  Memoriale  Polestatum  Regiensium  bei  Muratori 
VIII,  1101. 

*)  König  Philipp  S. 274-277.  S.276  Z.3  ist  zu  lesen:  hac  supercreatione.  Andere 
neu  entdeckte  Reste  von  Kölner  Annalen  sind  in  den  Monum.  Germ,  zu  erwarten. 

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V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeschichte. 


auf  eine  gedrängte  Berichterstattung;  er  dringt  nicht  so,  wie  Burchard 
ira  letzten  Theile  seines  Werkes,  in  den  Zusammenhang  der  Dinge 
ein  und  hält  sich  mehr  an  die  Aeufserlichk eiten;  eigene  Urtheile 
erlaubt  er  sich  selten  und  nur  Uber  nahe  liegendes,  wie  er  denn 
häufig  offenbar  mit  Vorsatz  seine  Ansicht  verschweigt ; auch  da,  wo 
er  von  Konrad  von  Marburg  berichtet,  den  doch  selbst  der  Papst 
für  unsinnig  erklärt  haben  soll,  wägt  er  mit  gröfster  Vorsicht  seine 
Worte  und  sagt  nur,  dafs  dieser  Konrad,  wenn  es  erlaubt  sei  so  zu 
sprechen,  mit  zu  übereiltem  Spruche  viele  verurtheilt  habe ').  Freilich 
waren  die  Scheiterhaufen,  die  damals  rund  umher  leuchteten,  eine 
eindringliche  Mahnung  zur  Behutsamkeit. 

Wie  viel  nun  übrigens  hiervon  dem  letzten  Verfasser  der  Chronik, 
wie  viel  den  Urhebern  der  einzelnen  gleichzeitigen  Notizen  zuzu- 
schreiben sei,  läfst  sich  jetzt  wenigstens  noch  nicht  beurtheilen;  das 
Lob  des  Kaisers  Lothar  findet  sich  wörtlich  gleichlautend  beim 
sächsischen  Annalisten.  Eigenthümlich  ist  aber  hier  die  geschicht- 
lich unrichtige  Nachricht  Uber  seinen  Streit  mit  dem  Papste  wegen 
der  Erbschaft  der  Gräfin  Mathilde,  indem  der  Kaiser  wegen  seiner 
Nachgiebigkeit  entschuldigt,  dem  Papste  aber  Unrecht  gegeben  wird. 
So  herrscht  auch  im  Folgenden  der  kaiserliche  Standpunkt  vor;  so 
weit  es  möglich  ist,  wird  nach  der  Weise  der  alten  Reichsannalen 
der  regierende  Kaiser  als  legitim  und  berechtigt  betrachtet,  und  was 
er  thut  als  wohlgethan.  Ist  der  Papst  sein  Gegner,  so  wird  das 
kurz  und  ohne  weitere  Bemerkung  ausgesprochen,  aber  wenig  Rück- 
sicht darauf  genommen.  Otto  IV  heifst  der  Kaiser  bis  an  seinen 
Tod;  als  Kölner  ist  der  Chronist  ihm  sehr  zugethan,  wendet  sich 
aber  doch  nicht  minder  auch  Friderich  II  zu,  sobald  dieser  die  An- 
erkennung der  Fürsten  erlangt. 

Dadurch,  dafs  die  Reichsgeschichte  ihrer  Natur  nach  kaiserlich 
ist,  erklärt  es  sich,  dafs  sie  verstummt,  wenn  die  Unruhe  im  Reiche 
überhand  nimmt  und  sich  kein  Mittelpunkt  mehr  zeigt,  an  den  sie 
sich  halten  könnte.  In  auffallendster  Weise  zeigt  sich  dieses  bei  der 
ungünstigen  Wendung,  welche  Friderichs  II  Geschick  im  Jahre  1238 
erhielt,  und  der  von  neuem  ausbrechenden  Zwietracht  mit  dem  Papste. 
Denn  mit  dem  Jahre  1238  endigt  auch  eine  dritte  Hauptquelle,  die 
erst  kürzlich  von  Böhmer  entdeckten  und  bekannt  gemachten  Strafs- 
burger Annalen2). 

*)  si  fas  est  dici,  nimis  precipili  sententia  sunt  addicti , ad  a.  1233.  In  den 
Wormser  Annalen  heifst  es,  der  Papst  habe  gesagt:  Ecce  Alemanni  semper  erant 
furiosi,  et  ideo  nunc  habebant  iudices  furiosos.  Fontes  II,  177. 

2)  Annales  Areentinenses  von  631  bis  1100  auszugsweise,  dann  vollständig 
bis  1238.  Fontes  UI,  66 — 113,  wodurch  der  frühere  unvollkommene  Abdruck 


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Chronik  von  S.  Pantaleon.  Die  Strafaburger  Annalen.  419 

Diese  Annalen  schliefsen  sich  nicht  der  Chronik  des  Ekkehard 
an,  sondern  der  Chronik  des  Otto  von  Freising;  sie  finden  sich  mit 
derselben  in  einer  (jetzt  Jenenser)  Handschrift  und  sind  verfafst  mit 
der  ausgesprochenen  Absicht,  eine  Ergänzung  zu  diesem  Werke  zu 
geben.  Die  kurzen  Strafsburger  Annalen  von  637  bis  1207  bilden 
gewissermafsen  die  Grundlage;  sie  sind  ergänzt  mit  Benutzung  von 
Einhards  Leben  Karls,  mit  dem  aber  hier  schon  Turpins  LUgen 
verbunden  sind,  von  Bernold,  und  dem  Leben  Friderichs  I von  Otto 
von  Freising;  dazu  treten  dann,  aufser  einem  Bericht  Uber  den 
Kreuzzug  gegen  Damiette,  vielleicht  demselben,  welchen  Konrad  von 
Lichtenau  benutzte,  der  aber  hier  nur  angeführt  ist,  gleichzeitige 
Aufzeichnungen  aus  dem  Elsafs,  deren  wechselnde  Reichhaltigkeit 
auch  den  Werth  unserer  Chronik  bestimmt.  Am  bedeutendsten  sind 
sie  für  die  Jahre  1180 — 1201;  dann  werden  sie  unbedeutend  bis 
1208,  wo  die  eigene  Arbeit  des  letzten  Verfassers  beginnen  mag. 
In  dieser  Entstehungsgeschichte  zeigt  sich  also  eine  grofse  Aehnlich- 
keit  mit  der  Chronik  von  S.  Pantaleon,  und  diese  bewährt  sich  auch 
darin,  dafs  der  Ort  der  Abfassung  hier  ebenfalls  zweifelhaft  ist. 
Beziehungen  auf  das  Augustiner  Chorherrenstift  Marbach1)  und  auf 
das  Cisterzienserkloster  Neuburg  an  der  Motter  kommen  vor;  sie 
sind  aber  nicht  der  Art,  dafs  der  Verfasser  mit  Bestimmtheit  einem 
der  beiden  zugeschrieben  werden  könnte;  nur  das  steht  fest,  dafs 
so  wie  die  Chronik  von  8.  Pantaleon  im  Kölner,  so  diese  im  Sprengel 
von  Strafsburg  entstanden  ist.  Der  Verfasser  ist  wie  Burchard  ent- 
schieden staufisch  gesinnt  und  seine  Mittheilungen  sind  von  grofsem 
Werthe. 

Damit  endigt  nun  die  Reichsgeschichte.  In  Strafsburg  knüpft 
erst  zur  Zeit  Rudolfs  von  Habsburg  Gotfrid  von  Ensmingen 
wieder  an  die  alten  Annalen  an  und  füllte  den  Zwischenraum  mit 
einer  kurzen  Uebcrsicht  aus2).  Auch  der  Abt  Hermann  von  Altaich 
gehört  nicht  mehr  dieser  Periode  an,  da  er  wohl  nicht  vor  1265 
seine  Chronik  verfafste,  und  an  die  Werke  Ekkehards  und  Ottos  von 
Freising  nichts  anderes  anzufügen  hatte,  als  die  Salzburger  Annalen 

II,  96 — 107  überflüssig  wird.  Hier  waren  sie  nämlich  ans  dem  Fragmentum  histo- 
ricum  Auctoris  incerli  apud  Urstisium  genommen,  eigentlich  dem  Anfang  der  Chro- 
nik Alberts  von  Strafsburg.  Vgl.  auch  Reg.  Imp.  p.  LXIX.  Wilmans:  Das  Chroni- 
con  Marbacense,  sonst  Annales  Argenlinenses  genannt  und  sein  Verhältnifs  zu  den 
übrigen  Geschichtsquellcn  des  Elsasses,  Archiv  XI,  115 — 139. 

1)  in  der  Nähe  von  Kolmar,  mit  dessen  Annalen  diese  Verwandtschaft  zeigen. 

a)  Gotfridi  de  Ensmingen  Gesta  Rudolf!  et  Alberti  regum  Ronianorum,  Fontes 
II,  108 — 147.  Vgl.  Fontes  III,  XXVII  und  p.  120 — 136  desselben  Relatio  de  con- 
flictu  apud  Husbergen  1260 — 1262. 

27* 


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420  V.  Staufer.  § 18.  Die  Reichsgeschichte.  § 19.  Kaiserchroniken. 

bis  1234,  darauf  aber  in  der  dürftigsten  Weise  bis  1250  fortfährt 
und  erst  von  hieran  Bedeutung  gewinnt'). 

Nicht  unerwähnt  dürfen  wir  endlich  die  Chronik  des  Engländers 
Matheus  von  Paris  lassen,  obgleich  sie  der  deutschen  Historio- 
graphie fern  steht;  er  baute  (bis  1235)  auf  der  Chronik  des  Roger 
von  Wendover,  wie  die  Deutschen  auf  Ekkehard.  Aber  er  hat  eine 
so  reiche  Fülle  von  Nachrichten  Uber  die  letzten  Kämpfe  der  Staufer 
aufbewahrt,  dafs  er  hier  zeitweise  als  die  Hauptquelle  anzuerkennen 
ist,  und  um  so  schätzbarer,  weil  er  diese  Verhältnisse  in  gröfserem 
Zusammenhänge  auffafste,  nicht  auf  die  Grenzen  eines  Reiches  be- 
schränkt. Er  war  Mönch  von  S.  Albans  in  England,  stand  aber  dem 
König  Heinrich  HI  nahe,  war  eng  befreundet  mit  König  Hakon  von 
Norwegen  und  hatte  die  besten  Gelegenheiten,  Nachrichten  Uber  die 
Weltbegebenheiten  einzusammeln  und  wichtige  ActenstUcke  zu  er- 
halten, die  er  vollständig  in  seine  Chronik  aufnahm.  Dafs  über  die 
entfernten  Begebenheiten  auch  falsche  Berichte  ihm  zukamen  und 
Aufnahme  in  sein  Geschichtswerk  fanden,  ist  nicht  zu  verwundern. 
Sehr  geneigt  war  Matheus  zu  scharfem  Urtheil  und  schonungsloser 
Verwerfung,  und  niemanden  greift  er  bitterer  an  als  den  päpstlichen 
Stuhl,  während  er  Friderich  H preist;  demgemäfs  findet  er  auch  noch 
heut  zu  Tage  je  nach  der  politischen  Gesinnung  des  Lesers  Lob 
und  Tadel“). 


§ 19.  Kaiserchroniken. 

Alle  die  Werke,  welche  wir  eben  betrachtet  haben,  sind  in  der 
Form  von  Annalen  abgefafst,  welche  nun  einmal  seit  alten  Zeiten 
üblich  war  und  für  die  geschichtliche  Genauigkeit  grofse  Vortheile 
darbot.  Andererseits  beengte  sie  die  Darstellung,  und  es  hat  daher 
auch  nie  an  Männern  gefehlt,  welche  sich  von  dieser  Fessel  los- 
machten. Wer  wie  Otto  von  Freising  die  ganze  Weltgeschichte  nach 
bestimmten  Gesichtspunkten  überblicken  wollte,  konnte  sich  an  solehe 
Schranken  nicht  binden.  Anderen  war  die  annalistische  Form  zu 
umständlich,  indem  sie  nur  bezweckten  eine  kürzere  Uebersicht  der 
Geschichte  zu  geben;  zu  diesem  Zwecke  genügte  ihnen  als  chrono- 
logischer Anhalt  die  Folge  der  Kaiser,  und  sie  hatten  daran  zugleich 

')  Hermann!  Altahensis  Annales  mit  der  Fortsetzung  Eberhards  1152 — 1305, 
Fonles  II,  486 — 554. 

“)  Mal  bei  Parisiensis  Historia  major  1066 — 1273.  Beste  Ausgabe  von  Wats, 
London  1684.  Französisehe  Ueberselzung  von  Huillard  - Bre'holles,  Paris  1849, 
9 Bände.  8.  Vgl.  Böhmer,  Reg.  Imp.  p.  LXXIX.  Pauli  III,  881-883.  Rogeri 
Wendover  Flores  Historiarum  ed.  Coxe,  1841—1844.  8.  enthalten  im  letzten  Bande 
die  Varianten  des  M.  P.  bis  1235. 


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Matheus  von  Paris.  Sächsische  Weltchronik.  421 

einen  bequemen  Rahmen,  in  dem  sich  alles  Denkwürdige  anbringen 
liefe.  Ekkehard  hatte  beides  vereinigt  und  mancher  folgte  seinom 
Beispiel,  während  andere  sich  mit  einer  summarischen  Zusammen- 
stellung der  Ereignisse  unter  jedem  Kaiser  und  einer  Charakteristik 
desselben  begnügten.  So  verfuhr  im  zwölften  Jahrhundert  Honorius 
und  im  dreizehnten  der  Verfasser  der  Sächsischen  Weltchronik1), 
der  ersten  prosaischen  Chronik  in  deutscher  Sprache,  durch  deren 
lange  erwartete  Herausgabe  sich  jetzt  Mafsmann  ein  neues  Verdienst 
erworben  hat.  Die  Frage  Uber  ihren  Verfasser  ist  aber  auch  dadurch 
noch  nicht  zum  Abschlufs  gebracht.  Die  gereimte  Vorredo  scheint 
mit  den  Worten: 

logene  scal  uns  wesen  leit, 

dat  is  van  Repegowe  rat. 

auf  Eike  von  Repgow  als  den  Verfasser  hinzuweisen,  allein  Homeyer 
hat  sich  dagegen  erklärt,  und  an  einer  anderen  Stelle  (p.  165)  steht: 
We  geistliken  lüde,  so  dafs  doch  wohl  nicht  zu  bezweifeln  ist,  dafs 
der  Verfasser  ein  Geistlicher  war.  Die  Zeit  der  Abfassung  wird 
dadurch  festgestellt,  dafs  zwei  Handschriften  nur  bis  1230  gehen 
und  der  letzte  Abschnitt  offenbar  noch  bei  Lebzeiten  Friderichs  II 
geschrieben  ist.  Die  Untersuchung  über  die  Quellen  und  auch  wohl 
über  das  Verhältnifs  der  Handschriften  gewinnt  eine  ganz  neue  Ge- 
stalt dadurch,  dafs  eine  Hauptquelle,  die  Pöhlder  Chronik,  erst  jetzt 
ans  Licht  kommt.  Weiterhin  giebt  der  Verfasser  sehr  gute  Nach- 
richten, namentlich  über  die  Kämpfe  zwischen  Otto  und  Philipp, 
wo  wohl  jetzt  verlorene  Quellen  benutzt  sein  mögen.  Er  stellt  unter 
jedem  Kaiser  die  wichtigsten  Ereignisse  zusammen,  ohne  Beschrän- 
kung auf  ein  besonderes  Gebiet,  aber  doch  mit  vorzüglicher  Berück- 
sichtigung der  norddeutschen  Lande.  Eine  tiefer  gehende  historische 
Auffassung  findet  sich  nicht,  man  kann  kaum  sagen  ob  der  Verfasser 
kaiserlich  oder  päpstlich  gesinnt  war:  er  beschränkt  sich  in  der 
Regel  auf  einfache  kurze  Erzählung.  Nur  einmal  erhebt  er  sich  zu 
einer  längeren  Betrachtung,  die  aber  einfach  moralischer  Natur  ist, 
in  der  an  Kaiser  Constantin  angeknüpften  schönen  Stelle  Uber  das 
Leben  der  ersten  Christen  und  die  seitdem  eingerissene  Verderbtheit, 
namentlich  der  Geistlichkeit.  Bestimmte  Jahreszahlen  giebt  er,  aus- 

*)  Mit  Interpolationen  bei  Eccard  Corp.  1, 1315  ff.  als  Lüneburger  Chronik. 
Der  letzte  Theil,  von  Lothar  dem  Sachsen  bis  auf  Albreeht,  bei  Mafsmann,  Kaiser- 
chronik II,  685 — 721.  Vgl.  III,  75 — 81.  Ficker  de  Heinrici  VI  Conatu  p.  23 — 28. 
Friedr.  Pfeiffer,  Untersuchungen  über  die  Repegowische  Chronik.  Bcrl.  1854.  8. 
Stalin  II,  13.  Jetzt  vollständig  in  der  Bibi,  des  Litt.  Vereins  XLII:  Das  Zeitbuch 
des  Eike  von  Repgow,  herausgee.  v.  H.  F.  Mafsmann.  1857.  Anzeige  von  Friedr. 
Pfeiffer  im  Centralbl.  1858  Sp.  223. 


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422  V.  Staufer.  § 19.  Kaisercbroniken.  § 20.  Die  Dominikaner. 


genommen  bei  den  Kaisern  selbst  Uber  ihre  Wahl  und  ihren  Tod, 
nur  selten  an,  folgt  aber  doch  im  Ganzen  der  chronologischen  Ord- 
nung und  unterscheidet  sich  deshalb  nicht  sehr  von  den  früher  er- 
wähnten Annalen,  welche  er  ja  auch  zu  Grunde  legte.  Aber  das 
Beispiel  der  Abweichung  von  dieser  Form  war  bedeutend;  es  gab 
späteren  Schriftstellern  Anlafs,  in  ähnlicher  Weise  sich  auf  die  Reihe 
der  Kaiser  und  einige  Hauptbegebenheiten  zu  beschränken. 

Diese  Chronik  wurde  bis  ans  Ende  des  Jahrhunderts  fortgesetzt 
und  vielfach  interpolirt,  besonders  aus  der  ebenfalls  deutschen,  sonst 
aber  sehr  verschiedenartigen  Kaiserchronik,  die  auch  schon  in  Prosa 
aufgelöst  vorhanden  war.  Eine  in  solcher  Weise  erwachsene  Um- 
bildung der  sächsischen  Chronik  ist  die  von  Eckhart  (Corp.  I,  1315 
bis  1412)  herausgegebene  Lüneburger  Chronik  (742  bis  1248); 
diese  wurde  lateinisch  bearbeitet  von  dem  Dominikaner  Konrad 
von  Halberstadt,  der  sie  bis  1353  fortsetzte1).  Auch  das  ursprüng- 
liche Werk  war  bereits  ins  Lateinische  übersetzt  und  ist  als  Historia 
Imperatorum  gedruckt“).  Lateinisch  und  deutsch  scheint  es  viel 
gelesen  zu  sein;  die  Braunschweigische  Reimchronik3)  beruht 
darauf  und  nicht  minder  die  Chronik  des  Strafsburgers  Fritsche 
Closener4),  aber  es  scheint  daneben  auch  noch  andere  Sachsen- 
chroniken gegeben  zu  haben,  deren  Spuren  sich  beim  Korner  und 
Heinrich  von  Hervord  finden6). 

Sehr  mager  ist  eine  ganz  kurze  Kaiserchronik  bis  auf  Wilhelm 
von  Holland,  die  sich  häufig  mit  dem  sächsischen  Weichbildrecht 
verbunden  findet*),  wie  man  ja  gerne  den  Gesetzbüchern  eine  ge- 
drängte Uebersicht  der  Regentenfolge  voranstellte. 

§20.  Die  Dominikaner. 

Das  Aufkommen  und  die  rasche  Verbreitung  der  Bettelmönche 
brachte  in  die  Geschichtschreibung  ein  ganz  neues  Element.  Die 
bisher  betrachteten  Schriftsteller  schrieben  die  Geschichte  entweder 


l)  s.  Lappenberg,  Archiv  VI,  385. 

а)  Meucken  SS.  III,  63  — 128.  Für  Uebersetzung  erklärten  es  Waitz  und 
Ficker.  Näher  nachgewiesen  von  Pfeiffer  S.  47 — 51.  Jetzt  auch  von  Mafsmann 
neben  dem  deutschen  Texte  gedruckt. 

3)  Leibn.  SS.  Brunsv.  III,  1 — 147.  Scheller,  Kronika  fan  Sassen,  Braunschweig 
1826.  8.  Vgl.  Lappenberg,  Archiv  VI,  390 — 403.  Sie  geht  in  eine  Chronik  der 
Braunschweigischen  Fürsten  bis  1279  aus. 

4)  Ausg.  v.  Strobel  u.  Schott,  Bibi,  des  Litt.  Vereins  I.  Vgl.  Mafsmann  p.  614. 

б)  Waitz,  Heinrich  I S.  185.  J.  Grimm  in  den  Nachrichten  v.  d.  Gott  Ges. 
der  Wissensch.  1856  S.  99  ff. 

6)  Chronicon  brevc  Magdeburgense,  Mencken  SS.  III,  349 — 360.  Vgl.  Pfeiffer 
S.  17—21.  Centralbl.  1855  Sp.  450. 


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Sächsische  Kaiserchronik.  Die  Dominikaner. 


423 


ganz  einfach  um  ihrer  selbst  willen,  oder  im  Interesse  des  Klosters, 
des  Bisthnms,  dem  sie  angehörten,  das  durch  tausend  Fäden  mit  der 
Reichsgeschichte  in  Verbindung  stand.  Dieser  feste  Boden  fehlte  den 
Bettelmönchen,  welche  keinen  Grundbesitz  hatten.  Sie  schrieben 
Geschichte  um  zu  lehren,  um  Handbücher  für  ihre  Disputationen  und 
Vorrathskammern  für  ihre  Predigten  zu  haben.  Auf  Urkunden  kam 
es  ihnen  dabei  nicht  an,  aber  desto  mehr  auf  allerlei  Geschichten, 
die  sich  gut  anwenden  liefsen.  Sie  mufsten  Compendien  zum  be- 
quemen Gebrauch  und  daneben  grofse  Encyclopädien  haben,  in  denen 
sie  alles  leicht  aufsuchen  konnten,  dessen  sie  gerade  bedurften1). 
Natürlich  war  es  die  allgemeine  Geschichte,  welche  sie  in  solcher 
Weise  behandelten;  die  specielle  mufste  ihnen  ursprünglich  ganz 
fremd  bleiben,  da  sie  von  dem  Boden,  auf  welchen  sie  lebten,  ganz 
abgelöst  waren  und  blindlings  dem  Rufe  in  die  weiteste  Ferne  folgten. 
Allein  dieses  änderte  sich  sehr  bald  und  schlug  sogar  in  das  Gegen- 
theil  um.  In  den  Städten  angesiedelt,  zogen  sie  ihre  Mitglieder  aus 
den  Bürgersöhnen  und  standen  bald  zu  den  Gemeinden  der  Städte, 
die  ihnen  unmittelbar  ihren  Unterhalt  gewährten3),  in  viel  genauerer 
Beziehung,  ja  in  gröfserer  Abhängigkeit,  als  jemals  die  älteren 
Mönchsorden  mit  ihrem  Grundbesitz  von  weltlichen  Gewalten  ge- 
wesen waren.  Es  konnte  nicht  fehlen,  dafs  auch  unter  ihnen  Ordens- 
brüder sich  fanden,  welche  Neigung  zur  Geschichte  hatten;  ihre 
Klöster  boten  dazu  wenig  Stoff  und  so  finden  wir  denn  gerade  sie, 
was  beim  Ursprung  des  Ordens  wohl  niemand  sich  hätte  träumen 
lassen,  frühzeitig  mit  der  Abfassung  von  Städtechroniken  beschäftigt, 
so  wie  sie  auch,  wenn  ein  Interdict  verhängt  war,  für  den  Gottes- 
dienst sorgten.  Andere  fafsten  ihre  Aufgabe  weiter,  dehnten  sie  über 
eines  der  neu  entstehenden  Territorien  aus  und  schrieben  Landcs- 
geschichten;  dabei  liebten  es  denn  besonders  die  Dominikaner,  den 
Reichthum  ihrer  Gelehrsamkeit  in  diesen  Werken  anzubringen.  Diese 
Entwickelung  gehört  jedoch  hauptsächlich  der  späteren  Zeit  an,  jetzt 

*)  Vgl.  über  diese  Neigung  der  Dominicaner,  welche  hier  vorzüglich  in  Be- 
tracht kommen,  J.  Grimm  in  den  Nachrichten  von  der  Gott.  Univ.  1856  S.  94.  95. 
Charakteristisch  sind  auch  die  Worte  des  Minoriten  (1290)  in  der  Vorrede  der 
Flores  temporum:  Cum  in  predicatiohibus  dicerem  populo:  Hodie  tot  anni  sunt 
quod  iste  Sanctus  migravit  ad  celos,  admirantes  fratres  et  derici  exegerunt  a me 
copiatn  exemplaris  et  rationem  de  numero  usuali. 

2)  Lappenberg,  Hamburgiscbe  Chroniken  I,  52:  De  pater  minister  wil  juw 
dosier  nicht  upholden,  sunder  gi  plegen  mit  juwen  secken,  wan  gi  (lesch  und  molt 
bidden,  to  uns  to  kamen,  und  wi  sin  de  genne  de  juw  moten  foden.  Darum  segge 
wi  juw  dut  in  ernste:  so  gi  uns  den  man  Talen,  so  scolden  juwe  seeke  vul  wedder 
int  closter  kamen ; dar  gi  uns  hirinne  entgegen  sin  und  senden  en  wech,  so  scolden 
juwe  secke  leddich  to  cToster  kamen. 


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424 


V.  Staufer.  § 20.  Die  Dominikaner. 


sind  nur  noch  die  Anfänge  zu  bemerken,  die  schon  erwähnten  Auf- 
zeichnungen der  Dominikaner  in  Kolmar  und  Strafsburg,  welche  noch 
nicht  so  bestimmt  auf  ein  Gebiet  beschränkt  sind,  sondern  in  bunter 
Fülle  alles  enthalten,  was  ihnen  Merkwürdiges  vorkam. 

Unter  den  grofsen  Sammelwerken  mufs  ich  zuerst  die  Chronik 
des  Albericus1)  nennen,  der  freilich  kein  Bettelmönch  war,  aber 
völlig  dieser  Richtung  angehört  und  bei  dem  zuerst  die  bestimmte 
Beziehung  auf  praktische  Anwendung  seines  Werkes  zum  Behuf  der 
an  den  Universitäten  üblichen  Disputationen  hervortritt.  Er  war 
Mönch  in  dem  Kloster  Neuf  Moutier  bei  Huy,  führt  aber  durch  irgend 
eine  unerklärte  Verbindung  den  Beinamen  von  Trois-Fontaines  nach 
einem  anderen  Kloster.  Er  compilirte  eine  grofse  Weltchronik  bis 
z.  J.  1241,  die  mosaikartig  zusammengesetzt  ist  aus  Stellen  verschie- 
dener Autoren,  jede  mit  dem  Namen  des  Verfassers  bezeichnet,  um 
sich  beim  Disputiren  darauf  stützen  zu  können.  Dazwischen  redet 
er  selbst  als  Autor,  voll  von  gelehrtem  Stolze,  besonders  auf  seine 
Chronologie,  die  er  gegen  Widersacher  zu  behaupten  immer  bereit 
ist.  Gegen  jedermann,  sagt  er,  wolle  er  seinen  Satz  beweisen  durch 
sichere  Autoritäten2).  Dennoch  reicht  seine  Kritik  nicht  weit,  denn 
zu  diesen  sicheren  Autoritäten  gehören  auch  die  Visionen  der  li.  Eli- 
sabeth von  Schönau  Uber  die  h.  Ursula  und  ihre  11000  Jungfrauen 
und  Turpin  nebst  anderen  Romanen  ähnlichen  Schlages.  Sein  ge- 
lehrter Apparat  war  aber  sehr  umfassend  und  manches  jetzt  ver- 
lorene ,Werk  befand  sich  darunter ; in  den  letzten  20  Jahren  endlich 
hat  er  auch  eigenthümliche  Nachrichten  und  ist  für  diese  Zeit  nicht 
unwichtig. 

Die  colossalste  Compilation,  welche  den  ganzen  Kreis  des  mensch- 
lichen Wissens  umfassen  sollte,  trug  ein  Dominikaner  zusammen, 
Vincenz  von  Beauvais,  der  Verfasser  des  universalen  Spiegels 
( [Speculum  naturale,  doctrinale,  Aistoriale ),  von  dem  eine  Abtheilung 
auch  die  Geschichte  umfafste.  Er  schrieb  sein  Werk  1244,  aber  das 
31.  Buch  des  Geschichtspiegels  ist  erst  später  vollendet8).  Es  ist 
eine  weitschweifige  Compilation,  untermischt  mit  moralischen  Be- 
trachtungen. Sie  verdiente  wohl  eine  genaue  Untersuchung  in  Bezug 
auf  ihre  Quellen,  aber  für  die  deutsche  Geschichte  wird  sie  schwerlich 
viel  Gewinn  liefern. 

*)  Alberici  monachi  Trium  Fontium  Chronicon  ed.  Leibnit.  Access.  Histor.  II. 
Varianten  bei  Mencken  I,  37 — 90.  Vgl.  die  gründliche  Abhandlung  über  ihn  und 
seine  Quellen  von  Wilmans,  Archiv  X,  174 — 246.  Böhmer,  Reg.  Imp.  p.  LXVIII. 

2)  et  hoc  paratus  sum  probare  certis  auctoritatibus  contra  omnes  rompotistas 
et  chronographos  si  fuerint  contradictores. 

s)  Archiv  VI,  589.  Vgl.  Schlosser,  Vincenz  von  Beauvais.  Er  starb  1264. 


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Albericus.  Vincenz  von  Beauvais.  Jacob  von  Genua. 


425 


Wie  nun  aber  die  Eneyelopädie  dem  Compendium  ihrer  Natur 
nach,  ungeachtet  des  verschiedenen  Umfanges,  gar  nicht  fern  Bteht, 
so  lieferte  auch  bereits  Vincentius  selbst  einen  Auszug  seines  Ge- 
schichtspiegels  unter  dem  Titel:  Memoriale  Temporum1). 

Eine  ganz  kurze  Uebersicht  der  Geschichte  von  der  Ankunft 
der  Langobarden  in  Italien  bis  auf  das  Concil  von  Lyon  findet  sich 
an  einem  Orte,  wo  man  sie  nicht  sucht,  oder  wenigstens  nicht  zu 
finden  pflegt,  denn  immer  wieder  wird  dieses  völlig  werthlose  Stilck, 
welches  höchstens  dazu  dienen  kann  zu  zeigen,  wie  ein  echter  Do- 
minikaner die  Geschichte  mifshandelte , als  etwas  neues  aufgetischt. 
Es  ist  dieses  das  176.  Capitel  der  Goldenen  Legende  des  Jakob  von 
Genua,  nach  welchem  auch  das  ganze  Werk  den  Namen  der  Lom- 
bardischen Geschichte  führt’).  Der  Verfasser  trat  1244  in  den  Pre- 
digerorden, wurde  Provinzial  und  Generalvicar,  zuletzt  aber  von 
1292 — 1298  Erzbischof  von  Genua.  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dafs  sich  die  Predigermönche  sehr  bald  auch  der  Legende  bemäch- 
tigt hatten,  sie  war  ihr  besonderes  Eigen thum,  aber  ihrer  ganzen 
Richtung  gemäfs  achteten  sie  nicht  auf  den  geschichtlichen  Inhalt 
der  alten  besseren  Biographien;  ihnen  war  es  nur  um  die  Wunder, 
Kasteiungen,  Visionen  u.  dgl.  zu  thun  und  deshalb  sind  denn  auch 
von  nun  an  die  neu  entstehenden  Heiligengeschichten  fast  völlig  un- 
brauchbar für  die  Geschichte.  Eine  Nonne,  deren  gröfstes  Verdienst 
darin  bestand,  sich  niemals  gewaschen  zu  haben,  kann  höchstens 
als  abschreckendes  Beispiel  in  einer  Geschichte  des  Aberglaubens 
figuriren,  und  solcher  Art  sind  die  Heiligen,  welche  Thomas  von 
Chatimpr6  verherrlichte.  Von  einiger  Bedeutung  sind  nur  die  Lebens- 
beschreibungen der  heiligen  Hedwig  und  ihrer  Nichte  der  Land- 
gräfin Elisabeth;  aber  in  diesen  beruht  das  geschichtlich  Merk- 
würdige auf  den  Aufzeichnungen  Engelberts  von  Leubus  und  des 
Kaplans  Berthold.  Besäfsen  wir  jene,  so  würde  vermuthlich  auch 
die  Hedwigslegende  den  gröfsten  Theil  ihres  Werthes  verlieren.  Man 
täuschte  sich  schon  im  späteren  Mittelalter  durchaus  nicht  Uber  den 
Unwerth  der  gewöhnlichen  Legenden,  wie  sich  deutlich  genug  aus 
den  Parodien  ergiebt.  Völlig  in  dem  herkömmlichen  salbungsreichen 
Stil  gehalten  ist  das  Leben  des  h.  Niemand,  jenes  wunderbaren 
Mannes,  der  seiner  Elle  eine  Länge  zusetzen  konnte,  der  die  Tiefen 

*)  Bis  zum  zweiten  Jahre  Innocenz  IV.  Anfang:  Quoniam  ut  olim  seriptura. 

2)  Anfang:  Pelagius  papa  multe  sanrtitatis , weil  die  Geschichte  der  Legende 
vom  Papst  Pelagius  angehängt  ist.  Jacobi  a Voragine  Legcnda  Aurea  vulgo  Ilisto- 
ria  Lombardica  dieta  ed.  Grässe.  Ed.  11.  Lips.  1850.  8.  p.  824.  Noch  Archiv  XI, 
356  wird  dieses  Stück  von  Waitz  als  ungedruckt  aufgeführt,  wie  schon  früher 
VIII,  665. 


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426  V.  Staufer.  § 20.  Die  Dominikaner.  § 21.  Martin  v.  Troppau. 

des  Meeres  kannte  und  so  vieles  andere  wufate  und  vermochte,  was 
dem  gewöhnlichen  Sterblichen  durchaus  unmöglich  ist1). 

Das  hinderte  nun  freilich  nicht,  dafs  nicht  Jakobs  Werk,  eine 
compendiarische  Zusammenfassung  des  ganzen  vorhandenen  Le- 
gendenvorraths , sehr  hoch  gehalten  wurde,  sich  in  zahllosen  Hand- 
schriften verbreitete  und  aufserordentlich  oft  gedruckt  wurde. 

Etwas  mehr  Werth  als  Jakobs  von  Genua  Lombardische  Ge- 
schichte hat  die  Compilation  eines  Thüringer  Dominikaners  bis 
z.  J.  1261,  welche  ebenfalls  sehr  weit  verbreitet  war  und  um  so  mehr 
Beachtung  verdient,  da  sie  vielfach  mit  Zusätzen  und  Fortsetzungen 
vorkommt.  Sie  ist  denn  auch  bis  jetzt  noch  nicht  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Gestalt  gedruckt,  sondern  nur  versteckt  in  der  Chronik  des 
Braunschweiger  Aegidienklosters  und  in  einer  grofsen  Compilation 
bei  Pistorius2). 


§ 21.  Martin  von  Troppau. 

Eine  aufserordentlich  beliebte  Form  für  die  Chronisten  des  vier- 
zehnten Jahrhunderts  war  die  abgesonderte  und  parallele  Behandlung 
der  Päpste  und  Kaiser.  Der  Erfinder  dieser  Einrichtung  scheint 
ein  gewisser  Gilbert'  zu  sein,  dessen  bis  1226  reichendes  Werk 
noch  ungedruckt  ist3).  Sein  Name  ist  verdunkelt  durch  Martin 
von  Troppau,  welcher  seinem  Beispiele  folgte  und  bald  fast  der 
ausschliefsliche  Geschichtslehrer  für  die  katholische  Welt  wurde. 

Bruder  Martin  war  gebürtig  aus  dem  Königreich  Böhmen,  aus 
Troppau  *).  Er  trat  in  den  Dominikaner  - Orden  ein  und  wurde 
päpstlicher  Kaplan  und  Pönitentiar;  lange  Zeit  soll  er  in  dieser 
Stellung  geblieben  sein,  dann  ernannte  ihn  1278  Papst  Nikolaus  HI 
zum  Erzbischof  von  Gnesen.  Das  ist  wohl  der  Grund,  weshalb  man 
ihn  in  neuerer  Zeit  allgemein  den  Polen  nennt;  er  hat  aber  sein 
Erzbisthum  nie  erreicht,  indem  er  schon  auf  der  Reise  nach  Gnesen 
gestorben  ist.  Er  hat  Predigten  geschrieben,  hat  eine  alphabetische 
Uebersicht  über  Gratians  Decret  und  die  Decretalen  verfafst,  die  er 
die  Perle  des  Decrets  (Margarita  Decreti)  nannte,  und  er  hat  dann 

*)  Ine.  vila  sanctissimi  et  gloriosissimi  Neminis.  Beatus  igitur  Nemo  iste 
eontemporaneus  Dei  patris  u.  s.  w.  Archiv  V,  67.  X,  691.  Ulrich  von  Hutten 
hat  dieselbe  Idee  in  seinem  Ulis  ausgeführt.  Aehnlich  ist  die  Vita  S.  Igitur. 

2)  Chron.  S.  Aegidii,  Leibn.  SS.  Brunsvic.  III,  558.  Compilatio  Chronologica, 
Pistor.  I,  705.  Vgl.  Wegele  in  dem  Vorwort  zu  den  Annales  Reinhardsbrunnenses 
S.  XXIX.  Wattenbach,  Iter  Austriacum  p.  11. 

3)  s.  Archiv  V,  174.  VI,  744.  Nach  Lappenberg  hat  Albert  von  Stade 
es  benutzt 

4)  de  regno  Boemie  oriundus  patria  Oppaviensis  heifst  es  in  der  Vorrede 
seiner  Geschiente,  wenigstens  in  einer  Handschrift. 


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Chronicon  S.  Aegtdii.  Martin  von  Troppau. 


427 


auch  die  Weltgeschichte  in  ein  Compendium  gebracht,  znm  Gebrauch 
für  Theologen  und  Kanonisten.  Denn  diesen,  sagt  er,  sei  cs  nützlich 
und  notliwendig,  die  Chronologie  der  Kaiser  und  Päpste  zu  kennen '). 
Einen  höheren  Zweck  nimmt  er  für  sein  Werk  gar  nicht  in  Anspruch; 
es  sollte  ein  bequemes  Handbuch  sein,  und  diese  Aufgabe  hat  er 
insofern  mit  grofsem  Erfolg  gelöst,  als  kein  anderes  Geschichtsbuch 
des  Mittelalters  eine  so  grolse  Verbreitung  gefunden  hat.  Der  innere 
Werth  entspricht  freilich  diesem  Erfolge  durchaus  nicht;  es  ist  nicht 
allein  eine  ganz  oberflächliche  Compilation,  sondern  es  haben  erst 
durch  dieses  Werk  alle  die  Fabeln,  welche  nach  und  nach  in  die 
Geschichte  eingedrungen  waren,  recht  festen  Fufs  gefafst  und  eine 
völlige  Herrschaft  gewonnen,  die  nur  durch  die  wissenschaftlichen 
Bestrebungen  der  neueren  Zeit  erschüttert  werden  konnte.  In  manchen 
Abschnitten,  z.  B.  in  der  Geschichte  der  Ottonen,  ist  die  wahre  Ge- 
schichte bei  ihm  vollständig  verschwunden  und  nur  die  Märchen 
sind  geblieben. 

Aeufserlich  richtete  Bruder  Martin  sein  Werk  so  ein,  dafs  auf 
je  zwei  Seiten  immer  die  Päpste  und  Kaiser  sich  gegenüber  standen; 
jede  Seite  hatte  50  Zeilen,  jede  Zeile  war  für  ein  Jahr  bestimmt. 
So  ist  die  erste  Ausgabe  beschaffen,  welche  bis  1268  reicht2).  Hier 
hatte  Martin  mit  den  Päpsten  und  Kaisern  begonnen;  nachträglich 
aber  fügte  er  auch  noch  eine  Uebersicht  der  alten  Geschichte  hinzu, 
und  indem  er  zugleich  die  PapstgeBchichte  weiter  führen  wollte, 
fand  er  beim  J.  1276  den  unangenehmen  Fall,  dafs  drei  Päpste  auf 
ein  Jahr  kamen.  Darum  verwarf  er  nun  die  frühere,  ohnehin  lästige 
Einrichtung,  um  so  mehr,  da  die  Reihe  der  Kaiser  jetzt  auf  hörte; 
er  gab  deshalb  auch  hier  eine  mehr  zusammenhängende  Uebersicht 
über  verschiedene  Begebenheiten  dieser  Zeit3).  Die  Wahl  Rudolfs 
erwähnt  er  gar  nicht,  obgleich  er  die  Chronik  der  Päpste  bis  1277 
fortsetzte.  In  dieser  Bearbeitung  fand  auch  die  Fabel  von  der 
Päpstin  Johanna  zuerst  Aufnahme  in  die  Geschichte  und  behauptete 
sich  lange  Zeit  neben  dem  übrigen  Wüste ; keine  hat  mehr  Aufsehen 
erregt,  schädlicher  aber  wirkten  andere,  wie  z.  B.  die  Einsetzung 
der  sieben  Kurfürsten  durch  den  Papst  Gregor  V,  und  überhaupt  die 

')  Quoniam  scire  tempora  stimmorum  Pontificum  Romanorum  et  Imperatorum 
et  aliorum  principum  ipsorum  coutemporaneorum , quam  plurimum  inter  alios 
Theologis  et  Jurisperitis  expedit,  ego  Martinus  domini  pape  penitenciarius  et  ca- 
pellanus  etc. 

2)  per  Jo.  Fabricium,  Col.  1616  fol.  und  in  der  Kulpis -Schilterischen  Sam  ml. 

3)  Dieses  Stück  ist  in  Böhmers  Fontes  II,  457 — 461  abgedruckt.  Der  zweiten 
Bearbeitung  gehört  die  Ileroldsche  Ausgabe,  Basel  1559  fol.,  und  opera  Suffridi 
Petri  1574.  8.  Vgl.  Böhmer  Fontes  II,  XLI1I,  und  über  die  Handschriften  Archiv 
V,  183.  VII,  655  nebst  den  Registern  der  folgenden  Bände. 


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428  V.  Staufer.  § 21.  Martin  v.  Troppau.  § 22.  Lieder  der  Vaganten. 

ganze  grundfalsche  Auffassung  der  Geschichte.  Dadurch  hat  diese 
elende  Compilation  einen  sehr  nachtheiligen  Einflufs  gehabt,  denn 
sie  verbreitete  sich  in  alle  Länder,  wurde  in  alle  Sprachen  Über- 
setzt und  genofs  wegen  der  Stellung  des  Verfassers  einer  grofsen 
Autorität.  Ueberall  diente  nun  die  Martinianische  Chronik  als  Vor- 
bild und  als  Grundlage  für  weitere  Fortsetzungen,  sowie  früher 
Sigebert,  Ekkehard,  Otto  von  Freising,  und  an  die  Stelle  dieser 
wahrhaftigen  und  nützlichen  Werke  trat  somit  nun  ein  jämmerliches 
Gemisch  von  Fabeln  und  Unwahrheiten. 

Martins  Werk  ist  fast  nur  litterarisch  von  Bedeutung;  als  Ge- 
schichtsquelle gewinnt  es  nur  durch  die  Fortsetzungen  Werth, 
aber  diese  sind  noch  sehr  wenig  gesichtet.  Schon  in  dem  ursprüng- 
lichen Werke  warfen  manche  Abschreiber  die  Päpste  und  Kaiser 
durch  einander,  und  dies  trug  mit  dazu  bei,  dafs  die  Fortsetzer 
häufig  die  einfache  annalistische  Form  annahmen,  während  andere 
sich  der  ursprünglichen  Anlage  anschlossen.  Böhmer  hat  eine  Fort- 
setzung aus  dem  Kloster  Aldersbach  bis  1286  mitgetheilt,  welche 
fast  vollständig  enthalten  ist  in  einer  Fortsetzung  der  Salzburger 
Annalen1 * *).  Ueberhaupt  sind  nur  wenige  Fortsetzungen  wirklich  als 
solche  verfafst,  die  meisten  sind  nachträglich  anderen  Werken  ent- 
nommen. So  ist  die  sogenannte  österreichische  Fortsetzung 
bis  1343  nur  ein  Auszug  aus  der  Geschichte  des  Johannes  von 
Vitring a).  Vielfach  ist  zu  diesem  Zwecke  die  Kirchengeschichte  des 
Dominikaners  Ptolemeus,  eigentlich  Bartholomeus,  von  Lucca  be- 
nutzt, eines  Schülers  des  Thomas  von  Aquino  und  Bibliothekars  bei 
Johann  XXII,  der  1327  als  Bischof  von  Torcello  starb8).  Vorzüglich 
zu  beachten  ist  auch  die  leider  noch  ungedruckte  Papst-  und  Kaiser- 
geschichte des  BernardusGuidonis,  ebenfalls  eines  Dominikaners, 
der  Inquisitor  in  Frankreich  war  und  1331  als  Bischof  von  Lodeve 
in  Languedoc  gestorben  ist4 * * *). 

Allein  wir  haben  die  Grenzen  unserer  Aufgabe  bereits  erreicht. 
Die  brauchbaren  und  dankenswerten  Werke  der  Dominikaner  ge- 
hören einer  späteren  Zeit  an,  und  es  ist  billig  zu  bemerken,  dafs 
sie  sich  hier  um  die  Geschichte  bedeutendes  Verdienst  erworben 

i)  Fontes  II,  461-464.  Mon.  SS.  IX,  802—810. 

*)  Continuatio  Austriaca,  Ecc.  Corp.  I,  1413 — 1460.  S.  Böhmers  Vorrede 

zum  Johannes  Vidoriensis,  Fontes  I,  XXIX. 

3)  Ptolemaei  Lucensis  Ilistoria  Eeclesiastica,  bis  1312,  bei  Murat.  SS.  XI,  741. 

Vgl.  Böhmer,  Reg.  Imp.  p.  LXXV1I. 

4)  Aus  seinen  Flores  cronicarum  sind  nur  Bruchstücke  der  Papstgeschichte 

gedruckt  bei  Murat.  SS.  III,  und  Baluzii  Vitae  Paparum  Avenion.  Vgl.  Archiv 

V,  197. 


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Martins  Fortsetzer.  Die  Vaganten. 


429 


haben;  im  dreizehnten  Jahrhundert  wirkten  sie  aber  durchaus  schäd- 
lich, und  die  sorgfältige,  gründliche  und  kritische  Erforschung  der 
Geschichte  des  früheren  Mittelalters,  welche  im  zwölften  Jahrhundert 
so  eifrig  betrieben  war,  wurde  durch  Martins  von  Troppau  Chronik 
fast  vollständig  erstickt. 

§ 22.  Die  Lieder  der  Vaganten  und  andere  Dichtungen. 

Wir  haben  die  Chronisten  bis  an  die  Grenzen  des  Zeitraumes 
verfolgt,  den  zu  betrachten  wir  uns  vorgenommen  hatten.  Es  bleiben 
noch  verschiedene  Schriften  zu  erwähnen  übrig,  welche  nicht  eigent- 
lich in  das  Gebiet  der  Geschichtschreibung  fallen,  die  aber  als  Quellen 
für  die  Kenntnifs  der  Zeit  zu  wichtig  sind,  als  dafs  wir  sie  hier 
übergehen  dürften. 

Jede  Schilderung  des  zwölften  Jahrhunderts  würde  unvollkommen 
bleiben  und  eines  der  wesentlichsten  Züge  ermangeln,  wenn  man 
darin  das  lustige  Völkchen  der  Vaganten  und  ihre  Lieder  vermifBte. 
Die  Kirche  trug  nicht  immer  das  ernsthafte  Gesicht,  welches  wir 
fast  allein  zu  betrachten  Gelegenheit  gehabt  haben,  sie  konnte  sich 
auch  von  ganz  anderer  Seite  zeigen. 

Im  zwölften  Jahrhundert  war  die  Kirche  auf  der  Höhe  ihrer 
Macht;  während  sie  an  weltlicher  Macht  und  an  Reichthum  alles 
andere  Ubertraf,  besafs  sie  diesseit  der  Alpen  noch  fast  ausschliefs- 
lich,  was  von  Kunst  und  Wissenschaft,  von  Geistesbildung  und 
feinerer  Cultur  vorhanden  war.  In  Italien  war  das  nie  der  Fall 
gewesen,  und  eben  jetzt  ging  schon  die  Geschichtschreibung  in 
Laienhände  Uber;  juristische  und  medicinische  Studien  waren  der 
Geistlichkeit  geradezu  verboten,  während  in  Deutschland  wohl  noch 
keine  Urkunde  hätte  geschrieben  werden  können,  wenn  man  auch 
hier  jene  Concilienbeschlüsse  hätte  zur  Ausführung  bringen  wollen. 
In  Frankreich  begannen  schon  die  Troubadours  der  Provence  mit 
der  nationalen.  Poesie  einen  Wettstreit  gegen  die  gelehrte  Bildung 
der  Geistlichkeit,  aber  gerade  in  Frankreich  war  auch  die  Kirche 
gewaltig  stark  und  unzählige  Schaaren  strömten  ihr  zu,  wie  die 
unglaublich  rasche  Ausbreitung  der  neuen  Mönchsorden  am  deut- 
lichsten zeigt.  Eine  rasch  aufflammende  Begeisterung,  ein  plötzlich 
erwachendes  Gefühl  von  der  Nichtigkeit  des  weltlichen  Treibens,  oft 
auch  die  mahnende  Stimme  des  Gewissens  führte  zahllose  Schaaren 
in  die  Klöster,  allein  diese  Motive  waren  nicht  immer  dauernd.  Viele 
lockten  auch  von  Anfang  an  ganz  andere  Seiten  des  geistlichen 
Standes:  die  reichen  Pfründen,  die  fürstliche  Macht  der  Prälaten, 
der  Drang  nach  Wissen,  der  nur  hier  Befriedigung  fand.  Niedrig- 


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430  V.  Staufer.  § 22.  Die  Lieder  der  Vaganten. 

geborene  konnten  kaum  anf  irgend  einem  anderen  Wege  hoffen  sich 
zu  einer  höheren  ansehnlichen  Stellung  im  Leben  aufzuschwingen. 
So  kam  es,  dafs  gerade  die  strebsamsten  Geister  aller  Art  der  Kirche 
zugeführt  wurden ; sogar  der  kriegerischste  Sinn  fand  hier  das  reichste 
Feld  zu  seiner  Entfaltung,  seitdem  Gregor  und  Urban  der  Kirche 
das  Schwert  in  die  Hand  gegeben  hatten. 

Im  elften  Jahrhundert  freilich  schien  es  nahe  daran  zu  sein, 
dafs  alles  dem  Geiste  des  Mönchthums  unterworfen  wurde.  Alle 
weltliche  Lust  galt  für  etwas  unbedingt  verwerfliches,  für  Sünde. 

Als  Heinrich  HI  Hochzeit  feierte  mit  Agnes  von  Poitou , jagte 
er  alle  die  Spielleute,  welche  in  Schaaren  herbeigekoramen  waren, 
fort  und  gab  ihnen  nichts;  dafür  erntete  er  hohes  Lob  von  seinen 
Freunden,  den  frommen  und  strengen  Aebten  und  Mönchen.  Auch 
waren  die  Spfifse  und  Vorstellungen  dieser  Gaukler  sehr  roh  und 
ungeschlacht.  Wenn  man  vor  dem  Kaiser  zur  Belustigung  des  Hofes 
einen  armen  Menschen  auftreten  lassen  konnte,  der  mit  Honig  be- 
strichen war  und  den  ein  Bär  belecken  sollte,  damit  die  Angst  des 
Unglücklichen  die  Zuschauer  belustige,  so  kann  man  die  Männer 
nicht  tadeln,  welche  solchem  Treiben  Einhalt  thaten.  Doch  werden 
auch  damals  schon  die  Spielleute  und  Fiedler  manch  schönes  Lied 
gesungen  haben,  und  um  dieselbe  Zeit  wird  S.  Bardo  gerühmt,  weil 
er  sich  dieser  armen  Leute  mildthätig  erbarmte.  Die  Welt  liefe  sich 
nun  einmal  nicht  in  das  mönchische  Joch  spannen  und  immer  we- 
niger war  es  möglich,  je  mehr  der  Wohlstand  stieg  und  die  Bildung 
zunahm.  Mit  den  Kreuzzügen  beginnt  ein  gewaltiger  Umschwung. 
Der  gesteigerte  Verkehr,  die  Bekanntschaft  mit  dem  Morgenlande 
brachte  neue  Anschauungen,  neue  Gedanken  in  Umlauf;  sie  übten 
eine  grofee  Wirkung  aus,  aber  sie  selbst,  das  Ueberströmen  des 
herangewachsenen  Occidents,  waren  auch  wiederum  eine  Folge  der- 
selben Entwickelung,  welche  nicht  allein  die  Schaaren  der  Ritter 
zum  Kampfe  gegen  die  Heiden  trieb,  sondern  auch  Tausende  von 
Bürgern  und  Bauern,  von  Mönchen  und  Kauf  leuten  über  die  östlichen 
Grenzen  führte,  um  neue  Gebiete  für  die  abendländische  Cultur  zu 
gewinnen. 

Die  Laienwelt  fing  an  sich  mündig  zu  fühlen,  und  durch  das 
Ritterthum  gewann  auch  der  Kriegerstand  eine  höhere  Weihe,  die 
Waffen  dienten  nicht  mehr  allein  zu  roher  Gewaltthat.  In  vollem 
Glanze  zeigte  sich  die  weltliche  Herrlichkeit  auf  Heinrichs  V Hoch- 
zeit mit  Mathilde  von  England  zu  Mainz  1114,  und  sie  entfaltete 
sich  immer  prachtvoller  auf  Friderich  Barbarossas  grofeen  Hoffesten. 

Da  blieb  nun  auch  die  Geistlichkeit  nicht  zurück.  Auch  sie 


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Weltlust  des  12.  Jahrhunderts.  Rainald  von  Dassel. 


431 


wurde  mächtig  ergriffen  von  dem  Reiz  des  ritterlichen  Lebens,  wel- 
ches durch  die  Kreuzzllge  sich  mit  der  Kirche  ausgesöhnt  hatte. 
Das  Alexanderlied  des  Pfaffen  Lambrecht,  Konrads  Rolandslied  sind 
durchdrungen  vom  kriegerischsten  Geiste.  Die  Bischöfe,  als  mäch- 
tige Landesherren  und  ReichsfUrsten  waren  auf  ein  ritterliches  Leben 
hingewiesen  und  in  der  Regel  schon  durch  ihre  hohe  Geburt  zu 
fürstlichem  Glanze  und  weltlicher  Pracht  geneigt.  Wir  sehen  bereits 
an  Albero  von  Trier,  dafs  auch  mit  der  strengsten  kirchlichen  Ge- 
sinnung ein  solches  Leben  sich  vertrug.  Am  mächtigsten  aber  erhob 
sich  diese  Richtung  während  Friderichs  Kampf  mit  Alexander  III, 
welcher  die  entgegengesetzte  vertrat,  so  vor  allem  in  Rainald  von 
Dassel,  dem  Erzbischof  von  Köln,  Friderichs  Kanzler.  Er  führte 
so  gut  das  Schwert  wie  den  Krummstab,  und  nachdem  er  siegreich 
Italien  durchzogen  hatte,  brachte  er  triumphirend  die  heiligen  drei 
Könige  nach  Köln1).  Unerschrocken  kämpfte  er  gegen  Alexander, 
aber  dabei  war  er  durchaus  rechtgläubig,  ein  Muster  ritterlicher 
Tugend  und  der  trefflichste  Landesherr  für  sein  Fürstenthum. 

Im  Gefolge  dieses  Erzbischofs  befand  sich  ein  Mann,  der  durch 
sein  aufserordentliches  Talent  zu  grofsen  Dingen  befähigt  gewesen 
wäre,  wenn  ihn  nicht  seine  eben  so  grofse  Liederlichkeit  daran  ge- 
hindert hätte.  Seine  Gedichte  gehören  durch  die  vollkommene  Be- 
herrschung der  Sprache,  die  Formgewandheit  und  den  poetischen 
Schwung  zu  dem  Besten,  was  die  mittelalterliche  Poesie  überhaupt 
hervorgebracht  hat. 

Es  spricht  wohl  hinlänglich  für  diesen  Dichter,  dafs  man  noch 
jetzt  mit  seinen  Worten  singt:  Mihi  est  propositum  in  tabema  mori, 
— Verse,  die  ein  Bruchstück  seiner  sogenannten  Generalbeichte  sind, 
in  welcher  er  dem  Erzbischof  seine  Sünden  bekennt,  um  Verzeihung 
bittet  und  doch  zugleich  erklärt,  dafs  er  von  seinem  Leben  nicht 
lassen  könne:  bei  Wein  und  Wasser  könne  er  nicht  dichten. 

Rainald  hatte  diesen  durstigen  Poeten  in  den  Jahren  1164  und 
1165  bei  sich  in  Italien;  er  sollte  eigentlich  die  Thaten  des  Kaisers 
in  einem  Heldengedichte  feiern,  allein  damit  ist  er  nie  zu  Stande 
gekommen.  Einzelne  Gedichte  aber,  die  er  damals  verfafste,  sind 
von  der  gröfsten  Schönheit,  und  wenn  Bie  auch  keine  Darstellung 

*)  Vgl.  Ficker,  Rainald  von  Dassel.  Köln  1850.  8.  S.  127 — 131  über  die 
sagenhafte  Ilistoria  de  Translatione  beatissimorum  Trium  Regum  des  Johann  von 
Hildesheim,  f 1375.  Nach/.u tragen  ist  zu  Fickers  Werk  jetzt  der  Bericht  Rai- 
nalds und  des  Pfalzgrafen  Uber  ihre  Sendung  nach  der  Romagna,  und  Rainalds 
über  den  Sieg  bei  Tuskulum,  in  Sudendorfs  Registrum  II,  131.  146.  Ferner  sind 
die  Briefe  von  Friderich,  llillin  und  Adrian  neu  gedruckt  in  Wattenbachs  Iter 
Austr.  S.  86—92  und  ihre  Unechtheit  nachgewiesen. 


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432 


V.  Staufer.  § 22.  Die  Lieder  der  Vaganten. 


der  Geschichte  enthalten,  so  beziehen  sie  sich  doch  auf  Ereignisse 
der  Zeit,  wie  auf  die  Einnahme  von  Mailand;  sie  preisen  das  Lob 
des  Kanzlers  und  des  Kaisers  und  gewähren  für  die  Kenntnifs  der 
Zeit  mehr  wie  manche  Chronik. 

Jakob  Grimm,  der  in  neuerer  Zeit  am  nachdrücklichsten  auf 
die  Schönheit  und  den  hohen  Werth  dieser  Gedichte  aufmerksam 
machte l),  hat  auch  Uber  die  Person  des  Dichters  geforscht.  Er  hielt 
ihn  für  denselben,  welcher  um  1220,  wie  Cäsarius  erzählt,  todtkrank 
an  die  Pforte  des  Klosters  Heisterbach  klopfte  und  die  tiefste  Reue 
über  seinen  lockeren  Wandel  bezeugte,  sich  dann  kuriren  liefs  und 
sobald  er  hergestellt  war,  die  Kutte  abwarf  und  das  Weite  suchte. 

Seitdem  ist  nun  sehr  viel  über  diese  Gattung  der  Poesie  ge- 
forscht worden,  viel  neuer  Stoff  zu  Tage  gefördert,  besonders  von 
Eddiestand  du  Meril  und  von  Wright,  und  es  hat  sich  immer  mehr 
als  unmöglich  erwiesen,  einen  Verfasser  festzuhalten  für  diese  Ge- 
dichte, die  bald  in  England,  bald  in  Frankreich,  bald  in  Deutsch- 
land auftauchen,  oft  an  den  fernsten  Punkten  übereinstimmend,  dann 
aber  auch  wieder  verschieden  und  mit  anderen  ganz  neuen  ver- 
bunden. Da  hat  nun  W.  Giesebrecht  diese  Untersuchung  wieder 
aufgenommen a)  und  mit  Hülfe  des  neu  gewonnenen  Materials  weiter 
geführt.  Er  hat  nachgewiesen,  wie  sich  auf  den  äufserst  zahlreich 
besuchten  Schulen  Frankreichs  unter  den  Schülern,  die  sich  um  An- 
selm, Lanfrank,  Berengar  und  ihre  Nachfolger  zu  Tausenden  sam- 
melten, ein  sehr  zügelloses  Leben  entfaltete,  an  dem  vielfach  Lehrer 
und  Hörer  gleichmäfsig  Theil  nahmen,  und  wie  damals,  als  unter 
dem  Schutze  der  Kreuzzugsbullen  alles  wanderte,  auch  diese  Scho- 
laren die  Länder  durchschwärmten  als  Vaganten  (clerici  vagi), 
auch  Goliarden  genannt.  Während  die  Troubadours  französisch,  die 
deutschen  Spielleute  deutsch  sangen  an  den  Höfen  der  Fürsten  und 
Edelleute,  hielten  diese  fahrenden  Schüler  fest  an  der  lateinischen 
Sprache  und  trugen  ihre  Lieder  vor  an  den  Höfen  der  geistlichen 
Fürsten,  Lieder,  die  oft  sehr  lockerer  Art,  oft  auch  ernsthaft  waren. 
Sie  waren  häufig  gern  gesehen  und  vermehrten  den  Glanz  der  Hof- 
haltung, konnten  aber  auch  sehr  zur  Plage  werden,  und  bald  sali 
man  sich  genöthigt,  ernstliche  Mafsregeln  gegen  dieses  Treiben  zu 
ergreifen.  Im  dreizehnten  Jahrhundert  kamen  diese  Vaganten  immer 

*)  J.  Grimm,  Gedichte  des  Mittelalters  auf  Friderieh  I,  den  Staufer.  Berlin, 
1843.  4.  aus  den  Abhandlungen  der  Akademie.  Vgl.  Gervinus  I,  296  ff. 

a)  Die  Vaganten  oder  Goliarden  und  ihre  Lieder,  in  der  AUg.  Monalsehrift 
1853.  Nachträge  giebt  Büdinger,  Reste  der  Vaganten  poesie  in  Oesterreich,  Sitzungs- 
berichte XIII,  314  IT.  Surrianus  hiefs  auch  der  figellator,  mit  welchem  Herzog 
Boleslaus  von  Liegnitz  das  Land  durchzog,  Stenzei  SS.  Rer.  Siles.  I,  28,  107. 


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Die  Vaganten.  Walther  von  Chätillon.  433 

tiefer  herunter,  ihre  Verse  werden  schlechter,  und  bald  verlieren  sie 
alle  Bedeutung  für  die  Litteraturgeschichte. 

Manche  dieser  Gedichte  sind  voll  Talent,  geistreich,  witzig,  oft 
sehr  ausgelassen  und  voll  des  beifsendsten  Spottes  Uber  die  Fehler 
des  Klerus,  vorzüglich  Uber  die  römische  Kurie;  unter  allen  aber 
glänzen  doch  immer  unerreicht  die  Verse  jenes  Dichters  an  Rainalds 
Hofe,  Walthers,  des  Erzpoeten,  wie  er  sich  selber  nennt;  ihm  hat 
auch  Giesebrecht  besondere  Aufmerksamkeit  gewidmet  und  seiner 
Person  nachgeforscht.  Er  hält  ihn  für  identisch  mit  Walther  von 
Lille  oder  von  Chätillon,  dem  Dichter  der  Alexandreis,  welche 
die  Classiker  aus  den  Schulen  verdrängt  hat.  Dieser  Walther  hatte 
wegen  leichtfertiger  Lieder,  die  er  gedichtet,  seine  Stellung  als  Lehrer 
in  Frankreich  aufgeben  müssen;  Bpäter  ist  er  in  England  gewesen, 
in  der  Zwischenzeit  aber  hätte  er  an  Rainalds  Hofe  in  Italien  sich 
aufhalten  können.  Zuletzt  wurde  er  wieder  Lehrer  in  Chätillon  und 
endlich  Kanoniker  in  Tournay. 

Die  Verse  dieses  grofsen  Meisters  wurden  von  zahlreichen  Sän- 
gern geringeren  Schlages  durch  alle  Lande  getragen,  nur  in  Italien 
fanden  sie  keinen  Anklang.  Immer  neue  Lieder  kamen  hinzu,  die 
meistens  nur  von  Liebe,  Wein  und  Würfeln  sangen,  oft  aber  auch 
scharfe  Satiren  gegen  die  Geistlichkeit  enthalten  und  gelegentlich 
geschichtliche  Ereignisse  berühren.  Vielfach  regten  die  Kreuzzüge 
dazu  an '),  aber  fast  jede  Begebenheit  von  gröfserer  Bedeutung  wurde 
nun  in  Versen  gefeiert,  die  nicht  gerade  immer  von  solchen  Vaganten 
herrühren,  aber  doch  in  ihrer  Art  gedichtet  sind,  in  der  gereimten 
rythmischen  Poesie,  welche  durch  sie  vorzüglich  ausgebildet  wurde2). 

Die  entsetzliche  Verwüstung  Ungerns  durch  die  Mongolen 

*)  Schon  auf  die  erste  Eroberung  von  Jerusalem : Jerusalem  letare,  Du  Mcril 
p.  255.  Aufforderung  zum  Kreuzzug:  Jerusalem  mirabilis,  Du  Me'ril  1847  p.  297. 
Andere  in  den  Carmina  Burana,  ed.  Schmeller,  Stuttg.  1847.  Bibi,  des  Litter.  Ver- 
eins Vol.  XVI,  p.  27 — 34.  Marquards  von  Padua  Gedicht  auf  Friderichs  11  Kreuz- 
zug in  Hexametern,  Mon.  SS.  IX,  624,  gehört  nicht  dieser  Gattung  an. 

*)  Auf  die  Einnahme  Roms  1084,  Sudendorf  Reg.  I,  55.  Heber  den  Sieg  der 
Pisaner  1088,  s.  oben  S.  336.  Eine  merkwürdige  Klage  der  Regulirten  Chorherren 
im  Wiener  Notizenbl.  1854  S.  469.  4 Gedichte  auf  den  Tod  Karls  von  Flandern 
1127,  Du  Me'ril  260.  Auf  den  Frieden  von  Venedig  1177.  Carm.  Bur.  p.  34. 
Auf  den  Tod  König  Philipps  1208,  Carm.  Bur.  p.  50.  Dialogus  inter  papam  et 
Romam  für  Otto  IV  gegen  Innocenz  III,  Leibn.  SS.  Brunsvic.  II,  525.  Gefangen- 
schaft Waldemars  1223,  Du  Me'ril  277.  Tod  Friderichs  II  von  Oesterreich,  Mon. 
SS.  XI,  50.  Sieg  der  Parmenser  1248;  Höfler,  Albertus  Boh.  p.  123.  — Vieles  ist 
gewifs  verloren,  anderes  noch  ungedruckt.  In  diese  Zeit  gehört  auch  die  Sequentia 
de  S.  Karolo:  Urbs  Aquensit,  urbs  rcaalis  bei  Daniel,  Thes.  hymnolog.  V,  235. 
Mone , Lat.  Hymnen  des  Mittelalters  III , 347  ( p.  349  der  Hymnus : 0 rex  orbis 
triumphator);  auf  Frankfurt  angewandt  bei  Einh.  V.  Karoli  ed.  Pertz  p.  43,  auf 
Zürich  bei  Canis.  ed.  Basn.  IUb,  208  und  Helperici  Kar.  M.  ed.  Orelli. 

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434  V.  Staufer.  § 22.  Die  Lieder  der  Vaganten  u.  andere  Dichtungen. 

veranlafste  nicht  nur  wirkliche  Klagelieder l) , sondern  auch  einen 
Bericht  des  Kanonikers  Rogerius  von  Grofs  Wardein,  der  nur 
der  Ueberschrift  nach  ein  Klagelied  ist,  in  der  That  aber  in  Prosa 
geschrieben  und  nicht  nur  eine  höchst  lebendige  Schilderung  dieser 
furchtbaren  Zeit  enthält,  der  Verfasser  war  selbst  in  die  Gefangen- 
schaft der  Barbaren  gerathen,  sondern  auch  die  Ursachen  der  Schwäche 
des  Reiches  vortrefflich  auseinander  setzt2). 

Höchst  eigenth üinlicher  Art  ist  eine  Parabel  über  das  Concil 
von  Lyon  von  1245,  unter  dem  Titel:  der  Pfau,  worin  die  Vor- 
gänge des  Concils  andeutungsweise  unter  dem  Bilde  einer  Versamm- 
lung von  Vögeln  berichtet  werden,  weil  der  Verfasser  sich  fürchtete, 
seine  Ansichten  deutlich  auszusprechen  3).  Der  Herausgeber,  Herr 
von  Karajan,  hat  die  vielen  Dunkelheiten  dieses  Gedichtes  so  viel 
wie  möglich  aufzuhellen  gesucht,  was  um  so  schwieriger  war,  weil 
Uber  dieses  wichtige  Concil  so  aufserordentlich  wenig  Nachrichten 
vorhanden  sind.  Alles,  was  wir  darüber  wissen,  hat  v.  Karajan  ge- 
sammelt, und  es  stellt  sich  dabei  recht  auffällig  heraus,  wie  dürftig 
die  Chroniken  aus  dieser  Zeit  sind. 

Bemerkenswerth  ist  aber,  dafs  gerade  in  solcher  Weise  die  ver- 
schiedenen Ansichten  Uber  die  Berechtigung  der  streitenden  Parteien 
ihren  Ausdruck  fanden.  Böhmer  hat  den  Dialog  eines  Klerikers  mit 
einem  Laien  Uber  die  Absetzung  Adolfs  von  Köln  (120G)  bekannt 
gemacht,  in  welchem  das  Verfahren  des  Papstes  vertheidigt  wird*). 
Anderes  der  Art  mag  noch  ungedruckt  sein.  Der  kaiserliche  und 
der  päpstliche  Hof  erfüllten  die  Welt  mit  ihren  Manifesten.  Aber 
jene  reiche  Litteratur  von  Controversschriften , welche  der  erste 
Kampf  zwischen  Gregor  und  Heinrich  IV  und  später  wieder  die 
neuen  Kämpfe  des  vierzehnten  Jahrhunderts  hervorriefen,  läfst  sich 
jetzt  vermissen.  Man  mochte  fühlen,  dafs  mit  Gründen  nichts  aus- 
zurichteu  war,  dafs  Waffen  und  Geld  allein  entschieden,  und  des- 

')  Pez  SS.  Rer.  Austr.  II,  398.  Vgl.  Archiv  X,  615. 

2)  Rogerii  canonici  Varadiensis  Carmen  miscrabile  super  deslructione  regni 
Ilungaric,  hei  Endlicher,  Mon.  Arpad.  p.  255 — 296.  Schwamllner  SS.  Illing.  I,  292. 
Vgl.  die  von  Böhmer  mitgetheilten  Briefe,  Thür.  Ant.  Mitth.  1839.  IV,  2,  105. 
Palacky,  Der  Mongolen  Einfall  von  1241,  Prag  1842,  aus  den  Abhandlungen  der 
K.  Böhm.  Ges.  d.  \V.  V,  2.  Bruder  Julians  Bericht  und  der  Brief  von  Brla  IV 
wieder  abgedruckt  in  Dudiks  Iler  Rom.  1,  326.  335.  Vgl.  auch  Schwammel,  Der 
Antheil  Friedrichs  des  Streitbaren  an  der  Abwehr  der  Mongolen.  Wien  1857.  8. 

8)  Vera  loqui  timeo,  dedignor  dicere  falsa, 

Nee  tarnen  esse  canis  sine  latratu  volo  mutus. 

Th.  G.  v.  Karajan,  Zur  Geschichte  des  Concils  von  Lyon,  in  den  Denkschriften  der 
Wiener  Akademie  II. 

*)  Fontes  10,  400  — 407. 


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Roger  von  Grofs  Wardein.  Pavo.  Deutsche  Dichtung.  435 

halb  scheute  sich  jedermann  vor  der  Gefahr,  welche  mit  solcher 
Schriftstellerei  verbunden  war. 


In  das  Zeitalter  der  beiden  Frideriche  fällt  nun  auch  die  BlUthe- 
zeit  der  deutschen  Dichtung.  Es  versteht  sich,  dafs  der  Histo- 
riker diese  Entwickelung  nicht  unbeachtet  lassen  darf;  hier  jedoch 
haben  wir  sie  nur  insoweit  zu  berühren,  als  geradezu  geschichtliche 
Nachrichten  daraus  zu  gewinnen  sind.  Im  Ganzen  ist  sie,  besonders 
die  höfische  Dichtung,  die  Epen  sowohl  wie  das  Minnelied,  dem 
wirklichen  Leben,  den  grofsen  Ereignissen  der  Zeit  sehr  fremd  ge- 
blieben, wie  auch  von  dem  Ritterstand,  dem  diese  Dichtung  ange- 
hörte, keine  einzige  Chronik  ausgegangen  ist.  Heinrich  von  Veldeke 
gedenkt  des  herrlichen  Pfingstfestes  zu  Mainz  1184,  das  er  noch 
selbst  erlebt;  sonst  aber  finden  sich  nur  bei  Walthor  von  der 
Vogelweide  directe  Beziehungen  auf  die  Zeitereignisse;  die  Kämpfe, 
welche  Deutschland  zerrissen,  das  schmähliche  Spiel,  welches  Inno- 
cenz  mit  dem  Reiche  trieb,  die  Untreue  der  Fürsten  erfüllen  ihn  mit 
Schmerz  und  Ingrimm ; er  schliefst  sich  seiner  Gesinnung  nach  ganz 
dem  Burchard  von  Ursperg  und  anderen  staufisch  gesinnten  Chro- 
nisten an1). 

Aufserdem  sind  die  Sittenschilderungen  zu  beachten,  welche  sich 
in  den  moralischen  und  didaktischen  Gedichten  finden.  So  Bchon 
im  zwölften  Jahrhundert  in  Hartmanns  Gedicht  vom  Glauben,  in 
Heinrichs  Gedicht  Von  des  Todes  Gehügede,  und  im  Pfaffenleben,  wo 
die  Verweltlichung  des  geistlichen  Standes  beklagt  wird.  Diesen 
österreichischen  Geistlichen  reiht  sich  Werner  vom  Niederrhein  an 
mit  dem  Gedicht  von  der  Girheide.  Der  Winsbeke  stellt  einen 
rechten  Spiegel  des  wahren  Ritterthums  auf,  und  Thomasin  von 
Zirkläre  im  Welschen  Gast  zeichnet  mit  scharfen  Zügen  die  arge 
Entartung  desselben  um  die  Mitte  des  dreizehnten  Jahrhunderts. 
Dieselbe  Klage  über  die  Verwilderung  und  Versunkenheit  der  beiden 
herrschenden  Stände  erfüllt  auch  die  Gedichte  des  Strickers  und 
andere  Werke  dieser  Zeit. 

Das  Zerrbild  des  romanhaften  Ritterthums  tritt  uns  leibhaftig 
entgegen  in  Ulrich  von  Lichtensteins  Frauendienst,  während  etwas 
früher,  noch  in  der  guten  Zeit  unter  Leopold  dem  Glorreichen,  Nit- 

1 ) Die  Gedichte  Walthers  von  der  Vogelweide.  Zweite  Ausgabe  v.  K.  I.ach- 
mann.  Berlin  1843.  8.  0.  Abel,  Ueber  die  Zeit  einiger  Gedichte  Walthers  in 

Haupts  Zeitschrift  IX , 138.  Vgl.  Centralblatt  1852  S.  149.  Th.  G.  v.  Karajan, 
Ueber  2 Gedichte  Walthers  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Akad.  VII,  359. 
Vgl.  CentralbL  1851  S.  797.  Wackernagel  241.  Gervinus  I,  311. 

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436  V.  Staufer.  § 22.  Deutsche  Dichtung.  § 23.  Die  Novelle. 

hart  von  Reuenthal  in  naturwahren  Bildern  das  derbe  Bauernleben 
in  Niederösterreich  schildert. 

Eine  eigene  Klasse  bilden  noch  diejenigen  Gedichte,  welche 
scheinbar  oder  wirklich  historische  Gegenstände  mit  jener  schranken- 
losen Willkür  behandeln,  die  wir  schon  in  der  Kaiserchronik  ihr 
buntes  Spiel  treiben  sahen,  das  Lied  von  Herzogen  Ernst,  Graf  Ru- 
dolf, aus  dem  der  Zustand  des  Heiligen  Landes  nach  der  Eroberung 
sich  erkennen  läfst,  König  Ruother,  erfüllt  von  Erinnerungen  an 
Konstantinopel  und  den  dortigen  Hof,  die  Meerfahrt  des  Landgrafen 
von  Thüringen,  der  Sängerkrieg  auf  der  Wartburg. 

Dahin  gehört  auch  die  Chronik  Enenkels,  welche  schon  nach 
ganz  kurzer  Zeit  den  letzten  Babenberger,  Friderich  den  Streitbaren, 
in  sagenhafter  Gestalt  erscheinen  läfst.  Aehnlichkeit  damit  hat  eine 
lateinische  Reimchronik  ‘),  welche  zu  verwirrt,  zu  wenig  geschichtlich 
ist,  um  sie  den  eigentlichen  Quellen  beizuzählen,  aber  doch  Beach- 
tung verdient,  %.  B.  in  ihrer  Darstellung  der  Wahl  Friderich  Barba- 
rossas; sie  giebt  uns,  wie  einst  Ademar,  die  Gestalt,  welche  die 
Ereignisse  im  Munde  des  Volkes  annahmen. 

§23.  Die  Novelle. 

Wir  haben  schon  in  den  früheren  Perioden  mehr  als  ein  Werk 
zu  erwähnen  gehabt,  welches  seiner  Form  nach  eigentlich  nicht  in 
den  Bereich  der  Historiographie  fiel,  aber  durch  den  mannigfach 
belehrenden  Inhalt  manche  Chronik  aufwiegt.  Alpert,  Arnold  von 
S.  Emmeram,  Othlob,  der  Mönch  von  Herrieden  schrieben  ohne  feste 
Ordnung,  ohne  die  Absicht  eine  Darstellung  der  Geschichte  zu  geben, 
aber  ihre  Werke  enthalten  viel  Geschichtliches.  Auch  die  Wunder- 
geschichtcn  lassen  sich  damit  vergleichen,  wenn  wie  in  den  Wundern 
des  h.  Wiehert,  die  einzelnen  Geschichten  anmuthig  ausgeführt,  wenn 
nur  diejenigen  ausgesucht  sind,  welche  etwas  besonderes  und  eigen- 
thümliches  darbieten.  In  die  Klosterchronik  von  8.  Hubert  ist  eine 
ganze  Reihe  von  Anekdoten  aufgenommen,  geschöpft  aus  den  Schrift- 
stellern des  Alterthums,  durch  deren  Erzählung  ein  Klosterbruder 
die  Gunst  des  Abtes  Wulfram  von  Prüm  gewann.  Diese  Schrift- 
steller wollten  belehren,  aber  zugleich  unterhalten,  ein  Zweck,  der 
gewifs  auch  bei  vielen  Legenden  vorauszusetzen  ist,  wie  bei  den 
völlig  romanhaften  vom  h.  Georg,  vom  h.  Thomas. 

Besonders  gedieh  die  Gattung  zugleich  lehrhafter,  moralisirender 
und  unterhaltender  Schriftstellerei  am  Hofe  König  Heinrichs  H von 
England,  dem  Sammelplätze  fein  gebildeter  und  gründlich  gelehrter 
')  Cliron.  rythmicum  1152 — 1268  bei  Rauch  SS.  Rerum  Austr.  I,  149. 


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Walther  Map.  Gervasius  von  Tilbury. 


437 


Männer,  bis  auch  hier  die  Herrschsucht  der  Kirche  den  Frieden 
störte.  Wahrhaft  staunenswerth  ist  die  Gelehrsamkeit  und  classische 
Bildung  des  Johann  von  Salisbury,  dessen  Polykraticus  das  merk- 
würdigste Beispiel  davon  giebt,  bis  zu  welcher  Höhe  um  die  Mitte 
des  zwölften  Jahrhunderts  die  auf  dem  Studium  des  Alterthums  be- 
gründete neue  Geistesbildung  gelangt  war,  als  sie  durch  den  neu 
entbrannten  Kampf  der  Kirche  gegen  den  Staat  und  nun  auch  gegen 
die  weltliche  Gelehrsamkeit  um  Jahrhunderte  zurückgeworfen  wurde. 
Sehr  viel  tiefer  steht'  schon  das  zum  Theil  jenem  nachgeahmte  Werk 
des  Walther  Map  De  nugis  Curialivm1),  welches  in  bunter  Mischung 
Märchen  und  Geschichte,  Sittenschilderungen  und  moralische  Betrach- 
tungen enthält,  voll  bitteren  Spottes  Uber  die  Weltleute  sowohl  wie 
Uber  fanatische  und  habsüchtige  Kleriker  und  Mönche,  aber  gegen 
niemanden  so  unerschöpflich,  wie  gegen  den  neuen  Orden  der  Ci- 
sterzienser  und  seinen  Stifter *).  An  schriftstellerischer  Kunst  ist 
Walther  mit  Johann  von  Salisbury  nicht  zu  vergleichen,  aber  sein 
Werk  ist  eine  unendlich  reiche  Fundgrube  für  die  Kenntnifs  der 
Zeit,  für  Sagengeschichte,  vor  allem  für  das  Treiben  am  Hofe  Hein- 
richs II,  dem  wir  leider  nichts  ähnliches  aus  den  Kreisen  der  stau- 
fischen Hofhaltungen  an  die  Seite  zu  setzen  haben. 

An  diesem  englisch  - französischen  Hofe  überrascht  es  nicht, 
wenn  nach  jenen  Geistlichen,  die  halb  wider  Willen  von  seinem  un- 
ruhigen Treiben  fortgerissen  werden,  die  fast  Weltleute  geworden 
sind,  nun  auch  Laien  die  Feder  zu  ähnlichen  Werken  ergreifen.  So 
schrieb  Gervasius  von  Tilbury  ein  Anekdotenbuch  für  König 
Heinrich  den  Jüngeren*).  Eine  Zeit  lang  lebte  dieser  Gervasius 
auch  am  Hofe  des  halb  englischen  Kaisers  Otto  IV,  wo  er  Kanzler 
und  Marschall  des  Reiches  von  Arles  wurde,  und  schrieb  zur  Unter- 
haltung seines  Herrn  in  den  Mufsestunden  im  Jahre  1212  Beine  Otia 
Imperialia,  in  denen  er  zur  Ergötzung  und  Belehrung  die  mannig- 
fachsten und  verschiedenartigsten  Dinge  zusammenstellte,  wichtiges 
und  Unbedeutendes,  ja  abgeschmacktes,  Sage  und  Geschichte,  Länder- 
beschreibung, Naturgeschichte  und  was  ihm  noch  sonst  gerade  in 
die  Feder  kam.  In  seiner  Jugend  war  Gervasius  Rechtslehrer  in 

’)  Gualterii  Mapes  de  nugis  curialium  distinctiones  quinque.  Editcd  by 
Th.  Wright  (zum  ersten  Male).  Printed  for  the  Camden  Soeiety  1850.  4.  Vgl. 
Philipps,  Walther  Map,  in  den  Sitzungsberichten  der  Wiener  Ak.  X,  319 — 399. 

a)  Gegen  diese  ist  auch  der  Reinardus  hauptsächlich  gerichtet. 

3)  Liber  facetiarum  ad  Ileinricum  regem  juniorem,  wohl  noch  ungedruckt. 
Seine  Otia  Imperialia  bei  Leibn.  SS.  Brunsvic.  1,881  —1004  mit  Nachträgen  II, 
751—784.  In  den  von  Liebrecht  herausgegebenen  Auszügen  (Hanover  1856)  ist 
das  Geschichtliche  fortgelassen. 


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438 


V.  Staufer.  § 23.  Die  Novelle. 


Bologna  gewesen,  und  das  zeigt  sich  deutlich  in  seinem  Werke  durch 
die  besondere  Aufmerksamkeit  auf  die  Gesetzgebung.  Im  Jahre  1177 
war  er  selbst  bei  dem  Frieden  von  Venedig  zugegen,  und  deshalb 
ist  seine  freilich  sehr  kurze  und  gedrängte  Uebersicht  der  Kaiser- 
geschichte seit  Karl  dem  Grofsen  (II,  19)  nicht  unwichtig.  Besonders 
aber  ist  es  wichtig  zu  wissen,  wie  ein  Mann  von  so  bedeutender 
Stellung  am  Hofe  und  ein  Laie  die  Verhältnisse  auffafste,  wie  er 
Uber  die  streitigen  Ansprüche  des  päpstlichen  und  des  kaiserlichen 
Hofes  dachte.  Da  finden  wir  nun,  dafs  Gervasius  keinesweges  die 
aus  dem  alten  Kaiserrecht  geschöpfte  Ansicht  anderer  Rechtslehrer 
von  Bologna  Uber  die  unbeschränkte  Machtvollkommenheit  des  Kaiser- 
thums theilt;  er  nimmt  vielmehr  die  Behauptungen  und  Ansprüche 
der  Päpste  unbedenklich  als  gültige  und  feststehende  Wahrheit  auf. 
Deshalb  räth  er  auch  dem  Kaiser  zur  Versöhnung  mit  dem  römischen 
Papste,  denn  durch  dessen  Verleihung  (eius  beneficio)  sei  Rom  an 
das  Frankenreich  gekommen,  habe  der  Kaiser  die  Krone.  Nicht 
wer  den  Deutschen,  sondern  wer  dem  Papste  gefalle,  sei  Kaiser. 
Es  sind  dieselben  Ansichten,  welche  einst  den  ganzen  Hof  Friderichs  I 
in  den  gröfsten  Zorn  versetzt,  deren  Aeufserung  den  Kardinälen  fast 
das  Leben  gekostet  hatte:  jetzt  ist  es  des  Kaisers  Marschall,  der 
sie  selber  ausspricht,  so  wie  sie  auch  im  Schwabenspiegel  als  aner- 
kannte Thatsachen  sich  wiederfinden. 

Nicht  vom  Hofe,  sondern  aus  dem  Kloster  stammt  ein  anderes 
Werk,  dessen  Zweck  Belehrung  und  Erbauung  ist,  das  aber  eben- 
falls dem  Leser  reiche  Unterhaltung  gewährt,  die  Wundergespräche 
des  Caesarius  von  Heisterbach  *),  eine  geistliche  Novellen- 
sammlung, wie  Böhmer  sich  ausdrUckt,  voll  Anmuth  in  der  Dar- 
stellung und  reich  belehrend  für  Kultur  und  Sittengeschichte. 

Wir  haben  diesen  Caesarius  schon  oben  erwähnt  wegen  seiner 
Lebensbeschreibung  des  Erzbischofs  Engelbert  von  Köln ; er  war  ein 
geborener  Kölner  und  lebte  von  1190  bis  1240  in  dem  Cisterzienser 
Kloster  Heisterbach,  das  sich  damals  durch  strenge  Zucht  und 
Sittenreinheit  auszeichnete a),  hat  sich  aber  auch  aufserhalb  des 
Klosters  umgesehen,  wie  er  denn  dem  Erzbischof  Engelbert  nahe 
stand,  und  Köln  war  damals  einer  der  hauptsächlichsten  Brenn- 
punkte der  Politik  sowohl  wie  des  Handelsverkehrs.  In  der  aufser- 
ordentlichen  FUlle  von  Geschichten  aller  Art,  die  Caesarius  in  seinem 

*)  Caesarii  Ilcisterbacensis  monachi  Ord.  Cist.  Dialogua  Miraculorurn  ed.  Strange 
1851.  2 Vol.  8.  Al.  Kaufmann,  Cäsaritis  von  II.  Cöln.  1850.  8.  Böhmer  Reg. 
Imp.  LXX.  Er  soll  auch  ein  Lehen  der  Landgräfin  Elisabeth  verfafst  haben. 
Archiv  VI,  36.  — s)  s.  den  Brief  bei  Sudendorf,  Reg.  II,  172. 


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Caesarius  von  Heisterbach.  Thomas  v.  Chantimpre’.  439 

Buche  gesammelt  hat,  tritt  uns  das  Leben  jener  Zeit  in  den  mannich- 
faltigsten  Formen  und  Gestaltungen  entgegen.  Das  geistliche  Ele- 
ment herrscht  natürlich  vor,  so  wie  an  Wundern  und  Visionen,  dem 
Titel  entsprechend,  Ueberflufs  ist;  man  erstaunt  immer  von  neuem 
Uber  die  aufserordentliche  Leichtgläubigkeit  des  Mannes,  und  man- 
ches bedenkliche  Element  in  seinen  Geschichten  berührt  unheimlich. 
Aber  zilrnen  kann  man  ihm  doch  nicht;  gefährlichen  Folgerungen 
aus  einzelnen  Visionen  geht  er  mit  Geschick  und  Sorgfalt  aus  dem 
Wege  und  kommt  immer  wieder  auf  die  strengen  Forderungen  einer 
sehr  innigen  Frömmigkeit  und  ernsten  Moral  zurück.  Bei  ihm  hat 
der  wuchernde  Aberglaube  das  tiefe  und  ernstliche  sittliche  Gefühl 
durchaus  nicht  erstickt,  und  schonungslos  straft  er  die  Sündhaftig- 
keit geistlicher  und  weltlicher  Würdenträger. 

Ein  weit  finstrerer  Geist  und  unheimlicher  Fanatismus  herrscht 
in  dem  ähnlichen,  wenig  späteren  Werke  des  Dominikaners  Thomas 
von  Chantimprö.  Dieser  war  ein  geborener  Brabanter  und  Mit- 
glied des  1180  gestifteten  Chorhermstiftes  Chantimpre  bei  Cambray. 
Lange  Zeit  hörte  er  im  Aufträge  des  Bischofs  Beichte,  und  hier  er- 
warb er  sich  eine  grofse  Menschenkenntnifs  und  einen  reichen  Schatz 
von  Geschichten.  Um  das  Jahr  1230  trat  er  in  den  Dominikaner- 
Orden  ein;  er  ist  ein  Schüler  des  Albertus  Magnus  gewesen  und 
soll  auf  den  Wunsch  des  Thomas  von  Aquino  die  Werke  des  Aristo- 
teles übersetzt  haben,  eine  Uebersetzung,  die  in  den  Schulen  ge- 
braucht wurde,  aber  sehr  schlecht  sein  soll1).  In  den  Angelegen- 
heiten seines  neuen  Ordens,  dem  er  mit  der  gröfsten  Verehrung 
zugethan  war,  bereiste  Thomas  Lothringen  und  kam  in  Berührung 
mit  vielen  Männern  aus  allen  Weltgegenden.  Er  schrieb  Biographien 
mehrerer  belgischer  Nonnen,  die  aber  hier  nicht  einmal  genannt  zu 
werden  verdienen,  da  blofse  sinnlose  Kasteiungen  kein  Anrecht  auf 
geschichtliche  Beachtung  geben,  ferner  ein  Werk  Uber  die  Natur 
der  Dinge  und  endlich  1263  sein  Buch  vom  Bienenstaat2).  Hierin 
legt  er  als  Text  eine  fabelhafte  Beschreibung  des  Bienenstaates  zu 
Grunde  und  knüpft  daran  moralisirende  Betrachtungen  für  den 
Mönchstaat,  welchen  er  mit  jenem  vergleicht;  diese  erläutert  er 
dann  durch  zahlreiche  Geschichten,  die  manchen  Blick  in  die  Zu- 
stände jener  Zeiten  gestatten.  Besonders  erkennen  wir  darin  die 
gewaltige  Begeisterung,  welche  damals  in  der  Zeit  der  ersten  Aus- 
breitung den  Orden  der  Predigermönche  erfüllte,  und  die  Verehrung 

i 

9 Bruns  über  Heinrich  von  Herford  S.  45. 

2)  Thomae  Cantipratani  Bonum  universale  de  apibus,  ed.  Colvenerius  Duaci 
1627.  8. 


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440 


V.  Staufer.  § 23.  Die  Novelle. 


des  Volkes,  welche  ihm  entgegenkam.  Neben  einer  begeisterten 
Hingabe  und  der  Verachtung  aller  irdischen  Güter,  welche  unsere 
Achtung  erzwingt,  zeigt  sich  darin  in  unheimlicher  Weise  der  fana- 
tische Eifer  gegen  Ketzer  und  Juden,  die  unbeschränkte  Leicht- 
gläubigkeit und  die  grofse  Neigung  zu  Träumen,  Visionen  und 
Teufelsspuk  aller  Art. 

Es  ist  hier  ein  ganz  anderer  Geist  wie  in  den  alten  Mönchs- 
orden; die  früher  so  eifrig  betriebenen  Studien  der  alten  Classiker 
und  der  Geschichte  treten  ftnmer  mehr  zurück  und  werden  von 
Scholastik  und  Legendenkram  überwuchert  Von  geschichtlicher 
Kritik  findet  sich  kaum  noch  eine  Spur;  wie  durch  geöffnete  Schleu- 
sen dringen  jetzt  die  albernsten  Fabeln,  welche  Männer  wie  Ekke- 
hard und  Otto  von  Freising  nicht  einmal  der  Erwähnung  werth 
achteten,  in  die  Geschichtsbücher  ein. 

Wir  können  hiermit  die  Entwickelung  der  Historiographie 
Deutschlands  im  früheren  Mittelalter  als  abgeschlossen  betrachten; 
mit  Rudolf  von  Habsburg  kommt  ein  neuer  Aufschwung  und  es  ent- 
stehen wieder  achtungswerthe  Werke  Uber  die  Geschichte  der  Gegen- 
wart; es  beginnen  dann  die  Chroniken  der  Städte  und  die  Landes- 
geschichten, mit  dem  Reiche  selbst  nimmt  auch  die  Geschicht- 
schreibung eine  andere  Gestalt  an  und  verlangt  eine  abgesonderte 
Behandlung,  welche  aber  bis  jetzt  fast  unmöglich  ist,  da  der 
kritische  Zustand  dieser  späteren  Quellen  noch  gar  zu  sehr  im 
Argen  liegt  und  gerade  manche  der  wichtigsten  Werke  noch  unge- 
druckt sind. 


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BEILAGE  I. 


Nekrologien 

sind  vollständig  oder  im  Auszug  gedruckt  von: 

Achen:  Necrologium  B.  Mariae  V.  Aquensis  ed.  Quix  1830.  4. 

Admunt:  Pez  SS.  Rer.  Austr.  H,  198  — 210. 

Alberti  plebani  in  Waldkirchen,  Mon.  SS.  IX,  754. 

Altenzelle:  Bericht  der  deutschen  Gesellschaft  zu  Leipzig  1841  S.  1;  vgl. 

1844  S.  27.  Archiv  f.  sächs.  Gesch.  1843  S.  24. 

Au  (bei  Gare):  Mon.  Boic.  I,  250.  Fragment. 

Augsburg:  Mon.  Boic.  XXXV*,  3—119;  von  S.  Ulrich  u.  Afra:  Braun, 
Notitia  liter.  VI,  48  — 55. 

Auxerre:  Mart.  Coli.  VI,  685. 

Bamberg,  Michelsberg:  Schannat  Vind.  II,  47.  Bericht  des  hist.  Vereins 
zu  Bamberg  VH. 

Baumburg:  Mon.  Boic.  11,264  — 268. 

Bernold:  Mon.  SS.  V,  391. 

S.  Blasien:  Endlicher,  Codd.  Philol.  p.  134.  Fragment. 

Bleidenstadt:  Böhmers  Fontes  III,  152. 

Bregenz : Neer.  Augiae  majoris  Brigantinae  ed.  J.  Bergmann,  Viennae  1853. 
Chemnitz:  Mencken  SS.  II,  118. 

Chur:  Bergmann,  Beiträge  S.  194  in  den  Denkschriften  der  Wiener  Aka- 
demie IV. 

Diefsen:  Oefele  ü,  654.  Mon.  Boic.  VTII,  300. 

Dorstadt:  Mooyer  im  Archiv  des  histor.  Vereins  für  Niedersachsen  1849; 

vgl.  1851  S.  68. 

Ebersberg:  Oefele  II,  15. 

Eichstedt:  Mon.  SS.  VII,  248. 

Einsiedeln:  Herrgott  Geneal.  Habsb.  HI,  833. 

Epternach:  Reiffenberg,  Momuments  de  Namur  VII,  195. 

Erfurt,  S.  Marien:  Mone,  Zeitschrift  f.  Geschichte  des  Oberrheins  IV,  253; 
S.  Peter:  Schannat  Vind.  II,  17. 


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442  Beilage  I. 

S.  Florian:  Stülz,  Gesch.  von  S.  Florian  S.  193.  Ein  anderes:  Notizen- 
blatt 1852  S.  2ÜL 

Freising:  Eckhart,  Comment.  de  Or.  Francia  I,  835. 

Fulda,  Diptychum:  Schannat  Vind.  1^  16j  Annales  necrologici  minores: 
Dronke,  Traditiones  et  Antiquitates  Fuld.  p.  165.  Excerpirt  Fontes 
EU,  14;  maiores:  Leibn.  SS.  III,  762.  Schannat,  Historia  Fuld.  464. 
Excerpirt  Fontes  III,  155. 

Fürstenfeld:  Mon.  B.  IX,  337. 

S.  Gallen:  Eckhart  Comm.  de  Or.  Francia  II,  919;  cf.  Archiv  IV,  318. 

S.  Germain- des -Präs:  Bouillot,  Histoire  de  S.  G.  App.  p.  CVII. 

Gladbach:  Fontes  III , 357.  Excerpirt  bei  Eckertz  und  Növer,  Gladbach 

S.  309. 

Halberstadt:  Mooyer  in  den  Neuen  Mittheil,  des  thüring.  sächs.  Vereins 
VHI,  3,  58. 

Hamburg:  Langebek  SS.  Dan.  V,  387. 

Hermsdorf:  Archiv  IV,  318.  Fragment. 

Hildesheim,  S.  Michaelis:  Leibn.  SS.  H,  103.  Vgl.  Mooyer,  Neue  Mitthei- 
lungen VIII,  3,  68.  Archiv  des  hist.  Vereins  f.  Niedersachsen.  1840. 
Hofen:  Hefs,  Mon.  Guelf.  133. 

Honau:  Mone,  Zeitschrift  für  Gesch.  des  Oberrhoins  IV,  251. 

Hugo  von  Flavigny:  Mon.  SS.  VIH,  285. 

Ilsenburg:  Leibn.  SS.  HI,  684. 

Island:  Langebek,  SS.  Dan.  H,  504  — 519.  VIH,  552  — 568. 

Kamin:  Ledeburs  Archiv  XV1H,  97 — 117. 

Klosterneuburg:  Fischer,  Geschichte  von  Klosterneuburg  H,  101.  Zeibig 
im  Archiv  für  österr.  Gesch.  Quellen  VH,  271. 

Köln:  Fontes  IH,  342.  Lacomblet,  Archiv  für  die  Geschichte  des  Nieder- 
rheins II,  lj  von  Grofs  S.  Martin:  Fontes  HI,  347;  von  Mariengreden: 
Lacomblet,  Archiv  für  Gesch.  des  Niederrheins  H,  49. 

Konstanz:  Geschichtsfreund  XIII,  im  Auszug  mitgetheilt  v.  J.  F.  Böhmer. 
Kopenhagen:  Langebek,  SS.  Dan.  VIH,  538  — 550. 

Laach:  Wegeier,  Geschichte  des  Klosters  Laach.  Bonn  1854.  8. 
Lichtentlial:  Schannat  Vind.  I,  23. 

Lilienfeld:  Hanthaler,  Reeensus  Archivi  Campilil.  H,  423  — 438.  Wegen 
der  bekannten  Eigenschaften  des  Herausgebers  mit  Vorsicht  zu  be- 
nutzen. 

Lorsch:  In  Adonis  Martyrologium  ed.  Rom.  1745  p.  689  ex  cod.  Vat. 
Pal.  485;  p.  704  ex  cod.  Pal.  499.  Schannat  Vind.  1^  23  ex  cod. 
Wirziburg.  Fontes  HI,  144  nach  Schannat  und  Cod.  Pal.  499. 
Lüneburg,  S.  Michaelis:  Wedekind,  Noten  IH. 

Lund:  Langebek  SS.  Dan.  IH,  434  — 465.  474  — 579.  IV,  27- 66.- 


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Nekrologien. 


443 


Lygum  Kloster:  Langebek  SS.  Dan.  IV,  578—587. 

Mailand:  Murat.  SS.  Ib,  235. 

Mainz:  Schannat  Vind.  I,  L Fontes  III,  141. 

Maria  Hof  bei  Neidingen,  herausgegeben  von  Fickler,  Donaucschingen 
1845.  8.  (Schulprogramm). 

Meifsen : Schöttgen  et  Kreifsig  II,  97, 

Melk : Pez  SS.  Rer.  Austr.  I,  ‘104 . 

Merseburg:  Hesse  in  Höfers  Zeitschrift  für  Archivkunde  Ij  111.  Ein 
neueres,  von  Fürstemann  herausgegeben,  in  den  Neuen  Mittheilungen 

II,  222* 

Michelbeuern:  Filz,  Gesch.  von  Michelb.  S.  860. 

Millstatt:  Scholliner  in  Suppl.  ad  Diss.  geneal.  de  Weifsenoensis  mon. 
fund.  p.  6, 

Mollenbeck:  Schräder  in  Wigands  Archiv  für  die  Gesch.  Westphalens 

V,  342. 

Montecasino:  Gattula,  Accessiones  ad  Historiam  Casinensem. 

Monza:  Frisi,  Memorie  di  Monza  III,  100—151. 

Münster,  s.  Ficker,  die  Münsterischen  Chroniken  S.  XLV. 

Münster  (Beronis) : Herrgott,  Geneal.  Habsb.  HI,  850. 

Muri:  ib.  p.  839. 

Naumburg:  Schöttgen  et  Kreifsig  n,  160. 

Neidingen:  Fickler  in  einem  Mannheimer  Lyceal- Programm. 

Nestved:  Langebek  SS.  Dan.  IV,  298  — 318. 

Norwegen : Langebek  SS.  Dan.  V,  385.  386, 

Novalese:  Mon.  SS.  VII,  130. 

Oberaltaich:  Mon.  Boic.  XH,  278. 

Opatowitz-:  Dobner,  Mon.  Hist.  Boh.  HI,  9. 

Osnabrück:  Meyer  in  den  Mitteilungen  des  historischen  Vereins  für 
Osnabrück  IV. 

Ottenbcuem:  Hefs,  Mon.  Guelf.  p.  289. 

Paderborn:  Zeitschr.  f.  Gesch.  u.  Alterth.  Westfalens  X,  115;  andere  an- 
geführt p.  119. 

Passau:  Diimmler,  Piligrim  von  Passau  S.  101.  Fragment. 

Pegau : Mencken  SS.  H,  118. 

Podlasitsch : Dudik,  Forschungen  in  Schweden  S.  404.  vgl.  S.  228. 
Polling:  benutzt  in  der  Succincta  Inforraatio  de  mon.  Poll. 

Prag:  Mansionarien,  Dobn.  Mon.  IH,  299  — 316;  Strahof:  Dlabac,  Chrono- 
logicum  Necrologium.  Prag.  1817.  8. 

Presburg:  Endlicher,  Mon.  Arpadiana  58. 

Prüm:  Archiv  III,  23. 

Quedlinburg:  Mooyer  in  den  Neuen  Mittheil.  VIII,  3,  46.  70. 


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444 


Beilage  I. 


Ranshofen:  Mon.  SS.  IV,  791. 

Regensburg,  S.  Emmeram:  Mon.  Boic.  XIV,  365.  Vgl.  Mooyer  in  den 
Verhandlungen  f.  Oberpfalz  XUI,  275  — 405;  Niedermünster:  Fontes 
III,  483;  Obermünster:  ib.  485. 

Reichenau:  Keller  in  den  Mittheil,  der  Antiquar.  Gesellschaft  in  Zürich 
VI,  2*  1848. 

Rein:  Pusch  et  Froelich,  Diplomataria  Styriae  ü,  333. 

Retz,  Dominikaner:  Duellii  Mise.  H,  169. 

Ripen:  Langebek  SS.  Dan.  V,  534  — 570. 

Rom,  San  Pietro  in  Vaticano:  Dudik,  Iter  Rom.  I,  79  — 82. 

Rothschild:  Langebek  SS.  Dan.  III,  266 — 275. 

Salzburg:  Mon.  Boic.  XIV,  365  — 405.  Vgl.  das  Verbrüderungsbuch  des 
Stiftes  S.  Peter  mit  Erläuterungen  von  Th.  G.  von  Karajan.  Wien 
1852  f. 

Seckau:  Pusch  et  Froelich,  Diplomataria  Styriae  n,  353. 

Seitz:  ib.  p.  329. 

Seldenthal  oder  Seligenthal:  Mon.  Boic.  XV,  506  — 550. 

Seon:  Mon.  Boic.  II,  158  — 162. 

Siena:  Ozanam,  Documents  infidits  pour  servir  ä l’histoire  littöraire  de 
l’Italie.  Paris  1850.  8. 

Stablo:  Martene  Coli.  VI,  668. 

Strafeburg:  Mone’s  Anzeiger  1838  S.  10,  Fontes  III,  XV.  Mooyer  im 
Archiv  des  histor.  Vereins  von  Unterfranken  XIII,  3, 

Tegernsee:  Oefele  I,  632  — 638.  Freyberg,  Geschichte  von  Tegernsee 
S.  203  — 220.  Vgl.  Mooyer  in  den  Westf.  Prov.  Rlättern  ID,  L 

Thierhaupten : Mon.  Boic.  XV,  140—144. 

Thüringen:  Wegele  in  der  Zeitschr.  des  Vereins  für  thüring.  Gesch.  und 
Alterthumskunde  II,  118. 119. 

Trier,  S.  Maximin:  Archiv  XI,  290. 

Turin,  S.  Andrea:  Mon.  SS.  VII,  130. 

Understorf:  Mon.  Boic.  XIV,  168—170. 

Weingarten:  Hefs,  Mon.  Guelf.  p.  133. 

Weifsenau:  Mone,  Zeitschr.  f.  Gesch.  des  Oberrheins  Bd.  8.  Heft  3.  1857. 
Vgl.  Bd.  9.  Heft  L 

Weifsenburg:  Mooyer  im  Archiv  d.  hist.  Vereins  v.  Unterfranken  XHI,  3, 

Weltenburg:  Mon.  Boic.  XIH,  473  — 493. 

Werden:  Leibn.  SS.  IH,  747.  Fontes  in,  389;  cf.  Mart.  Coli.  VI,  679. 

Wessobrunn:  Leutner,  Hist.  Wessofontana  H,  1 — 14. 

Wettingen:  Herrgott,  Geneal.  Habsb.  HI,  839. 

Wien,  Minoriten:  Pez  SS.  Austr.  H,  471—519;  Schotten:  ib.  1,695.  cf. 
Sitzungberichte  der  Wiener  Akademie  XIII,  107. 


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Nekrologien. 


445 


Wilhering:  Stülz,  Geschichte  von  Wilhering  S.  435. 

Wilthen : Hefs,  Mon.  Guelf.  p.  292. 

Wimpfen:  Schannat  Vind.  II,  64. 

Windberg:  Mon.  Boic.  XIV,  90—108. 

Wisby:  Langebek  SS.  Dan.  VI,  557 — 566. 

Wöltingerode:  Mooyer  in  der  Zeitschrift  des  histor.  Vereins  für  Nieder- 
sachsen 1851  S.  48. 

Wurmsbach:  Herrgott,  Geneal.  Habsb.  HI,  848. 

Xanten:  Binterim  und  Mooren,  die  alte  und  neue  Erzdiöcese  Köln  I,  375. 
Zeitz:  Schöttgen  et  Kreifsig  13, 152. 

Zwifalten:  Hefs,  Mon.  Guelf.  p.  234. 

Unbestimmtes  Fragment.  Mooyer,  Nene  Mittheil.  VHI,  3,  83. 


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BEILAGE  II. 


Verzeichnis 

alter  und  neuer  Fälschungen. 

(Mit  Ausschlafs  von  Urkunden  und  Briefen.) 


Aloldus,  s.  Ortilo. 

Amandus  Friderici  I Secretarius  de  primis  actis  a Friderico  in  imperio 
peractis,  angeführt  von  Gewold  de  Septemviratu.  Wattenbach,  Iter 
Austr.  p.  6. 

Anastasii  C'hronicon  Casinense  — 857,  s.  oben  S.  333. 

Annales  Beneventani,  von  Pratill  verfälscht.  Koepke,  Archiv  IX,  198 — 202. 

Arnulfi  Chronicon  Sarracenico-Calabrum.  Koepke,  Archiv  IX,  206— 212. 

Azzonis  Canon.  Merseburg.  Vita  Heinrici  I,  angeblich  auf  Wachstafeln. 
Archiv  XI,  141. 

Baltheri  Vita  S.  Fridolini.  Betrügliches  Machwerk  des  10.  Jahrhunderts. 
Mone,  Quellensamml.  S.  4.  Vgl.  Stalin  1, 166.  ltettberg  II,  29. 

Bonifacii  Vita  Livini.  Rettberg  II,  509. 

Catalogus  ducum  Beneventi  et  principum  Salerni.  Koepke,  Archiv  IX,  197. 

Christanni  Vita  Wenceslai,  eine  Compilation  des  14.  Jahrhunderts,  vorgeb- 
lich von  dem  Sohne  Herzog  Boleslaws  I.  Dobrowsky,  Kritische  Ver- 
suche, in  den  Abh.  der  K.  Böhm.  Ges.  d.  Wiss.  1803.  1804.  1819. 

Chronicon  comitum  Capuae.  Koepke,  Archiv  IX,  202—206. 

Chronicon  Cavense.  Pcrtz  u.  Koepke,  Ueber  das  Chron.  Cavense  u.  andere 
von  Pratillo  herausgegebene  Quellenschriften.  Archiv  IX,  1 — 239. 

Chronicon  Corbeiense.  Wedekind,  Noten  I,  374 — 399.  Gefälscht  v.  Falcke 
oder  Paulini,  s.  Waitz  u.  Hirsch  in  den  Rankeschen  Jahrbüchern  IH,  1. 
Wigand,  Die  Korveischen  Geschichtsquellen,  1841. 

Chronicon  Maceriense.  Wattenbach  im  Archiv  XI,  211 — 215. 

Dextri  Chronicon  a.  1 — 430  cum  contin.  Marci  Maximi  ad  a.  612.  Bähr, 
Christliche  Dichter  und  Gcschichtschr.  Roms  S.  113.  Frühere  Fäl- 
schungen, ein  Chron.  Itacii  u.  a.  werden  dem  Pelagius  v.  Oviedo  zu- 
geschrieben. 


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Fälschungen. 


447 


Fasti  Corbeienses  ed.  Harenberg,  Mon.  inedita  1758. 

Fausti  Vita  S.  Mauri.  Fälschung  des  Abtes  Odo  von  Glanfeuil,  schon  von 
Papcbroch  aufgegeben,  doch  noch  häufig  benutzt.  Roth,  Gesch.  des 
Beneficialwesens  S.  438. 

Gesta  S.  Placidi,  s.  oben  S.  333. 

Guntheri  Ligurinus,  s.  oben  S.  2.  Stalin,  Wirt.  Gesch.  H,  22.  Pertz,  Steins 
Leben  V,  266. 

Hildegardus  Gradicensis,  angeblich  ein  Chronist  des  Kl.  Hradisch  aus  dem 
12.  Jahrhundert,  von  dem  Boczek  im  Cod.  Dipl.  Mor.  Fragmente  an- 
fiihrt.  Unbeglaubigt  sind  auch  die  von  Boczek  in  „Maehren  unter 
Rud.  I“  (Böhm.  Ges.  d.  Wiss.  N.  F.  Bd.  IV.  1837)  angeführten  Anon. 
Zabrdowicensis  und  Welegradensis,  nebst  Hradischer  Annalen. 

Hincmari  Vita  Remigii.  Angeblich  nach  einem  alten  von  H.  aufgefundenen 
Leben;  s.  Roth,  Bcneficialwesen  S.  461:  Die  Fälschungen  Ilinkmars 
von  Rheims.  Weizsäcker,  Hinkmar  u.  Pseudo  - Isidor,  in  der  Ztschr. 
f.  hist.  Theol.  1858.  S.  327—430;  über  die  Vita  Rem.  S.  388.  417. 

Hunibaldi  Historiarum  libri  XVIII.  Chmel,  Handschriften  d.  Wiener  Hof- 
bibl.  I,  312—320.  Loebell,  Gregor  von  Tours  S.  487.  Gervinus  I,  22. 

Lewpuldi  Campilil.  brevo  Excerptum  e Chron.  Rikardi  Canon.  Newnburg. 
de  S.  Leopoldo,  in  Hanthalers  Fasti  Campilil.  I,  2, 1308.  Hanthalersche 
Fälschung. 

Libusin  Saud.  Schafarik  u.  Palacky,  Aelteste  Denkmale  der  böhmischen 
Sprache ; vgl.  Dobrowsky  in  den  Wiener  Jahrbüchern  27,  95.  100  ff. 
Pertz  im  Archiv  IX,  465.  Nach  Kopitar,  Hesychii  Glossographi  disci- 
pulus  Russus  p.  58  und  Prolegom.  p.  68  in  Miklosich’  Slav.  Bibi.  I 
wären  auch  die  Lieder  der  Königinhofer  HS.  Nachahmungen  der  ser- 
bischen Lieder. 

Luitprandi  Chronicon  spurium  a.  606  — 960  inter  Opera  L.  ab  Hieronymo 
de  la  Higuera  S.  I.  et  Laur.  Ramirez  de  Prado  edita  Antw.  1540  f. 
Aus  derselben  Schmiede  sind  noch  mehrere  untergeschobene  Werke 
über  Spanien. 

Marcellini  Vita  S.  Suiberti,  angeblich  von  einem  seiner  Gefährten,  aber 
nicht  vor  dem  13.  Jahrhundert  entstanden.  Rettberg  II,  396. 

Megcnfridus  Fuldensis,  ein  Trithemischer  Schriftsteller.  Boehmer,  Fontes 

in,  xxxh. 

Ortilonis  de  Lilienfeld  Notulae  ex  Aloldo  Peklar.  bei  Hanthaler,  Fasti 
Campilil.  I,  2,  1275.  u.  desselben  Liber  de  Exordio  Campililii,  p.  1291 ; 
vgl.  Blumberger,  Wiener  Jahrbücher  1839,  Bd.  87,  Anzeigeblatt  S.  21. 
Chmel,  Handschriften  der  Wiener  Hofbibi.  H,  656. 

Pernoldi  de  ord.  Praedicatorum  Chron.  Friderici  Bellicosi,  ib.  1312,  eben- 
falls Hanthalersche  Fälschung,  s.  Palacky  in  den  Abh.  der  Böhm.  G. 


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448 


Beilage  II.  Fälschungen. 


der  Wies.  5,  F.  2.  B.  1841.  p.  29.  Wattenbach , Die  österreichischen 
Freiheitsbriefe  S.  105 — 107. 

Prokosch,  Poln.  Chronik  im  10.  Jahrhundert  geschrieben,  mit  Zusätzen 
aus  Kagnimirs  Chronik  des  elften.  Warschau  1825.  8.  Rec.  v.  Do- 
browsky  in  den  Wiener  Jahrbüchern  32,  77. 

Eikardus  Claustroneoburgensis,  s.  Lewpoldus. 

Ridolfi  notarii  historia  Brixiensis.  Bethmann,  Archiv  X,  386. 

Rüxners  Tumierbuch,  s.  oben  S.  4. 

Theodori  Vita  S.  Magni.  Betrügliches  Machwerk  des  10.  u.  DL  Jahrh., 
angeblich  in  S.  Magnus  Grab  gefunden;  s.  oben  S.  149. 

Tilpini  s.  Turpini  über  de  Gestis  Karoli  Magni.  Bähr,  Karol.  Litt  S.  192 
bis  200.  Gervinus  1, 236. 

Ubaldi  Chronicon  Neapolitanum.  Koepke,  Archiv  IX,  212—224. 

Vita  Balthildis  II,  interpolirt  nach  Roth  S.  443. 

Vita  S.  Tygris.  Roth,  Beneficialwesen  S.  307. 

Vita  S.  Valentini,  auf  eine  Bleitafel  geschrieben,  die  1020  in  seinem  Grabe 
gefunden,  d.  h.  hineingelegt  wurde.  Als  echt  benutzt  von  Muchar. 
S.  Rettberg  I,  220.  Dümmler,  Piligrim  von  Passau  S.  188. 

Vita  Wandregisili  II.  Roth  S.  443. 

Welbertus,  Conradi  H capellanus,  de  electione  Lotharii,  angeführt  von 
Gewold  de  septemviratu.  Wattenbach,  Iter  Austr.  p.  6. 


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REGISTER 


Id  dieses  Register  smd  Auch  die  im  Texte  nicht  erwähnten  Stücke  der  MonumentA  Germa- 
ni&e  aufgenommen,  mit  der  Seitenzahl,  welche  an  der  beigefügten  römischen  Zahl  des 
Bandes  der  Scriptorcs  kenntlich  ist.  Die  lateinischen  Titel  der  Quellenschriften  sind 
als  die  gewöhnlich  vorkommenden  vorgexogen,  und  deshalb  auch,  abweichend  von  dem 
im  Text  beobachteten  Gebrauch,  in  der  Regel  der  Buchstabe  0 statt  K gesetzt. 


Aaron,  Mönch  in  Fulda 
Abbatis  Fuldensis  historia.  131. 
Abbo,  Abt  von  Fleury.  207. 

— de  bellis  Paris,  urbia.  155. 
Abdinghofen.  235.  236, 

Ablavii  historia  Gothorum.  44,  49. 
Absalon,  Bisch,  v.  Rothschild.  379. 
Absternacum  s.  Epternach. 

Acerbus  Morena.  371. 

Achen.  104.  25L  303.  403.  404.  41G. 
433.  441. 

Acta  Concilii  Causeiensis  etc.  204. 

— vetusta  abbatum  Fuldensium.  131. 

— Murensia.  396. 

Vatiosnü  Q7 4 

Adalbero  (969—988)  Erzb.  v.  Reims. 

203.  m 

— Erzb.  v.  Trier  s.  Albero. 

— (887—910)  Bisch,  v.  Augsburg.  140. 

151.  246. 

— Bisch,  v.  Laon.  159. 

— I (929—962)  Bisch,  v.  Metz.  ISS. 

H (984—1005).  188.  295.  HI 
(1047—1072).  120. 

— (1045 — 1090)  Bisch,  v.  Wirzburg. 

235.  251.  305.  339.  397. 

— Propst  von  Benedictbeuem.  200. 
Adalbert  König  Berengars  Sohn.  224. 

— und  Otker.  390. 

— (1045  — 1072)  Erzb.  v.  Bremen. 

9R9 9r.r.  oüo 

— (968  — 981)  Erzb.  v.  Magdeb.  122. 

185.  II  (1205—1235).  380.  38L 

— II  (1138 — 1141)  Erzb.  v.  Mainz. 

221.  234.  400. 


Adalbert  (982-997)  Bisch,  v.  Prag.  112. 
317.  Vita  auct.  Brunone.  180.  auct. 
Joh.  Canapario.  216. 

— Abt  v.  S.  Michael  zu  Hildesh.  230. 

— Diac.  zu  Bamberg,  Vita  Heinrici  II. 

123.  393. 

Adalbold  (1010  — 1027)  Bisch,  von 
Utrecht.  191.  122. 

Adalfrid,  Mönch  in  Fulda.  126. 
Adalgar  (888  — 909)  Erzb.  v.  Ham- 
burg. 135. 

— Schulvorsteher  in  Utrecht.  133. 
Adalhalm  von  Filfsen.  248. 

Adalhard,  Bisch,  v.  Verona.  152. 

— Abt  v.  Corbie.  136.  131. 
Adalheid,  Kaiserin,  Gemahlin  Otto's  L 

162.  164.  209. 

— Aebtissin  von  Quedlinburg.  174. 

von  Vilich.  284. 

Adalram  (821—836)  Erzb.  v.  Salzb.  121. 
Adam  von  Bremen.  138.  252  — 255. 
343.  377.  414. 

Adela,  Gräfin  von  Blois.  323. 
Adelarii  et  Eobani  inventio.  339. 
Adelerii  mon.  Floriacensis  Miracula 
S.  Benedicti.  207. 

Adelmann,  Bisch,  v.  Brescia.  286. 287. 
Adelperga,  Tochter  des  Königs  Desi- 
derius.  3fL  26. 

Ademarii  Caban.  Historiarum  libri  HI. 

322. 

Adhemar,  Mönch.  114. 

Admunt.  240.  250.  251.  362. 38L  441. 
Ado,  Erzb.  v.  Vienne.  4L  119. 
Adrevald  von  Fleury.  207. 

29 


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450 


Register. 


Adso,  Abt  v.  Moutier-en-Der.  163.  Mi- 
racula  S.  Basoli  IV,  517.  S.  Man- 
sueti.  IV,  509. 

S.  Aegidii  Miracula.  237.  Brunsvic. 
Chron.  420. 

Aegidii  Aureae  Vallis  mon.  Gesta  Pon- 
tif.  LcoU.  288,  402. 

Aelbert,  Erzb.  von  York.  93. 

Afflighem  301.  Auctarium  Sigeberti 
VI,  398.  Visio  Fulgentii  abb.  IX, 
417. 


Agilus  TL 

Agius,  Mönch  in  Lammspring.  138.139. 
Agnelli  Liber  Pontificalis.  158. 
Agnes,  Kaiserin,  Gemahlin  Heinr.  III. 

217.  251 . 

— von  Weimar.  165. 

Agobard,  Erzb.  von  Lyon.  90.  115. 
Agritius,  Bisch,  v.  Trier,  aus  dessen 
Legende  VIII,  211. 

Aim6,  l'ystoire  de  li  Normant.  334. 

A iinnin  v.  Flcnry.  7 1 . 206. 207. 322. 323. 
Alamannia,  Schwaben.  24  ff.  81. 142  ff. 

193  ff.  22L  231  ff.  395—397.  414. 
Alba,  Benzo.  329. 

S.  Alban  bei  Basel.  241.  Mainz261.273. 

Annales.  230.  213.  308. 

Alberich  (c.  775  — 785)  Bisch,  von 
Utrecht.  133. 

— von  Rom.  213.  325. 

Alberici  Trium  fontium  mon.  Chroni- 
con.  212.  424. 

Albero  (1131  — 1152)  Erzb.  v.  Trier. 

222.  215.  216.  348.  349. 

Albert  ( 1 198— 1229)  Bisch,  v.  Livl.  385. 

— (1191 — 1192)  Bisch,  v.  Lüttich.  407. 
Alberti  plebani  de  Waldkirchen  Aucta- 
rium Continuationis  Florian,  et 
Calendarium.  IX,  753. 

Albertus  Aquensis.  303.  Argentinen- 
sis.  419.  Bohemus.  391.  Magnus. 
386.  439.  Stadensis.  257.313.412. 
413.  426. 

Albiani  Annales.  413. 

S.  Albini  Andegavensis  Ann.  III,  168. 
Albwin,  Abt  v.  Nienburg  a.  d.  Saale. 

229.  263. 


Alcuin,  Abt  von  S.  Martin  zu  Tours. 
82.  87.  89—94.  99—101.  103. 121 . 
123 — 128. 133. 139. 142.  Annales. 


87.  Epistolae.  94.  Vita  S.  Richa- 
rii.  100.  Willibrordi.  82.  Vita  Al- 
cuäni.  93. 

Aldebaldi  Vita  Maioli.  209. 

Aldemar,  Cardinal.  331 . 

Aldenburg.  Chron.  302. 


Alderich,  Erzb.  von  Sens.  128. 
Aldersbac.  Contin.  Mart.  Pol.  428. 
Alexander  Telesinus  de  Rebus  gestis 
Rogerii.  373. 

S.  Alexandri  Translatio.  130. 254.  Ot- 
tenb.  395. 

Alexias.  334. 

S.  Alexii  Miracula.  IV,  619. 

Alfanus,  Erzb.  v.  Salerno.  331 . 

Alger,  Schol.  in  Lüttich.  286.  287. 
Allati  epistolae.  200. 

Almerich  der  Bär,  Abt  von  Farfa.  217. 
Alold  von  Peklarn.  447. 

Alpert  von  Metz.  189. 

S.  Alrunae  Vita.  228. 

Altaich,  Nieder.  110. 124, 132. 148. 152. 
200.  227—229.  249.  331.  389.  419. 

— Ober,  Necrolog.  443. 
Altenmünster.  248. 

Altenzelle.  382»  441. 

Altfrid  (847  — 874)  Bisch,  v.  Hildes- 
heim. 12L 

— (839—849)  Bisch,  v.  Münster.  132. 

133. 

Altinum,  unweit  Venedig,  Chron.  214. 
Altmann  (1065 — 1091)  Bisch.  v.Passau. 

217.  235.  251.  306.  366»  392. 
Altonis  Vita.  248, 

Altorf.  248. 

Altus  Mons,  Haumont.  280. 

Alubert,  Angelsachse  in  Utrecht.  132» 
Atnalar  (801 — 814)  Erzb.  v.  Trier.  139, 
S.  Amand,  früher  Elnone.  29,  86.  82» 
90.  2QL  301. 

Amandus  de  Frid.  L imp.  446. 
Amarcius  poeta.  223. 

Amati  Hist.  Normannorum.  332.  334. 
Ammerbach.  248. 

Amtl.  Geschichtschreibung.  80, 106  ff. 

113.  122  ff.  154,  186.  26L  262. 
Anamodi  Cod.  Trad.  S.  Emmer.  152. 
S.  Anastasiae  Translatio  auctore  Got- 
schalco  IX,  224. 

Anastasius. 40.  s.  Gcsta  Pontif. Roman. 

— Chron.  Casin.  333. 

Anchin.  298. 

Andaginensc  monast.  (S.  Hubert).  142. 
281. 

Andegav.  Ann.  S.  Albini.  III,  168. 

S.  Andrea  della  Valle.  40. 

S.  Andrcae  monast.  in  Castro  Camera- 
cesii.  301.  in  monte  Soracte.  213. 
Taurin.  Necrol.  444. 

SS.  Andreae  et  Bened.  Vita.  320. 
Andreas  (1091 — 1096)  Bisch,  v.ülmiiz. 
316. 


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Register.  451 


Andreas,  Abt  von  Michelsberg.  807. 
v.  Vallombrosa.  335. 

— von  Bergamo.  158.  von  Marchien- 

nes.  407. 

Angelsachsen.  28.  80—88.  125.  129. 
132  ff. 

Angers,  Annales  S.  Albini.  in,  108. 
Angilbert,  Abt  von  S.  Riquier.  82. 21. 
99—103. 115, 116.  Vita  anct.  An- 
schero.  99 — 101,  Carmen  de  Ca- 
rolo  Magno.  102.  103. 

Angilberti  Versus  de  bello  Fontane- 
tico.  112. 

Angildruth,  Nonne.  128. 

Angilrara  ( 769  — 791 ) Bischof  von 
Metz.  97. 

Angouleme.  221. 322.  347.  Ann.  IV,  5. 
Aniane,  Benedict.  115. 

Anna  Comnena.  334. 

Annalen.  15.  39.  84  ff. 

Annales  Admuntenses.  362.  365. 

— Alamannici.  82.  1 94. 

— S.  Albani  Mog.  230.  223,  308. 

— Albiani.  413. 

— S.  Albini  Andegavensis.  ffl,  168. 

— Alcuini.  82, 

— Altahenses.  132. 124. 227.228.  249. 

— S.  Amandi.  22.  86,  breves.  II,  184. 

— Andegav.  8.  Albini.  III,  168. 

— S.  Andreae  de  Valle.  40, 

— Aquenses.  387.  403. 

— Aquicinenses.  298. 

— Argentin.  399.  418.  41 9. 

— Augienses.  82.  186.  194.  brevis- 

sitni  III,  136. 

— Augustani.  245.  minores.  394.  395. 

— Auscienses.  III,  121. 

— Austriae.  365. 

— Babenberg.  394.  S.  Mich.  307.  394. 

— Barenses.  330. 

— S.  Bavonis  Gandensis.  II,  185. 

— Benedictobur.  396. 

— Beneventani.  330.  446. 

— S.  Benigni  Divionensis.  322. 

— Bertiniani.  113.  154-  323. 

— Besuenses.  322. 

— Blandinienses.  407. 

— S.  Bonifacii  Fuld.  132. 

— Bosovienses.  381.  382. 

— Brunwilarenses.  284. 

— S.  Burchardi  Wirzb.  252,  273. 308. 

— Cantuarienses.  8L 

— Casinates.  330. 

— Cavenses.  315.  330. 

— Claustroneoburg.  365. 

— Colmar.  399.  419. 


Annales  Colonienses.  184.  284.  417. 
S.  Gereonis.  402. 

— S.  Columbae  Senonensis.  207. 

— Corbeienses.  85.  88.  138.  168.  254. 

315-  350. 

— Cracovienses.  319. 

— Cremifanenses.  365. 

— 8.  Crucensos.  365. 

— Divionenses.  322. 

— S.  Dysibodi.  257.  273.  308.  409. 

— Egmondani.  407. 

— Einsidlenses.  194.  397. 

— Elnonenses.  301. 

— Elwangenses.  273.  308.  396. 

— 8.  Emmerammi.  198. 

— Engelberg.  397. 

— Engolismenses.  IV,  5, 

— Ensdorfenses.  394. 

— Erphesfurdenses.  313.  342.  381  bis 

383.  387.  388.  410, 

— Eucharii  Treverensis.  275. 

— Farfenses.  326. 

— Flaviniacenses.  III,  150. 

— Floriacenses.  II,  254. 

— Florianenses.  363. 

— Formoselenses.  407. 

— Fossenses.  191. 

— Fuldenses.  88.  122—125.  129. 132. 

152.  233.  254.  36L  409. 

— S.  Gallenses.  194.  244.  Baluzii, 

breves  etc.  L 63 — 71. 

— Gandenses.  117  185. 

— Garstenses.  362. 

— Gengenbacenses.  V,  389. 

— Genuenses.  371. 

— S.  Georgii  in  Silva  nigra.  397. 

— S.  Gereonis.  402. 

— S.  Germani  Parisiensis.  in,  166. 

minores.  82. 

— S.  Gisleni.  300. 

— Gnesnenses.  319. 

— Gotwicenses.  365. 

— Gradicenses.  319,  367, 

— Grussavienses.  319. 

— Guelferbytani.  I,  23. 

— Halberstadenses.  413. 

— Hamburg.  413. 

— Heilsbronn.  394. 

— Hepidanni.  194. 

— Herbipol.  395.  410. 

— Heremi.  194. 

— Hersfeldenses.  82,  131.  132.  174. 

128. 182.194.  222.  245.  266.  318. 

— Hildcsheimenno«.  1 32. 1 78. 1 82. 226. 

222.230.233.236.  223.  308.  315. 
343.  412. 413.  412. 

29* 


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452 


Register. 


Annales  Iburgenses.  232. 

— S.  Joh.  s.  Magd. 

— Juvavenses  (I,  ÖL  III,  122).  82,  88. 

192. 

— Lambacenscs.  365. 

— Laubacenses.  86,  191. 

— Laubienses.  191.  414. 

— Laureshamenses.  107.  118.  119. 

— Laurissenses  (plebeii,  Loiseliani). 

108  — 108.  123.  140.  322. 

— Laurissenses  minores.  10L122J18. 

— Lausonenses.  III,  152. 

— Lemovicenses.  II,  2äL 

— Leodienses.  191.  407. 

— Lindisfarnenses.  8L 

— Lobienses.  191, 

— Loiseliani,  sind  die  Laurissenses. 

— Lothariani.  342,  382,  ML  410, 

— Lugdunenses.  I,  110, 

— Magdeburgenses  ( Chronographus 

Saxo).  174.179. 226.  258.257. 313. 
343,  380.  382,  412,  413, 

— Masciacenses.  III,  169. 

— Mataeenses.  363. 

— Maurimonast.  398. 

— S.  Maximini  Trevirensis.  184. 

— S.  Meginradi.  194. 

— Mellicenses.  239.  362.  365. 

— Mettenses.  80. 107. 188.  brevissimi. 

III,  155.  S.  Vincentii.  III,  156. 

— S.  Michaelis  Babenberg.  307.  394, 

— Moguntini.  401.  S.  Albani.  230. 

223,  308, 

— Monaster.  S.  Greg.  398. 

— Mosomagenses.  III,  160. 

— Murbacenses.  28,  8L  194. 

— Nazariani.  23, 

— Neresheimenses.  396. 

— Novimontenses.  365. 

— Opatowicenses.  367. 

— Otakariani.  370. 

— Ottenburani.  132.  245.  396. 

— Paiid.  31 3.  376.  380.  410—413.  421. 

— Paris.  S.  Germ.  III,  82,  166. 

— Pegav.  326.  381  — 383.  387. 

— Petaviani  (I,  L III,  170).  86. 

— S.  Petri  Erf.  387. 

— plebei,  sind  die  Laurissenses. 

— Posnanienses.  319. 

— Posonienses.  321. 

— Pragenses.  314.  315.  369.  370. 

— Pruvening.  392. 

— Quedlinburgenses.  132.  174.  180. 

182.  256.  343.  413. 

— Ratisponenses.  198.  249. 

— Ravenuates.  39, 


Annales  Reichersberg.  364. 

— Reinhardsbrunn.  388. 

— Rodenses.  403. 

— Romani.  326. 

— Rosenveld.  25L  223. 308. 343.  409. 

412—414. 

— Rothnacenses.  300. 

— S.  Rudberti  Salisburgensis.  239. 

345,  363.  419.  428. 

— Salisburg.  (I,  89)  8L  88.  36L  362. 

— Scafhusenses.  V,  388. 

— Scheftlarieuses.  389. 

— Schirenscs.  389. 

— Seidentalenses.  389. 

— Senon.  S.  Columbae.  207. 

— Sithienses.  122. 

— Spirenses.  399. 

— S tabulenses.  291. 

— Stadenses.  413. 

— Stederburg.  376. 

— Straubing.  389. 

— Tiliani  (I,  6.  219)  86. 

— Trev.  S.  Euch.  275.  S.  Maxim.  184. 

— Vedastini.  1 55.  202.  300. 

— Veterocell.  382,  383. 

— S.  Vincentii  Mettensis.  III,  156. 

— Vindobon.  Praedicatorum.  365. 

— Virdunenses.  IV,  L 

— S.  Vitoni  Virdunensis.  404. 

— Wcingartenses.  194.  397. 

— Weissemburgenses  a.  763  — 846. 

L HL  Andere  132.  194.  414. 

— Wessofontani.  390. 

— Wirziburgenses.  25L  273. 308. 313. 

387.  394  — 396.  399.  410. 

— Wormatienses.  399. 

— Wratislavienses.  319. 

— Xantenses.  141.  142. 

— Zwetlenses.  365. 

— Zwifaltcnses.  397. 

Annalista  Saxo.  183. 226, 232. 256. 257. 

313,  342  ff.  383,  410—413.  417. 
Anno  (1056—1075)  Erzb.  v.  Cöln.  232 
bis  235.  257.  264.  274.  281.  284. 
285,  288.  306,  Vita  268,  283, 
Transl.  Mir.  269.  339.  341.  Anno- 
lied. 269. 

Anonymus  Barensis.  330. 

— Haserensis.  217:  305. 

— Mellicensis.  55. 

— Murensis.  397. 

— Salernitanus  s.  Chron.  Salern. 

— Ultrajectensis  de  Vita  S.  Bonif.  189. 

— Valesianus.  34,  39, 

— Weingart,  de  Guelfis.  375.  415. 

— Welegrad.  Zabrdowic.  447. 


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Register. 


453 


Ansae  reginae  Epitaphium.  96, 
Ansberti  Expeditio  Frid.  L 369. 
Anscar  (834—865)  Erzb.  y.  Hamburg. 

134.  135.  253.  254. 

Ansehen  Vita  Angilberti.  99.  1ÜL 
Ansegis,  Abt  von  S.  Wandrille.  190. 
Anselm,  Bisch,  von  Lucca.  328.  329. 

— Abt  von  Gembloux.  296.  298. 
Anselm  von  Laon.  279.  290.  von  Lüt- 
tich. 286  — 288.  29JL  4QL  von 
Mainz.  400.  von  S.  Remy.  328. 

Antiochiae  descriptio.  III,  14. 

Antonii  Lirinensis  Vita.  33. 

S.  Apri  Miracula.  IV,  515.  Kloster  in 
Toul.  189.  212. 

Aquicinct.  Ann.  Auct.  et  üontin.  Si- 
geberti.  298. 

Aquileja.  89,  117. 

Aquitanien.  113.  118.  322.  Chron.  H, 
252. 

Arabum  naufragium.  HI,  548. 
Arbogast.  76. 

Archid.  Gnesn.  (Sommersb.  I,  78)  319. 
Arialdi  Vita.  335. 

Aribo  (1020-1031)  Erzb.  v.  Mainz.  269. 
Aribo  (764-784)  Bisch,  v.  Freising.  76. 

77,  90,  247, 

Arichis  v.  Benevent.  96 — 98. 
Arminius.  23. 

Arn,  Abt  v.  S.  Amand , Erzb.  v.  Salz- 
burg. 87.  90.  Formelbuch  92. 
Arnold  (1153—1160)  Erzbischof  von 
Mainz.  400. 

— v.  S.  Emmeram.  246  — 248.  Abt  v. 

Hersfeld.  263.  269.  von  Lübeck. 
377.  378. 

Amstein.  348. 

S.  Arnulfi  Mett,  abbas  Johannes.  187. 
Arnulf,  Kaiser.  124. 

— Bisch,  v.  Metz.  80,  28. 

— Herzog  v.  Baiem.  199. 

Arnulfi  Mediolanensis  Gesta  archiepi- 
scoporum  Mediolanensium.  335. 

— archidiaconi  in  Girardum  Engolis- 

mensem  invectiva.  347. 

— comitis  Flandriae  Genealog.  IX,  302. 

— presb.  Flandr.  epistola.  409. 

— conversi  Villar.  Vita.  407. 

— Chron.  Sarracenico  Calabrum  spur. 

446. 

Arras  s.  Atrebate. 

Aspert  (890  — 893)  Bisch,  v.  Regens- 
burg. 152. 

Astronomi  Vita  Ludowici  Pii.  114. 
Athanarit.  44. 

Atrebatensis  Contin.  Sigeberti.  VI,  443. 


Attalac  abb.  Bobiensis  Vita.  73. 
Attila.  23, 30. 

Au  bei  Gars,  Necrologium.  441. 

Auch,  Ann.  Auscienses.  UI,  171. 

S.  Auctoris  Translatio  (nach  Braun- 
schweig, spät  u.  fabelhaft).  237. 

S.  Audomari  monast.  s.  S.  Omer. 
Augia  s.  Reichenau. 

— minor  s.  Weifsenau. 

Augsburg.  142.  läL  197-199. 241 . 245. 

246.  339.  394.  395.  441. 

Aurach.  308. 

Aurillac.  203. 

Auscienses  Annales.  HI,  171. 
Ausonius.  56. 

Austriaca  Contin.  Martini  Pol.  428, 
Autberti  Camerac.  Vita.  299. 

Autun  s.  Honorius. 

Auxerre,  Necrologium.  441. 

Auxilius.  157. 

Avenche  unweit  Lausanne  s.  Marius. 
Azelin  (1044—1054)  Bisch,  v.  Hildes- 
heim.  231. 

Azzonis  Merseburg.  V.  Heinrici  L 446. 

Babenberg  s.  Bamberg. 

Baicrn.  76.  20,  124, 151-153. 198-201. 
246  — 252.  363.  389  — 393.  Con- 
versio.  76, 77.153.  Bawar.  Contin. 
Ann.  Fuld.  124.  152. 

Baldcrich  (955 — 959)  Bisch,  v. Lüttich. 
190.  19L  U (1008 -1018)..  193. 
286.  287,  292. 

— (918 — 976)  Bisch,  v.  Utrecht.  165. 

182. 

— Scholast.  zu  Trier.  222.  348.  349. 
Balderici  Chron.  Camerac.  299. 
Baltheri  Vita  Fridolini.  446. 

Balthildis  Vita.  448. 

Bamberg.  55. 193.  221.  230.  232,  240, 
270.  304—307.  339.  357.  393. 394. 
441. 

Bangor.  14,  261. 

Bardo  ( 1031 — 1051 ) Erzb.  von  Mainz. 

220.211,430. 

Bardonis  Luc.  V.  Anselmi.  328.  329. 
Bari.  330. 334, 

Bartholomaei  et  Paulini  inventio.  339. 
Bartholomaeus,  Bisch,  v.  Laon.  346. 
Basel.  146.  241. 

S.  Basoli  Miracula.  IV,  517.  Synodus. 

204. 

Baugolf,  Abt  zu  Fulda.  125. 126. 
Baumburg,  Necrologium.  441. 

S.  Bavonis  Gandensis  Ann.  H,  185. 
Beauvais,  Auct.  Sigeberti.  VI,  461, 


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454  Register. 


Beda.  39.  4L  53.  81.  82. 118. 119.  140. 

243.  309.  414. 

Bclae  regis  Notarius  32L 
Benedictbeuern.  200.  242.  396.  Carm. 
Burana.  433. 

S.  Benedicti  monast.  s.  Montecasino. 
Vita.  42.  Translatio  et  Miracula. 

207.  327. 

Benedicti  abb.  Anian.  Vita.  115. 

— de  S.  Andrea  Chronicon.  213. 

— abb.  Clus.  Vita.  335. 

Benedictus  grammat.  200.  levita.  15. 
Benevent.  26. 158.  330.  334.  446. 

S.  ßenigni  Divion.  Ann.  et  Chron.  322. 
Benno  (1066 — 1106)  Bisch,  v.  Meifsen. 
256. 

— (1067—1088)  Bisch,  v.  Osnabrück. 

233. 

Bennonis  Card.  V.  Greg.  VII.  329. 
Benzo  von  Alba.  329. 

Berengar,  Abt  v.  S.  Lorenz  zu  Lüttich. 

290.  291.  v.  Tours.  216. 
Berengarii  imp.  Panegyricus.  159. 
Bergen  bei  Magdeburg.  181. 

Bcrgh  S.  Vinoc,  Contin.  Sigeberti,  VI, 
438. 

Bergamo,  Andreae  presb.  Chron.  158. 
Berhtold,  Herzog  v.  Baiem.  200. 

Bern,  Abt  v.  Reichenau.  196. 237.  238. 
Bernald  (821 — 840)  Bisch,  von  Strafs- 
burg. 113. 147. 

Bemardi  Guidonis  Floris  cronicarum. 

428. 

— Marangonis  Chron.  Pisan.  336.371. 

— Penitentis  Vita.  407. 

Bernhard,  König  Pippins  Bruder.  136. 

— König  von  Italien.  128. 

— Bisch,  v.  Camin.  394. 

— (1130—1153)  Bisch,  v.  Hildesheim. 

234. 

— von  Clairvaux.  339.  340.  346. 

— Schol.  in  Constanz.  244.  in  Peters- 

hausen. 244.  Noricus.  392. 
Bemoldi  Chron.  242 — 244.  257.  267. 

328.  394.  419.  441. 

Bernried.  328. 

Bernward  (993 — 1022)  Bisch,  von  Hil- 
desheim. 164. 176—178.  228.  229. 
339.  385. 

Beromünster,  Necrologium.  443. 
Bertarii  Gesta  episcoporum  Virdunen- 
sium.  142. 189.  222. 

Bertha,  Karls  d.  Grofsen  Tochter.  101. 
Berthold,  Abt  von  Garsten.  360. 

— Abt  von  Zwifalten.  397. 

— von  Reichenau,  Chronik.  243.  244. 


Berthold,  Leben  Landgr.  Ludwigs.  388. 
S.  Bertin.  113. 192.  407. 

Bertulfi  abb.  Bob.  Vita.  14.  75. 
Besuenses  Annales.  322. 

Bingen,  Hildegard.  22.  340.  412. 
Bischofsheim.  126.  129. 

Blaise,  Kloster.  322. 

Blandigny.  280.  407. 

S.  Blasien.  240. 241. 244. 245. 250. 355. 

356.  360.  397.  441. 

Blaubeuern.  240. 

Bleidenstadt.  130.  441. 

Bobbio.  73—75.  117.  203. 

Boboleni  Vita  Germani.  26. 

Bobonis  de  Viqueria  Vita.  335. 
Boethius.  44. 

Boguphali  Chron.  Polon.  385. 
Böhmen.  215. 216.  222.  228. 313-319. 

340. 366 — 370.  426. 

Boleslaus  von  Polen.  225. 

S.  Bonifacii  Annales.  132. 

Bonifacius  (747 — 755)  Erzb.  v.  Mainz. 
82.  83. 120.125. 126. 129. 132. 133. 
148.  Epistolae  83.  Vita  S.  Livini. 
82.  Vita  Bon.  auct.  Willibaldo.  83. 
254.  361.  presb.  Moguntino.  83. 
270.  anon.  Ultraject.  189.  Othlono. 
248.  270. 

Bonizo  von  Sutri.  327.  373. 

Bonn.  339. 

Bosau.  377. 

Boso  card.  373. 

Bourges.  221. 

Bovo  I Abt  von  Corvei.  138.  254.  H. 
167. 

— von  Voghera.  335. 

Brandenburg.  383. 

Braunschweig.  378.  379.  422.  426.  cf. 

S.  Auctoris. 

Brauweiler.  284.  339. 

Bregenz,  Necrologium.  441. 

Bremen.  134.  221.  232.  252 — 256.  379. 

385.  414. 

Breslau.  319. 

Brixen,  Hartmann.  .359.  360.  366. 
Brixiense  Chronicon.  158.  448. 
Brügge.  408. 

Brun  (935 — 965)  Erzb.  von  Cöln.  165. 
166. 184-187. 189. 191.  Vita  auct. 
Ruotgero.  165. 182. 184. 192.  295. 
altera.  184. 

— H (1131—1137)  22L 

— v.  Querfurt,  Erzbischof  der  Heiden. 

180.  216. 

— Bisch,  v.  Segni,  V.  Leonis  IX.  328. 

— Bisch,  v.  Toul  s.  Leo  IX. 


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Register. 


455 


Brun,  Mönch  in  Fulda,  genannt  Can- 
didus. 125 — 127. 

— de  bello  Saxonico.  257.  258.  343. 

380.  381. 

Brzewnow  bei  Prag.  229. 
Buloniensium  Comit.  Geneal.  IX,  300. 
Burburgensis  Contin.  Sigeb.  VI,  450. 
Burchard  (1072 — 1106)  Bischof  von 
Basel.  241. 

— (1059-1087)  Bisch,  v.  Haiberst.  256. 

— (741 — 754)  Bisch,  v.  Wirzburg.  83. 

Abtei  in  Wirzb.  256.  308. 

— (1000—1025)  Bisch,  v.  Worms.  193. 

287. 

— Abt  zu  Bamberg.  394. 

— Abt  v.  S.  Gallen.  165.  197.  Mönch, 

Vf.  der  Casus  S.  Galli.  396. 

— Propst  v.  Ursperg.  414. 

— Mönch  in  Reichenau.  196. 

— Notar  Frid.  L 360.  361. 

Bürgeln.  397. 

Burgund.  OL  223. 

Burgundofarae  Vita.  14.  75. 

Caddroae  abb.  Mett.  Vita.  IV,  483. 
Caesarius  von  Heisterbach.  403.  438. 
Caffari  Ann.  Genuenses.  371. 

Calixt  II,  Papst.  340. 

Calmosiacum.  278.  279. 

Camaldulcnscr.  216. 

Cambray.  19L  299—301.  439. 

Camin,  Necrolog.  442. 

Candidus  s.  Brun,  Wizo. 

Canonici  Leod.  Chron.  rythm.  288. 
Canonicorum  Prag.  Cont.  Cosmae.  369. 
Cantatorium  S.  Huberti.  281.  436. 
Cantuarienses  Annalcs.  82. 

Canutus  dux  Slesvic.  379. 

Cappenberg.  346—348. 

Capuae  com.  Chronicon.  446. 
Carantanorum  Conversio.  ZO,  ZL  1 53. 
Cardinalis  de  Arragonia.  374. 

Carionis  Chronicon.  4. 

Carmina  Burana.  433. 

Carolorum  domus  Genealogia.  9L 
Carolus  Martellus.  HL  132. 

— Magnus.  23.  88  ff.  133  ff.  146.  147. 

158.322. 339.  Sagen.  111.  335.  Ex- 
peditio  Hispan.  in,  708.  Legende. 
340.  404.  Sequentia  433.  Planctus 
1LL 

— Calvus.  1 1 6.  119.  155. 

— Crassus.  111, 124.  145. 151. 

— com.  Flandr.  408.  433. 

Casauria.  372. 

Casinum  s.  Montecasino. 


Cassiani  Collationes  Patrum.  42. 

Cassii  et  Florentii  elevatio.  339. 
Cassiodor.  33.  39.  44—50. 

Casus  S.  Galli.  143,  145. 125.  390. 

— monast.  Petrishusen.  241. 396. 
Catalogus  abbatum  Augiensium.  H,  32, 

Corbeiensium.  168.  Farf.  326.  Fla- 
viniac.  VIII,  502.  Fuld.  III,  112, 

S.  Galli.  H,  34.  Larabac.  XII,  136. 

— archiepiscoporum  Colon.  403,  Me- 

diolan.  VIII,  102.  Salisburg.  250.  * 

— comitum  Flandriae.  IX,  336. 

— episcopor.  Camerac.  SQL  Constant. 

II,  39,  Mett.  II,  m Olom.  SOL 
Sleswic.  VII,  392. 

— imperatoram.  III,  215.  872.  V,  04, 

X,  136. 

— priucipum  Capuae,  Salemi  spurius 

(III,  210)  440, 

— regum  Francorum.  H,  307.  III,  19. 

214,  X,  138. 

— reg.  Italiae  et  imper.  III,  215.  872. 

— Romanoruin  pontificum.  39. 40. 326. 

327.  V,  395. 487. 

Cäteau  - Cambresis.  301. 

Causeiensis  concilii  Acta.  204. 

Cavca,  La  Santissima  Trinitä  della 
Cava.  315.  330.  446. 

Cellensis,  Udalricus.  241.  244.  248. 

S.  Celsi  Translatio.  274. 

Censura  historia  Trevericae.  Vni,llL 
Centula  s.  S.  Riquier. 

Chansons  de  geste.  335. 

Chantimprö.  439. 

Chartres.  221.  273.  286. 

Chätillon.  433. 

Chaumouzey.  228.  279. 

Chemnitz,  Necrologium.  441. 

Chiemsee.  3(21 

ChildebertsI  Zug  gegen  Saragossa.  IL 
Childebrand.  29. 

Childerich,  König.  5L 
Chilperich,  König.  58. 

Chlodowich,  König.  03, 

Chlothars  II  Sieg  über  d.  Sachsen.  IL 
Cholomanni  Passio  et  Mir.  366. 
Chorherren,  regulirto.  359.  433. 
Christanni  Vita  Wenceslai.  446. 
Christiani  archiep.  Mog.  Chron.  401. 
Chrodegangi  ep.  Mett.  Vita.  187. 
Chronica  de  sex  aetatibus  mundi.  118. 
Chronicon  ad  a.  1261.  426. 

— Admuntense.  362. 

— S.  Aegidii.  466. 

— Affligemensc.  301. 

— Aldenburgense.  302. 


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456 


Register. 


Chronicon  Altinate.  214, 

— Andaginense.  281. 

— S.  Andreae  Castri  Cameracesii.  301. 

— Aquitanicum.  II,  252. 

— August,  bei  Freher  1,509  ist  Herrn. 

Altahensis. 

— S.  Benedicti.  157. 

— Benedictobur.  249. 

— ducum  Beneventi , Salerni,  Capuae 

et  Neapolis  (III,  211)  230, 

— S.  Benigni  üivion.  522. 

— S.  Blasii.  397. 

— Brandenburgense.  384. 

— Bremense.  255.  auch  VII,  389. 

— Brixiense.  158. 

— Burglense.  397. 

— Capuae  comitum  spurium  (III,  207) 

44g_ 

— CasinenBe.  157.  331 — 333. 

— Cavense  spur.  330.  446. 

— Centulense.  100. 

— Colmariense.  399. 

— Coloniense  metr.  402.  S.  Martini. 

184.  283.  cf.  S.  Pantaleonis. 

— Corbeiense  spurium.  135.  44S. 

— Cuspiniani.  32, 

— Divionense.  322. 

— Ebersperg.  389. 

— Elnonense.  301. 

— Elwacense.  396. 

— Erfordiense.  387.  388. 

— Flandriae.  40 7. 

— Fontanellense.  II,  301. 

— Gandersheimense.  172. 

— Gladbacense.  184,  283, 

— Gozecense.  383. 

— Gradense.  214. 

— de  Guinea  et  d’Ardre.  407. 

— Gurcense.  363. 

— Halberstadense.  383. 

— Hildesheim.  epp.  233,  385, 

— S.  Hubert!  281. 

— S.  Jacobi  Ratisponense.  392. 

— Laetiense.  407. 

— Laureshamense.  285.  399. 

— Lausannense.  399. 

— Leod.  407.  S.  Laurentii.  291,  rythm. 

288, 

— Lippoldesbergense.  402. 

— Lobiense  v.  Annales. 

— Luneburg.  411.  421.  422.  S.  Mich. 

385. 

— Luxovicnse.  HI,  219. 

— Maceriense  spur.  446. 

— Magdeburg.  179.  344.  388.  breve. 

422, 


Chronicon  Marbacense.  419, 

— S.  Martini  Colon.  184.  283. 

— Mediani  Monasterii.  278. 

— Merseburgense.  381. 

— S.  Mich.  Luneb.  385. 

— S.  Mich,  in  pago  Virdun.  279. 

— Moissiacense.  118. 

— Montis  Sereni.  344. 383. 

— Neapol.  epp.  158. 

— Nemausense.  DI,  219. 

— Normannorum  in  Francia.  208. 

— Novaliciense.  334.  335. 

— Novientense.  398. 

— S.  Pantaleonis.  313.  344.  416.  418. 

— Pegaviense.  381. 

— S.  Petri  Erf.  387, 

— Placentinum.  372. 

— Polonorum.  319. 

— Posoniense.  321. 

— Ratisponense  S.  Jacobi.  392. 

— Reichersbergense.  334.  365. 

— Roberti  Biscardi.  334. 

— Rosenfeldense.  257. 

— Rothnacense.  300. 

— rythmicum.  436. 

— Sagomini.  214. 

— Salernitanum.  214.  224. 

— fan  Sassen.  422,  Saxonum  Quedlin- 

burgense  sind  die  Ann.  Quedl. 

— Tegernseense.  249.  390. 

— Urspergense.  2,  3,  313,  413, 

— Venetum.  214. 

— Veterocellense.  382. 

— Walciodorense.  4QL 

— Watinense.  282. 

— Wirziburgense.  239.  273.  308.  309. 

345. 

Chronographus  von  354,  38,  39. 

— Saxo  s.  Ann.  Magdeburg. 

— Siloensis.  369. 

— Weingartensis.  375. 

Chunibert  aus  S.  Gallen,  Abt  von 

Nieder -Altaich.  200. 

Chur,  Necrolog.  441. 

Cinthius  Card.  385. 

Cistercienser.  308.  321.  346.  350.  437. 
Claudii  Taurinensis  Chronicon.  118. 
Claustroneoburgenses  Annalium  Mell. 

Continuationes.  IX,  608. 

Clausula  de  Pippino.  41L 
Clemens,  Schotte.  125. 

— Abt  von  Brzewnow.  317. 
Closener.  422. 

Cluny.  208.  235. 240. 241. 242.244.248. 
256.  257.  261.  273.  277.  279.  280, 
287.  289.  321.  322.  324.  325.  346. 


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Register. 


451 


Clusensis,  Benedict.  335. 

Codagnelli  Chronicon.  372. 

Codex  Carolinus.  105. 

— Einsidlensis.  148. 

— S.  Emmerammi,  152. 

— epistolaris  s.  Epistolae. 

— Hirsaugiensis.  241.  398. 

— Laureshamensis.  399. 

— Udalrici.  306. 

Colmar.  398.  419. 

Cöln.  26.  142.  165,  194.  199,  22L  225. 
232.  233.  235.  257.  268.  27L  214. 
283.  284.  30ti.  339.  340.  348.  402. 
403.  416.  412,  438.  442,  Transl. 
Evergisli  IV,  219,  Patrocli  IV,  280, 
Colomann,  König  von  Ungern.  32L 
S.  Columbae  Senonensis  Ann.  2Q7. 
Columbani  abb.  Vita.  63,  68.  73 — 75. 
Comburg.  240. 

Commend.  Ottonis  ep.  Bab.  XII,  910. 

Como.  336. 

Compilatio  chronologica.  426. 
Computationea  de  tempore  S.  Rudberti. 
XI,  15, 

Concil  s.  Synodus. 

Conrad  II,  Kaiser.  217—223.  Vita  auct. 
Wip.  225.  226.  Versus.  225. 

— (III)  König,  Gesta  a.  1095.  VIII,  414. 

— III,  König,  342.  349  ff. 

— (1238—1261)  Erzb.  v.  Cöln.  402, 

— (1134 — 1142)  Erzb.  v.Magdeb.  380. 

— (1106—1147)  Erzb.  von  Salzburg. 

250.  359.  362.  363.  II  (1164— 1168) 
361.  362. 

— (1066)  Erzb.  von  Trier.  274. 

— (935 — 976)  Bisch,  v.  Constanz.  196. 

94  R 94.C  QQQ 

— (1221—1247)  Bisch,  v.  Hildesh.  385, 

— (1198 — 1202)  Bisch,  von  Wirzburg. 

378. 

— von  Brauweiler.  284.  von  Freising 

(Sacrista).  392.  v.  Halberstadt.  422. 
v.  Lauterberg.  383.  v.  Lichtenau, 
Propst  von  Ursperg.  415. 416.  von 
Ottenbeuern.  395.  v.  Pfävers.  396. 
v.  Ranshofen.  390.  von  Scheiern. 
389.  v.  Wessobrunn.  390.  v.  Wi- 
zenberg,  Abt  von  Melk.  366. 

— de  S.  Nabore  epitaph.  Adalbero- 

nis  II  Mett.  IV,  672. 

Constantin,  Abt  v.  S.  Symphorian.  18b. 
189.  295. 

Constantius  scholast.  Luxov.  164. 197. 
Constanz.  128,  143. 145.  196.  241.  242. 
244  - 246.  339,  396,  442.  Catal. 
epp.  II,  39, 


Constructio  Farfensis.  158. 
Consularfasten.  39, 

Contin.  Reginonis.  185.  186.  321.  361. 
Conversio  Bagoariorum  et  Carant.  16, 

77, 153, 

Corbie.  135  — 137.  Auctarium  Sige- 
berti  \^I  447. 

Corbiniani  Vita.  76.  77, 90,  Transl.  339. 
Coronati,  Quatuor.  28,  29, 

Corvei.  88. 136—138.  166  ff.  244.  254, 
308,  310.  350,  381,  446, 

Cosmas  (1091—98)  Bisch,  v.  Prag.  316. 

— Decan  in  Prag,  seine  Chronik  und 

Fortsetzer.  286.  287.  315  — 319. 
343.  366.  367  . 369. 
Cosmographie,  fränk.  TL  Ravenn.  44, 
Coucy,  Synode.  203. 

Cozroh,  Freie.  Traditionsbuch.  152, 
Cracau.  319.  384, 

Cralo,  Abt  von  S.  Gallen.  300. 
Cremona.  211.  371.  Translatio  S.  Hy- 
merii  HI,  266. 

Cremsmiinstcr.  90,  228.  241.  365. 

S.  Crucis  Cont.  Ann.  Mell.  IX,  626. 

637.  732.  Werd.  hist.  226, 
Cunegundis  imp.  Vita  et  Mirac.  339. 
393.  394. 

Cuno  von  Praeneste,  Legat.  277. 

— (1126—1 132)  Bisch,  v.  Regensburg. 

290.  346,  363.  392, 

— Abt  v.  Disibodenberg.  409. 
Cuspiniani  Chronicon.  39. 

Cyrill.  153, 

Dado,  Bisch,  v.  Verdun.  146.  Histor. 

fragm.  IV,  37, 

Dagoberti  Gesta.  70. 

Damiani,  Petrus.  216.  327. 

Damiette.  417.  419. 

Dänen.  230.  253.  379. 

Daniel  (1148-1167)  Bisch,  v.  Prag. 
■ 222.  367.  368. 

David  Scottus.  261.  262.  312.  324. 
Depositiones  martyrum.  39, 

S.  Denys.  323.  41L  cf.  Haimo. 
Dervensis  abb.  Adso.  163. 

Descriptio  pagorum  Slav.  152. 
Desiderius,  König.  96, 

— Abt  von  Montecaaino  (Victor  HI). 

327,  33L  332, 

Deutz.  283.  290.  291. 

Dextri  Chronicon.  446. 

Dialogus  Clerici  et  laici.  434.  inter 
papam  et  Romam.  433. 

Dicta  cuiusdam  de  discordia  papae  et 
regis.  294. 


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458 


Register. 


Dictatorenschulen.  222.  349. 

Diessen,  Necrolog.  441. 

Dietger  (1117 — 1120)  Bisch,  v.  Metz. 

27^  277.  349. 

Dietpold  (1172— 1190)  Bisch.  v.Passau. 

369. 

Dietrich  I (965 — 984)  Bisch,  v.  Metz. 
186  — 188.  225*  II  (1005  — 1047) 
276.  280. 

— (1046  — 1088)  Bischof  v.  Verdun. 

274.  282. 

— Abt  von  S.  Alban  bei  Mainz.  261. 

273. 

— Abt  in  Hildesheim.  385. 

— I,  Abt  von  S.  Hubert.  280.  281. 

H.  2SL 

— von  Apolda.  388.  v.  S.  Mathias  zu 

Trier.  274.  v.  Tholey.  274. 
Dietwin  (1048 — 1075)  Bisch,  von  Lüt- 
tich. 281.  282. 

Dijon.  223.  222.  282.  322. 

Dimud  von  Wessobrunn.  390. 

S.  Dionysii  s.  S.  Denys.  Transl.  341. 
Dionysius  Exiguus.  39.  272. 
Disibodenberg,  Ann.  273.  409. 
Dodechin.  409. 

Dominicaner.  386.  388.  398.  399.  422 
bis  422.  432. 

Donat  von  Fiesoie.  82. 

Donauwörth.  226. 

Donizonis  V.  Mathildis.  328.  336. 
Dorstadt,  Necrolog.  441. 

Draco  Normannicus.  299. 

Droctovei  abb.  S.  Germani  Vita  ZL 
Dudonis  hist.  Normannorum.  208.  Ex- 
cerpta.  IV,  22. 

Dungal.  91. 

Durand  (1021 — 1025)  Bisch,  v.  Lüt- 
tich. 286.  306. 

Dysibod.  22.  vgl.  Disibodenberg. 
Dzierswae  Chronicon.  384. 

Eanbald,  Erzb.  v.  York.  23. 

Ebbonis  Vita  Ottonis  Bab.  307. 
Eberbach.  394. 

Eberhard  (1147—1164)  Erzb.  v.  Salz- 
burg. 221.  360-362. 

— v.  Altaich.  363. 

— de  fundatione  Gandersem.  eccl.  172. 
Eberndorf  im  Jaunthal.  375. 
Ebersberg.  304.  389.  441. 

Ebersheim.  240.  398. 

Eberwin,  Abt  v.  S.  Martin  zu  Trier. 

274.  v.  Steinfeld.  340. 

Ebrachar  (959—971)  Bisch,  v.  Lüttich. 

191.  290.  406. 


Ebro,  Abt  von  Zwetl.  392. 
Ebroicense  monasterium.  24. 

Ecbasis  Captivi.  224. 

Edid,  Königin.  162.  164. 

Egbert  s.  EkberL 
Egidii  s.  Aegidii. 

Eginhard  u.  Emma.  101.  s.  Einhard. 
Egino,  Abt  v.  S.  Ulrich  u.  Afra.  245. 
Egmond.  407. 

Eichstedt  84.  152.  200.  217.  221.  304. 

305.  44) 

Eigil',  Abt  v.  Fulda.  20.  125—127. 
Eike  von  Repgow.  421. 

Einhard.  3.  4.  42.  90.  91.  103—112. 
115.  118.  120.  122.  125—128.  192- 
213.  302.  Annal.  105—109.  123. 
139.  141.  154.  300.  Epistol.  112. 
Transl.  SS.  Petri  et  Marcellini. 
104.  112.  Vita  Karoli.  109—111. 
123. 130.  1 74.  225.  254.  419.  Gesta 
Saxonum.  254. 

Einsiedeln.  148»  194.  397.  441. 
Ekbert,  Sachsen  Purst.  136. 

— (977—993)  Erzb.  von  Trier.  185. 

274.  v.  York.  23. 

— (1127-1132)  Bisch,  v.  Münster.  348. 

— Abt  v.  Hy.  82.  v.  Tegernsee.  249. 
Ekkeberti  Hersfeld.  Vita  Haimeradi. 

269. 

Ekkehard,  Abt  von  Urach,  und  seine 
Chronik.  38.  110.  206.  212.  262. 
273.  298.  307—313.  343.  352.  362. 
367.  381.  383.  387.  393  395.410 
bis  415.  411.  412. 

— (I)  Decan  zu  S.  Gallen,  Waltharius. 

197. 

— (II)  palatinus,  Mönch  in  S.  Gallen. 

163.  165. 

— (IV)  Schol.  zuMainz,Casu8  S.Galli. 

143.  195.  270. 

— der  Rothe,  Schol.  zu  Magdeburg. 

179, 

Eidradi  abb.  Novalic.  Vita.  VH,  128. 
Electio  Lotharii  imp.  341.  342. 
Elevatio  s.  Translatio. 

Elisabeth,  Landgräfin.  388.  425. 

— von  Schönau.  340.  412.  424. 
Ellinger,  Abt  von  Tegernsee.  249. 
Elno  s.  S.  Amand. 

Elsafs.  398»  419. 

Eiwangen.  148.  149  198.  396. 
Embrico  (1063—1077)  Bisch,  v.  Augs- 
burg. 245. 

S.  Emmerammi  Vita.  26,  TL  90.  247. 
Kloster  zu  Regensburg.  152.  198. 
122.  246—248.  260.  322. 


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Register. 


453 


Emnilde,  Nichte  der  König.  Mohthild. 

181. 

Enenkel.  226  391. 

Engelberg.  387. 

Engelbert  (1216-1225)  Erzb.  v.  Cöln. 

403.  438. 

— von  Lenbus.  425. 

Engolism.  s.  Angouleme. 

Enhardi  Fuld.  Annales.  123. 
Ennodius  v.  Pavia.  33.  4L 
Ensdorf.  240.  394. 

Epilogus  Moraviae  et  Boh.  314. 

S.  Epiphanii  Translatio.  175. 
Epistolae,  Cod.  epistolaris,  Allati.  200, 
Eberhardi  Sal.  360.  Frid.  I,  Hil- 
lini  et  Adriani.  431.  Hildesheim. 
233.  Lauresham.  226.  Lothar.  349. 
Reinhardsbr.  241.  Tegerns.  199. 
375.  Udalrici.  306. 

Epitaphium  Adalberonis  II  Mett.  IV, 
672. 

— Adalheidae  imp.  209. 

— Ansae  reg.  96, 

— Bernaldi  ep.  Strasb.  147. 

— Geroldi.  147. 

— Ottonis  Magni.  IV,  636. 

Epternach.  80.  82.  134.  276.  281.  404. 

441. 

Erbo,  Abt  von  Prüfling.  277. 
Erchanbald  ( 1011—1020)  Erzb.  von 
Mainz.  269.  210. 

— (882—912)  Bisch,  v.  Eichsted 1. 152. 

— (965 — 991)  Bisch,  von  Strafsburg. 

197. 

Erchanbert  (835—853)  Bisch,  v.  Frei- 
sing.  152. 

— Abt  von  Altaich.  200.  227. 

— Abt  von  Corvei.  310. 

— von  Montecasino.  4L  158. 

— Breviar.  reg.  Franc.  119. 120.  152. 
Erchenfrid,  Abt  von  Melk.  366. 
Erfurt.  240.  339,  342.  386—388.  441. 
Erinheri  paraphrasis  Vitae  Haimeradi. 

X,  608. 

Erluin  (979—995)  Bisch,  v.  Cambray. 
191. 

— Abt  v.  Gembloux.  292.  296. 
Ermanrich  von  Eiwangen  (865—873) 

Bischof  v.  Passau.  121.  128.  148. 
149.  200. 

Erminoldi  abb.  Pruvcning.  Vita.  308. 
392. 

Ermoldi  Nigelli  Carmina.  113. 
Ethicus.  68. 

S.  Eucharii  Annales.  275. 

Eugippii  Vita  Severini.  28,  30  — 35. 


Eusebius.  36. 

Eustasii  Vita.  73.  75.  77. 

Everaclus  s.  Ebrachar. 

Evergisli  ep.  Colon.  Translatio.  IV,  279. 
Everhclmi  V.  Popponis  Stab.  280. 

S.  Evre,  Kloster  in  Toul.  189.  277. 
Ewaldorum  Vita.  82. 

Excerpta  Altahensia  (cf.  Arch.  XI,  27). 

228.  Velleji.  416. 

Ezonis  Palatini  Vifa.  284. 

Ezzo,  Schol.  in  Bamberg.  306. 

Fabaria,  Pfävers.  240.  244.  396. 
Falconis  Bcnevent.  Chron.  334. 
Farabert,  Abt  von  Prüm.  139. 

Farfa.  158.  21L  324  — 326. 

Faro,  Bischof  von  Meaux.  1L 
Fasti  consulares.  39.  Corbeicnses  spu- 
rii.  174,  44L 
Fansti  Vita  Mauri.  447. 

Favianae.  31.  32.  34. 

Ferrara,  Bischof  Wido.  330. 
Ferneres.  93,  128. 

S.  Ferrutii  Translatio.  130. 
Feuchtwangen.  197.  199. 

S.  Fidis  Miracula.  398.  416. 

Fiesoie,  Donat.  89. 

Findani  Vita.  151. 

Fingen,  Abt  von  S.  Vannes.  280. 
Fischbachau.  240. 

Flandern.  407.  408. 

Flavianus,  Lehrer  des  Paulus  Dia- 
conus.  96. 

Flavigny.  282.  283.  Ann.  HI,  150. 

Catal.  abbatum.  VIII,  502. 
Fleury.  206 — 208.  322,  323,  Ann.  H, 
254. 

Flodoard.  192.  202.204.  205. 300.  323. 

S.  Florentii  Salmuriensis  destr.  117. 
Florentii  Wigomiensis  historia.  273. 
S.  Florian.  23,  2L  28.  365.  442. 
Florus  von  Lyon.  4L  115.  147. 
Folcmar  (965 — 967)  Erzb.  v.  Cöln.  184. 
— (977—990)  Bisch,  v.  Utrecht.  176, 
187. 

Folcuin,  Abt  von  Lobbes.  191.  296. 

von  S.  Vinc.  zu  Metz.  292. 
Fontenaille,  Schlacht.  116.  117.  158. 
Fontenelle,  Gesta  abbatum.  120. 
Formbach.  360.  364. 

Formoselenses  Annales.  407. 
Formulae  Alsaticae.  145.  Arnonis.  92, 
Augienses.  146.  Isonis.  146.  Pa- 
tav.  200.  Salomonis.  145. 

S.  Fortunatae  Translatio.  150. 
Fortunatus,  Venantius.  58.  59.  61. 


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460  Register. 


Fosses.  191. 285.  Fragm.  hist.  Fossat. 
IX,  m 

Fragmentum  de  Arabum  naufragio 
a.  902.  III,  548.  de  Arnulfo  duce. 
199.  Auctoris  inc.  ap.  Urstis.  419. 
de  Conrado  rege  a.  1095.  VIII,  424. 
deGregoriiVII  obitu.  V,  563.  VIII, 
470,  de  Heinrici  IV  pacto  cum 
Romanis.  VIII,  460.  de  Ludowici 
iunioris  bello'a.  880.  III,  569.  de 
Ottonis  II  bello  a.  978.  UI,  623. 
de  Pippino  duce.  80. 

Franco,  Schol.  in  Lüttich.  287.  315. 
Franken,  Trojan.  Herkunft.  62.  cf.  Ca- 
talogus,  Gesta,  Iiistoria,  Origo. 

— (Ostfranken).  248.  304.  393. 
Frankfurt.  433.  Synode  a.  1007.  IV, 

795. 

221.  222.  273.  303.  321—324.  34ol 
429. 432. 

Frauenbildung.  164.  173.  338.  394. 
Freckenhorst,  Fundatio.  134. 

Freculfi  Lexov.  Chron.  119.  128. 
Fredegar.  38. 69. 70. 20. 80. 92. 98, 3fiL 
Freising.  26. 22. 90. 146. 151. 152.  200. 

234.  247.  249.  339.  .351.  392.  442. 
Friderich  I,  Kaiser.  337. 357  etc.  Histo- 
ria. 2-  416.  II  imp.  337.  338  etc. 

— (1100  — 1131)  Erzb/v.  Cöln.  221. 

29Q, 

— (954—990)  Erzb.  v.  Salzburg.  200. 

227_ 

— (1119— 1121)  Bisch,  v.  Lüttich.  282, 

289.  290. 

— (1062— 1084)  Bisch.  v.Münster.  235, 

— H von  Oestreich.  433. 

— Pfalzgraf  von  Sachsen.  218. 

— Abt  von  Hersfeld.  265, 

— Ködiz  von  Saalfeld.  389. 

Fridolini  Vita.  446. 

Fridugis.  93. 

Friesen.  132—134, 

Fritsche  Closener.  422. 

Fritzlar,  Wigbert.  128. 

Fronnenberg.  386. 

Frotharii  ep.  Tüll,  cpistolae.  142. 
Froumund  von  Tegernsee.  199. 
Fulbert  von  Chartres.  286.  287.  299. 
Fulco  (882  — 900)  Erzb.  von  Reims. 
112.  201. 

Fulda.  90.  104,  122-132.  142.  147. 
148.  218.248.265.  269—271.  281. 
304.  386.442.447. 

Fulgentii  abb.  Affligemensis  Visio. 
IX,  412. 


Fundatio  Brunwilarensis.  284.  Frec- 
kenhort.  134.  Fronnenberg.  386. 
Lunaelac.  390.  Magdeburg.  179. 
343.  380.  413.  Ottenbur.  395. 
Paradisi.  386.  Schir.  389.  Te- 
gerns.  249.  390.  Windberg.  389. 
Zwetl.  392. 

Fürstenfeld,  Necrolog.  442. 

Füssen.  248. 

Galberti  Passio  Car.  com.  Flandr.  408. 
S.  Gallen.  15,  25, 12L  128. 142—147. 
149,  151.  162.  163.  165.  166.  176. 
19L 193—197. 200, 201, 244,  281, 
39fi  442. 

S.  Galli  vita.  25.  143.  149. 

Gandav.  s.  Gent. 

Gandersheim.  138. 165. 166. 171. 172. 
Garamnus  von  Reims.  203. 

Garsten.  360,  362. 

Gaufredus  Malaterra.  334. 

Gaugerici  ep.  Camer.  Vita.  299. 
Gebehard  (1060—1088)  Erzb.  v.  Salz- 
burg. 235.  250.  251.  276.  362. 

— (996—999)  Bisch,  von  Augsburg. 

198. 

— (980—995)  Bisch,  v.  Constanz.  196. 

192,  396.  II  (1084  — 1110)  241. 

244 _ 245. 

— (1042—1057)  Bisch,  v.  Eichstedt. 

304. 

— (1068  — 1090)  Bischof  von  Prag. 

— (1122—1127)  Bisch,  v.  Wirzburg. 

221.  305.  306, 

Geddo,  Schol.  in  Magdeburg.  179. 
Gekrönte,  Vier.  28.  29. 

Gellonense  Martyrologium.  41. 
Gembloux.  22L  282.  291  — 298. 
Genealogia  comitum  Bulon.  et  Flan- 
driae.  407.  domus  Carolorum.  92. 
regum  Francorum.  II,  307.  EX,  308. 
S.  Galli.  II,  34. 

Generationes  populorum.  VHI,  314. 
Generationum  über.  38.  67, 
Gengenbac.  Annales.  V,  389. 
Gennadius.  55. 

Gent.  55, 122, 280, 402,  Ann.  H,  185. 
Genua.  371. 

Geographus  Ravennas.  44, 

S.  Georgen  im  Schwarzwald.  240.  276. 

277.  395.  397. 

Gerald,  Cardinal  von  Ostia.  248. 

— von  S.  Gallen.  197. 

Gerbert  (Silvester  H).  156.  163.  164. 
203  — 205. 


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Register.  461 


Gerbirg,  Aebt.  v.  Gandersheim.  165. 

m. 

Gerdag  (990  — 992)  Bisch,  v.  Hildes- 
heim. 117. 

Gerhard,  Bisch,  v.  Angouleme.  221. 

— (1012  — 1049)  Bisch,  v.  Cambray. 

299.  II  (1076—1092)  300, 

— Bisch,  v.  Csanad.  320. 

— (963  — 994)  Bisch,  v.  Toul.  189. 

277.  278. 

— Propst  zu  Augsburg.  198.  von  Ste- 

derburg.  376. 

Gerhoh,  Propst  von  Reichersberg.  233. 

245.  341.  363.  364. 

Gerlach,  Abt  v.  Mühlhausen.  368. 369. 
S.  Germain-des-Pr^s.  71.  82.  155.  207. 

221 . 286.  442.  cL_  Ann. 

Germani  abb.  Grandivall.  Vita.  76. 
Gernand,  Bisch,  v.  Brandenburg.  384. 
Gerold,  Carls  d.  Gr.  Schwager.  145. 142. 

— (1154— 1164)  Bisch,  v.  Lübeck.  311. 
Gervasius,  Erzpriester  in  Prag.  317. 

— von  Tilbury.  437. 

Gesta  abbatum  Fontanell.  120.  Gem- 
blac.  295.  S.  Laur.  Leod.  406.. 
Lob.  191.  296.  Trudon.  289.  290. 
S.  Vitoni.  404. 

— Anglorum  (bei  Adam).  254. 

— Archiepp.  Mediolan.  335.  Ham- 

burg. 252—255.  Salisburg.  250. 

— in  coenobio  Ebroicensi.  74, 

— Conradi  regis.  VIU,  474. 

— Dagoberti.  Z£L 

— epp.  Cameracens.  299—301.  Leod. 

192.  286—288.  407.  Mett.  92.  98. 
405,  Tüll.  226.  Virdun.  142. 229, 
404. 

— Francorum.  20,  120. 140. 174.  300. 

309.  26L 

— Heinrici  IV.  259.  260. 

— Marcuardi.  386. 

— Normannorum  in  Francia.  208. 

— PiBanorum.  336. 

— Pontiflcum  Romanorum.  40,  98, 

156.  213.  326.  327.  343.  361.  373. 
374. 

— Pyothrconis.  385. 

— Treverorum.  185.  274.  275. 

— Witigowonis.  196. 

Goten  und  Gothen.  42. 

Gilberti  Chronicon.  426. 

— abb.  Valencen.  Vita.  407. 

S.  Gilles,  Mir.  S.  Aegidü.  232, 
Girardus  Puella.  222. 

Gisela,  Kaiserin.  217. 

Giselbert,  Abt  von  Admunt.  387. 


Giseier  (981—1004)  Erzb.  v.  Magde- 
burg. 122.  181, 

Gisleberti  Carmen  de  incendio  S. 
Amandi.  301. 

— Hasnon.  historia.  408- 
S.  Gisleni  Annales.  300. 

Gladbacense  Chron.  184.  283.  Necrol. 

44  2 

Glanfeuil.  447. 

S.  Glodesindis  miracula.  187. 

Gnesen.  319. 

S.  Goaris  Vita.  139. 

Godefrid  (1124—1127)  Erzb.  v.  Trier. 

275 

— Graf  v.  Cappenberg.  347.  348. 

— v.  Cöln.  416.  v.  Ensmingen.  399. 

419.  v.  Viterbo.  303  356—358. 
Godehard  (1022—1038)  Bischof  von 
Hildesheim.  164.  179.  200.  227 
bis  230.  263.  339. 

Godschalk,  Abt  v.  Selau.  22L  368. 

— v.  Benedictbeuern,  Breviarium.  IX, 

221.  Translatio  S.  Anastasiae.  IX, 
224, 

— von  Fulda.  117.  128. 

— von  Gembloux.  222,  295.  296. 
Gordiani  Vita  Placidi.  333. 

S.  Gorgonii  miracula.  182, 

Gorze.  186—189.  196,  203,  226,  292, 
Goseck.  240.  383- 
Goslar.  231. 

Goswini  Vita  Arnulfi  Villar.  407- 
Gothelm,  Abt  v.  Tegernsee.  249. 
Gothen.  43—55. 

Gottesau.  241. 

Götweih.  25L  360.  365,  366.  392. 
Gozbald  (842 — 855)  Bisch,  v.  Wirz- 
burg. 148.  152. 

Gozbert,  Abt  v.  S.  Gallen.  143.  149. 

— dessen  Neffe.  143.  149. 

— Abt  v.  Tegernsee.  199. 

Gozecense  Chron.  383. 

Gozechin,  Schol.  zu  Mainz.  220.  271. 
286,  282. 

Gradense  Chron.  214. 

Grammatiker  in  Italien.  96, 

Gran,  Lucas.  222. 

Granum  Catalogi  epp.  Olom.  367. 
Granval.  26,  144. 

Graphia  aureae  urbis  Romae.  213. 
Gregor  L Vita  S.  Benedicti.  42, 

— V,  Synodus  Papiensis.  UI,  694. 

— VII,  obitus.  V,  563.  VUI.42Ü,  Vita. 

328.  329.  Registrum.  328, 

— v.  Tours.  60-66.  70.  77.  300.  302. 

411.  Hist,  epitomata.  67. 


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462 


Register. 


Gregor  v.  Utrecht.  132,  133. 

— von  Catina,  Mönch  zu  Farfa.  325. 
Grimald,  Erzkaplan  u.  Abt  v.  S.  Gal- 
len. 12L  142.  114.  147, 

Grussavienaes  Annales.  319. 

Gudini  versus  de  morte  Constantii 
schol.  Luxov.  164 
Guelferbytani  Annales.  I,  23. 

Gui.  v.  Wi. 

Guibertus  abb.  Gemblac.  de  combu- 
stione  monasterii.  VIII,  563. 

— Novigentensis.  339. 

Guidonis  Casinensis  Chronica.  332. 
Guise  s.  Jacob. 

Gumpoldi  Mantuani  Vita  Vencezlaui. 

215.  314 

Gundechar  (1057 — 1075)  Bischof  von 
Eichstedt.  217.  305. 

Gunderam,  Schol.  in  Eichstedt.  22L 
304. 

Gundram,  Mönch  in  Fulda.  148. 
Gunhild,  Königin.  230. 

Günther  (1024—1025)  Erzb.  v.  Salz- 
burg. 191.  200.  285. 

— (1057 — 1065)  Bisch,  v.  Bamberg. 

306. 

— Eremit.  229.  313. 

Guntheri  Ligurinus.  2.  260.  442, 
Gunzo  von  Novara.  162.  201. 

Gurk.  363. 

Hadamar,  Abt  von  Zwetl.  392. 
Haimeradi  Vita  auct.  Ekkeberto.  269. 
Haimo  (840  — 853)  Bisch,  v.  Halber- 
stadt. 128.  1 75. 

— (991 — 1024)  Bischof  von  Verdun. 

m 19L 

Haimonis  Babenb.Chronographia.324. 

— mon.  S.  Dionysii  über  de  detectione 

Macharii  Dionysii.  XI,  372. 

— vita  Wilhelmi  Hirsaug.  241. 

Haito,  Bisch,  v.  Basel.  146.  147.  151 . 
Halberstadt.  128.  138.  175.  234.  256. 

343.  383.  422.  442. 

Halinard  von  Lyon.  322. 

Halle.  352.  383. 

Hamburg.  22. 134. 135.  254.  413. 442. 
Hameln.  379. 

Hariolfi  Vita  auct.  Ermenrico.  148. 
Hariulfi  Chron.  Centulense.  100. 
Harsefeld.  257. 

Hartmann  (1142—1165),  Bischof  von 
Brixen.  359.  360.  366, 

— Abt  von  Götweih.  241. 

— von  S.  Gallen,  V.  Wiboradae.  195. 

— Schol.  in  Paderborn.  235, 255. 256, 


Hartmut,  Mönch  von  S.  Gallen.  128. 
Abt.  144. 

Hartwich  (990 — 1023),  Erzbischof  v. 
Salzburg.  361. 

— (1167 — 1184)  Bisch,  v.  Augsburg. 

375. 

— (1 105—1126)  Bisch . v.  Regensburg. 

321. 

— Abt  von  Hersfeld.  265.  269. 
Haserensia  Anonymus.  217. 305.  Wolf- 

hardus.  4L  84. 

Hasnoniense  Auct.  Sigeberti.  VI,  441. 

Historia.  30L 
Hasungen.  240.  269.  387. 
Hathumodae  Vita  et  obitus.  138. 
Hatto  (819—913)  Erzb.  v.  Mainz.  125. 
140.  145.  170. 

— Bisch,  v.  Vieh  (Ausonensis).  203. 
Hautmont.  280. 

Hedwig  von  Schwaben.  164.  von  Schle- 
sien. 385.  425. 

Heidenheim.  84. 

Heiligenkreuz.  365. 

Heiligenleben,  Legenden.  5,  25  ff.  41 . 
42,  52.  60.  12.  Z2. 118. 135.  222. 
340.  425. 

Heilsbronn.  394. 

Heimerad  s.  Haim. 

Heimo  s.  Haimo. 

Heinrich  L 162.  446. 

— II.  164  173.  234.  Vita  auct.  Adal- 

boldo.  192.  auct.  Adalberto.  193. 
393.  394.  Versus  de  eo.  225.  Mir. 
et  Transl.  339.  324 

— IH.  217.  223.  Verse  auf  seine  Krö- 

nung. 225.  Gesta.  225.  226.  239. 
413, 

— IV.  218  ff.  Vita.  2(')Q.  261.  273. 

Gesta  metr.  259.  260.  Pactum 
cum  Romanis.  VIII,  460. 

— V.  218  ff.  308.  310. 

— VI.  352.  358. 

— L König  von  England.  323. 

— II.  340,  436. 

— I von  Baiern.  164.  171.  173.  224. 

— der  Löwe.  376 — 379. 

— (1225-1238)  Erzb.  von  Cöln.  386. 

403 

— (1142 — 1153)  Erzb.  v.  Mainz.  400. 

— (956—964)  Erzb.  von  Trier.  185, 

— (973 — 982)  Bisch,  v.  Augsburg.  198. 

— (1172 — 1182)  Bisch,  v.  Lübeck.  378. 

— (1075—1091)  Bisch,  v.  Lüttich.  28L 

287. 

— (1126—1150)  Bisch,  v.  Oluiüz.  316. 

— (1182—1197)  Bisch,  v.  Prag.  368, 


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Register. 


463 


Heinrich,  Abt  von  Gladbach.  283.  . 

— Archidiac.  von  Lüttich..  293.  294. 

von  Salzburg.  361. 

— Schol.  von  Bremen.  4M. 

— von  Gent,  55,  von  Herford.  212. 

der  Lette.  385.  Minneke.  340. 
von  Osthoven.  386. 

Heinrichau.  385. 

Heisterbach.  432.  438. 

Helmershausen.  237. 

Helmoldi  Chron.  Slavorum.  376.  377. 
4M. 

Helperici  Carolus  M.  et  Leo  III.  102, 
Hepidanni  Ann.  s.  S.  Galli  maiores. 
Herbord,  Schol.  in  Hildesheim.  318 
Ilerbordi  V.  Ottonis  Bab.  307. 
Heremi  Annales,  Liber.  194. 

Herford.  137.  138.  172. 

Heribert  (999  — 1021)  Erzb.  v.  Cöln. 
184.  225.  283.  291. 

— (1021  — 1042)  Bisch,  v.  Eichstedt. 

221.  304. 

Heribrand,  Abt  von  S.  Lorenz  in  Lüt- 
tich. 290. 

Heriger  (913—926)  Erzb.  v.  Mainz.  224. 

— Abt  von  Lobbes.  122.  286  - 288. 
Herlucae  Vita.  395. 

Hermann  (1096—1132)  Bisch,  v.  Augs- 
burg. 243.  363. 

— (1065  — 1075)  Bisch,  v.  Bamberg. 

306. 

— (1073-1090)  Bisch,  v.  Metz.  250. 

97 c occ  904.  ■ 

— (1099— 1122fBisch.  v.  Prag.  316. 

— (1018-1026)  Bisch,  v.  Toul.  190. 

JL9L 

— von  Altaich.  122.  419.  von  Gerin- 

gen, Mönch  in  Cluny.  24L  244. 
von  Cöln,  de  conversione  sua.  348. 
von  Kirchberg.  376.  von  Laon. 
302.  347. 

— von  Reichenau  (Contractus).  81. 

224.  230.  237—240.  Chron.  22L 
238.  239.  243.  243.  Epitome  San- 
gall. 239.  308.  365.  Gcsta  Con- 
radi  et  Heinrich  226.  239.  Con- 
flictus  ovis  et  lini.  238. 

— von  Worms,  Elogium  Burchardi. 

IV,  829. 

S.  Hermetis  Translatio.  153. 
Hermsdorf,  Necrolog.  442. 

Herrand  (1090—1102)  Bisch,  v.  Hal- 
berstadt. 256.  257.  308. 
nerrieden  s.  Haser. 

Hersfeld.  131.  132.  228.  229.  247.  249. 
236,  263  - 270.  343, 


1 Hessi  von  Ostfalen.  138. 

Hesso  de  concilio  Rem.  312. 

Hettel  (1054 — 1079)  Bisch,  v.  Hildes- 
heim. 230.  23L  233. 

Hieronymus.  36=  32.  4L  53.  55,  309. 
Hildebald,  Erzb.  v.  Cöln.  142. 

— goth.  Philosoph.  44 
Hildebold,  Grammatiker.  189. 
Hildegard,  Königin.  129, 

— von  Bingen.  22,  340.  412. 
Hildegardus  Gradicensis.  447. 
Hildesheim.  12L  164  175—179.  224 

228 — 234.  244.  339.  .‘140.  363.  378. 
322.  385,  400.  434  442, 

Hilduin,  Abt  von  S.  Denys.  137. 

S.  Hildulfi  Successores  in  Mediano  mo- 
nasterio.  278. 

Hillin  (1152 — 1169)  Erzb.  von  Trier. 

349.  434 

Hincmar  (845—882)  Erzb.  v.  Reims. 
124  154  202.  204.  300.  Ann.  113, 
154  Epist.  de  ord.  pal.  132.  V.  lte- 
migii.  447. 

Hippolyt  von  Porto.  38,  62» 
Hirschau.  240  — 242.  247.  250.  251. 
263.  268.  269.  276.  277.  279.  308. 
358.  383.  387.  388.  397. 

Historia  ann.  1264 — 1279.  IX,  649. 
Cameracensis.  304  Crucis  Wer- 
deam  allatae  226.  Farf.  324.  Fos- 
satensis.  IX,  370.  Franc,  impera- 
torum  breviss.  X,  136.  regum 
Francorum.  II,  324»  Francorum 
(bei  Adam).  254.  S.  Dionysii.  323. 
Senonensis.  207.  323. 

— Friderici  L 2»  416.  Fuld.  131. 265. 

Imperatorum.  422,  Lombardica. 
44  425, 

— miscella,  Ueberarbeitung  u.  Forts. 

der  Hist.  Rom.  von  Paulus  Dia- 
conus,  verf.  von  Landulfus  Sagax. 
Murat.  L vgl.  Arch.  X,  311. 

— calara.  Salisb.  eccl.  361.  Sanguinis 

Domini.  196.  Martyrum  Treveren- 
sium.  VIU,  220.  Wenceslai  I regis 
Boh.  320. 

Historiae  Trevericae  Censura.  Vin,  117. 
Hitto  (810  — 835)  Bisch,  v.  Freising. 
152. 

Hofen,  Necrolog.  442. 

Hofschule,  Erziehung  am  Hofe.  94 
26.  92.  104  124  166.  218. 
Holstein.  376  — 378. 

Honau,  Necrolog.  442. 

Honorius  von  Autun.  55.  344. 
Hornbach,  Vita  S.  Pirminii.  146.  188. 


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464  Register. 


Hrabanus  Maurus  (847—866)  Erzb.  v. 

Mainz.  4L  121—130. 142.147. 148. 
Hradisch.  312,  367.  447. 

Hrotsuit  s.  Roswitha. 

Hubald  von  Lüttich.  191.  315. 

S.  Huberti  Transl.  142.  Chron.  281. 
436. 

Hucbald  von  S.  Amand.  82.  82.  133 

2QL  202, 

Hugo,  Karls  des  Gr.  Sohn.  117. 

— Erzb.  v.  Lyon.  282. 

— (945 — 947)  Bisch,  v.  Lüttich.  184, 

190.  II  (1200—1229)  405,  407. 

— Abt  v.  Farfa.  324.  325. 

— Abt  v.  Flavigny.  206.  276.  280. 

282,  283,  323.  442. 

— Falcand.  373.  v.  Fleury.  323.  383. 

Motellus.  279.  v.  Regensburg.  392. 
v.  Trimberg.  55.  v.  Verdun.  404. 
Hunibaldi  Histor.  libri.  447. 

Huswardi  Martyrologium.  4L 
S.  Hymerii  Translatio  Cremonam.  HI, 
266. 

S.  Jacob,  Kloster  in  Lüttich.  123. 286. 
287.  406. 

Jacobi  de  Guisia  Ann.  Hannoniae.  289. 

296.  300.  301.  407.  408. 

Jacobi  a Voragine  s.  Januensis  Le- 
genda  aurea.  4L  425. 

Jans  der  Enenkel.  226.  391. 

Jarento,  Abt  zu  Dijon.  282. 

Iburg.  231.  232. 

Idacii  Chronicon.  53.  411. 

Idae  Vita  auct  Uffingo.  136.  137.  175. 
Jerusalem.  220.  264.  306.  308.  433. 
Patriarchae  etc.  epist.  ad  eccl.  occ. 
IH,  14. 

Ignotus  Casinensis,  ist  Chron.  Cas. 
Ilbenstadt.  347. 

Ildefons  von  Toledo.  55. 

Ilsenburg.  175.  256.  442. 

Imago  Hispaniae.  55. 

Imma,  Einhards  Frau.  104  105. 
Immed  (1052 — 1076)  Bisch,  v.  Pader- 
born. 235. 

Immedinger.  234 

Immo,  Abt  von  Gorze,  Prüm,  Rei- 
chenau. 196. 

de  Imperatoria  potestate  in  urbe  Roma. 

213. 

Joachim  abbas.  373. 

Jocundi  Transl.  S.  Scrvatii.  302, 
Johannes,  Abt  von  S.  Arnulf.  187. 
von  Bari.  334.  Berardi,  Chron. 
Casaur.  372.  von  S.  Bertin.  407. 


Biclariensis.  53,  Calaber.  164. 
Canaparius.  216.  v.  Cluny.  209. 
Cremon.  371.  415. 

Johannes  Diaconus,  Chron.  epp.  Nea- 
pel. 158.  Chron.  Venetum  et  Gra- 
dense.  214. 

— v.  Gorze.  186. 187. 189,  v.  Hildes- 

heim. 431.  Hocsemius.  407. 

— pauper.  217.  von  Salisbury.  437. 

Trithem.(s. unten).  Ultramosanus. 
405.  407.  Victoriensis.  428. 
Jonae  ep.  Aurelian.  Transl.  S.  Huberti. 
142, 

— abb.  Bob.  V.  S.  Columbani.  63, 
Jordanis  de  rebus  Geticis.  3.4.45 — 51. 

306-  de  regn.  successione.  5L 
Jotsaldi  V.  Odilonis  Clun.  209. 

Iren  oder  Schotten.  73  —78.  80.  81- 
85.  87.  89.  90.  121.  125.  142.  144. 
15L  166, 188, 195.  248,  27L  272. 
280.  284  366.  375.  392.  393.  444. 
Iring.  341. 

Isenboldi  Halberstad,  epist.  ad  Elvin- 
gum.  III,  13. 

Isidor  v.  Sevilla.  34. 54. 55, 7 1.178. 309. 
Isingrim.  352. 

Isny.  240, 

Iso  von  S.  Gallen.  144.  146. 

Israel,  irl.  Bischof.  166. 

Itacii  Chronicon.  446. 

Italien.  69.89.91  96.  117.  142.  156 ff. 
228,  324  - 336.  370  - 374.  433. 
Catal.  reg.  et  imp.  UI,  215.  872. 
V,  64 

Itherius,  Abt  v.  S.  Martin  zu  Tours.  94 
Judith,  Kaiserin.  113.  119. 

S.  Judoci  Auctar.  Sigeberti.  VI,  443. 
Julian,  Dominicaner.  434. 

S.  Justi  Transl.  Malmundarium.  142. 
Jutta,  Kön.  v.  Böhmen.  338,  368, 
Juvav.  Annales.  L 82,  HI,  122.  Mir. 
339.  341. 

Ivo  von  Chartres.  323, 

Kaiserchronik.  345.  422. 
Kaiserswerth.  62, 

Kagnimir.  448, 

Kalender,  Röm.  38.  Zwetlense.  IX,  689. 
Kanzlei,  königliche.  166.  236. 
Kaufungen.  394. 

Kempten.  241. 

Kiliani  Vita.  77,  28, 

Klosterneuburg.  350, 359. 360. 365, 366, 
442.  447. 

Klosterrath.  403. 

Knud  La  ward.  379. 


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Register. 


Königinhofer  Handschrift.  447. 
Kreuzzüge.  225  305  310. 31L  339.369. 
372.  395.  415.  417.  430.  433. 

Laach,  Necrolog.  442. 

Ladislai  regis  elevatio.  339. 

Lambach.  251.  339.  365.  Ann.  IX, 
555.  Series  abb.  XII,  136. 

S.  Lambert,  Bisch,  v.  Lüttich.  190. 294. 
Triumphus.  405. 405  Kloster  in 
Steiermark.  241. 

— von  Ardre.  4QL 

— von  Hersfeld.  4.  12.  87.  131.  132. 

227.  262-269.  386-388.  414. 
Hist  Hersf.  265. 

— Propst  von  Neu  werk.  359.  381. 

— von  S.  Omer,  Chron.  V,  65  Ge- 

neal.  com.  Flandr.  IX,  309. 
Lamberti  Parvi  Chron.  Leod.  406. 
Lammspring.  138.  139. 

Landgraf  Ludwigs  Kreuzfahrt  369. 
S.  Landoaldi  Vita.  192. 

Landshut.  389. 

Landulf  von  Mailand.  335.  der  Jün- 
gere von  S.  Paul.  336. 

Lanfranc.  221. 

Langobarden.  95—99.  158.  335.  Her- 
kunft 95. 

Lantberti  V.  Heriberti.  283. 

Lanto,  Bisch,  von  Augsburg.  149- 
Laon,  Laudunum.  159.  279.  339.  346. 

347.  Auctar.  Sigeberti  VI,  445. 
Latinus  Barensis.  334. 

Laub.  s.  Lobbes. 

S.  Laurentii  coen.  Leod.  283.  290.  291. 
404.  406. 

Laurentii  CasinensisV.  Wenzeslai.215 

— Leod.  Gesta  epp.  Vird.  404, 

— Vern.  de  bello  Maioricano  libri  VH. 

336. 

Lauresh.  s.  Lorsch. 

Lausanne.  66,  223.  399.  Ann.  HI,  152. 
Lauterberg.  344.  383. 

Lebuini  Vita.  82.  83.  133.  202. 
Lechschlacht  225. 

Legis  Salicae  Prologus.  57.  58.  71. 

S.  Legontii  translatio.  339. 

Leidrad,  Bisch,  von  Lyon.  90. 
Lemovicenses  Ann.  H,  251. 

Leo  IX.  120,  277.  V.  auct.  Wiberto. 
278.  aliae  328. 

— Abt  und  Legat.  156.  204. 

— Bisch,  von  Ostia,  Chron.  Cas.  331. 

— Bisch,  von  Vercelli.  213,  224, 
Leobgyth  s.  Lioba. 

Leod.  s.  Lüttich. 


465 

Leofric  von  Exeter.  286. 

Leubus.  425. 

Lewpoldus  Campilil.  447. 

Liafwin  s.  Lebuin. 

Libellus  de  Maioribus  domus.  80.  97. 

— supplex  mon.  Fuld.  126. 

Liber  aureus  Epternac.  80.  404. 

— generationum.  38,  6L 

— Heremi.  194. 

Libertas  eccl.  Fabar.  244, 

S.  Liborii  Translatio.  138. 

Libusin  Sand.  441. 

Lichtenthal,  Necrolog.  442. 

Lieder.  23. 1L  der  Gothen.  43.  44.  49. 

Langobarden.  95  cf.  Versus. 
Liemar  (1072  — 1101)  Erzb.  von  Bre- 
men. 232. 

Liessies  (Chron.  Laetiense).  407. 
Lietbert  (1051 — 1076)  Bisch,  v.  Cam- 
bray.  300. 

Lilienfeld.  442.  447. 

Limoges.  322. 

Lindisfam.  Annales.  18.  8L 
S.  Liobae  Vita.  129. 

Lippoldsberg.  402. 

Lissabon.  409. 

Liudfrit,  Schol.  in  Salzburg.  200. 
Liudger,  Bisch,  von  Münster.  132. 133. 

115  254. 

Liudmilae  Vita,  215. 

Liudolf,  Herzog  v.  Sachsen.  136.  138. 

— (994 — 1008)  Erzb.  v.  Trier.  188. 
Liudprand,  Bisch,  v.  Cremona.  4, 165 

161.209—212.  Antapod.  210. 309. 
Hist.  Ott.  211.  Legatio.  212.  de 
vitis  Kom.  Pont.  345  Chron.  spur. 
441. 

Liupold  (1051 — 1059)  Erzb.  v.  Mainz. 

270.  271.  287. 

S.  Liutbirgis  Vita.  138. 

Liuteld  (989 — 996)  Bisch,  v.  Augs- 
burg. 197.  198.  v.  Mondsee.  390. 
S.  Livini  Vita.  82.  446. 

Livland.  385. 

Lobbes.  111,  190—195  281.  287. 
Lodi.  371. 

Lombardica  historia.  4L  425. 

Lorch  (bei  Enns).  25  32. 34.  35  392. 

Kloster  im  Augsb.  Sprengel.  415 
Lorenz  s.  Laurentius. 

Lorsch.  105  101.  125  225  242.  285 
399.  442.  Ann  Nazar.  I,  23. 
Lothar  L Kaiser.  117.  130.  139.  147. 

— UI.  335  331,  341  ff.  Epist.  ad  Ca- 

sinenses  VH,  819.  Electio.  341. 
448.  Epistolae.  349. 

30 


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466  Register. 


Lothringen.  139  ff.  161.  166.  183  ff. 

223  ff.  404  ff. 

Lübeck.  321,  3m  413. 

Lucas,  Erzb.  v.  Gran.  222. 

Lucca,  Anselm.  328.  329. 

Ludolf  (1192—1205)  Erzb.  v.  Magde- 
burg. 380. 

Ludwig  der  Fromme.  23.  104.  105. 
112-114  117.  126.  147. 

— II,  Kaiser.  117.  150. 

— der  Deutsche.  121.  134.  147.  152. 

— das  Kind.  124.  151. 

— Landgraf.  369.  388.  389. 

— Graf  von  Arnstein.  348. 

— Erfurter  Canonicus.  388. 

— von  S.  Lorenz  in  Lüttich.  291. 
Lull  (755—  786)  Erzb.  von  Mainz.  83. 

84.  125.  130.  131. 

Lüneburg.  385.  Chron.  411.  421.  422. 
Necrol.  442. 

Lupi  abb.  Ferrar.  epistolae,  V.  Wig- 
berti.  128. 

— Protospatharii  Ann.  Barenses.  330. 
Lüttich.  189-193.  197.  200.  201.  221. 

249  201 . 271.  273.  276.  281.  283. 
285-294.  306.  309.  315.  316.  349. 

350  4Q4 4Q7, 

Luxeuil.  74—76. 164. 197.  Chron.  breve. 
III,  219, 

Lyon.  90.  322,  434,  Ann.  I,  110, 

Maccriense  Chron.  spur.  446. 

S.  Maclovii  Vitae  Prol.  auct.  Sigeberto. 
VIII,  505. 

Madalwin,  Chorbisch,  von  Passau.  34 
Magdeburg.  163,  126.  179-182.  185, 
199.  240.  247.  253.  257.  343.  347. 
359.  380.  413.  422. 

Mähren.  314.  367. 

S.  Magnerici  Vita  auct.  Eberwino.  274 
S.  Magni  Vita  et  Transl.  149.  248.  448. 
Magnus  v.  Reichersberg.  212.  365. 
Mago,  Priester.  129. 

Mahthild  s.  Math. 

Mailand.  335,  336,  324  443,  Catalog. 

archiepp.  VUI,  102. 

Mainz.  83.  91.  140. 171. 176. 185. 194. 
22a  224  224  264  269—273. 276. 
286.  287.  400.  401.  409.  443.  cf. 
Synodus. 

Maioli  abb.  Clun.  Vitae.  209. 
de  Maioribus  domus  libellus.  80,  92, 
Malmedy.  142.  284.  285. 

Mangold  von  Lautenbach.  275.  276. 
Schol.  v.  Paderborn.  235.  v.  Werd. 
226. 


S.  Mansueti  Miracula  auct.  Adsone. 
IV,  509. 

Mantua,  Gumpold.  215. 

Map,  Walther.  339.  340.  346.  437. 
Marbach.  419. 

Marcellini  Comitis  Chron.  50. 

— Vita  S.  Suiberti  82,  447. 
Marcellus,  Moengal,  in  S.  Gallen.  144. 
Marchian.  Chron.  407. 

S.  Marci  Translatio.  150,  Mirac.  195. 
Marci  Maximi  Contin.  Dextri.  446, 
Marcomir.  44 

Marcward,  Abt  von  Deutz.  283.  290. 
v.  Fulda.  386.  von  Prüm.  139. 

— von  Padua.  433. 

S.  Mariae  Laudun.  Miracula.  339.  341, 
Mariaecell.  Auct.  Ann.  Mell.  IX,  646. 
Maria  Hof,  Necrolog.  443. 

Mariani  Scotti  Chronicon.  271—273. 

409.  Ratisp.  Vita.  392.  393. 

Marii  Aventicensis  Chron.  37.  53.  66. 
S.  Martini  Vita.  42,  Kloster  zu  Tours. 
94  93,  94  Transl.  Salisb.  s.  XI, 
85.  Kloster  zu  Cöln.  184.  271. 
283,  442,  Trier.  139,  214  Tour- 
nay. 302.  347. 

Martinas  Gallus.  319, 

— Oppav.  vulgo  Polonus.  382,  426 

bis  429. 

Martyrium  s.  Vita. 

Martyrologien.  22,  39  — 41.  81.  139. 
144. 

Martyrum  Treverensium  Histor.  VIII, 

220, 

Masciacenses  Ann.  HI,  169. 

Mastricht.  302. 

Matheus  Parisiensis.  420. 

S.  Mathiae  Inventio  et  Miracula.  339. 
404  Kloster  in  Trier.  274.  275. 

404 _ 

Mathilde,  Königin.  114  164  112, 113, 
182.  311. 

— Kaiserin.  299.  323. 

— Aebtissin  v.  Quedlinb.  168.  173. 

— Gräfin.  328,  322,  336. 

Matseenses  Annales.  363. 

S.  Mauri  Vita.  447. 

Mauri  ep.  Quinqueeccl.  V.  Zoerardi  et 
Benedicti.  320. 

Maximiani  ep.  Rav.  Chron.  158. 

S.  Maximiliani  Vita.  28,  34 
S.  Maximin  bei  Trier.  139.  179.  184 
bis  186.  190,  284  444 
Mazelin,  Abt  v.  Gembloux.  292.  295. 
Medianum  Mon.  (Moyenmoutier).  278. 
Meaux,  S.  Faron.  14 


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Register.  467 


Mediolan.  s.  Mailand. 

Meginfrid  von  Fulda.  447.  Schol.  in 
Magdeburg.  247.  257. 

Megingoz  (791 — 794)  Bisch,  v.  Wirz- 
burg. 83. 

Meginhard  (1010  — 1034)  Bisch,  von 
Wirzburg.  247.  304.  305. 

— von  Fulda.  130.  131.  254. 
Meginher,  Abt  v.  Hersfeld.  263.  264. 
S.  Meginradi  Vita.  151.  238.  Annales. 

194. 

Meinwerk  (1009 — 1036)  Bisch,  v.  Pa- 
derborn. 234—236.  269. 

Meifsen.  256,  383.  443. 

Melk.  55.  365.  366.  443. 

Memmingen.  375. 

Mengoldi  Vita.  142. 

8.  Mercurii  Trausl.  Benev.  96. 
Merseburg.  181.  257,  381,  393.  443. 
Metelli  Quirinalia.  390. 

'Methodius.  153. 

Metz.  30,  92.  98.  186—190.  203.  250. 
276.  212. 286, 225.  349.405.  Catal. 
epp.  II,  268.  V.  Caddroae  IV,  483. 
cf.  Annales. 

S.  Michael,  Kloster  in  Bamberg,  Mi- 
chelsberg. 307.  308.  394.  441. 
Hildesheim.  128.  230.  385.  442. 
Lüneburg.  385.  442. 
Michelbeuern,  Necrolog.  443. 

S.  Mihiel  an  der  Maafs.  189.  279. 
Millstatt,  Necrolog.  443. 

Milo,  Abt  v.  S.  Amand.  201. 
Mirabilia  urbis  Romae.  39. 

Miracula  (mit  Ausnahme  derjenigen, 
welche  fast  jeder  Vita  u.  Trans- 
latio  angehängt  sind). 

— 8.  Aegidii.  237. 

— AJexii.  IV,  619. 

— Annonis.  269. 

— Apri.  IV,  515. 

— Basoli.  IV,  517. 

— Benedicti.  207.  327. 

— Cholomanni.  366. 

— Cunigundis.  394. 

— Eberbardi  Sal.  361. 

— Fidis.  398. 

— Galli.  143. 

— Glodesindis.  187. 

— Godehardi.  229. 

— Gorgonii.  187. 

— Hartwici  Sal.  361. 

— Heinr.  II.  393. 

— SS.  Juvav.  361. 

— Mansueti.  IV,  509. 

— Marci.  195. 


Miracula  Mariae  Laudunensis.  339. 347. 

— S.  Mathiae.  404. 

— Maximini.  185. 

— Modoaldi.  237. 

— Pirminii.  146.  188. 

— Quirini.  390. 

— Servatii.  302. 

— Symconis.  274. 

— verenae.  196. 

— Virgilii.  361. 

— Vitalis.  361. 

— Wicberti.  292. 

Modena,  Wächterlied.  117. 

Modestus  mon.  Fuld.  125.  127. 

S.  Modoali  Mir.  auct.  Stephano.  VIII, 
223.  Translatio  et  Miracula  Helm- 
wardeshus.  237.  339. 

Modus  Ottinc.  225. 

Moguntia  s.  Mainz. 

Moissiacense  Chronicon.  118. 
Mollenbeck,  Necrolog.  443. 

Monachus  Engolismensis.  322.  San- 
gallensis  de  Gestis  Caroli  Magni. 
UL  145. 

Monaster.  S.  Gregorii.  398. 

Mondsee.  90.  390. 

Mongolen.  434. 

Montecasino.  4L  90.  9ß,  98.  125. 133. 
136.  151. 158.  206.  215.  325.  327. 
330-334.  393.  443. 

Montis  Sereni  Chronicon.  344. 
Montpellier.  221.  400. 

Monza.  Necrologium.  443. 

Morena.  371. 

Morimund.  350.  352. 

Mortui  Maris  Anctar.  Sigeberti.  VI,  443. 
Mosburg.  234. 

Mosomagenses  Annal.  III,  160.  Chron. 
( — 1033)  bei  D’Achfiry  ed.  2.  II, 
561.  Synodus.  HI,  691. 
Moyenmoutier.  278. 

Mühlhausen  in  Böhmen.  368. 
Münster.  133.  235  443.  im  Gregorien- 
thal.  398. 

Murbach.  28.  82. 

Muri.  396.  443. 

Muspilli.  121. 

Mutius  von  Monza.  372. 

Narratio  de  fundatione  eccl.  in  Saxo- 
nia. 343. 

Naucleri  Chronicon.  4. 

Naumburg.  256.  383.  443. 

Neapel,  Chron.  epp.  158.  ducum.  HI, 
211.  Chron.  spur.  448. 
Necrologien.  42.  441  ff. 

30* 


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468 


Register. 


Neidingen,  Necrolog.  443. 
Nemausense  Chron.  breve.  in,  219. 
Nenther,  Abt  von  Goseck.  383- 
Neresheim.  396.  397. 

Neuberg.  3fi5. 

Neuburg  an  der  Motter.  419. 
Neufmoutier.  424. 

Neumünster.  377. 

Neuwerk  bei  Halle.  359. 

S.  Nicola  bei  Passau.  24L 
Nicolai  Ambian.  Auctar.  Sigeberti. 
VI,  423- 

— Leod.  Praefatio  in  libros  Algeri. 

287. 

Nicolaus,  Abt  von  Siegburg.  361. 
Nienburg  an  der  Saale.  229-  343. 
Nili  abb.  Vita.  216. 

Nithard.  10L  115-117. 

— (1036 — 1041)  Bisch,  von  Lüttich. 

286. 

Norbert  (1123—1134)  Erzb.  v.  Magde- 
burg. 290-  339-  346,  342,  380, 

— Abt  von  Iburg.  231-  232. 
Nordhausen.  172-  173. 

Norix.  390. 

Normannen.  208,  334. 

Notae  hist.  Argentin.  399.  Eberbac. 

394-  S.  Emmerammi.  392. 

Notker  (972 — 1008)  Bisch,  v.  Lüttich. 
189—192.  197.  200.  292. 

— von  S.  Gallen,  gen.  der  Stammler 

(st.  912)  4L  144,  145,  166,  gen. 
Pfefferkorn.  163.  gen.  der  Deut- 
sche (st.  1022)  195.  217. 
Novalese,  Chron.  334.  335.  Necrolog. 
443. 

Novara,  Gunzo.  162.  201. 
Novientensis  mon.  historia.  398. 
Novimontensis  Ann.  Mell.  Continuatio. 

IX,  669. 

Nürnberg.  269. 

Ochsenhausen.  240- 
Odelrich  (961 — 969)  Erzb.  v.  Reims. 
203. 

Oderisius  von  Montecasino.  33L 
Odiliae  Leodiensis  Vita.  405. 

Odilo,  Herzog  von  Baiern.  90, 

— Abt  v.  Cluny.  209.  280.  Epitaph. 

Ottonis  Magni.  IV,  636. 

Odo,  Abt  von  Cluny.  208.  209.  325. 
v.  Glanfeuil.  447. 

— Carmen  de  Ernesto  duce.  381. 

— Vita  Gregorii  Turonensis.  77. 
Odoranni  mon.  S.  Petri  Vivi  Senon. 

Chron.  207. 


Oesterreich.  251.  345.  354.  365.  366. 
39L 

Olbert,  Abt  v.  Gembloux.  22L  286. 

287.  292.  295.  296. 

Oliver,  Bischof  von  Paderborn.  417. 
Olmiiz.  367. 

S.  Omer,  früher  Sithiu.  122;  cf.  Lambert. 
Opatowiz,  367.  443. 

Ordericus  Vitalis.  208.  323. 

Origo  et  exordium  gentis  Francorum. 

II,  312.  Langobardorum.  95. 
Orleans.  117. 

Orosius.  52.  309.  352. 

Ortilo  von  Lilienfeld.  447. 

Ortliebi  fundatio  Zwifaltensis.  397. 
Orval.  407. 

Osnabrück.  231.  232.  443. 
Ostertafeln.  39-  40.  8L  85, 
Ostgothen.  43 — 52. 

Otacariani  Annales.  370. 

Otbert  (1091—1119)  Bisch,  v.  Lüttich. 

260.  281.  287—289.  291.  293. 
Otfrid,  Mönch  von  Weifsenburg.  121. 
128,  148. 

Othloh.  163, 199  229.  247—249.  304. 
S.  Othmari  Vita.  143.  Translatio  144. 
Othochus  von  Freising.  249. 

Otrich,  Schol.  in  Magdeburg.  163. 119. 

253. 

Ottenbeuern.  132.  245.  395.  443. 
Ottinc  modus.  225. 

Otto  I.  162  f.  171.  173. 

— II.  162  f.  1IL  173.  215. 

— HI.  164,  116-  216-  Rythmus  de 

obitu  eius.  213.  224. 

— IV.  431, 

— Cardinal  von  Ostia.  242-  244. 

— (1103—1139)  Bisch,  v.  Bamberg. 

305—308.  339.  393.  394. 

— (1182—1195)  Bisch,  v.  Eichstedt, 

Zusätze  zu  Gundechars  Pontificale. 
VII  250. 

— (1137 — 1158)  Bisch,  von  Freising. 

3.  4.  34.  52.  221.  239.  313.  337. 
350—356.  358,  362,  365.  Chron. 
52.  352.  353-  355-315-415.  419, 
Gesta  Frid.  354.  419. 

— (1060 — 1089)  Bischof  von  Regens- 

burg. 248. 

— von  S.  Blasien.  355.  356.  Morena. 

371.  scab.  Nussiae.  416.  Propst 
von  Raitenbuch.  375. 

Otwin  (954-984)  Bisch,  v.  Hildesh.  176. 

Paderborn.  138,  230,  234—  237.  251. 
256.  263.  417.  443, 


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Register.  469 


Pandulf,  Cardinal.  32L  373. 
Panegyricus  Berengarii.  159. 

S.  Pantaleon  in  Cöln.  232.  Chron.  313. 

344.  416. 

Paradies.  386. 

Paris.  155.  191.  221.  222.  338.  349. 
350.  360.  378.  379.  400. 

Paschasius  diaconus.  33.  Kadbertus. 

137. 

Passau.  34.  35. 149.  200. 217. 235. 241. 
25L  339.  36L  369.  39L  392.  443, 

Pnnnin  a Vita 

S.  Patrocli  Translatio.  IV,  280. 

S.  Paul  in  Kärnten.  240. 

Pauli  Bernriedensis  Vita  Gregorii  VH. 

328.  Herlucae.  395. 

Paulina,  Paulinzelle.  388. 

Paulinus  von  Aquileja.  89.  UL 
Paulus  Diaconus.  34.  82. 95—99.  Hist. 
Lang.  3.  98.  92.  158.  214.  295. 
309.  361.  Rom.  36.  Gesta  epp. 
Mett.  9L  98.  189.  405. 

Pavia.  33.  91.  22.  96,  116.  209.  21L 
Pavo  de  Concil.  Lugdun.  434. 

Pegau.  381.  443. 

Pernoldi  Chronicon.  447. 

Pernolf,  Lehrer  in  Wirzburg.  304. 
Petaviani  Annales.  86. 

S.  Peter  in  Salzburg.  Z6,  362.  444. 
Petersberg  bei  Erfurt.  240.  386.  387. 

441.  bei  Halle.  383. 
Petershausen.  197.  240.  241.  244. 396. 
SS.  Petri  et  Marcellini  Transl.  auct. 
Einhardo.  (Du  Chesne  H,  651. 
Acta  SS.  Jun.  I,  B31J,  104.  112. 
Petrus  Crassus.  329. 

— Damiani.  216.  327. 

— Abt  von  Heinrichau.  385. 

— Diac.  Casin.  55.  332.  333. 

— von  Ebulo.  373. 

— Guillelmus  de  Mir.  S.  Aegidii.  237. 

— Pisanus.  89.  92.  Card.  326.  373. 

— Wlast.  385. 

Pcttau.  32. 

Pfävers.  240.  244. 

Philipp  (1167—1191)  Erzb.  v.  Cöln. 

403. 

— Mouskes.  407. 

Piacenza.  372. 

Pibo  (1069—1107)  Bisch,  von  Toul.  278. 
Piligrim  (971—991)  Bisch,  v.  Passau. 

35.  339.  361. 

de  Pippino  duce  fragm.  80. 

Pippin,  König  der  Franken.  411.  von 
Aquitanien.  U3,  von  Italien.  99 
bis  101.  117. 


Pirminii  Vita  et  Mirac.  8L  146. 188. 
Pisa.  336.  3LL 
S.  Placidi  Gesta.  333. 

Placidus  Nonantulanus.  329. 

Planctus  Caroli.  117. 

Podlasitsch,  Necrologium.  443. 
Poehlde.  303.  410  - 412. 

Poetae  Saxonis  Annales.  109.  139. 
Polen.  225.  319.  384.  385.  448. 
Pont-a-Mouzon.  273.  281.  cf.  Mosom. 
Pontificale  Romanum.  40.  s.  Gesta 
Pont.  Rom. 

Poppo  (1016 — 1047)  Erzb.  von  Trier. 
199. 

— (941  — 961)  Bisch,  von  Wirzburg. 

163. 

— Abt  von  Stablo.  280.  286. 

Posen.  319.  385.  bei  Zeitz.  381. 
Posoniense  Chronicon.  321. 
Pracmonstratenser.  346—348. 367. 368. 

386.  389. 

Prag.  179.  222,  314-317.  368-370. 
443. 

Presburg.  321.  443. 

Priscian.  44. 

Privilegium  Morav.  eccl.  314. 

Probus,  Schottenmönch.  125. 

Procop.  367. 

Prokosch.  448. 

Prologus  Legis  Salicae.  57.  58.  71. 
Prosper.  53.  52.  297.  309. 

Prudentius  von  Troyes.  113.  154. 
Prüfling.  240.  277.  307.  392. 

Prüm.  41.  139.  140.  196.  436.  443. 
Ptolemei  Lucensis  hist.  eccl.  428. 
Purchardi  Gesta  Witigowonis.  196. 

S.  Pusinnae  Translatio.  138. 

Quatuor  Coronati.  28,  29. 
Quedlinburg.  165.  168. 173—175.  181. 
303.  443. 

S.  Quentin,  Dudo.  208. 

Querfurt.  Geschlechtsgeschichte.  378. 
Quirini  Passio.  34.  Translatio.  142, 
Miracula.  390. 

Radbertus,  Paschasius.  137. 
Radegundis  Vita.  52,  173. 

Radevicus.  354.  s.  Ragewin. 

Radulfus  Mediol.  oder  Sire  Raoul.  371. 

372. 

Ragewin.  353—355.  App.  355,  365, 
Rainald  (1159  — 1167)  Erzb.  v.  Cöln. 
43L 

Raitenbuch.  363.  375. 

Ramwold,  Abt  von  S.  Emmeram.  199. 


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470 


Register. 


Rangerius  von  Lucca.  329. 
Ranshofcn.  390.  444. 

Raoul,  Sire.  371.  372. 

Ratbod  (883  — 915)  Erzb.  von  Trier. 

139  -[49 

— (899 — 918)  Bisch,  v.  Utrecht.  189. 

Eine  Aufzeichnung  von  ihm  n, 

218. 

Ratchis,  König.  96. 

Ratgar,  Abt  von  Fulda.  125—128. 
Ratherius,  Bisch,  v.  Verona  und  Lüt- 
tich. 117.  163.  185.  190. 

Ratisp.  s.  Regensburg. 

Ratmund,  Abt  von  N.  Altaich.  229. 
230. 

Ratperti  Casus  S.  Galli.  143  — 145. 
Ravenna.  39,  44.  158. 

Reccheo,  Mönch  in  Fulda.  125.  127. 
Recemund,  Bisch,  v.  Elvira,  165.  210. 
Regensburg.  76.  77.  152.  193.  198. 
199. 241.  246—249.  260.  286.  321. 
328.  341.  363.  392.  393.  444. 
Reginald  (1025 — 1036)  Bisch,  v.  Lüt- 
tich. 286.  290. 

Regino,  Abt  von  Prüm ; seine  Chronik. 
3,  139-141.  151.  275.  309.  311. 
321. 343.  361.  406. 411. 413.  Forts. 
185. 186.321.361. 

Reginold  (966—989)  Bisch,  v.  Eich- 
stedt.  200. 

Reginswindis  Vita.  151. 

Reichenau,  Augia.  8L  9Q,  128.  142. 
146-151.  163.  193—196.  201. 
23.7  -2K1  243.  444. 
Reichenbach.  240.  277. 

Reichersberg.  363  — 365. 

Reims.  11L  1S3,  201—205.  221.  273. 

280.  312.  328.  400.  447. 

Rein,  Necrolog.  444. 

Reinardus.  346. 

Reiner  von  S.  Lorenz  in  Lüttich.  288. 

290.  406.  von  S.  Jacob.  406. 
Reinhardsbrunn.  240.  241.  387.  388. 
S.  Rcmacli  Triumphus.  285. 

Remigius  von  Reims.  63.  447. 

— Scholasticus.  189. 

Remiremont.  278. 

S.  Remy.  204.  328. 

Renaix.  300. 

Renatus  Profuturus  Frigeridus.  62. 
Repegowische  Chronik.  344.  421. 
Retz,  Necrolog.  444. 

Revelatio  facta  Stephano  papae.  41L 
Rheinau.  151. 

Ricburg,  Acht.  v.  Nordhausen.  173. 
Richard  von  Albano,  Legat.  279. 


Richard,  Abt  des  Mathiaskl.  in  Trier. 
224. 

— Abt  von  S.  Vannes.  274.  280. 281. 

283.  292. 

— von  Klosterneuburg.  447. 

S.  Richarii  Vita.  100.  vgl.  S.  Riquier. 
Richard  mon.  Gembl.  V.  Erluini.  292. 
296. 

Richbod  (795 — 804)  Erzb.  v.  Trier.  139. 
Richer,  Abt  von  Montecasino.  331. 

— von  S.  Remy.  1 55.  204—206.  309. 

— von  Senones.  398. 

Riculf  (786 — 813)  Erzb.  v.  Mainz.  9L 
Ridolfi  hist.  Brixiensis.  448. 

Rimbert  (865 — 888)  Erzb.  von  Ham- 
burg. 135.  253.  254, 

S.  Riquier  oder  Centula.  99. 100.  116. 
Robert  (1075  — 1102)  Bisch,  v.  Bam- 
berg. 306. 

Roberti  Biscardi  Chronica.  334. 

— ep.  Elgensis  V.  Canuti.  379. 

— de  Monte  Chron.  298. 

Rochi  V.  Haimonis.  175. 

Rodbert  (930—956)  Erzb.  v.  Trier.  185. 
Rodenses  Annales.  403. 

Rodulfus  Glaber.  322. 

Roger  von  Gr.  Wardein.  434. 

— von  Wendover.  420. 

Rom.  38  — 40.  77.  93.  156.  157.  213. 
214.  216.  324  — 328.  373.  374. 
433.  444. 

Romualdi  abb.  Vita.  216. 

— Salem.  Chron.  372. 

Rosenfeld.  252,  308,  413. 

Roswitha.  2.  163.  165.  166.  171.  172. 
Rota  mundi.  2L 

Rothnacenses  Annales.  300. 

Rouen.  20. 

Rudolf  (1035—1052)  Bisch,  v.  Pader- 
born. 263. 

— von  Cambray,  V.  Lietberti.  300. 

— von  Fulda.  122.  123.  128  — 130. 

148. 

— Abt  von  S.  Trond.  289. 

— Abt  von  S.  Vannes  282. 

Rudpert  von  Reichenau.  196,  238. 
Rufinus.  36, 

Rumold  von  Altaich.  200.  229. 
Ruodlieb.  199.  224. 

Ruotgeri  V.  Brun.  Col.  165.  182.  184. 

1 99  99*> 

S.  Rupert"  26,  22,  153. 

Rupert  von  Deutz.  283,  290.  291.  310. 
348.  392. 

— von  Ottenbeuem.  395. 

— von  Tegernsee.  375. 


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Register.  471 


Ruthard  (929—995)  Bisch,  von  Cam- 
bray.  124 

— Abt  von  Hersfeld.  264. 

Riixners  Turnierbuch.  4. 

Rythmus  s.  Versus. 

Saalfeld.  294. 

Sachsen.  132  ff.  162.  197  — 183.  236. 
250.  252  ff.  343.  379  — 386.  410 
bis  414.  421.  422. 

Sächs.  Kaiserchronik.  344.  42L 
Sagornini  Chron.  214. 

Salerno.  214.  224.  372.  446. 
Salimbene.  374. 

Sallust.  lfifL  192.  254,  31L 
Salomae  et  Judithae  Vita.  228.  389. 
Salomon  1 (839 — 871)  Bisch,  v.  Con- 
stanz.  128. 

— III  (890-920).  128.  145.  146.  196. 
Salzburg,  4L  24.  32.  Ifi,  TL  84  88. 

22,  12L  152,  153.  191.  200.  221. 
227.  235.  230.  251.  358  — 363. 
444. 

Samuel  (841  — 859)  Bisch,  v.  Worms. 

128. 

Sanguinis  Dom.  Historia.  199.  339. 
Saumur,  Destructio  S.  Florentii.  117. 
Saxo  Grammaticus.  379. 

Sazawensis  Contin.  Cosmae.  318.  397. 
Schafhausen.  240.  242.  402.  Ann.  V, 
388. 

Scheftlarn.  389. 

Scheiern.  240.  389. 

Schlesien.  385. 

Schleswig.  237.  Catal.  epp.  VII,  392. 
Schlettstadt.  398. 

Schönau,  Elisabeth.  340. 

Schlotten  s.  Iren. 

Schussenried.  414. 

Schwaben  s.  Alam. 

Schwarzach.  381. 

Scckau.  395.  444 

Secundi  ep.  Trident,  hist.  Langob.  95, 
Seheri  Primordia  Calmosiac.  278. 
Seifrid,  Abt  von  Tegernsee.  249.  285. 
Seitz,  Necrolog.  444, 

Selau,  Abt  Godsclialk.  221.  368. 
Seidenthal.  389.  444. 

Seligenstadt.  104.  112. 

Senones.  398. 

Sens.  128,  202,  323. 

Seon,  Necrolog.  444, 

Series  s.  Catalogus. 

S.  Servatii  Translatio.  302. 

S.  Severini  Vita.  28,  30 — 35.  24 
Severus,  Propst  von  Melnik.  318. 


de  Sex  aetatibus  mundi  Chron.  118. 
Sicardi  Cremon.  Chron.  371. 

Sidonius  Apollinaris.  59. 

Siegburg.  232.  294.  268.  269.  290. 339. 
346.  363. 

Siena,  Necrolog.  444 
Sigebert  von  Gembloux.  55.  82,  188. 
212.  272.  276.  291—299.  301.  302. 
Chron.  82.  299  — 299.  309.  310. 
322.  411.  Gesta  abb.  Gembl.  295. 
de  SS.  ocol . 55.  299.  V.  Lamb.  294. 
V.Deoderici  Mett  188.295.  Maclo- 
vii  Prol.  VIII,  505.  Wicb.  295, 
Sigebotonis  V.  dom.  Paulinae.  388. 
Sigefrid  (1059—1084)  Erzb.  v.  Mainz. 
269.  271.  387. 

— Abt  von  Gorze,  Briefe.  221.  276. 
Sigehard,  Abt  von  Abdinghofen.  235. 

— Abt  von  S.  Ulrich  und  Afra.  245. 

— de  Mir.  S.  Maximini.  185. 
Sigloards  Klage  um  Fulco  von  Reims. 

117. 

Sigulf,  Abt  von  Ferneres.  23, 
Sitliienses  Ann.  122;  cf.  S.  Omer. 
Smaragdi  V.  Bened.  Anian.  115. 

S.  Solae  V.  auct.  Ermenrico.  128. 148. 
Solenhofen.  148. 

Speier.  230.  231 . 241.  287.  399. 
Staatskalender,  Römischer.  38, 

Stablo.  293.  280,  284  284  285,  220. 

291.  350.  444. 

Stade.  251.  413 
Stanislai  Crac.  Vita.  319. 

Starcliand  (933—966)  Bisch,  von  Eich- 
stedt.  200. 

Stederburg.  376. 

Steinfeld.  224  340.  368. 

Steingaden.  375. 

Stephan,  König  von  Ungern.  320.  324 
340. 

— (901 — 920)  Bisch,  v.  Lüttich.  190. 

— (1120—1163)  Bisch,  von  Metz.  405. 

— Abt  von  S.  Jacob  in  Lüttich,  Mir. 

S.  Modoaldi  VIII,  223  Ep.  ad 
Thietm.  Helmwardesh.  XII,  285. 

— Leopolder.  390. 

— ital.  Grammatikerin  Wirzburg.  193 

201. 

— von  Rouen.  299. 

Stephani  papae  Revelatio.  411. 
Stettin.  237. 

Strafsburg.  113.  147.  197.  226.  230. 

340.  399.  419.  422.  444. 
Straubing.  389 

Sturm,  Abt  von  Fulda.  125.  126. 
Suiberti  Vita.  82,  447. 


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472 


Register. 


Sulpicins  Alexander.  62. 

— Severus,  V.  S.  Martini.  42. 

Sven  Estrithson.  253. 

Symeonis  Achivi  Vita.  IV,  445. 

— Trevir.  Vita  et  Mir.  274. 
Symmachus.  44. 

S.  Symphoriani  coen.  Mett.  188.  189. 
Synodus  Causeiensis  (a.  995).  203. 
Dingolf.  (a.  932).  Leg.  Hb,  1IL 
vgl.  Arch.  VII,  820.  826.  Quellen 
zur  Bayer.  Glesch.  L 408.  Francof. 
(a.  1007)  IV,  795.  Lugd.  (a.  1245.) 
43 L Mog.  (a.  950— 954)  Leg.  II b, 
158.  (a.  1071)  V,  185,  Mosom. 
(a.  995)  203.  Papiensis  (a.  997) 
Leg.  II" , 12L  SS.  DI,  694.  Ratisp. 
(a.  944-966)  Leg.  II»,  1IL  Rem. 
ad  S.  Basolum  (a.  991)  203. 
(a.  1049)  328.  (a.  1119)  312.  Rom. 
(a.  826)  Leg.  IIb,  1L  (a.  1027) 
VHI,  12.  (a.  1059)  Leg.  II»,  116. 
(a.  1112)  Leg.  II b,  18L  (a.  1123) 
Leg.  II b,  182.  Trec.  (a.  1107)  Leg. 
n»,  18L  WarstaU.  (a.  1109)  Leg. 
IIb,  m 

Syri  V.  Maioli.  209. 

Tabula  Peutingeriana.  3, 

Tacitus.  23.  130. 

Tagino  (1004 — 1012)  Erzb.  von  Mag- 
. deburg.  199. 

— Dccan  in  Passan.  369. 

Tanchelin.  339. 

Tegernsee.  4L  199.  228. 242.  249.  315. 
390.  444. 

Thangmar  von  Hildesheim.  176 — 178. 
234. 

Thassilo.  90. 

Theganus  chorep.  Trev.  114. 139. 147. 
Theuderich  vgl.  Dietrich. 

— der  Ostgothe.  23.  43.  Panegy- 
ricus.  4L 

Theodori  Ann.  Palidenses.  41L  412. 

— V.  S.  Magni.  149.  448. 

Theodulf.  89. 

Theofrid,  Abt  von  Echternach.  82. 276. 
Theoger  s.  Dietger. 

Theophano,  Kaiserin.  164.  176. 
Therouenne.  408. 

Thiadelm,  Schol.  in  Bremen.  253. 
Thiatbrat.  133. 

Thicmo  <1090  — 1101)  Erzb.  v.  Salz- 
burg. 250.  251.  353.  362. 

— (1196  — 1201)  Bisch,  v.  Bamberg. 

394. 

Thierhaupten,  Necrolog.  444. 


S.  Thierry,  bei  Reims.  281. 

Thietmar  (1038—1044)  Bisch,  v.  Hil- 
desheim. 230. 

— (1009—1019)  Bisch,  v.  Merseburg. 

113.  115.  179-183.  192.  343. 

— Abt  von  Helmershausen.  237. 
Tholey.  2IL 

Thomas  von  Chantimprö.  425.  439. 
Thurholt.  134.  135. 

Thüringen.  257.  264,  342,  386—389. 

426.  444. 

Tiburnia.  32. 

Tigernach.  271. 

Tiliani  Annales.  86. 

Tilpinus  s.  Turpinus. 

Tobias  (1279 — 1290)  Bisch,  von  Prag. 
370. 

Tomelli  hist.  mon.  Hasnon.  301. 

Toul.  142  189—191.  277-279.  Mir. 

S.  Apr.  IV,  515.  Mansuet.  IV,  509. 
Tournay.  302.  347.  433.  Contin.  Sige- 
hprti  VT  443 

Tours.  6Q.  86.  9lT  93.  94.  117. 

Translatio  (Elevatio)  Adelarii  et  Eo- 
bani.  339. 

— Alexandri.  130.  Ottenb.  395. 

— Anastasiae.  IX,  224. 

— Annonis.  269. 

— Auctoris.  237. 

— Barthol.  et  Paulini.  339. 

— Bcnedicti.  207. 

— Bernwardi.  385. 

— Caroli  M.  4QL 

— Cassii  et  Florentii.  339. 

— Celsi.  274. 

— Conr.  Const.  246. 

— Corbiniani.  339. 

— Cunegundis.  394. 

— Dionysii.  341. 

— Epiphanii.  175. 

— Evergisli.  IV,  279. 

— Ferrutii.  130. 

— Fortunatae.  150. 

— Godehardi.  229. 

— Heinrich  394. 

— Hermetis.  153. 

— Huberti.  142. 

— Hymerii.  III,  266. 

— Justi.  142. 

— Ladislai.  339. 

— rell.  S.  Laurentii.  291. 

— Legontii.  339. 

— Liborii.  138. 

— Magni.  149. 

— Marci.  150. 

— Martini  Salisb.  s.  XI,  85. 


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Register.  473 


Translatio  (Elevatio)  Mathiae.  404. 

— Mercurii.  26. 

— Modoaldi.  237. 

— Othmari.  144. 

— Ott.  Bab.  332, 

— Patrocli.  IV,  280. 

— Petri  et  Marcellini.  112. 

— Pusinnae.  138. 

— Quirini.  142. 

— Sanguinis  Domini.  126. 

— Servatii.  302. 

— Tri  um  regurn.  431. 

— Udalrici.  395. 

— Virgilii.  361. 

— Viti.  1ÜL 

— Vitoni.  339. 

— Wicberti.  292. 

Trier.  139.  14Q.  184.  185.  188.  199. 
222.  237.  273—275.  339.  340.  348. 
404  444 

Trithemius.  55.  206. 212. 262.  271.  447. 
Triumphus  S.  Lamberti.  405.  406. 

Remacli.  285. 

Trois-Fontaines.  424. 

S.  Trond.  282,  220. 

Troppau.  426. 

Troyes.  22L  286. 

Trudon.  abb.  Gesta.  289.  290. 
Trudperti  Vita.  6iL  TL 
Tuit.  s.  Deutz. 

Tundali  Visio.  340. 

Turin,  Claudius.  118.  Necrol.  444. 
Turpin.  3.  340.  412,  424.  448. 

Tutilo.  144. 

Tygris  Vita.  418. 

Tymme  s.  Thietmar. 

Ubaldi  Chron.  Neapol.  spur.  448. 
Udalgis  von  Altaich.  200. 

Udalrich  s.  Ulrich. 

Udalrici  Bab.  Codex.  306. 

Udalschalk  (1184 — 1202)  Bischof  von 
Augsburg.  395. 

— Abt  von  S.  Ulrich  u.  Afra,  de  Egi- 

none  et  Herim.  245.  246.  Vita 
Adalberonis.  151.  246.  Conradi 
Const.  196.  245.  246. 

Udo  (1051—1069)  Bischof  von  Toul. 
218. 

Ufifing,  Mönch  in  Werden.  137,  175. 
Ulrich  (1161  — 1182)  Patriarch  von 
Aquileja.  375. 

— (924—973)  Bisch,  von  Augsburg. 

182,197.  198.200,302,  317.  395. 

— II  (1127—1139)  Bisch,  v.  Constanz. 

244.  246, 


Ulrich,  Prior  von  Zell.  241.  244. 
248. 

S.  Ulrich  und  Afra,  Kloster  in  Augs- 
burg. 2AL  245,  325.  44L 
Understorf,  Necrologium.  444. 

Ungern.  320,  32L  433, 

Urban  II.  312, 

Ursicamp.  Auctar.  Sigeberti.  VI,  469.  - 

Ursmari  Vita.  190. 

Ursperg.  414.  Chron.  2.  3.  313.  416. 
Usuardi  Martyrologium.  41. 

Uta,  Aebtissin  von  Kaufungen.  394. 
Utrecht.  82.  132,  133.  165,  176. 187. 
189.  191.  192.  286. 

Vaganten.  432. 

Valcell.  Contin.  Sigeberti.  VI,  458. 
Valenciennes.  487. 

Valentini  Mirac.  339.  361.  Vita.  448. 
Valcsianus  anonymus.  34.  32, 

S.  Vannes , Kloster  zu  Verdun.  279. 

280.  282,  332,  404, 

Varlar.  347. 

S.  Vast  d’Arras,  Ann.  Vedastini.  155. 

202.  300. 

Venantius  Fortunatus.  58,  52.  6L 
Venedig,  Chronicon.  214. 

Vercelli,  Leo.  213.  224 
Verdun.  142.  146, 182.  279—282.  332. 
404 

S.  Verenae  Miracula.  196. 

Verona.  117.  159.  190. 

Versus,  liythmi.  74  117.  147.  159. 
224.  225,  433.  familiae  Benchuir. 

74  de  Chunring.  392.  de  Godeh. 

XI,  221.  Lauresh.  mon.  242.  de 
ord.  comprov.  epp.  153.  de  S.  Oth- 
maro.  II,  55,  de  Vicelino.  376.  do 
obitu  Will,  ülii  regis  Angl.  VI, 
486. 

Vicelinus.  221.  235.  255.  376.  377. 
Victorii  Canon  paschalis.  32. 

Victoris  Tunnun.  Chron.  53. 

— coen.  Moguntiae.  83. 

Vilich  bei  Bonn,  Aebtissin  Adalheid. 
284 

Villar.  conv.  Arnulfus.  407. 

Vincentius  Bellovac.  424.  Kadlubek. 

384.  Prag.  367-369. 

S.  Vincenz,  Kloster  in  Metz.  276.  292. 
295. 

Virgil,  Bisch,  von  Salzburg.  76,  361. 
Visio  Fulgentii  abb.  Afflig.  (a.  1109) 

IX,  417. 

— Tundali.  340. 

— Wettini.  146.  147, 


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474 


Register. 


Vita  (Martyrium,  Passio  etc.). 

— Abbonis  Flor.  207. 

— Adalberonis  Aug.  151.  Mett.  188, 

Trev.  349.  Wirzburg.  251. 

— Adalberti  Mogunt.  400.  Prag.  IRQ. 

210. 

— Adalhardi  Corb.  137. 

— Adalheidae  imp.  209.  Vilic.  284. 

— Agritii.  VIII,  211. 

— Alberti  Leod.  407. 

— Alcuini.  93. 

— Alrunae.  228. 

— Altmanni.  251.  332. 

— Altonis.  248- 

— Angilberti.  99, 

— Annonis.  238. 

— Anscarii.  135.  253. 

— Anselmi  Luc.  329. 

— Arialdi.  335. 

— Arnoldi  Mogunt.  400. 

— Arnulfi  Met.  80.  conv.  Villar.  407. 

— Attalae.  13. 

— Autberti  Camerac.  299. 

— Balderici  Leod.  193. 

— Balthildis.  448. 

— Bardonis.  270. 

— Baugolfi.  123. 

— Benedicti  Anian.  115.  Casin.  42, 

Clus,  .m 

— Bennonis  Misn.  253.  Osn.  231. 

— Berhtoldi  Garst.  360. 

— Bernardi.  356.  Bernardi  Penitentis. 

407. 

— Bernwardi.  177. 

— Bertulfi.  14. 

— Bobonis.  335. 

— Bonifacii.  83.  182.  248.  210. 

— Brunonis  Colon.  184.  Querf.  180. 

— Burchardi  Kalberst.  256.  Wirzburg. 

Wonn.  193,  

— Burgundofarae.  74, 

— Canuti.  379. 

— Caroli  Magni.  109.  322.  404.  comi- 

tis  Flandriae.  408. 

— Cholomanni.  333.  • 

— Chrodegangi.  187. 

— Columbani.  73. 

— Conradi  imp.  225.  ep.  Const.  246. 

I Salisb.  359.  362.  II  Salisb.  362. 
Trevir.  274. 

— Corbiniani.  TL 

— Cunigundis.  394. 

— Cunonis  Rat.  392. 

— Droctovei.  TL 

— Eberhardi  Salisb.  361.  362. 

— Eigilis.  126, 


Vita  Eidradi.  VII,  128. 

— Elisabeth.  388. 

— Emmerammi.  TL 

— Engelberti.  403. 

— Erluini.  293. 

— Erminoldi.  392. 

— Eustasii.  73. 

— Everacli.  403. 

— Ewaldorum.  82, 

— Ezonis.  284. 

— Faronis.  1L 

— Findani.  151. 

— Florian!  28. 

— Friderici  Leod.  289. 

— Fridolini.  446. 

— Galli.  75. 

— Gaugerici.  299. 

— Gebehardi  L II.  Const  197.  244. 

Salisb.  251.  332. 

— Gerhardi  Chanad.  320.  Tüll.  278. 

— Germani  Grandivall.  76. 

— Gilberti  Valencen.  407. 

— Goaris,  139. 

— Godefridi  Capp.  347. 

— Godehardi.  229. 

— Gregorii  VII.  328.  329.  Traj.  132. 

Turonensis.  77, 

— Guntheri.  229. 

— Ilaimeradi.  239. 

— Haimonis.  175. 

— Hariolfi.  148, 

— Hartmanni  Brixinensis.  360. 

— Hartwici.  361. 

— Hathumodae.  138. 

— Hedwigis.  385. 

— Heinrici  I.  443.  II.  192.  393.  IV. 

260. 

— Ileriberti  Colon.  283. 

— Herlucae.  395. 

— Hermanni  Bad.  241. 

— Hrabani.  129. 

— Idae.  137. 

— Johannis  Gorziensis.  187. 

— Kaddroae.  IV,  483, 

— Kiliani.  77. 

— Lamberti  Leod.  190.  294.  praep. 

Novi  op.  359. 

— Landoaldi.  192, 

— Lebuini.  83, 

— Leonis  IX.  278.  328. 

— Lietberti.  300. 

— Liobae.  129. 

— Liudgcri.  133. 

— Liudmilae.  215. 

— Liutbirgis.  138. 

— Livini.  82, 


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Register. 


475 


Vita  Ludowici  Pii.  114.  landgr.  388. 
com.  de  Arnstein.  348. 

— Lulli.  84. 

— Magnerici.  274. 

— Magni.  149.  448. 

— Maioli.  209. 

— Mareuardi.  386. 

— Mariani.  392. 

— Martini.  42. 

— Mathildis,  reginae.  173.  com.  336. 

— Mauri.  441. 

— Maximiliani.  34. 

— Meginradi.  151. 

— Meinwerci.  234. 

— Mcngoldi.  142. 

— Neminis.  426. 

— Nili.  216. 

— Norberti.  342. 

— Odiliao  Leodiensis.  405. 

— Odilonis.  209. 

— Odonis  Cluniac.  209. 

— Otmari.  143. 

— Ottonis  Babenbergensis.  307. 

— Paulinae.  388. 

— Pirminii.  146.  188. 

— Placidi.  333. 

— Popponis  Stab.  280. 

— Pyothrconis.  385. 

— Quatuor  Coronatorum.  28. 

— Quirini.  34. 

— Radegundis.  52. 

— Reginardi  Leodiensis.  406. 

— Rcginswindis.  151. 

— Remigii.  63.  447. 

— Richarii.  100. 

— Richardi  Virdunensis.  280. 

— Rimberti.  135. 

— Romualdi.  216. 

— Ruperti  Salisb.  153.  Ottenb.  395. 

— Salomae.  228. 

— Severini.  30. 

— Stanislai.  319. 

— Stephani.  320. 

— Sturmi.  126. 

— Suiberti.  82.  447. 

— Symeonis  Achivi.  IV,  445.  Trev. 

274. 

— Theoderici  Andag.  281.  L Mett. 

295.  II.  Mett.  216.  280. 

— Theogeri.  277. 

— Thiemonis.  251.  362. 

— Trudpcrti.  22. 

— Tygris.  448. 

— Udalrici  August.  198.  Cell.  241. 

— Udonis  Tüll.  278. 

— Ursmari.  190. 


Vita  Ursulae.  340. 

— Valentin!  448. 

— Virgilii.  36L. 

— Walae.  131. 

— Walburgae.  152. 

— Wandregisili.  448. 

— Wenceslai.  215.  314.  446. 

— Wemheri  Mersb.  257. 

— Wiboradae.  195. 

— Wicberti  Fridisl.  128.  Gembl.  295. 

march.  381. 

— Willebaldi.  84. 

— Willebrordi.  82. 

— Willehadi.  134. 

— Willehelrai  Div.  322.  Hirs.  241. 

— Wirntonis.  364. 

— Wolbodonis.  406. 

— Wolfgangi.  248. 

— Wolfhelmi.  284. 

— Wunnibaldi.  84. 

— Zoerardi  et  Benedicti.  320. 

S.  Vitalis  Miracula.  339.  361. 
Viterbo.  352. 

S.  Viti  Translatio.  137. 

Vitouus  s.  Vannes. 

Vormezeele,  bei  Ypern,  Ann.  407. 
Vulculdi  Vita  Bardonis.  270. 

Walae  abb.  Corb.  Vita.  136.  137. 
Walafrid,  Abt  v.  Reichenau.  114. 128. 

142-144.  147-149. 

Walbeck.  181. 

Walburgae  abb.  Heidenh.  Vita.  84. 
152. 

Walcher,  Schol.  in  Lüttich.  282. 
Walciodorense  Chronicon.  407. 

Waldo  (884—906)  Bisch,  v.  Freising. 
146.  152. 

— Kanzler  Erzb.  Adalberts.  253. 
Waldram,  Decan  von  S.  Gallen.  145. 

146. 

Walram  (1089 — 1111)  Bisch,  v.  Naum- 
burg. 4.  256.  294. 

Waltbrafit,  Enkel  Widukinds.  130. 
Waltharius.  197. 

Walther  (1133—1150)  Bisch,  v.  Augs- 
burg. 246. 

— Abt  von  Altaich.  228. 

— von  Cbätillon.  431 — 433;  s.  über 

ihn  auch  Müldener  de  vita  Phil. 
Gualtheri  ab  Insulis  dicti  de  Ca- 
stellione.  Dies.  Gott.  1854. 

— Map  de  nugis  curialium.  339.  340. 

346.  437. 

— von  Therouenne.  408. 

— von  der  Vogelweide.  435. 


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476 


Register. 


Waltram  s.  Walram. 

Wandalbert  von  Prüm.  4L  139. 
Wandregisili  Vita.  448. 

S.  Wandrille.  120. 

Warin,  Abt  von  Corvei.  1 36.  137. 
Waten,  Chronicon.  282. 

Wazo  (1041 — 1048)  Bisch,  v.  Lüttich. 
2711—21 8. 

Weichard  von  Polhaim.  363. 
Weilheim.  240. 

Weingarten.  194.  375.  397.  444. 
Weifsenau.  151.  444. 

Weifsenburg.  128. 148. 179. 185.  197. 

281.  444.  cf.  Annales. 
Welbertus.  448. 

Welegradensis  Anonymus.  447. 

Welf,  Herzog.  375. 

Weltalter,  sechs.  8L  118, 
Weltenburg,  Necrologium.  444. 
Weltreiche,  vier.  38.  52,  53. 

Wenrici  scholast.  Trev.  epistol.  275. 
294. 

Wenzel,  Herzog  von  Böhmen.  215. 

4 44(; 

Werden  an  der  Ruhr.  133.  175.  444. 
Werinbert,  Mönch  von  S.  Gallen.  128. 

m 

Werner  (1063—1078)  Erzb.  v.  Magde- 
burg. 257. 

— (1063—1093)  Bisch,  v.  Merseburg. 

257.  38t.  388. 

— (1001—1029)  Bisch,  v.  Strasburg. 

226.  230. 

— von  Tegernsee.  390. 

Wessobrunn.  200.  380.  444. 
Westgothen.  46.  50.  52  ff. 

Wettingen,  Nccrolog.  444. 

Wettini  Visio.  146.  147. 

Wibald  von  Stablo.  235.  220.  350. 
Wiberti  V.  Leonis  IX.  278.  328. 
Wiblingen.  240. 

Wiboradae  V.  auct.  Hartmanno.  195. 
Wicbert  fund.  Gemblac.  291  — 293. 

Wichmann  (1152 — 1192)  Erzb.  von 
Magdeburg.  357.  381. 

Wicterp,  Bisch,  von  Augsburg.  395. 
Widerich,  Abt  von  S.  Evre.  189,  277. 
Wido,  Bisch,  von  Ferrara.  330. 

— (1092 — 1101)  Bisch,  v.  Osnabrück. 

939  % 

Widukind,  Sachsenflirst.  111. 130. 133. 

— von  Corvei.  4,  130.  168  — 170. 
172.  174.  182.  188.  295.  309.  318. 
343, 


Wien.  365.  391.  444. 

Wigbert,  Missionar  in  Friesland.  82, 

— Abt  von  Fritzlar,  Vita  auct. 
Lupo.  128.  Wunder  in  Hersfeld. 

IV,  224. 

Wigo  v.  Feuchtwangen.  197. 

Wikcr,  Abt  von  S.  Maxirain.  185. 
Wikfrid  (962  — 984)  Bisch,  von  Ver- 
dun. 189. 

Wilfrid  von  York.  82, 

Wildeshausen.  130. 

Wilhelm  (954  — 968)  Erzb.  v.  Mainz. 
HL  185,  124. 

— Abt  von  Dijon.  277.  322. 

— Abt  von  Hirschau.  240.  241.  247. 

276.  279.  397. 

— Abt  von  S.  Trond.  289. 

— von  Apulien.  334. 

— von  Mahnesbury.  261.  324. 

— von  S.  Michele,  V.  Bened.  Clus. 

33o. 

Wilhering,  Necrolog.  445. 
Willebrandi  Itinerar.  T.  Sanctae.  385. 
Willegis  (975 — 1011)  Erzb.  v.  Mainz. 
269. 

Willehad  (787 — 789)  Bisch,  v.  Bremen. 

234  934_ 

Willibald  (745-781)  Bisch,  v.  Eich- 
stedt.  84.  152. 

Willibrord.  82,  93,  132,  276. 
Williram.  218.  22L  304.  306, 
Wilthcn,  Necrolog.  445. 

Wimpfen,  Necrolog.  445. 

Winandi  presb.  epistola.  409. 
Windberg.  389.  445. 

Windolf,  Abt  von  Pegau.  381.  382. 
Wipert,  Markgraf.  381 . 

Wiperti  Martyrium  Brunonis.  180. 
Wipo.  21L  223  — 226.  232,  365. 
Wirnt,  Abt  von  Formbach.  360.  364. 
Wirzburg.  77.  78.  83.  148.  152.  163. 
122,  22L  235.  251.  256.  261.  262. 
273.  304.  305.  308.  339.  368.  378. 
394. 

Wissegrad.  Contin.  Cosraae.  318.  367. 
Witigowonis  Gcsta.  196. 

Wizo.  92 94. 

Wolbodo  (1018—1021)  Bisch,  v.  Lüt- 
tich. 286.  22L  406, 

Wolfgang  (972  — 994)  Bisch,  v.  Re- 
gensburg. 163, 164, 128, 199. 248. 
393. 

Wolfhard  von  Herrieden.  4L  84, 
152. 

Wolf  heim,  Abt  von  Brauweiler.  283. 
284. 


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Register. 


477 


Wolfher  von  Hildesheini.  229.  230. 
247. 

Wöltingerode,  Necrolog.  445. 

Worms.  Iß.  128.  128.  282.  399. 
Wulfrain,  Abt  von  Prüm.  436. 
Wunnebaldi  Vita.  84. 

Wurmsbach,  Necrolog,  445. 

Wursing,  Friese.  132. 

Xanten.  141.  142.  343.  445. 


York.  23.  133. 

Zabrdowicensis  Anonymus.  44L 
Zeitz,  Necrologium.  445. 

Zell  im  Schwarzwalde.  241. 
Zorns  Wormser  Chronik.  399. 
Zürich.  223.  433. 

Zurzacli.  19fi. 

Zwettel.  365.  391. 

Zwifalten.  240.  241.  397.  445. 


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